28. Oktober 2016

Der sanfte Totalitarismus

von Martin Sellner / 79 Kommentare

Jedes Flugblatt, jedes Transparent, jede Petition und jede Demo ist im Grunde Ausdruck eines politischen Machtwillens. Ob in Bürgerinitiativen, NGOs, Parteien, Vereinen oder Bewegungen – es geht immer um das eine: Macht.

Zur politischen Macht gibt es viele Wege. In der Demokratie sollen die Wahlen sowie die „Checks and balances“ eine Atrophie der Macht verhindern. In der Wahl erhält die Macht ihre Legitimation durch den Volkswillen. Sie wird von bloßer Gewalt zur Staatsgewalt, der sich die gesamte Gesellschaft freiwillig unterwirft. Dieser freie Volkswille, der sich in einem freien Informations- und Meinungsaustausch bilden soll, ist Garant der Freiheit der Demokratie. Doch wie steht es um sie, wenn diese Freiheit nicht mehr gegeben ist? Ja gibt es vielleicht sogar einen geheimen „Rahmen“ für diese freien Debatten, der diese zur Farce verkommen ließe?

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Wahlen sind kein außergewöhnliches Ereignis. In der Regel ist ihr Ergebnis mit geringen Schwankungsbreiten vorhersehbar. Sie sind quasi temporäre Tomographien der politischen Landschaft und Momentaufnahmen der öffentlichen Meinung. Diese ist jedoch alles andere als „frei“. Tatsächlich wird sie durch eine herrschende Ideologie bestimmt, die einen Rahmen für die Debatten vorgibt, der brutal beschirmt wird. Damit ist unsere Demokratie zu einer sanften Form des Totalitarismus geworden.

Der Totalitarismus ist, wie Hannah Arendt in ihren bahnbrechenden Studien aufschlüsselt, weniger eine abstrakte Kategorie für entartete Herrschaftsformen, sondern ein geschichtliches Phänomen der Moderne. Die völlige Desintegration und Atomisierung der Gesellschaft sowie das Aufkommen der Masse als politischer Faktor riefen Versuche der vollkommenen Re-Integration und Kontrolle der Gesellschaft hervor. Hier gibt es noch klare Analogien zu Aristoteles, der den Individualismus einer Demokratie als idealen Nährboden für den Kollektivismus der Tyrannis sah. „An der Grenze behauptet sich die totalitäre Gruppe nur durch die Kraft ihrer Homogenität: Das Sandkorn ist außerhalb seines Haufens nichts mehr“, so schreibt Claude Polin in seinem Werk Esprit totalitaire.

Der Unterschied zur Tyrannis, der es um die nackte Macht geht, liegt darin begründet, daß der Totalitarismus inhärent totalitär ist. Er ist mehr als ein bloßes Set an formalen Eigenschaften: Er ist Ausdruck einer bestimmten Haltung und Herangehensweise an die Welt, die Pluralismus nicht erträgt und per se keinerlei Freiheitsraum duldet. Er ist primär „geistig“ totalitär und versucht die „materielle“ Totalherrschaft in der Regel zu verkleiden und zu leugnen, während sich die Tyrannis in einer „antiken Ehrlichkeit“ (Schmitt) zur Macht bekennt. Die Tyrannei kann aufgrund der Laune eines Herrschers oder Druck von Außen „zufällig“ entstehen. Der Totalitarismus entsteht aus einer inneren Folgerichtigkeit. Arendts Analyse unterscheidet sich in der Suche nach „Ursprüngen“ von den bloß formalen Katalogen, wie sie etwa Brzezinski aufstellte.

Bereits 1935 stellte der Soziologe Hans Kohn im amerikanischen Exil einen Definitionsrahmen für die „neuzeitlichen Diktaturen“, die sich in Europa formierten, auf: ein messianisches Weltbild, die Bestimmung des politischen Lebens durch die Masse, der politische Gebrauch der modernen Technik und ein politisches Bewußtsein der Legitimität, das auf die französische Revolution zurückgeht. 1956 verfeinerten Carl Friedrich und Zbigniew Brzezinski diesen formalen Untersuchungsansatz mit den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahrzehnten. Sie zählten sechs Kriterien für totalitäre Regime auf:

1. eine offizielle Ideologie mit utopischen Elementen, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens abdeckt,
2. eine Einheitspartei,
3. einen Polizeistaat, der alles überwacht, Terror anwendet oder zulässt,
4. eine monopolistische Kontrolle der Informations- und Kommunikationsmittel,
5. ein Monopol der Kampfmittel,
6. eine zentrale Leitung der Wirtschaft.

All diese formalen Kriterien mögen wichtig sein, um die Epiphänomene des Totalitarismus zu verstehen. Sein Wesen und seine ideengeschichtliche Einzigartigkeit versteht man jedoch nur aus seinem Ursprung. Dieser ist nach Alain de Benoist nicht eine bestimmte Idee, sondern eine ganz bestimmte Haltung, weswegen der Totalitarismus auch in Form verschiedener Ideologien auftreten kann.

Die oben beschriebenen Kriterien sind für ihn kein grausamer Selbstzweck nackter Macht, wie es von griechischen und römischen Tyrannen geschildert wird. Jede totalitär auftretende Ideologie, vom NS bis zum Stalinismus, wandte diese Mittel an, um ein Ziel zu erreichen, das von ihr selbst als zutiefst moralisch, wahrhaftig und höherwertig aufgefaßt wurde. Die angewandten Methoden waren aus dieser Sicht notwendige Überwindungsversuche jener Widerstände, die die Welt dem eigenen Idealbild in den Weg legte. Die Ausrottung einer schädlichen Klasse oder einer gefährlichen Rasse war jeweils mit der Hoffnung auf eine Katharsis, eine Reinigung und einen neuen Menschen in einer neuen Welt verbunden. Diese Sehnsucht, ein Messianismus, der in der Regel zu politischer Apokalyptik wird, ist nach Benoist einer der Ursprünge des Totalitarismus.

Diese politische Religiosität ist zutiefst modernistisch. Nach Jakob L. Talmon, der die Möglichkeit einer totalitären Demokratie untersuchte, stammt sie aus dem neuzeitlichen Ideal der Ratio und der Wissenschaftlichkeit. Der Mensch selbst ist in der Lage, alles zu ergründen und zu verstehen und die „Wahrheit“, verstanden als die systematische Wissenschaft, festzustellen. In Verbindung mit der Idee der Volkssouveränität der Demokratie, welche vor allen modernen Ideologien steht, wird der Mensch somit zum alleinigen Herrn und Gestalter der eigenen Geschichte. Nichts entzieht sich seiner Verfügbarkeit und seinem totalen Verständnishorizont. Dies kann sich als sozialdarwinistischer Rassegedanke oder historisch-materialistischer Ökonomismus äußern: die politischen Folgen sind gleichermaßen totalitär. Die „Wahrheit“ verlangt eine überzeitliche und globale Geltung, die keine Nische, keinen Raum für das andere frei lassen kann. Es gibt keinen „Polytheismus der Werte“ (Weber), keine Mehrheit an geschichtlichen Pfaden, sondern einen einzigen vorgegebenen Vektor. Wer ihn nicht sieht und ihn nicht verfolgt, ist entweder „ungebildet“ oder böswillig.

Der Ursprung des Totalitarismus und seiner radikalen, rückhaltlosen und brutalen Umsetzungsformen ist eine radikale, rückhaltlose und brutale Geisteshaltung. Man kann in ihr verschiedene Strukturmomente unterscheiden, die allesamt aufeinander verweisen. Der erwähnte Messianismus und die Fortschrittsideologie bauen auf dem radikalen Universalismus auf, der notwendig nach einer gleichgeschalteten Weltordnung verlangt. Die Geschichte ist ein linearer und konvergenter Verlauf, der auf ein „Ende“ zuläuft, das man mit der Ausmerzung des Übels und revolutionären Sprüngen rascher herbeiführen kann. Dieses Übel nimmt im Totalitarismus, spiegelbildlich zum eigenen Ideal, immer einen „metaphysischen“ Charakter an. Es ist eine unsichtbare, satanische Kraft, die zwar in uns allen lauert, aber im Todfeind exemplarisch vernichtet werden muss. Er verkörpert das Nicht-Kontrollierbare, das Chaos und das Nichts, während man selbst als Auserwählter des Weltgeists in der Fülle des Seins und im Zentrum der Weltgeschichte steht.

Ebenso wie nach außen expansiv und imperialistisch, so wirkt der Totalitarismus nach innen hin vereinheitlichend und gleichschaltend. Alles muss sich der zentralen Idee unterordnen. Es ist eine atheistische Epiphanie, die vollkommene Erkenntnis über die „Bewegungsgesetze der Geschichte“ (die Klasse bei Marx) oder den „Schlüssel zur Weltgeschichte“ (die Rasse bei Hitler).

Dieser totalitär-universalistische Zugriff auf die Welt ist aber kein bloßer Zu- oder Unfall der Geschichte. Er ist die logische politische Konsequenz des neuzeitlichen Subjektivismus, der die metaphysischen Normen und Ideen „entzauberte“ und aufklärte, aber über sein eigenes Wesen viel zu wenig wußte. Die nichtrationalen Antriebe und Sehnsüchte des menschlichen Daseins wucherten gerade in der Larve der „kühlen Wirklichkeitslehren“ und der „wissenschaftlichen Sozialismen“ ins Maßlose und Bestialische. Die Sehnsucht, dem eigenen Dasein einen Sinn zu geben, Akteur in einem bedeutungsvollen Geschehen und in eine Geschichte eingebettet zu sein – kurz: eine Identität zu haben – wird in diesen totalitären Ideologien zur „Hyper-Identität“ gesteigert.

Durch den Wegfall jeglicher religiösen Vermittlung traten alle Heilsideen und Träume mitten ins Leben und wurden in „christlich“-universaler Prägung, wie im Marxismus, oder in „zionistisch“-nationaler Prägung, wie im NS, politische Wirklichkeit. Zwischen diesen ideologischen Zuckungen ist ihre gemeinsame Stoßrichtung, die Schnittmenge zwischen Hegel, Marx und Nietzsche: die Selbstermächtigung des Willens, der die Gesetze der Geschichte erkannt und das Wesen des Seins festgestellt hat, um nun aus diesem Wissen die Welt einzurichten und zu „befrieden“. Der Ursprung des Totalitarismus ist damit, nach Benoist, „die Zerstörung aller Vielfalt.“ Es ist die Überschreitung und Vernichtung jeder Grenze, die „Austilgung der Zeit“ und der Endlichkeit, welche nichts anderes bedeutet als die Abschaffung des menschlichen Daseins.

Der "liberale" Westen bildet sich immer viel darauf ein, die Ideologien des 20. Jahrhunderts überwunden und ihr System des Terrors, ihre Propaganda der „einen Wahrheit“ und ihre gesellschaftliche Gleichschaltung mit einer „offenen Gesellschaft“ und einer „angstfreien, pluralistischen Debatte“ ersetzt zu haben. Doch das ist ein Betrug. Die Ursprünge des Totalitarismus wirken ungebrochen fort. Der „Liberalismus“, unter den man das westliche Denken subsumieren kann, stammt aus derselben Matrix, der „modernen Dimension des Totalitarismus“, wie Benoist schreibt. Von Anfang an gab und gibt es einen metapolitischen Rahmen für die freie Debatte. Kommunismus und Nationalsozialismus sind Auswüchse dieser Debatte, die genau diesen Rahmen durchbrachen. Mit dem Untergang beider Ideologien hat sich dieser Rahmen nicht aufgelöst, sondern verfestigt. Als „Insasse“ nimmt man ihn selten wahr, nur in den Randgebieten der öffentlichen Meinung spürt man seine klare und scharfe Trennlinie.

Die Kernelemente des totalitären Denkens, der rückhaltlose Zugriff auf die gesamte Welt, die messianische Utopie der Überwindung des Bösen, der Errichtung einer neuen Gesellschaft und des Fortschritts in eine strahlende Zukunft ist nach wie vor das Fundament für die herrschende Hypermoral. Heute tritt dieses Denken vor allem in Form der Sozialtechnik und des Silicon-Valley-Mindset auf. Letztendlich, das ist der Fluchtpunkt der gesamten etablierten Debatten, geht es um die Etablierung einer geeinten Menschheit, die sich durch „Nebensächlichkeiten“ wie nationale oder religiöse Zugehörigkeiten nicht mehr „spalten“ lässt.

Die „Spaltung“ dieser „Menschheit“ in unterschiedliche Ethnien, Staaten, Kulturen, Religionen und politische Gemeinschaften wird als Zustand des Verfalls und als Quelle von Chaos und Konflikten gesehen. Daß „die Menschheit“ endlich „gemeinsam“ und „zum Wohle aller“ an dem „gemeinsamen Ziel“ arbeitet, ist das Credo unserer Gesellschaft, dem nur ein „Unmensch“ widersprechen könnte.

