15. November 2012

Gerhard Hauptmann wird 150

von Erik Lehnert / 0 Kommentare

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

51pdf der Druckfassung aus Sezession 51 / Dezember 2012

Wie Friedrich der Große bekommt auch Gerhart Hauptmann - heute vor 150 Jahren geboren - in diesem Jahr seine Gedenkmünze und seine Briefmarke. Darin kommt die Wertschätzung zum Ausdruck, die diesem Dichter immer noch entgegengebracht wird. Das liegt nicht allein am Nobelpreis, den er  vor 100 Jahren erhielt, sondern an seiner Gesamtpersönlichkeit: Hauptmann verkörperte vielleicht zum letzten Mal so etwas wie die romantische Vorstellung von einem Dichtervater der Deutschen, der populär war, ohne trivial zu sein.

Im Gegensatz zu Friedrich dem Großen gibt es zu Hauptmanns Jubiläum keine Flut an neuen Biographien und Büchern. Lediglich eine Biographie aus der Feder des Berliner Literaturprofessors Peter Sprengel, der vor drei Jahren eine Untersuchung über Hauptmann im Dritten Reich veröffentlichte, ist zu verzeichnen.

Sprengel betont in seinem Vorwort, daß er die „ausführlichste Monographie, die je über Hauptmann geschrieben wurde“ vorgelegt habe. Die Arbeit ist gut zu lesen, und doch versteckt sich Sprengel hinter dem ausgebreiteten Material und hat keinen richtigen Zugriff auf die Person Hauptmanns. Die von ihm angekündigten Korrekturen zu Hauptmanns Biographie sind marginal. Sprengel versucht es zwar mit der These „Bürgerlichkeit und großer Traum“. Doch was soll das sein? Sprengel meint damit die Utopie-Problematik, die sich durch Hauptmanns Werk zieht und die durch seine demonstrative Bürgerlichkeit gebrochen wurde. Aber würde sich Hauptmann in dieser merkwürdigen Zuschreibung wiederfinden? War Hauptmann deshalb eine bis ins hohe Alter auch von unabhängigen Köpfen, wie beispielsweise Erhart Kästner, verehrte Persönlichkeit?

Zudem stellt sich die Frage, für wen diese Hauptmann-Biographie geschrieben wurde. Nimmt der gebildete Normalbürger, der einer geregelten Arbeit nachgeht und sich am Feierabend für Literatur interessiert, diese Hauptmann-Biographie zur Hand? Es ist unwahrscheinlich: Die Bücher, mit denen Sprengel konkurrieren muß, die Biographien von Hilscher und Leppmann, sind mit einem deutlich persönlichen Zugriff geschrieben. Da kann man sich an verschiedenen Deutungen stören, doch klar bleibt, daß ein Mensch über einen anderen, einen bedeutenden Menschen schreibt.

Ganz ähnlich war es bei der George-Biographie von Stefan Karlauf, die sich zwar weniger vom Umfang, dafür aber umso mehr in der Herangehensweise unterscheidet. Bei Karlauf spürt man, daß ihm George wirklich nahegegangen und nicht lediglich Gegenstand ist. Vor allem lernt man unglaublich viel über die Zeit und den Kontext, in dem George wirkte. Sprengel versucht zwar auch, den Dichter in seiner Zeit zu sehen, aber es gelingt ihm nur ungenügend. Hauptmann schreitet bei ihm von Termin zu Termin, ohne daß deutlich würde, was ihn antreibt. An einer Stelle wird Sprengel das selbst unheimlich, wenn er die zahllosen Festivitäten zu Hauptmanns 70. Geburtstag erwähnt und meint, daß „selbst die gründlichste Biographie“ diese nicht im Einzelnen aufzuzählen brauche. Dennoch ist die Sprengel-Biographie verdienstvoll, weil sie allein durch ihr Erscheinen ein Zeichen gegen die Tendenz setzt, mit der man Hauptmann heute gern als einen überschätzten Ersatz-Goethe abtut und ihn lediglich der Schullektüre vorbehält.

Marcel Reich-Ranicki hält Hauptmann für das „beste Beispiel des dummen Dichters“ und einen „törichten Menschen“: „Zum Glück konnte er Stücke schreiben.“ Man kann es auch ganz anders, so wie Carl Zuckmayer, ausdrücken: „Er war der letzte völlig naive Dichter, der letzte, der in ununterbrochener Naivität, nicht ohne Wissen und Weisheit, doch ohne das Medium der Reflexion, aus dem Weltganzen schöpfte und uns ein Bild der ganzen Welt, der ungeteilten Schöpfung hinterließ.“ Auch das ist eine zweischneidige Einschätzung, die aber immerhin auf die richtige Spur führt. Hauptmann ist unserer Zeit denkbar fremd und seine Bedeutung läßt sich nicht an Äußerlichkeiten, wie seinem Nobelpreis festmachen.

