20. Juni 2011

Die Totgesagten und die Totsager

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Carlo Clemens hat im JF-Blog einen Artikel von Lamya Kaddor kommentiert, die auch zum dem hier ausführlich besprochenen "Manifest der Vielen" beigetragen hat.  Ich habe dieses Buch als ein bedenkliches Symptom für Bruchlinien gewertet, die sich umso mehr vertiefen, je mehr die Legitimität einer deutschen Identität und "Leitkultur" einerseits in Stücke dekonstruiert, die Legitimität islamischer Identität auf deutschem Boden andererseits nachhaltig und mit allerlei Argumenten affirmiert wird.  Auch Kaddors neuestes Stück entstammt diesem Genre.

Es beginnt mit einer reichlich unglaubwürdigen Story, die sie irgendwo aufgeschnappt haben will:
Das erinnert mich an einen Radiobericht vor einiger Zeit. Darin berichtete ein Mann, Mitte 40, Vater dreier Kinder, von seinem Leben in einem kleinen, typisch deutschen Dorf nahe Bonn. Er erzählte, dass sich das Gesicht seiner Heimat in den letzten Jahren stark verändert habe. Zahlreiche Familien seien von auswärts hinzugezogen, neue Wohngebiete mit modernen Reihenhäusern und hübschen Gärten seien entstanden. Der Mann fing an, sich zu beklagen: Einige dieser fremden Menschen hätten begonnen, seine Töchter etwa in der Schule oder auf dem Weg dorthin anzufeinden. Die Erwachsenen äußerten sich abfällig über sie, von den Kindern dieser Neuankömmlinge würden sie geradewegs beschimpft. Immer wieder hieße es, er und seine Familie sollten doch dahin zurückgehen, wo sie hergekommen seien. Das hier sei schließlich ihre Heimat. Über solche Äußerungen konnte sich der Mann nur wundern: „Wir leben seit 400 Jahre in diesem Dorf. Seit 400 Jahren!“ Das Problem seiner Familie: Sie ist etwas dunkler im Teint, denn ihre Vorfahren kamen einst aus dem Osten – als Sinti und Roma.

Da wären eine Menge Fragezeichen angebracht, vor allem aber das eine: Wer außer diesem gleich in mehrfacher Hinsicht seltenen Vogel lebt heute seit 400 Jahren in ununterbrochener Erbfolge einem Dorf?

Weiter:
Dieses ist nicht mehr die homogene Gesellschaft der 50er Jahre – weitgehend ohne Asylanten, ohne Ausländer, ohne Menschen mit dunklerer Hautfarbe und schwarzen Haaren. Und zu dieser Gesellschaft werden wir auch nie wieder zurückkehren. Gesellschaften machen von jeher durch Zuzug und Abwanderung einen Wandel durch. Das ist ganz natürlich. Solche Veränderungen lassen sich nicht aufhalten. Das muss die Botschaft sein. Doch sie wird von der Politik tabuisiert. Solange diese Botschaft aber nicht in den Köpfen der Menschen in Deutschland ankommt, wird Integration niemals gelingen. Und wer diese Veränderung der deutschen Gesellschaft nicht wahrhaben will, soll klar und unmissverständlich sagen, wie er sie aufhalten will, oder für immer schweigen.

Und die Conclusio:
Ich weiß auch nicht, was die „deutsche Leitkultur“ ist. Ich weiß lediglich, man kann auch deutsch sein, wenn man schwarze Haare hat und sogar wenn man Muslimin ist. Dass der Islam samt seinen Anhängern zur Realität dieses Landes gehört, bestreiten heute nur noch Menschen, die sich ihrerseits nicht in unsere Gesellschaft integriert haben.

Der Deutsche ist tot. Lang lebe der Deutsche.

So weit ist es inzwischen gekommen:  Wir Nicht-"Migrations"-Deutschen werden nun also noch bei Lebzeiten zu Toten erklärt.  Zu lebenden Toten, zu Untoten, zu Zombies? Zu Nichtexistenzen, zu "quantités negligables"?  Zu Indianern, deren Zeit ohnehin abgelaufen ist, und die nun bitteschön beiseite zu treten haben? Ich frage mich, ob sich Kaddor der unterschwelligen Aggressivität, die einer solchen Deklaration zugrundeliegt, bewußt ist.