Dieses „gemeinsame Ziel“ ist die Aufhebung aller Differenzen, das Ende aller Interessenkonflikte und damit das Ende der bisherigen menschlichen Geschichte überhaupt. An diesem Ideal, als Rahmen und Mittelpunkt der „freien Debatte“, ist kein echter Zweifel erlaubt. Der allgemeine Pessimismus hinsichtlich seiner Verwirklichung bestätigten ihn nur, so wie die joviale liberale Rede von der „schönen, aber unrealistischen Vorstellung“ des Kommunismus diesen als rebellisches Jugendideal am Leben erhält. Daß heute, trotz Demokratie im gesamten Westen, weltweit alles in eine Richtung zu gehen scheint, ist kein Zufall, sondern Ausdruck des totalitären Denkens, das sich aus Universalismus, Progressismus und Egalitarismus ergibt.

Keiner würde leugnen, dass das Leben im Liberalismus angenehmer und erträglicher ist als in seinen beiden ideologischen Widersachern. Doch es besteht Grund zur Annahme, dass er nur deshalb die Formen der „Umsetzung“ sanfter gestaltet, weil er so auch und oft sogar leichter zum Ziel kommt. Die sanfte Verführung der BRD wirkte viel effektiver und nachhaltiger als der doktrinale Zwang der DDR für das erklärte gemeinsame Ziel der Entnationalisierung und „Kosmopolitisierung“ der Bevölkerung.

Die eigentliche Bewährungsprobe, in der sich unser System als echte Demokratie offenbart oder als sanfter Totalitarismus entlarvt, steht daher heute an. Sie steht nämlich dann an, wenn der Denkrahmen, die Ursprünge des Totalitären selbst, infrage gestellt werden. Dabei handelt es sich unter anderem um die Idee der egalitären Willensnation, der Globalisierung, der Grenzöffnung, der Masseneinwanderung und der multikulturellen Gesellschaft. All diese Ideen sind Ausdruck des universalistisch-totalitären Geists. Sie sind doppelt undemokratisch, wenn man unter Demokratie nicht nur die Volkssouveränität, sondern die Offenheit des Fragens und die Verweigerung endgültiger Antworten versteht.

Diese These bewahrheitete sich bereits in den letzten Jahren. Jedes Mal, wenn ein Volk es wagte, gegen diese heiligen Kühe der Globalisierung abzustimmen, etwa einen Stopp der Einwanderung oder eine Grenze der „Europäischen Integration“ zu fordern, ließen die Universalisten ihre demokratische Maske fallen. Diese Abstimmungen seien das Ergebnis von „Hetze“, von „fehlender Information“ und „mangelnder Bildung“. Der Totalitarismus rief nach der Erziehungsdiktatur. Abstimmungen wurden teilweise so oft wiederholt, bis das erwünschte Ergebnis eintrat. Bei der jüngsten Demütigung der One-World-Fortschrittsideologie, dem Brexit, wurde unverhohlen mit Vergeltungs- und Züchtigungsmaßnahmen gedroht. Ein „Exempel“ müsse statuiert werden, die Briten müssten für diese Blasphemie „leiden“.

Mit der Entstehung der neuen patriotischen Bewegungen wie PEGIDA und IB, mit dem unaufhaltsamen Aufstieg einwanderungskritischer Parteien läßt der sanfte Totalitarismus seine Maske mehr und mehr fallen. Solange alles läuft wie gewünscht und das Stimmvieh brav den Trampelpfad der Weltgeschichte entlang trottet, ist es leicht, generös und „offen“ zu sein. Aber was tun, wenn die eigene Metaerzählung infrage gestellt wird? Wenn Politiker wie Trump, Putin, Orban, Le Pen und Co. ein Gegennarrativ erzählen und die Gegen-Vision einer multipolaren Welt, eines Ethnopluralismus verkünden?

Die Ergebnisse sehen wir heute klar und unwiderlegbar. Der Totalitarismus legt, je mehr er auf Widerstände stößt, seine freundliche und gemütliche Gestalt ab. Gehen wir die sechs formalen Kriterien durch und wenden sie auf den Status quo an:

1. Eine offizielle Ideologie mit utopischen Elementen, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens abdeckt:
Die Multikulti-Ideologie hat uns im Jahr 2015 ein Lehrstück davon geliefert. Von allen Medien, Intellektuellen und Prominenten getragen, wurde „Refugees welcome“ zur quasi-religiösen Formel, die ein „neues, buntes Deutschland“ beschwören sollte. Die einzigen Farbtupfer, welche die islamische Masseneinwanderung bisher gebracht hat, waren die Blutlachen des Bataclan. Die Multikulti-Ideologie, das Verbot, eine positive Haltung zur eigenen, ethnokulturellen Identität aufzubauen und ihr Verschwinden auch nur anzusprechen oder zu bedauern, umfasst alle Lebensbereiche. Jeder Betrieb, jede Bildungsstätte, jede Familie und jede Beziehung unterliegt einer permanenten Beobachtung. Millionen Zivilinquisitoren überwachen einander ängstlich und aufmerksam, in der steten Angst, selbst zum „Rechten“ erklärt zu werden.

2. Eine Einheitspartei:
Tatsächlich gibt es eine Parteienvielfalt, doch in der entscheidenden, nämlich der Einwanderungsfrage, gibt es einen platten Dualismus. Eine moralische Blockpartei aus Altparteien rückt immer enger zusammen und fühlt sich als „moralisch überlegen“, während den einzig echten Alternativen (AfD, FPÖ, Front National) bisweilen die demokratische Legitimation abgesprochen wird. Sollte das nicht ausreichen, bleibt immer noch

3. Ein Polizeistaat, der alles überwacht, Terror anwendet oder zuläßt:
Je massiver und unübersehbarer der Unmut des Volks in die Kommentarspalten und auf die Straße dringt, desto lauter werden die Rufe nach Repression. Längst gibt es scharfe Meinungsparagraphen, deren Strafmaße Jahr für Jahr brutaler und deren Tatbestände immer uferloser werden. Das „eiserne Band des Terrors“ (Arendt), das die Bürger in Angst hält, macht den Raum des freien Handelns extrem klein und seine Konsequenzen extrem hoch. Verlust des beruflichen und sozialen Umfelds sind das Mindeste. Die vom Staat geduldete und ausgehaltene Antifa übernimmt die Rolle der modernen Braunhemden, der Rotfront und der Sanscoulottes und macht das Recht auf Demonstrationsfreiheit und freie Meinungsäußerung zur Farce. Tatsächlich ist ein aktiver und fortwährender Bruch der Diskursregeln in der BRD lebensgefährlich.

4. Eine monopolistische Kontrolle der Informations- und Kommunikationsmittel:
Hier braucht es die geringste Beweisführung. In der Metapolitik gibt es eine fest geschlossene Multikulti-Einheitsfront, die alles ausschließt und verfemt, das nur den Hauch einer Kritik wagt. Die Farce um meinen TV-Auftritt letzte Woche beweist das, ebenso wie das erste Schwächeln dieses Totalitarismus.

5. Ein Monopol der Kampfmittel:
Auch hier zeichnen sich interessante Entwicklungen ab. Die konsequente „Entwaffnung“ der eigenen Bevölkerung, die Umschulung ganzer Heeresverbände auf CRC (Crowd and riot control) ist wahrscheinlich kein Zufall.

6. Eine zentrale Leitung der Wirtschaft:
Die wirtschaftliche Freiheit ist einer der Erfolgsgaranten eines „liberalen Totalitarismus“, der auch sein ewiger Konkurrent 1989 endgültig erlag. Doch um den ideologischen Kern, die Abschaffung der Grenzen, Völker und Kulturen, durchzusetzen, greift der Staat regelmäßig und ungeniert durch. Längst haben wir ein ausuferndes Steuersystem, das globale Konzerne schont, den Mittelstand ausbeutet und Millionen an Wirtschaftsmigranten anlockt. Auch die Eigentumsfreiheit wurde in Einzelfällen empfindlich berührt.

Für alle sechs Elemente totalitärer Herrschaft finden sich heute Anzeichen, die, je mehr die Wirklichkeit und unsere Kritik sie infrage stellt, immer stärker hervortreten. Die Hypermoral erweist sich als eigentliches Wesen des Totalitarismus. Er will, wie Orwell in 1984 schreibt, nicht nur die nackte Herrschaft, sondern die Herrschaft über die Seelen, eine metaphysischen Durchdringung unseres Denkens und ein Wegerziehen jeden Widerstandes. Seine wirksamste Waffe ist heute der „Antifaschismus“. Der besiegte politische Konkurrent, dem posthum die gesamte Verantwortung für das mörderische 20. Jahrhundert umgehängt wird, darf gar nicht sterben. Seine Leiche wird, wie die Hektors, täglich um die Stadt geschleift, um den Bürgern zu zeigen, was passiert, wenn sie die Mauern der Political correctness verlassen. Der Drohung folgt immer häufiger die Repression.

Die Zeiten des sanften Meinungsterrors, des „Emotional designs“ und des „Nudgings“ scheinen hinter uns zu liegen. Je klarer und prononcierter eine Gegenbewegung zu Multikulti, Globalisierung, One-World und Einwanderung wird, desto klarer machen es unsere Gegner: Wir hatten eigentlich nie „die Wahl“. Die Demokratie war für sie nichts als ein Mittel zum Zweck, solange alles nach Plan lief. Jetzt, da die fetten Jahre vorbei sind und der Große Austausch in seine unschöne Phase tritt, bereitet sich alles auf eine elitäre Erziehungsdiktatur vor. Während Maaß und Co. ihre Überwachungsnetze hochziehen, während wegen „Haßkommentaren“ Wohnungen gestürmt werden, während Linksextreme sich von Überfall zu Überfall in eine politische Pogromstimmung hineinsteigern und die Presse offen die Sprache der Vernichtung und des Ekels über uns ausgießt, bleibt uns allerdings eine Hoffnung:
Der Totalitarismus ist um so schwächer, je deutlicher er zutage tritt. Der innere Widerspruch zwischen proklamierter Demokratie und faktischem Meinungsterror ist ein Sprengsatz, der sich im „Herz der Bestie“ befindet. Und seine Lunte brennt.

Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren den Aufbruch zu einer wirklich offenen und freien Debatte erleben werden. Denn es ist einfacher, jemanden aufzuwecken, als ihn im Schlaf zu halten. Für letzteres muss man alles Störende, Irritierende ausschalten, für ersteres reicht ein lautes, klares und wahres Wort.

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Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Kommentare (79)

Der_Jürgen
28. Oktober 2016 19:50
Abgesehen von zwei oder drei kleineren Details, auf die hier nicht eingegangen seien, scheint mir diese Analyse blitzsauber. Ein wichtiger Punkt sei hier hinzugefügt; ich beziehe mich nicht auf den Liberalismus oder die parlamentarische Demokratie im allgemeinen, sondern spezifisch auf die Lage in der BRD.

Selbstverständlich war das Spektrum dessen, was gesagt werden durfte, in der Bundesrepublik in den ersten Nachkriegsjahrzehnten breiter als heute. Selbstverständlich gab es grössere Unterschiede zwischen den "staatstragenden" Parteien als heutzutage, wo jede Systempartei problemlos mit jeder anderen koalieren kann (die einzige Variante, die noch in keinem Bundesland ausprobiert wurde, ist eine Koalition mit Beteiligung von CDU und Linkspartei, aber wenn die AFD im Herbst 2017 bei den Bundestagswahlen durch ein Wunder 40% der Stimmen erhält, werden sich alle anderen Parteien gegen sie zusammentun, einschliesslich der Union und der Linkspartei).

Dennoch bewegte sich der Pluralismus im westdeutschen Staat von Beginn an in recht engem Rahmen. Die von Generalmajor Ottto Ernst Rehmer geleitete Sozialistische Reichspartei, die für eine Neutralisierung Deutschlands und eine Verständigung mit der UdSSR focht und Landtagswahlen immehin bis zu 11% der Stimmen einheimste, wurde 1952 verboten. Dasselbe Geschick ereilte vier Jahre später die KPD. So entledigten sich die Demokraten ihrer Konkurrenten. "Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit", lautete die zynische Rechtfertigung.

Hans Dietrich Sander zog hieraus, ich zitiere aus dem Gedächtnis, folgenden scharfsinnigen Schluss:

"Im Kommunismus ist nur die kommunistische Ideologie erlaubt, im Faschismus nur die faschistische, in der Demokratie nur die demokratische. Der Vergleich hinkt nicht." Schon Ende der neunziger Jahre bezeichnete Sander in den "Staatsbriefen" die BRD offen als "dritte deutsche Diktatur in diesem Jahrhundert".

Heute, wo sich die CDU praktisch nur noch in ihrer Phraseologie von der aggressivsten antideutschen Partei, den Grünen, unterscheidet, ist dies wahrer denn je zuvor.

Ein ziemlich bekannter Staatsmann, sein Name ist mir im Moment entfallen, schrieb in einem Buch, dessen Titel mir ebenfalls momentan nicht erinnerlich ist, der Strippenzieher hinter den Kulissen streife, wenn die Zeit reif sei, "die wenigen demokratischen Hüllen, die er noch trägt, ab". Man könnte fast glauben, der Mann habe unsere Zeit vorausgesehen.
Andreas
28. Oktober 2016 19:54
Also die Schlusspointe kann man ja hoffen, aber ich sehe kaum realen Bezug.