Wenn man sich heute im Feuilleton mehr für Stefan George und Thomas Mann interessiert, hat das viele Gründe. Zunächst: Hauptmann hat vor allem als Theaterschriftsteller seine bedeutendsten Leistungen abgeliefert. Während Lyrik immer einem kleinen Kreis vorbehalten war und Romane sich anhaltender Beliebtheit erfreuen, ist die Bedeutung des Theaters drastisch zurückgegangen. Auf der Bühne entscheidet sich spätestens seit dem Untergang der DDR, in der das Theater eine gewisse Ventilfunktion hatte, nichts mehr. Insofern gehört Hauptmann einer vergangenen Epoche an. Die geringe Präsenz hat aber auch damit zu tun, daß Hauptmann ganz normal, nämlich heterosexuell, veranlagt war und er sich keine Mühe geben mußte, aus seinen Bedürfnissen ein Geheimnis zu machen und man ihn heute weder als Verfolgten noch als Perversen präsentieren kann. Seine übermäßige Popularität zu Lebzeiten scheint zudem zu verhindern, daß ihn die Aura des Geheimnisses umgibt. Was heute auch ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint, ist, daß Hauptmann sich nie politisch positioniert hat. Das wollte ihm zwar selten jemand glauben und es läßt ihn heute als Einfaltspinsel oder Opportunisten dastehen.

Für Hauptmann gilt vielleicht, was Nietzsche 1879 schrieb, daß man in Berlin keine kulturelle Ursprünglichkeit mehr entdecken könne, da hier "der Mensch ausgelaugt und abgebrüht zur Welt kommt". Wohingegen man in "weniger betretenen Gebirgsthälern" mit ungleich größerer Wahrscheinlichkeit fündig werden könne. Hauptmann stammt aus den schlesischen Gebirgstälern des Riesengebirges und zog aus dieser Herkunft die Sicherheit seiner dichterischen Existenz. Es ist bezeichnend, daß Hauptmann seinen Jugenderinnerungen, die 1937 unter dem Titel Das Abenteuer meiner Jugend erschienen, eigentlich den Titel „Die Bahn des Blutes“ geben wollte. Das Abenteuerliche, so meinte Hauptmann, sei eben viel zu zufällig. Er hielt sein Leben für die konsequente Entfaltung der im Ursprung begründeten Anlagen.

Hauptmann kam als Sohn eines Hotelbesitzers aus Warmbrunn zur Welt, dessen Vorfahren schon seit vielen Jahrhunderten in Schlesien ansässig und die noch vor nicht allzu langer Zeit sehr arme Leute gewesen waren. Von Hause aus nicht vermögend war Hauptmann obendrein ein schlechter Schüler und von schwächlicher Natur. Sein älterer Bruder, Carl Hauptmann, der ebenfalls als Dichter seine Spuren hinterlassen hat, wurde sein erster Mentor. Hauptmann wollte ursprünglich Bildhauer werden, hatte hier aber keinen Erfolg und es war ihm recht bald klar, daß seine Begabung auf anderem Gebiet lag. Ein glücklicher Umstand, die Heirat mit einer vermögenden Frau, ermöglichte es ihm, genau nach dieser Bestimmung zu suchen.

Wie Hauptmann, so stammt im Grunde die ganze Dichtergeneration der um 1860 geborenen aus der Provinz. Ob es sich um Max Halbe, Hermann Sudermann, Arno Holz, Johannes Schlaf oder andere handelte, sie kamen aus allen Teilen Deutschlands und hatten eins gemeinsam: Es zog sie nach Berlin, das seit der Reichseinigung einen enormen Aufstieg genommen hatte. Hier trafen sich die jungen Dichter und Denker, die sich als die Zukunft der deutschen Kultur sahen. Es ist nicht ganz bedeutungslos, daß einer dieser Zirkel, in denen sie sich trafen, ein Dichterverein namens „Durch“ war, der so hieß, „weil seine Mitglieder der Welt erweisen würden, daß sie sich durchsetzen, und zwar als Bahnbrecher naturalistischer Dichtung“ (Bruno Wille). Über eine ähnliche Vereinigung, den „Ethischen Club“ hieß es: „Dieser Klub hatte mit Ethik auch nicht das geringste zu tun. Es war eine freie Gemeinschaft von Jünglingen, die alle das bestimmte Gefühl einer unausbleiblichen bedeutenden Zukunft in sich trugen, ein Genieschwarm, von dem man nicht wußte, wer und was ihn zusammengetrieben, und wenn ich von vornherein die Namen seiner Mitglieder nenne, so wird man mir recht geben: es war eine Treffstelle von lauter werdenden Größen, die alle den Feldmarschallstab der Zukunft ganz bewußt in ihrem Tornister trugen." (Carl Ludwig Schleich)

