»Hauslektor« bei »Zank und Streit« – 12. Salon zu Mohlers Briefen an Ernst Jünger

ifs_logo blauAm 6. April kamen 45 Teilnehmer zum 12. Staatspolitischen Salon des IfS in Berlin zusammen, um der Vorstellung von Lieber Chef... Briefe an Ernst Jünger 1947–1961 beizuwohnen. Nach sechs Jahren der editorischen Arbeit hat Institutsleiter Dr. Erik Lehnert damit einen lange überfälligen Beitrag zur Geistesgeschichte geliefert, der den privaten Austausch des Jahrhundertschriftstellers und des großen Denkers der deutschen Nachkriegsrechten dokumentiert – mit einer kleinen Besonderheit:

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Denn wie bereits vor­ab ange­merkt, hat­te sich der Ver­lag Klett-Cot­ta letzt­lich gegen einen ori­gi­nal­ge­treu­en Abdruck der umfang­rei­chen Brie­fe und Post­kar­ten Ernst Jün­gers gesperrt, obgleich es eine Art münd­li­cher Abspra­che hier­über zwi­schen Moh­lers Wit­we Edith und Jün­gers Wit­we Lise­lot­te gege­ben hat­te und der Ver­le­ger Götz Kubit­schek wäh­rend meh­re­rer Besu­che bei Lise­lot­te Jün­ger zu einer grund­sätz­li­chen Über­ein­kunft gelangt war, das zei­gen die Brie­fe aus Schnell­ro­da und Über­lin­gen. Der Ver­trag konn­te letzt­lich auf­grund der schwe­ren Erkran­kung Frau Jün­gers nicht mehr auf­ge­setzt werden.

Auf den ers­ten Blick mag dies ver­wun­dern, hät­te doch der kom­plet­te Brief­wech­sel andern­falls auch bei Klett-Cot­ta selbst erschei­nen kön­nen, wenn es nur am Publi­ka­ti­ons­ort Antai­os gele­gen hätte.

In Wirk­lich­keit lag der Unwil­le des Stutt­gar­ter Ver­lags, wie Leh­nert anhand bei­spiel­haf­ter Aus­zü­ge aus der Kor­re­spon­denz erläu­ter­te, an dem dort mühe­voll kul­ti­vier­ten Bild zumin­dest des Jün­gers nach ’45 als aus­schließ­lich ästhe­tisch inter­es­sier­tem Beob­ach­ter der Zeit­läuf­te. Die­ser Ein­druck wäre durch eini­ge Stel­lung­nah­men des Alten von Wilf­lin­gen erheb­lich ins Wan­ken gera­ten – eine Unru­he, der Klett-Cot­ta sich und den Absatz an Jün­ger-Neu­auf­la­gen offen­bar nicht aus­set­zen wollte.

Haupt­sa­che aber ist, daß die Brie­fe Moh­lers nun end­lich erschie­nen sind, nach­dem ers­te Pla­nun­gen zur Ver­öf­fent­li­chung noch zu des­sen Leb­zei­ten ent­stan­den. Die Antei­le Jün­gers am Brief­wech­sel wur­den reges­ten­haft bei­gege­ben und erlau­ben so auch ohne direk­te Wie­der­ha­be, die Argu­men­ta­ti­ons­ver­läu­fe nach­zu­voll­zie­hen, wozu auch der umfang­rei­che Anmer­kungs­ap­pa­rat beiträgt.

Ver­klam­mert wird der Aus­tausch vom Jün­ger­schen Arbei­ter, der einer­seits den jugend­li­chen Moh­ler für sein Leben präg­te und ande­rer­seits bei­spiel­haft für die Zwi­schen­kriegs­schrif­ten steht, deren Glät­tung und Sor­tie­rung für die Gesamt­aus­ga­be zum vor­läu­fi­gen Zer­würf­nis der bei­den Män­ner führ­te, mit dem der Band endet.

