10. Oktober 2013

Armin Mohler und die Freuden des Rechtsseins

von Martin Lichtmesz / 36 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

InterregnumVor mir liegt ein frisch gedrucktes Büchlein, das mich wieder daran erinnert, was für eine große geistige Freude das "Rechtssein" machen kann. Fast hätte ich es schon vergessen. Aber irgendeinen guten Grund muß ein Mensch ja haben, warum er sich all den Ärger antut, der damit einhergeht, nicht im linken Schafswolfsrudel mitzuheulen bzw. zu -blöken.

Die Rede ist von dem Kaplaken-Band "Notizen aus dem Interregnum", der dreizehn Kolumnen versammelt, die Armin Mohler im Laufe des Jahres 1994 für die damals noch junge Junge Freiheit schrieb. Diese war eben auf das wöchentliche Format umgestiegen, und stand am Anfang ihres Siegeszuges als wichtigstes Organ und Sammelbecken der deutschen Rechten und Konservativen. Letzteres sind Begriffe, die Mohler meistens synonym oder alternierend gebrauchte, auch wenn es viele Rechte gibt, die sich nicht als "konservativ" und viele Konservative, die sich nicht als "rechts" betrachten. Außerhalb ihrer Milieus interessiert das allerdings bekanntlich keine Sau.

Die "Notizen" sind, wie Götz Kubitschek im Nachwort formuliert, in einem "didaktisch-drängenden Ton" verfaßt. Der 74jährige Mohler, einer der bedeutendsten Köpfe des deutschen Nachkriegskonservatismus, wollte mit seinen Kolumnen eine Art Orientierungshilfe, einen "Crash-Kurs" im "Rechtssein" bieten. So behandelte er noch einmal die Begriffe und Positionen, die in seinem Werk immer wiederkehren. Seine zentrale Formel war diese:
Bekannt ist der kokette Spruch: Wer nicht einmal links (oder wenigstens liberal) war, der wird kein richtiger Rechter. Der Schreibende hat jedoch Freunde, auf die das nicht zutrifft. Er sagt darum lieber: ein Rechter wird man durch eine Art von »zweiter Geburt«. Man hat sie durchlebt, wenn man sich – der eine früher, der andere später – der Einsicht öffnet, daß kein Mensch je die Wirklichkeit als Ganzes zu verstehen, zu erfassen und zu beherrschen vermag. Diese Einsicht stimmt manchen melancholisch, vielen aber eröffnet sie eine wunderbare Welt. Jedem dieser beiden Typen erspart sie, sein Leben mit Utopien, diesen Verschiebebahnhöfen in die Zukunft zu verplempern.

Das leuchtet wohl jedem unmittelbar ein, der die Erfahrung gemacht hat, daß eine zu eng gefaßte Weltanschauung blind für die Wirklichkeit machen kann, die nach einem Wort von Joachim Fest "immer rechts steht". Ein Gitter von Abstraktionen verhindert, daß man sie sieht, wie sie ist (insofern man das eben mit seinen - stets beschränkten - Mitteln kann), daß man ihre Komplexität und Widersprüchlichkeit wahrnimmt und akzeptiert. (Damit ist aber nicht die typisch linke Rede von der "Komplexität" gemeint, die genau auf das Gegenteil abzielt, nämlich eine Wahrnehmungschwäche kaschiert und sich um eine Entscheidung drücken will.)

Der von Mohler hochgeschätzte österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer sprach an dieser Stelle gerne griffig von den "All-Gemeinheiten" und von der "Apperzeptionsverweigerung", einer nicht selten willentlichen Blockierung der Wahrnehmung, die zunächst zur Verdummung und schließlich gar zum Bösen führe.

Mohler kannte den Begriff der "political correctness" noch nicht - aber es handelt sich hierbei um genau die Art von Abstraktionengitter, die er sein Leben lang bekämpfte. "Political correctness" stellt zuerst ein Ideal auf, wie die Realität sein sollte, führt alsdann zu ihrer Leugnung (nach Doderer das "Dumme"), ob aus Angst (Doderer sprach vom "Kaltschweiß der Lebensschwäche") oder aus Wunschdenken oder aus Opportunismus oder aus ideologischer Verblendung; dann aber zu unerbittlichen Verfolgung (nach Doderer wäre dies dann das "Böse") all jener, die immer noch sehen und immer noch benennen,was sie eigentlich gar nicht sehen dürfen, etwa, daß der Kaiser nackt ist .

Auch das eng mit der "political correctness" verbundene Gleichheitsdenken ist so eine Scheuklappe und "All-Gemeinheit". In Notiz 7 (15. April 1994) diskutiert Mohler den italienischen Politologen Norberto Bobbio, der die Formel aufstellte, daß die Rechte vor allem mit dem beschäftigt sei, was die Menschen unterscheidet, und die Linke, mit dem, was die Menschen einander angleicht. Das geht soweit, daß der Linke die Gleichheit mit Gerechtigkeit gleichsetzt und zum absoluten moralischen Gut erhebt - die Menschen sollen "vernünftigerweise lieber gleicher als ungleich sein".  Der Rechte dagegen bejaht die Ungleichheit, die es ja nur als relativen Begriff gibt. Erst die Ungleichheit gibt dem Leben seine Spannung, Vielfältigkeit und Farbe.

Die Absage an die prinzipielle "Durchschaubarkeit" und daher "Machbarkeit" aller Dinge ist kein Aufruf zum Nichthandeln - im Gegenteil. Vielmehr ergibt sich daraus die  Notwendigkeit einer Entscheidung, die Aufgabe, dem stetig sich wandelnden Chaos der Welt eine haltbare und dauerhafte Form abzutrotzen, mit dem Material zu bauen, das da ist, statt ständig auf das zu warten, was sein soll.

Das heißt allerdings nicht, daß man sich mit einem bloßen "Gärtnerkonservatismus" begnügen muß. Vielmehr gilt es, aus dem Menschen das Bestmögliche herauszuholen und ihn an einer gewissen Intensität des Daseins teilhaben zu lassen, das auch immer "Agon", also Wettstreit und Kampf ist - gegen die Unordnung, die Formlosigkeit, die Erschlaffung, den Verfall, den Tod, aber auch den konkreten Feind, den es immer geben wird.

Dem "Feind" wird aber auch eine bestimmter Standort und ein prinzipielles Existenzrecht zugebilligt- er ist kein absoluter Feind, zu dem ihn bestimmte ideologische Zuspitzungen machen, insbesondere jene mit egalitärer Stoßrichtung. In der Notiz 9 vom 24. Juni 1994 untersucht Mohler den Begriff der "Mentalität" . Dabei hat es ihm besonders eine Formulierung aus dem alten Brockhaus aus der Zeit vor dem Einbruch des "68er-Geistes" angetan. "Mentalität" bezeichnet
die geistig-seelische Disposition, die durch die Einwirkung von Lebenserfahrungen und Milieueindrücken entsteht, denen die Mitglieder einer sozialen Schicht unterworfen sind.

Das bedeutet nicht nur, daß der Mensch (hier folgt Mohler seinem großen Lehrmeister Arnold Gehlen) "anpassungsfähig" ist, ein Wesen, das ebenso geformt wird, wie es selbst formend eingreift, "das sich selbst konstruiert, was er zum Überleben braucht". Das heißt auch, daß jeder Mensch seinen soziologischen Ort, seine eigene Geschichte, seine eigenen guten oder schlechten Gründe und Beweggründe hat. Von hier aus wird auch eine rein moralistische Betrachtung und Verurteilung, eines einzelnen Menschen wie eines ganzen Volkes, unmöglich.

Mohlers Ansatz war verblüffend, besonders für solche Leser, die ein allzu vorgefaßtes Bild vom "Rechten" mit sich herumtrugen. Dieser ist ja in der freien Wildbahn des Mainstreams eine geradezu geächtete Figur, im Gegensatz zu seinem umhätschelten Pendant, dem Linken, der "für seine guten Absichten belohnt wird", und der auch dafür sorgt, daß vom Rechten möglichst nur Zerrbilder kursieren. "Rechts" ist, wen er als solchen definiert, und wie er ihn definiert.

Es geht an dieser Stelle natürlich um den Rechten als Typus. Was die personifizierten Vertreter beider Lager angeht, so gibt es leider genug abschreckende Beispiele. Doderer sah sie als "Herabgekommenheiten" - nicht etwa der nicht minder verabscheuungswürdigen "Mitte" - sondern
jener Ebene, darauf der historisch agierende Mensch steht, der immer konservativ und revolutionär in einem ist, und diese Korrelativa als isolierte Möglichkeiten nicht kennt.

