Gerhart Hauptmann wird 150

51pdf der Druckfassung aus Sezession 51 / Dezember 2012

Wie Friedrich der Große bekommt auch Gerhart Hauptmann - heute vor 150 Jahren geboren - in diesem Jahr seine Gedenkmünze und seine Briefmarke. Darin kommt die Wertschätzung zum Ausdruck, die diesem Dichter immer noch entgegengebracht wird. Das liegt nicht allein am Nobelpreis, den er  vor 100 Jahren erhielt, sondern an seiner Gesamtpersönlichkeit: Hauptmann verkörperte vielleicht zum letzten Mal so etwas wie die romantische Vorstellung von einem Dichtervater der Deutschen, der populär war, ohne trivial zu sein.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Im Gegen­satz zu Fried­rich dem Gro­ßen gibt es zu Haupt­manns Jubi­lä­um kei­ne Flut an neu­en Bio­gra­phien und Büchern. Ledig­lich eine Bio­gra­phie aus der Feder des Ber­li­ner Lite­ra­tur­pro­fes­sors Peter Spren­gel, der vor drei Jah­ren eine Unter­su­chung über Haupt­mann im Drit­ten Reich ver­öf­fent­lich­te, ist zu verzeichnen.

Spren­gel betont in sei­nem Vor­wort, daß er die „aus­führ­lichs­te Mono­gra­phie, die je über Haupt­mann geschrie­ben wur­de“ vor­ge­legt habe. Die Arbeit ist gut zu lesen, und doch ver­steckt sich Spren­gel hin­ter dem aus­ge­brei­te­ten Mate­ri­al und hat kei­nen rich­ti­gen Zugriff auf die Per­son Haupt­manns. Die von ihm ange­kün­dig­ten Kor­rek­tu­ren zu Haupt­manns Bio­gra­phie sind mar­gi­nal. Spren­gel ver­sucht es zwar mit der The­se „Bür­ger­lich­keit und gro­ßer Traum“. Doch was soll das sein? Spren­gel meint damit die Uto­pie-Pro­ble­ma­tik, die sich durch Haupt­manns Werk zieht und die durch sei­ne demons­tra­ti­ve Bür­ger­lich­keit gebro­chen wur­de. Aber wür­de sich Haupt­mann in die­ser merk­wür­di­gen Zuschrei­bung wie­der­fin­den? War Haupt­mann des­halb eine bis ins hohe Alter auch von unab­hän­gi­gen Köp­fen, wie bei­spiels­wei­se Erhart Käs­t­ner, ver­ehr­te Persönlichkeit?

Zudem stellt sich die Fra­ge, für wen die­se Haupt­mann-Bio­gra­phie geschrie­ben wur­de. Nimmt der gebil­de­te Nor­mal­bür­ger, der einer gere­gel­ten Arbeit nach­geht und sich am Fei­er­abend für Lite­ra­tur inter­es­siert, die­se Haupt­mann-Bio­gra­phie zur Hand? Es ist unwahr­schein­lich: Die Bücher, mit denen Spren­gel kon­kur­rie­ren muß, die Bio­gra­phien von Hil­scher und Lepp­mann, sind mit einem deut­lich per­sön­li­chen Zugriff geschrie­ben. Da kann man sich an ver­schie­de­nen Deu­tun­gen stö­ren, doch klar bleibt, daß ein Mensch über einen ande­ren, einen bedeu­ten­den Men­schen schreibt.

