29. November 2016

Szene-Kaleidoskop IV: Lessing, Lästige, Liberalenghetto

von Nils Wegner / 14 Kommentare

»Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« Was auch immer man persönlich von der Aufklärung und ihrem Kantischen Dogma halten mag: Dahinter zurück geht es wohl trotz Guénon und Evola nicht mehr. Begrüßen muß man das nicht; bedenken allemal. Eine kleine Handreichung gibt es nun gedruckt:

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Am 7. September hielt der Schriftsteller Jörg Bernig die diesjährige "Kamenzer Rede in St. Annen"; Kubitschek verwies einen Monat später aus Anlaß des Tags der Deutschen Einheit darauf. Bernigs – nach eigener Aussage – »Einmischung« ist wertvoll, weil es nicht aller Tage vorkommt, daß die absurde Weltbeglückungspolitik unserer Tage an ihren eigenen aufklärerischen Maßstäben gemessen und folgerichtig verworfen wird! Die Rede liegt in erweiterter Form und mit einigen Beigaben nun gedruckt zum Spottpreis von drei Euro vor. Bei der herausgebenden Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption derzeit vergriffen, sind bei Antaios noch rund 20 Exemplare zu haben – hier einsehen und bestellen!

In Halle hat währenddessen die Vogelgrippe Einzug gehalten und die Besetzung von "Laut Gedacht" dezimiert. Das tut der Sendung jedoch keinerlei Abbruch, denn es gibt immer genug Wunden, in die sich Finger legen lassen: Diesmal passenderweise vor allem die schillernden bunten Vögel, die die hiesige Sozialdemokratie so zu bieten hat, von Martin über Heiko bis hin zu Aydan. Bitte nicht anstecken!




Eine ganze Reihe demonstrativ liberaler amerikanischer Prominenter hatte vor der US-Präsidentschaftswahl angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs Trumps das Land zu verlassen. Nicht in Richtung Mexiko, denn so weit ging die Nächstenliebe dann doch nicht; Kanada sollte das Ziel sein. Damals hielten sie den Erfolg Hillary Clintons alle für ausgemacht.

Seit dem Wahltag ist nun noch nichts passiert, und das hat weniger mit der Kollision mit der Realität zu tun (die ein Tumblr-Nutzer ausgerechnet unter dem Namen "Gegenverachtung" in diesem gehässigen Bild zusammengefaßt hat) als vielmehr mit dem Grundmotiv der Liberal angst: Aus der sicheren, selbstreferentiellen Blase herausgedrängt zu werden.

Die Lösung des Problems hat nun ausgerechnet das selbst eher linksliberale Kabarettformat "Saturday Night Live" – einen Exodus der postmodernen Bourgeoisie in ihre eigene Gated community! Wie "vielfältig" es dort dann aussehen wird und warum es dort weder Polizisten noch Feuerwehrmänner gibt, muß man gesehen haben:


Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (14)

