11. April 2016

»Hauslektor« bei »Zank und Streit« – 12. Salon zu Mohlers Briefen an Ernst Jünger

von Nils Wegner / 8 Kommentare

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

ifs_logo blauAm 6. April kamen 45 Teilnehmer zum 12. Staatspolitischen Salon des IfS in Berlin zusammen, um der Vorstellung von Lieber Chef... Briefe an Ernst Jünger 1947–1961 beizuwohnen. Nach sechs Jahren der editorischen Arbeit hat Institutsleiter Dr. Erik Lehnert damit einen lange überfälligen Beitrag zur Geistesgeschichte geliefert, der den privaten Austausch des Jahrhundertschriftstellers und des großen Denkers der deutschen Nachkriegsrechten dokumentiert – mit einer kleinen Besonderheit:



Denn wie bereits vorab angemerkt, hatte sich der Verlag Klett-Cotta letztlich gegen einen originalgetreuen Abdruck der umfangreichen Briefe und Postkarten Ernst Jüngers gesperrt, obgleich es eine Art mündlicher Absprache hierüber zwischen Mohlers Witwe Edith und Jüngers Witwe Liselotte gegeben hatte und der Verleger Götz Kubitschek während mehrerer Besuche bei Liselotte Jünger zu einer grundsätzlichen Übereinkunft gelangt war, das zeigen die Briefe aus Schnellroda und Überlingen. Der Vertrag konnte letztlich aufgrund der schweren Erkrankung Frau Jüngers nicht mehr aufgesetzt werden.

Auf den ersten Blick mag dies verwundern, hätte doch der komplette Briefwechsel andernfalls auch bei Klett-Cotta selbst erscheinen können, wenn es nur am Publikationsort Antaios gelegen hätte.

In Wirklichkeit lag der Unwille des Stuttgarter Verlags, wie Lehnert anhand beispielhafter Auszüge aus der Korrespondenz erläuterte, an dem dort mühevoll kultivierten Bild zumindest des Jüngers nach '45 als ausschließlich ästhetisch interessiertem Beobachter der Zeitläufte. Dieser Eindruck wäre durch einige Stellungnahmen des Alten von Wilflingen erheblich ins Wanken geraten – eine Unruhe, der Klett-Cotta sich und den Absatz an Jünger-Neuauflagen offenbar nicht aussetzen wollte.

Hauptsache aber ist, daß die Briefe Mohlers nun endlich erschienen sind, nachdem erste Planungen zur Veröffentlichung noch zu dessen Lebzeiten entstanden. Die Anteile Jüngers am Briefwechsel wurden regestenhaft beigegeben und erlauben so auch ohne direkte Wiederhabe, die Argumentationsverläufe nachzuvollziehen, wozu auch der umfangreiche Anmerkungsapparat beiträgt.

Verklammert wird der Austausch vom Jüngerschen Arbeiter, der einerseits den jugendlichen Mohler für sein Leben prägte und andererseits beispielhaft für die Zwischenkriegsschriften steht, deren Glättung und Sortierung für die Gesamtausgabe zum vorläufigen Zerwürfnis der beiden Männer führte, mit dem der Band endet.

Die vorliegenden Briefe verschaffen dem Leser insbesondere eine Innenansicht des Betriebsablaufs beim Schriftsteller Jünger – weitaus intensiver, als es der nur versuchsweise Chronist Mohler mit seinem eigenen Ravensburger Tagebuch vermochte. Jünger, der Mohler als seine Interessenvertretung in der Schweiz und Frankreich nutzte, spann den »Secretarius« rasch in sein weites Netz aus Schriftsteller- und Verlegerkontakten ein. Auch in dieser Hinsicht finden sich im Briefwechsel zahllose private Einblicke, etwa in den Besuch Mohlers bei Louis-Ferdinand Céline.

Die Briefe, aus denen Lehnert zahlreiche launige Stellen vortrug, zeichnen sich allein schon durch die Person Mohlers, seine Persönlichkeit, Sachkenntnis und den Mut zum Widerspruch aus. Der vorliegende Band stellt damit eine willkommene Abwechslung zur Vielzahl eher schwacher Briefwechsel Ernst Jüngers, etwa mit Margret Boveri oder Stefan Andres, dar – gerade bei letzterem stelle sich laut Erik Lehnert die Frage, weshalb er überhaupt publiziert werden mußte.

Lehnert und der Verlag Antaios haben mit der Erschließung der Briefe an Ernst Jünger 1947–1961 einen wertvollen wissenschaftlichen Beitrag erbracht; auch für den weiteren Verlauf der 2016er Reihe der Staatspolitischen Salons ist somit noch viel Gutes zu erwarten.

+ Armin Mohler: Lieber Chef... Briefe an Ernst Jünger 1947–1961, hrsg. v. Erik Lehnert, Schnellroda 2015. 556 S., 44 € – hier bestellen!