Ganz ähn­lich war es bei der Geor­ge-Bio­gra­phie von Ste­fan Kar­lauf, die sich zwar weni­ger vom Umfang, dafür aber umso mehr in der Her­an­ge­hens­wei­se unter­schei­det. Bei Kar­lauf spürt man, daß ihm Geor­ge wirk­lich nahe­ge­gan­gen und nicht ledig­lich Gegen­stand ist. Vor allem lernt man unglaub­lich viel über die Zeit und den Kon­text, in dem Geor­ge wirk­te. Spren­gel ver­sucht zwar auch, den Dich­ter in sei­ner Zeit zu sehen, aber es gelingt ihm nur unge­nü­gend. Haupt­mann schrei­tet bei ihm von Ter­min zu Ter­min, ohne daß deut­lich wür­de, was ihn antreibt. An einer Stel­le wird Spren­gel das selbst unheim­lich, wenn er die zahl­lo­sen Fes­ti­vi­tä­ten zu Haupt­manns 70. Geburts­tag erwähnt und meint, daß „selbst die gründ­lichs­te Bio­gra­phie“ die­se nicht im Ein­zel­nen auf­zu­zäh­len brau­che. Den­noch ist die Spren­gel-Bio­gra­phie ver­dienst­voll, weil sie allein durch ihr Erschei­nen ein Zei­chen gegen die Ten­denz setzt, mit der man Haupt­mann heu­te gern als einen über­schätz­ten Ersatz-Goe­the abtut und ihn ledig­lich der Schul­lek­tü­re vorbehält.

Mar­cel Reich-Rani­cki hält Haupt­mann für das „bes­te Bei­spiel des dum­men Dich­ters“ und einen „törich­ten Men­schen“: „Zum Glück konn­te er Stü­cke schrei­ben.“ Man kann es auch ganz anders, so wie Carl Zuck­may­er, aus­drü­cken: „Er war der letz­te völ­lig nai­ve Dich­ter, der letz­te, der in unun­ter­bro­che­ner Nai­vi­tät, nicht ohne Wis­sen und Weis­heit, doch ohne das Medi­um der Refle­xi­on, aus dem Welt­gan­zen schöpf­te und uns ein Bild der gan­zen Welt, der unge­teil­ten Schöp­fung hin­ter­ließ.“ Auch das ist eine zwei­schnei­di­ge Ein­schät­zung, die aber immer­hin auf die rich­ti­ge Spur führt. Haupt­mann ist unse­rer Zeit denk­bar fremd und sei­ne Bedeu­tung läßt sich nicht an Äußer­lich­kei­ten, wie sei­nem Nobel­preis festmachen.

Wenn man sich heu­te im Feuil­le­ton mehr für Ste­fan Geor­ge und Tho­mas Mann inter­es­siert, hat das vie­le Grün­de. Zunächst: Haupt­mann hat vor allem als Thea­ter­schrift­stel­ler sei­ne bedeu­tends­ten Leis­tun­gen abge­lie­fert. Wäh­rend Lyrik immer einem klei­nen Kreis vor­be­hal­ten war und Roma­ne sich anhal­ten­der Beliebt­heit erfreu­en, ist die Bedeu­tung des Thea­ters dras­tisch zurück­ge­gan­gen. Auf der Büh­ne ent­schei­det sich spä­tes­tens seit dem Unter­gang der DDR, in der das Thea­ter eine gewis­se Ven­til­funk­ti­on hat­te, nichts mehr. Inso­fern gehört Haupt­mann einer ver­gan­ge­nen Epo­che an. Die gerin­ge Prä­senz hat aber auch damit zu tun, daß Haupt­mann ganz nor­mal, näm­lich hete­ro­se­xu­ell, ver­an­lagt war und er sich kei­ne Mühe geben muß­te, aus sei­nen Bedürf­nis­sen ein Geheim­nis zu machen und man ihn heu­te weder als Ver­folg­ten noch als Per­ver­sen prä­sen­tie­ren kann. Sei­ne über­mä­ßi­ge Popu­la­ri­tät zu Leb­zei­ten scheint zudem zu ver­hin­dern, daß ihn die Aura des Geheim­nis­ses umgibt. Was heu­te auch ein Ding der Unmög­lich­keit zu sein scheint, ist, daß Haupt­mann sich nie poli­tisch posi­tio­niert hat. Das woll­te ihm zwar sel­ten jemand glau­ben und es läßt ihn heu­te als Ein­falts­pin­sel oder Oppor­tu­nis­ten dastehen.

