Ellen Kositza und Siegfried Suckut über "Volkes Stimmen"

von Nils Wegner / 12 Kommentare

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

suckutIst das der Pegida-Ton? "Die da oben" und "Wir da unten"? Sezession-Literaturredakteurin Ellen Kositza begibt sich in ihrer neuen Buch-Video-Rezension in das Spannungsfeld zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung, zwischen Staatsmedien und Lückenpresse - und findet "Volkes Stimmen".



Denn Kositza hat sich in den vergangenen Tagen mit der akribischen Arbeit des DDR-Spezialisten Siegfried Suckut auseinandergesetzt. Dessen neues, aufsehenerregendes Werk Volkes Stimmen vermittelt einen intimen Eindruck vom sich in Zeiten ununterbrochener kognitiver Dissonanz zwischen wahrnehmbarer Realität und medienvermitteltem Zerrbild aufstauenden Unmut – und von den Bahnen, die er sich bricht.

Wer das Buch gleich bestellen will, geht hier entlang! Unten gibts den Film.

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (12)

Unke
Es gab so etwas schon einmal, laaaang ist's her. "Zum Beispiel: 42 Deutsche".
Winston Smith 78699
Man kann große Teile der SF aus der DDR als Systemkritik lesen, so etwa ab den 70ern. Dieses System hatte länger Zeit, um sich zu verfeinern, als viele andere Diktaturen. Daher konnte es vom Volk auch länger und detaillierter beobachtet und beschrieben werden. Bundesländer im Westen, die seit Menschenaltern nahezu durchgängig von derselben Partei regiert werden, zeigen ähnliche Symptome, deren Beschreibeung vielleicht nirgends komplexer und subtiler geschieht wie in der SF der DDR, noch dazu auf deutsch. Der Zensur wegen wurden wie mit Codes die eher leiseren Effekte beschrieben. Man darf zwischen den Zeilen lesen.
Der Gutmensch
... und schon wieder mit dem Fuß in fremdem Gebiet! Man möchte glatt die grauenvolle Internationale singen: "Es rettet Euch kein fremdes Wesen. Weder Schuld noch Ratz sind opportun. Euch aus der Furcht nun zu erlösen - das könnt ihr nur selber tun!"

Ich denke nicht, dass die Lektüre von Sci-Fi aus dem Osten jemandem bei der Analyse der heutigen Situation hilft. Denn die Randbedingungen, unter denen diese Kunst entstand, waren eben andere, als man sie in der Alt-BRD findet. Und so ist die Frage, weshalb BaWü eigentlich zu 30% Kretschmann gewählt hat, auch viel interessanter als die 24% für die AfD in SA. - Aber so lange man wie gebannt in den Osten starrt und dort nach Mustern sucht, wird man über sich selber nichts lernen. Man kann überhaupt nichts über sich selber lernen, wenn man gedanklich immer nur zwei Extreme ansteuert: Die Schuld - oder die Ratte. Geht woanders suchen, bald ist Ostern!
Winston Smith 78699
@ Der Gutmensch

Soweit ich weiß, ist unter Rotgrün die DDR aus den Lehrplänen der weiterführenden Schulen verschwunden. Zugleich wird die Behandlung des dritten Reichs auf eine Körperhaltung, ein Symbol, ein Gesicht und "böse" reduziert, jeder Wehrmachtssoldat ist ein "Nazi" und so weiter - eine Perspektive wie von Ungebildeten jenseits des Atlantik. Und das soll kein System haben? (Wenn man das letzte Jahr Revue passieren läßt?)

Zu meiner Schulzeit wurde noch der Spruch gelehrt, dass die Nazis wie ein gutes Steak seien (außen braun und innen rot). Ein paar Jahre später wurde das "rot" in Schulen schon mit "blutig" entschlüsselt. (Das soll keine gewollte Verdummung sein?) Von dem kleinen See und seinem überdimensionierten Artikel in der Sowjetenzyklopädie weiß kaum mehr jemand, während Laschet und andere schon munter damit begonnen haben, die Vergangenheit des letzten Sommers falsch zu erzählen. Orwell und Huxley waren verbindlicher Schulstoff und sind nun verschwunden. (Die Schweine führen ja den Spruch von Ignazio silone vor, und das geht gar nicht ... ) Ich könnte die Liste noch viel länger machen. Das war zu meiner Zeit wohl eine Interpretation der Maxime "Bildung nach Auschwitz" und "nie wieder", mit der ich leben kann. Es gab ab der Mittelstufe im wesentlichen zwei Themen. Das war wirklich nervig, aber seit ein paar Jahren weiß ich, was das sollte.