Mit einem Schlagwort: "konservative Revolution". Das war für Mohler nicht nur das Etikett für ein bestimmtes, zeitlich eingegrenztes politisches Phänomen, sondern eine ganz grundsätzliche Idee, die er gerne vieldeutig schillern ließ. Seine Begriffe haben oft etwas bewußt Unscharfes, "Stimmungen" Evozierendes, Wandelbares - sie müssen der jeweiligen konkreten Situation angepaßt werden.

Ich bin nun selber ein Initiat jener verschworenen Bruderschaft, die durch Mohler ihre entscheidenden politischen Impulse und Erweckungserlebnisse erfahren hat. Mit 25 Jahren verschlang ich in einer Nacht die Essaysammlung "Liberalenbeschimpfung". Als ich das Buch zuklappte, war mir klar: wenn das nun "rechts" ist, dann ist es nicht nur völlig legitim "rechts" zu sein, dann bin ich es auch. Mir war bislang nur vorenthalten worden, daß es ein solches "Rechtssein" auch gab - und das hatte mit einer Art zu denken ebenso wie mit einer Art zu schreiben und zu sprechen zu tun. Letztlich würde es aber vor allem, das betonte Mohler immer wieder, auch auf eine "Haltung" und eine Art zu handeln ankommen, wobei er zugab, daß die Schreiber auch selten gleichzeitig "Täter" sind.

Und hier fand ich nun die Quelle der "Freude", von der ich oben sprach. Man erkennt, daß die Sprache eine Waffe ebenso wie ein Gefängnis sein kann, und daß ihre Grenzen schier unendlich erweiterbar sind. Dadurch stürzen die Begriffsgötzen und die falschen Autoritäten und die Laufgitter reihenweise ein und der Weg ins Freie wird sichtbar.

Fortan tat sich mir eine völlig neue und aufregende Welt auf. Zunächst war das nur eine Sache zwischen mir und meinem Bücherschrank. Ich suchte jahrelang keinerlei persönlichen Kontakt zu rechten oder konservativen "Milieus", zum Teil aus Desinteresse, zum Teil aus weiterhin bestehenden Vorurteilen. Stattdessen ackerte ich sämtliche Hefte des "Criticón" in der Berliner Staatsbibliothek durch, dem bedeutendsten Organ des konservativen Binnenpluralismus der 70er und 80er Jahre, und stieß dort auf die Namen all der konservativen Fabeltiere: neben Mohler auch Caspar von Schrenck-Notzing, Hans-Dietrich Sander, Günter Rohrmoser, Hellmut Diwald, Hans-Joachim Arndt, Günter Zehm, Wolfgang Venohr, Salcia Landmann, Robert Hepp, Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Bernard Willms, Erik von Kuehnelt-Leddihn, Günter Maschke oder Alain de Benoist.

Und auf die großen Vordenker - Jünger, Blüher und Spengler waren mir schon bekannt, nun aber lernte ich Namen wie Carl Schmitt, Ernst Niekisch, Julius Evola, Edgar Julius Jung, Georges Sorel, Arnold Gehlen oder auch Donoso Cortés, Edmund Burke, Vilfredo Pareto usw. kennen. Ganz zu schweigen von all den schillernden Figuren, den Dichtern und Träumern, darunter eine erkleckliche Anzahl von poètes maudits, die ein verlockender Hauch des Hades umgab: Drieu La Rochelle, Yukio Mishima, Ezra Pound, Gabriele d'Annunzio, Emile Cioran, Lucien Rebatet, Curzio Malaparte, Louis-Ferdinand Céline, Friedrich Hielscher, Alfred Schmid... man konnte wahrlich nicht klagen, daß es drüben am "rechten Ufer" langweilig war.

Natürlich half auch das Internet enorm weiter, und früher oder später landete jeder mit einschlägigen Interessen bei der Jungen Freiheit, deren Netzarchive ich geradezu plünderte. Bald war ich begeisterter Abonnent, und entdeckte "neue", aktuelle Stars:  Thorsten Hinz, Baal Müller (was für ein Name!), Manuel Ochsenreiter, Claus-Michael Wolfschlag, Angelika Willig. Viele Ausgaben der JF von 2002/3 habe ich heute noch aufgehoben und bewahre sie geradezu liebevoll und nostalgisch auf.

Bei der JF allein blieb es freilich nicht. Um den schwarzen Kontinent zu erobern, las ich zu diesem Zeitpunkt wie ein Scheunendrescher alles, wirklich "alles, was recht(s) ist", frei nach einem Buchtitel von Karlheinz Weißmann, heute ein selbsterklärtes "lebendes Fossil der Neuen Rechten", der ebenfalls rasch in mein stetig wachsendes Pantheon aufgenommen wurde.

Besonders fielen mir jene Artikel in der JF und bald auch schon der Sezession auf, die von den Namen Ellen Kositza und Götz Kubitschek gezeichnet waren. Beide waren nur um wenige Jahre älter als ich, hatten markante Gesichter (dergleichen ist für mich bis heute von Bedeutung) und ihre Beiträge erklangen in einem frischen und zupackenden Ton  - unverkennbar die Mohler'sche Schule. Vor allem wurde darin nicht fade herumgeschwätzt, es ging darin um etwas: um unser jetziges, wirkliches Leben, um unsere Gegenwart und Zukunft, und ich erkannte, daß all dies auch etwas mit mir und meinem Leben zu tun hatte.

Gewiß war das Netz auch damals schon voll von Antifaseiten, die mal mehr, mal weniger offensichtlich ideologisch zugespitzt auftraten. Zentraler Anlaufpunkt war eine Seite namens "IDGR"- "Informationsdienst gegen Rechtsextremismus", die freilich auch ganz hilfreich war, wenn man neue "Lesetips" suchte. Was mich damals besonders empörte, war die Diskrepanz zwischen der hetzerisch-dummen, schablonenartigen, immer-gleichen Sprache dieser Seiten und dem, was die denunzierten Autoren tatsächlich geschrieben und gemeint hatten. Ich konnte nur krasse Desinformation, Verleumdung und Verzerrung erkennen, und das bestärkte mich umso mehr in dem Gefühl, auf der richtigen Spur zu sein.

Das fiel besonders bei Mohler auf. Es gab einerseits den Antifa-Popanz, andererseits den Autor, der mir freier, "liberaler" und, ja, "toleranter" und menschlicher erschien, als irgendeine rote Schranze, die ihre Säuberungswütigkeit mit hochtrabenden Ansprüchen schmückte. Besonders nahm mich seine Kunstsinnigkeit ein. Nicht nur vermochte er es, handfest und subtil zugleich über Belletristik, Lyrik und Malerei zu schreiben - er hatte auf jedes Thema, das er behandelte, einen unverwechselbaren Zugriff.

Und es gab ein Gebiet, wo Mohler eine besonders befreiende Wirkung ausübte: nämlich in seinen Betrachtungen zum Komplex der "Vergangenheitsbewältigung" (ein Begriff, der heute kaum mehr benutzt wird, was der Praxis, die er bezeichnete, allerdings keinerlei Abbruch tut.) Diese Bücher, insbesondere "Der Nasenring", haben endgültig mein Klischee von einem "Rechten" zerstört. Ihre Argumentation erschien mir gescheit, realistisch, vernünftig, erwachsen, im besten Sinne humanistisch, auch wenn ich nicht immer d'accord war.

Ich glaube, daß jeder denkende und fühlende Mensch, der in Deutschland oder Österreich geboren ist, irgendwann einmal mit der Geschichte seines Landes und den daraus folgenden Belastungen ins Klare kommen muß. Es ist wohl kein Zufall, daß Mohler gerade dieses Schlachtfeld wiederholt aufgesucht hat, denn keines ist dichter von "All-Gemeinheiten", ahistorischen Abstraktionen, falschen Moralisierungen, "schrecklichen Vereinfachungen", pauschalen Urteilen und so weiter umzäunt als dieses. Wohlfeile und wohlkalkulierte oder zur Gewohnheit eingerastete Instrumentalisierungen gehen hier mit deutschen Identitätsstörungen und unverarbeiteten Traumata einher, der nationale Selbsthaß mit dem "Klageverbot" (so Hans-Jürgen Syberberg), die politische Erpressung mit der Unfähigkeit, zu trauern.