Meier Pirmin
30. November 2016 12:35
@Andreas Walter. Kritik an der deutschen Rechten war in den letzten 70 Jahren meines Erachtens nie so wichtig wie heutzutage. Aber nur Idioten kritisieren die Gesinnung des politischen Gegners. Das würde ich auch gegenüber Fidel Castro oder Özdemir nicht machen, von Putin oder gar Trump (hier ist "Gesinnung" nur bedingt auszumachen) ganz zu schweigen. Insofern hat das angekündigte Buch wohl schwerlich mehr als den Altpapierwert. Es müsste aber eines Tages durchaus erklärt werden, wo die Widersprüche, die Narzissmen, die Denkfehler und die politischen und wirtschaftlichen Inkompetenzen der deutschen Rechten liegen. Unter anderem fehlt noch ein kompaktes zurechnungsfähiges rechtes Demokratieverständnis, und auch über die Prinzipien ist man sich im Grunde nicht einig. Ebenfalls erweist es sich als schwierig, jenseits von Holocaust-Zivilreligion und Schuldkult ein wirklich vernünftiges nüchternes Geschichtsverständnis aufzubauen. Einige der bedeutendsten und am ehesten weiterführende konservative und rechte Denker kennt man ja kaum dem Namen nach, damit meine ich natürlich ausdrücklich nicht oder kaum Heidegger, der nun mal kein präziser politischer Denker war und der zum Beispiel von Wirtschaft schon gar nichts verstand. Auch das Verhältnis zwischen Deutschtum und Judentum müsste jenseits von Philosemitismus und Antisemitismus sowie auch Zionismus und Antizionismus endlich normalisiert werden. Das wird natürlich nicht zuletzt wegen gegnerischen Beschimpfungen und Unterstellungen schwierig. Übrigens fand ich trotz seiner gelegentlichen Neigung zum Übereifer die kürzliche Abrechnung von Martin Sellner mit der alten österreichischen Tante Gertrude durchaus gut und notwendig. Aber es bleibt dabei: Eine halbwegs ausgereifte politische Rechte gibt es in Deutschland noch nicht. Insofern wäre mal ein kritisches Buch über die Rechte nicht überflüssig. Jeder aber, der sich - wie mutmasslich der oben erwähnte Klett-Cotta-Autor - moralisch überlegen vorkommt und gleichzeitig wohl kaum die soziologische und geistige Basis erarbeitet hat - begibt sich der Chance, irgendetwas zur politischen Kritik beizutragen. Das Minimum an Erkenntnis wäre, dass die politischen Gefahren, die allenfalls vom Gegner ausgehen könnten, im je eigenen Lager ebenfalls als nicht gerade klein eingeschätzt werden sollten. Auf dieser Basis wäre eine allenfalls sogar konstruktive Debatte möglich. Jede Seite sollte zugeben, ganz besonders auch die Partei der Gutmenschen, dass es eine Katastrophe wäre, wenn sie allein bestimmen würden. Es ist klar, dass bedingungslose Meinungsfreiheit die allgemeine Voraussetzung sein müsste und die Annahme "böser Gesinnung" des jeweiligen politischen Gegners im Hinblick auf demokratische Problemlösungen nicht zielführend ist. So dachte u.a. Kant in seiner Schrift "Vom ewigen Frieden". Im Hinblick auf die Menschenkenntnis waren indes Machiavelli und Thomas Hobbes Kant und Rousseau wohl eher überlegen.
deutscheridentitärer
30. November 2016 14:25
„Mit seinem kenntnisreichen Blick in die deutsche Geschichte zerschlägt er die zentralen Mythen der Neuen Rechten […]. […] Die frappierende Erkenntnis: ‚Abendländer‘ und Islamisten sind in ihrem Kampf gegen Selbstbestimmung Waffenbrüder. Ein aufklärerisches Buch, das die Dürftigkeit der neuen Bewegungen schonungslos entlarvt […].“


Sehr lustig, das stimmt.

Wobei, in gewisser (!) Hinsicht verstehe ich dieses "Gleichsetzen" von Islamisten und sagen wir, Patrioten, so verleumderisch es natürlich daherkommt.

Aber die für den Liberalen irritierende Tatsache, dass beide Gruppen ein Ideal über das vergötterte "gute Leben" stellen, ist z.B. eine Schnittmenge.

Auch sehe ich die Islamisten als Bestätigung meiner Auffassung, dass es ein Rückzug aus dem Lebenskampf eben nicht geben kann, ohne dass ein anderer das ausnutzt und in das aufgegebene Vakuum vorstößt.





Allerdings:

Ich hatte in letzter Zeit Zweifel, ob das Denken der "Neuen Rechten" zwar nicht dürftig (das ist nun wirklich haltlos, nirgends gibt es ein farbigeres Kalleidoskop von Denkern), aber doch auf einenm historischem Phantasma, nämlich dem des Nationalismus aufbaut.