Für Haupt­mann gilt viel­leicht, was Nietz­sche 1879 schrieb, daß man in Ber­lin kei­ne kul­tu­rel­le Ursprüng­lich­keit mehr ent­de­cken kön­ne, da hier “der Mensch aus­ge­laugt und abge­brüht zur Welt kommt”. Wohin­ge­gen man in “weni­ger betre­te­nen Gebirgst­hä­lern” mit ungleich grö­ße­rer Wahr­schein­lich­keit fün­dig wer­den kön­ne. Haupt­mann stammt aus den schle­si­schen Gebirgs­tä­lern des Rie­sen­ge­bir­ges und zog aus die­ser Her­kunft die Sicher­heit sei­ner dich­te­ri­schen Exis­tenz. Es ist bezeich­nend, daß Haupt­mann sei­nen Jugend­er­in­ne­run­gen, die 1937 unter dem Titel Das Aben­teu­er mei­ner Jugend erschie­nen, eigent­lich den Titel „Die Bahn des Blu­tes“ geben woll­te. Das Aben­teu­er­li­che, so mein­te Haupt­mann, sei eben viel zu zufäl­lig. Er hielt sein Leben für die kon­se­quen­te Ent­fal­tung der im Ursprung begrün­de­ten Anlagen.

Haupt­mann kam als Sohn eines Hotel­be­sit­zers aus Warm­brunn zur Welt, des­sen Vor­fah­ren schon seit vie­len Jahr­hun­der­ten in Schle­si­en ansäs­sig und die noch vor nicht all­zu lan­ger Zeit sehr arme Leu­te gewe­sen waren. Von Hau­se aus nicht ver­mö­gend war Haupt­mann oben­drein ein schlech­ter Schü­ler und von schwäch­li­cher Natur. Sein älte­rer Bru­der, Carl Haupt­mann, der eben­falls als Dich­ter sei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen hat, wur­de sein ers­ter Men­tor. Haupt­mann woll­te ursprüng­lich Bild­hau­er wer­den, hat­te hier aber kei­nen Erfolg und es war ihm recht bald klar, daß sei­ne Bega­bung auf ande­rem Gebiet lag. Ein glück­li­cher Umstand, die Hei­rat mit einer ver­mö­gen­den Frau, ermög­lich­te es ihm, genau nach die­ser Bestim­mung zu suchen.

Wie Haupt­mann, so stammt im Grun­de die gan­ze Dich­ter­ge­nera­ti­on der um 1860 gebo­re­nen aus der Pro­vinz. Ob es sich um Max Hal­be, Her­mann Suder­mann, Arno Holz, Johan­nes Schlaf oder ande­re han­del­te, sie kamen aus allen Tei­len Deutsch­lands und hat­ten eins gemein­sam: Es zog sie nach Ber­lin, das seit der Reichs­ei­ni­gung einen enor­men Auf­stieg genom­men hat­te. Hier tra­fen sich die jun­gen Dich­ter und Den­ker, die sich als die Zukunft der deut­schen Kul­tur sahen. Es ist nicht ganz bedeu­tungs­los, daß einer die­ser Zir­kel, in denen sie sich tra­fen, ein Dich­ter­ver­ein namens „Durch“ war, der so hieß, „weil sei­ne Mit­glie­der der Welt erwei­sen wür­den, daß sie sich durch­set­zen, und zwar als Bahn­bre­cher natu­ra­lis­ti­scher Dich­tung“ (Bru­no Wil­le). Über eine ähn­li­che Ver­ei­ni­gung, den „Ethi­schen Club“ hieß es: „Die­ser Klub hat­te mit Ethik auch nicht das gerings­te zu tun. Es war eine freie Gemein­schaft von Jüng­lin­gen, die alle das bestimm­te Gefühl einer unaus­bleib­li­chen bedeu­ten­den Zukunft in sich tru­gen, ein Genie­schwarm, von dem man nicht wuß­te, wer und was ihn zusam­men­ge­trie­ben, und wenn ich von vorn­her­ein die Namen sei­ner Mit­glie­der nen­ne, so wird man mir recht geben: es war eine Treff­stel­le von lau­ter wer­den­den Grö­ßen, die alle den Feld­mar­schall­stab der Zukunft ganz bewußt in ihrem Tor­nis­ter tru­gen.” (Carl Lud­wig Schleich)

