14. Februar 2012

Die Methode Spiegel

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Das "Sturmgeschütz der Demokratie", wie Rudolf Augstein einmal seinen Spiegel nannte, hat wieder gefeuert und in seiner neuesten Nummer einmal mehr Gipfel an keuchender Panikmache erklommen. "Nazi-Partei NPD - VERBOTEN GEFÄHRLICH" steht da in dicken Lettern, illustriert mit einer (vermutlichen) Fotomontage, die einen faustreckenden  "autonomen Nationalisten" im Vordergrund und zwei verängstigte, dunkelhaarige, offenbar pogromgefährdete Migrantenkinder im Hintergrund zeigt.

Im Blatt selber folgt dann eine fette zehnseitige Story über die "unerträgliche Partei", die man als "Sammelbecken von Rassisten, Hitler-Anbetern und Verfassungsfeinden" eigentlich verbieten müßte. Die erste Doppelseite, die man aufschlägt, kombiniert ein Foto einer Gruppe von demonstrierenden rechtsextremen Kapuzen- und Sonnenbrillenträgern mit einer bekannten Monumentalaufnahme von Hitler, der inmitten einer Parade von standartentragenden SA-Männern und einem Troß von uniformierten Würdenträgern im Schlepptau triumphal eine Treppe hinanschreitet, hinter sich ein Meer an Volksmassen. Wow.

Diese Gleichsetzung mag für die abgebildeten Demonstranten schmeichelhaft sein, und den Spiegel-Lesern wohlige Schauer über den Rücken jagen, ist aber näher betrachtet ebenso schwachsinnig wie hysterisch und ohne jegliches Maß. Oder handelt es sich um gezielte Demagogie?  Hier wird bildhaft suggeriert, daß der Anbruch des Vierten Reichs wegen ein paar gesellschaftlich marginalisierten Radau-Revoluzzern unmittelbar bevorstünde, die nebenbei meines Wissens eher im Bereich der "freien Kameradschaften" und rechten "Autonomen" als der NPD anzusiedeln sind und von ihren Pendants vom linken Ufer schon rein zahlenmäßig um ein Vielfaches übertroffen werden.  (Anm. M.L.: Wie mir mitgeteilt wurde, handelt es sich tatsächlich um "Autonome Nationalisten" in Dortmund.)

Ein paar Seiten Alarmgebimmel später wird die Tonlage gewechselt und man liest nun vom "Popanz NPD":
Eigentlich schafft sich die NPD gerade mal wieder selbst ab. Vor vier Jahren hatte die Partei noch 7200 Mitglieder, jetzt sind es 5900, aber glaubt man Apfel, dem Chef, dann sind auch noch 200 bis 300 Karteileichen dabei; Volksgenossen, die ihre zwölf Euro Monatsbeitrag für die nationale Sache schuldig geblieben sind. Jeder zehnte Parteigänger ist arbeitslos, das sind mehr als bei jeder anderen Partei. "Ihr Milieu scheint ausgeschöpft", heißt es in einer neuen Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung.  Den harten Kern, die Aktivisten, schätzt auch Apfel auf höchstens 3000 Kameraden, die für die NPD auf die Straße gehen, Wahlkampf machen, sich auf die Listen setzen lassen für Stadträte, Kreistage, Landtage. (...) Eigentlich erscheint die Partei wie ein schlechter Witz, und es würde reichen, wenn man ihn nicht weitererzählen würde.

Also was nun? Ist die NPD schrecklich gefährlich und steht kurz vor der Machtergreifung, oder ist sie "ein schlechter Witz" und im Abstieg begriffen? Beides zusammen geht ja offenbar nicht. All das folgt wieder der Formel, die Günter Maschke gern so auf den Punkt bringt: der Gegner ist häßlich, dumm, widerlegt, lächerlich, aber gleichzeitig ungemein gefährlich. Woraus natürlich diejenigen am meisten Profit schlagen, die ständig vor dieser "Gefahr" warnen. Die übersteigerte NPD-Obsession der Medien verweist indessen auf grundsätzlichere Dinge, deren Analyse ein anderes Mal folgen soll. Zu fassen ist das allemal psychologisch, auch wenn wir den Unterhaltungswert nicht vergessen wollen (Thorsten Hinz hat dazu anläßlich des Dresden-Gedenkens ein paar Bemerkungen gemacht.)

An dieser Stelle nur soviel: Frank Lisson beschreibt in seinem neuen Buch "Die Verachtung des Eigenen", wie in einer Gesellschaft einzelne Gruppen zu "Projektionsflächen für die Angst" werden können, "daß die Absicht der eigenen Erneuerung und Flucht aus den alten Verhältnissen zuletzt doch noch am bösen Feind scheitern könnte." Dem "Haßobjekt", das "die Hassenden zu einem Kollektiv vereint"  wird dabei "eine Macht oder Gefährlichkeit unterstellt, die in einem eklatanten Mißverhältnis zu seiner tatsächlichen quantitativen Präsenz steht."