Unsere Kinder werden schon in Kindergarten und Schule indoktriniert, sollte ich sie erfolgreich dagegen immun machen, werden sie wahrscheinlich zum chancenlosen Paria.

Wenn nicht geht es mir vielleicht wie dem Typen bei Orwell, der im Schlaf spricht und von seinen Kindern angezeigt wird.
Trouver
28. Oktober 2016 20:36
Wunderbare Fassung!

Rem acu tetigisti, lieber Martin, und wie!
Winston Smith 78699
28. Oktober 2016 20:40
Gut, wenn hin und wieder auf aktuellem Stand so ein Lagebild gegeben wird. Hier würde sich mancher Leser vielleicht über mehr Literaturverweise freuen, z. B. zu Aristoteles und Arendt. Ergänzend nenne ich nur mal das Buch, in dem Roland Huntford schon sehr früh den Totalitarismus in Schwedens Sozialdemokratie angelegt sah und eine Einführung zu einem aktuellen Podcast über Massen - zwar mit reichlich Schelte auf PEGIDA und AfD, aber mit vielen interessanten Bezügen für Leser, denen Sellners Essay gefällt. Mir persönlich würde noch eine Einordnung des Begriffs der Despotie im Verhältnis zur Tyrannis gefallen, denn so eine terminologische Landkarte der Unterwelt kann beim rationalen Erfassen (vielleicht im Geiste von Klemperer) und falls nötig damit Ertragen und Durchhalten helfen, denn man weiß zu jedem Zeitpunkt: wo wir gerade stehen, da waren schon viele vor uns - keine blinde Panik also.
Harald de Azania
28. Oktober 2016 22:01
Brilliant, glasklar, Gratulation!

Koennen 'wir' gewinnen? Scon, denn der Mut ist auf unserer seite, das dzt establsihme tist derart feige und verkommen, dasz man sich ja nur noch wundert.

Die Frage ist wie viele Deutsche und Oesterreicher - die dzt wirklich die besseren deutschen zu sein scheinen - schon nur mehr fellachen sind ....

Klar ist, dasz ganze Laender und Kontinente im 'jackpot' liegen .

Also "Kolberg".

Wird schon!

heia safari

HdeA siehe auch Harald sitta www.rationalstandard.com und "Harald Franz Heinrich Sitta" auf f b.
Stil-Blüte
28. Oktober 2016 22:13
Herr Sellner, gedankliche Präzision ohne Gleichen.

Doch eine Frage: Könnte der sog. Brexit auch anders gesehen werden? Sozusagen jenseits von Hegel, Marx, Nietzsche als dritter Weg (typisch britisch understatement u n d upperclass, mit dem Herz der Queen und dem Hirn der City of London )?

Stichwort: Old Britania größte Kolonialmacht, die jemals in der Welt als British Empire existiert hat und die den Untergang ohne Niederlage in ein weltweites Gebilde namens Commonwealth umzuwandeln bzw. zu halten/zu retten verstand mit einem einzigen Signum der Macht, mehr als nur symbolisch, einem Herrschaftszeichen an sich - der Treue zur Krone, was zugleich Treue zur Oberhoheit von Kirche und Heer beinhaltet. 53 Staaten gehören dazu. Hat das Zukunft? Oder wird das auch von dem Muster one-world aufgesaugt. Immerhin gehört zu England die Weltsprache Englisch.

Ist es ein Zufall, daß der kanadische Präsident vor dem Urenkel der Queen Georg hinkniete und damit kundtat, daß er die englische Dynastie höher bewertet und anerkennt als die eigene temporäre Demokratie?
Pilgrim
28. Oktober 2016 22:57
Schön, zum Aufwachen ist es in den letzten 12-15 Monaten genug Gelegenheiten gegeben, und wieviele sind inzwischen wach geworden? In Deutschland schätzungsweise 15-20% und kaum mehr, dh. noch weniger als in dessen Nachbarländern, obwohl gerade in Deutschland die Wecker am lautesten geklingelt haben. Also scheint es mir, daß die lobenswerten Kräfte der Vernuft und des Widerstandes in diesem Land sollten mal endlich damit aufhören, DAS VOLK anzusprechen (das, also die Minderheit, die selbst denkt und der die Zukunft der eigenen Zivilisation am herzen liegt, hat man schon längst angesprochen) und stattdessen versuchen, DIE BEVÖLKERUNG zu erreichen. Die Übrzeugten kann man, scheint es, nicht mehr noch überzeugen als sie jetzt schon sind. Was tut man dann mit der blöden Masse? Sagt gelegentlich Heidegger was dazu oder ist man in dieser Angelegenheit von großen Denkern der Vergagngenheit alleingelassen worden? Ich glaube, die Letztere gilt. Darüber sollte man nun intensiv denken, nicht über die immer aufschlußreichere Lageaufnahme für den Kern der treunen Anhänger!
Meier Pirmin
28. Oktober 2016 23:37
Habe mit diesem Aufsatz von Martin Sellner Mühe. Es ist nun mal nicht leicht, Philosophieren mit politischem Aktivismus zu verbinden. Es geht in der Regel auf Kosten der Philosophie, die zum vordergründigen Kampfmittel verkommt, was sie nun mal von Natur aus nicht ist. Das sah Heidegger nach 1934 allmählich ein. Kommt dazu, dass der aktivistische Student in der Art der nun mal auf keine Art weisen 68er aus den philosophischen Modellen schnell mal Feindbilder für den Tagesgebrauch fabriziert. Der oben vorliegende Text scheint noch unausgereift und in den Grundlagen nicht erarbeitet. Ich erlaube mir diesen Vorbehalt, weil wir Anti-68er von damals uns auch schon mit dem sanften Totalitarismus auseinandergesetzt haben, freilich auf analytisch stärkerer Grundlage als die angeblich epochale Hannah Arendt, die in den späten fünfziger Jahren im Schweizer Institut für Auslandforschung Vorträge hielt, die wir in den Publikationen des Rensch-Verlages lasen. Aber sie war nun mal bei der damaligen Konkurrenz trotz ihres Charismas denkerisch nicht erste Klasse, wiewohl sicher eine andere Liga als die vor Wochenfrist in Frankfurt ausgezeichnete Unlogikerin Carolin Emcke.


Unser "Schnellroda" von 1969 hiess Tschiertschen in Graubünden, wo wir bei Gastgeber Albert Hunold mit Louis Rougier zu Abend assen, dem Lehrer von Alain de Benoist, damals meines Erachtens noch eine Klasse stärker als Benoist und auch Mohler. Rougier war früh in der Lage, den totalitären Charakter des Monopols auf Vergangenheitsinterpretation zu sehen, ein Punkt, auf den Sellner in seinem Aufsatz zurecht hinweist. Es scheint aber klar, dass unsere damaligen Gesprächspartner Alexander Rüstow, Thomas Molnar, Erik von Kuehnelt-Leddihn, Ernst Kux und noch diverse Mitglieder der Mount-Pelerin-Society auf eine Art in das Wesen des Totalitarismus einzudringen vermochten, welche die modernen Sozialreligionen bis hin zum Gift des Wohlfahrs- und Versorgungsstaates zum Beispiel unter dem Charakter der politischen Theologie (Carl Schmitt) in die Tiefe zu durchdringen pflegten. Was meines Erachtens ungenügende Analysen bei Sellner betrifft: Er scheint sich kaum ausreichend mit differenzierter Kritik der Volkssouveränität, Subsidiarität und der Theorie der Freiheit befasst zu haben. Natürlich waren wir uns schon 1969 bewusst , dass der Nationalsozialsozialismus eine Art fürchterliche Parodie des Zionismus war, was nichts daran ändert, dass letzterer separat analysiert werden muss und trotz entsprechender Versuchungen mit dem Totalitarismus nicht pauschal identlsch ist. Sonst würde es sich um Demagogie handeln. Dass der "Totalitarismus inhärent totalitär ist" führt bei dieser Studie zu einer charakteristischen Tautologie, zu schweigen davon, dass es schon immer der Vorwurf des Liberalismus an die Adresse des Konservativismus war, die Konservativen hätten ein Aufklärungsdefizit, seien nicht genügend informiert und seien nun mal "die Partei der Dummen", wie es John Stuart Mill ausgedrückt hat. Diese Alltagsdemagogie grenzt an Totalitarismus, wenn man sie theoretisch ernst nimmt, bleibt praktisch aber übliches Gewäsch, wie es allezeit von herrschenden Ideologen ausposaunt wird.


Es bleibt am Ende verdienstvoll, sich mit dem Totalitarismus auseinanderzusetzen, wobei es aber schon fast ans Lächerliche grenzt, im Nationalsozialismus oder im sogenannten Rassismus ein konsistente Theorie zu sehen. Was dort Theorie ist, ist meistenteils fast nur Vorwand, H. zum Beispiel war wie die Mehrheit der Politiker unfähig theoretisch zu denken und auch Rosenberg war eine äusserst bescheidene Nummer, die man nicht durch Aufhängen hätte aufwerten müssen. Es geht beim NS wohl primär um praktischen und technischen Totalitarismus, was allerdings in den Auswirkungen keine Kleinigkeit war. Im Zusammenhang mit dem sanften Totalitarismus würde es sich lohnen, den Tugendjakobinismus der Französischen Revolution zu analysieren. Im Vergleich zu Hannah Arendt, die allenthalben zitiert wird, weil es sich gut macht, sie zu zitieren, wären wohl bei der Theorie des Totalitarismus zuallererst Eric Voegelin, ohne den der gnostische Charakter der Sozialreligionen kaum durchschaut wird, auch F.A. von Hayek ("Der Weg zur Knechtschaft"), Helmut Schoeck, Wilhelm Röpke und der schon genannte Rüstow, Wirtschaftsberater des am 30. Juni 1934 ermordeten ehemaligen Reichskanzler Schleicher weiterführend. Hayek verstand unter Neoliberalismus noch etwas wesentlich Anderes als was heute unter diesem Namen verkürzt wird. Bei Orwell schliesslich ist "Mein Katalonie" fast so wichtig wie "Die Farm der Tiere" und "1984". Was die Rückführung der Gutmenschenideologie und des Wohlfahrtsmultkultisozialismus auf das sogenannte Christentum betrifft, so scheinen mir bei Sellner die theologischen und kirchengeschichtlichen Voraussetzungen nicht erarbeitet zu sein. Es würde nicht schaden, mal die Werke des Theologen Martin Rhonheimer zu erarbeiten, ehemaliger Assistent von Hermann Lübbe und unbeschadet seiner Mitgliedschaft beim Opus Dei, dessen intellektuell stärkster Vertreter er ist, wohl rein denkerisch und von der formalen Intelligenz her einer der bedeutendsten Theologen und christlichen Philosophen der Gegenwart. Man sollte also Frau Kässmann oder sagen wir mal Frau Emcke nicht mit dem verwechseln, was Georg Friedrich Wilhelm Hegel den "Geist des Christentums und sein Schicksal" genannt hat. Unter den kommunistischen Denkern würde ich mich noch stärker mit Ernst Bloch auseinandersetzen. Warum? Weil er bei allen fatalen Irrtümern die theologische Dimension des Politischen erfasst hat. Dass allerdings Bloch und andere Linken "universalistisch" dachten, rechtfertigt Sellners Pauschalurteil über den sog. Universalismus noch lange nicht. Damit würde ich nicht politisieren oder wenn schon erst nach 20 Jahren zusätzlichen Studiums.
S. Fischer
29. Oktober 2016 00:11
"Millionen Zivilinquisitoren überwachen einander ängstlich und aufmerksam, in der steten Angst, selbst zum „Rechten“ erklärt zu werden."

Hier beisst sich die Katze derzeit in den Schwanz. Jeder von den Inquisitoren identifizierte "Rechte" ist ein Rechtgläubiger weniger. Wenn die Inquisitoren nach dem Motto "bestrafe Einen erziehe Millionen" vorgehen wäre das kein Problem. Es wurden aber in den letzten Monaten Millionen neue Rechte identifiziert. Zeichnet man diesen Trend linear fort bleibt binnen jeniger Jahre nur noch ein einziger Inquisitor übrig, er ist dann der letzte seiner Art und von "Rechten" umgeben.

Wir sollten sie nicht bremsen, lasst sie weiterhin Millionen "Rechte" identifizieren. Das Monster frisst sich so selbst, ich wünsche ihm einen guten Appetit. Es wäre an der Zeit sie bei ihrer Suche zu unterstützen, wir müssten uns nur zu den verschiedenen Gruppen bekennen, tun wir das sind sie für den Gegner vergiftet. Feministinnen, Umweltschützer, Kapitalismuskritiker, wir sollten sie alle lieb haben. Den Rest erledigen dann andere für uns. Anstatt uns über die pawlowschen Reflexe der Linken lustig zu machen sollten wir sie nutzen.
der übel Denkende
29. Oktober 2016 00:32
Geschätzter Herr Sellner,

Sie verzeihen mir wohl einige Fußnoten:
Ist jeder Totalitarismus nicht auch, nicht gerade er, selbst als Religion zu betrachten oder betrachtbar?!