Die "konstruktivistische Wende" in der Nationalismusforschung durch Anderson, Hobsbawm, Gellner und Wehler ist zwar nicht so platt "dekonstruktivisitisch" wie sie als Waffe in den Händen unserer Gegner daherkommt (alle erkennen den Nationalismus als Realität an, und begehen nicht den falschen Schluss von der "Konstruktiertheit" einer Identität auf deren Falschheit oder gar Nichtexistenz zu schließen).


Aber die Tatsache, dass so viele unserer Landsleute mit dem gleichen Unbegreifen vor dem Gefühl nationaler Identität stehen wie vor bspw. Religion, kann leider nur allzu leicht als Indiz dafür aufgefasst werden, dass das Nationale seinen identitätsstiftenden Charakter verloren hat und nur noch bei einigen romantischen Nachzüglern des Weltgeistes Wirkung entfaltet.

Letztlich habe ich mich aber mit der Unsicherheit, ob man wirklich richtig liegt, abgefunden und vertrete halt meine kollektive Identität, die ich eben nun mal empfinde, auch wenn viele der Leute die ich darin eingeschlossen sehe dies nicht erwidern.


Vielleicht liegen wir wirklich falsch und Grundgesetz und FDGO sind die neuen Leitbilder der Zeit, die eine multikulturelle Gesellschaft braucht, aber angesichts der emotionalen Dürftigkeit, die diese Ordnung und ihre Anhänger ausstrahlen, lhänge ich lieber einem strahlenden Trugbild an und bin dabei in guter Gesellschaft.
Alexander
30. November 2016 09:48
Zu dem von Ihnen angesprochenen Buch, Platon, heißt es bei klett-cotta:
"Mit seinem kenntnisreichen Blick in die deutsche Geschichte zerschlägt er die zentralen Mythen der Neuen Rechten [...]. [...] Die frappierende Erkenntnis: 'Abendländer' und Islamisten sind in ihrem Kampf gegen Selbstbestimmung Waffenbrüder. Ein aufklärerisches Buch, das die Dürftigkeit der neuen Bewegungen schonungslos entlarvt [...]."

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. In einem jedoch bin ich mir sicher: Es wird ein Buch werden, das die Dürftigkeit eines Volker Weiß schonungslos entlarvt.
Carsten
29. November 2016 19:51
Der Bubble-Film erinnert mich an die wahre Realsatire von einem Gutmenschen-Öko-Dorf irgendwo im Osten, das die härtesten Einwanderungsgesetze der Welt hat und 100 % autochthon ist!
cherusker69
30. November 2016 10:33
Bubble, tja die kann man täglich bei Lanz und und anderen Formaten sehen, sie suhlen sich in ihrer Welt wo jeder zweite Satz von "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Menschenverachtung geschwafelt wird.
Ein schmieriges Theater das da stattfindet..Das ist eine Beleidigung sogar für die niedrigste Intelligenzstufe.
Korrektheiten
29. November 2016 11:37
Sezession:Szene-Kaleidoskop IV: Lessing, Lästige, Liberalenghetto: »Habe Mut, dich… https://t.co/GqdIN2oWRh #Ereignis #Gedankenspiel #Heute
Ein gebürtiger Hesse
29. November 2016 13:36
Wahrlich, wie es in "The Bubble" zugeht, muß man tatsächlich gesehen haben. Ein tolles Filmchen! Man staunt, allemal von Deutschland aus, wie rasch (und nicht zuletzt sportlich) die US-Medien sich an die neue Lage seit der Trump-Wahl adaptieren. Kann man sich vorstellen, daß Ähnliches hier geschehen würde, so die AfD 2017 die absolute Mehrheit holte (he, das ist das einzige Gedankenspiel, das eine Parallele darstellt)? Nicht wirklich, oder?
Platon
30. November 2016 02:02
Etwas OT, aber passt zu Betrachtungen über die Szene: Volker Weiß hat ein neues Buch über die Neue Rechte geschrieben, das im März erscheinen wird:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gesellschaft_/_Politik/Die_autoritaere_Revolte/79925

Mal sehen... :-D
thotho
29. November 2016 21:56
Bubble: findet man in Wiener Bezirken sicherlich genauso wie in Berlin oder Hamburg, ...

