11. August 2016

Islam bei Sansal: Das Ende der Welt

von Götz Kubitschek / 11 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Französische Intellektuelle haben Ende Juni in der linksliberalen Tageszeitung Libération einen Aufruf veröffentlicht, mit dem sie vor dem radikalen Islam warnten und als Gegenmittel mehr »kulturellen Widerstand« und »republikanische Strenge« forderten. Unterzeichnet hat den Appell auch der algerische Schriftsteller Boualem Sansal (* 1949), der in französischer Sprache schreibt, mit seiner Familie aber bei Algier lebt. Das ist kein Zuckerschlecken:



Die Stelle eines hochrangigen Beamten im algerischen Industrieministerium verlor Sansal nach der Veröffentlichung seines ersten Romans (Der Schwur der Barbaren, 1999). Außerdem warnt er vor der Pervertierung des Islams. So äußerte er 2011 in einem Interview, diese Religion sei »ein furchteinflößendes Gesetz geworden, das nichts als Verbote ausspricht, den Zweifel verbannt und dessen Eiferer mehr und mehr gewalttätig sind.« Die Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und das Rockkonzert im Bataclan-Theater bewertete er als Konsequenz aus dem Streben des radikalen Islams nach Totalität und Weltherrschaft. In Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert (2013) faßte Sansal seine Kritik zusammen.

Wie das Leben nach dem Sieg eines totalitären Islams sein könnte, schildert Sansal in seinem 2015 erschienen Roman 2084. Das Ende der Welt (der Titel ist natürlich eine Anspielung). Die deutsche Übersetzung erfährt dieser Tage ihre fünfte Auflage, und in Frankreich wurde 2084 bereits im Oktober des vergangenen Jahres mit dem Grand Prix du Roman ausgezeichnet – der Roman ist nach Michel Houellebecqs Unterwerfung binnen eines Jahres der zweite französisch-literarische Blick in eine islamische Zukunft.

Die Unterschiede sind jedoch enorm: Während bei Houellebecq eine gemäßigte Variante des Islams in Frankreich zur Macht kommt, die das Land mit sanftem Druck und finanziellen Anreizen umbaut, ist es bei Sansal eine radikale, totalitäre, entmündigende und ahistorische Religion, die jeden in ein Korsett aus Regeln, Strafen, Denunziation und Beginnlosigkeit einschnürt. Es fallen nirgends die Namen Allah oder Mohammed, auch die Begriffe Koran, Sure oder Scharia tauchen nicht auf; aber es besteht kein Zweifel, daß die Religion im Roman sich die sture Geistferne eines radikal-politischen Islams zum Vorbild nimmt.

Die Hauptfigur Ati ist vielleicht dreißig Jahre alt. Ati glaubt an Yölah, den Allmächtigen, und an dessen Gesandten Abi, und sein Leben vollzieht sich langsam, im Wartezustand, vorzivilisiert. Man arbeitet und betet, nichts ist privat, jeder ist Spitzel und Denunziant, und die Selbstkritik ist eine lebensgefährliche Pflicht, die nicht selten zur grausamen, gottesdienstähnlichen Hinrichtung im Stadion führt.

Das »Leben« wird an sich vergeudet, aber das sieht niemand so, denn entweder wissen die Leute nicht mehr, daß es auch anders sein könnte, oder sie zucken vor der Vorstellung, daß es da eine Entfaltungsmöglichkeit geben könnte, zurück wie eine Hand vor einer glühenden Türklinke. Ati aber öffnet die Tür, in Etappen, schwankend. Hin: »Was sein Geist verwarf, war nicht so sehr die Religion als vielmehr der Druck, den sie auf den Menschen ausübte«, her: »Er fand die Freude wieder, zu glauben, ohne sich Fragen zu stellen«, und dann doch die Gewißheit, »daß der Mensch nur in der Revolte und durch die Revolte existiert und sich entdeckt«.

Und so kommt es dann auch: Ati und sein Freund Koa revoltieren. Sie entdecken die Ghettos einer vorgläubigen, untergegangenen Zeit, sitzen in Räumen, die nicht bis auf einen Gebetsteppich geleert sind, sondern vollgestopft mit Sesseln, Geschirr, Bildern und Büchern, und sie trinken Kaffee und essen echtes Obst und Gemüse, und nicht mehr den mit Psychopharmaka versetzten Einheitsbrei.