In diesen Klubs und Vereinigungen trafen sich neben den konsequenten Naturalisten Arno Holz und Johannes Schlaf auch Gerhart Hauptmann und Wilhelm Bölsche, der später einer der erfolgreichsten populärwissenschaftlichen Autoren des Kaiserreichs werden sollte und mit Hauptmann in lebenslanger Freundschaft verbunden blieb. Bölsche hatte 1887 ein Manifest, "Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie", vorgelegt, das im März 1887 im „Durch“ diskutiert wurde. Hauptmann war bei dieser Sitzung nicht anwesend. Er wohnte damals bereits „hinter der Weltstadt“ (Bölsche) in Erkner, wo er seine Bestimmung schließlich fand. Rückblickend hat Hauptmann geschrieben: „Ich habe vier Jahre in Erkner gewohnt, und zwar für mich grundlegende Jahre. Mit der märkischen Landschaft aufs innigste verbunden, schrieb ich dort Fasching, Bahnwärter Thiel und mein erstes Drama Vor Sonnenaufgang. Die vier Jahre sind sozusagen die vier Ecksteine für mein Werk geworden.“


Bölsches Programmschrift erwähnt er mit keinem Wort und Hauptmann war auch niemand, der sich an ein Programm halten wollte. Dennoch fand Bölsches Forderung nach einer neuen Dichtung in Hauptmann die erste Verwirklichung. Der Titel von Bölsches Text verschleiert, daß es lediglich darum ging, die Dinge der Dichtung nicht im luftleeren Raum handeln zu lassen, sondern der Wirklichkeit Raum zu geben „Wir haben gebrochen mit den heitern Kinderträumen von Willensfreiheit…“, heißt es da. Und in diesem Sinne ist dann Hauptmanns erstes Drama angelegt, in dem die Determiniertheit des Menschen die Hauptrolle spielt. Hauptmann verhalf damit dem naturalistischen Drama auch in Deutschland zum Durchbruch, nachdem dies im Ausland durch Ibsen und Zola bereits geschehen war. Er hatte sich dabei ganz bewußt nicht der radikalen Variante des Naturalismus, des Sekundenstils von Holz und Schlaf, angeschlossen. Ihm war bewußt, daß der Inhalt genügte, Aufsehen zu erregen. Wollte man das Publikum für sich einnehmen, mußte man es nicht noch zusätzlich vor den Kopf stoßen, indem man seine Sehgewohnheiten ignorierte. Der Erfolg gab Hauptmann recht. Nicht nur seinen Mitstreitern war klar, daß sich hier ein Durchbruch ereignete, auch die alte Generation hatte verstanden und sah in Hauptmann „rechten Muthe“ mit der „rechten Kunst“ vereint (Fontane).

Bölsche hatte in seinem Manifest noch entschuldigt, daß er sich so oft auf Zola beziehen mußte und gab der Hoffnung Ausdruck: „Wir haben es schon oft gesehen, daß der Deutsche zuletzt kam, dann aber dem Ganzen die Krone aufsetzte, indem er ihm aus der Tiefe seiner geistigen Entwicklung heraus Dinge verlieh, die keine andere Nation je besessen.“ Das ist Hauptmann mit seinen Stück "Die Weber" gelungen. Ohne ein Tendenz-Stück zu sein, wird hier die soziale Frage auf eine glaubwürdige Art und Weise manifestiert, weil gerade nicht platt weltanschaulich argumentiert, sondern dem Mitleid, der Ausweglosigkeit, aber auch den vielfältigen Spannungen, in denen sich die Hauptpersonen befinden, Platz gelassen ist. Das Lebensvolle und Ungeschminkte, das Fontane bereits an Vor Sonnenaufgang gelobt hatte, kommt hier vollends zum Durchbruch.