Mohlers Ausweg aus diesem Dschungel war genial. Er leitete sich aus seiner lebenslangen Begeisterung für die schöne Literatur ab, die ihm als ein unentbehrlicher Weg zur "Welterfassung" erschien.  Er lautete: dort wo, die Zangenbacken der ideologischen Abstraktionen und der moralistischen All-Gemeinheiten zubeißen wollen, dort soll man eine Geschichte erzählen.


Etwa die eines einzigen Menschen, der die Zeit des Dritten Reichs und des Zweitens Weltkriegs erlebt hat. Von Anfang an und nach der Reihe. Und dann die eines anderen, der genau das Gegenteil erlebt, und genau gegenteilig gedacht und gehandelt hat. Und dann eine dritte und eine vierte. Allmählich können wir auch wieder von Moral sprechen und von "Tätern und Opfern", aber auf einer völlig veränderten Ebene. Diese Geschichten können Lebensberichte und Memoiren ebenso wie durchgestaltete Romane und Erzählungen sein.

Wer all dies wirklich in sich aufgenommen hat, wird zunehmends davor zurückscheuen, den Stab über vorangegangene Generationen zu brechen. Gerade die Deutschen müssen aufhören, über ihre Mütter und Väter, ihre Großmütter und Großväter, zu urteilen - sie sollten stattdessen versuchen, sie verstehen zu lernen.  Wir müssen unsere ganze Geschichte annehmen, und wir brauchen uns dazu auch nicht die schlechten Dinge schönzureden.

Schließlich aber, und hier war Mohler sehr scharf, kann ein richtiges Verhältnis zur eigenen Vergangenheit nicht gewonnen werden, wenn die historische Forschung zu stark politisiert wird, wenn Fragestellungen tabuisiert werden, wenn Historiker die Ächtung fürchten müssen (und es traf auch einen Diwald, einen Nolte, nicht nur einen Irving, der indes noch in den frühen Achtzigern mit Vorabdrucken im Spiegel rechnen konnte) und wenn per Gesetz entschieden wird, was historische Wahrheit ist und was nicht. Jeder Wissenschaftler, der hier noch seine Siebensachen beisammen hat, wird zugeben müssen, daß eine solche Praxis äußerst problematisch ist, und daß nicht damit geholfen ist, wenn man auf die Exzesse des lunatic fringe verweist.

Nun könnte man natürlich, etwa mit Egon Friedell, sagen, daß es eine rein "objektive" und "interessenlose" Geschichtsschreibung nicht gibt und nicht geben kann, daß man Historiographie, die wie die Künste einer Muse unterstellt ist, nicht so betreibt wie Naturwissenschaft - aber gerade dieser Gedanke ist in alle Richtungen hin gültig. Eine Buchveröffentlichung wie Stefan Scheils jüngster Kaplakenband "Polen 1939" steht von vornherein in einem politischen Raum, da die Vorgeschichte des Weltkriegs im Staatshaushalt der Bundesrepublik kein neutrales, sondern vielmehr ein mit politischer Bedeutung hoch aufgeladenes Feld ist. Dies gilt völlig unabhängig davon, ob sich Scheils Thesen als richtig oder falsch erweisen - sie bleiben so oder so ein Politikum.

Das nun also ist auch das eigentliche Thema von Mohlers Notiz 11 (5. August 1994), die sich in vermintes Gelände vorwagte, und darum von JF-Chefredakteur Dieter Stein von einer redaktionellen Infragestellung und einer Replik von Salcia Landmann eingerahmt wurde. Man kann das alles im Kaplaken-Band nachlesen, darum will ich es an dieser Stelle nicht breittreten. Landmanns Antwort fiel, bei allem Respekt, zum Teil unterirdisch undifferenziert aus und schoß meilenweit und halbmanisch am eigentlichen Thema vorbei. Mohler kannte die sehr alte und sehr eigenwillige Dame noch aus Criticón-Tagen und nahm ihr selbst den Angriff nicht übel.

Anders erging es ihm allerdings mit dem Verhalten Dieter Steins. Dieser hatte im Grunde die "Notiz" mit großen, roten Distanzierungsrufzeichen versehen, die vielleicht ein Spur zu dick aufgetragen waren. In seinem redaktionellen Beiwort wurde Mohler als eine Art seitenverkehrter, ebenfalls auf die Täter fixierter Habermas hingestellt, der lediglich die Deutschen exkulpieren wolle, wo der andere sie in pauschale Geiselhaft nahm.

Tatsächlich hatte Mohler in seiner "Notiz"aber genau vor diesem Ping-Pong des einseitigen Anschuldigens als auch einseitigen Exkulpierens gewarnt. Freillich hatte Stein das Recht, seine eigene Position zu markieren. Es ging hier aber vor allem um das "Wie" des Vorgangs. Mohler fühlte sich verraten und in ungerechter Weise bloßgestellt, und schrieb an den noch sehr jungen Chefredakteur:
Was ist das für ein Kapitän, der einen aus der Mannschaft dem Feind zum Fraß vorwirft?

In der aktuellen JF findet sich ein wie immer ausgezeichneter Leitartikel von Thorsten Hinz über die "Macht des Wortes". Darin zeigt Hinz an konkreten Beispielen, was Gómez Dávila mit zwei Sätzen auf den Punkt gebracht hat.
 Wer das Vokabular des Feindes akzeptiert, ergibt sich ohne sein Wissen. Bevor die Urteile in den Sätzen explizit werden, sind sie implizit in den Wörtern.

Auf der Titelseite ist ein mir nicht bekannter Schauspieler namens Hannes Jaenicke zu sehen, der ein Buch mit dem Titel "Die große Volksverarsche" geschrieben hat, in dem er "mit deutschen Journalisten abrechnet", Zitat in der Schlagzeile: "Eure Blätter lese ich nicht mehr."

Im Kulturteil ist skurrilerweiser versehentlich ein Old-School-Antifa-Bericht über den zwischentag abgedruckt worden, der eigentlich in der taz erscheinen sollte. Der Autor, vermutlich ein Praktikant, legt darin den "Rechten" die Freuden der sozialistischen Selbstkritik ans Herz. Er meint es gewiß nur gut, fragt sich bloß, mit wem. Vielleicht weiß auch die rechte Hand nicht mehr was die linke tut, oder irgendjemand ist mal wieder so listig wie die Tauben und so sanft wie die Schlangen, zu welchem Zweck auch immer.

Mein Artikel sollte aber von ganz anderen Freuden handeln. Aus diesem Grund will ich mit dem diesjährigen Neujahrsgeleitwort von Michael Klonovsky enden:
Lang leben die Völker dieser Erde! Es leben ihre Religionen, ihre Sitten, ihre Sprachen! Es lebe die traditionelle Familie! Es lebe die Ehe! Es leben die Geschlechterrollen! Es lebe die Weiblichkeit und die Männlichkeit! Vive la Mademoiselle! Es lebe die Monarchie! Es leben die Rassen und ihre fundamentalen Unterschiede! Es leben die Klassenschranken! Es lebe die soziale Ungerechtigkeit! Es lebe der Luxus! Es lebe die Eleganz! Es leben die Kathedralen, Kirchen und Tempel! Es lebe das Papsttum! Es lebe die Orthodoxie! Es leben die Atomkraft und die bemannte Raumfahrt! Es lebe der private Waffenbesitz! Es lebe der Aberglaube, der Geschichtsrevisionismus und der Biologismus! Es leben die Vorurteile und die Gemeinplätze! Es leben die Mythen! Es lebe alles Ehrwürdig-Althergebrachte! Es lebe die Meisterschaft in Kunst und Handwerk! Es lebe die Gewohnheit und die Regel! Es lebe der Alkohol, das Rauchen und das Fett im Essen! Es lebe die Aristokratie!  Es lebe die Meritokratie! Es lebe die Kallokratie! Es lebe das Versmaß, die Hochkultur und die Distinktion! Es lebe die Bosheit! Es lebe die Ungleichheit!

Ich sage dazu, auch mitten im Jahr, Ja und Amen, und Prost, Cheers, Sláinte, Skøl und Masel tov!

