Armin Mohler und die Freuden des Rechtsseins

Vor mir liegt ein frisch gedrucktes Büchlein, das mich wieder daran erinnert,...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

was für eine gro­ße geis­ti­ge Freu­de das “Rechts­sein” machen kann. Fast hät­te ich es schon ver­ges­sen. Aber irgend­ei­nen guten Grund muß ein Mensch ja haben, war­um er sich all den Ärger antut, der damit ein­her­geht, nicht im lin­ken Schafs­wolfs­ru­del mit­zu­heu­len bzw. zu ‑blö­ken.

Die Rede ist von dem Kapla­ken-Band “Noti­zen aus dem Inter­re­gnum”, der drei­zehn Kolum­nen ver­sam­melt, die Armin Moh­ler im Lau­fe des Jah­res 1994 für die damals noch jun­ge Jun­ge Frei­heit schrieb. Die­se war eben auf das wöchent­li­che For­mat umge­stie­gen, und stand am Anfang ihres Sie­ges­zu­ges als wich­tigs­tes Organ und Sam­mel­be­cken der deut­schen Rech­ten und Kon­ser­va­ti­ven. Letz­te­res sind Begrif­fe, die Moh­ler meis­tens syn­onym oder alter­nie­rend gebrauch­te, auch wenn es vie­le Rech­te gibt, die sich nicht als “kon­ser­va­tiv” und vie­le Kon­ser­va­ti­ve, die sich nicht als “rechts” betrach­ten. Außer­halb ihrer Milieus inter­es­siert das aller­dings bekannt­lich kei­ne Sau.

Die “Noti­zen” sind, wie Götz Kubit­schek im Nach­wort for­mu­liert, in einem “didak­tisch-drän­gen­den Ton” ver­faßt. Der 74jährige Moh­ler, einer der bedeu­tends­ten Köp­fe des deut­schen Nach­kriegs­kon­ser­va­tis­mus, woll­te mit sei­nen Kolum­nen eine Art Ori­en­tie­rungs­hil­fe, einen “Crash-Kurs” im “Rechts­sein” bie­ten. So behan­del­te er noch ein­mal die Begrif­fe und Posi­tio­nen, die in sei­nem Werk immer wie­der­keh­ren. Sei­ne zen­tra­le For­mel war diese:

Bekannt ist der koket­te Spruch: Wer nicht ein­mal links (oder wenigs­tens libe­ral) war, der wird kein rich­ti­ger Rech­ter. Der Schrei­ben­de hat jedoch Freun­de, auf die das nicht zutrifft. Er sagt dar­um lie­ber: ein Rech­ter wird man durch eine Art von »zwei­ter Geburt«. Man hat sie durch­lebt, wenn man sich – der eine frü­her, der ande­re spä­ter – der Ein­sicht öff­net, daß kein Mensch je die Wirk­lich­keit als Gan­zes zu ver­ste­hen, zu erfas­sen und zu beherr­schen ver­mag. Die­se Ein­sicht stimmt man­chen melan­cho­lisch, vie­len aber eröff­net sie eine wun­der­ba­re Welt. Jedem die­ser bei­den Typen erspart sie, sein Leben mit Uto­pien, die­sen Ver­schie­be­bahn­hö­fen in die Zukunft zu verplempern.

Das leuch­tet wohl jedem unmit­tel­bar ein, der die Erfah­rung gemacht hat, daß eine zu eng gefaß­te Welt­an­schau­ung blind für die Wirk­lich­keit machen kann, die nach einem Wort von Joa­chim Fest “immer rechts steht”. Ein Git­ter von Abs­trak­tio­nen ver­hin­dert, daß man sie sieht, wie sie ist (inso­fern man das eben mit sei­nen – stets beschränk­ten – Mit­teln kann), daß man ihre Kom­ple­xi­tät und Wider­sprüch­lich­keit wahr­nimmt und akzep­tiert. (Damit ist aber nicht die typisch lin­ke Rede von der “Kom­ple­xi­tät” gemeint, die genau auf das Gegen­teil abzielt, näm­lich eine Wahr­neh­mung­schwä­che kaschiert und sich um eine Ent­schei­dung drü­cken will.)

Der von Moh­ler hoch­ge­schätz­te öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler Hei­mi­to von Dode­rer sprach an die­ser Stel­le ger­ne grif­fig von den “All-Gemein­hei­ten” und von der “App­er­zep­ti­ons­ver­wei­ge­rung”, einer nicht sel­ten wil­lent­li­chen Blo­ckie­rung der Wahr­neh­mung, die zunächst zur Ver­dum­mung und schließ­lich gar zum Bösen führe.

Moh­ler kann­te den Begriff der “poli­ti­cal cor­rect­ness” noch nicht – aber es han­delt sich hier­bei um genau die Art von Abs­trak­tio­nen­git­ter, die er sein Leben lang bekämpf­te. “Poli­ti­cal cor­rect­ness” stellt zuerst ein Ide­al auf, wie die Rea­li­tät sein soll­te, führt als­dann zu ihrer Leug­nung (nach Dode­rer das “Dum­me”), ob aus Angst (Dode­rer sprach vom “Kalt­schweiß der Lebens­schwä­che”) oder aus Wunsch­den­ken oder aus Oppor­tu­nis­mus oder aus ideo­lo­gi­scher Ver­blen­dung; dann aber zu uner­bitt­li­chen Ver­fol­gung (nach Dode­rer wäre dies dann das “Böse”) all jener, die immer noch sehen und immer noch benennen,was sie eigent­lich gar nicht sehen dür­fen, etwa, daß der Kai­ser nackt ist .

Auch das eng mit der “poli­ti­cal cor­rect­ness” ver­bun­de­ne Gleich­heits­den­ken ist so eine Scheu­klap­pe und “All-Gemein­heit”. In Notiz 7 (15. April 1994) dis­ku­tiert Moh­ler den ita­lie­ni­schen Poli­to­lo­gen Nor­ber­to Bob­bio, der die For­mel auf­stell­te, daß die Rech­te vor allem mit dem beschäf­tigt sei, was die Men­schen unter­schei­det, und die Lin­ke, mit dem, was die Men­schen ein­an­der angleicht. Das geht soweit, daß der Lin­ke die Gleich­heit mit Gerech­tig­keit gleich­setzt und zum abso­lu­ten mora­li­schen Gut erhebt – die Men­schen sol­len “ver­nünf­ti­ger­wei­se lie­ber glei­cher als ungleich sein”.  Der Rech­te dage­gen bejaht die Ungleich­heit, die es ja nur als rela­ti­ven Begriff gibt. Erst die Ungleich­heit gibt dem Leben sei­ne Span­nung, Viel­fäl­tig­keit und Farbe.

Die Absa­ge an die prin­zi­pi­el­le “Durch­schau­bar­keit” und daher “Mach­bar­keit” aller Din­ge ist kein Auf­ruf zum Nicht­han­deln – im Gegen­teil. Viel­mehr ergibt sich dar­aus die  Not­wen­dig­keit einer Ent­schei­dung, die Auf­ga­be, dem ste­tig sich wan­deln­den Cha­os der Welt eine halt­ba­re und dau­er­haf­te Form abzu­trot­zen, mit dem Mate­ri­al zu bau­en, das da ist, statt stän­dig auf das zu war­ten, was sein soll.

Das heißt aller­dings nicht, daß man sich mit einem blo­ßen “Gärt­ner­kon­ser­va­tis­mus” begnü­gen muß. Viel­mehr gilt es, aus dem Men­schen das Best­mög­li­che her­aus­zu­ho­len und ihn an einer gewis­sen Inten­si­tät des Daseins teil­ha­ben zu las­sen, das auch immer “Agon”, also Wett­streit und Kampf ist – gegen die Unord­nung, die Form­lo­sig­keit, die Erschlaf­fung, den Ver­fall, den Tod, aber auch den kon­kre­ten Feind, den es immer geben wird.

Dem “Feind” wird aber auch eine bestimm­ter Stand­ort und ein prin­zi­pi­el­les Exis­tenz­recht zuge­bil­ligt- er ist kein abso­lu­ter Feind, zu dem ihn bestimm­te ideo­lo­gi­sche Zuspit­zun­gen machen, ins­be­son­de­re jene mit ega­li­tä­rer Stoß­rich­tung. In der Notiz 9 vom 24. Juni 1994 unter­sucht Moh­ler den Begriff der “Men­ta­li­tät” . Dabei hat es ihm beson­ders eine For­mu­lie­rung aus dem alten Brock­haus aus der Zeit vor dem Ein­bruch des “68er-Geis­tes” ange­tan. “Men­ta­li­tät” bezeichnet

die geis­tig-see­li­sche Dis­po­si­ti­on, die durch die Ein­wir­kung von Lebens­er­fah­run­gen und Milieuein­drü­cken ent­steht, denen die Mit­glie­der einer sozia­len Schicht unter­wor­fen sind.

Das bedeu­tet nicht nur, daß der Mensch (hier folgt Moh­ler sei­nem gro­ßen Lehr­meis­ter Arnold Geh­len) “anpas­sungs­fä­hig” ist, ein Wesen, das eben­so geformt wird, wie es selbst for­mend ein­greift, “das sich selbst kon­stru­iert, was er zum Über­le­ben braucht”. Das heißt auch, daß jeder Mensch sei­nen sozio­lo­gi­schen Ort, sei­ne eige­ne Geschich­te, sei­ne eige­nen guten oder schlech­ten Grün­de und Beweg­grün­de hat. Von hier aus wird auch eine rein mora­lis­ti­sche Betrach­tung und Ver­ur­tei­lung, eines ein­zel­nen Men­schen wie eines gan­zen Vol­kes, unmöglich.