Geniales Video, finde ich ;)
Julius Fischer
29. November 2016 15:00
Das Video "The Bubble" ist köstlich: "We don't see color here, but we celebrate it." Das erinnert stark an die Grünen, bei denen bei Aufnahmen von Parteiversammlungen so viele Biodeutsche zu sehen, wie sonst bei keiner anderen Partei. Das ist zumindest mein Eindruck.
Monika
30. November 2016 09:35
alternative Bubbles findet man auch in Tübingen.
In den Wagenburgen, nach denen die entsprechende Mentalität benannt ist. Da findet man viele einheimische Kinder, sogar ein Mädchen in altdeutschen Lederhosen habe ich dort schon gesehen ( auf Nachfrage: "nicht vegan, aber doch nachhaltig" )
Lustig auch die ökologisch korrekte Sonnwendfeier. Das Feuer wird erst entzündet, wenn "die Qualität des Holzes noch auf mögliche, beim Brand entweichende Schadstoffe geprüft worden ist"
http://www.tuepedia.de/wiki/Sonnwendfeuer
Sven Jacobsen
30. November 2016 21:36
Danke für den Hinweis, es war amüsant. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn die Leute anfangen, über sich selbst lachen zu können.
hildesvin
30. November 2016 21:49
@ Monika 09.35: E i n Wahrzeichen gilt nur: Das Vaterland zu retten!
Stil-Blüte
30. November 2016 23:07
@ deutschidentitärer

Aber die Tatsache, daß so viele unserer Landsleute mit dem gleichen Unbegreifen vor dem Gefühl nationaler Identität stehen...


Ja, das muß man zur Kenntnis nehmen. Was früher s e l b s t v e r s t ä n d l i c h war, muß man sich immer wieder b e w u ß t machen. Das hat zur Folge, daß das National b e w u ß t s e i n keine Natur-, sondern eine Kunstform, eine Konstruktion ist.

Andererseits möchte ich daran erinnern, daß die DDR, nachdem sie schon preußische Traditionen wiederentdeckt hatte (z. B. Friedrich II. wurde Unter den Linden aufgestellt), auch die Nationalliteratur, das nationale kulturelle Erbe als Gemeinsamkeit von Ost- und Westdeutschland zur Geltung brachte. Wenn man das als lebendigen Schatz ansieht, hat man auch Kommunisten, Russen, Liebhaber der klassischen Musik, Japaner, Juden, alle Deutschsprachigen und -lernenden im Boot.

Wird hier genug auf diesen Schatz zurückgegriffen? Haben sich nicht viele große blühenden Kulturepochen auf verflossene Zeiten zurückgegriffen, um sich zu erneuern? Nicht einmal die Französische Revolution ist allein ausgekommen; ohne an Rom anzuknüpfen.

Renaissance, deutsche Klassik, Romantik, Wagner, Architektur der Gründerzeit mit Anleihen aus allen vorhergehenden Epochen (Neo-) auf Bahnhöfen, Rathäusern, Brauereien, Kirchen, Museen - angereichert durch Rückgriffe auf die Vergangenheit.

Das muß man sich mal 'reinziehen': Ehemalige Industriebauten werden Kulturtempel! Und dann sehe man sich mal in der platten amerikanisierten Barackenkultur der Gewerbegebiete um.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mehr denn je unser Nationalbewußtsein über die Kultur der Vergangenheit vergegenwärtigen, gerade hier. Gerade im Advent wird einem ja bewußt, wie lange es her ist, als zum ersten Mal 'Es ist ein Ros' entsprungen' oder 'Maria durch den Dornenwald ging' oder das 'Weihnachtsoratorium' erklungen ist.

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