Während angeblich immer mehr Akteneinsicht verlangt wird, will man heute solches Wissen und dessen Anwendung (durch Transfer) abwerten und die DDR vergessen machen.

Kositza nutzt hier Irritation, einen historischen Spiegel und dadurch ein wenig Verfremdung und ist sich nicht zu schade, ein Buch aus einem anderen Verlag zu bewerben. Dahinter steht offenbar ein ehrliches Bemühen, Erkenntnis zu verbreiten und zum Selbstdenken anzuregen, was wiederum zeigt, welche gegenwärtige und welche zukünftige Leserschaft angesprochen werden soll.
Gustav Grambauer
Die DDR war nicht reformierbar, mit allen tragischen Konsequenzen der Entartung. Aber wir wußten, daß es keine Millisekunde ein Machtvakuum in Europa geben würde. Die DDR war ein Bollwerk gegen den Aufmarsch der NATO in der Ukraine und gegen noch manches andere.

Gut, daß wir damals nicht von Kreativitäts-, Humanismus-, Emanzipations- oder sonstigen Spleens befallen waren: wir waren Militärs und haben es ertragen, im Angesicht des Untergangs auf verlorenen Posten gestellt zu sein. An den "Schiffbruch"-Aphorismus von Dávila muß ich hier nicht erinnern. Noch vor dem Schiffbruch habe ich den Volksschauspieler Erwin Geschonnek einmal in der Sauna, als die Rede auf Günter Mittag kam, laut anheben hören "Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord ...".

Gab es irgendeine Phase in der deutschen Geschichte der Neuzeit, in der die "Kommunikation" nicht gestört war? Ich finde, in der bodenständigen, komplexitätsreduzierten DDR war sie vergleichsweise noch am allerwenigsten gestört.

Es wird uns heute auf allen möglichen Ebene allerhand "Freiwilligkeit" suggeriert. Das heutige System braucht diese "Freiwilligkeit". Sie wird für den Osten nicht zuletzt unter Anwendung aller möglicher massenpsychologischer Manipulationen mit Bezugnahme auf 1989 hergestellt. Diejenigen, die damals das westliche System nicht wollten und es seither durchweg ablehnen, haben eine Möglichkeit des Widerstands, die alle anderen nicht haben. Sie können über die "Sozialadäquanz"-Doktrin des "BVerfG" hinweg - innerlich und nach außen hin - sagen: "diesem Gesellschaftsvertrag habe ich 1989 / 1990 nicht zugestimmt, somit bin ich den damit gegebenen Zudringlichkeiten im Alltag nur unter Nötigung ausgesetzt. Es ist nicht mein Karma. Grundsätzlich und bei allen äußeren Verstrickungen ist mir dieses System nichts schuldig und ich bin ihm nichts schuldig." Diese innere Freiheit wird sich als Hochgenuß herausstellen. Das System hat Angst davor, daß sie sich unter den DDR-"Betonköpfen" herumspricht, u. a. deshalb die Kanalisierung des Massenbewußtseins mit "Aufarbeitungs"-Industrie (und andererseits wo zu heiß: Schweigespirale), Delegitimierung, penetranter Verhöhnung, Haltet-Den-Dieb-Spielchen und moralischer Überhebung als Hort des smarten Open-Society-Bessermenschen.

Letzterer würde ja schon deshalb keinen Brief an die Obrigkeit schreiben, weil er in seiner antiautoritären Kinderwelt gar nicht merkt, in welchem Maße er von einer Obrigkeit beherrscht ist, die er nicht einmal als solche wahrnimmt. Über ihn fängt die Geschichte ja bereits an, ihr Urteil zu sprechen - und das wird im Vergleich mit den DDR-Hardlinern noch lustig.