Moh­lers Ansatz war ver­blüf­fend, beson­ders für sol­che Leser, die ein all­zu vor­ge­faß­tes Bild vom “Rech­ten” mit sich her­um­tru­gen. Die­ser ist ja in der frei­en Wild­bahn des Main­streams eine gera­de­zu geäch­te­te Figur, im Gegen­satz zu sei­nem umhät­schel­ten Pen­dant, dem Lin­ken, der “für sei­ne guten Absich­ten belohnt wird”, und der auch dafür sorgt, daß vom Rech­ten mög­lichst nur Zerr­bil­der kur­sie­ren. “Rechts” ist, wen er als sol­chen defi­niert, und wie er ihn definiert.

Es geht an die­ser Stel­le natür­lich um den Rech­ten als Typus. Was die per­so­ni­fi­zier­ten Ver­tre­ter bei­der Lager angeht, so gibt es lei­der genug abschre­cken­de Bei­spie­le. Dode­rer sah sie als “Her­ab­ge­kom­men­hei­ten” – nicht etwa der nicht min­der ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen “Mit­te” – sondern

jener Ebe­ne, dar­auf der his­to­risch agie­ren­de Mensch steht, der immer kon­ser­va­tiv und revo­lu­tio­när in einem ist, und die­se Kor­re­la­ti­va als iso­lier­te Mög­lich­kei­ten nicht kennt.

Mit einem Schlag­wort: “kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on”. Das war für Moh­ler nicht nur das Eti­kett für ein bestimm­tes, zeit­lich ein­ge­grenz­tes poli­ti­sches Phä­no­men, son­dern eine ganz grund­sätz­li­che Idee, die er ger­ne viel­deu­tig schil­lern ließ. Sei­ne Begrif­fe haben oft etwas bewußt Unschar­fes, “Stim­mun­gen” Evo­zie­ren­des, Wan­del­ba­res – sie müs­sen der jewei­li­gen kon­kre­ten Situa­ti­on angepaßt werden.

Ich bin nun sel­ber ein Initi­at jener ver­schwo­re­nen Bru­der­schaft, die durch Moh­ler ihre ent­schei­den­den poli­ti­schen Impul­se und Erwe­ckungs­er­leb­nis­se erfah­ren hat. Mit 25 Jah­ren ver­schlang ich in einer Nacht die Essay­samm­lung “Libe­ra­len­be­schimp­fung”. Als ich das Buch zuklapp­te, war mir klar: wenn das nun “rechts” ist, dann ist es nicht nur völ­lig legi­tim “rechts” zu sein, dann bin ich es auch. Mir war bis­lang nur vor­ent­hal­ten wor­den, daß es ein sol­ches “Rechts­sein” auch gab – und das hat­te mit einer Art zu den­ken eben­so wie mit einer Art zu schrei­ben und zu spre­chen zu tun. Letzt­lich wür­de es aber vor allem, das beton­te Moh­ler immer wie­der, auch auf eine “Hal­tung” und eine Art zu han­deln ankom­men, wobei er zugab, daß die Schrei­ber auch sel­ten gleich­zei­tig “Täter” sind.

Und hier fand ich nun die Quel­le der “Freu­de”, von der ich oben sprach. Man erkennt, daß die Spra­che eine Waf­fe eben­so wie ein Gefäng­nis sein kann, und daß ihre Gren­zen schier unend­lich erwei­ter­bar sind. Dadurch stür­zen die Begriffs­göt­zen und die fal­schen Auto­ri­tä­ten und die Lauf­git­ter rei­hen­wei­se ein und der Weg ins Freie wird sichtbar.

Fort­an tat sich mir eine völ­lig neue und auf­re­gen­de Welt auf. Zunächst war das nur eine Sache zwi­schen mir und mei­nem Bücher­schrank. Ich such­te jah­re­lang kei­ner­lei per­sön­li­chen Kon­takt zu rech­ten oder kon­ser­va­ti­ven “Milieus”, zum Teil aus Des­in­ter­es­se, zum Teil aus wei­ter­hin bestehen­den Vor­ur­tei­len. Statt­des­sen acker­te ich sämt­li­che Hef­te des “Cri­ticón” in der Ber­li­ner Staats­bi­blio­thek durch, dem bedeu­tends­ten Organ des kon­ser­va­ti­ven Bin­nen­plu­ra­lis­mus der 70er und 80er Jah­re, und stieß dort auf die Namen all der kon­ser­va­ti­ven Fabel­tie­re: neben Moh­ler auch Cas­par von Schrenck-Not­zing, Hans-Diet­rich San­der, Gün­ter Rohr­mo­ser, Hell­mut Diwald, Hans-Joa­chim Arndt, Gün­ter Zehm, Wolf­gang Ven­ohr, Sal­cia Land­mann, Robert Hepp, Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner, Ber­nard Will­ms, Erik von Kuehnelt-Led­dihn, Gün­ter Masch­ke oder Alain de Benoist.

Und auf die gro­ßen Vor­den­ker – Jün­ger, Blü­her und Speng­ler waren mir schon bekannt, nun aber lern­te ich Namen wie Carl Schmitt, Ernst Nie­kisch, Juli­us Evo­la, Edgar Juli­us Jung, Geor­ges Sorel, Arnold Geh­len oder auch Dono­so Cor­tés, Edmund Bur­ke, Vilf­re­do Pare­to usw. ken­nen. Ganz zu schwei­gen von all den schil­lern­den Figu­ren, den Dich­tern und Träu­mern, dar­un­ter eine erkleck­li­che Anzahl von poè­tes mau­dits, die ein ver­lo­cken­der Hauch des Hades umgab: Dri­eu La Rochel­le, Yukio Mishi­ma, Ezra Pound, Gabrie­le d’An­nun­zio, Emi­le Cior­an, Luci­en Reba­tet, Cur­zio Mala­par­te, Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne, Fried­rich Hiel­scher, Alfred Schmid… man konn­te wahr­lich nicht kla­gen, daß es drü­ben am “rech­ten Ufer” lang­wei­lig war.

Natür­lich half auch das Inter­net enorm wei­ter, und frü­her oder spä­ter lan­de­te jeder mit ein­schlä­gi­gen Inter­es­sen bei der Jun­gen Frei­heit, deren Netz­ar­chi­ve ich gera­de­zu plün­der­te. Bald war ich begeis­ter­ter Abon­nent, und ent­deck­te “neue”, aktu­el­le Stars:  Thors­ten Hinz, Baal Mül­ler (was für ein Name!), Manu­el Och­sen­rei­ter, Claus-Micha­el Wolf­schlag, Ange­li­ka Wil­lig. Vie­le Aus­ga­ben der JF von 2002/3 habe ich heu­te noch auf­ge­ho­ben und bewah­re sie gera­de­zu lie­be­voll und nost­al­gisch auf.

Bei der JF allein blieb es frei­lich nicht. Um den schwar­zen Kon­ti­nent zu erobern, las ich zu die­sem Zeit­punkt wie ein Scheu­nendre­scher alles, wirk­lich “alles, was recht(s) ist”, frei nach einem Buch­ti­tel von Karl­heinz Weiß­mann, heu­te ein selbst­er­klär­tes “leben­des Fos­sil der Neu­en Rech­ten”, der eben­falls rasch in mein ste­tig wach­sen­des Pan­the­on auf­ge­nom­men wurde.

Beson­ders fie­len mir jene Arti­kel in der JF und bald auch schon der Sezes­si­on auf, die von den Namen Ellen Kositza und Götz Kubit­schek gezeich­net waren. Bei­de waren nur um weni­ge Jah­re älter als ich, hat­ten mar­kan­te Gesich­ter (der­glei­chen ist für mich bis heu­te von Bedeu­tung) und ihre Bei­trä­ge erklan­gen in einem fri­schen und zupa­cken­den Ton  – unver­kenn­bar die Mohler’sche Schu­le. Vor allem wur­de dar­in nicht fade her­um­ge­schwätzt, es ging dar­in um etwas: um unser jet­zi­ges, wirk­li­ches Leben, um unse­re Gegen­wart und Zukunft, und ich erkann­te, daß all dies auch etwas mit mir und mei­nem Leben zu tun hatte.

Gewiß war das Netz auch damals schon voll von Anti­fa­sei­ten, die mal mehr, mal weni­ger offen­sicht­lich ideo­lo­gisch zuge­spitzt auf­tra­ten. Zen­tra­ler Anlauf­punkt war eine Sei­te namens “IDGR”- “Infor­ma­ti­ons­dienst gegen Rechts­ex­tre­mis­mus”, die frei­lich auch ganz hilf­reich war, wenn man neue “Lese­tips” such­te. Was mich damals beson­ders empör­te, war die Dis­kre­panz zwi­schen der het­ze­risch-dum­men, scha­blo­nen­ar­ti­gen, immer-glei­chen Spra­che die­ser Sei­ten und dem, was die denun­zier­ten Autoren tat­säch­lich geschrie­ben und gemeint hat­ten. Ich konn­te nur kras­se Des­in­for­ma­ti­on, Ver­leum­dung und Ver­zer­rung erken­nen, und das bestärk­te mich umso mehr in dem Gefühl, auf der rich­ti­gen Spur zu sein.