Marx mache auf den großen Geschichtspropheten - aber genau deswegen war er dümmer als Hegel, der eben dies nicht tat und sich über die Zukunft ins Dunkel hüllte. Bei Nietzsche sowieso eher - ziemlich uneindeutige - Hoffnungen als erwartete Sicherheiten.

Ein wichtiger Aspekt modernen totalitären Denkens, den man noch deutlicher herausstellen sollte, ist das Mittel der indirekten Herrschaft. Man setzt keinen Gouverneur von außen mehr ein, der mit Kolonialtruppen steuert, sondern man plaziert interne, aber völlig willige, Steuerleute und treibt die Massen nicht ins Loch, sondern verändert den Boden so, daß sie möglichst von selbst ins Loch kullern.

Und bitte: Dieses Vokabular von "Narrativ" - das kommt selber direkt aus der Giftküche der 'Postmoderne'.

Letzte Fußnote: "postum" - von lateinisch "postumus", nicht von "post hhhhhumus",
wie auch der arme Hektor - DIE klassische, aber leider tragische, Verkörpferung des Identitären - zwar ein geschliffenes Schwert hatte, aber gleichwohl geschleift wurde ...
herr k.
29. Oktober 2016 00:35
Hut ab für diesen Artikel, ich denke hier wurde ganz klar herausgeschält, dass die Freundlichkeitsfassade der Zwangsdemokratie im schroffen Ggensatz ihres hypermoralischen Kerns gegenübersteht:

"Der Totalitarismus ist um so schwächer, je deutlicher er zutage tritt."

Das ist völlig korrekt, nur reagieren Menschen gerne wie in der DDR mit einer Art "korrektem Verhalten bei gleichzeitiger innerer Ablehnung". Folge ist das "Honecker-Syndrom" - halt die Klappe und ab in die Etappe.
Nun ist aber der Totalitarismus der BRD tiefgehender, er gleicht dem orwellschen Neusprech, welche seine Befriedigung nicht in der reinen Machterhaltung findet, sondern auch den letzten Winkel der Seele ideologisch ausfüllen will.
Aber: der Mensch ist ein sensitives Wesen, er spürt seismographisch (sofern nicht abgestumft - hoppla, was macht RTL II eigentlich so wichtig?), dass etwas im Argen liegt. Hieraus kann er sich meiner Meinung am besten befreien, wenn andere ein Gegenmodell bereits aktiv vorleben. So werden neue Pfade sicht- und gangbar. Entscheidend für den ersten Schritt ist die Motivation und die Möglichkeit eines "Besseren". Von der inneren Ablehnung zum Stattdessen. Das ist der Weg, er bedingt jedoch ein möglichst klares Stattdessen.
Caroline Sommerfeld
29. Oktober 2016 00:39
Wow! Der Text ließ sich so philosophisch-distanziert an, und kulminiert dann in einem Weckruf. Endlich mal einer, der kein "Interruptus" ist (so habe ich einmal Artikel genannt, die richtig und gezielt beobachten, und kurz vor dem Ende, das man als Leser schon kommen sieht, zurückziehen, und das Ende bleibt aus Feigheit aus).

Und doch bleibt es so unendlich zach, den Leuten zu erklären, was das Totalitäre an dieser Gesellschaft ist, ohne sogleich des Mangels an "Realismus", des Mangels an "Erfahrungen" oder des Mangels an "Skeptizismus" bezichtigt zu werden. Denn, so die Meinung der Insassen, "realistisch" ist doch, die Verhältnisse als Einzelfälle, Individuen, Ephemeres zu sehen statt einem großen Bild zu folgen, "Erfahrungen" zu machen heißt für sie, aufkeimende Kritik an den Realitäten zu schleifen, und "skeptisch" sei, wer sich des Urteils enthielte, sich keiner Seite zuschlüge, abwarte.
Sebastian-Maximilian
29. Oktober 2016 06:56
Anzumerken ist noch das die sog. Menschenrechte genauso wie die angeblichen Völkerrechte sowieso nie für uns Deutsche bestanden, sie aber oft als propagandistische Waffen gegen uns benutzt wurden.

Demokratie, Menschenrechte, Gleichheit usw.

Alles nur leere Worthuelsen.
Heino Bosselmann
29. Oktober 2016 08:14
Totalitarismus vs. Demokratie? – Ist „Demokratie“ tatsächlich von einem identifizierbaren Agens gestaltet und verantwortet? Gibt es ihn tatsächlich mehrheitlich, den mündigen Bürger, von dem die Aufklärung ausgeht, also den gebildeten, vernünftigen, verantwortungsvollen und kraft Urteilsvermögen positionierten Citoyen? Oder wurde er längst vom Bürger zum Verbraucher, so wie die Menschen- und Bürgerrechte mittlerweile in den Fußnotenteil des Verbraucherrechts absteigen? Kurzum: Handelt es sich bei den westlichen „Demokratien“ nicht einfach um den politischen Ausdruck des hedonistischen und geschäftlichen Prinzips Utilitarismus, das seit früher Neuzeit das ethische Gerüst für den normalen und wohl alternativlosen Kapitalismus abgibt? Darin nämlich ist sie, die sog. „Demokratie“, totalitär. Solange der Super-Markt im Sinne einer Versorgung, ja Überversorgung aller gesichert ist, funktioniert auch die „Demokratie“. Mit Haltung oder Ideen hat sie viel weniger zu tun. Interessant ferner: Der linken „Bionade-Bourgeoisie“, die mittlerweile den Kern einer weitgehend sozialdemokratisch empfindenden Mitte bildet, scheinen die Lebenslügen ihrer Lieblingsgesellschaft – Verbrauch um jeden Preis, Planetenverschleiß, nicht zuletzt eigener Karriereegoismus – halbbewußt selbst aufzugehen, und sie reagiert darauf klassisch freudianisch mit einer Neurotisierung des Überbaus, also mit der aufdringlichen Gerechtigkeitsrhetorik, den Inklusionsbemühungen in der Bildung, dem Gerede von Transparenz, Toleranz, Nachteilsausgleichen und Gleichstellungen von all und jedem, insgesamt also mit diesem so unangenehmen didaktischen Moralismus, der den „neuen Menschen“ wieder mal über Erziehung schaffen will, den „Gutmenschen“ also, der trotz der Diktatur von Konsumismus und Ökonomismus eben „demokratisch“ ist und die in Morgenkreisen der Grundschulen erlernten Sprachgewohnheiten noch im Parlament artig praktiziert. Woher denn die heftige Abwehrreflexe gegenüber „den Rechten“, „den Populisten“, den „ewig Gestrigen“, wenn nicht aus dem wunden Bewußtsein heraus, daß die eigenen Ideale – wie stets! – über den Trümmern einer eiskalten Fortschrittsgesellschaft errichtet sind, die sich den faulen Luxus über eine brachial ausbeuterische Globalisierung und die Vernichtung natürlicher Grundlagen erkauft.
Direkte Aktion
29. Oktober 2016 08:30
Sehr guter Artikel; Martin du solltest überlegen deine hiesigen Artikel mal als Broschüre zu veröffentlichen, es würde sich lohnen.

Die Menschen in Westeuropa, speziell in den deutschsprachigen Ländern sind gar nicht in der Lage eine freie Wahlentscheidung zu treffen, da rund 96-98% von ihnen in einer Filterblase leben.

Sie lesen nur Systemblättchen, sie hören nur Systemrundfunk, sie schauen nur Systemfernsehen. Ganz egal welchen Kanal sie auch wählen. Manipulation, linke Hetze, Kulturmarxismus, Gender-Wahn und Bunte-Republik-Propaganda die nicht nur die offiziellen Nachrichten bestimmt, sondern auch die seichte Unterhaltung völlig durchdrungen hat.

Das ganze wird gerade massiv gesteigert. Man erkennt es u.a. an den neuen Serien, nicht nur den deutschen, sondern auch denen aus Hollywood. Kaum eine Serie ohne die zersetzendsten Beziehungsmuster:
Da toben sich gemischtrassige homosexuelle Heldenfiguren bei abartigsten sexuellen Spielarten aus, und das nicht als Randerscheinung sondern schon bald als Normalität. So soll die Konditionierung selbst der unpolitischen Jugendlichen für die Welteinheitsrasse erfolgen. Leider funktioniert dies hervorragend, solange der Zuschauer des "Elektro-Maas" (TV-Gerät) dies nicht explizit so wahrnimmt.
Also ist unsere Aufgabe dieses Erkennen über die Sozialen Netzwerke dem Normalbürger einzutrichtern.

Das was der linksliberae Mainstream uns unterstellen will, praktiziert er selbst seit Jahrzehnten; nämlich die Menschen geschickt zu manipulieren, sie nur mit ausgewählten Nachrichten und Meinungen zu versorgen und sie so in einer Parallelwelt voll guter Migranten und böser Nazis zu halten, eine echte linke Filterblase, in der die Realität nicht mal ansatzweise vorkommt.
Solche indoktrinierten Menschen können jedoch keine Wahlentscheidung treffen, da ihnen alle echten Argumente vorenthalten werden.
Kein Wunder das dann Wahlergebnisse erzielt werden, wo immer noch bis zu 80% die etablierten Parteien wählen; das sind dann Leute die sich nur über die im Handel erhältlichen Zeitungen, Zeitschriften und über Radio und "Elektro-Maas" informieren.

Und wenn trotzdem Bürger aufwachen und auf Facebook rebellieren (BRD-Neusprech: Haasmails verbreiten) dann kommt die Stasi 2.0:

Die „Amadeu-Antonio-Stiftung“ (AAS) ist wohl die am meisten gehaßte Organisation der Bundesrepublik: Angeführt von der ehemaligen Stasi-Zuträgerin Anetta Kahane kümmert sich die staatsfinanzierte Stiftung im Auftrag der Bundesregierung u.a. um die politisch korrekte Zensur von Sozialen Netzwerken. Des weiteren fungiert die Organisation als eine Art „Propagandaministerium“: Die Stiftung organisiert Hetzkampagnen gegen staatkritisches Denken und propagiert offen die Vernichtung des deutschen Volkes durch Masseneinwanderung.

In ihrem fanatischen Haß gegen alles Deutsche greift die AAS auch auf unverschämte Lügen zurück, wenn es ihr gerade in den Kram paßt. So gibt es auf der Netzseite der Stiftung z.B. eine „Karte flüchtlingsfeindlicher Vorfälle“ mit hunderten vermeintlichen Übergriffen. Der allergrößte Teil dieser Vorfälle dürfte allerdings von den Stiftungsmitgliedern herbeigelogen und zusammenphantasiert sein.

Auf der Karte werden z.B. fünf „flüchtlingsfeindliche Übergriffe“ seit Anfang 2015 in Bielefeld angegeben. Doch bei näherer Betrachtung kommt man zu dem Ergebnis, daß keiner der genannten Vorfälle mit den Angaben der antideutschen Stiftung übereinstimmt. Das war selbst der SPD-Zeitung „Neue Westfälische“, die es freilich selbst mit der Wahrheit öfter nicht so genau nimmt, zu viel der Lügerei.

Laut Amadeu-Antonio-Stiftung soll es im fraglichen Zeitraum einen tätlichen Übergriff, eine Brandstiftung und drei „sonstige Angriffe auf Unterkünfte“ in Bielefeld gegeben haben. Schauen wir uns also mal an, was sich die staatsfinanzierte Organisation so zusammengereimt hat:

• Die Hintergründe des genannten „tätlichen Übergriffs“ auf zwei Asylanten sind erstens völlig unklar und zweitens spielte sich das Geschehen nicht in Bielefeld, sondern in Paderborn ab.

• Der angebliche „Brandanschlag“ war in Wirklichkeit ein im Waschkeller einer Unterkunft ausgebrochenes Feuer. Nach Polizeiangaben gibt es keinerlei Hinweise darauf, daß Außenstehende das Feuer gelegt haben könnten.

• Einer der „sonstigen Angriffe“ war in Wirklichkeit ein nicht näher definiertes „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ ohne irgendwelchen Bezug zur Asyl-Thematik.

• Ein weiterer vermeintlicher „sonstiger Angriff“ wird zur Aufhübschung der Statistik auf der Karte gleich zweimal erwähnt: Ein paar Betrunkene warfen in der Nähe von zwei Asylantenheimen Blumenkübel um und zündeten Böller. Selbst die Polizei spricht lediglich von einem „Frustabbau aufgrund privater Probleme“, was darauf hindeutet, daß die Betrunkenen während ihrer Randale-Tour nur zufällig an den beiden Asylantenheimen vorbeigekommen sind.

Zensieren, lügen, hetzen: Das sind die Aufgaben der Amadeu-Antonio-Stiftung, die faktisch die Nachfolge der DDR-Staatssicherheit angetreten hat. Doch immer mehr aufgeklärte, kritische Deutsche wissen, daß die Verlautbarungen dieser Lügenzentrale nicht das Papier wert sind, auf dem sie stehen.