Es gab eine Verständigung der - tatsächlichen - Insider darüber, das Herrschaftswissen aus der DDR mit ins Grab zu nehmen. (Ich habe das Motto "Jeder stirbt für sich allein" erstmals 1986 gehört, 1989 war dann von der "Sprachlosigkeit des Politbüros" die Rede usw.) Damals hätten wir niemals geglaubt, daß die das in ihrer alten Geschlossenheit so konsequent durchhalten würden. Selbst der als Nestbeschmutzer geltende Schabowski, der von denen mit seiner Ader für Zuspitzung und Dramatik noch die interessantesten Insider-Bücher geschrieben hat, hat eigentlich nur lauwarme Luft verströmt, von Markus Wolf mit seinen vier oder fünf Nebelkerzen-Autobiographien ganz zu schweigen. Manchmal konnte man in den 90er Jahren den Eindruck haben, die Die PDS wäre nur als riesengroße Nebelmaschine aufgebaut worden. Und dann kommt ein "Insider" aus Mannheim und reaktiviert pfiffig das Genre der in den 90er Jahren stapelweise in den Bertelsmann-Buchclubs liegenden "Briefe-an-die-Obrigkeit"-Bücher

http://www.zvab.com/Meckerecke-Nation-Briefe-Fernsehen-DDR-Merkel/9817703846/buch
http://www.zvab.com/Bürger-Bitten-Behörden-Geschichte-Eingabe-DDR/10486709042/bd
http://www.christoph-links-verlag.de/index.cfm?view=3&titel_nr=142
http://www.rosalux.de/publication/15592/buerger-bitten-und-behoerden.html
https://www.uni-marburg.de/fb03/euroethno/institut/ma/merkel/publtexte/briefeandasferns.pdf
http://www.springer.com/de/book/9783531123769

nicht zufällig gerade jetzt wo das dunkeldeutsche Pack unberechenbar wird und mit allen Mitteln im "Dialog"-Modus gehalten werden soll???

Und übrigens: die "Erfassungsstelle Salzgitter" ist wieder da. Ich hätte sie symbolisch in Salzwedel angesiedelt.

http://www.afd-allgaeu.de/22-.-12-.-2015-Erfassungsstelle-Salzgitter.htm

- G. G.
Carsten
Da möchte ich auch einen Buchtipp loswerden: Stephan Wolle, "Die heile Welt der Diktatur", m.E. gibt es kein Besseres Buch über die DDR.
Der Gutmensch
Also - diese Kommunikation hat etwas zunehmend Surreales, Herr Winston Smith - nur irgendwie ohne Erkenntniszuwachs!

Frau Kositza sagt, sie kennt Schmähschriften aus eigenem Erleben. Zöge sie sich den Schuh immer an, so wäre sie schon längst vor Angst gestorben. Es ist also mehr als unwahrscheinlich, dass sie die Wortwahl irgendwie schockieren sollte, ich befürchte leider, sie hat sich schon viel Schlimmeres anhören müssen, so dass sie wohl zum einfachen Schluss gelangt sein wird: Schimpfen und andere in die Pflicht nehmen tun die Leute immer, ob man nun tatsächlich etwas falsch macht oder - oder auch nicht.

Nun ist die Situtation ja insofern anders gelagert, als der K&K-Haushalt eben nicht der allgemeinen Verantwortung steht. Wenn also dort irgendwelche wilden Schmähschriften gelöscht werden (und ich hoffe doch sehr, dass das geschieht), so ist das nicht arrogant, sondern es fällt unter die Rubrik "notwendiger Selbstschutz."

Wenn aber die Inhaber von Macht Schmähschriften mißachten, so kann das schon zu einem Problem führen; Frau Kositza redet von der "Arroganz der Mächtigen", die vor ihrem Fall kommt.