Das fiel beson­ders bei Moh­ler auf. Es gab einer­seits den Anti­fa-Popanz, ande­rer­seits den Autor, der mir frei­er, “libe­ra­ler” und, ja, “tole­ran­ter” und mensch­li­cher erschien, als irgend­ei­ne rote Schran­ze, die ihre Säu­be­rungs­wü­tig­keit mit hoch­tra­ben­den Ansprü­chen schmück­te. Beson­ders nahm mich sei­ne Kunst­sin­nig­keit ein. Nicht nur ver­moch­te er es, hand­fest und sub­til zugleich über Bel­le­tris­tik, Lyrik und Male­rei zu schrei­ben – er hat­te auf jedes The­ma, das er behan­del­te, einen unver­wech­sel­ba­ren Zugriff.

Und es gab ein Gebiet, wo Moh­ler eine beson­ders befrei­en­de Wir­kung aus­üb­te: näm­lich in sei­nen Betrach­tun­gen zum Kom­plex der “Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung” (ein Begriff, der heu­te kaum mehr benutzt wird, was der Pra­xis, die er bezeich­ne­te, aller­dings kei­ner­lei Abbruch tut.) Die­se Bücher, ins­be­son­de­re “Der Nasen­ring”, haben end­gül­tig mein Kli­schee von einem “Rech­ten” zer­stört. Ihre Argu­men­ta­ti­on erschien mir gescheit, rea­lis­tisch, ver­nünf­tig, erwach­sen, im bes­ten Sin­ne huma­nis­tisch, auch wenn ich nicht immer d’ac­cord war.

Ich glau­be, daß jeder den­ken­de und füh­len­de Mensch, der in Deutsch­land oder Öster­reich gebo­ren ist, irgend­wann ein­mal mit der Geschich­te sei­nes Lan­des und den dar­aus fol­gen­den Belas­tun­gen ins Kla­re kom­men muß. Es ist wohl kein Zufall, daß Moh­ler gera­de die­ses Schlacht­feld wie­der­holt auf­ge­sucht hat, denn kei­nes ist dich­ter von “All-Gemein­hei­ten”, ahis­to­ri­schen Abs­trak­tio­nen, fal­schen Mora­li­sie­run­gen, “schreck­li­chen Ver­ein­fa­chun­gen”, pau­scha­len Urtei­len und so wei­ter umzäunt als die­ses. Wohl­fei­le und wohl­kal­ku­lier­te oder zur Gewohn­heit ein­ge­ras­te­te Instru­men­ta­li­sie­run­gen gehen hier mit deut­schen Iden­ti­täts­stö­run­gen und unver­ar­bei­te­ten Trau­ma­ta ein­her, der natio­na­le Selbst­haß mit dem “Kla­ge­ver­bot” (so Hans-Jür­gen Syber­berg), die poli­ti­sche Erpres­sung mit der Unfä­hig­keit, zu trauern.

Moh­lers Aus­weg aus die­sem Dschun­gel war geni­al. Er lei­te­te sich aus sei­ner lebens­lan­gen Begeis­te­rung für die schö­ne Lite­ra­tur ab, die ihm als ein unent­behr­li­cher Weg zur “Welt­erfas­sung” erschien.  Er lau­te­te: dort wo, die Zan­gen­ba­cken der ideo­lo­gi­schen Abs­trak­tio­nen und der mora­lis­ti­schen All-Gemein­hei­ten zubei­ßen wol­len, dort soll man eine Geschich­te erzählen. 

Etwa die eines ein­zi­gen Men­schen, der die Zeit des Drit­ten Reichs und des Zwei­tens Welt­kriegs erlebt hat. Von Anfang an und nach der Rei­he. Und dann die eines ande­ren, der genau das Gegen­teil erlebt, und genau gegen­tei­lig gedacht und gehan­delt hat. Und dann eine drit­te und eine vier­te. All­mäh­lich kön­nen wir auch wie­der von Moral spre­chen und von “Tätern und Opfern”, aber auf einer völ­lig ver­än­der­ten Ebe­ne. Die­se Geschich­ten kön­nen Lebens­be­rich­te und Memoi­ren eben­so wie durch­ge­stal­te­te Roma­ne und Erzäh­lun­gen sein.

Wer all dies wirk­lich in sich auf­ge­nom­men hat, wird zuneh­mends davor zurück­scheu­en, den Stab über vor­an­ge­gan­ge­ne Genera­tio­nen zu bre­chen. Gera­de die Deut­schen müs­sen auf­hö­ren, über ihre Müt­ter und Väter, ihre Groß­müt­ter und Groß­vä­ter, zu urtei­len – sie soll­ten statt­des­sen ver­su­chen, sie ver­ste­hen zu ler­nen.  Wir müs­sen unse­re gan­ze Geschich­te anneh­men, und wir brau­chen uns dazu auch nicht die schlech­ten Din­ge schönzureden.

Schließ­lich aber, und hier war Moh­ler sehr scharf, kann ein rich­ti­ges Ver­hält­nis zur eige­nen Ver­gan­gen­heit nicht gewon­nen wer­den, wenn die his­to­ri­sche For­schung zu stark poli­ti­siert wird, wenn Fra­ge­stel­lun­gen tabui­siert wer­den, wenn His­to­ri­ker die Äch­tung fürch­ten müs­sen (und es traf auch einen Diwald, einen Nol­te, nicht nur einen Irving, der indes noch in den frü­hen Acht­zi­gern mit Vor­ab­dru­cken im Spie­gel rech­nen konn­te) und wenn per Gesetz ent­schie­den wird, was his­to­ri­sche Wahr­heit ist und was nicht. Jeder Wis­sen­schaft­ler, der hier noch sei­ne Sie­ben­sa­chen bei­sam­men hat, wird zuge­ben müs­sen, daß eine sol­che Pra­xis äußerst pro­ble­ma­tisch ist, und daß nicht damit gehol­fen ist, wenn man auf die Exzes­se des lun­a­tic frin­ge verweist.

Nun könn­te man natür­lich, etwa mit Egon Frie­dell, sagen, daß es eine rein “objek­ti­ve” und “inter­es­sen­lo­se” Geschichts­schrei­bung nicht gibt und nicht geben kann, daß man His­to­rio­gra­phie, die wie die Küns­te einer Muse unter­stellt ist, nicht so betreibt wie Natur­wis­sen­schaft – aber gera­de die­ser Gedan­ke ist in alle Rich­tun­gen hin gül­tig. Eine Buch­ver­öf­fent­li­chung wie Ste­fan Scheils jüngs­ter Kapla­ken­band “Polen 1939” steht von vorn­her­ein in einem poli­ti­schen Raum, da die Vor­ge­schich­te des Welt­kriegs im Staats­haus­halt der Bun­des­re­pu­blik kein neu­tra­les, son­dern viel­mehr ein mit poli­ti­scher Bedeu­tung hoch auf­ge­la­de­nes Feld ist. Dies gilt völ­lig unab­hän­gig davon, ob sich Scheils The­sen als rich­tig oder falsch erwei­sen – sie blei­ben so oder so ein Politikum.

Das nun also ist auch das eigent­li­che The­ma von Moh­lers Notiz 11 (5. August 1994), die sich in ver­min­tes Gelän­de vor­wag­te, und dar­um von JF-Chef­re­dak­teur Die­ter Stein von einer redak­tio­nel­len Infra­ge­stel­lung und einer Replik von Sal­cia Land­mann ein­ge­rahmt wur­de. Man kann das alles im Kapla­ken-Band nach­le­sen, dar­um will ich es an die­ser Stel­le nicht breit­tre­ten. Land­manns Ant­wort fiel, bei allem Respekt, zum Teil unter­ir­disch undif­fe­ren­ziert aus und schoß mei­len­weit und halb­ma­nisch am eigent­li­chen The­ma vor­bei. Moh­ler kann­te die sehr alte und sehr eigen­wil­li­ge Dame noch aus Cri­ticón-Tagen und nahm ihr selbst den Angriff nicht übel.

Anders erging es ihm aller­dings mit dem Ver­hal­ten Die­ter Steins. Die­ser hat­te im Grun­de die “Notiz” mit gro­ßen, roten Distan­zie­rungs­ruf­zei­chen ver­se­hen, die viel­leicht ein Spur zu dick auf­ge­tra­gen waren. In sei­nem redak­tio­nel­len Bei­wort wur­de Moh­ler als eine Art sei­ten­ver­kehr­ter, eben­falls auf die Täter fixier­ter Haber­mas hin­ge­stellt, der ledig­lich die Deut­schen exkul­pie­ren wol­le, wo der ande­re sie in pau­scha­le Gei­sel­haft nahm.

Tat­säch­lich hat­te Moh­ler in sei­ner “Notiz“aber genau vor die­sem Ping-Pong des ein­sei­ti­gen Anschul­di­gens als auch ein­sei­ti­gen Exkul­pie­rens gewarnt. Freil­lich hat­te Stein das Recht, sei­ne eige­ne Posi­ti­on zu mar­kie­ren. Es ging hier aber vor allem um das “Wie” des Vor­gangs. Moh­ler fühl­te sich ver­ra­ten und in unge­rech­ter Wei­se bloß­ge­stellt, und schrieb an den noch sehr jun­gen Chefredakteur:

Was ist das für ein Kapi­tän, der einen aus der Mann­schaft dem Feind zum Fraß vorwirft?