Die vor­lie­gen­den Brie­fe ver­schaf­fen dem Leser ins­be­son­de­re eine Innen­an­sicht des Betriebs­ab­laufs beim Schrift­stel­ler Jün­ger – weit­aus inten­si­ver, als es der nur ver­suchs­wei­se Chro­nist Moh­ler mit sei­nem eige­nen Ravens­bur­ger Tage­buch ver­moch­te. Jün­ger, der Moh­ler als sei­ne Inter­es­sen­ver­tre­tung in der Schweiz und Frank­reich nutz­te, spann den »Secre­ta­ri­us« rasch in sein wei­tes Netz aus Schrift­stel­ler- und Ver­le­ger­kon­tak­ten ein. Auch in die­ser Hin­sicht fin­den sich im Brief­wech­sel zahl­lo­se pri­va­te Ein­bli­cke, etwa in den Besuch Moh­lers bei Lou­is-Fer­di­nand Céline.

Die Brie­fe, aus denen Leh­nert zahl­rei­che lau­ni­ge Stel­len vor­trug, zeich­nen sich allein schon durch die Per­son Moh­lers, sei­ne Per­sön­lich­keit, Sach­kennt­nis und den Mut zum Wider­spruch aus. Der vor­lie­gen­de Band stellt damit eine will­kom­me­ne Abwechs­lung zur Viel­zahl eher schwa­cher Brief­wech­sel Ernst Jün­gers, etwa mit Mar­gret Bove­ri oder Ste­fan And­res, dar – gera­de bei letz­te­rem stel­le sich laut Erik Leh­nert die Fra­ge, wes­halb er über­haupt publi­ziert wer­den mußte.

Leh­nert und der Ver­lag Antai­os haben mit der Erschlie­ßung der Brie­fe an Ernst Jün­ger 1947–1961 einen wert­vol­len wis­sen­schaft­li­chen Bei­trag erbracht; auch für den wei­te­ren Ver­lauf der 2016er Rei­he der Staats­po­li­ti­schen Salons ist somit noch viel Gutes zu erwarten.

+ Armin Moh­ler: Lie­ber Chef… Brie­fe an Ernst Jün­ger 1947–1961, hrsg. v. Erik Leh­nert, Schnell­ro­da 2015. 556 S., 44 € – hier bestel­len!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (8)

Sabine

11. April 2016 09:54

Mit Jüngers Briefen scheint dem Publikum ja eine Crux eigener Art aufgebürdet zu sein. Viele seiner Briefe aus der Zeit vor 1933 bzw. 1945 hat er selbst umgeschrieben. Da weiß man also nicht, warum er dies tat. Man muß hier wohl von einer Art Selbstfälschung sprechen - tut mir leid dies sagen zu müssen. Aber: er hatte wohl recht, denn er wußte genau, was nach 1945 auf die Deutschen zukommen sollte - da war Vorsicht wirklich die Mutter der Porzellankiste.
Ein erinnerungswürdiger Kurzbriefwechsel Jünger, der recht gut kommentiert wurde, ist dieser hier:
https://www.buch24.de/shopdirekt.cgi?id=3145196&p=3&sid=&static=0&nav=
Es kommt wohl darauf an, was die Nachgeborenen aus den Dingen machen: bloße antiquarische Adoration (T. Wimbauer) oder eigenständige Weitergestaltung (A. Mohler)!?

Christian

11. April 2016 15:28

Der Besuch Mohlers bei Celine ist ja auch schon in dem Band "Von rechts gesehen" erschienen. Aber vielleicht bringen Sie die uncut Version heraus.

Wegner:
Sie können davon ausgehen, daß Mohler über die Visite in Meudon an Jünger ein gutes Stück weit anders berichtet hat als in seinem Text für die breite Öffentlichkeit.

niekisch

12. April 2016 19:39

Hinsichtlich Ernst Jüngers muß ich gestehen, daß es bei mir zur Verehrung nicht reicht. In den Stahlgewittern läßt sich nämlich lesen, daß Kameraden ihn aufopferungsvoll unterstützten, er hingegen einen schwerverletzten Kameraden in einem Granattrichter zurückließ und weiterhastete.

Auch sein Betrachten junger deutscher Panzersoldaten in Paris 1944, die auf dem Weg zur Invasionsfront und damit in den ziemlich sicheren Tod waren, mit einem Glas guten Rotweins in der Hand vom Hoteldach aus befremdet etwas.