Die Deutschen, die nun schon von denen, die sie aufgenommen haben, für obsolet und tot erklärt werden, hätten sich das wohl kaum träumen lassen, als die ersten Einwanderungswellen einsetzten. "Integration" bedeutete einmal in erster Linie "Assimilation". Die Kapazitäten dazu sind offenbar nun schon lange erschöpft, und man hat auch alles getan, um sie zu schwächen.  Die Deutschen haben diese Entwicklung weitgehend schweigend und passiv hingenommen, trotz Warnungen, die mehr als drei Jahrzehnte zurückliegen. Sie hatten Vertrauen in die Medien und die Volkspädagogen, die sie gegen "Fremdenfeindlichkeit" und zur "Toleranz" erzogen haben, sie fühlten sich wie gute und aufgeklärte Menschen dabei, die aus ihrer Vergangenheit gelernt hatten, und sie hatten wohl ein typisch deutsches Obrigkeitsvertrauen in ihre Regierungen, daß die Sache schon gut ausgehen würde.

Wer hätte sich vor 20 jahren vorstellen können, daß eben diese Regierungen es tatsächlich sehenden Auges zulassen würden, daß das eigene Staatvolk tendenziell zur Minderheit schrumpft und von neuen, künftigen Mehrheiten verdrängt wird, die bereits derart angewachsen sind, daß sie sich in einer Position sehen, die deutsche Identität aus ihrer Perspektive heraus umzudefinieren? Wer hätte sich diesen unglaublichen, beispiellosen Verrat ausmalen können, den sämtliche Eliten Europas an ihren Völkern begehen würden?

Noch heute kann sich das kaum jemand vorstellen, will das kaum jemand wahrhaben. Ist das wirklich die Marschrichtung, die unvermeidliche alternativlose Route?  Der "Zuzug", den Kaddor beschreibt, war alles andere als "natürlich". Er war gesteuert, beschleunigt, abgewickelt unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, Beschwichtigungen, Heucheleien und falschen Versprechen. Dem Volk, das nach der Verfassung dieses Staates der "Souverän"  sein soll, wurde niemals ein Mitspracherecht in diesem Prozeß eingeräumt, es wurde nicht einmal über die langzeitigen Konsequenzen hinreichend aufgeklärt.



Spiegel-Karikatur aus dem Jahr 1975
Test


Inzwischen ist die demographische Lage zum offen ausgesprochenen Kalkül jener geworden, die in Europa schon längst eine Art von islamischer Kolonie sehen. Wer es nicht glaubt, sollte sich zum Beispiel dieses Video mit dem einflußreichen ägyptischen TV-Prediger Amr Khaled ansehen. Dieser empfiehlt hier seinen Glaubensbrüdern, doch den Bombenjuckreiz hintanzustellen, wenn mal wieder (etwa durch freie Meinungsäußerung) der Prophet oder der Islam "beleidigt" werden sollten. Sie sollten stattdessen ruhig Blut bewahren und lieber die Gesellschaft "infiltrieren", wirtschaftlich erfolgreich sein und gesellschaftlich angepaßt, um zu "wandelnden Propagandamaschinen für den Islam" zu werden.  Denn die Demographie werde sie über kurz oder lang ohnehin sicher ans Ziel bringen.

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=CSWLLc6uikE]

Nun werden sie allmählich wachgerüttelt, die dummen deutschen Michels in ihren Schlafmützen, und sofern sie es schaffen, sich aus dem bleiernen Tiefschlaf empor zu quälen, finden sie sich im Zustand der rapiden, weit fortgeschrittenen kulturellen, demographischen und territorialen Enteignung wieder, sehen sich verraten und verkauft von exakt jenen, von denen sie  dachten, sie würden ihren Willen vertreten und erfüllen.  Wenn sie nicht auch noch dafür verhöhnt werden, daß sie solche Schnarchnasen waren und sich so übertölpeln ließen, wird ihnen bedeutet, das alles nun als Kismet hinunterzuschlucken und als fait accompli gefällig zu akzeptieren.