In der aktu­el­len JF fin­det sich ein wie immer aus­ge­zeich­ne­ter Leit­ar­ti­kel von Thors­ten Hinz über die “Macht des Wor­tes”. Dar­in zeigt Hinz an kon­kre­ten Bei­spie­len, was Gómez Dávi­la mit zwei Sät­zen auf den Punkt gebracht hat.

 Wer das Voka­bu­lar des Fein­des akzep­tiert, ergibt sich ohne sein Wis­sen. Bevor die Urtei­le in den Sät­zen expli­zit wer­den, sind sie impli­zit in den Wörtern.

Auf der Titel­sei­te ist ein mir nicht bekann­ter Schau­spie­ler namens Han­nes Jae­ni­cke zu sehen, der ein Buch mit dem Titel “Die gro­ße Volks­ver­ar­sche” geschrie­ben hat, in dem er “mit deut­schen Jour­na­lis­ten abrech­net”, Zitat in der Schlag­zei­le: “Eure Blät­ter lese ich nicht mehr.”

Im Kul­tur­teil ist skur­ril­er­wei­ser ver­se­hent­lich ein Old-School-Anti­fa-Bericht über den zwi­schen­tag abge­druckt wor­den, der eigent­lich in der taz erschei­nen soll­te. Der Autor, ver­mut­lich ein Prak­ti­kant, legt dar­in den “Rech­ten” die Freu­den der sozia­lis­ti­schen Selbst­kri­tik ans Herz. Er meint es gewiß nur gut, fragt sich bloß, mit wem. Viel­leicht weiß auch die rech­te Hand nicht mehr was die lin­ke tut, oder irgend­je­mand ist mal wie­der so lis­tig wie die Tau­ben und so sanft wie die Schlan­gen, zu wel­chem Zweck auch immer.

Mein Arti­kel soll­te aber von ganz ande­ren Freu­den han­deln. Aus die­sem Grund will ich mit dem dies­jäh­ri­gen Neu­jahrs­ge­leit­wort von Micha­el Klo­n­ovs­ky enden:

Lang leben die Völ­ker die­ser Erde! Es leben ihre Reli­gio­nen, ihre Sit­ten, ihre Spra­chen! Es lebe die tra­di­tio­nel­le Fami­lie! Es lebe die Ehe! Es leben die Geschlech­ter­rol­len! Es lebe die Weib­lich­keit und die Männ­lich­keit! Vive la Made­moi­sel­le! Es lebe die Mon­ar­chie! Es leben die Ras­sen und ihre fun­da­men­ta­len Unter­schie­de! Es leben die Klas­sen­schran­ken! Es lebe die sozia­le Unge­rech­tig­keit! Es lebe der Luxus! Es lebe die Ele­ganz! Es leben die Kathe­dra­len, Kir­chen und Tem­pel! Es lebe das Papst­tum! Es lebe die Ortho­do­xie! Es leben die Atom­kraft und die bemann­te Raum­fahrt! Es lebe der pri­va­te Waf­fen­be­sitz! Es lebe der Aber­glau­be, der Geschichts­re­vi­sio­nis­mus und der Bio­lo­gis­mus! Es leben die Vor­ur­tei­le und die Gemein­plät­ze! Es leben die Mythen! Es lebe alles Ehr­wür­dig-Alt­her­ge­brach­te! Es lebe die Meis­ter­schaft in Kunst und Hand­werk! Es lebe die Gewohn­heit und die Regel! Es lebe der Alko­hol, das Rau­chen und das Fett im Essen! Es lebe die Aris­to­kra­tie!  Es lebe die Meri­to­kra­tie! Es lebe die Kal­lok­ra­tie! Es lebe das Vers­maß, die Hoch­kul­tur und die Dis­tink­ti­on! Es lebe die Bos­heit! Es lebe die Ungleichheit!

Ich sage dazu, auch mit­ten im Jahr, Ja und Amen, und Prost, Cheers, Sláin­te, Skøl und Masel tov!

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (36)

Inselbauer

10. Oktober 2013 13:54

Sie verstehen es recht gut, die unterschwellige Bitterkeit zu überspielen, die bei diesen überflüssigen Differenzen mit der JF aufkommt. Es sieht so aus, als ob sich der Liberalkonservativismus langsam aber sicher vom Rechtskonservatismus emanzipiert. Das ist ja keine Tragödie; es gibt halt dann die JF, die AfD und die Milieus der Wähleralternativen auf der einen Seite und die Old-School-Nationalrevolutionäre auf der anderen Seite. Unsereiner muss sich ja auch immer wieder distanzieren, was soll's. Man muss der nationalkonservativen Fraktion dann eben alles Gute wünschen, von Herzen, sollen sie in der offiziellen Politik Einfluss nehmen. Nato-Austritt, Abschüttelung der Geheimdienste, Restitution der Volksgemeinschaft, das ist mit denen halt nicht zu machen.
Ich distanziere mich hiermit offiziell von der konservativ-bourgeoisen Schlappheit der JF und ihrer Teilhabe am Kampf gegen rechts (naja...).

tacitus

10. Oktober 2013 14:16

"Im Kulturteil ist skurrilerweiser versehentlich ein Old-School-Antifa-Bericht über den zwischentag abgedruckt worden, der eigentlich in der taz erscheinen sollte."

Genial! So oder ähnlich dachte ich auch. Herr Stein bereitet sich wohl darauf vor, den "Lorenz Jäger" zu machen.

Nils Wegner

10. Oktober 2013 14:53

Schön zu sehen, daß der IDgR doch eine erkleckliche Zahl von jungen Menschen auf den rechten Weg gebracht hat. ;)

Bootsmann

10. Oktober 2013 15:06

Richtig, wir müssen Mohlers Frage fast zwanzig Jahre später erneut stellen:

Was ist das für ein Kapitän, der einen aus der Mannschaft dem Feind zum Fraße vorwirft?

E.

10. Oktober 2013 15:17

Bootsmann

Naja ein Kapitän halt, der sich eine andere Mannschaft wünscht. Eine weniger rechte eben. Parteitaktisch jedoch nachvollziehbar, wenn man mit der AFD eine Liaison eingehen möchte - charakterlich hingegen extrem unangenehm.

Theosebeios

10. Oktober 2013 16:52

Ihre Invektive gegen Henning Hoffgaard ("Praktikant") ist ja ganz unterhaltsam zu lesen, aber wo bleiben die Argumente? Im Ernst glauben Sie ja wohl nicht, dass der Artikel in der "taz" hätte erscheinen können. Keine Zeile davon.
So wie Sie kritisieren, dass der ("sehr junge") Dieter Stein Mohler gekränkt habe, so darf Hoffgaard doch wohl zur "Selbstkritik" aufrufen, wenn er glaubt, dass Vorgänge auf der Messe dazu Anlass bieten.
Ich habe den Artikel von Th. Hinz noch nicht gelesen, aber das Zitat kann nicht absolut gelten:

Wer das Vokabular des Feindes akzeptiert, ergibt sich ohne sein Wissen. Bevor die Urteile in den Sätzen explizit werden, sind sie implizit in den Wörtern.

Bei dem Wort "Islamophobie", das im Abgrenzungsbemühen der AfD eine Rolle spielte, würde ich Ihnen recht geben . Aber es gibt viele Vokabeln in unseren Sprachspielen, die der "Feind" (der ja nicht immer feststeht, kein "absoluter" ist, wie sie sagen) gebraucht, die sogar "typisch linke Rede" bestücken („Komplexität“), ohne dass wir sie umgehen müssen. Entscheidend ist immer noch der Sinn der Aussage, nicht das Wort. Hingegen hat die andere Seite ein ausgesprochen penibles, sensitives Wortwahlverbot, dessen Nichtbeachtung für Sie (nein, nicht Sie persönlich, aber beispielsweise für einen Institutsmitarbeiter) disziplinarische Konsequenzen haben kann.

Ich sehe nicht, ohne dass ich alles beurteilen kann, was Hoffgaard schreibt, dass Ihre sarkastische Beurteilung vertretbar ist. Ich sehe aber, dass Ihnen manches an der JF zu schaffen macht. Vielleicht drücken Sie es ohne Karl-Kraus-Polemik aus.

M.L.: Wir befinden uns hier halt schon in der fortgeschrittenen Klasse. Wenn Sie nicht auf Anhieb verstehen, was das Problem an dem taz-Artikel ist, dann kann (bzw. will) ich Ihnen auch nicht helfen. Mit Mitmenschen, die sich unter "Karl-Kraus-Polemik" vorstellen, was Sie sich offenbar darunter vorstellen, habe ich so oder so keine Verständigungsbasis. Das Gleiche gilt für alle, die mit mir über Davila-Aphorismen debattieren wolllen. Das ist ein Sieb, das ungeheuer zeitersparend ist.

Franz Schmidt

10. Oktober 2013 17:07

Ganz offensichtlich bereitet Stein einen Kurswechsel der JF nach links vor. In meinem Freundeskreis gibt es bereits Diskussionen über Abo-Kündigungen. Ich persönlich rate zunächst zum Abwarten und kritischen Beobachten. Der Unmut wächst aber mit jedem unzumutbaren Artikel.

Konservativer

10. Oktober 2013 17:08

Hier den zumeist brillianten Martin Lichtmesz zu loben bedeutet Eulen nach Athen zu tragen. Sei's drum, wir wissen, was wir an ihm haben.
Lob wem Lob gebührt.