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (36)

Inselbauer
10. Oktober 2013 13:54
Sie verstehen es recht gut, die unterschwellige Bitterkeit zu überspielen, die bei diesen überflüssigen Differenzen mit der JF aufkommt. Es sieht so aus, als ob sich der Liberalkonservativismus langsam aber sicher vom Rechtskonservatismus emanzipiert. Das ist ja keine Tragödie; es gibt halt dann die JF, die AfD und die Milieus der Wähleralternativen auf der einen Seite und die Old-School-Nationalrevolutionäre auf der anderen Seite. Unsereiner muss sich ja auch immer wieder distanzieren, was soll's. Man muss der nationalkonservativen Fraktion dann eben alles Gute wünschen, von Herzen, sollen sie in der offiziellen Politik Einfluss nehmen. Nato-Austritt, Abschüttelung der Geheimdienste, Restitution der Volksgemeinschaft, das ist mit denen halt nicht zu machen.
Ich distanziere mich hiermit offiziell von der konservativ-bourgeoisen Schlappheit der JF und ihrer Teilhabe am Kampf gegen rechts (naja...).
tacitus
10. Oktober 2013 14:16
"Im Kulturteil ist skurrilerweiser versehentlich ein Old-School-Antifa-Bericht über den zwischentag abgedruckt worden, der eigentlich in der taz erscheinen sollte."

Genial! So oder ähnlich dachte ich auch. Herr Stein bereitet sich wohl darauf vor, den "Lorenz Jäger" zu machen.
Nils Wegner
10. Oktober 2013 14:53
Schön zu sehen, daß der IDgR doch eine erkleckliche Zahl von jungen Menschen auf den rechten Weg gebracht hat. ;)
Bootsmann
10. Oktober 2013 15:06
Richtig, wir müssen Mohlers Frage fast zwanzig Jahre später erneut stellen:

Was ist das für ein Kapitän, der einen aus der Mannschaft dem Feind zum Fraße vorwirft?
E.
10. Oktober 2013 15:17
Bootsmann

Naja ein Kapitän halt, der sich eine andere Mannschaft wünscht. Eine weniger rechte eben. Parteitaktisch jedoch nachvollziehbar, wenn man mit der AFD eine Liaison eingehen möchte - charakterlich hingegen extrem unangenehm.
Theosebeios
10. Oktober 2013 16:52
Ihre Invektive gegen Henning Hoffgaard ("Praktikant") ist ja ganz unterhaltsam zu lesen, aber wo bleiben die Argumente? Im Ernst glauben Sie ja wohl nicht, dass der Artikel in der "taz" hätte erscheinen können. Keine Zeile davon.
So wie Sie kritisieren, dass der ("sehr junge") Dieter Stein Mohler gekränkt habe, so darf Hoffgaard doch wohl zur "Selbstkritik" aufrufen, wenn er glaubt, dass Vorgänge auf der Messe dazu Anlass bieten.
Ich habe den Artikel von Th. Hinz noch nicht gelesen, aber das Zitat kann nicht absolut gelten:
Wer das Vokabular des Feindes akzeptiert, ergibt sich ohne sein Wissen. Bevor die Urteile in den Sätzen explizit werden, sind sie implizit in den Wörtern.

Bei dem Wort "Islamophobie", das im Abgrenzungsbemühen der AfD eine Rolle spielte, würde ich Ihnen recht geben . Aber es gibt viele Vokabeln in unseren Sprachspielen, die der "Feind" (der ja nicht immer feststeht, kein "absoluter" ist, wie sie sagen) gebraucht, die sogar "typisch linke Rede" bestücken („Komplexität“), ohne dass wir sie umgehen müssen. Entscheidend ist immer noch der Sinn der Aussage, nicht das Wort. Hingegen hat die andere Seite ein ausgesprochen penibles, sensitives Wortwahlverbot, dessen Nichtbeachtung für Sie (nein, nicht Sie persönlich, aber beispielsweise für einen Institutsmitarbeiter) disziplinarische Konsequenzen haben kann.

Ich sehe nicht, ohne dass ich alles beurteilen kann, was Hoffgaard schreibt, dass Ihre sarkastische Beurteilung vertretbar ist. Ich sehe aber, dass Ihnen manches an der JF zu schaffen macht. Vielleicht drücken Sie es ohne Karl-Kraus-Polemik aus.

M.L.: Wir befinden uns hier halt schon in der fortgeschrittenen Klasse. Wenn Sie nicht auf Anhieb verstehen, was das Problem an dem taz-Artikel ist, dann kann (bzw. will) ich Ihnen auch nicht helfen. Mit Mitmenschen, die sich unter "Karl-Kraus-Polemik" vorstellen, was Sie sich offenbar darunter vorstellen, habe ich so oder so keine Verständigungsbasis. Das Gleiche gilt für alle, die mit mir über Davila-Aphorismen debattieren wolllen. Das ist ein Sieb, das ungeheuer zeitersparend ist.
Franz Schmidt
10. Oktober 2013 17:07
Ganz offensichtlich bereitet Stein einen Kurswechsel der JF nach links vor. In meinem Freundeskreis gibt es bereits Diskussionen über Abo-Kündigungen. Ich persönlich rate zunächst zum Abwarten und kritischen Beobachten. Der Unmut wächst aber mit jedem unzumutbaren Artikel.
Konservativer
10. Oktober 2013 17:08
Hier den zumeist brillianten Martin Lichtmesz zu loben bedeutet Eulen nach Athen zu tragen. Sei's drum, wir wissen, was wir an ihm haben.
Lob wem Lob gebührt.

Ebenso wissen wir (d.h. diejenigen, welche die Bücher und Aufsätze von Armin Mohler gelesen haben), was wir an Armin Mohler hatten.
Auf dem von ihm gebauten "Bohlenweg" (d.h. über seine Bücher) kam ich unbeschadet von links nach rechts; über einen Sumpf von Hass, Bösartigkeiten, Ressentiments, Vorurteilen, Lügen, Verleumdungen, Fehldeutungen, verbalem und schriftlichem Schmutz im allgegenwärtigen Kampf gegen Rechts, in dem man leicht versinken kann, wenn man sich auf eigene Faust einen Weg suchen muss. Ich "kletterte die Leiter ganz hoch, um dorthin zu gelangen, wo man frei atmen kann" (Meyer).
Ja, ich als ehemaliger Linker genieße heute "die Freuden des Rechtsseins" (Lichtmesz).

Daß Armin Mohler ein Mann war, der uns (ehemalige) Linke auf der rechten Seite des "Bohlenwegs" sozusagen "mit offenen Armen" in Empfang nahm, war mir eine große Hilfe.
Goerdeler
10. Oktober 2013 21:53
Übrigens: auch bei der linken Journaille ist mittlerweile der Groschen gefallen.
Toni München
10. Oktober 2013 22:57
Eine journalistische Fehlbesetzung im rechten Spektrum! Die JF sollte sich nicht allzu viele von der Sorte leisten.

Man muss (und kann) ja nicht alles lesen. Aber Henning Hoffgaard in der JF lese ich schon längere Zeit nicht mehr, den überblättere ich, auch wenn das Thema mich interessieren würde.

Jetzt habe ich aber doch den Artikel in der JF über den „Zwischentag mit Mißtönen“ gelesen, weil es da halt direkt um "uns" geht. Und ich weiß wieder, warum ich den Typen und seine Schreibe nicht mag: Er ist ohne Substanz, ohne rechte Souveränität oder gar Leidenschaft, aus der er mit Selbstbewusstsein schöpfen könnte. Er betrachtet und berichtet alles nur mit dem ängstlichen Blick des Zeitgeist-Möchtegernkorrekten. Natürlich ist nicht alles gut, und ich erwarte keine Lobhudelei.

Aber wie viel mehr rechte Selbstkritik bei jeder Gelegenheit will er denn noch von uns? Oder meint er damit bloß Ausgrenzung, nämlich die dem Druck der Antideutschen vorauseilende Selbst-Ausgrenzung von rechten Positionen, die nicht Süddeutsche-Zeitung kompatibel sind?