Guten Morgen! Game over! Leider Pech gehabt! Datum abgelaufen! Sorry, es gibt keine Alternative! Denkt nicht einmal daran!  So etwas wie Selbstbehauptung ist ja undenkbar nach Siewissenschonwem, und nebenbei ist die Existenz einer deutschen Identität oder Nation ohnehin schon längst akademisch widerlegt worden.

Das ganze öffentliche Gerede darüber, ob der Islam "in Deutschland angekommen" ist oder zu "Deutschland gehört" oder "zur Realität in diesem Land gehört", oder  was auch immer für eine Formel man hier finden möchte, hat längst den Charakter eines klaustrophobischen Alpdrucks aufgenommen.  Ich hatte früher nie negative Gefühle gegenüber der islamischen Welt. Heute, da sie vor jedermanns Haustür geschleppt wurde, und die Auseinandersetzung mit ihr unvermeidbar ist, aber kaum ehrlich und nur mit ungleichen Waffen geführt werden darf,  fühle ich mich wie einer, der zunehmends zum Objekt einer schleichenden Kolonialisierung gemacht wird, wie ein Palästinenser der Dreißiger Jahre, der schon dunkel ahnt,  daß ein 1948 für ihn vorgesehen ist.

In meiner Kindheit in den Achtziger Jahren, als man noch von "Gastarbeitern" sprach, war der Islam außerhalb außenpolitischer Entwicklungen kaum ein öffentliches Thema.  Es gab einen Einwanderungs- und Fremdenfeindlichkeits-Diskurs, aber keinen Islam-Diskurs. Es gab den Terrorismus, es gab die Kriege im Nahen Osten, es gab die Köpfe von Arafat und Khomeini im Fernsehen. Aber es war weit weg, es war kein Problem, das uns direkt betraf.  Heute ist es auch unser Problem, und der Diskurs darüber ist überall, unaufhörlich, an jeder Ecke, in jedem Medium, zu jeder Zeit, privat oder öffentlich. Es gibt kaum Rückzugsgebiete mehr.  Man tut sogar schon so, als wäre das völlig normal, und als wäre das immer schon so gewesen.

Orte, die man früher kannte, sind heute komplett oder teilweise orientalisiert und entfremdet und verfremdet, bevölkert von Fremden, die sich abwechselnd beschweren, abwechselnd einfordern, die es genauso wie alle Menschen vorziehen, unter sich zu bleiben, die auf unserem Territorium eine Sprache sprechen, die wir nicht verstehen, die Zeitungen lesen, die wir nicht lesen können, die Schriften benutzen, die wir nicht beherrschen. Sie können aber zum Großteil uns verstehen und unsere Zeitungen lesen und mitschreiben und mitreden. Wir wissen nicht, was sie über uns  sagen, denken, was sie planen und was ihre Medien propagieren. Wir werden mißtrauisch, verunsichert, bekommen Angst. Wir wissen nicht mehr, ob unsere angenommenen sozialen Erwartungen die ihren sind. Wir wissen nicht, was die Blätter schreiben, die sie in Massen lesen, aber wir haben schon mal gehört, daß das Motto der "Hürriyet" übersetzt "Die Türkei den Türken" lautet, was analog auf unser eigenes Land übertragen den Staatsanwalt aufs Spiel rufen kann.

Täglich wird gestritten und debattiert um Moscheen, Kantinenspeisen,  Kopftuchverbote, Schächtverbote, Burkaverbote, Minarettverbote, Muezzinverbote, Islamisten, Dschihadisten, Ehrenmorde, Frauenverachtung, Christenverfolgung, Zwangsverheiratungen, den "wahren Koran", den "wahren Islam",  islamische "Homophobie", Israel und Palästina, moslemischen Antisemitismus und deutsche "Islamophobie", etc. etc. etc. Dazu: "Deutschenfeindlichkeit" in den Schulen, Jugendgewalt und -kriminalität in den Straßen und U-Bahnen, Vergewaltigungen, "Parallelwelten", Widerstand gegen Polizeigewalt, politische Attentate und Morde, das Auftreten von scheinintegrierten Terroristen mit dem Paß ihrer Geburtsländer, das Auftreten von militanten Konvertiten, die Gewaltandrohungen bei "Beleidigungen" und der vorauseilende Gehorsam der Eingeschüchterten...