Was ist die Amadeu-Antonio-Stiftung?

Die Amadeu-Antonio-Stiftung (kurz AAS) ist eine Stiftung bürgerlichen Rechts. Als Ziel gibt sie an, die Zivilgesellschaft stärken zu wollen, die einer angeblich rechtsextremen Alltagskultur entgegentritt. Ihr Motto ist „Ermutigen, Beraten, Fördern“. Die AAS arbeitet für den Bundesverfassungsschutz.

1998 gründete die Jüdin und ehemalige Inoffizielle Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, Anetta Kahane, die Amadeu-Antonio-Stiftung, deren Kuratoriumsvorsitzende sie war. Seit 2003 ist sie hauptamtliche Vorsitzende der Stiftung. Für ihr eigenbekundetes Engagement gegen „Ausländerfeindlichkeit“ und „Rechtsextremismus“ erhielt sie 2002 den Moses-Mendelssohn-Preis.

Das Institut für Staatspolitik veröffentlichte im Jahr 2003 in seiner wissenschaftlichen Reihe eine Studie über die Stiftung (Erosion der Mitte. Die Verflechtung von demokratischer und radikaler Linker im „Kampf gegen Rechts“ am Beispiel der Amadeu-Antonio-Stiftung), die von Anetta Kahane geleitet wird. In der Vergangenheit wurden immer wieder linksradikale Initiativen und Organisationen von der Stiftung gefördert. Derzeit fördert das Bundesfamilienministerium zwei mehrjährige Initiativen der Stiftung.

Die Stiftung wurde nach dem angolanischen Wirtschaftsflüchtling Amadeu Antonio Kiowa benannt. Kiowa war eines der ersten Medienopfer sogenannter „rassistischer Gewalt“ nach der deutschen Wiedervereinigung. Mutmaßliche Unfallverursacher wurden zu Bewährungs- und maximal vierjährigen Haftstrafen wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Eine Anklage gegen Polizisten wegen „Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen“ wurde 1994 vom Landgericht Frankfurt/Oder unanfechtbar zurückgewiesen.

Die Stiftung unterstützt unbürokratisch und verteilt das Geld gezielt, zum Beispiel an antideutsche Beratungsstellen und Initiativen, die mit Schulen zusammenarbeiten wollen oder an Jugendliche, die Projekte selbst beginnen.

Im März 2016 gründete die Stiftung das „Neue-Rechte“-Wiki im Weltnetz. Es handelt sich um eine Denunziationsplattform, die auflistet, wer bei welchen Institutionen und Medien aufgetreten ist, wer welche Institutionen und Medien organisiert usw.

Der Leipziger Bundestagsabgeordnete Thomas Feist (CDU) forderte im August 2016 die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) in einem Brief auf, die Bundesförderung für die Amadeu-Antonio-Stiftung einzustellen, da hier u.a. Denunziationen und Gewaltandrohungen belohnt würden.
Waldgänger aus Schwaben
29. Oktober 2016 08:49
"Keiner würde leugnen, dass das Leben im Liberalismus angenehmer und erträglicher ist als in seinen beiden ideologischen Widersachern."

"Die eigentliche Bewährungsprobe, in der sich unser System als echte Demokratie offenbart oder als sanfter Totalitarismus entlarvt, steht daher heute an. Sie steht nämlich dann an, wenn der Denkrahmen, die Ursprünge des Totalitären selbst, infrage gestellt werden."

Hier sehe ich eine Lücke in der Deckung.
Warum vom System die Bewährungsprobe einfordern, wenn damit riskiert wird, dass es zu einem seiner beiden ideologischen Widersachern kippt?

Warum den Denkrahmen infrage stellen?

Die EZB wurde - leider habe ich die Quelle nicht mehr - in einem der Eurorettung zustimmenden Artikel offen als "wohlmeinende Diktatorin" bezeichnet.

Im Alltag begegnet mir diese Furcht des glücklichen Sklaven vor der Freiheit oft in der Form:

"Meinst Du wirklich, dass die von der AfD es besser machen würden als Merkel?"
Nie fehlt dann der Hinweis, dass die AfD auf Flüchtlinge schiessen will usw.

Ich weise dann gerne auf die Schweiz hin. Ich will nicht Merkel durch Frauke Petry, Höcke oder Gauland ersetzen und sonst alles unverändert lassen. Ich will eine direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild.

Dann kommt:
"Einfache Menschen ohne Hintergrundwissen können doch nicht über komplexe Sachverhalte entscheiden. Das würde nur Populisten Tür und Tor öffnen."

Ich weise dann pointiert auf den Wert der Freiheit an sich hin.

"Freiheit ist mehr wert als Sicherheit oder Wohlstand. Und wer die Freiheit opfert für Sicherheit und Wohlstand wird am Ende alles verlieren: Sicherheit, Wohlstand und Freiheit."

Danach ernte ich Blicke: "Spinner, Fanatiker, Ideologe"
Milarepa
29. Oktober 2016 09:48
Sehr geehrter Herr Sellner,
das war ein sehr guter Auftritt bei Servus TV.
Sympathisch, sachlich, ruhig und besonnen.
Schließe mich Herrn Baumgartner an.
Respekt!!!
Johann
29. Oktober 2016 11:12
Ein bemerkenswert guter Artikel.
Aber in den nächsten Jahren ein "Aufbruch zu einer wirklich offenen und freien Debatte"? Zum debattieren wird es dann vielleicht zu spät sein und langsam bin ich dessen auch überdrüssig. Die Zeit spielt gegen uns und bereits 2020 kann die Demographie gekippt sein, so dass Deutsche unter 30 Minderheit im eigenen Land werden. Es müssen in den nächsten Jahren also endlich Taten folgen. Meinten Sie nicht auch in einem Ihrer Vlogs, dass wir die letzte Generation sind, die noch etwas ändern kann? Dass derartige Umwälzungen aber vom "obrigkeitshörigen", dem "des Denken entwöhnten" (Carl Friedrich von Weizsäcker), "gutmütigen" (Napoleon) und "sklavengleichen" (Heinrich Heine) deutschen Volk ausgehen, wage ich zu bezweifeln. Eher möglich, dass es auch hier zu einer gesamteuropäischen Bewegung kommt, die dann, wie 1848, von den Deutschen aufgegriffen wird.
Dietrich Stahl
29. Oktober 2016 11:32
@Milarepa

Schließe mich Milarepa an.
Meier Pirmin
29. Oktober 2016 11:55
@Milarepa. Ja, Sellner ist ein guter, ein prima Rhetoriker, hier, im Politischen, hat er meines Erachtens stärker als im Philsophischen eine gute Nase. Dass ich ihn gelegentlich kritisiere, ist möglicherweise Selbstkritik an eigenem einstigen Aktivismus, den man aber mit demjenigen Sellners nicht direkt vergleichen kann: 1967 hatte ich 250 Junge aus katholischen Schulen zusammengetrommelt, die zu einer Solidaritätskundgebung zugunsten der Vereinigten Staaten, den Vietnam-Krieg betreffend, sich gemeldet hatten. Die Kundgebung vor der US-Botschaft in Bern habe ich dann aus zwei Gründen wieder abgesagt: Erstens drohte eine Gegendemonstration von zehnfacher Stärke und zweitens wurde ich von einem mir absolut wohlgesinnten Benediktiner-Rektor beschworen, die Kundgebung nicht zu machen, weil das "rechte" Image von uns Aktivisten auf die katholischen Schulen negativ zurückfallen würde. Und aus heutiger rückblickender Sicht würde ich eine solche Kundgebung als politische Jugendsünde einschätzen. Noch kurz vor seinem Tode bezeichnete Altbundeskanzler Konrad Adenauer das Vietnam-Engagement Amerikas als einen Irrtum. Hingegen war es nicht falsch, zur damaligen Zeit mit bedeutenden Rechtsliberalen und bedeutenden rechten Intellektuellen Kontakt zu suchen und diesen Kontakt auch zu bekommen.
Th. Wawerka
29. Oktober 2016 12:39
Lieber Martin Sellner,

Sie bündeln und fassen auf gewohnt hohem sprachlichen Niveau zusammen, wie die aktuelle politische "Großwetterlage" zu verstehen und zu deuten ist. Wie immer habe ich Ihren Text mit Gewinn gelesen.
Ich frage mich, ob der "sanfte Totalitarismus" der gegenwärtigen liberalen Demokratur aus der Gegenüberstellung zur nationalsozialistischen und zur international-sozialistischen Diktatur wirklich adäquat analysiert werden kann, oder ob er doch etwas neues, anderes ist. Ich sehe schon Berührungspunkte, aber ich sehe eben auch tiefgreifende Unterschiede. Während in den Diktaturen galt "tertium non daretur!", entweder dafür oder dagegen, gibt es im "real existierenden Demokratismus" schon noch etliche Zwischenstufen (von denen unsere hardliner dann behaupten, sie dienten alle nur dem "System" ...). Ist dieses System tatsächlich "dasselbe, nur anders", oder ist es tatsächlich etwas von den Diktaturen grundsätzlich zu unterscheidendes? Damit hängt dann meine zweite Frage zusammen, nämlich die, welche Schlussfolgerungen sich aus der Lageanalyse ergeben? Leisten wir Widerstand gegen ein totalitäres Regime, dessen politische Akteure zu identifizieren sind, oder gegen eine "Haltung", die eher diffus ist und sich auf viele Menschen in unterschiedlichem Maße verteilt?

Letzte Frage: Sind das Bilder von Sascha Schneider??
Der_Jürgen
29. Oktober 2016 13:03
@Th. Wawerka

Sie werfen berechtigte Fragen auf. Im Moment gibt es in Deutschland schon noch wesentlich mehr Meinungsäusserungsfreiheit als in einer kommunistischen oder faschistischen Diktatur. Ein Beweis dafür ist, dass Sellner und seine Gesinnungsfreunde äusserst herbe Kritik am System üben dürfen, ohne deswegen vor dem Kadi zu landen. Sie wissen sehr gut, wo die Grenzen des Erlaubten liegen, und überschreiten sie aus begreiflicher Vorsicht nicht.

Schwieriger wird es schon für jemanden, der vom Staat oder einem linken Arbeitgeber finanziell abhängt und als Preis für die Aeusserung unorthodoxer Meinungen mit seiner Entlassung rechnen muss. Oder für jemanden, der die Medienhetze, die öffentliche Anprangerung, nervlich nicht durchhält.

Dies kann sich aber ändern, denn die Repression nimmt stetig zu. Ein blutiger, den "Rechten" in die Schuhe geschobener Terroranschlag, und es ist mit weiteren einschneidenden Beschränkungen der Meinungsfreiheit zu rechnen. Der Schritt zur offenen Diktatur wäre dann nur noch sehr klein.

Moralisch stelle ich das in der BRD und anderen westlichen Ländern herrschende System weit unter ein faschistisches oder (vom Extremfall der Roten Khmer abgesehen) kommunistisches, weil kein offen totalitäres Regime je dreist die Abschaffung seines eigenen Volkes betrieben hat. Dies blieb formell noch halbwegs demokratischen Regimen wie dem der BRD oder Schwedens vorbehalten.

Jeder noch so brutale Terror in einem totalitären Staat wurde mit der Notwendigkeit begründet, das Volk vor seinen Feinden zu schützen und ihm so eine lichte Zukunft zu sichern. Ob die betreffenden Diktatoren dies aufrichtig glaubten, ist eine andere Frage; in vielen Fällen glaubten sie es zweifellos. Selbst in der grausamsten aller historischen totalitären Tyranneien, dem Kambodscha Pol Pots, glaubte die regierende Clique höchstwahrscheinlich allen Ernstes, mittels der physischen Vernichtung eines Grossteils ihres eigenen Volkes den überlebenden Rest zu härten und zu veredeln.
Friedrich
29. Oktober 2016 14:00
Der Inhalt des Aufsatzes deckt sich vollkommen mit dem, was ich (seit vielen Jahren) wahrnehme - der Tatbestand ist klar.
Davon jedoch unabhängig bleibt die Frage nach dem Motiv der Handelnden.
Warum agieren deutsche Politiker so offensichtlich gegen die Interessen des Volkes ?
Was könnte denn ihre Motivationslage sein ?
Falls Sie wider besseren Wissens handeln, für wen handeln sie ?
Ist es wirklich nur Verblendung, ist es pure Dummheit, eine Verschwörung, Bestechung in nie gekanntem Ausmaß ?
Warum stellt sich eine ganze Generation von Politikern und Journalisten hin und erklären hinsichtlich der Finanz -oder Asylkrise unisono solch einen offensichtlich verdrehten und abgefeimten Schmarrn ?
Warum ?
Zarathustra
29. Oktober 2016 14:12
Lieber Herr Sellner,

Bezüglich der gnadenlos durchgezogenen »Ordnung des Diskurses« und der einseitigen psychologischen Manipulation, die jede Rede von »Demokratie« zu einer Farce macht, trifft Ihre Analyse ins Schwarze.