In dem grau-kalten Artikel von H.H. über den „Zwischentag“ wird tendenziell alles, was damit zusammenhängt, derart ins schiefe Licht gestellt, dass man wohl froh sein soll, nicht dabei gewesen zu sein.
enickmal
10. Oktober 2013 23:16
Martin, das ist einer der besten und wichtigsten Artikel, die Du seit "Fanal und Irrlicht" geschrieben hast.
von_der_marwitz
11. Oktober 2013 01:19
Interessant, dass die JF im Vergleich zum Vorjahr auf eine für eine Wochenzeitung erstaunliche Auflagensteigerung von knapp 10 % verweisen kann. Die Nähe zur AfD scheint sich da auszuzahlen; das konservativ-ordoliberale Milieu hat großes Potential.
Dummerweise zeigt sich dieses Milieu an allen wichtigen metapolitischen Themen wenig interessiert und setzt kulturell eher auf Mainstream. Darauf einzugehen ist aber keine geniale AfD/JF-Taktik, sondern schlicht Mittelmaß. Der Hang zur Selbstkritik ist mir in diesem Milieu jedenfalls noch nicht begegnet. Und das Schimpfen auf die PC, eine Anti-Euro-Haltung und vorsichtige Islamkritik macht noch keine echte Dissidenz.
Wie herrlich dagegen die sezessionistische Radikalität des Denkens; ihre dialektischen Auf- und Umschwünge; ja, auch die Kenntnis linker Klassiker. Und trotz aller Skepsis immer eine Heiterkeit und das Wissen um die "große Gesundheit". Hier ist Selbstkritik nicht ritualisiert, sondern Teil intellektueller Reflexion. Wie sich das eben gehört.
Es geht also nicht nur um eine bestimmte Definition des Rechtsseins oder des Konservatismus, sondern auch um Mainstream und Avantgarde.
Danke für diesen Artikel!
Gustav Grambauer
11. Oktober 2013 03:25
> Lang leben die Völker dieser Erde! Es leben ihre ...!
> ... Es lebe die Bosheit! Es lebe die Ungleichheit!

Da setz ich noch einen drauf: Es lebe die Berliner Mauer!

Zunächst einmal den Heideggersch-Mohlerschen Gedanken der 'Hegung' und die beiden gemeinsame Abneigung gegen den "Weltstaat" jetzt in der Zuspitzung der Situation wiederaufgreifend, nebenbei übrigens auch Schmitts Denkfigur des 'Katechon' (die Maschke ja schon lange auf Kuba anwendet).

Aber vor allem gehört für mich die mit ihr einmal eröffnete Dimension zur Freude am 'Rechts-Sein' unbedingt mit dazu!

"Wer kann die Pyramiden überstrahlen ..."

- G. G.
Andrenio
11. Oktober 2013 07:25
Ja,ja,ja
Stil-Blüte
11. Oktober 2013 07:31
Danke für diese freimütige Exkursion in die eigenen 'Lehr- und Wanderjahre' eines Konservativen.
Theosebeios
11. Oktober 2013 08:15
Sie brauchen mir durchaus nicht "helfen" wollen, Herr Lichtmesz, wenn ich Ihren Beitrag unter der Rubrik "Zur Debatte gestellt" (sic!) kommentiere und dabei nicht "auf Anhieb" -- wohl weil in der "oberen Klasse" nur per Evidenz vollziehbar -- Ihre Problemsicht teile. Falls Sie nach meinem Karl-Kraus-"Missgriff" noch nicht die Scheidung eingereicht haben, weil die "Verständigungsbasis" fehlt, hier noch eine ergänzende Anmerkung:

Ich kenne einige Artikel von Henning Hoffgaard, wobei ich in der Regel allerdings nach einiger Zeit vergesse, wer irgendwann was geschrieben hat. Es bleibt dann ein JF-Text, der zur genaueren Betrachtung ggf. aus dem Archiv geholt werden muss. Insofern, FRANZ SCHMIDT, kann ich auch nicht erkennen, dass Dieter Stein einen "Kurswechsel" vorbereitet. Zweifellos stehen manche Autoren im politischen Spektrum "weniger rechts" als Sie und Lichtmesz, sodass Sie gelegentlich immer schon einmal mit "Unmut" reagiert haben (müssten). Wo könnte man schon über Jahre hinweg von verschiedenen Leuten lesen, ohne das eine oder andere in die Tonne treten zu wollen? Auch ich las die beiden von mir zuletzt kritisierten ML-Artikel letztlich mit Unmut. Man unterliegt in solchen Zuständen dann leicht dem Impuls, in die Lichtmesz'schen Texte einen "Kurswechsel" hineinzuspekulieren, wenn man sich nicht an die eigene selektive Wahrnehmung erinnert.

Der Debattenbeitrag von Martin Lichtmesz hebt an wie eine kenntnisreiche Eloge auf Mohler mit zahlreichen interessanten Bezügen zum eigenen Werdegang -- eine Eigenschaft, die ihm auch nicht zu nehmen ist -- und gewinnt dann eine plötzliche Verdichtung bei Mohlers Klage über Stein, ein Ereignis, das 19 Jahre zurückliegt, um einen aktuellen JF-Artikel mit dem damaligen Verhalten des Chefredakteurs in Verbindung zu bringen. Bei dieser Schleife arbeitet ML mit dem Mittel des Stilbruchs: Wird der Mohler-Stein-Konflikt noch mit einem sachlich begründbaren Vorhalt dargestellt, so wird Henning Hoffgaard als nicht satisfaktionsfähig ("Praktikant") verspottet und sein Artikel unter die Rubrik "feindliche" Texte verbucht. Wer so schweres Geschütz auffährt, sollte (hier) verstärkt begründungspflichtig sein. Aber Herr Lichtmesz beharrt darauf, in der "höheren Klasse" müsse man (ihn) "auf Anhieb" verstehen können -- oder eben nicht.

zwischenbemerkung kubitschek: die begründung kommt schon noch, keine eile. vielleicht beantworten Sie sich zuvorderst die frage, ob Sie dem beitrag von HH entnehmen können, was der "zwischentag" so recht eigentlich bot - abgesehen von einer italienischen und einer ungarischen wortmeldung.

Herr Hoffgaard ist ein talentierter junger Journalist. Mir ist erinnerlich, dass er besondere Sachkompetenz in dem Bereich gezeigt hat, von dem ich auch ein wenig zu verstehen glaube. Das ist im deutschen Journalismus selten.
Herr Lichtmesz, Sie schneiden an einem Tischtuch, das schwer zu flicken sein wird.

M.L.: Es verhält sich leider genau umgekehrt. Ihre Kommentare kommen mir vor, wie aus einem Paralleluniversum. Wie gesagt, habe ich Ihnen nichts zu sagen, sparen Sie sich Ihrerseits Ihre Belehrungen: Sie wissen einfach zu wenig.


@ Toni Roidl
Dass Hoffgaard "rechte Selbstkritik bei jeder Gelegenheit" fordere, ist mir entgangen. Dem Artikel pauschal "Ausgrenzung" vorzuhalten, geht fehl. Schließlich berichtet HH von der durch die Messeleitung selbst vorgenommenen Ausgrenzung anhand von VS-Kriterien. Die JF unterstellt offenbar, dies sei nicht völlig gelungen. Ich sehe nicht, dass wir hier in der Lage sind, dies substanziell zu beurteilen.

@ Goerdeler
"Groschen gefallen"? Die Anerkennung des Feindes beginnt mit gesteigerter Aufmerksamkeit. Wenn man hier mitliest und sogar bewertet, ist das gut. Vielleicht fällt auf diesem Wege dadurch bei dem einen oder anderen in anderer Weise der Groschen. Worum es ja auch in einer Mohler-Kolumne geht.

P.S.: Der Beitrag darf nur ungekürzt freigeschaltet werden.
Julius
11. Oktober 2013 09:49
Was für ein Artikel! Wahrlich seinem Gegenstand angemessen.

@ Toni München und Theosebeios
Hoffgaard hat wieder einmal ein bisserl daneben gehaut. [Bekanntlich kommt es nicht nur darauf an, was man (be)schreibt und wie man es darstellt, sondern auch, was man unerwähnt läßt.]
Man möchte darüber ob seiner Jugend hinwegsehen und auf Besseres hoffen. Auch in diesem Fall hat daher, finde ich, Martin Lichtmesz mit Ironie und Sprachwitz den richtigen Ton getroffen - eben ganz im Gegensatz zu Herrn Hoffgaard.
Theosebeios
11. Oktober 2013 10:07
@ Gustav Grambauer

" ... Es lebe die Berliner Mauer!"

