15. Februar 2012

Christian Kracht und die Methode Diez

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Nun zum unterhaltsameren Teil der dieswöchigen Nazijäger-Nummer des Spiegels. Unter dem Titel "Die Methode Kracht" versucht Georg Diez auf vier epischen Seiten den Nachweis zu erbringen, daß Krachts neuer Roman "Imperium" seine (Friß, Phrasenschweinchen!) "Nähe zu rechtem Gedankengut" zeige, wobei "rechts" natürlich gleichgesetzt wird mit allen bekannten Braunauer Spezialitäten.

Da kam Diez wie die große Aufklärungskavallerie zur Rettung in letzter Sekunde, denn ohne ihn hätte wohl kaum einer die Brandgefährlichkeit des bereits allerorten rezensierten Buches bemerkt und ließe sich unheilbar infiltrieren.

Die FAZ beschrieb es als "einen lässigen Abenteuerroman über einen deutschen Romantiker", für Diez ist es eine fragwürdige, ja gefährliche "krude Geschichte", "durchdrungen von rassistischer Weltsicht", ihr Held, der obskure Lebensreformer und Weltverbesserer August Engelhardt (1875-1919), ein "Hitler ohne Hakenkreuz und Holocaust". Und mehr noch als das: Kracht sei zwar ein guter Schriftsteller, aber "das macht ihn nicht zum guten Menschen". Das steht allen Ernstes genau so dort.

Die dabei angewandte Methode ist sattsam bekannt und kein Versatzteil des antifantischen Anprangerungsgenres fehlt: zwischen den und zwischen die Zeilen lesende und dichtende "Mimikry"-Entlarvung, Assoziationsketten als Beweisführung, das ganze abgemischt mit stirnrunzelnder Betroffenheitspose, dräuendem Geraune und Alarmglockengebimmel.  Diez spielt also die antifaschistisch empörte Drama-Queen, die sich zum quasi stalinistischen Inquisitor aufschwingt. Wer die Götter nicht bewegen kann, kann wenigstens die Hühner aufscheuchen, und vom moralisierenden Podest herab den Talentierteren ans Bein pinkeln. Diezens Verdikt:  der schlechte Mensch Kracht sei der "Türsteher der rechten Gedanken. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream."

Der Türsteher der linken Beschränktheiten braucht sich da eigentlich keine Sorgen zu machen, denn das "totalitäre Denken" ist ja schon längst im Mainstream angekommen. Und zwar in Form von guten Menschen und schlechten Schriftstellern wie eben Georg Diez, die verbissen darüber wachen, daß das "Crimestop" nicht nachläßt und die ihr anvertraute gute Menschheit ja keine schlechten Gedanken (oder vermutlich überhaupt Gedanken) in den Kopf bekommt. Das gibt es in allen politischen Systemen: je nach Herrschaftslage verlangen sie vom Schriftsteller und Künstler, er solle "faschistisch" oder "nationalsozialistisch" oder "sozialistisch" und nun eben "demokratisch" schreiben und bitteschön darauf achten, ob man seine Bücher etwa als grundgesetzfeindlich auslegen können. All das erzeugt genau jene ausgetrocknete, ästhetisch dürftige Langweilerwüste, von der Krachts Debüt "Faserland" (1995) unter anderem handelt. Daß es den weltenbummelnden Autor seither nicht nur geographisch von der Bundesrepublik weggetrieben hat, ist kaum verwunderlich.

Als besonderes Belastungsindiz und Blick hinter die Kulissen gilt Diez der eben erschienene, frei nach David Bowie "Five Years" betitelte Email-Wechsel zwischen Christian Kracht und dem kalifornischen Schriftsteller und Musiker David Woodard.  Und hier wird es vollends unfreiwillig komisch, denn Diez hat das für Outsider eher langweilige und mit nicht weiter ausgeführtem Namedropping gespickte Buch nach "bösen Gedanken" durchforstet wie der Sittenwächter das Pornoheft. Dabei muß er wohl vor lauter Freude rote Ohren und Wangen bekommen haben, wie folgende Zeilen nahelegen:
Dieser Email-Wechsel funktioniert wie ein Weihnachtskalender des Teufels: Hinter fast jeder Tür, die man öffnet, hinter fast jedem Namen, den die beiden nennen, tauchen satanische, antisemitische, rechtsradikale Gedanken auf.

Das muß ja das reinste Ostereiersuchen gewesen sein, gefolgt von multiplen Orgasmen! Denn der "Briefwechsel" ist tatsächlich voll mit Referenzen über abseitige, unkorrekte, subkulturelle Gestalten, Visionäre und Philosophen, allerdings keineswegs bloß von "rechts", sondern von allen nur erdenklichen Seiten, was Diez völlig unterschlägt: Namen wie William S. Burroughs, Kenneth Anger, Aleister Crowley und Christoph Schlingensief spielen eine ebenso große Rolle wie Nietzsche, Wagner oder Kim Jong Il.