In die­sen Klubs und Ver­ei­ni­gun­gen tra­fen sich neben den kon­se­quen­ten Natu­ra­lis­ten Arno Holz und Johan­nes Schlaf auch Ger­hart Haupt­mann und Wil­helm Böl­sche, der spä­ter einer der erfolg­reichs­ten popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Autoren des Kai­ser­reichs wer­den soll­te und mit Haupt­mann in lebens­lan­ger Freund­schaft ver­bun­den blieb. Böl­sche hat­te 1887 ein Mani­fest, “Die natur­wis­sen­schaft­li­chen Grund­la­gen der Poe­sie”, vor­ge­legt, das im März 1887 im „Durch“ dis­ku­tiert wur­de. Haupt­mann war bei die­ser Sit­zung nicht anwe­send. Er wohn­te damals bereits „hin­ter der Welt­stadt“ (Böl­sche) in Erkner, wo er sei­ne Bestim­mung schließ­lich fand. Rück­bli­ckend hat Haupt­mann geschrie­ben: „Ich habe vier Jah­re in Erkner gewohnt, und zwar für mich grund­le­gen­de Jah­re. Mit der mär­ki­schen Land­schaft aufs innigs­te ver­bun­den, schrieb ich dort Fasching, Bahn­wär­ter Thiel und mein ers­tes Dra­ma Vor Son­nen­auf­gang. Die vier Jah­re sind sozu­sa­gen die vier Eck­stei­ne für mein Werk geworden.“

Böl­sches Pro­gramm­schrift erwähnt er mit kei­nem Wort und Haupt­mann war auch nie­mand, der sich an ein Pro­gramm hal­ten woll­te. Den­noch fand Böl­sches For­de­rung nach einer neu­en Dich­tung in Haupt­mann die ers­te Ver­wirk­li­chung. Der Titel von Böl­sches Text ver­schlei­ert, daß es ledig­lich dar­um ging, die Din­ge der Dich­tung nicht im luft­lee­ren Raum han­deln zu las­sen, son­dern der Wirk­lich­keit Raum zu geben „Wir haben gebro­chen mit den hei­tern Kin­der­träu­men von Wil­lens­frei­heit…“, heißt es da. Und in die­sem Sin­ne ist dann Haupt­manns ers­tes Dra­ma ange­legt, in dem die Deter­mi­niert­heit des Men­schen die Haupt­rol­le spielt. Haupt­mann ver­half damit dem natu­ra­lis­ti­schen Dra­ma auch in Deutsch­land zum Durch­bruch, nach­dem dies im Aus­land durch Ibsen und Zola bereits gesche­hen war. Er hat­te sich dabei ganz bewußt nicht der radi­ka­len Vari­an­te des Natu­ra­lis­mus, des Sekun­den­stils von Holz und Schlaf, ange­schlos­sen. Ihm war bewußt, daß der Inhalt genüg­te, Auf­se­hen zu erre­gen. Woll­te man das Publi­kum für sich ein­neh­men, muß­te man es nicht noch zusätz­lich vor den Kopf sto­ßen, indem man sei­ne Seh­ge­wohn­hei­ten igno­rier­te. Der Erfolg gab Haupt­mann recht. Nicht nur sei­nen Mit­strei­tern war klar, daß sich hier ein Durch­bruch ereig­ne­te, auch die alte Genera­ti­on hat­te ver­stan­den und sah in Haupt­mann „rech­ten Muthe“ mit der „rech­ten Kunst“ ver­eint (Fon­ta­ne).