Durchdenken Sie Ihre rhetorische Übergipfelung doch noch einmal in Ruhe. Bei dem Begriff "Hegung" hatte Heidegger gewiss nicht den "antifaschistischen Schutzwall" im Sinn, deren Werden und allmähliche Vervollkommnung er über die Jahre hinweg verfolgen konnte.
Martin Lichtmesz
11. Oktober 2013 10:53
Der Witz an der Berliner Mauer war, daß sie am Ende gewissermaßen ein "anti-antifaschistischer Schutzwall" war, und eine Menge Deutschland konserviert hat, während sich die Dinge im Westen wesentlich gründlicher in der Coca-Cola-Brause aufgelöst haben. Das ist auch in anderen Ostblockstaaten der Fall, ich denke nun etwa an Polen. Die unabsichtlich katechontische Wirkung des Kommunismus, das zu beschreiben, wäre eine hübsche Aufgabe für boshafte Historiker. Arnold Gehlen würde sich im Nachhinein auch bestätigt fühlen.
Inselbauer
11. Oktober 2013 11:46
Es ist natürlich Unsinn, sich vorzustellen, dass mit dem zu erwartenden gründlichen Bruch zwischen den {Terminologie unklar} Liberalkonservativen und den {Terminologie unklar} Rechtskonservativen "bürgerlicher Ballast" abgeworfen werden könnte, obwohl sich der Gedanke geradezu aufdrängt. Trotzdem muss man jetzt schon sehen, wo man bleibt. Ein läppischer Gutmensch als konservatives Pinup und ein aufstrebender Nichtdenker als Lohnschreiber sind durchaus programmatische Ansagen, die einem die Grausbirnen aufsteigen lassen.
Vielleicht hat das alles den Effekt, dass man ein wenig vom Gespenst des Konservatismus wegkommt und wieder Volk und Staat ins Blickfeld rücken. Es würde mich freuen.
Rottweiler
11. Oktober 2013 12:05
Der je individuelle Bildungsweg mag zwar Exemplarisches bereithalten, aber die gefällige zur Schaustellung hat mit Amt und Dienerschaft nur noch wenig zu tun. Ein wenig mehr Bescheidenheit, wie sie zum Beispiel Gehlen gepflegt hat, würde hier gut tun. (Kann man in der aktuellen Zeitschrift für Ideengeschichte nachlesen) Auch die eigene Überhöhung durch Diskussionsverweigerung gehört in den selben Zusammenhang. Um aber auf den Punkt der aktuellen Auseinandersetzung zu kommen: Das Mohler hier eine weniger politiserte Wissenschaft fordert um zu einem wertneutralen Ergebnis zu gelangen, ist doch wohl ein wenig naiv gedacht. Auch lässt sich durch das übereinanderlegen unterschiedlicher Perspektiven nicht zu einem Begriff von der Wirklichkeit gelangen. So viel sollte man vom deutschen Idealismus mitgenommen haben. Wenn man aber verschiedene Wirklichkeiten annimmt, ist es halt eine Machtfrage welche sich durchsetzt. Dann müßte Mohler aber akzeptieren, dass er der Schwächere war und nicht einfach Gesinnung rufen. Ein Pluralismus unterschiedlicher Geschichtsbilder ist nichts weiter als ein auf die Geschichte übertragener Mulitkulturalismus. Also entweder politisierte Wissenschaft oder objektive Wissenschaft - beides nebeneinander geht nicht.

M.L.: Das strotzt gleich von multiplen Denkfehlern. Z.B. geht es zunächst nur um die simple Sache, daß historische Wahrheiten nicht per Gesetz entschieden werden sollte. Skurril finde ich die Idee "Mohler müßte akzeptieren, daß er der Schwächere war". Was heißt "akteptieren"? Wie soll man sich das konkret vorstellen?
Martin
11. Oktober 2013 12:09
Der Witz an der Berliner Mauer war, daß sie am Ende gewissermaßen ein „anti-antifaschistischer Schutzwall“ war, und eine Menge Deutschland konserviert hat, während sich die Dinge im Westen wesentlich gründlicher in der Coca-Cola-Brause aufgelöst haben.


Das halte ich für eine Legende mit der, wenn vermutlich auch nicht von Ihnen, aber doch von anderen, sich "national" Gebenden, um die Anerkennung der Mitteldeutschen geworben wird.

Wer sich noch ein bisschen ehrlich an die westdeutsche Zeit der 70er und 80er Jahre erinnert, der weis, dass das doch - im Vergleich zu heute - ziemlich paradiesische und auch sehr deutsche Zeiten waren, in denen man zwar schon italienische, griechische, jugoslawische und auch türkische Zuwanderung (die Ostblockzuwanderer gab es der Vollständigkeit halber auch noch) sowie die ersten großen Asyldiskussionen (immerhin: Diskussion über das "ob" und nicht über das "wie", wie es heute der Fall ist) hatte, aber man konnte immerhin noch ganz offiziell - um bei dem angesprochenen Kampf um die "Begriffe" zu bleiben - Türken etc. als "Gastarbeiter" bezeichnen, ohne damit gleich Autobahnalarm auszulösen.

Die ganze deutsche Malaise hat doch erst in den 90er Jahren so richtig an Fahrt aufgenommen, als es begonnen hat, die alte "BRD" zunehmend der "DDR" anzugleichen und gleichzeitig damit begonnen wurde, das wiedervereinigte Deutschland in der EU auflösen zu wollen und das Ganze steigert sich seit Beginn dieses Jahrtausends immer mehr und schneller.

Aber Gemach, ich persönlich kann diesem, sich hier andeutenden Zwist mit der JF nichts abgewinnen, zumal ich den Schwerpunkt des Artikels eindeutig woanders gesehen habe und lediglich eine kleine - für mich unbeachtliche - Spitze gegen die JF bzw. eines Autors darin finden konnte (bin eben kein "Insider"). Aber gut, wenn die JF beleidigt ist, wenn man die Mohler Texte jetzt gesammelt herausgibt, dann ist es doch in erster Linie einmal deren eigenes Problem, oder?
gerdb
11. Oktober 2013 12:12
Das stand mal auf der Jungen Welt:
Da setz ich noch einen drauf: Es lebe die Berliner Mauer!
enickmar
11. Oktober 2013 13:20
@Rottweiler

Warum ist das naiv gedacht ? Das ist die einzige vernünftige Herangehensweise. Zunächst mal muß man ja die Mißstände benennen, um Klarheit über die Zustände zu vermitteln zu können. Ob man dann so naiv ist zu glauben, daß man die BRD diesbezüglich umkrempeln kann, ist eine ganz andere Frage. Aber erstmal sollte man zumindest die Lage erkennen können. Und das ist möglich, wie Mohler bewiesen hat.
Mit verschiedenen Wirklichkeiten hat das insofern nichts zu tun, als daß man das Unvermögen des Einzelnen diese vollständig zu erfassen, nicht mit ihrer Nichtexistenz (lauter verschiedene Wirklichkeiten) verwechseln sollte.
Es ist dem Menschen aber durchaus möglich, durch Wissenschaft die Wirklichkeit besser kennenzulernen (wenn auch nicht vollständig), vor allem auf bestimmte definierte Fragestellungen bezogen. Ob nämlich eine Information als wahr oder falsch anerkannt wird, hängt von der Fragestellung und dem Definitionsrahmen ab, innerhalb dessen die Antwort gegeben wird. So können wir in der Wissenschaft sehr wohl sinnvolle und eindeutige Antworten geben und Wirklichkeiten erkennen und beschreiben. Das ist dadurch bewiesen, daß wir nicht mehr in der Steinzeit leben.
Hartwig
11. Oktober 2013 13:29
"... Auch die eigene Überhöhung durch Diskussionsverweigerung gehört in den selben Zusammenhang.... "

@Rottweiler
Ja, der Eindruck einer gewissen Dünnhäutigkeit des Autos ist auch bei mir vorhanden. Allerdings kenne ich den Subtext nicht, von dem ich ausgehe, dass er existiert.
Aus dem JF-Artikel von H.H. kann man jedenfalls ein Distanzierungsbedürfnis herauslesen. Den Zwischentag auf diese Weise, auch in seiner Knappheit, zu würdigen, ist für eine JF einfach zu wenig.

Diskussionsverweigerung ist allerdings bei mir zu einer Art Standardwaffe geworden, die regelmäßig ihre Wirkung nicht verfehlt; ... dort wo man mich nicht oder wenig kennt. Z.B. mit den deutlich in den Raum gesprochenen Worten: "Mit Linken diskutiere ich nicht mehr über Politik." fesselt man augenblicklich Aufmerksamkeit. Man outet sich als Nichtlinks, kehrt eine Überlegenheit heraus und drängt das Gegenüber in eine gewisse Defensive, wobei man das Heft des Handelns recht fest in der Hand behält.
Martin Lichtmesz
11. Oktober 2013 14:10
Ich möchte das nur mal grundsätzlich festhalten: es gibt zuweilen keinen anderen Weg als "Diskussionverweigerung", weil man eben nicht alles mit jedem "diskutieren" kann. Und wo es zwecklos ist (meistens bereits dort, wo Anspielungen nicht ausreichen), soll man es eben bleiben lassen. Das Gesetz der "Ungleichheit" gilt auch hier.
Susann
11. Oktober 2013 15:02
ha?
Erst die Ungleichheit gibt dem Leben seine Spannung, Vielfältigkeit und Farbe
???

oh bitte nicht! Da muss ich gleich wieder an diversity-managment denken...