Da wollen wir garnicht mehr von seinen ständigen Textänderungen und seinem fundamentalen, zeitgeistgemäßen Gesinnungswandel vom Nationalismus zum freimaurerischen Internationalismus im Alter reden.

Andreas Walter

13. April 2016 08:02

In was für einer nach links gezerrten, verzerrten, verbogenen Welt wir doch leben erkennt man auch an folgender Tatsache:

https://www.rp-online.de/nrw/staedte/koeln/koelner-uni-bibliothek-buecher-aus-dem-giftschrank-oft-ns-literatur-aid-1.5411581

Worte, Literatur, Schriften und Gedanken, die wie Gift wirken? Jesus Maria, wie ist das denn bitte möglich? Heißt es denn nicht, ohne Rezeptor, ohne Andockmöglichkeit im Organismus keine Giftwirkung? Ist diese Literatur also womöglich radioaktiv? Sind Film, Funk und Fernsehen heute nicht trotzdem voll von Mord und Totschlag, aber auch die Literatur seit jeher durch alle Jahrhunderte hinweg seit Gutenberg von jedweder Art an Monstrositäten?

Bei solchen Aussagen fühle ich mich darum auch unmittelbar an Umberto Ecos Werk Der Name der Rose erinnert, und auch die Schriften von Marx galten doch zeitweilig sicherlich auch als verfolgte, giftige, verbotene Literatur, ähnlich auch wie Pornografie. Was macht daher diese, man sagt es seien um die 40.000 unterschiedliche Titel insgesamt, noch heute so besonders, als das nur eine erlesene, erleuchtete Elite an Forschern und Wissenschaftlern, Literaten und Schüler mit Sonderausweis sich mit ihnen beschäftigen darf?

https://www.bpjm.com/bpjmdotcom/

https://netzpolitik.org/2014/liste-indizierter-webseiten-geleakt-bundespruefstelle-bestaetigt-netz-sperren-kritik-wie-overblocking/

Was unterscheidet also all diese Bücher und andern Medien von dem ansonsten überall frei erhältlichen Schund, den mittlerweile 175 Jahre Kommunismus hervorgebracht haben? Nicht nur von Schriftstellern verfasst, sondern auch von Journalisten, Ideologen und Wissenschaftlern? In wie weit dient also die Verherrlichung des Kommunismus, des Stalinismus oder des Trotzkismus, des Marxismus, des Leninismus und auch des Maoismus dem friedlichen Zusammenleben der Menschen, wenn doch alle diese Ideologien auch Millionen Menschenleben gefordert haben, sie alle hypermilitant waren?

Was unterschiedet aber auch den VS-amerikanischen oder israelischen Militarismus vom Chinesischen, Russischen oder Saudischen, ausser, dass die beiden Ersten alle Anderen in ihrer Intensität bei weitem übertreffen?

Warum ist also nicht auch die Verherrlichung des VS-amerikanismus verboten? Jeder Western in schwarzweiss den ich in meiner Kindheit gesehen habe ist eine Verherrlichung des millionenfachen Völkermordes an den Ureinwohnern der VSA.

Warum erlauben wir daher stillschweigend anderen Menschen, einschließlich unserer Regierung und ihren Organen völkerrechtswidrig mit zweierlei Maß zu messen, unserem Volk zum Nachteil und Schaden? Dazu existiert zum Einen keinerlei Anlass, und zum Zweiten auch keinerlei international haltbare und vertretbare juristische Rechtfertigung. Oder soll ich, muss ich mir diese Freiheit als Deutscher erst noch erkämpfen? Das kann doch wohl niemand ernsthaft wollen, nach den Erfahrungen im letzten Jahrhundert. Die Kommunisten waren bestialische Massenmörder, und viele Sympathisieren trotzdem noch heute mit ihnen. Auch hier in Deutschland. Entweder auch aus Unwissenheit oder Ignoranz:

https://takimag.com/article/a_heaping_helping_of_hitlers_david_cole

Daher wird es mal Zeit, über die Verbrechen der Anderen zu reden, und das auch in den politischen Kontext zu stellen, der zumindest den deutschen aber auch allen anderen Geheimdiensten bekannt war:

https://www.youtube.com/watch?v=SIzApqzlP3Q

https://www.youtube.com/watch?v=u-25Ij0VBUU

Die Furcht vor "den Russen", also damals den Kommunisten, kann ich zumindest mittlerweile nachvollziehen. Wer mag darf sich gerne auch mal mit dem NKVD beschäftigen. Da bekommt man das Gefühl, dass man das alles schon mal gehört hat, obwohl das hier schon davor war, und zwar in der Sowjetunion:

https://www.youtube.com/watch?v=gtWkn5IhfqU

https://www.youtube.com/watch?v=ChNG3L5p3Vc

Der Gutmensch

13. April 2016 14:48

Herr Walter, das Problem scheint zu sein, dass grundsätzlich nicht aus sachlichen Gründen zensiert wird, sondern ausschließlich aus politischen. Über die Frage des Jugendschutzes kann ich angesichts so mancher Stilblüten in Bildungsplänen nicht mal mehr lachen. Wer Darkroom und Sado-Maso im Unterricht von 13jährigen nachstellen lassen möchte, braucht m. E. auch keinen Porno mehr vor minderjährigen Bibliotheksbenutzern zu verstecken.

Auch pseudowissenschaftliches Zeug, deklariert als Wissenschaft, ist jederzeit zu haben. Fehlvorstellungen zu verbreiten ist nicht verboten, denn einen einheitlichen Kanon über richtige Vorstellungen (ich rede von ganz basalen Dingen, wie der Rechtschreibung) gibt es kaum noch. Gäbe es ihn in der Schule, würde er dazu befähigen, wenigstens komplett unsinnige Standpunkte schneller zu erkennen - damit wäre vielen Dingen der Boden entzogen, ohne dass man aktiv zensieren müsste. Aber damit wäre auch einem Gutteil der eigenen Positionen als grober Unfug entlarvt. Das ist das Problem damit.

d. G.

Treverer

13. April 2016 15:44

@Der Gutmensch
"Über die Frage des Jugendschutzes kann ich angesichts so mancher Stilblüten in Bildungsplänen nicht mal mehr lachen."
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Da haben Sie natürlich recht. Noch weniger lachen, kann ich allerdings darüber, was die Kinder auf ganz "normalem" Wege über soziale Kontakte auf dem Schulhof und "soziale" Medien mitbringen. Da dürften sogar die berufsperversen grünen SexualpädagogInnen Scham empfinden.

Olaf

14. April 2016 23:17

Den Verzagenden ins Stammbuch, den Kämpferischen zur Bestätigung -- ich denke auch der Jünger hats gewußt, trotz alledem:

"Dieses Volk hat seine ungeheure Kraft selbst in der letzten Niederlage nicht verloren."

(aus einem Brief des Max Horkheimer aus Frankfurt am Main an seine Frau in Neuyork vom 26. Mai 1948, Ges. Schriften Bd. 17, S. 977)

Andreas Walter

16. April 2016 14:39

Ernst Jünger kommt auch in dieser Dokumentation vor:

https://www.youtube.com/watch?v=sRR_llGpNOk

Seine Erfahrungen (are you experienced?) hat er in einem Buch beschrieben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Annäherungen._Drogen_und_Rausch

Ein Suchender war also Jünger, und wer da sucht, der findet. Nicht unbedingt immer das, was er sich vorgestellt hat (du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen), doch Gott ist auch in der Feldblume am Wegesrand.

Oder im Wald.

https://vimeo.com/109988488

Doch nicht Jünger hat sich "von der Welt des Arbeiters" abgewendet, das ist typisches Kommunistengeschwätz, sondern er hat vielmehr erkannt, dass es der Proletarier selbst ist, der sich entfremdet hat oder entfremden hat lassen, vom Wald, von sich selbst. Der Proletarier ist der Entfremdete, der Fremde, der Wurzellose, der Heimatlose, Verschiebestückgut, und nicht der Kulake, der mit seiner Heimat und dem Boden unter seinen Füssen noch in Verbindung steht, bis auch er von seiner Scholle vertrieben, wenn nicht sogar getötet oder im GULag, im Arbeitslager, im Umerziehungslager proletarisiert wird.

https://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12612&ausgabe=200901

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