Ebenso wissen wir (d.h. diejenigen, welche die Bücher und Aufsätze von Armin Mohler gelesen haben), was wir an Armin Mohler hatten.
Auf dem von ihm gebauten "Bohlenweg" (d.h. über seine Bücher) kam ich unbeschadet von links nach rechts; über einen Sumpf von Hass, Bösartigkeiten, Ressentiments, Vorurteilen, Lügen, Verleumdungen, Fehldeutungen, verbalem und schriftlichem Schmutz im allgegenwärtigen Kampf gegen Rechts, in dem man leicht versinken kann, wenn man sich auf eigene Faust einen Weg suchen muss. Ich "kletterte die Leiter ganz hoch, um dorthin zu gelangen, wo man frei atmen kann" (Meyer).
Ja, ich als ehemaliger Linker genieße heute "die Freuden des Rechtsseins" (Lichtmesz).

Daß Armin Mohler ein Mann war, der uns (ehemalige) Linke auf der rechten Seite des "Bohlenwegs" sozusagen "mit offenen Armen" in Empfang nahm, war mir eine große Hilfe.

Goerdeler

10. Oktober 2013 21:53

Übrigens: auch bei der linken Journaille ist mittlerweile der Groschen gefallen.

Toni München

10. Oktober 2013 22:57

Eine journalistische Fehlbesetzung im rechten Spektrum! Die JF sollte sich nicht allzu viele von der Sorte leisten.

Man muss (und kann) ja nicht alles lesen. Aber Henning Hoffgaard in der JF lese ich schon längere Zeit nicht mehr, den überblättere ich, auch wenn das Thema mich interessieren würde.

Jetzt habe ich aber doch den Artikel in der JF über den „Zwischentag mit Mißtönen“ gelesen, weil es da halt direkt um "uns" geht. Und ich weiß wieder, warum ich den Typen und seine Schreibe nicht mag: Er ist ohne Substanz, ohne rechte Souveränität oder gar Leidenschaft, aus der er mit Selbstbewusstsein schöpfen könnte. Er betrachtet und berichtet alles nur mit dem ängstlichen Blick des Zeitgeist-Möchtegernkorrekten. Natürlich ist nicht alles gut, und ich erwarte keine Lobhudelei.

Aber wie viel mehr rechte Selbstkritik bei jeder Gelegenheit will er denn noch von uns? Oder meint er damit bloß Ausgrenzung, nämlich die dem Druck der Antideutschen vorauseilende Selbst-Ausgrenzung von rechten Positionen, die nicht Süddeutsche-Zeitung kompatibel sind?

In dem grau-kalten Artikel von H.H. über den „Zwischentag“ wird tendenziell alles, was damit zusammenhängt, derart ins schiefe Licht gestellt, dass man wohl froh sein soll, nicht dabei gewesen zu sein.

enickmal

10. Oktober 2013 23:16

Martin, das ist einer der besten und wichtigsten Artikel, die Du seit "Fanal und Irrlicht" geschrieben hast.

von_der_marwitz

11. Oktober 2013 01:19

Interessant, dass die JF im Vergleich zum Vorjahr auf eine für eine Wochenzeitung erstaunliche Auflagensteigerung von knapp 10 % verweisen kann. Die Nähe zur AfD scheint sich da auszuzahlen; das konservativ-ordoliberale Milieu hat großes Potential.
Dummerweise zeigt sich dieses Milieu an allen wichtigen metapolitischen Themen wenig interessiert und setzt kulturell eher auf Mainstream. Darauf einzugehen ist aber keine geniale AfD/JF-Taktik, sondern schlicht Mittelmaß. Der Hang zur Selbstkritik ist mir in diesem Milieu jedenfalls noch nicht begegnet. Und das Schimpfen auf die PC, eine Anti-Euro-Haltung und vorsichtige Islamkritik macht noch keine echte Dissidenz.
Wie herrlich dagegen die sezessionistische Radikalität des Denkens; ihre dialektischen Auf- und Umschwünge; ja, auch die Kenntnis linker Klassiker. Und trotz aller Skepsis immer eine Heiterkeit und das Wissen um die "große Gesundheit". Hier ist Selbstkritik nicht ritualisiert, sondern Teil intellektueller Reflexion. Wie sich das eben gehört.
Es geht also nicht nur um eine bestimmte Definition des Rechtsseins oder des Konservatismus, sondern auch um Mainstream und Avantgarde.
Danke für diesen Artikel!

Gustav Grambauer

11. Oktober 2013 03:25

> Lang leben die Völker dieser Erde! Es leben ihre ...!
> ... Es lebe die Bosheit! Es lebe die Ungleichheit!

Da setz ich noch einen drauf: Es lebe die Berliner Mauer!

Zunächst einmal den Heideggersch-Mohlerschen Gedanken der 'Hegung' und die beiden gemeinsame Abneigung gegen den "Weltstaat" jetzt in der Zuspitzung der Situation wiederaufgreifend, nebenbei übrigens auch Schmitts Denkfigur des 'Katechon' (die Maschke ja schon lange auf Kuba anwendet).

Aber vor allem gehört für mich die mit ihr einmal eröffnete Dimension zur Freude am 'Rechts-Sein' unbedingt mit dazu!

"Wer kann die Pyramiden überstrahlen ..."

- G. G.

Andrenio

11. Oktober 2013 07:25

Ja,ja,ja

Stil-Blüte

11. Oktober 2013 07:31

Danke für diese freimütige Exkursion in die eigenen 'Lehr- und Wanderjahre' eines Konservativen.

Theosebeios

11. Oktober 2013 08:15

Sie brauchen mir durchaus nicht "helfen" wollen, Herr Lichtmesz, wenn ich Ihren Beitrag unter der Rubrik "Zur Debatte gestellt" (sic!) kommentiere und dabei nicht "auf Anhieb" -- wohl weil in der "oberen Klasse" nur per Evidenz vollziehbar -- Ihre Problemsicht teile. Falls Sie nach meinem Karl-Kraus-"Missgriff" noch nicht die Scheidung eingereicht haben, weil die "Verständigungsbasis" fehlt, hier noch eine ergänzende Anmerkung:

Ich kenne einige Artikel von Henning Hoffgaard, wobei ich in der Regel allerdings nach einiger Zeit vergesse, wer irgendwann was geschrieben hat. Es bleibt dann ein JF-Text, der zur genaueren Betrachtung ggf. aus dem Archiv geholt werden muss. Insofern, FRANZ SCHMIDT, kann ich auch nicht erkennen, dass Dieter Stein einen "Kurswechsel" vorbereitet. Zweifellos stehen manche Autoren im politischen Spektrum "weniger rechts" als Sie und Lichtmesz, sodass Sie gelegentlich immer schon einmal mit "Unmut" reagiert haben (müssten). Wo könnte man schon über Jahre hinweg von verschiedenen Leuten lesen, ohne das eine oder andere in die Tonne treten zu wollen? Auch ich las die beiden von mir zuletzt kritisierten ML-Artikel letztlich mit Unmut. Man unterliegt in solchen Zuständen dann leicht dem Impuls, in die Lichtmesz'schen Texte einen "Kurswechsel" hineinzuspekulieren, wenn man sich nicht an die eigene selektive Wahrnehmung erinnert.

Der Debattenbeitrag von Martin Lichtmesz hebt an wie eine kenntnisreiche Eloge auf Mohler mit zahlreichen interessanten Bezügen zum eigenen Werdegang -- eine Eigenschaft, die ihm auch nicht zu nehmen ist -- und gewinnt dann eine plötzliche Verdichtung bei Mohlers Klage über Stein, ein Ereignis, das 19 Jahre zurückliegt, um einen aktuellen JF-Artikel mit dem damaligen Verhalten des Chefredakteurs in Verbindung zu bringen. Bei dieser Schleife arbeitet ML mit dem Mittel des Stilbruchs: Wird der Mohler-Stein-Konflikt noch mit einem sachlich begründbaren Vorhalt dargestellt, so wird Henning Hoffgaard als nicht satisfaktionsfähig ("Praktikant") verspottet und sein Artikel unter die Rubrik "feindliche" Texte verbucht. Wer so schweres Geschütz auffährt, sollte (hier) verstärkt begründungspflichtig sein. Aber Herr Lichtmesz beharrt darauf, in der "höheren Klasse" müsse man (ihn) "auf Anhieb" verstehen können -- oder eben nicht.

zwischenbemerkung kubitschek: die begründung kommt schon noch, keine eile. vielleicht beantworten Sie sich zuvorderst die frage, ob Sie dem beitrag von HH entnehmen können, was der "zwischentag" so recht eigentlich bot - abgesehen von einer italienischen und einer ungarischen wortmeldung.

Herr Hoffgaard ist ein talentierter junger Journalist. Mir ist erinnerlich, dass er besondere Sachkompetenz in dem Bereich gezeigt hat, von dem ich auch ein wenig zu verstehen glaube. Das ist im deutschen Journalismus selten.
Herr Lichtmesz, Sie schneiden an einem Tischtuch, das schwer zu flicken sein wird.

M.L.: Es verhält sich leider genau umgekehrt. Ihre Kommentare kommen mir vor, wie aus einem Paralleluniversum. Wie gesagt, habe ich Ihnen nichts zu sagen, sparen Sie sich Ihrerseits Ihre Belehrungen: Sie wissen einfach zu wenig.