M.L.: Den Spaß hab ich mir erlaubt.


Ungleichheit ist ohne Frage eine natürliche Gesetzmäßigkeit. Wer gegen seine Natur, also sein genetisches Programm lebt, indem er sich selbst und anderen gegenüber vorgibt, immer nur "gut" (also für Gleichheit, Gleichberechtigung ect.) zu sein, demontiert sich langfristig unweigerlich selbst, weil er einfach nicht zu seinen niederen Anteilen (Instinkten/Trieben) steht, die aber naturgemäß jedem Primaten innewohnen. Mittlerweile unterdrücken mensch halt gefälligst seine Triebe und Instinkte, weil man ihm via Religion, Philosophie, Politik einzutrichtern versucht, dass "intelligente" Menschen, sich allein nach ihrem Verstand entscheiden und ausrichten können. Das ist keines Falls so, das ist Scheinheiligkeit, aber keiner will halt als schlecht, doof und gemein an den Pranger gestellt werden. Die Gene bestimmen alle Lebewesen viel stärker als der Geist! Eine Frau, die ihren Kinderwunsch, ihre Brutpflegeinstinkte nicht er/lebt, wird m.E. nach wenig Weiblichkeit entwickeln.... Kein Reiz - keine Reaktion.... Es scheint aber den meisten lieber zu sein, sich selbst zu demontieren, als von den anderen "Guten" demontiert zu werden.... resultiert also m.E. nach eher aus der Furcht, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, weil man sich nicht angepasst genug verhält... was sich ja auch im Konformitätsexperiment von Asch widerspiegelt....

Ungleichheit verursacht aber durchaus auch Stress, erzeugt Missverständnisse und Ärger. Deshalb sucht der Mensch auch nach Gleichheit, Übereinstimmungen, neuronal ähnlich Vernetzten, wenn er Freundschaften schließt, Partnerschaften eingeht.... wenn man sich nicht den Gepflogenheiten seines Kulturkreises anpasst, wird man ausgeschlossen, außer natürlich, der Kulturkreis ist schon derart denaturiert, dass dieser Akzeptanz für "Diskriminierte", also Menschen, die sich eben gerade nicht den Gepflogenheiten ihres (gewählten) Kulturkreises anpassen, regelrecht verordnet.... und sich damit selbst abschafft.

Naturwissenschaften liegen den Rechten m.E. nach mehr; der Linke erfindet lieber irgendwelche Pseudo-Geisteswissenschaften, wie z.B. gender-Forschung (...)
Für diese Erkenntniss muss man sich ooch keen Knooten innt Jehürn machen, Jungs, sondern einfach mal so in sich rinnfühln, vastehste?! :o)
Gustav Grambauer
11. Oktober 2013 15:06
Paradiesische und auch sehr deutsche Zeiten in der 70er- und 80er-Jahre-"BRD"?!

In einer Diskussion mit einem Freund nach der "Abstimmung" über den ESM waren wir uns trocken einig: "Jetzt zeigen sie nur ihr wahres Gesicht".

Lehr- und Wanderjahre eines Konservativen?!

Oh, da bin ich à jour. Im Strang zu Herrn Bosselmanns Lampedusa-Beitrag diese Woche wurde die Grenzbrigade Küste der Grenztruppen der DDR bereits ins Spiel gebracht. Ich habe bei der 6. GBK gedient - vollbewußt der Tatsache, was ich dort verteidige und gegen wen - was ich natürlich keinem proletarisch-internationalistischen Politnik dort erzählen konnte. Uns war vor allem eindringlich klar, was sich ein paar wenige Kilometer von unserem Haus in Ost-Berlin entfernt in unserem, wie wir gesagt haben: Hinterhof (etwa am Kottbuser Tor oder hinter dem Bahnhof Zoo) abspielt. Wir wußten auch sehr viel z. B. mit dem Begriff "Kongreß für Kulturelle Freiheit" anzufangen (und in dem Zusammenhang mit der tieferen Bedeutung der Biermann-Fronde usw. innerhalb der DDR). Nicht zuletzt kannten wir noch das staatsphilosophische, staatshistorische und staatsrechtliche Fundament der DDR (das nach der Verfassung von 1968 freilich von ihr selbst tabuisiert worden war):

http://www.kaiserkurier.de/kurier103/unsere-verfassung.html

Ich komme aus einer strammen NDPD-Familie.

http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/75/14.php

Wir haben uns schon damals jenseits aller Propaganda-Schablonen als in der Wolle gefärbte Reaktionäre gesehen. Dabei gab es bei uns nicht den geringsten Generationenkonflikt, nur einen kleinen Unterschied: meine Eltern haben noch überwiegend Westfernsehen geschaut, wir Kinder - natürlich insgeheim vor unseren Schulkameraden usw. - wenn überhaupt fast nur Ostfernsehen: Heimatgefühl!!! (Übrigens bis tief, tief ins Sprachgefühl hinein ...)

Lieber, nun ja, ..., Rottweiler, falls Sie ggf. auch mich mit "Diskussionsverweigerung" meinen: zwar wird die Mauer mit dem Zurückschwingen des Eichelburg-Pendels

http://www.hartgeld.com/media/pdf/2011/Art_2011-190_PolitschesPendel.pdf

in Lampedusa-Zeiten sowieso bald völlig anders öffentlich bewertet werden, die Poppersch-(Tavistocksche) Totalitarismus-Doktrin sollte bei jedem denkenden Wesen - so wie bei uns damals - eigentlich nur noch Hohngelächter hervorrufen.

Das heißt aber nicht, daß ich nicht gern die DDR in einer ernsthaften Analyse einmal gegen den metapolitischen Strich bürsten würde (vielleicht nicht gerade in diesem Diskussionsstrang hier). Bitter ist für mich eigentlich nur, daß die flankierenden finanziellen Wohltaten der Mauer meine geliebte Stadt Berlin beidseits so nachhaltig psychologisch vergiftet haben. Über Herrn Lichtmesz` Coka-Cola-Metapher, die natürlich treffend ist, hinaus hätte ich u. a. ein Füllhorn an Wissen aus der machtpolitischen Binnentektonik beizusteuern, die sehr erhellend z. B. für die Frage wäre, wofür Angela Merkel eigentlich steht und ähnliche Fragen. Dies berührte allerdings sofort die Rolle der Ostjuden beim Aufbau und Niedergang der DDR und des Weltkommunismus insgesamt. Mein Ansatz dazu wurde hier bereits einmal abgeschmettert, was ich auch verstehe, viel zu heiß das Thema ...

Im Wissen um die - pikante - Verkürzung darin sage ich immer: "Die DDR gab es zweimal" - eine kindliche und eine erwachsene Version. Beide sind in diesem "Augenzeugen" hier eindrucksvoll zu sehen:

http://www.youtube.com/watch?v=O2ojMV6NOf4

Die "erwachsene", deutsche DDR zeigt sich in den ersten neuneinhalb Minuten, da ist er übrigens wieder: dieser warme, ausgereift-männliche Ton, dieses knappe Maß an Eindringlichkeit und Schneid, dieser nahezu fremdwort-frei gehaltene, einfache, kristallklare Duktus. Die letzten dreißig Sekunden wirken dann wie "angeklebt", geradezu infantil, bizarr und aufdringlich pietätlos - nicht nur wenn man weiß, welchem politischen Lager Grotewohl eigentlich angehört und gegen welchen Block innerhalb des Apparats er zeitlebens gekämpft hatte.

Mielke war übrigens nicht der allmächtige Stasi-Boß, sondern der Moderator zwischen den beiden Blöcken innerhalb der Stasi (sehr viel gäbe es im Hinblick darauf auch über Mischa Wolf zu sagen). Aber selbst dessen "Ich liebe euch doch alle ..." in der Volkskammer - in der vollen Dimension der historischen Tragik, die sich noch erst öffentlich zeigen wird - werden künftige Generationen mit dem gebotenen würdigenden Takt zu werten wissen. Dagegen wird fast jeder "Bundespolitiker", auch derjenige der 70er und 80er Jahre und sogar der 50er und 60er Jahre, menschlich recht blaß aussehen.

- G. G.