Nur hätte Suckut natürlich nichts zum Abschreiben gehabt, wären die Bürger und ihre Schmähschriften so übergangen worden, wie man sie im Haushalt K&K (hoffentlich) übergeht. Stattdessen hat man diese Pamphlete auch noch gesammelt; wer tut denn sowas und weshalb? Aber welche Schlüsse man auch immer daraus gezogen haben mag, welche Konsequenzen das im einzelnen vielleicht hatte - am Ende ist die Rechnung nicht aufgegangen, Feierabend.

Zur Wahrheit gehört auch, dass das Eingabewesen der DDR, wiewohl nicht rechtsstaatlich, von den Bürgern durchaus genutzt wurde und dieser Weg - natürlich in sehr engen Grenzen - auch keine schlechten Erfolgsaussichten hatte http://www.bverwg.de/bundesverwaltungsgericht/geschichte/50j/festvortrag.php.

Die Erfolgsquoten beim Beschreiten des rechtsstaatlichen Verwaltungsgerichtswegs sind demgegenüber bescheiden. Aber es gibt noch verschiedene andere Wege, beispielsweise Petitionen etc.pp. Eine ganze Welt voller demokratischer Möglichkeiten.

Die Frage, weshalb es die einen immer noch gibt und die anderen nicht mehr, ist überdies bereits offiziell wissenschaftlich beantwortet. Die DDR war eine Diktatur.

Ich verstehe nicht mal Ihre Anmerkung mit dem kleinen See, da können Sie mal sehen wie recht ich habe - Kommunikation ist ein Kampf, den man heute nicht mehr gewinnen kann.


d. G.
Rumpelstilzchen
Volkes Stimmen

Unterschiede und Ähnlichkeiten

Ich bin jetzt vierzig Jahre alt und habe nicht mehr so viel Zeit, abzuwarten, bis mal irgendwann einer kommt und mir ein Stück Freiheit schenkt. ich will nicht mehr im Fernsehen sehen, wie es in Griechenland aussieht, wenn Herr Aurich als FDJ-Chef an der Akropolis steht. Ich will Italien, Frankreich und auch Griechenland sehen können ohne die Fernsehumrahmung.


Ich ertrage es nicht mehr, eine DDR-Zeitung zu lesen, einen DDR-Sender zu hören, über total zerlöcherte Straßen zu fahren, auf denen die so lange erwarteten Autos, für die es nicht mal genug Ersatzteile gibt, noch schneller zerfallen.


Maria S., DDR , September 1987


Die Gesellschaft der DDR ist mir zutiefst fremd, die Fremdheit isoliert mich und macht mein Leben brüchig und unglücklich. Ich erlebe diese Fragwürdigkeiten als persönliche Qual. Aus einem gewissen Pflichtgefühl heraus, teilweise auch aus Angst und Inkonsequenz, habe ich lange versucht, mich in das Gesellschaftsgefüge der DDR zu integrieren. Dies ist mir nicht gelungen.
Ich kann und will mich nicht gedankenlos gesellschaftlichen Umständen unterwerfen. Ich will mein Leben nicht gegen eine Existenz eintauschen und meine Freiheit nicht gegen Sicherheit.


Frank K, Halle, Februar 1989


Im Kindergarten und in der Schule wird eine einseitige Erziehung verordnet. Individuelle Aktivitäten oder Gruppenaktivitäten, die nicht gleichmacherisch massenorganisiert werden, erstickt man im Keime. Detaillierte, unkommentierte Informationen über Geschichte, Alltag, Weltpolitik werden dem gemeinen Volk in den Medien vorenthalten. Erstrebt wird ein charakterloser Durchschnittsmensch als gedankenloser Mitläufer, der sich in sein bescheidenes Schicksal fügt, letztlich als Arbeitender noch der Macht für ihre ach so weise und allwissende Politik zu danken hat.


Thomas W. Dresden, 1987


Die Entmündigung eines ganzen Volkes wird mit einer Perfektion betrieben, die sicher einmalig auf dieser Welt sein dürfte. Nicht Hunger und Not treiben viele Menschen zu dem Entschluß dieses Land zu verlassen, sondern das immer wieder vor Augen geführte Bewußtsein, ein Nichts in der alles zermalmenden Weltrevolution zu sein.