@ Toni Roidl
Dass Hoffgaard "rechte Selbstkritik bei jeder Gelegenheit" fordere, ist mir entgangen. Dem Artikel pauschal "Ausgrenzung" vorzuhalten, geht fehl. Schließlich berichtet HH von der durch die Messeleitung selbst vorgenommenen Ausgrenzung anhand von VS-Kriterien. Die JF unterstellt offenbar, dies sei nicht völlig gelungen. Ich sehe nicht, dass wir hier in der Lage sind, dies substanziell zu beurteilen.

@ Goerdeler
"Groschen gefallen"? Die Anerkennung des Feindes beginnt mit gesteigerter Aufmerksamkeit. Wenn man hier mitliest und sogar bewertet, ist das gut. Vielleicht fällt auf diesem Wege dadurch bei dem einen oder anderen in anderer Weise der Groschen. Worum es ja auch in einer Mohler-Kolumne geht.

P.S.: Der Beitrag darf nur ungekürzt freigeschaltet werden.

Julius

11. Oktober 2013 09:49

Was für ein Artikel! Wahrlich seinem Gegenstand angemessen.

@ Toni München und Theosebeios
Hoffgaard hat wieder einmal ein bisserl daneben gehaut. [Bekanntlich kommt es nicht nur darauf an, was man (be)schreibt und wie man es darstellt, sondern auch, was man unerwähnt läßt.]
Man möchte darüber ob seiner Jugend hinwegsehen und auf Besseres hoffen. Auch in diesem Fall hat daher, finde ich, Martin Lichtmesz mit Ironie und Sprachwitz den richtigen Ton getroffen - eben ganz im Gegensatz zu Herrn Hoffgaard.

Theosebeios

11. Oktober 2013 10:07

@ Gustav Grambauer

" ... Es lebe die Berliner Mauer!"

Durchdenken Sie Ihre rhetorische Übergipfelung doch noch einmal in Ruhe. Bei dem Begriff "Hegung" hatte Heidegger gewiss nicht den "antifaschistischen Schutzwall" im Sinn, deren Werden und allmähliche Vervollkommnung er über die Jahre hinweg verfolgen konnte.

Martin Lichtmesz

11. Oktober 2013 10:53

Der Witz an der Berliner Mauer war, daß sie am Ende gewissermaßen ein "anti-antifaschistischer Schutzwall" war, und eine Menge Deutschland konserviert hat, während sich die Dinge im Westen wesentlich gründlicher in der Coca-Cola-Brause aufgelöst haben. Das ist auch in anderen Ostblockstaaten der Fall, ich denke nun etwa an Polen. Die unabsichtlich katechontische Wirkung des Kommunismus, das zu beschreiben, wäre eine hübsche Aufgabe für boshafte Historiker. Arnold Gehlen würde sich im Nachhinein auch bestätigt fühlen.

Inselbauer

11. Oktober 2013 11:46

Es ist natürlich Unsinn, sich vorzustellen, dass mit dem zu erwartenden gründlichen Bruch zwischen den {Terminologie unklar} Liberalkonservativen und den {Terminologie unklar} Rechtskonservativen "bürgerlicher Ballast" abgeworfen werden könnte, obwohl sich der Gedanke geradezu aufdrängt. Trotzdem muss man jetzt schon sehen, wo man bleibt. Ein läppischer Gutmensch als konservatives Pinup und ein aufstrebender Nichtdenker als Lohnschreiber sind durchaus programmatische Ansagen, die einem die Grausbirnen aufsteigen lassen.
Vielleicht hat das alles den Effekt, dass man ein wenig vom Gespenst des Konservatismus wegkommt und wieder Volk und Staat ins Blickfeld rücken. Es würde mich freuen.

Rottweiler

11. Oktober 2013 12:05

Der je individuelle Bildungsweg mag zwar Exemplarisches bereithalten, aber die gefällige zur Schaustellung hat mit Amt und Dienerschaft nur noch wenig zu tun. Ein wenig mehr Bescheidenheit, wie sie zum Beispiel Gehlen gepflegt hat, würde hier gut tun. (Kann man in der aktuellen Zeitschrift für Ideengeschichte nachlesen) Auch die eigene Überhöhung durch Diskussionsverweigerung gehört in den selben Zusammenhang. Um aber auf den Punkt der aktuellen Auseinandersetzung zu kommen: Das Mohler hier eine weniger politiserte Wissenschaft fordert um zu einem wertneutralen Ergebnis zu gelangen, ist doch wohl ein wenig naiv gedacht. Auch lässt sich durch das übereinanderlegen unterschiedlicher Perspektiven nicht zu einem Begriff von der Wirklichkeit gelangen. So viel sollte man vom deutschen Idealismus mitgenommen haben. Wenn man aber verschiedene Wirklichkeiten annimmt, ist es halt eine Machtfrage welche sich durchsetzt. Dann müßte Mohler aber akzeptieren, dass er der Schwächere war und nicht einfach Gesinnung rufen. Ein Pluralismus unterschiedlicher Geschichtsbilder ist nichts weiter als ein auf die Geschichte übertragener Mulitkulturalismus. Also entweder politisierte Wissenschaft oder objektive Wissenschaft - beides nebeneinander geht nicht.

M.L.: Das strotzt gleich von multiplen Denkfehlern. Z.B. geht es zunächst nur um die simple Sache, daß historische Wahrheiten nicht per Gesetz entschieden werden sollte. Skurril finde ich die Idee "Mohler müßte akzeptieren, daß er der Schwächere war". Was heißt "akteptieren"? Wie soll man sich das konkret vorstellen?

Martin

11. Oktober 2013 12:09

Der Witz an der Berliner Mauer war, daß sie am Ende gewissermaßen ein „anti-antifaschistischer Schutzwall“ war, und eine Menge Deutschland konserviert hat, während sich die Dinge im Westen wesentlich gründlicher in der Coca-Cola-Brause aufgelöst haben.

Das halte ich für eine Legende mit der, wenn vermutlich auch nicht von Ihnen, aber doch von anderen, sich "national" Gebenden, um die Anerkennung der Mitteldeutschen geworben wird.

Wer sich noch ein bisschen ehrlich an die westdeutsche Zeit der 70er und 80er Jahre erinnert, der weis, dass das doch - im Vergleich zu heute - ziemlich paradiesische und auch sehr deutsche Zeiten waren, in denen man zwar schon italienische, griechische, jugoslawische und auch türkische Zuwanderung (die Ostblockzuwanderer gab es der Vollständigkeit halber auch noch) sowie die ersten großen Asyldiskussionen (immerhin: Diskussion über das "ob" und nicht über das "wie", wie es heute der Fall ist) hatte, aber man konnte immerhin noch ganz offiziell - um bei dem angesprochenen Kampf um die "Begriffe" zu bleiben - Türken etc. als "Gastarbeiter" bezeichnen, ohne damit gleich Autobahnalarm auszulösen.

Die ganze deutsche Malaise hat doch erst in den 90er Jahren so richtig an Fahrt aufgenommen, als es begonnen hat, die alte "BRD" zunehmend der "DDR" anzugleichen und gleichzeitig damit begonnen wurde, das wiedervereinigte Deutschland in der EU auflösen zu wollen und das Ganze steigert sich seit Beginn dieses Jahrtausends immer mehr und schneller.

Aber Gemach, ich persönlich kann diesem, sich hier andeutenden Zwist mit der JF nichts abgewinnen, zumal ich den Schwerpunkt des Artikels eindeutig woanders gesehen habe und lediglich eine kleine - für mich unbeachtliche - Spitze gegen die JF bzw. eines Autors darin finden konnte (bin eben kein "Insider"). Aber gut, wenn die JF beleidigt ist, wenn man die Mohler Texte jetzt gesammelt herausgibt, dann ist es doch in erster Linie einmal deren eigenes Problem, oder?

gerdb

11. Oktober 2013 12:12

Das stand mal auf der Jungen Welt:
Da setz ich noch einen drauf: Es lebe die Berliner Mauer!

enickmar

11. Oktober 2013 13:20

@Rottweiler

Warum ist das naiv gedacht ? Das ist die einzige vernünftige Herangehensweise. Zunächst mal muß man ja die Mißstände benennen, um Klarheit über die Zustände zu vermitteln zu können. Ob man dann so naiv ist zu glauben, daß man die BRD diesbezüglich umkrempeln kann, ist eine ganz andere Frage. Aber erstmal sollte man zumindest die Lage erkennen können. Und das ist möglich, wie Mohler bewiesen hat.
Mit verschiedenen Wirklichkeiten hat das insofern nichts zu tun, als daß man das Unvermögen des Einzelnen diese vollständig zu erfassen, nicht mit ihrer Nichtexistenz (lauter verschiedene Wirklichkeiten) verwechseln sollte.
Es ist dem Menschen aber durchaus möglich, durch Wissenschaft die Wirklichkeit besser kennenzulernen (wenn auch nicht vollständig), vor allem auf bestimmte definierte Fragestellungen bezogen. Ob nämlich eine Information als wahr oder falsch anerkannt wird, hängt von der Fragestellung und dem Definitionsrahmen ab, innerhalb dessen die Antwort gegeben wird. So können wir in der Wissenschaft sehr wohl sinnvolle und eindeutige Antworten geben und Wirklichkeiten erkennen und beschreiben. Das ist dadurch bewiesen, daß wir nicht mehr in der Steinzeit leben.