M.L.: Bitte beim Thema bleiben.
Rainer Gebhardt
11. Oktober 2013 16:56
@ ML

Über den "anti-antifaschistischen Schutzwall" ließe sich einiges sagen. Und ja, ich verstehe schon, dass die Coca-Cola-Sozialisierten nostalgische Gefühle bekamen, wenn wir ihnen Faßbrause servierten und ein im Braunkohlendunst konserviertes Deutschland. Das faszinierte ja auch die besuchsweise einreisenden West-Linken; die fühlten sich in der DDR immer wie in einem Klassenkampfeldorado und fuhren innerlich gestärkt zurück. Auch der Ottonormalverbraucher West fühlte sich als Besucher im Paradies der Werktätigen nicht unwohl, auch wenn er uns Ostmenschen immer ein bißchen wie Eingeborene in einem Zoo begaffte und uns durch die Gitter gern etwas zusteckte. Aber das ist nicht der Punkt. Was hinter dem „anti-antifaschistischen Schutzwall“ konserviert wurde, war eben nicht nur „eine Menge Deutschland“ – es war am Ende vor allem diese Leck-Mich-Arsch-Haltung gegenüber allem, was nicht glitzerte und glänzte. Wäre diese „Menge Deutschland“ wirklich da gewesen, dann hätte sich dieses Deutschland nicht abwickeln lassen wie ein VEB. Man kann nun über das Volk und seine Rolle beim Verschwinden der DDR denken, was man will, aber der Zusammenbruch des Systems hatte etwas von einer Slapstick-Komödie an sich: Die „Diktatur des Proletariats“ ist auf einer Bananenschale ausgerutscht. Und zwar auf einer nicht vorhandenen. So unheroisch kann Geschichte sein.
Bundschuh
11. Oktober 2013 18:43
“Die Turmuhr schlägt, das Käuzchen ruft – da muß es einen Zusammenhang geben.”
Nietzsche, in: Jenseits von gut und böse.

M. L. hat Recht, was die Konservierung hinter der Mauer betrifft. Das gleiche gilt für Teile Osteuropas, in denen man erfrischend frei reden kann und für den deutschen Weg ins Multikultinirvana bedauert wird.

Immer wieder wird hier in Kommentaren behauptet, die Zwangsaskese in der DDR habe dort festere Menschen geformt. Die gleichen Argumente kenne ich auch aus persönlichen Gesprächen. Hier gebricht es mir aber an Verstand oder anderen an Logik: Wenn die DDR-Bürger doch lieber Bananen wollten, kann es mit der Konsumverachtung so weit doch nicht her gewesen sein? Oder meint man nur sich in seinem Biotop? Solche gab und gibt es auch im Westen. Ich meine, der materielle Reiz wird teilweise in seiner sicher vorhandenen verderblichen Wirkung überschätzt. In der Gründerzeit oder den 20gern gab es durchaus (relativ) erreichbaren Wohlstand und Eigentum, dass diesen Namen verdiente, ohne, dass die eigene Nation abgelehnt wurde. Eher das Gegenteil war der Fall. Man macht sich als DDR-Sozialisierter offenbar kein Bild von der tatsächlichen Schlagkraft der 68ger in Bildung und Medien der BRD nachdem der Marsch durch die Institutionen geglückt war, das war ab Mitte der 70ger der Fall. In meiner Kindheit und Jugend wurde aus allen Rohren subversiv und dann zunehmend offen die Parole "Deutschland Verrecke" gefeuert. Die DDR hat die folgende Abschaffung der sog. deutschen oder preußischen Sekundärtugenden und die teilweise Auswechselung der Primärtugenden nicht erlebt. Auch der Hass auch den eigenen Staat, die eigene Nation wurde nicht durch Lehrer, Zeitungen und Fernsehen verordnet - man hatte ja keinen Grund, da man die antifaschistische Alternative war. So kam das bei uns im freien Westen. Das ist der wesentliche Unterschied. Nicht Bananen und Cola.

M.L.: Beim Thema bleiben, bitte keine weiteren Kommentare über den DDR-BRD-Komplex.
Toni München
11. Oktober 2013 19:23
Wahrscheinlich liest diesen xten Kommentar zu dem Thema eh schon keiner mehr.

Aber sei es drum: Ein ganz wichtiger Aspekt, den ich noch anbringen möchte, auch weil er bei dem zu "rechter Selbstkritik" aufrufenden JF-Berichterstatter Hoffgaard völlig unberücksichtigt bleibt, ist:

Grundsätzlich: Der Zwischentag war eine kraftvolle rechte Tat gegen alle Widerstände!!! Gegen das strangulierende, linke Dauer-Mobbing. Gegen die Verzagtheit und Zerissenheit rechter und konservativer Kreise.

Und an dem Tag war doch sicherlich auch im Einzelnen das eine oder andere Positive geboten, oder? - Davon kommt in dem JF-Artikel nahezu Null rüber.

M.L.: Endlich, der erste, dem das Wesentliche auffällt und der es auf den Punkt bringt. Geschätzte 3/4 des Beitrags handeln von im Antifa-Stil disproportional aufgeblasenen Nebensächlichkeiten, die noch dazu zum Teil inkorrekt dargestellt sind. Auf diese Weise betätigt sich hier einer als von der Antifa-Seite -also seinen eigenen Feinden - dankbar empfangener "whistleblower", denen hier mutwillig etwas "zum Fraß preisgegeben" wird, wohl wie immer mit der Hoffnung, daß man dann selber verschont wird. Die Krone setzt dem Ganzen auf, daß das mit "wohlmeinenden" Ratschlägen zur "Selbstkritik" verkauft wird. Und das ist noch nicht alles, was dazu zu sagen wäre. Aber einstweilen halte ich mich bedeckt.
Reichsvogt
11. Oktober 2013 19:42
Als Besucher des Zwischentags fand ich den JF Beitrag auch sehr befremdlich. Klang fast wie Berliner Zeitung: NPD Mitglieder waren als Besucher da, also ist die Veranstaltung NPD-nah. Richtig ist,dass die Breite des wirklich Gebotenen in keiner Weise dargestellt wurde. Über die Nicht-Anwesenheit der JF haben wir schon am Z-Tag diskutiert und dies nicht recht nachvollziehen können. Jetzt wird mir aber so einiges klarer. Wohl ist mir bei der Entwicklung nicht. Die Thematik hätte die ausgebliebene heiße Kontroverse auf dem Zwischentag werden können. Gerne würde ich einen Artikel von Weissmann zum Themenkomplex lesen. Könnte er der Vermittler sein?
Armand
11. Oktober 2013 20:34
Der Artikel, der dieser Diskussion zu Grunde liegt, ist mir aktuell nicht bekannt, allerdings sind mir ältere Beitrage des genannten JF-Autors bereits unangenehm aufgefallen. Der junge Mann scheint einen Armin Mohler entweder nie gelesen zu haben oder er hat ihn nicht annähernd verstanden. Vielmehr beschleicht mich hin und wieder das Gefühl, da schreibt ein Linker unter verkehrter (falscher) Flagge. Hoffgaards Artikel entbehren aller Vorzüge rechter Schreibkunst. Vielleicht das Produkt mangelnder Lektüre? Oder hat sich da jemand in der Tür geirrt? Herr Lichtmesz sollte im Antaios-Verlage ein Kompendium für rechte Polemik herausgeben. Andererseits ist rechtes Talent nicht jedem gegeben.
Albert
11. Oktober 2013 22:26
Wie immer ein Genuß, Lichtmesz zu lesen...

Einiges trifft auch auf mich zu - das Konversionserlebnis in Form von Literatur (für mich war das der "Fragebogen" von Ernst von Salomon), dann das Sich-Selbst-Befragen, dann die Netzrecherche (damals - 2002/03 - gab es noch dieses obskure Netzlexikon einer Berliner Jüdin über angebliche Rechte - es wurde dann eingestellt, weil es zu primitiv war), dann das Stoßen auf die JF - bei mir auch im gleichen Zeitraum wie bei M.L., vielleicht zwei Jährchen später, so um 2005 ... und dann G.K. und das IfS...
Inselbauer
12. Oktober 2013 12:09
Zu den Freuden des Rechtsseins gehört auch, wie heute die Sezession und das Verlagsprogramm von Antaios zu erhalten. Es gehört eng zum Thema dieses Artikels, wenn ich Kubitschek und seinen Mitstreitern von Herzen für ihren wirtschaftlichen und verlegerischen Mut danke und für die Bereitschaft, sich nicht von Anwürfen unterkriegen zu lassen. Sich nicht in die Hosen scheißen und bei der Sache bleiben, das kann man davon lernen.
Martin Lichtmesz
12. Oktober 2013 12:22
Badeschluß!

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