Nun ist es bekanntlich so, daß man Puritanern niemals über den Weg trauen sollte, denn man weiß bei ihnen nie, ob sie nicht klammheimlich das begehren, was sie verfolgen. Mindestens so nervtötend wie der Verfolgerwahn ist die verkrampfte Humorlosigkeit dieses Typus, die auch immer etwas Heuchlerisches hat. Diez führt etwa Woodards und Krachts Interesse für Kim Jong Il als ein weiteres Indiz für deren Schlechtmenschentum an, denn obwohl dieser "sein Volk hungern läßt", scheint das Kracht und Woodard "nicht sonderlich zu stören".  Meine Güte, gleich kommen einem die Tränen über diese menschenverachtenden Rohlinge! Inzwischen kümmert sich keine linke Socke weit und breit um die Untaten ihrer popkompatibel gemachten kommunistischen Idole, und Dietmar Dath darf in der FAZ offen seinen Lenin abfeiern, ohne daß ein Diez "demokratiefeindliche, totalitäre" Übernahmen des Mainstreams befürchtet.

Der Mangel an Humor und Leichtigkeit ist es wohl vor allem, der Diez den Zugang zu Krachts Welt verwehrt, die voller Ironie, Spiel und Doppelbödigkeit ist. Sie macht ihm richtiggehend Angst. Aber nicht nur deswegen ist er nicht imstande, die selektiv herausgepickten und zum Teil völlig verzerrt dargestellten Referenzen des "Briefwechsels" richtig einzuordnen. Ihn scheint vor allem zu irritieren, daß sich Woodard und Kracht mit einer völligen Nonchalance und Losgelöstheit von den Spielregeln des sozialdemokratisch moderierten Sandkastendiskurses bewegen, als dessen Einpeitscher und Oberaufseher er sich geriert.
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Aus einer solchen Perspektive ist es natürlich shocking, wenn Kracht etwa über seine Freundschaften zu russischen "Nationalbolschewisten" wie Eduard Limonow schreibt oder Sympathien für Pim Fortuyn andeutet. Guilty by association! lautet da gleich das Urteil und die Schubladen werden rasch auf- und zugemacht.  Kracht an Woodard: "Es ist sehr bedacht von Dir, dass Du Dich etwas von dem entfernst, was Deine Gegner rechtsradikal nennen könnten, und eine entspanntere Art des zivilen Ungehorsams gewählt hast." Das interpretiert Diez, der Wächter des zeitgenössischen zivilen Gehorsams, natürlich wieder als eine Art Aufruf zur "Mimikry", wie er sie platterdings versteht, weil ihm diese Art geistiger Unabhängigkeit offenbar nicht geheuer und völlig fremd ist.

Und hier liegt natürlich der Funke Wahrheit der Diez'schen Beunruhigung:  das Ende der Langeweile, das Abenteuer beginnt heute erst jenseits der von Diez und Co abgesteckten Grenzen, also jenseits der Zeigefinger der linken Türsteher, Gouvernanten und Spielverderber, und daß es abenteuerliche Herzen wie Kracht und Woodard in diese Gefilde zieht, ist wahrlich kein Wunder.  Dies war auch der Grund, warum ich auf die beiden aufmerksam wurde und sie im Jahr 2007 für das inzwischen leider eingestellte Neofolk-Magazin Zwielicht interviewt habe.

Es ging in diesem Doppelinterview vor allem um das Interesse der beiden für die von Bernhard Förster und Elisabeth Nietzsche 1886 in Paraguay gegründete Kolonie Nueva Germania ("Neues Deutschland"),  eine von wagnerianischen, utopischen Träumen inspirierte Don-Quichotterie, die im Disaster endete. Kaum in der harten, zähen Wirklichkeit des Dschungels angekommen, zerplatzten die Träume, starben die nordischen Visionäre dahin. Förster beging Selbstmord, Elisabeth kehrte nach Deutschland zurück, um ihren kranken Bruder zu pflegen und seinen Nachlaß zu okkupieren, während die Siedler ihrem Schicksal überlassen blieben und sich schlecht und recht durchschlugen. Die geplante "arisch-eugenische" Kolonie ist heute nicht mehr als ein kleines, staubiges Dorf, in dem immer noch deutsch sprechende Nachkommen der Ur-Siedler leben.