Geht es voran mit den beiden? Stoßen sie etwas an? Oder gehören sie als geduldete Gegner und Querschläger zur Systemstabilisierung, weil dieses System lieber ein paar Abtrünnige bekämpft, die es selbst in die Welt stellte? Der Roman antwortet fragmentarisch, verworren. Ati und Koa versuchen, ins Zentrum der Macht vorzustoßen, aber da ist kein Gegner, sondern ein gigantisches Gebäude, ein riesenhafter Apparat, dem nicht beizukommen ist. Das Aussichtslose eines jeden Aufstands sichert die Macht nicht minder effektiv als die wachsame Grausamkeit der Spitzel.

Es bleibt – Resignation: »Was tun, wenn man beim Betrachten der Vergangenheit die Gefahr auf jene zurasen sieht, die uns in der Geschichte vorausgingen? Wie soll man sie warnen?« Das fragen wir uns heute auch, nicht wahr? Was tun? »Man wird seine Forschungen fortsetzen, davon überzeugt, daß sie eines Tages nützlich sein werden; wenn die Menschen guten Willens fähig sind, sich gegenseitig zu erkennen und zu mobilisieren, werden sie das Material finden, das man so mühsam gesammelt hat.« So eine kleine, blinde Hoffnung kann nur ein Intellektueller formulieren. Was soll er auch sonst tun?

+ Boualem Sansal: 2084. Das Ende der Welt, Gifkendorf 2016. 288 S., 24 € – hier einsehen und bestellen!

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (11)

danske
11. August 2016 17:09
...ich bin mir mehr als unsicher, ob das sich ständige Konzentrieren auf den negativen Ausgang der Situation in Europa lohnt. So gerät die Rechte lediglich in eine Problem-Trance und macht sich deren Problem-Koordinaten zu eigen.

Vielmehr wäre es mehr als dringend wünschenswert, wenn die Rechte sich darauf konzentrieren könnte, was sie denn erreichen will, nicht nur als Negation ("den Austausch verhindern"). Dann könnte man ja auch versuchen, in diese Richtung zu gehen.

Aber offensichtlich fehlt leider der Mut und die Fantasie für einen eigenen Weg.

In diesem Sinne, macht doch mal anderes...
Gustav Grambauer
11. August 2016 17:43
"Was tun, wenn man beim Betrachten der Vergangenheit die Gefahr auf jene zurasen sieht, die uns in der Geschichte vorausgingen?"

Hihi, hoffentlich stößt die breitere Öffentlichkeit dabei nicht auf die köstlichste Delikatesse, das Kaiserliche Dschihad-Büro mit Max v. Oppenheim, dem Antipoden Lawrences v. Arabien:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nachrichtenstelle_für_den_Orient
https://de.wikipedia.org/wiki/Max_von_Oppenheim

- G. G.
Sokrates
11. August 2016 17:57
Ich würde ergänzend noch den ebenfalls gesellschaftskritischen Gegenwartsroman „Erdenend – Das Ende der Welt“ des Berliner Schriftstellers Matthias Grau empfehlen. Dort unternimmt ein in Paris lebender Deutscher eine Weltreise durch die Schweiz, Österreich, Ungarn, Russland, Japan, USA usw. Die Begegnungen die er dabei macht, sind in dem Buch wiedergegeben, und es berührt tatsächlich aktuelle politische Themen, wie beispielsweise die Krise um die Ukraine und die Krim sowie deren Hintergründe, oder die Verbrechen der USA, die ich bisher noch nirgendwo so vollständig aufgezählt gesehen habe, und die auch zur derzeitigen Flüchtlingskrise geführt haben. So ergibt sich ein guter und interessanter Überblick über den Stand der menschlichen Zivilisation. Wirklich sehr lesenswert!
W.Wagner
11. August 2016 20:38
Auf @danske antwortend: Zu empfehlen ist hier der neue Aufsatzband - mit alten, teils überarbeiteten Aufsätzen - von Hans-Dietrich Sander: Der ghibellinische Kuss. Arnshaugk 2016. Keine "Problem-Trance" sondern Ideen zum eigenen Weg ...
Konservativer
11. August 2016 21:36
@danske