Bei Ihrer Unterstellung eines metaphysischen Willens zur Gestaltung des Ganzen im Falle des Nationalsozialismus allerdings scheinen Sie sich weniger mit den eigentlichen Quellen (etwa des intellektuellen Kreises um Werner Best) als vielmehr mit der im propagandistischen Geschichtsbild der Siegermächte verharrenden Hannah Arendt beschäftigt zu haben; sonst wäre Ihnen aufgefallen, daß da ein radikaler Perspektivismus und ein verblüffender Ethnopluralismus bestimmend sind und von einem universalistischen Messianismus gar keine Rede sein kann.

Auch bei Ihrer von Heidegger übernommenen Nietzsche-Interpretation mit dem Topos der »Selbstermächtigung des Willens« rate ich Ihnen zu mehr Quellennähe: Nietzsche ist viel facettenreicher und vielschichtiger als Heidegger zu erkennen bereit ist. Heidegger konstruiert einen Strohmann, der mit dem Nietzsche etwa eines »Also sprach Zarathustra« weit weniger zu tun hat als mit der Nietzsche-Vereinnahmung eines Alfred Baeumlers.

Insgesamt weist Ihre Interpretation eine implizite Annahme des noch herrschenden Geschichtsbildes und eine ziemlich starke »Ich-bin-aber-kein-Nazi«-Tendenz auf, die einen klareren Blick auf die Zusammenhänge erschwert.

    Beste Grüße,
    Zarathustra
Leif
29. Oktober 2016 14:37
@Martin Sellner
Ein sehr guter Beitrag, folgerichtig und pointiert. Es bleibt zu hoffen, dass es doch den einen oder anderen außerhalb der angestammten Kundschaft gibt, der so etwas vorurteilsfrei liest und sich von dieser Stringenz überzeugen lässt.

@Th.Wawerka
Ähnlich sind sich diese Systeme, denke ich, nur auf höchster Abstraktionsstufe, ihrem Wesen nach. Dass zumindest die nationalsozialistische und die sozialistische Variante nicht gerade durch eine chinesische Mauer getrennt sind, zeigt aktuell sehr plastisch Nordkorea (Es muss um das Jahr 2000 gewesen sein, da empfing die dortige Staatsführung unabhängig voneinander Vertreter der NPD und der KPD /Ost; den Eklat daraus habe ich auf einer Veranstaltung der letzteren in Live und in Farbe miterlebt).

Die demokratische Variante der Massengesellschaft dagegen formiert sich m.E. zwar nicht so sehr um eine monolithische Idee wie im real- oder nationalsozialistischen System. Aber ihren Kult ums höchste Wesen hat auch diese Gesellschaft - den reichlich sinnarmen "Verfassungspatriotismus" samt all seiner Implikationen und Konsequenzen.

Für denkende und sich auch artikulierende Menschen ist das gegenwärtige System aus pragmatischen Gründen sicher besser zu ertragen als offene Terrorherrschaft, gleich mit welchem Mäntelchen. Gleichzeitig merke ich im Alltag - gerade letztens in einer Runde guter Bekannter wieder - wie viele Illusionen diese Gesellschaft erzeugt und reproduziert. Da waren Bekannte, die zu wirklich allen großen gesellschaftlichen Entwicklungen derzeit, besonders zu den Ereignissen im Jahr 2015 - in voller Opposition stehen. Aber die ideologische Selbstdisziplinierung reicht bis in die Wahlkabine ("Von der AfD trennen mich Welten.").

Besonders beunruhigend finde ich das, weil ja gerade der unsägliche Begriff der "Willkommenskultur" (zu dessen semantischer Widersinnigkeit es vor einiger Zeit einen interessanten Artikel von Bettina Röhl gab, leider nicht so prägnant wie der von Martin Sellner oben) und sein Transport durch den politisch-journalistischen Komplex zeigen, wie verführ- und mobilisierbar die Massen auch in dieser Soft-Variante sind. Alles in "bester Ordnung" also.
Andreas Walter
29. Oktober 2016 15:44
Existenzgefährdung von Andersdenkenden, Individualisten, Separatisten, Sezessionisten, Heimatverbundenen, Patrioten ist kein sanfter Totalitarismus, sondern versuchter, organisierter, weltweiter Massenmord:

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/persona-non-grata-pegida-mitgruender-bachmann-ist-auf-teneriffa-nicht-erwuenscht/14756488.html

Ist es da noch ein Wunder, weshalb man mit den Globalisten nur einen totalen Krieg haben kann? Weil sie es selbst sind, die diesen Krieg total und global führen.

Denn was hat ausgerechnet das Handelsblatt mit der kanarischen Linkspartei Podemos zu tun, gemein?

Oder was glauben Globalisten damit zu erreichen wenn sie ihren Gegnern zu vermitteln versuchen, dass ihre Existenz auf der ganzen Welt, also überall, unerwünscht ist?

Die Globalisten bedrohen und verfolgen daher Andersdenkende und Individualisten global.

Die Globalisten scheinen zudem eine eigenartige Mischung aus Kapitalisten und Kommunisten zu sein.

Sie scheinen daher gemeinsame Sache zu machen, und teilen dann die Beute.

Heimatland ist abgebrannt, schlaf, Kindlein, schlaf.
Winston Smith 78699
29. Oktober 2016 15:50
Unter uns, Herr Sellne:, im Gegensatz zu den anderen Kommentaren habe ich den Artikel nicht überschwenglich gelobt. Wer lobt, erhebt sich indirekt über; das aber wäre mir peinlich - wer bin ich denn zu sagen, das dies ein guter Artikel ist? Ich mag das nur nicht, wenn ein Kommentar nach dem anderen einen Artikel oder eine Rede lobhudelt, das erweckt so den Eindruck von Gefolgschaft, und den gilt es zu vermeiden. Wenn ich Kleinigkeiten bemängele, heißt das: der Rest ist perfekt. Was kann man mehr wollen? Eine einzige Freude von vorne bis hinten - auch wenn die These selbst nicht unbedingt die Erfindung des Rads ist - aber hier wird der Beweis eben mal durchexerziert, eine Referenz geschaffen. (Nebenbei: Wenn Sie mich fragen, geht das Ding auch als Masterarbeit durch, und ich habe auch schon inhaltlich wesentlich seichtere Dissertationen gesehen.) Jeder Leser hat hier oder da was hinzuzufügen oder zu bemängeln, und jeder was anderes. Machen Sie sich bitte frei von Lob und Tadel, da stehen Sie drüber. Seit ich hier mitlese, kann man Ihnen ja geradezu beim Wachsen an Format zusehen. Was anderes ist die Frage der Zumutbarkeit einem breiteren, weniger fachlichem Publikum. So gesehen ist dieser Text vielleicht das weiße Album - hätten Sie mal zwei draus gemacht, vielleicht mit Rahmenhandlung, ein episodisches Gespräch zwischen Sellner, Lichtmesz und den zwei Pepes im Auto und an Tankstellen oder so. Vielleicht sind manche Leser überfordert. Aber auch hier steht mir kein Urteil zu.
André Schröder
29. Oktober 2016 16:03
Den einleitenden Satz, dass es mit genannten Ausdrucksformen immer nur um die (politische) Macht ginge, würde ich nicht unterschreiben.
Menschliches Handeln liegt einer Vielzahl von Bedürfnissen zugrunde, wobei die Lust an der Macht nur eines von vielen ist.
Macht ist notwendig, um Bedürfnisse umzusetzen, die einem verwehrt werden. Aber das Mittel zum Zweck als alleinigen Selbstzweck zu erheben, klingt ein bisschen machtbesessen und trifft vermutlich auch nicht den Kern jeder Aktion.
Johannisthaler
29. Oktober 2016 16:25
Ein Einwand zum letzten Absatz auf Seite 2:
Der Mensch selbst ist in der Lage, alles zu ergründen und zu verstehen und die „Wahrheit“, verstanden als die systematische Wissenschaft, festzustellen. ... Nichts entzieht sich seiner Verfügbarkeit und seinem totalen Verständnishorizont.

Im Faschismus gab es auch ein ausgeprägtes irrationales, antiintellektuelles Motiv, weshalb das Zitierte nur teilweise zutrifft. Goebbels sagte: "Das Zeitalter eines überfeinerten jüdischen Intellektualismus ist vorbei." Es wurde nicht unbedingt Wert auf Begründungen und Verstandensein gelegt. Wille, Intuition, Schicksal und Volksempfinden wurden beschworen.
Ich habe mich nicht mit Totalitarismustheorie befaßt, vermute aber, daß einige Autoren von zu Vielem absahen, um zu generellen Aussagen zu kommen.
Pilgrim
29. Oktober 2016 17:31
Schön geschrieben, aber am Schluss fehlt mir etwas. Gelegenheiten zum Aufwecken hat es in den letzten mindestens 2 Jahren genug gegeben. Und was ist passiert? Es scheint, diese Literatur des Widerstandes, der auch Martin Sellner zugehört, hat schon längst DAS VOLK erreicht (dh. die Selbstdenkenden und Mündigen, die sich Um die eigene Zivilisation kümmern), aber das sind wahrscheinlich zw. 15 und 20%, noch weniger also, als in den Nachbarländern Deutschlands, obwohl gerade in Deutschland die Wecker am lautesten geklingelt haben. Nun ist es allmählich an der Zeit, die BEVÖLKERUNG zu erreichen. Und ich furchte, bei Heidegger findet man wenig nützliches zum Thema "metapolitisches Ansprechen der blöden Masse". Man muss sich selbst etwas einfallen lassen. Darüber braucht man, zu diskutieren, nicht über eine immer genauere Lagebeschreibung! Die schon Überzeugten werden damit nicht noch mehr überzeugt werden, während die senile Oma Schmidt macht immer noch ihr Kreuz bei "Frau Merkel".
Carlos Wefers Verástegui
29. Oktober 2016 18:14
Lieber Herr Sellner,

Sie gehen der Sache des "sanften Totalitarismus" wirklich auf den Grund, bravo! Etwas ähnliches hatte ich mit meinem BN-Artikel http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/item/5711-die-zeitlosigkeit-der-inquisition im Sinn.

Nur bin ich ein wenig pessimistischer als Sie: ich halte aufwecken für viel viel schwerer, als am Schlafen halten. Die Traumwelt, zustande gebracht von der "gnostischen Demenz" (E. Voegelin) ist gerade wegen ihrer Sanftheit um so bombenfester.
wbeier
29. Oktober 2016 19:33
Präzise Beschreibung der Verhältnisse in feiner Sprache. Ich kann aber auch nicht anders, als die ewige unbeantwortbare Frage nach dem physischen Rückgrat dieses Universalismus zu stellen. Menschenwerk ist eben durch Menschen gemacht, aber wer sind diese Handler? Die Geburtshelfer des (vorerst) sanften Totalitarismus kennen wir alle, aber wer brachte und bringt den Samen in den Uterus der Völker?
Kann so etwas wirklich zu einem Selbstläufer werden? Ein Menü aus verschiedenen Zutaten? Aber selbst diese Zutaten müssen bereitgelegt werden und werden schon seit Jahrzehnten bereitgelegt. Auch ein Adorno und Marcuse wurden irgendwann einmal implementiert, finanziert und protegiert. Won wem?
Gruß aus Floridsdorf
Eveline
29. Oktober 2016 20:24
Politik und Macht sind für mich zwei Worte , die uns nie den ersehnten Frieden geben werden. Dabei mag es schon so sein, wie Sie in den ersten Zeilen beschrieben.
Pol - itik läßt die Macht nur auf einen Pol Platz nehmen, seit ewigen Zeiten.


@Stil Blüte

Auf dem Wappen Großbritanniens ist das Symbol des Löwen und des Einhorns zu betrachten.
Das Einhorn ist aus dem Königreich Hannover, eingeheiratet und ziert immerhin noch heute das englische Wappen.
Obwohl die englische Königsfamilie bekannterweise von ihren deutschen Wurzeln nichts hält, ja sie förmlich peinlich berührt davon sind.

Dafür haben sie die City of London. Wo auch die Königin anklopfen muß und einen Bückling macht. Ist das nicht alles peinlich menschlich ?
Monika
30. Oktober 2016 08:57
Kurz vor dem Beitritt seines Landes zur Bunderepublik hatte ein zynisch begabter DDR-Bürger seinen Mitbürgern vorausgesagt, daß sie jetzt die pluralistische Variante des Einparteienstaates kennenlernen würden – die eintönige Variante der Pressefreiheit auch, hätte er hinzusetzen können. So wie sich die Altparteien zu einem Block zusammengetan haben und eine Art Verbundpolitik betreiben, haben sich die Zeitungen zu einem Medienverbund zusammengeschlossen, der von der Meinungsvielfalt immer weniger übrigläßt.