Gabi L. Weimar, 1988

Obwohl ich mündig und auch nicht vorbestraft bin, habe ich in der DDR keine Chance, einen Reisepaß zu erhalten, dadurch fühle ich mich entmündigt, eingesperrt und als Mensch deklassiert. ..ich möchte nicht in einem Staat leben, in dem Menschen, nur weil sie frei sein wollen, in Gefahr laufen, eingesperrt oder gar getötet zu werden. Die Ungewißheit, die psychische Belastung durch das Ausreiseverfahren erleide ich ja persönlich, und ich kann es gut verstehen, daß es Menschen gibt, denen der Versuch, die Grenze illegal in westlicher Richtung zu passieren, als letzter Ausweg erscheint.

Frank, Halle, 1988


Quelle, Die Ausreisebewegung aus der DDR, Berichte-Dokumente-Kommentare, Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, Frankfurt, Deutsche Sektion, 1989
Der Gutmensch
Liebe Sezession,

stimmt etwas an meinem Kommentar nicht? Ich habe das nicht abwertend gemeint, sondern nur etwas beschrieben, das weder auf die Herangehensweise von Frau Kositza beschränkt, noch gar ihre Schuld ist.

Das Durchsuchen der Hinterlassenschaften der DDR wie ein Grabräuber ist m. E. eben sinnlos. Wie Gustav Grambauer sagte - wer da womöglich noch etwas mehr wusste oder noch weiß, der wird ohnehin nichts sagen. Ich habe mal ein Interview mit Margot Honecker gesehen; da wurde das wirklich deutlich! Was derjenige erzählen könnte, wäre am Ende ja doch nicht kommunizierbar, weil wir nun eben in einem ganz anderen Koordinatensystem leben. Da lebt kein Wort, kein Begriff mehr, der nicht in diesem Sinne gewandelt wäre und es liegt in der Natur der Sache, dass es da auch keine sinnvolle Übersetzung geben kann. Der Paradigmenwechsel ist abgeschlossen, aus die Maus!

Ich kann mir daher auch irgendwie zusammenreimen, dass es einen tatsächlich irritieren kann, wenn man - wie zur Safari gekleidet - in den Osten fährt und dort auf Menschen trifft, die in ganzen, grammatikalisch richtigen Sätzen sprechen und sich daran erinnern, dass ihnen dieselbe Frage bereits einmal gestellt wurde - und die sich dabei auf der Straße versammeln, obwohl ihnen das niemand erlaubt, sondern es bloß notgedrungen genehmigt hat. Und dann auch noch diese unmodernen Anoracks und diese ganze Ärmlichkeit! Dabei kann man sich ja nicht wohlfühlen. Vor allem wenn man einfach nicht versteht, was die denn da eigentlich reden, weil einem die Kategorien dafür fehlen.

Und diese Kategorien fehlen ja ganz offensichtlich und kein durchkommerzialisiertes, kaltes Interesse kann darüber hinwegtäuschen: Fehlten diese Kategorien nämlich nicht, hätten niemals hoch offizielle Wertungen wie "Pack" oder "Mischpoke" oder "Unmenschen" Fuß gefasst. Niemand hätte sowas geschrieben oder gesendet, jeder hätte noch einmal erschrocken nachgefragt, ob es sich da nicht vielleicht um einen etwas unbedachten Impuls gehandelt hat? Das ist das Interessante, das Neue - wie man völlig im Ernst "oben" über "unten" denkt und spricht. Nicht - umgekehrt; dass sich die Leute über ihre Vertreter ärgern, ist ja nun wirklich schon immer so gewesen, besonders in der BRD! Wem wurde denn 1990 eigentlich nicht stolz berichtet: Hier, bei uns in der Freiheit - da darfst Du endlich alles meinen, was Du willst, sogar das der Kohl ganz doof ist!

Da gabs dann wohl ein Missverständnis. Und so ist die innere, die gemeinsame Heimat dieser Menschen im Osten heute wohl eben nicht mehr nur unten, sondern modert schon längst verloren als Vineta auf dem Meeresgrund.