Woodard war auf Nueva Germania durch eine sensationsheischende BBC-Dokumentation aus den frühen Neunziger Jahren gestossen, und wollte sich selbst überzeugen, was davon Mythos und was Wirklichkeit war. Zusammen mit Kracht träumte er von einer Art Neuaufbau Nueva Germanias inklusive eines Opernhauses für Wagner-Aufführungen, ein Projekt, für das die beiden auch Christoph Schlingensief gewinnen wollten. Woodards Haltung dazu war und ist entgegen der Darstellung Diez' durchaus entspannt und unfanatisch, wie man auch in dem Zwielicht-Interview nachlesen kann. Es entspricht nicht den Tatsachen, wie der Focus behauptet, daß das neuerstandene "Nueva Germania" als "arisches Zentrum" gedacht war (was soll man sich eigentlich darunter vorstellen?), in der Tat fiel das heute eher ulkig-antiquiert wirkende Wörtchen "arisch" während des Interviews kein einziges Mal.

Gerade das Scheitern, ja die makabre Tragikomik der Nietzsche-Förster-Utopie gibt der Geschichte einen verrückten und auf ihre Weise sehr deutschen Reiz, der an Filme von Werner Herzog wie "Aguirre" oder "Fitzcarraldo" erinnert - in letzterem wollte Klaus Kinski bekanntlich mitten im südamerikanischen Dschungel ein Opernhaus bauen. Und sie ist eng verwandt mit der bizarren Geschichte des "Kokovoristen" August Engelhardt, die Kracht zum Thema seines neuen Romans gemacht hat.

Den Reiz solcher Gestalten und Geschichten begreift man entweder sofort oder gar nicht. Und in der Tat muß man auch ein gewisses Sensorium für das spezifisch "Deutsche", das "Romantische" und "Idealistische" haben, das hier zum Ausdruck kommt. Der feindspürige Diez vermutet wohl durchaus richtig, daß Kracht trotz aller ironischen und satirischen Distanz diesem Kern tendenziell eher positiv und sympathisierend, ja wahlverwandt gegenübersteht. Es gibt hier durchaus Querverbindungen und Affinitäten zu dem Werk von Hans-Jürgen Syberberg oder von Lutz Dammbeck. Krachts Romane stellen sich nicht nur mit Vorliebe auf die Seite der Verrückten, sie kreisen auch stets um die Frage nach dem großen alternativen Entwurf, der großen Vision, die das Leben radikal umgestaltet.

Darum fasziniert Kracht wohl auch die Zeit des späten europäischen Kolonialismus, als - aus einer romantischen Perspektive gesehen - dem europäischen Geist noch die ganze Welt offen stehen zu schien und erobert werden wollte wie eine schöne Frau, und als überall auf der Karte noch weiße Flecken voller Abenteuer und Möglichkeiten zu suchen und finden waren. Es ist derselbe Wind, der auch den 17jährigen, in eben dieser Zeit aufgewachsenen Ernst Jünger bewegte, zur Fremdenlegion auszubüchsen um sich auf aus Büchern heraufgeträumte "afrikanische Spiele" einzulassen. Auch er wurde zum Don Quichotte, den die Wirklichkeit enttäuschte. Aber das tat sie später selten - sein Staunen des „Dies alles gibt es also“ findet sich auch bei Kracht und Woodard wieder. Und auch davor hat ein Diez wohl Angst.

Bereits das Zwielicht-Interview von 2007, für das Kracht zwei harmlose, unpolitische Fragen mit harmlosen, unpolitischen Antworten bedachte wurde von einem Schreiberling der Süddeutschen Zeitung aus der Diez'schen Klonfamilie zum Anlaß genommen, eine dümmliche Generalattacke unter dem Titel "Unheilige Allianzen" gegen den Schriftsteller zu reiten. Daß so schnell so scharf geschossen wurde, wegen eines doch recht unspektakulären Auftritts in einem Subkulturmagazin mit geringer Auflage und Verbreitung, hat damals selbst mich überrascht. Der Angriff hatte jedoch keine weiteren Folgen, die Kracht-treue FAZ kam zur Rettung getrabbt, und bald war die Geschichte vergessen.

Auch die Neuauflage der Platte durch den Spiegel wird für Kracht wohl wenig Folgen haben. In Afrika, Südamerika, Nepal, oder wo er sich gerade aufhalten mag, mag ihn wenig kratzen, was die bundesrepublikanischen Spießer zu sagen haben. Sein Verlag "Kiepenheuer und Witsch" hat sich gegen die Angriffe verwehrt und eifrig zur eingeforderten Parteilinie bekannt:  der Verlag stünde doch in der Tradition „antifaschistischen und demokratischen Denkens", was auch immer das heißen mag. Schon eilen Kracht andere Medien, wie der Deutschlandfunk, FAZ, Die Welt zu Hilfe, und Diez hat einmal mehr unter Beweis gestellt, wieviel sexier es ist, ein Freigeist zu sein, als ein "demokratischer" Sittenwächter. Irgendwann wird auch diese öde Sowjetunion 2.0., dieses Faser- und Faselland zerbröseln!
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Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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