Daß nicht nur die NPD, sondern der "Nazi" an sich einen wichtigen, ja konstitutionellen Faktor im psychohygienischen Haushalt der Bundesrepublik stellt, kann man tagtäglich beobachten. Kaum ein Tag vergeht ohne eine Meldung mit "Nazi"-Bezug. Die Frequenz, mit der der "tägliche Nazi" in den (Schein-)Debatten, den kleinen und großen Skandälchen und der politischen Rhetorik auftaucht, scheint sich umso mehr zu steigern, je geistig hohler, spirituell armseliger, kulturell bankrotter, moralisch abgehalfterter und praktisch ineffizienter sich das bestehende System darstellt. Dabei werden die Rituale, in denen der braune Flaschengeist beschworen wird, in dem Maße gespenstischer, je weiter der Weltkrieg und die Hitlerzeit zurückliegen und je weniger echtes historisches Wissen darüber (und über die deutsche Geschichte überhaupt) besteht.
Test

Der "Nazi" ist Speed, Prozac und Opium der altersdementen Bundesrepublik zugleich. Der Deutsche, der ansonsten völlig lethargisch und ratlos bei der "Abschaffung" seiner eigenen Zukunft zuguckt, wird plötzlich wieder fiebrig und hektisch, wenn er seine Dosis Hitlerin gespritzt bekommt. Dann fühlt er sich wieder so richtig lebendig. Die Abhängigkeit ist inzwischen so groß, daß kaum ein anderer Stoff mehr imstande ist, seinen Puls derart zu beschleunigen.  Jeder korrupte und landesverräterische Dreck, jeder Beschiß und Betrug, der quer durch die Parteien emsig betrieben wird, jede Art von Selbsthaß- und Selbstabschaffungsorgie, jede Unwürdigkeit und Peinlichkeit, jedes Ausmaß an sowjetartiger Indoktrinierung und Lüge wird augenblinzelnd und schulterzuckend geduldet, aber "unerträglich" ist natürlich nur die NPD, diese Warze am Hintern und dieser Stachel im Fleisch des bundesrepublikanischen Oblomow.

Ich für meinen Teil finde die NPD auch "unerträglich" und lächerlich, aber nicht mehr als die Grünen, die Linke oder die Merkel-CDU, die quantitativ und qualitativ weitaus mehr Schaden anrichten, indem sie das ganze Land fahrlässig aufs Spiel setzen und seiner Fragmentierung Vorschub leisten. Die NPD hat natürlich auch eine systemische Funktion in dem großen ganzen Spiel: wie der massive Einsatz von V-Männern zeigt, hat der Staat gewiß auch ein Interesse daran, seine "Extremisten"-Szenen am Köcheln zu halten, um immer das finstere Gegenbild zu seiner eigenen strahlenden Wohlgeratenheit parat zu halten, und um "Haltet den Dieb!" schreien zu können, wenn es wieder mal opportun ist.

Und wer nun derartige Kicks nicht nötig hat und die entsprechende Pille verweigert, macht sich verdächtig. Ebenso, wer seine Sinnstiftungen anderweitig bezieht und wer nicht bereit ist, bei der allgemeinen Hysterie, wie etwa um die angebliche "Braune-Armee-Fraktion" mitzugackern und gar Zweifel anzumelden. Wie ein paar "neue Rechte" zum Beispiel, denen die Adolferei in Permanenz bis auf den Boden hinab zum Halse heraushängt. Leider ist jeder Fluchtversuch zwecklos.

Stell dir vor, es wird bewältigt, und keiner geht hin. Dann kommt die Bewältigung zu dir. Während alle Welt manisch um den untoten Adolf kreist, gehen wir Sezessionisten aus Ekel, Langeweile und Überdruß in den Keller kotzen, abwechselnd Regenbogen und Hakenkreuze, je nachdem, wie aufregend "bunt-braun" der heute aufgetischte Einheitsbrei mal wieder gewürzt war.

In dieser kafkaesken Endlosschleife pfeift also das deutsche Murmeltier seine immergleiche Melodie. Schon vor über 25 Jahren hat der bereits zitierte Günter Maschke all dies in dem legendären Aufsatz "Die Verschwörung der Flakhelfer" auf den Punkt gebracht, - egal, was es auch sein mag, ob Einwanderung, innere Sicherheit, Erziehungssystem, Geschichtsdeutung, Landesverteidigung, Finanzen, nichts von alledem könne man vernünftig und entschieden im eigenen Interesse regeln "wegen Hitler", der eisern "die Richtlinien der Politik in Deutschland" als "negativer König" bestimme. "Hitler-Anbeter" mag es in der NPD gewiß genug geben, aber sie sind bloß der Schatten einer viel allgemeineren Anbetung. Hitler ist heute eine Mischung aus Antichrist, Graf Dracula und Schuldteddy, an den sich der Michel verbissen klammert, um nicht dem "Horror vacui" anheimzufallen. Könnte nun endlich einer diesem verhutzelten untoten Blutsauger an unserer Gegenwart und Zukunft den Pfahl ins Herz rammen? "Wie lange noch Regierung Hitler?" fragte Maschke.

Wenn es nach dem Spiegel ginge, dann wohl bis in alle Ewigkeit, ist er doch das Zentralorgan des besagten Hitler-Kults im Namen der einzigwahren "Demokratie", dem sich alle zu unterwerfen haben. Wer das nicht tut, wird eben von der "demokratischen" Inquisition plattgewalzt, wie es ebenfalls in der neuen Ausgabe Christian Kracht passiert ist. Georg Diez hat sich nämlich im Kulturteil eine abgefeimte stalinistische Nummer geleistet, die fast schon wie ihre eigene Parodie wirkt.

Davon in Kürze mehr.


Test

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.