Konrad Adam in "Die Macht der Wahrheit"
https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2016/die-macht-der-wahrheit/

Der Text von Martin Sellner ist sehr kompakt und vermischt/kombiniert verschiedene Gedankengänge: Weg zur politischen Macht, sanfter Totalitarismus, Universalismus, Ethnopluralismus...
Ich versuche mal, die Gedankengänge zu entdröseln und kritisch zu ergänzen.
Teil 1
Versuch, in der Wahrheit zu leben oder die Macht der Ohnmächtigen

Die Texte von Martin Sellner erinnern mich immer stark an die Texte von Vàclav Havel, inbesondere an Versuch, in der Wahrheit zu leben
Ich weiß nicht, ob Martin Sellner dieses Buch kennt ?

Es lohnt sich für die rechte Intelligenzia, diesen Text zu lesen.
Auch Havel unterscheidet zwischen Diktatur und Totalitarismus. Er nannte den real-existierenden Kommunismus ein posttotalitäres System.
Er schreibt:
Zwischen den Intentionen des posttotalitären Systems und den Intentionen
des Lebens klafft ein Abgrund: Das Leben tendiert in seinem Wesen zur Pluralität, zur Vielfarbigkeit, zur unabhängigen Selbstkonstitution und Selbstorganisation, einfach zur Erfüllung seiner Freiheit. Das posttotalitäre System dagegen verlangt monolithische Einheit, Uniformität und Disziplin.

....die allumfassende Demütigung des Menschen wird für seine definitive Befreiung ausgegeben...
Aber bereits 1978 (!) ist für Havel die westliche Demokratie, d.h. die Demokratie vom traditionellen parlamentarischen Typ nicht der Ausweg, denn
auch wenn wir nach äußerlichen Wertskalen der Zivilisation so tief im Rückstand sind - in Wirklichkeit sind wir eine Art Memento für den Westen, indem wir ihm seine latenten Richtungstendenzen enthüllen.

Man könnte die sog. " Wiedervereinigung Deutschlands" durchaus als Übergang vom posttotalitären System zum sanften Totalitarismus beschreiben . Dieses System funktioniert natürlich auch ohne eine Frau Merkel. Weshalb die politische Hoffnung auf eine merkellose Zeit viel zu kurz greift. Frau Merkel ist nicht das Problem.
Vaclav Havel kritisiert nicht nur die posttotalitären Verhältnisse, sondern er richtet seinen Blick in eine ungleich tiefere Ebene, auf dem die Konfrontation des Menschen mit dem System stattfindet.
Auf die Krise der modernen technischen Zivilisation. Und bei dieser Zivilisationskritik bemüht Havel Heidegger, wonach der Mensch keinen Ausweg weiß:
Václav Havel:
Er verfügt über keine Idee, keinen Glauben, geschweige denn über eine politische Konzeption, die ihm die Herrschaft über die Situation zurückgeben könnte.

Und Havel zitiert Heidegger :
Nur noch irgendein Gott kann uns retten weshalb Heidegger empfiehlt, die Vorbereitung der Erwartung
Vaclav Havel hat noch andere Empfehlungen, aber das würde hier zu weit führen.
Fortsetzung folgt
cherusker69
30. Oktober 2016 10:21
Herr Sellner

Bravo kann man da nur sagen, besser kann man es nicht schreiben wie ich finde. Demokratie gibt es nur für bestimmte Gruppen, wehe man widerspricht.
Günther Feist
30. Oktober 2016 10:36
Ein mögliche Gegenrede lautet: Das Zeitalter der (totalitären) Ideologien ist vorbei. Hier wird den opportunistisch und ordinärpragmatisch Regierenden (Paradebeispiel: Merkel) eine in Wahrheit nicht vorhandene ideologische Grundlage unterstellt, in den ökonomischen und teilweise computergesteuerten Prozess der Globalisierung wird ein (böser) Wille hineinprojiziert, die Völker bzw. „enthokulturellen Identitäten“ zu vernichten. Tatsächlich herrschen Sachzwänge, denen wir alle in unserem alltäglichen Handeln unterworfen sind. Man braucht nur arbeiten und einkaufen zu gehen und ein Konto zu haben, schon ist man Teil der „Globalisierung“.
Dennoch ist das nur die halbe Wahrheit: Tatsächlich sind auch die hier von Sellner analysierten ‚sanft totalitären’ Ideologeme ebenso wie die tagtägliche Meinungsmanipultation notwendige Bestandteile des real existierenden Globalismus. Der Hauptunterschied des vorherrschenden Systems in all seinen materiellen und ideelen Ausprägungen zum früheren Marxismus-Leninismus liegt aber auf der Hand: Es ist wirtschaftlich effizient und ermöglicht weiten Teilen der ‚Bevölkerung’ ein angenehmes Leben, deshalb können seine polykratischen und flexiblen Eliten im Gegensatz zu den wirtschaftlich maroden, monokratischen und starren Ostblockregimen nicht gestürzt werden, zu wenig Europäer und viel zu wenig Deutsche werden gegen die Abschaffung ihrer Völker rebellieren, wie hier bereits des Öfteren von pessimistisch-realistischen Lesern festgestellt wurde.
AlbertZ
30. Oktober 2016 12:34
Der Unterschied zur Tyrannis, der es um die nackte Macht geht, liegt darin begründet, daß der Totalitarismus inhärent totalitär ist. Er ist mehr als ein bloßes Set an formalen Eigenschaften: Er ist Ausdruck einer bestimmten Haltung und Herangehensweise an die Welt, die Pluralismus nicht erträgt und per se keinerlei Freiheitsraum duldet.

Den Totalitarismus als inhärent totalitär zu definieren ist eine Leerformel. Sie sollte gestrichen werden, um die nachfolgende Beschreibung nicht zu entwerten.
Der Unterschied zur Tyrannis, der es um die nackte Macht geht, liegt darin begründet, daß der Totalitarismus inhärent totalitär mehr als ein bloßes Set an formalen Eigenschaften ist: Er ist Ausdruck einer bestimmten Haltung und Herangehensweise an die Welt, die Pluralismus nicht erträgt und per se keinerlei Freiheitsraum duldet.
Der_Jürgen
30. Oktober 2016 13:30
@Winston Smith

Sie fragen nach dem Unterschied zwischen "Despotie" und "Tyrannei". Im allgemeinen werden diese Begriffe wohl unterschiedslos verwendet, aber in seinem Roman "Eumeswil" (ein Werk, über das man, wie über "Heliopolis", nur in Superlativen sprechen kann) heisst es, die Despotie finde man eher in Asien und die Tyrannei eher im Abendland.

Laut Jünger ist die Despotie eine Regierungsform, die auf der Willkür eines Herrschers beruht und - von einem primitiven Personenkult vielleicht abgesehen - keinen ideologischen Unterbau hat und deswegen nach dem Tod oder dem Sturz des Despoten keine erhaltenswerten Strukturen hinterlässt. Die Tyrannei strebt eher nach Ordnung und verliert das Volkswohl nicht zwangsläufig aus den Augen. Wenn sie zum Terror greift, dann aus rationalen Motiven und nicht nur, um die Launen des Gewaltherrschers zu befriedigen.

Klassische Beispiele für Despotien in jüngerer Vergangenheit und Gegenwart finden sich vor allem in Afrika. Schreckensherrscher wie Idi Amin in Uganda oder Macias Nguema in Aequatorialguinea waren astreine Despoten im Jüngerschen Sinn. Die totalitären Regierungen im Europa des 20. Jahrhundert waren hingegen Tyranneien.

Natürlich ist die Trennung "abendländische Tyrannei versus orientalische bzw. afrikanische Despotie" nicht streng durchzuführen. Kaiser Caligula oder Heinrich der Achte in England passen eher in das Schema des "Despoten" als in das des "Tyrannen". Eine Mischform dürfte das heutige Nordkorea sein.

@Zarathustra

Zustimmung, bei aller Hochachtung vor Martin Sellner.

@Carlos Vefers Verastegui
(Ihr Familienname tönt baskisch; irre ich mich?)

Danke für den Hinweis auf Ihren sehr gedankenreichen Artikel bei der Blauen Narzisse. Ich schaue dort aus Zeitgründen nur ab und zu vorbei, sollte dies aber wohl öfter tun.)
AlbertZ
30. Oktober 2016 13:41
Der Ursprung des Totalitarismus ist damit, nach Benoist, „die Zerstörung aller Vielfalt.“

Das ist nicht richtig.
Die Zerstörung aller Vielfalt ist nicht der Ursprung des Totalitarismus, sondern ein Folgeprodukt.
Der Totalitarismus will einzig in der Welt sein.
Und diese Einfalt kann keine Vielfalt zulassen, sondern muß sie zerstören.
Dietrich Stahl
30. Oktober 2016 14:13
Lieber Herr Sellner,

gestern schrieb ich einen Beitrag für diesen Diskussionsstrang, den ich dann aber in dem von Frau Sommerfeld gepostet habe.
Gerade habe ich Frau Sommerfeld in einem kurzen Beitrag das Malheur erklärt.

Alles hat sein Gutes. So habe ich die Gelegenheit noch mal explizit die Arbeit der IB zu würdigen.
In einem Heer junger Menschen, die mit Drogen, Partystress, Verdummung, Verrohung, Sexualisierung, und und und zu kämpfen haben, oder die sich gleich widerstandslos ergeben, ist die IB wie ein Licht im Dunkel.

Die jungen Leute der IB strahlen Gesundheit, Heimatliebe, Ehrlichkeit, Treue zum Reich der Traditionen aus. Danke!

Leger des Heils - Wir Ziehen Voran !!!!!!
https://www.youtube.com/watch?v=UJPfGsweb94

Brauset, Winde! schäume Meer!
Mir im Herzen braust es mehr;
Schlage, Unglückswetter, ein!
Muth will trotzig oben sein.

Freudig schießt er auf Gefahr,
Wie auf Raub der Sonnenaar,
Stürzt mit Wangen frisch und roth
Kühn hinein in tiefsten Tod.

O wie selig ist der Mann,
Der in Wahrheit sagen kann:
Du, Gefahr, bist meine Braut,
Treue, du mir angetraut!

O wie selig ist der Mann,
Der in Wahrheit sagen kann:
Muth, du bist mir Sonnenschein,
Muth, du bist mir edler Wein!

Sonnenschein behält sein Licht,
Saft der Reben altet nicht:
So erlischt nicht kühner Muth,
So erbleicht nicht Heldenblut.

Will die Welt zu Scheitern geh'n,
Muth bleibt fest und ruhig steh'n;
Ja, fällt selbst der Himmel ein,
Muth wird Gott mit Göttern sein.

Ernst Moritz Arndt, 1811


Hier nun der Beitrag, den ich schon gestern in Ihrem Gesprächsfaden posten wollte:

Werter Herr Sellner, Danke für die Analyse und für Ihre Arbeit an der „Öffentlichkeitsfront“.

Um mit dem Ausblick, den Sie am Ende geben, zu beginnen:

Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren den Aufbruch zu einer wirklich offenen und freien Debatte erleben werden. Denn es ist einfacher, jemanden aufzuwecken, als ihn im Schlaf zu halten.


Weckrufe!
Sie sind notwendig; jeder kann sie aussenden. So kann jeder bewusste Beitrag im SiN Forum ein Weckruf sein.

Ja, der Zustand der „Masse“ ist beklagenswert. Doch das deutsche Volk und der deutsche Geist sind nicht tot. Sie sind narkotisiert.
Es ist heute Aufgabe jedes Patrioten, mit ermunternden Weckrufen, vielleicht sogar mit einem Guss kalten Wassers, beim Aufwachen zu helfen.

Denn das Volk wacht gerade auf. Es reckt und streckt sich bereits, wie jeder sehen kann, der sein Augenmerk auf all das Positive richtet, das gerade geschieht.

Werter Herr Sellner, in Ihrer letzten PEGIDA Rede haben Sie mit den Visionen, die Sie aufzeigten, einen starken Weckruf ausgesandt.

Rechte Visionen werden gebraucht, wie die Luft zum Atmen. Visionen sind kraftvoller als Armeen, Ideologien, Lügen/Lücken Medien und all der Firlefanz der Dunkelmänner. Erinnert sei an Jeanne d’Arc. [Frauke Petry erinnert mich an sie.]
Visionen, Konzepte, Kreativität, originelle, innovative Aktion – das ist jetzt gefragt.

Ihr „Jungs“ von der IB macht das übrigens den „Alten“ [mich eingeschlossen, ich bestehe aber auf den Anführungszeichen] vor.

Eine Verständnisfrage: Meinten Sie mit „Untergang beider Ideologien“ die Niederlage des NS 1945 und des Kommunismus 1989/90? Oder meinten Sie es in einem endgültigen Sinn?

Kommunismus und Nationalsozialismus sind Auswüchse dieser Debatte, die genau diesen Rahmen durchbrachen. Mit dem Untergang beider Ideologien hat sich dieser Rahmen nicht aufgelöst, sondern verfestigt.


Mit Platon bin ich der Ansicht, dass Ideen nicht sterben können. Sie schlafen vielleicht in ihrem Reich, bereit jederzeit aufzuwachen und sich wieder zu manifestieren.

Den beiden eben erwähnten Ideen wünsche ich schöne und vor allem sehr lange Träume.