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (8)

Sabine
11. April 2016 09:54
Mit Jüngers Briefen scheint dem Publikum ja eine Crux eigener Art aufgebürdet zu sein. Viele seiner Briefe aus der Zeit vor 1933 bzw. 1945 hat er selbst umgeschrieben. Da weiß man also nicht, warum er dies tat. Man muß hier wohl von einer Art Selbstfälschung sprechen - tut mir leid dies sagen zu müssen. Aber: er hatte wohl recht, denn er wußte genau, was nach 1945 auf die Deutschen zukommen sollte - da war Vorsicht wirklich die Mutter der Porzellankiste.
Ein erinnerungswürdiger Kurzbriefwechsel Jünger, der recht gut kommentiert wurde, ist dieser hier:
http://www.buch24.de/shopdirekt.cgi?id=3145196&p=3&sid=&static=0&nav=
Es kommt wohl darauf an, was die Nachgeborenen aus den Dingen machen: bloße antiquarische Adoration (T. Wimbauer) oder eigenständige Weitergestaltung (A. Mohler)!?
Christian
11. April 2016 15:28
Der Besuch Mohlers bei Celine ist ja auch schon in dem Band "Von rechts gesehen" erschienen. Aber vielleicht bringen Sie die uncut Version heraus.

Wegner:
Sie können davon ausgehen, daß Mohler über die Visite in Meudon an Jünger ein gutes Stück weit anders berichtet hat als in seinem Text für die breite Öffentlichkeit.
niekisch
12. April 2016 19:39
Hinsichtlich Ernst Jüngers muß ich gestehen, daß es bei mir zur Verehrung nicht reicht. In den Stahlgewittern läßt sich nämlich lesen, daß Kameraden ihn aufopferungsvoll unterstützten, er hingegen einen schwerverletzten Kameraden in einem Granattrichter zurückließ und weiterhastete.

Auch sein Betrachten junger deutscher Panzersoldaten in Paris 1944, die auf dem Weg zur Invasionsfront und damit in den ziemlich sicheren Tod waren, mit einem Glas guten Rotweins in der Hand vom Hoteldach aus befremdet etwas.

Da wollen wir garnicht mehr von seinen ständigen Textänderungen und seinem fundamentalen, zeitgeistgemäßen Gesinnungswandel vom Nationalismus zum freimaurerischen Internationalismus im Alter reden.
Andreas Walter
13. April 2016 08:02
In was für einer nach links gezerrten, verzerrten, verbogenen Welt wir doch leben erkennt man auch an folgender Tatsache:

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/koeln/koelner-uni-bibliothek-buecher-aus-dem-giftschrank-oft-ns-literatur-aid-1.5411581

Worte, Literatur, Schriften und Gedanken, die wie Gift wirken? Jesus Maria, wie ist das denn bitte möglich? Heißt es denn nicht, ohne Rezeptor, ohne Andockmöglichkeit im Organismus keine Giftwirkung? Ist diese Literatur also womöglich radioaktiv? Sind Film, Funk und Fernsehen heute nicht trotzdem voll von Mord und Totschlag, aber auch die Literatur seit jeher durch alle Jahrhunderte hinweg seit Gutenberg von jedweder Art an Monstrositäten?

Bei solchen Aussagen fühle ich mich darum auch unmittelbar an Umberto Ecos Werk Der Name der Rose erinnert, und auch die Schriften von Marx galten doch zeitweilig sicherlich auch als verfolgte, giftige, verbotene Literatur, ähnlich auch wie Pornografie. Was macht daher diese, man sagt es seien um die 40.000 unterschiedliche Titel insgesamt, noch heute so besonders, als das nur eine erlesene, erleuchtete Elite an Forschern und Wissenschaftlern, Literaten und Schüler mit Sonderausweis sich mit ihnen beschäftigen darf?

http://www.bpjm.com/bpjmdotcom/

https://netzpolitik.org/2014/liste-indizierter-webseiten-geleakt-bundespruefstelle-bestaetigt-netz-sperren-kritik-wie-overblocking/

Was unterscheidet also all diese Bücher und andern Medien von dem ansonsten überall frei erhältlichen Schund, den mittlerweile 175 Jahre Kommunismus hervorgebracht haben? Nicht nur von Schriftstellern verfasst, sondern auch von Journalisten, Ideologen und Wissenschaftlern? In wie weit dient also die Verherrlichung des Kommunismus, des Stalinismus oder des Trotzkismus, des Marxismus, des Leninismus und auch des Maoismus dem friedlichen Zusammenleben der Menschen, wenn doch alle diese Ideologien auch Millionen Menschenleben gefordert haben, sie alle hypermilitant waren?

Was unterschiedet aber auch den VS-amerikanischen oder israelischen Militarismus vom Chinesischen, Russischen oder Saudischen, ausser, dass die beiden Ersten alle Anderen in ihrer Intensität bei weitem übertreffen?

Warum ist also nicht auch die Verherrlichung des VS-amerikanismus verboten? Jeder Western in schwarzweiss den ich in meiner Kindheit gesehen habe ist eine Verherrlichung des millionenfachen Völkermordes an den Ureinwohnern der VSA.

