16. Januar 2013

Baselitz sieht schwarz

von Martin Lichtmesz / 2 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Uebermalen_nach_ZahlenAm Anfang stand ein Witz, und am Ende darf auch wieder gelacht werden: Vor genau hundert Jahren begann Marcel Duchamp, diverse im  Müll gefundene Trümmer zu signieren und ins Museum zu stellen. Das war, was man später gerne vergessen hat, im Grunde nicht mehr als ein nihilistischer Gag, nicht anders als der Schnurrbart, den Duchamp später der Mona Lisa aufmalte.

Ebenfalls 1913 malte Kasimir Malewitsch seine ersten schwarzen Quadrate, die allerdings gänzlich humorfrei gemeint waren, wie auch das berüchtigte, nach einem Scherz klingende "Weiße Quadrat auf weißem Grund". Damit war ein äußerster Grad der Abstraktion erreicht, der durchaus seinen Reiz hatte, sich jedoch schon im Moment der Ausführung seine eigene Sackgasse gebaut hatte.

In den folgenden Jahrzehnten stürzte sich die bildende Kunst in die permanente Revolution der Dauer-Selbstdemontage, und holzte sich damit Stück für Stück ins Nirvana, wo sie heute noch ein post-suizidales, zum ewigen Epigonentum verdammtes Fellachendasein fristet, als Witz über die Witze, Abstraktion der Abstraktionen und Zitat der Zitate von Gestern. Im Zeitalter von Charles Saatchi ist "Kunst" leider über weite Strecken eine clevere Business-Idee und ein MacGuffin, um den herum man einen lukrativen "Betrieb" organisieren kann.

Warum sie überhaupt noch als Kulturartikel mitgeschleppt und respektiert und nicht wie die ersten, nur für den schnellen Schockgebrauch bestimmten Ready-mades in die Tonne getreten wird, weiß niemand so recht. Sie trägt immer noch den löchrigen Mantel ihrer alten Würde und Sonderstellung, selbstverständlich stets mit der "ironischen Brechung" um die Ecke, was ihren Charakter als Running Gag, zu dem sie herabgekommen ist, nur noch betont.

Auch wenn alle wissen, daß der Kaiser darunter nackt ist: trennen will man sich von ihm aber auch wieder nicht, und als Banause oder als "reaktionär" gelten schon gar nicht. Man kann ja nie wissen, ob man nicht der einzige Dumme im Raum ist, der den Witz nicht verstanden hat. Wobei der Verdacht nahe liegt, daß es allen anderen auch so ergeht. Es ist ein bißchen wie mit dem Theater der vorgeblichen "Demokratie", vor allem, wenn gerade wieder Wahlkampf ist: es gibt einen Konsens des Mitspielens, des Kulissenschiebens und des Sich-Dümmer (oder Schlauer)-Stellens-als-man-ist.

Zu den bekanntesten Oberhirschen des zeitgenössischen "Kunstbetriebs" zählt der 1938 geborene Georg Baselitz, dessen Signaturnummer seit rund 40 Jahren das "Auf-den-Kopf-stellen" seiner Bilder ist.  Nun hat er laut Spiegel eine "neue radikale Schaffensperiode angekündigt":  er wolle künftig nur mehr "unsichtbare" Bilder mit rein "schwarzen Farbschichten" malen.
Dabei gehe es ihm nicht darum, etwa unsichtbare Farbe zu verwenden, sondern um die Idee, ein Bild erst im Kopf entstehen zu lassen. "Joseph Beuys hat einfach das Bild verkehrt herum an die Wand gestellt und so das Geheimnis bewahrt", erklärte der Maler. "So ungefähr stelle ich mir das vor."

Das sind Sätze, die sich fast schon von selbst parodieren. Der SpOn-Autor betont zwar vorsichtshalber, daß er selbstverständlich kein Banause sei, frei nach dem Evergreen "Das kann auch mein Vierjähriger":
Denn Georg Baselitz ist einer der größten deutschen Maler der Gegenwart, wenn nicht sogar der größte. Und nur ein Großer wie er darf alle Regeln brechen, darf sogar sein Können unsichtbar machen, weil doch jeder weiß: Es ist vorhanden. ... Jeder Witz ist hier sowieso fehl am Platz.

Verkneifen konnte er ihn sich aber doch nicht, wie der durchgehend spöttelnde Tonfall des Artikels und insbesondere sein parodistischer Schluß zeigt. Einer solchen Steilvorlage auszuweichen, wäre aber wohl menschlich zuviel verlangt. Was das vielgerühmte "Können" von Baselitz betrifft, so können seine trotz allem programmatischen Geschwätz  immergleichen Scheußlichkeiten ästhetisch nur gewinnen, wenn sie schwarz übermalt und "unsichtbar" gemacht würden. Voilà, die Pointe konnte ich nun auch nicht liegenlassen.