Man muß das auch vor dem grauenvollen Elend sehen, das Hauptmann auf einer Reise ins Webergebiet (Eulengebirge) zu sehen bekam. Der Bericht des ihn begleitenden Redakteurs ist erschütternd, selbst wenn man manches für übertrieben halten mag. Was Hauptmann auch später noch verwunderte, war der Gleichmut, mit dem das Elend hingenommen wurde, der so gar nicht zu den klassenkämpferischen Parolen des Sozialdemokraten passen wollte. Daß Hauptmann dennoch von ihnen vereinnahmt wurde, hat Hauptmann vor allem deshalb gestört, weil er dadurch die dichterischen Motive seiner Werke in Abrede gestellt sah. Außerdem führte es dazu, daß es für die Gegner der Sozialdemokratie leichter möglich war, die Theaterstücke als Tendenzliteratur abzutun. Sein früher Biograf Paul Schlenther hat den Zusammenhang zwischen sozialem Elend und Dichtung im Sinne Hauptmanns interpretiert: „Immer, so oft die deutsche Dichtung sich auf sich selbst besann, grub sie sich mit derbem Spatenstich tief ein in den Boden des niedrigen und niedrigsten Volkslebens. Von dorther sog sie neue Kraft, die sie allmählich nach oben trieb.“ Hauptmann bleibt deshalb auch bei den Webern bei der Sowohl-als-auch-Haltung, die das Stück in einem schwebenden Zustand enden läßt. Das Stück war trotzdem verdächtig und konnte, nachdem ihre Aufführung zunächst verboten wurde, erst im Februar 1893 im Verein Freie Bühne aufgeführt werden. Die erste öffentliche Aufführung gab es ein Jahr später.

Hauptmann veröffentlichte seitdem bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs fast in jedem Jahr mindestens ein Theaterstück. Nicht jedes war ein Erfolg aber er festigte damit seine Stellung als wichtigster deutscher Dichter. Daß Hauptmann diesen Ruf bis heute, trotz der oben genannten Einschränkungen, verteidigen konnte, hat verschiedene Gründe. Hauptmanns Parteinahme für den Naturalismus entsprang nicht einem revolutionären Prinzip: „Wer Bahn brechen will für etwas Neues, das zunächst nur als Idee lebt, gilt den Anhängern des Alten gewöhnlich als schrullenhafter Nörgler oder gar gemeingefährlicher Umstürzler.“ (Wille) Bei Hauptmann ist der Naturalismus keine radikale Parteinahme für den Fortschritt, sondern in der Rückbindung an die Natur begründet, die nicht ausschloß, daß es darüberhinaus etwas gibt. Er hat dieses Metaphysische in der geistigen Welt gesehen: „Ich weiß sehr wohl, was jemand mit sieben, mit zwölf, mit sechszehn, mit zweiundzwanzig Jahren ist. Ich erkenne vollauf das Recht und den Anspruch dieser jüngeren Jahre. Aber sofern er an Bildung, an geistigem Wachstum fortschreitet, wächst er von Phase zu Phase mehr ins Ewig-Gestrige.“ Ohne Natur und Heimat war Geist für ihn nicht denkbar: „Was wäre ein Dichter, dessen Wesen nicht der gesteigerte Ausdruck der Volksseele ist!“

Hauptmann entspricht gerade nicht der Vorstellung eines Dichters als wurzellose Intellektuellenexistenz. Das macht es heute schwer, ihn zu lesen. Es macht aber auch das anhaltende Faszinosum aus, das von ihm ausgeht. Hauptmann ist der Gegenwart deswegen so merkwürdig fremd, weil er wie ein Fabeltier aus einer entfernten Zeit wirkt. Seine schlesische Trutzburg in Agnetendorf, seine stilisierte Existenz und auch die Maßlosigkeit seines Werkes (Wer liest schon hunderte Seiten Hexameter?) sind mit unserer Zeit nicht vereinbar. Das Wort Fabeltier ist bereits für Wilhelm II. reserviert und beide sind, so fern sie sich zu Lebzeiten gestanden haben (Wilhelm kündigte nach der Aufführung der Weber seine Theater-Loge), jeder für sich ein Teil der untergegangenen Welt, die, mit all ihren Fehlern, heute als letzte heile Welt erscheint.

Diese Welt ist bereits im Ersten Weltkrieg untergegangen. Als das demokratische Zeitalter in Deutschland anbrach, wurde Hauptmann von der Weimarer Republik ebenso vereinnahmt wie vom Dritten Reich (und im unmittelbaren Anschluß daran von den Kulturfunktionären der zukünftigen DDR). Er ließ es geschehen, weil es immer sein „deutsches Land“ blieb. Das blieb es auch als es unterging und Hauptmann sowohl den Untergang Dresdens unmittelbar miterlebte als auch Zeuge der wilden Vertreibung der Deutschen aus Schlesien wurde. Dresden überlebte er knapp und widmete ihm die berühmten Worte „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.“ Der eigenen Vertreibung kam der 83jährige durch seinen Tod am 6. Juni 1946 nur um Tage zuvor.

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.