Warum erlauben wir daher stillschweigend anderen Menschen, einschließlich unserer Regierung und ihren Organen völkerrechtswidrig mit zweierlei Maß zu messen, unserem Volk zum Nachteil und Schaden? Dazu existiert zum Einen keinerlei Anlass, und zum Zweiten auch keinerlei international haltbare und vertretbare juristische Rechtfertigung. Oder soll ich, muss ich mir diese Freiheit als Deutscher erst noch erkämpfen? Das kann doch wohl niemand ernsthaft wollen, nach den Erfahrungen im letzten Jahrhundert. Die Kommunisten waren bestialische Massenmörder, und viele Sympathisieren trotzdem noch heute mit ihnen. Auch hier in Deutschland. Entweder auch aus Unwissenheit oder Ignoranz:

http://takimag.com/article/a_heaping_helping_of_hitlers_david_cole

Daher wird es mal Zeit, über die Verbrechen der Anderen zu reden, und das auch in den politischen Kontext zu stellen, der zumindest den deutschen aber auch allen anderen Geheimdiensten bekannt war:

https://www.youtube.com/watch?v=SIzApqzlP3Q

https://www.youtube.com/watch?v=u-25Ij0VBUU

Die Furcht vor "den Russen", also damals den Kommunisten, kann ich zumindest mittlerweile nachvollziehen. Wer mag darf sich gerne auch mal mit dem NKVD beschäftigen. Da bekommt man das Gefühl, dass man das alles schon mal gehört hat, obwohl das hier schon davor war, und zwar in der Sowjetunion:

https://www.youtube.com/watch?v=gtWkn5IhfqU

https://www.youtube.com/watch?v=ChNG3L5p3Vc
Der Gutmensch
13. April 2016 14:48
Herr Walter, das Problem scheint zu sein, dass grundsätzlich nicht aus sachlichen Gründen zensiert wird, sondern ausschließlich aus politischen. Über die Frage des Jugendschutzes kann ich angesichts so mancher Stilblüten in Bildungsplänen nicht mal mehr lachen. Wer Darkroom und Sado-Maso im Unterricht von 13jährigen nachstellen lassen möchte, braucht m. E. auch keinen Porno mehr vor minderjährigen Bibliotheksbenutzern zu verstecken.

Auch pseudowissenschaftliches Zeug, deklariert als Wissenschaft, ist jederzeit zu haben. Fehlvorstellungen zu verbreiten ist nicht verboten, denn einen einheitlichen Kanon über richtige Vorstellungen (ich rede von ganz basalen Dingen, wie der Rechtschreibung) gibt es kaum noch. Gäbe es ihn in der Schule, würde er dazu befähigen, wenigstens komplett unsinnige Standpunkte schneller zu erkennen - damit wäre vielen Dingen der Boden entzogen, ohne dass man aktiv zensieren müsste. Aber damit wäre auch einem Gutteil der eigenen Positionen als grober Unfug entlarvt. Das ist das Problem damit.


d. G.
Treverer
13. April 2016 15:44
@Der Gutmensch
"Über die Frage des Jugendschutzes kann ich angesichts so mancher Stilblüten in Bildungsplänen nicht mal mehr lachen."
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Da haben Sie natürlich recht. Noch weniger lachen, kann ich allerdings darüber, was die Kinder auf ganz "normalem" Wege über soziale Kontakte auf dem Schulhof und "soziale" Medien mitbringen. Da dürften sogar die berufsperversen grünen SexualpädagogInnen Scham empfinden.
Olaf
14. April 2016 23:17
Den Verzagenden ins Stammbuch, den Kämpferischen zur Bestätigung -- ich denke auch der Jünger hats gewußt, trotz alledem:

"Dieses Volk hat seine ungeheure Kraft selbst in der letzten Niederlage nicht verloren."

(aus einem Brief des Max Horkheimer aus Frankfurt am Main an seine Frau in Neuyork vom 26. Mai 1948, Ges. Schriften Bd. 17, S. 977)
Andreas Walter
16. April 2016 14:39
Ernst Jünger kommt auch in dieser Dokumentation vor:

https://www.youtube.com/watch?v=sRR_llGpNOk

Seine Erfahrungen (are you experienced?) hat er in einem Buch beschrieben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Annäherungen._Drogen_und_Rausch

Ein Suchender war also Jünger, und wer da sucht, der findet. Nicht unbedingt immer das, was er sich vorgestellt hat (du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen), doch Gott ist auch in der Feldblume am Wegesrand.

Oder im Wald.

https://vimeo.com/109988488

Doch nicht Jünger hat sich "von der Welt des Arbeiters" abgewendet, das ist typisches Kommunistengeschwätz, sondern er hat vielmehr erkannt, dass es der Proletarier selbst ist, der sich entfremdet hat oder entfremden hat lassen, vom Wald, von sich selbst. Der Proletarier ist der Entfremdete, der Fremde, der Wurzellose, der Heimatlose, Verschiebestückgut, und nicht der Kulake, der mit seiner Heimat und dem Boden unter seinen Füssen noch in Verbindung steht, bis auch er von seiner Scholle vertrieben, wenn nicht sogar getötet oder im GULag, im Arbeitslager, im Umerziehungslager proletarisiert wird.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12612&ausgabe=200901

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