Hartwig

11. Oktober 2013 13:29

"... Auch die eigene Überhöhung durch Diskussionsverweigerung gehört in den selben Zusammenhang.... "

@Rottweiler
Ja, der Eindruck einer gewissen Dünnhäutigkeit des Autos ist auch bei mir vorhanden. Allerdings kenne ich den Subtext nicht, von dem ich ausgehe, dass er existiert.
Aus dem JF-Artikel von H.H. kann man jedenfalls ein Distanzierungsbedürfnis herauslesen. Den Zwischentag auf diese Weise, auch in seiner Knappheit, zu würdigen, ist für eine JF einfach zu wenig.

Diskussionsverweigerung ist allerdings bei mir zu einer Art Standardwaffe geworden, die regelmäßig ihre Wirkung nicht verfehlt; ... dort wo man mich nicht oder wenig kennt. Z.B. mit den deutlich in den Raum gesprochenen Worten: "Mit Linken diskutiere ich nicht mehr über Politik." fesselt man augenblicklich Aufmerksamkeit. Man outet sich als Nichtlinks, kehrt eine Überlegenheit heraus und drängt das Gegenüber in eine gewisse Defensive, wobei man das Heft des Handelns recht fest in der Hand behält.

Martin Lichtmesz

11. Oktober 2013 14:10

Ich möchte das nur mal grundsätzlich festhalten: es gibt zuweilen keinen anderen Weg als "Diskussionverweigerung", weil man eben nicht alles mit jedem "diskutieren" kann. Und wo es zwecklos ist (meistens bereits dort, wo Anspielungen nicht ausreichen), soll man es eben bleiben lassen. Das Gesetz der "Ungleichheit" gilt auch hier.

Susann

11. Oktober 2013 15:02

ha?

Erst die Ungleichheit gibt dem Leben seine Spannung, Vielfältigkeit und Farbe

???

oh bitte nicht! Da muss ich gleich wieder an diversity-managment denken...

M.L.: Den Spaß hab ich mir erlaubt.

Ungleichheit ist ohne Frage eine natürliche Gesetzmäßigkeit. Wer gegen seine Natur, also sein genetisches Programm lebt, indem er sich selbst und anderen gegenüber vorgibt, immer nur "gut" (also für Gleichheit, Gleichberechtigung ect.) zu sein, demontiert sich langfristig unweigerlich selbst, weil er einfach nicht zu seinen niederen Anteilen (Instinkten/Trieben) steht, die aber naturgemäß jedem Primaten innewohnen. Mittlerweile unterdrücken mensch halt gefälligst seine Triebe und Instinkte, weil man ihm via Religion, Philosophie, Politik einzutrichtern versucht, dass "intelligente" Menschen, sich allein nach ihrem Verstand entscheiden und ausrichten können. Das ist keines Falls so, das ist Scheinheiligkeit, aber keiner will halt als schlecht, doof und gemein an den Pranger gestellt werden. Die Gene bestimmen alle Lebewesen viel stärker als der Geist! Eine Frau, die ihren Kinderwunsch, ihre Brutpflegeinstinkte nicht er/lebt, wird m.E. nach wenig Weiblichkeit entwickeln.... Kein Reiz - keine Reaktion.... Es scheint aber den meisten lieber zu sein, sich selbst zu demontieren, als von den anderen "Guten" demontiert zu werden.... resultiert also m.E. nach eher aus der Furcht, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, weil man sich nicht angepasst genug verhält... was sich ja auch im Konformitätsexperiment von Asch widerspiegelt....

Ungleichheit verursacht aber durchaus auch Stress, erzeugt Missverständnisse und Ärger. Deshalb sucht der Mensch auch nach Gleichheit, Übereinstimmungen, neuronal ähnlich Vernetzten, wenn er Freundschaften schließt, Partnerschaften eingeht.... wenn man sich nicht den Gepflogenheiten seines Kulturkreises anpasst, wird man ausgeschlossen, außer natürlich, der Kulturkreis ist schon derart denaturiert, dass dieser Akzeptanz für "Diskriminierte", also Menschen, die sich eben gerade nicht den Gepflogenheiten ihres (gewählten) Kulturkreises anpassen, regelrecht verordnet.... und sich damit selbst abschafft.

Naturwissenschaften liegen den Rechten m.E. nach mehr; der Linke erfindet lieber irgendwelche Pseudo-Geisteswissenschaften, wie z.B. gender-Forschung (...)
Für diese Erkenntniss muss man sich ooch keen Knooten innt Jehürn machen, Jungs, sondern einfach mal so in sich rinnfühln, vastehste?! :o)

Gustav Grambauer

11. Oktober 2013 15:06

Paradiesische und auch sehr deutsche Zeiten in der 70er- und 80er-Jahre-"BRD"?!

In einer Diskussion mit einem Freund nach der "Abstimmung" über den ESM waren wir uns trocken einig: "Jetzt zeigen sie nur ihr wahres Gesicht".

Lehr- und Wanderjahre eines Konservativen?!

Oh, da bin ich à jour. Im Strang zu Herrn Bosselmanns Lampedusa-Beitrag diese Woche wurde die Grenzbrigade Küste der Grenztruppen der DDR bereits ins Spiel gebracht. Ich habe bei der 6. GBK gedient - vollbewußt der Tatsache, was ich dort verteidige und gegen wen - was ich natürlich keinem proletarisch-internationalistischen Politnik dort erzählen konnte. Uns war vor allem eindringlich klar, was sich ein paar wenige Kilometer von unserem Haus in Ost-Berlin entfernt in unserem, wie wir gesagt haben: Hinterhof (etwa am Kottbuser Tor oder hinter dem Bahnhof Zoo) abspielt. Wir wußten auch sehr viel z. B. mit dem Begriff "Kongreß für Kulturelle Freiheit" anzufangen (und in dem Zusammenhang mit der tieferen Bedeutung der Biermann-Fronde usw. innerhalb der DDR). Nicht zuletzt kannten wir noch das staatsphilosophische, staatshistorische und staatsrechtliche Fundament der DDR (das nach der Verfassung von 1968 freilich von ihr selbst tabuisiert worden war):

https://www.kaiserkurier.de/kurier103/unsere-verfassung.html

Ich komme aus einer strammen NDPD-Familie.

https://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/75/14.php

Wir haben uns schon damals jenseits aller Propaganda-Schablonen als in der Wolle gefärbte Reaktionäre gesehen. Dabei gab es bei uns nicht den geringsten Generationenkonflikt, nur einen kleinen Unterschied: meine Eltern haben noch überwiegend Westfernsehen geschaut, wir Kinder - natürlich insgeheim vor unseren Schulkameraden usw. - wenn überhaupt fast nur Ostfernsehen: Heimatgefühl!!! (Übrigens bis tief, tief ins Sprachgefühl hinein ...)

Lieber, nun ja, ..., Rottweiler, falls Sie ggf. auch mich mit "Diskussionsverweigerung" meinen: zwar wird die Mauer mit dem Zurückschwingen des Eichelburg-Pendels

https://www.hartgeld.com/media/pdf/2011/Art_2011-190_PolitschesPendel.pdf

in Lampedusa-Zeiten sowieso bald völlig anders öffentlich bewertet werden, die Poppersch-(Tavistocksche) Totalitarismus-Doktrin sollte bei jedem denkenden Wesen - so wie bei uns damals - eigentlich nur noch Hohngelächter hervorrufen.

Das heißt aber nicht, daß ich nicht gern die DDR in einer ernsthaften Analyse einmal gegen den metapolitischen Strich bürsten würde (vielleicht nicht gerade in diesem Diskussionsstrang hier). Bitter ist für mich eigentlich nur, daß die flankierenden finanziellen Wohltaten der Mauer meine geliebte Stadt Berlin beidseits so nachhaltig psychologisch vergiftet haben. Über Herrn Lichtmesz` Coka-Cola-Metapher, die natürlich treffend ist, hinaus hätte ich u. a. ein Füllhorn an Wissen aus der machtpolitischen Binnentektonik beizusteuern, die sehr erhellend z. B. für die Frage wäre, wofür Angela Merkel eigentlich steht und ähnliche Fragen. Dies berührte allerdings sofort die Rolle der Ostjuden beim Aufbau und Niedergang der DDR und des Weltkommunismus insgesamt. Mein Ansatz dazu wurde hier bereits einmal abgeschmettert, was ich auch verstehe, viel zu heiß das Thema ...

Im Wissen um die - pikante - Verkürzung darin sage ich immer: "Die DDR gab es zweimal" - eine kindliche und eine erwachsene Version. Beide sind in diesem "Augenzeugen" hier eindrucksvoll zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=O2ojMV6NOf4

Die "erwachsene", deutsche DDR zeigt sich in den ersten neuneinhalb Minuten, da ist er übrigens wieder: dieser warme, ausgereift-männliche Ton, dieses knappe Maß an Eindringlichkeit und Schneid, dieser nahezu fremdwort-frei gehaltene, einfache, kristallklare Duktus. Die letzten dreißig Sekunden wirken dann wie "angeklebt", geradezu infantil, bizarr und aufdringlich pietätlos - nicht nur wenn man weiß, welchem politischen Lager Grotewohl eigentlich angehört und gegen welchen Block innerhalb des Apparats er zeitlebens gekämpft hatte.

