10. Januar 2017

Volk – Aufgabe statt Konstrukt (I)

von Martin Sellner / 0 Kommentare

Auf dem untergehenden Schiff Europa gibt es zwei Gruppen: Die eine schöpft das eindringende Wasser ab. Die andere lehnt sich amüsiert zurück oder bohrt sogar Löcher.

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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  • Während sich der Bug langsam neigt, haben sie nichts als Verachtung für diejenigen, die die Havarie verhindern wollen: „Wovor haben Sie denn Angst?“ „Der Mensch besteht selbst zu 90% aus Wasser, wo ist das Problem?“ „Daß das Deck feuchter wird, hat nichts mit den Löchern zu tun. Bei Regen wird es auch naß.“ „Offenheit ist die beste Waffe gegen ein Leck.“

    So oder so ähnlich würden die Aussagen der linken Universalisten – wie Künast, Augstein, Stegner, Göring und Roth – lauten, wenn man sie in diese Metapher überträgt. Das Lieblingsargument dieser Ideologen lautet aber: „Das Boot ist nur ein soziales Konstrukt.“

    Die Mär vom „sozialen Konstrukt“ ist eine der Kernideen des linken Universalismus. Ihre relativistische Wucht ist der Preßlufthammer, der sich gegen alle bestehenden Identitäten und gewachsenen Strukturen richtet. Die Fragmente, die danach übrig bleiben, werden im Sinne einer abstrakten Ordnung neu zusammengefügt.

    Die Idee, eine neue Ordnung und einen neuen Menschen schaffen zu können, der mit bisherigen anthropologischen Konstanten wie Kriegen sowie sozialen und kulturellen Unterschieden „aufräumen“ könne, ist das zentrale Merkmal der modernen Ideologien. Auf den Punkt gebracht, besteht sie aus zwei Ideen:

    1. Wir bewegen uns unaufhaltsam in Richtung einer „neuen, friedlichen, vereinten Welt“.
    2. Alle Grenzen, Unterschiede und Konflikte beruhen nur auf Irrtum, Aberglaube oder dem Egoismus einzelner Diktatoren.

    „Aufklärung“ über diese Irrtümer müsse notwendig zur kommenden Welteinheit führen. Soweit die Theorie. Praktisch steht dieser Universalismus heute vor den Trümmern einer Utopie. Der angebliche „Menschheitsfortschritt“ zu einer postethnischen, multikulturellen Weltgesellschaft entlarvt sich als lokal begrenztes Sozialexperiment, dessen vorläufiges Ergebnis nur als kultureller Suizidversuch beschrieben werden kann.

    Aller ideologischen Propaganda zum Trotz erkennen laut einer neuen Umfrage immerhin 53 Prozent der Deutschen, daß, „wenn immer mehr Einwanderer nach Deutschland kommen, das, was Deutschland war, allmählich verlorengeht“. Nur 30 Prozent widersprechen dem. Die „Köpfe“ des Landes stecken jedoch immer noch im ideologischen Wolkenkuckucksheim fest.

    Trauriges Beispiel dafür war ein Kolloquium des Deutschen Bundestages anläßlich des 100. Jahrestages der Anbringung des Schriftzuges "Dem Deutschen Volke" am Reichstagsgebäude. Nach den ersten Minuten der Debatte wurde klar, daß sich alle relativ einig waren: das Volk sei eine Fiktion, ein Konstrukt, es „existiert als identitäres homogenes Phänomen nicht. […] Volk besteht vielmehr aus einer Vielzahl regionaler, ethnischer, ökonomischer, politischer, religiöser oder weltanschaulicher sowie durch Geschlecht, Alter, Bildung, Interessen, vielfach sozial differenzierter Gruppierungen. Diese sind durch das einigende Band der Geschichte, der Kultur und auch der Verfassung zu einer stets aufgegebenen Einheit zusammengefügt.“ So wird Rudolf Steinburg, emeritierter Professor der Uni Frankfurt, zitiert.

    Ich will aus phänomenologischer Sicht auf diesen Satz eingehen und zeigen, auf welchen veralteten Prämissen und Widersprüchlichkeiten er beruht. Das Fundament für die Ansicht, daß es nur zwei relevante politische Ordnungsgrößen gebe, nämlich das einzelne Individuum und ein Kollektiv namens „Menschheit“, ist ein reduktionistisches Verständnis von Wahrheit.

    Der zitierte Satz fällt, ohne es vielleicht zu wissen, ein „Seinsurteil“. Er spricht dem Volk eine gewisse Existenzform ab. Es gibt das Volk zwar, allerdings nicht „real“, nicht „fleischlich“, sondern als geistige Fiktion und damit willkürliche Festsetzung. Es ist ein rein begriffliches Bündel loser Fragmente. Es ist nichts, worauf sich eine Identität beziehen könnte, es ist kein „identitäres Phänomen“.

    Diese Fiktion ist damit als barocker Zufall der Geschichte in einer höheren rationalen Ordnung, einer „defragmentierten“ Menschheit, aufzuheben. Dieses Seinsurteil über das Volk ist performativ vernichtend. Die Staatspolitik agiert so, als würden Völker „nicht existieren“, und vernichtet damit ihre Existenz. Ihre Zerstörung nimmt sie damit, wenn überhaupt, nur als Kollateralschaden ohne böse Absicht wahr (diese ist der Kulturpolitik jedoch durchaus zu unterstellen).

    Die relativistische Kritik gegen das Volk verbirgt eine universalistische Grundhaltung. Sie verlangt eine klare und präzise Definition der „Essenz“ des Volks. Das Volk muß als geschichts- und zeitloser Gegenstand der Erkenntnis begreifbar sein, sonst wird ihm das Sein an sich abgesprochen: Was macht „deutsch sein“ im Kern aus? Kann diese Definition nicht geliefert und „auf den Punkt“ gebracht werden, ist das Volk damit als „Konstrukt“ entlarvt und der Vernichtung preisgegeben. Hier entlarvt sich aber in Wirklichkeit etwas ganz anderes.

    Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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