Der ultimative Witz an den Restausläufern der Avantgarden ist ihre Unfähigkeit, nach über einem Jahrhundert dialektischer Selbstaufhebung tatsächlich etwas Neues zu schaffen, weshalb sie immer von Neuem an denselben alten Marksteinen vorbeidefilieren, wo die Murmeltiere der De(kon)struktion und des Nichts pfeifen. Die ständige Hatz nach der "Radikalität" hat eben dazu geführt, daß sich die bildenden Künste die eigenen Wurzeln abgegraben haben. Nichts altert bekanntlich schneller als ein Avantgardist. Daß dies alles schon mal dagewesen ist, und zwar schon vor Jahrzehnten, hebt auch der Spiegel-Autor hervor:
Man könnte jetzt natürlich anmerken, dass diese Idee nicht ganz so neu zu sein scheint. Der österreichische Maler Arnulf Rainer übermalt bereits seit vielen Jahren fremde und eigene Fotografien und Gemälde. Einen Eindruck davon, wie die kommenden Baselitz-Werke aussehen könnten, vermittelt beispielsweise ein Blick auf Rainers Schwarze Übermalung von 1958, zu welcher Hermann Kern in seiner Übersicht über die künstlerische Entwicklung Arnulf Rainers anmerkt, bei diesem Werk entstehe "der komplexe Lustgewinn aus einerseits dem Lustmord an dem zu übermalenden Bild, andererseits der Befriedigung des Schöpfertriebs durch Schaffung eines neuen organischen Ganzen. Das Übermalte kann zwar anschließend in den meisten Fällen nicht mehr gesehen werden, es lebt jedoch als höchst wichtiger (und keinesfalls beliebiger) Bestandteil des endgültigen Bildes dadurch weiter, dass es durch seine Eigenart den Vorgang des Übermalens gesteuert hat." Und selbst, wenn Baselitz einen ganz anderen theoretischen Ansatz verfolgen sollte - bei seinen "Experimenten mit schwarzen Farbschichten" könnte ihm Kollege Rainer sicherlich wertvolle Tipps geben.

Arnulf Rainers Übermalungen fielen im Jahre 1994 ihrerseits einer Übermalung zum Opfer: Ein Unbekannter war in sein Wiener Atelier eingedrungen, hatte die dort vorhandenen Bilder zur Gänze schwarz übermalt, und zusätzlich eines mit einem abgewandelten Zitat aus der Autobiographie eines bekannten gescheiterten Künstlers versehen: "Und da beschloß er Aktionist zu sein."

Dieser Fall ist Thema des legendären Dokumentar-Essays von Lutz Dammbeck, Das Meisterspiel (1998), einem Pflichtfilm für alle, die sich für den Komplex "Kunst und Politik", respektive "Kunst und Macht" interessieren. Die Spuren des Täters führten nach einem Hinweis Rainers in die rechte Szene Wiens, insbesondere zu seinem früh durch Selbstmord verschiedenen Schüler Christian Böhm-Ermolli, einem Fabeltier in der Binnengeschichte der "Neuen Rechten".

Dieser wird auch verdächtigt, das anonyme "Bekennerschreiben" verfaßt zu haben, das etwa ein Jahr nach der Tat bei der Polizei eintraf: ein kenntnisreiches, geschliffenes Manifest, das scharf mit den auflösenden und destruktiven Tendenzen der modernen Kunst abrechnete. In dieser Perspektive war der Akt der Übermalung der Übermalung eine Art "Negation der Negation": die Moderne sollte mit ihren eigenen Mitteln aufgehoben werden. Vielleicht war die Tat auch verwandt dem Akt der "Schwärzung" in der Alchemie, dem symbolischen Tod, der der geistigen Wiederauferstehung voran geht.

Dammbecks Film verfolgt aber noch eine andere These: ob nicht Rainer selbst der Täter und sogar der Verfasser des Manifests gewesen sein könnte. Er selbst war es nach Aussage eines Mitarbeiters gewesen, der nachträglich die übermalten Bilder in seinem Atelier nach dem Muster eigener früherer Werkgruppen aus den frühen Fünfziger Jahren arrangierte. Er soll als Entschädigung für den Anschlag auch nicht unbeträchtliche Versicherungsgelder kassiert haben.

Auch dieses Geheimnis "bleibt bewahrt."

Meisterspiel
Bilder: Screenshots aus "Das Meisterspiel" (hier bestellbar). Von links oben im Uhrzeigersinn: Rainers 1994 übermalte Bilder, Rainer-Werkgruppe "Reduktionen" (1952), Foto von Christian Böhm-Ermolli, der junge Arnulf Rainer neben einem leeren Bilderrahmen.

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (2)

Frieder
16. Januar 2013 09:43
Einem Gerücht zufolge soll der berühmte italienische Künstler Piero Manzoni 1963, kurz vor seinem Tod, nur noch bei tiefster Dunkelheit den Kackstuhl aufgesucht haben, um seine Kunstwerke auch für sich unsichtbar zu machen. Piero Manzoni war 1961 berühmt geworden, als er seine eigenen Exkremente in Dosen abgefüllt und als „Künstlerscheisse“ – „merda d’artista“ – verkauft hatte.
Nachdem Günter Grass auch die „letzte Tinte“ ausgegangen ist, schreibt er nur noch unsichtbare Texte…
http://altmod.de/?p=2424
Weltversteher
16. Januar 2013 10:23
Ich verstehe nicht recht, worüber zu debattieren wäre. Laßt uns über Kunst - reden, wenn es sein muß, und nicht über ihre Abwesenheit. Auch heute gibt es noch Künstler. Zu vermuten, sie wären nicht vorhanden, bedeutet, den Blickwinkel des Systems zu übernehmen. Wozu?

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