Mielke war übrigens nicht der allmächtige Stasi-Boß, sondern der Moderator zwischen den beiden Blöcken innerhalb der Stasi (sehr viel gäbe es im Hinblick darauf auch über Mischa Wolf zu sagen). Aber selbst dessen "Ich liebe euch doch alle ..." in der Volkskammer - in der vollen Dimension der historischen Tragik, die sich noch erst öffentlich zeigen wird - werden künftige Generationen mit dem gebotenen würdigenden Takt zu werten wissen. Dagegen wird fast jeder "Bundespolitiker", auch derjenige der 70er und 80er Jahre und sogar der 50er und 60er Jahre, menschlich recht blaß aussehen.

- G. G.

M.L.: Bitte beim Thema bleiben.

Rainer Gebhardt

11. Oktober 2013 16:56

@ ML

Über den "anti-antifaschistischen Schutzwall" ließe sich einiges sagen. Und ja, ich verstehe schon, dass die Coca-Cola-Sozialisierten nostalgische Gefühle bekamen, wenn wir ihnen Faßbrause servierten und ein im Braunkohlendunst konserviertes Deutschland. Das faszinierte ja auch die besuchsweise einreisenden West-Linken; die fühlten sich in der DDR immer wie in einem Klassenkampfeldorado und fuhren innerlich gestärkt zurück. Auch der Ottonormalverbraucher West fühlte sich als Besucher im Paradies der Werktätigen nicht unwohl, auch wenn er uns Ostmenschen immer ein bißchen wie Eingeborene in einem Zoo begaffte und uns durch die Gitter gern etwas zusteckte. Aber das ist nicht der Punkt. Was hinter dem „anti-antifaschistischen Schutzwall“ konserviert wurde, war eben nicht nur „eine Menge Deutschland“ – es war am Ende vor allem diese Leck-Mich-Arsch-Haltung gegenüber allem, was nicht glitzerte und glänzte. Wäre diese „Menge Deutschland“ wirklich da gewesen, dann hätte sich dieses Deutschland nicht abwickeln lassen wie ein VEB. Man kann nun über das Volk und seine Rolle beim Verschwinden der DDR denken, was man will, aber der Zusammenbruch des Systems hatte etwas von einer Slapstick-Komödie an sich: Die „Diktatur des Proletariats“ ist auf einer Bananenschale ausgerutscht. Und zwar auf einer nicht vorhandenen. So unheroisch kann Geschichte sein.

Bundschuh

11. Oktober 2013 18:43

“Die Turmuhr schlägt, das Käuzchen ruft – da muß es einen Zusammenhang geben.”

Nietzsche, in: Jenseits von gut und böse.

M. L. hat Recht, was die Konservierung hinter der Mauer betrifft. Das gleiche gilt für Teile Osteuropas, in denen man erfrischend frei reden kann und für den deutschen Weg ins Multikultinirvana bedauert wird.

Immer wieder wird hier in Kommentaren behauptet, die Zwangsaskese in der DDR habe dort festere Menschen geformt. Die gleichen Argumente kenne ich auch aus persönlichen Gesprächen. Hier gebricht es mir aber an Verstand oder anderen an Logik: Wenn die DDR-Bürger doch lieber Bananen wollten, kann es mit der Konsumverachtung so weit doch nicht her gewesen sein? Oder meint man nur sich in seinem Biotop? Solche gab und gibt es auch im Westen. Ich meine, der materielle Reiz wird teilweise in seiner sicher vorhandenen verderblichen Wirkung überschätzt. In der Gründerzeit oder den 20gern gab es durchaus (relativ) erreichbaren Wohlstand und Eigentum, dass diesen Namen verdiente, ohne, dass die eigene Nation abgelehnt wurde. Eher das Gegenteil war der Fall. Man macht sich als DDR-Sozialisierter offenbar kein Bild von der tatsächlichen Schlagkraft der 68ger in Bildung und Medien der BRD nachdem der Marsch durch die Institutionen geglückt war, das war ab Mitte der 70ger der Fall. In meiner Kindheit und Jugend wurde aus allen Rohren subversiv und dann zunehmend offen die Parole "Deutschland Verrecke" gefeuert. Die DDR hat die folgende Abschaffung der sog. deutschen oder preußischen Sekundärtugenden und die teilweise Auswechselung der Primärtugenden nicht erlebt. Auch der Hass auch den eigenen Staat, die eigene Nation wurde nicht durch Lehrer, Zeitungen und Fernsehen verordnet - man hatte ja keinen Grund, da man die antifaschistische Alternative war. So kam das bei uns im freien Westen. Das ist der wesentliche Unterschied. Nicht Bananen und Cola.

M.L.: Beim Thema bleiben, bitte keine weiteren Kommentare über den DDR-BRD-Komplex.

Toni München

11. Oktober 2013 19:23

Wahrscheinlich liest diesen xten Kommentar zu dem Thema eh schon keiner mehr.

Aber sei es drum: Ein ganz wichtiger Aspekt, den ich noch anbringen möchte, auch weil er bei dem zu "rechter Selbstkritik" aufrufenden JF-Berichterstatter Hoffgaard völlig unberücksichtigt bleibt, ist:

Grundsätzlich: Der Zwischentag war eine kraftvolle rechte Tat gegen alle Widerstände!!! Gegen das strangulierende, linke Dauer-Mobbing. Gegen die Verzagtheit und Zerissenheit rechter und konservativer Kreise.

Und an dem Tag war doch sicherlich auch im Einzelnen das eine oder andere Positive geboten, oder? - Davon kommt in dem JF-Artikel nahezu Null rüber.

M.L.: Endlich, der erste, dem das Wesentliche auffällt und der es auf den Punkt bringt. Geschätzte 3/4 des Beitrags handeln von im Antifa-Stil disproportional aufgeblasenen Nebensächlichkeiten, die noch dazu zum Teil inkorrekt dargestellt sind. Auf diese Weise betätigt sich hier einer als von der Antifa-Seite -also seinen eigenen Feinden - dankbar empfangener "whistleblower", denen hier mutwillig etwas "zum Fraß preisgegeben" wird, wohl wie immer mit der Hoffnung, daß man dann selber verschont wird. Die Krone setzt dem Ganzen auf, daß das mit "wohlmeinenden" Ratschlägen zur "Selbstkritik" verkauft wird. Und das ist noch nicht alles, was dazu zu sagen wäre. Aber einstweilen halte ich mich bedeckt.

Reichsvogt

11. Oktober 2013 19:42

Als Besucher des Zwischentags fand ich den JF Beitrag auch sehr befremdlich. Klang fast wie Berliner Zeitung: NPD Mitglieder waren als Besucher da, also ist die Veranstaltung NPD-nah. Richtig ist,dass die Breite des wirklich Gebotenen in keiner Weise dargestellt wurde. Über die Nicht-Anwesenheit der JF haben wir schon am Z-Tag diskutiert und dies nicht recht nachvollziehen können. Jetzt wird mir aber so einiges klarer. Wohl ist mir bei der Entwicklung nicht. Die Thematik hätte die ausgebliebene heiße Kontroverse auf dem Zwischentag werden können. Gerne würde ich einen Artikel von Weissmann zum Themenkomplex lesen. Könnte er der Vermittler sein?

Armand

11. Oktober 2013 20:34

Der Artikel, der dieser Diskussion zu Grunde liegt, ist mir aktuell nicht bekannt, allerdings sind mir ältere Beitrage des genannten JF-Autors bereits unangenehm aufgefallen. Der junge Mann scheint einen Armin Mohler entweder nie gelesen zu haben oder er hat ihn nicht annähernd verstanden. Vielmehr beschleicht mich hin und wieder das Gefühl, da schreibt ein Linker unter verkehrter (falscher) Flagge. Hoffgaards Artikel entbehren aller Vorzüge rechter Schreibkunst. Vielleicht das Produkt mangelnder Lektüre? Oder hat sich da jemand in der Tür geirrt? Herr Lichtmesz sollte im Antaios-Verlage ein Kompendium für rechte Polemik herausgeben. Andererseits ist rechtes Talent nicht jedem gegeben.

Albert

11. Oktober 2013 22:26

Wie immer ein Genuß, Lichtmesz zu lesen...

Einiges trifft auch auf mich zu - das Konversionserlebnis in Form von Literatur (für mich war das der "Fragebogen" von Ernst von Salomon), dann das Sich-Selbst-Befragen, dann die Netzrecherche (damals - 2002/03 - gab es noch dieses obskure Netzlexikon einer Berliner Jüdin über angebliche Rechte - es wurde dann eingestellt, weil es zu primitiv war), dann das Stoßen auf die JF - bei mir auch im gleichen Zeitraum wie bei M.L., vielleicht zwei Jährchen später, so um 2005 ... und dann G.K. und das IfS...

Inselbauer

12. Oktober 2013 12:09

Zu den Freuden des Rechtsseins gehört auch, wie heute die Sezession und das Verlagsprogramm von Antaios zu erhalten. Es gehört eng zum Thema dieses Artikels, wenn ich Kubitschek und seinen Mitstreitern von Herzen für ihren wirtschaftlichen und verlegerischen Mut danke und für die Bereitschaft, sich nicht von Anwürfen unterkriegen zu lassen. Sich nicht in die Hosen scheißen und bei der Sache bleiben, das kann man davon lernen.

Martin Lichtmesz

12. Oktober 2013 12:22

Badeschluß!

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