Eingebrockte Suppen, aufgehalste Lasten, unlösbare Probleme, implantierte Zeitbomben, Dinge, die "zur Realität dieses Landes gehören", die aber nicht substanziell zu uns gehören, die nie zu uns gehörten, die heute nicht zu uns gehören würden, wenn wir sie nicht "intra muros",  in unsere Mauern importiert hätten, oder vielmehr: wenn nicht sie nicht von unverantwortlichen Entscheidungsträgern und blinden Ideologen in unsere Mauern importiert worden wären.

Und dann die auf den brodelnden Kochtopf gepreßten Deckel:  die Integrationslügen, der "Vielfalts"-Kitsch, der unaufhörliche öffentliche Druck und die öffentlichen Ermahnungen und Appelle und Ukas der Bundestanten und -onkels: Toleriert den Islam! Respektiert den Islam! Anerkennt den Islam! Akzeptiert den Islam! Versteht den Islam! Betrachtet differenziert den Islam! Fürchtet nicht den Islam! Willkommenskulturt den Islam! Umarmt den Islam! Integriert den Islam! Öffnet euch dem Islam! Macht Platz für den Islam! Liebt den Islam!

Islam, Islam, Islam, Islam, so geht es am laufenden Band, bis man anfängt, halbmondförmige Hautausschläge zu bekommen und Suren in Regenbogenfarben zu kotzen. Und dann ist sie größer denn je, die Sehnsucht nach einem europäischen Europa, einem christlichen Europa, einem abendländischen Europa, einem deutschen Deutschland, einem englischen England, einem französischen Frankreich, einem italienischen Italien, einem schwedischen Schweden, anstelle eines von Norden bis Süden heranwachsenden, zunehmend ubiquitären, dysfunktionalen Eurabiens, das ohne Charme und ohne Anmut ist und eher einem entorteten und herabgekommenen Orient gleicht, Symptom und Vorbote einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Einige von uns erinnern sich noch, was das ist, eine Heimat, in der man immer genug Probleme haben wird, in der man sich aber nicht erklären muß. In der man sich zurückziehen kann in das Vertraute und Bekannte, in der man die Spielregeln kennt, in der man nicht gezwungen ist, ständig das Fremde zu konfrontieren und zu tolerieren und zu debattieren und zu akzeptieren und zu exkulpieren und zu integrieren, und nicht genötigt wird ständig das Eigene abzuwerten, zu hinterfragen, zu dekonstruieren, zurückzunehmen, kleinzureden, wegzureden, auszureden, zu beschuldigen und zu verleumden. Überall da, wo es noch Flecken gibt, in denen das noch nicht der Fall ist,  wird es auch bald so weit sein: die angeblich Integrierten, die "neuen Deutschen", die bestreiten, daß wir eine Identität haben, ihre eigene aber sehr wohl kennen, sie haben uns für tot erklärt und sich selbst für quicklebendig.

Stimmt es nun, was Kaddor behauptet?
Solche Veränderungen lassen sich nicht aufhalten. Das muss die Botschaft sein. Doch sie wird von der Politik tabuisiert. Solange diese Botschaft aber nicht in den Köpfen der Menschen in Deutschland ankommt, wird Integration niemals gelingen.

In Wirklichkeit wird diese Botschaft alles andere als "tabuisiert". Im Gegenteil wagt es kaum jemand, ihr öffentlich zu widersprechen. Sie ist unter dem Namen der "multikulturellen Vielfalt" und der "bunten Republik"  die offizielle "alternativlose" Leitkultur der Böhmers und Wulffs und Merkels. Auch diese haben die Deutschen als Volk für tot erklärt, zum Auslaufmodell der Geschichte.  Sie sprechen es aber nicht mit derselben Ehrlichkeit und Direktheit aus wie Kaddor.  Man muß ausbuchstabieren, was sie sagen. Wenn sie es selbst täten, würde sich dann Widerstand regen, würde die resignative Lethargie dann ein Ende haben, würde man sich dann dagegen wehren, bei lebendigem Leibe einsargt zu werden? Ja: entweder man fängt an, jetzt offen darüber zu reden, oder man soll - und wird -  "für immer schweigen". Toten reden nicht, aber Totgesagte leben länger.
Test

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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