Machen Sie sich, wenn bei einer Sturmflut die Deiche brechen, etwa Gedanken über "schöner wohnen im Eigenheim" oder "wie schneide ich meine Hecke richtig"?
Stogumber
11. August 2016 21:49
Jeder, auch Sansal, hat das Recht, sich seinen privaten Angstgegner auszusuchen und sich dessen totalitäre Diktatur auszumalen. (Man denke an "The Handmaid's Tale", wo Margaret Atwood von einer christlich-konservativen Diktatur fantasierte.)
Aber in Algerien waren die Muslimbrüder Opfer, bevor sie überhaupt Täter werden konnten - Opfer einer brutalen Unterdrückung. Die algerischen Islamisten haben keinen Grund, an die Möglichkeit einer freiheitlichen Demokratie zu glauben. Und da wüsste ich gerne, wieweit Sansal an diesem Unterdrückungsapparat mitwirkte.
ulex
11. August 2016 23:18
@danske

Naja, Negation und Dagegensein ist schon eine mächtige Triebfeder - finde ich. Vor allem kann und sollte dies auch verbindend sein und Brücken bauen bei denen, dies sich sonst gern in sektiererischen Ghettostreitigkeiten erschöpfen.

Aber recht haben Sie natürlich wenn wir von der hiesigen mitteldeutschen Situation ausgehen, wo man in weiten Teilen des Landes relative (wenn auch nicht absolute) Mehrheiten erringt bzw erringen kann. Hierzulande stellt sich in der Tat die Frage, dass man gezwungen ist evtl sogar konkrete Verantwortung zu übernehmen - auf jeden Fall aber eigentlich mal Impulse setzen müsste, wie "alternative Politik für Deutschland" in der Praxis ausschauen könnte.

Hier kommt mir in der Tat von allen potentiell Beteiligten zuwenig.
cherusker69
11. August 2016 23:26
tja das "was tun beschäftigt wahrscheinlich jeden von uns. Jeden Tag geht einem dieser Gedanke durch den Kopf.Ich will mir das "danach" überhaupt nicht erst vorstellen. Ich denke das es einfach von der Bevölkerung so hingenommen wird..Wichtig ist das eine Denkfabrik wie diese hier übrig bleibt um die Glut am Leben zu erhalten. Sind meine Gedanken zu düster oder beschreibe ich es so wie es kommen wird? ich will mich nicht damit abfinden !
Simplicius
12. August 2016 00:22
@ danske

Vielmehr wäre es mehr als dringend wünschenswert, wenn die Rechte sich darauf konzentrieren könnte, was sie denn erreichen will, nicht nur als Negation („den Austausch verhindern“). Dann könnte man ja auch versuchen, in diese Richtung zu gehen.
Aber offensichtlich fehlt leider der Mut und die Fantasie für einen eigenen Weg.
In diesem Sinne, macht doch mal anderes…


@ danske

Machen Sie Witze? Was wollen denn Sie für einen Sinn vermitteln?

Meinen Sie als Sinn, selber eine Familie gründen und vorbildhaft "deutsch" leben? – In Ordnung. Doch das reicht nicht. Zwar sind hier Mut und Fantasie gut einsetzbar und hilfreich, aber auch Durchhaltevermögen und Disziplin sind gefragt.

Selbst wenn Sie darüber hinaus ein höheres(?) Ziel für „einen eigenen Weg“ innerhalb Deutschlands - und darum geht es ja - aufzeigen könnten, müssten Sie doch heutzutage in allererster Kampf-Linie versuchen, den gerade stattfindenden, irreversiblen, tsunamiartigen Austausch zu verhindern.

Und das geht halt nicht anders, als den Volksmordpolitikern und –meinungsmachern irgendwie in den Arm zu fallen, das Ruder aus der Hand zu nehmen, um dann umsteuern zu können. - Derzeit kommen wir an die Typen aber nicht ran. Ist leider so. Wir können nur trainieren und geistigen Widerstand leisten und auf die Stunde warten. Das ist für den einzelnen nicht wenig.

Oder, in welche "Richtung" wollen Sie denn gehen? - Nach Ostpreußen? Verlorenes Land.
danske
12. August 2016 08:04
...na, hier fühlen sich wohl einige ertappt und schmollen.

1. Danke für den Literaturtip, werde ich aufgreifen.
2. Ich bin mit aktiv dabei, seien Sie versichert.
3. Ich meine damit die geistige Konzentration auf Lösungswege und deren Ausprobieren. Es muss nicht immer gleich der große Knall sein. Aber das Mitwirken bei ein-prozent wäre ein Anfang....das ewige Analysieren wird Ihnen die Angst auch nicht vertreiben, im Gegenteil. Angst erzeugt Angst, sonst nix.

Schön, dass ich Ihnen einen Denkanstoß liefern konnte. Danke.
Götz Kubitschek
12. August 2016 09:09
finito.
gruß! kubitschek

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