Die Entscheidung für eine andere Gesellschaft, in der ausdrücklich keine gemeinsamen Traditionen mehr gelebt werden, sondern man stets auf neue Impulse von außen angewiesen ist (ja, Sie haben richtig gehört, liebe Migranten), ist schon längst gefallen, wie man uns jeden Tag aufs Neue verkündet. Wir sind nämlich alle doof, die wir das nicht rechtzeitig mitbekommen haben. Na - dann ist das wohl so.

d. G.
Milarepa
Danke für die Buchempfehlung "Besichtigung des Schlachtfeldes."
Bin fast in der Badewanne erfroren.
Winston Smith 78699
@ Der Gutmensch

Wir sind nämlich alle doof, die wir das nicht rechtzeitig mitbekommen haben.


Meinen Sie das ernsthaft, meine Liebe, oder als Futur-III-Vorwegnahme der zu erwartenen Häme im zynischen Rückblick der großen Deuter?

Gemerkt, dass etwas nicht richtig läuft, habe ich anno '93 und danach nur immer wieder anhand von Kleinkram, und so richtig heftig, dass etwas massiv faul sein muß dann anno 2001 (in keinen Zusammenhang mit irgendwelchen Türmen). Beides hätte ich vor fünf Jahren noch nicht in den jetzigen Katastrophenfilm einordnen können. Damit ich alles hinterfragte, hat es mich seit 8 Jahren noch mehrfach ganz arg persönlich erwischen müssen wie ein Chain-Punch, so dass kein Gleichgewicht mehr zu kriegen war.

https://www.youtube.com/watch?v=pf0aNjj5zik

Vielleicht bin ich ja ein selten doofes Exemplar. Welch analytische oder prophetische Leistung erwarten Sie eigentlich von den Leuten, die noch ihre Bausparverträge und Beamtenpensionen verherrlichen und minutenlang den (gesprochenen, nicht spielerischen) Weisheiten eines Jerome Boateng lauschen, ohne auszurasten? Sollen die Deutschen jetzt schon wieder an was schuld sein, diesmal weil sie zu brav und doof sind, oder was?
Winston Smith 78699
@ Gutmensch

Zum kleinen See: Berichtigung. Ich habe in der Schule eben noch gelernt bzw. erinnere dunkel, dass die Löschung einer Person aus der Enzyklopädie einen kleinen, unbedeutenden See berühmt gemacht hat, der zu diesem Zweck dann auch bestens erforscht worden ist. Hier ist aber von der Beringstraße (wegen Beria) die Rede:

https://en.wikipedia.org/wiki/Great_Soviet_Encyclopedia#Damnatio_memoriae

https://de.wikipedia.org/wiki/Zensur_in_der_Sowjetunion#1953_bis_1966

Vielleicht war das unrichtig vom Lehrer erzählt. Aber im Prinzip war der Hinweis auf die Praxis der Geschichtsfälschung richtig. In der Schule! (Die logisch zwingende Anschlußfrage, in welcher von Siegern geschriebenen Geschichtsillusion denn dann wir gerade steckten, verkniff ich mir aber lieber. )

Armin Laschet erzählte bereits im November und in einer Situation, in der ihm keiner widersprechen konnte oder wollte, dass die Kanzlerin die "Flüchtlinge" ja gar nicht eingeladen hatte - das seien doch die begeisterten Leute auf den Bahnhöfen gewesen. Von dieser Sorte der Vergangenheitsberichtigung gab es noch mehr - und besonders viele Beispiele dann bezüglich der Silvesternacht. Bei Derartigem sträuben sich mir die Nackenhaare, weil es noch viel Übles in die Welt hereinlassen und dann aus der Geschichte verschwinden lassen kann. Im vergreisten Deutschland hilft leider das Gedächtnis des Internets auch nicht so recht dagegen.

Ich finde das übrigens gut, was Frau Kositza da macht, nur dass wir uns da nicht mißverstehen. Man hätte es für meinen Geschmack sogar noch etwas spielerisch irreführender aufziehen können, aber wer weiß, wieviele dann vorzeitig abschalten und mit der Fehlinformation rausgehen.

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