Böl­sche hat­te in sei­nem Mani­fest noch ent­schul­digt, daß er sich so oft auf Zola bezie­hen muß­te und gab der Hoff­nung Aus­druck: „Wir haben es schon oft gese­hen, daß der Deut­sche zuletzt kam, dann aber dem Gan­zen die Kro­ne auf­setz­te, indem er ihm aus der Tie­fe sei­ner geis­ti­gen Ent­wick­lung her­aus Din­ge ver­lieh, die kei­ne ande­re Nati­on je beses­sen.“ Das ist Haupt­mann mit sei­nen Stück “Die Weber” gelun­gen. Ohne ein Ten­denz-Stück zu sein, wird hier die sozia­le Fra­ge auf eine glaub­wür­di­ge Art und Wei­se mani­fes­tiert, weil gera­de nicht platt welt­an­schau­lich argu­men­tiert, son­dern dem Mit­leid, der Aus­weg­lo­sig­keit, aber auch den viel­fäl­ti­gen Span­nun­gen, in denen sich die Haupt­per­so­nen befin­den, Platz gelas­sen ist. Das Lebens­vol­le und Unge­schmink­te, das Fon­ta­ne bereits an Vor Son­nen­auf­gang gelobt hat­te, kommt hier voll­ends zum Durchbruch.

Man muß das auch vor dem grau­en­vol­len Elend sehen, das Haupt­mann auf einer Rei­se ins Weber­ge­biet (Eulen­ge­bir­ge) zu sehen bekam. Der Bericht des ihn beglei­ten­den Redak­teurs ist erschüt­ternd, selbst wenn man man­ches für über­trie­ben hal­ten mag. Was Haupt­mann auch spä­ter noch ver­wun­der­te, war der Gleich­mut, mit dem das Elend hin­ge­nom­men wur­de, der so gar nicht zu den klas­sen­kämp­fe­ri­schen Paro­len des Sozi­al­de­mo­kra­ten pas­sen woll­te. Daß Haupt­mann den­noch von ihnen ver­ein­nahmt wur­de, hat Haupt­mann vor allem des­halb gestört, weil er dadurch die dich­te­ri­schen Moti­ve sei­ner Wer­ke in Abre­de gestellt sah. Außer­dem führ­te es dazu, daß es für die Geg­ner der Sozi­al­de­mo­kra­tie leich­ter mög­lich war, die Thea­ter­stü­cke als Ten­denz­li­te­ra­tur abzu­tun. Sein frü­her Bio­graf Paul Schlen­ther hat den Zusam­men­hang zwi­schen sozia­lem Elend und Dich­tung im Sin­ne Haupt­manns inter­pre­tiert: „Immer, so oft die deut­sche Dich­tung sich auf sich selbst besann, grub sie sich mit der­bem Spa­ten­stich tief ein in den Boden des nied­ri­gen und nied­rigs­ten Volks­le­bens. Von dort­her sog sie neue Kraft, die sie all­mäh­lich nach oben trieb.“ Haupt­mann bleibt des­halb auch bei den Webern bei der Sowohl-als-auch-Hal­tung, die das Stück in einem schwe­ben­den Zustand enden läßt. Das Stück war trotz­dem ver­däch­tig und konn­te, nach­dem ihre Auf­füh­rung zunächst ver­bo­ten wur­de, erst im Febru­ar 1893 im Ver­ein Freie Büh­ne auf­ge­führt wer­den. Die ers­te öffent­li­che Auf­füh­rung gab es ein Jahr später.

