06. Januar 2017

Briefwechsel zwischen Claus Leggewie und Götz Kubitschek (Teil I)

von Götz Kubitschek / 0 Kommentare

Von Ende Februar bis Mitte April des vergangenen Jahres führten der Politikwissenschaftler Claus Leggewie und ich einen Briefwechsel. Leggewie hatte ihn angestoßen.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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  • Mitte April blieb der Austausch stecken – Leggewie antwortete nicht mehr. Daß er genug gesammelt hatte, um daraus ein Süppchen zu kochen, ist mir seit gestern klar: Da las ich nämlich in jener Mappe, die mir einer meiner Mitarbeiter stets in der ersten Woche des Monats vorlegt und in der alle Artikel gesammelt sind, in denen es auf irgendeine Weise um uns geht.

    Einen Beitrag, den die taz bereits im September veröffentlicht hatte, fand ich erst jetzt, als ich zurückblätterte: Ich hatte ihn bisher übersehen, er handelt davon, wie Claus Leggewie sein neues Buch im taz-Café präsentierte.

    Die Überschrift: »Auf der Schwelle zum Faschismus«, die Unterüberschrift: »Radikale Identitäre bedrohen Europa« und über mich am Schluß fogender Absatz:

    Schließlich sprach Leggewie noch von einem spannenden Mailwechsel mit dem AfD-Aktivisten und Rechtspublizisten Götz Kubitschek. Dieser sei vergleichbar mit der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof: „Die Identitären, die AfD, stehen auf der Schwelle zum Faschismus.“

    Von der Vorgestrigkeit dieses Vokabulars einmal abgesehen: Den Meinhof-Vergleich verbat ich mir im Brief vom 2. März, und weil Leggewie das alles so lückenhaft und tendenziös wiedergibt, muß nun der ganze Briefwechsel ans Licht. Hier ist Teil 1, Teil 2 folgt morgen.


    Essen, 24. Februar 2016

    Sehr geehrter Herr Kubitschek,

    Beim Durchsehen der Publikationen und Veranstaltungen des IfS fällt mir der vermehrte Gebrauch des Wortes »Widerstand« auf. Geistige Opposition in der bestehenden politischen Kultur ist ihre Gruppe ja von vornherein und grundsätzlich, mir scheint aber, dass sich mit der bewussten Setzung dieses Begriffs nun eine aktionistische Komponente verstärkt, nachdem sie bislang eher rhetorischer Natur geblieben war. Drängen Sie jetzt zur Tat, weil sich die Verhältnisse aus Ihrer Sicht so entschieden verschlechtert haben, weil sich ebenfalls aus Ihrer Sicht die Bundesregierung genau wie der lokale Staat als unfähig erweisen? Oder bleiben Sie bei der bekannten Reserve der Konservativen Revolutionäre, etwa Ernst Jüngers, der Widerständiges in der programmatisch so genannten Zeitschrift Ernst Niekischs Der Widerstand publizierte und seine Ideen Adolf Hitler zusandte, sich aber mit der damals aufstrebenden nationalrevolutionären Bewegung dann doch nicht gemein machen wollte? Mit anderen Worten: Bleibt Widerstand bei Ihnen ein verbaler Radikalismus, der die Gedanken schärfen und zuspitzen soll, oder ist da die Versuchung, sich aktiver in den Tumult einzumischen, sei es nun in einer rechten Partei oder in einer außerparlamentarischen Bewegung, bei Straßendemonstrationen?

    Gruß,
    Claus Leggewie

     

    Schnellroda, 29. II. 2016

    Sehr geehrter Herr Professor Leggewie,

    danke für Ihre Zeilen, wir sind also gleich beim neuralgischen Punkt. Vorweg: Daß unser – das rechtsintellektuelle – Milieu "von vornherein und grundsätzlich" in der bestehenden politischen Kultur "geistige Opposition" sei, stimmt insofern, als wir an Gesellschaftsexperimenten per se nichts Gutes finden können und in der kindischen Art der Gegenwartsdeutschen, sich in einem Post-Histoire zu wähnen und die Moral mit der Politik zu verwechseln, eine äußerst fahrlässige Fehlhaltung zu den Erfordernissen der Zeit sehen.

    Mit Ihrer Annahme haben Sie recht: Man muß sich »verhalten« in einer solchen Zeit, und weil unser Ansatz schon immer ein engagierter, kein bloß beschreibender war, geraten wir nun wie von selbst in die Rolle eines nicht mehr nur grundsätzlichen, metapolitischen Akteurs. Aktiv zu werden, einzugreifen, mitzumachen, den Ball nicht nur zu beschreiben, sondern ihn zu spielen – das ist eine Chance zur Ausweitung. Wir werden sogar dazu aufgefordert, jetzt nicht abseits zu treten. Wir haben in unserem nicht kleinen Milieu den Ruf, maßgebend zu sein, experimentierfreudig, einfallsreich, tatsächlich setzend: Viele, die uns seit Jahren kennen und lesen, erwarten nicht länger nur unseren besonderen Ton und ein paar Umsetzungsideen, sondern politisches Eingreifen, Beteiligung, direkte Aktion.

    Sie, Herr Professor, stellen Ihre Frage nun genau in der Phase, in der sich entscheiden wird, wie weit wir gehen. Das Vorzeichnen und Vordenken möglicher Widerstandsschritte, das Erarbeiten einer Studie zum grundgesetzlich verankerten Widerstandsrecht, die Klärung der Lage in einfachen Worten vor tausenden Demonstranten, eine Widerstandsakademie mit 130 Studenten in Schnellroda – es ist diese Mischung aus Wissenschaft, Struktur und Aktion, die uns als Taktgeber legitimiert und uns die notwendige Autorität verschafft. Wir halten unsere Köpfe hin, aber eben längst nicht überall und nicht für die gescheiterten Ansätze von vorgestern, und diese Beurteilungssicherheit wirkt ordnend und mobilisierend zugleich, das nehmen wir wahr.

    Selbstbewußt ausgedrückt: Der Widerstand und die Verteidigung des Eigenen finden dort ihre angemessene, ausgewogene Form, wo wir uns beteiligen! Was meinen Sie? Ist das dann bloß Verbalradikalismus oder doch handlungsgedeckte Theorie?

    Es grüßt
    Götz Kubitschek

    Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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