Haupt­mann ver­öf­fent­lich­te seit­dem bis zum Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs fast in jedem Jahr min­des­tens ein Thea­ter­stück. Nicht jedes war ein Erfolg aber er fes­tig­te damit sei­ne Stel­lung als wich­tigs­ter deut­scher Dich­ter. Daß Haupt­mann die­sen Ruf bis heu­te, trotz der oben genann­ten Ein­schrän­kun­gen, ver­tei­di­gen konn­te, hat ver­schie­de­ne Grün­de. Haupt­manns Par­tei­nah­me für den Natu­ra­lis­mus ent­sprang nicht einem revo­lu­tio­nä­ren Prin­zip: „Wer Bahn bre­chen will für etwas Neu­es, das zunächst nur als Idee lebt, gilt den Anhän­gern des Alten gewöhn­lich als schrul­len­haf­ter Nörg­ler oder gar gemein­ge­fähr­li­cher Umstürz­ler.“ (Wil­le) Bei Haupt­mann ist der Natu­ra­lis­mus kei­ne radi­ka­le Par­tei­nah­me für den Fort­schritt, son­dern in der Rück­bin­dung an die Natur begrün­det, die nicht aus­schloß, daß es dar­über­hin­aus etwas gibt. Er hat die­ses Meta­phy­si­sche in der geis­ti­gen Welt gese­hen: „Ich weiß sehr wohl, was jemand mit sie­ben, mit zwölf, mit sechs­zehn, mit zwei­und­zwan­zig Jah­ren ist. Ich erken­ne voll­auf das Recht und den Anspruch die­ser jün­ge­ren Jah­re. Aber sofern er an Bil­dung, an geis­ti­gem Wachs­tum fort­schrei­tet, wächst er von Pha­se zu Pha­se mehr ins Ewig-Gest­ri­ge.“ Ohne Natur und Hei­mat war Geist für ihn nicht denk­bar: „Was wäre ein Dich­ter, des­sen Wesen nicht der gestei­ger­te Aus­druck der Volks­see­le ist!“

Haupt­mann ent­spricht gera­de nicht der Vor­stel­lung eines Dich­ters als wur­zel­lo­se Intel­lek­tu­el­len­exis­tenz. Das macht es heu­te schwer, ihn zu lesen. Es macht aber auch das anhal­ten­de Fas­zi­no­sum aus, das von ihm aus­geht. Haupt­mann ist der Gegen­wart des­we­gen so merk­wür­dig fremd, weil er wie ein Fabel­tier aus einer ent­fern­ten Zeit wirkt. Sei­ne schle­si­sche Trutz­burg in Agne­ten­dorf, sei­ne sti­li­sier­te Exis­tenz und auch die Maß­lo­sig­keit sei­nes Wer­kes (Wer liest schon hun­der­te Sei­ten Hexa­me­ter?) sind mit unse­rer Zeit nicht ver­ein­bar. Das Wort Fabel­tier ist bereits für Wil­helm II. reser­viert und bei­de sind, so fern sie sich zu Leb­zei­ten gestan­den haben (Wil­helm kün­dig­te nach der Auf­füh­rung der Weber sei­ne Thea­ter-Loge), jeder für sich ein Teil der unter­ge­gan­ge­nen Welt, die, mit all ihren Feh­lern, heu­te als letz­te hei­le Welt erscheint.

Die­se Welt ist bereits im Ers­ten Welt­krieg unter­ge­gan­gen. Als das demo­kra­ti­sche Zeit­al­ter in Deutsch­land anbrach, wur­de Haupt­mann von der Wei­ma­rer Repu­blik eben­so ver­ein­nahmt wie vom Drit­ten Reich (und im unmit­tel­ba­ren Anschluß dar­an von den Kul­tur­funk­tio­nä­ren der zukünf­ti­gen DDR). Er ließ es gesche­hen, weil es immer sein „deut­sches Land“ blieb. Das blieb es auch als es unter­ging und Haupt­mann sowohl den Unter­gang Dres­dens unmit­tel­bar mit­er­leb­te als auch Zeu­ge der wil­den Ver­trei­bung der Deut­schen aus Schle­si­en wur­de. Dres­den über­leb­te er knapp und wid­me­te ihm die berühm­ten Wor­te „Wer das Wei­nen ver­lernt hat, der lernt es wie­der beim Unter­gang Dres­dens.“ Der eige­nen Ver­trei­bung kam der 83jährige durch sei­nen Tod am 6. Juni 1946 nur um Tage zuvor.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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