Für Deutschland und das deutsche Volk ist es aber an der Zeit, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben.
PetSchmi
30. Oktober 2016 14:40
Vielen Dank an Herrn Sellner für die tiefgehende Analyse! Jedoch muss ich, auch aufgrund meiner eigenen Kindheits- und Jugenderfahrungen in diesem System, der Aussage widersprechen, dass "die DDR mittels doktrinärem Zwang die Entnationalisierung und Kosmopolitisierung ihrer Bevölkerung vorantrieb".

Im Gegenteil war der Versuch der Begründung einer eigenen "völkischen Identität" ganz offenkundig. Zwar sprach man in der späten DDR nicht mehr vom "Deutschen Volk", gleichwohl aber verbreitet von "unserem Volk" oder gar vom "Volk der DDR". Es gab die "Nationale Volksarmee", Auszeichnungen wie "Verdienter Werktätiger des Volkes" usw.
Und der allseits beschworene "Internationalismus" verstand sich als "Klassenbrüderschaft mit der internationalen Arbeiterklasse", jedoch keinesfalls als "Multikulturalismus" im heute verwendeten Sinne. Und "Werkttätige aus Bruderstaaten" mussten den "Arbeiter- und Bauernstaat" nach z.B. vollzogener Ausbildung in der Regel schleunigst wieder verlassen. Insofern war das dort eine deutlich anders gelagerte Problematik.
Monika
30. Oktober 2016 16:49
Teil 2

Totalitarismus und Universalismus

Über die sechs formalen Kriterien für totalitäre Systeme ( Theorie) hinaus gibt es von Osteuropäischen " Dissidenten" hervorragende Beschreibungen der inneren Haltung, die totalitäre Systeme begünstigen ( sog. Autototalität)
etwa bei Alexander Sinowjew "Gähnende Höhen",
bei Czeslaw Milosz " Verführtes Denken" ,
der o.g. Václaw Havel,
der großartige Leszek Kolakowsky "Falls es keinen Gott gibt"
Diese kleine Auswahl großer Autoren ist m. E. Pflichtlektüre, wenn man über die innere Folgerichtigkeit soricht, aus der totalitäre Systeme entstehen.
Diese "Dissidenten" hat nicht nur die westliche linke Intelligenzia ignoriert, sondern fatalerweise auch die rechte. Benoist sollte nicht die einzige rechte Referenz für eine Analyse totalitärer Systeme sein.
Zunächst geht es im totalitären System um eine existentielle Erfahrung tiefer Entfremdung, Außenbestimmung usw. ( Verlust des Eigenen).
Und die Antwort auf diese totale Fremddefinition kann deshalb zunächst nur eine existentielle sein. ( keine theoretische)
Wie gelingt es, sich aus dem System zu befreien ?
Stichworte:
Die Wahrheit sagen, nicht mehr in der Lüge leben, Parallelstrukturen bilden ( eigene Verlage, Eigene Kunst, eigene Schulen, eigene Lebensformen etc.)
Havel schreibt:
Die Parallelstrukturen wachsen nicht aus einer aprioristischen theoretischen Vision der Systemveränderung ( es handelt sich nicht um politische Sekten) , sondern aus den Intentionen Lebens und aus den authentischen Bedürfnissen konkreter Menschen.

Hier liegt leider die Crux rechter Denker wie Alain de Benoist. Für meine Begriffe ist er ein politischer Sektierer. Der Ursprung des Totalitarismus liegt nicht in einem theoretischen Universalismus begründet. Und wie will man Pluralismus überhaupt theoretisch begründen ?
Die Theorie vom Ethnopluralismus ( zwischen Universalismus und Liberalismus ) ist m. E. eine unbrauchbare Theorie. ( Müßte an anderer Stelle diskutiert werden)
Noch einmal Havel :
Die historische Erfahrung lehrt uns, dass in der Regel nur jener Ausweg für den Menschen wirklich sinnvoll ist, der ein Element einer gewissen Universalität enthält, der also nicht nur einen partiellen, nur einer bestimmten Gruppe zugänglichen und auf andere nicht übertragbaren Ausweg bildet, sondern einer, der geeignet ist, ein Ausweg für jedermann zu sein , Andeutung einer allgemeinen Lösung.

Kurz und provokativ:
Ist neben österreichischen, deutschen, französischen Identitären Raum (theoretisch und praktisch) für marrokanische, afghanische, somalische Identitäre ?
Oder anders gefragt:
Führt der arabische Frühling nur zu einem deutschen Herbst ?
Oder sind andere , auch existentielle Revolutionen möglich ?
Trouver
30. Oktober 2016 16:51
Ist jeder Totalitarismus nicht auch, nicht gerade er, selbst als Religion zu betrachten oder betrachtbar?!


Nein, denn Religion ist transzendent.

Totalitarismus stellt keinen Anspruch aufs Metaphysische. Jenseits ist ihm uninteressant, da unerreichbar.

Was die Sache nicht besser macht. Totalitarismus stellt mein Recht auf rein ästethische Ablehnung von
etwas
in Frage, er will mir allen ernstes mein Ekel verbieten.

Nicht nur mir kommt dabei in Sinn, daß es eine Folter bedeutet.
la vie est belle
30. Oktober 2016 17:03
@Herr Feist

Ich stimme Ihnen in Sachen "Wohlstandsgift" voll zu. Erst ein Abriss der Konsumfluktuation und ein Zerbröseln der Wohlstandsblase kann ein Umdenken und neues Handeln mit sich bringen. Die Frage ist WIE? Wie könnte es dazu kommen???
Wenn es schon so eine eine unreflektierte Technikgläubigkeit und Abhängigkeit gibt, so kann ich mir nicht vorstellen, dass es bei einer plötzlichen Störung derselben alle Prozesse geölt weiterlaufen. Ich vermute ja selbst EIN Tag für ganz Europa ohne Internet wäre ein interessantes Experiment.
waldgänger
30. Oktober 2016 17:14
Einer der besten Texte der letzten Monate und Jahre.
Danke!

Die Wurzeln dieses Systems reichen übrigens weit in die USA und ins 20. Jahrhundert zurück.
Meier Pirmin
30. Oktober 2016 20:02
@Sellner. Danke, dass Sie die kritische Bemerkung gleich am Anfang, die eher als Schlussbemerkung geeignet gewesen wäre, mit einer begreiflichen Verzögerung doch noch geschaltet haben. Hätte Ihnen das eigentlich lieber direkt und privat geschrieben.


Zur Hauptkritik im Spannungsfeld von Universalismus und Nominalismus müsste wohl so argumentiert werden, dass diese Richtungen nicht gleichsam mit Parteien verwechselt werden und vordergründig politisiert. Auch ist klar, dass der Ausgangspunkt der von mir erwähnten Anti68er von damals stärker als bei Ihnen rechtsliberal war, obwohl Louis Rougier und Erik von Kuehnelt-Leddihn, letzterer immerhin abgebildet bei "Tristesse Droite" von Ellen Kositza, bei den Liberalen von damals noch Platz hatten, zumal sie alle Voegelin kannten, den philosophisch wohl bedeutendsten Totalitarismuskritiker. Rougier war schon damals christentumskritisch, Kuehnelt-Leddihn ein unerhört souveräner freiheitlicher und etwas antidemokratischer Katholik. Und es würde sich wohl mal lohnen, "Der Weg zur Knechtschaft" von Hayek im Original zu lesen, bevor der Neoliberalismus pauschal zum Feindbild erhoben wird, was ich zwar Ihrem Essay nicht entnehme, es ist eher rechte Generaltendenz. Die Warnung und die Kritik betrafen zum Teil den zu direkten Einsatz der Philosophie als Waffe und dass zum Teil noch tiefer an die Quellen gegangen werden müsste. In der vorliegenden Form würde ich entgegen der Anregungen anderer den Essay noch nicht drucken. Die Kritik am Totalitarismus dürfte nicht hauptsächlich an Hannah Arendt festgemacht werden, da verpasst man weit stärkere Denker! Siehe oben.
Trouver
30. Oktober 2016 20:48
Die Wurzeln dieses Systems reichen übrigens weit in die USA und ins 20. Jahrhundert zurück.


Im Falle UdSSR auch?
Trouver
30. Oktober 2016 20:51
Ist neben österreichischen, deutschen, französischen Identitären Raum (theoretisch und praktisch) für marrokanische, afghanische, somalische Identitäre ?


Nein, liebe Monica.

Denn grüner Leviathan stellt deren (marrokanische, afghanische, somalische) Identität nicht in Frage.

Es ist also obsolet und daher nicht weiter erklärungswürdig.
Meier Pirmin
30. Oktober 2016 21:09
@Dietrich Stahl. Wenn Sie mit Jeanne d'Arc kommen, zwar seit Jahrzehnten die nicht mal total usurpierte Parteiheilige des Front National, haben Sie sich mit der Pathologie dieser Heiligengestalt wohl nie näher und konkret auseinandergesetzt. Nicht dass ich ihre Verurteilung als Hexe noch nachträglich gutheissen würde, aber mit dieser Art Visionen Politik machen, kann man nur mit Helmut Schmidt kontern, dass, wer Visionen habe, zum Arzt gehen müsse. Demgegenüber gingen den etwas späteren Visionen des Zeitgenossen aus dem 15. Jahrhundert, Klaus von Flüe, das Aggressive des Heiligen Krieges vollständig ab. Wenn Sie mit Jeanne d'Arc Politik machen wollten, können sie ebenso gut zum Islam übertreten.
der übel Denkende
31. Oktober 2016 02:10
@trouver
Ob Totalitarismus als Religion gelten könne?
Jenseits aller religionswissenschaftlicher Erwägungen halte ich mich einfach - die katholische Fraktion möge verzeihen! - an die kräftigen Wörtlein unseres Luther, Großer Katechismus, zum 1. Gebot: "Worauff du nu (sage ich) dein hertz hengest und verlessest, das ist eygentlich dein Gott. (...) Also auch wer darauff trawet und trotzet, das er grosse kunst, klugheit, gewalt, gunst, freundschafft und ehre hat, Der hat auch einen Gott, aber nicht diesen rechten, einigen Gott."
Zu Religion muß nichts transzendental sein, bzw. das Transzendentale kann rein vorgespiegelt sein.
Achten Sie auf Erlösungs- und sonstige Heilsversprehen, achten Sie auf die vollzogenen Riten, auf benutzte Symbole
Sven Jacobsen
31. Oktober 2016 09:47
Leider fällt es schwer, den optimistisch gehaltenen Schluss des lesenswerten Aufsatzes nachzuvollziehen, weil die Probleme zu ernst sind. Gehen wir ruhig davon aus – was spräche auch dagegen -, dass so etwas wie der beschriebene „sanfte Totalitarismus“ die Meinungsbildung der Gesellschaft prägt. Und nicht nur der deutschen Gesellschaft, wohlgemerkt. Diese Meinungsprägung im Dienste der Ziele von Regierungen wie in Berlin oder von Eliten wie in Brüssel, besser gesagt: die damit verbundene metapolitische Besetzung aller Ecken und Nischen gesellschaftspolitischer Diskussionen im präzisen Sinne Gramscis, legt all denjenigen gewichtige Nachteile auf, die nicht mit dem Strom schwimmen. Von der Entscheidung eines Redakteurs einer Lokalzeitung, welcher Leserbrief gedruckt wird, über die Zusammenstellung der Gästeliste einer Talkshow bis hin zur Buchpreisverleihung für Schriftsteller, die gerade politische, nicht aber unbedingt ästhetische Kriterien erfüllen, ist alles mentalitätswirksam gefügt. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, wie umfassend das abgesichert ist, sogar, wenn auch unfreiwillig oder unbewusst, durch Bürger, die eigentlich berechtigte Kritik üben möchten. Häufig bedrückt diejenigen, die z.B. im Internet etwas konstruktiv kommentieren (also nicht pöbeln oder hetzen), ein diffuses Gefühl des Unrechtmäßigen oder zumindest der Verunsicherung, dem Artikel 5 GG zum Trotz, sodass sie zur eigenen Meinung nicht mit dem eigenen Namen stehen. Das hat unsere Gesellschaft aber bitter nötig. Woher soll also unter diesen Umständen und auch noch in wenigen Jahren die im Aufsatz erhoffte freie Diskussionskultur kommen, wenn die sprichwörtliche „Schere im Kopf“ sogar bei denen schnippelt, die sich nicht das Geringste vorzuwerfen haben?
Th. Wawerka
31. Oktober 2016 10:58
@ PetSchmi: Richtig, der Bezug zum Volk und zur Heimat war in der DDR durchweg positiv. Der DDR-Bürger sollte sich ja mit seinem Volk und seiner Heimat identifizieren!

Von der Äquivalenz der beiden ideologischen Diktaturen mit dem heutigen System bin ich immer noch nicht überzeugt und denke weiter darüber nach. Zum einen gibt es heute keine klar formulierte ideologische Grundlage, die Nomenklatura bedient sich der Ideologeme und Theoreme, die ihr gerade in den Kram passen und dienlich sind. Zum anderen und damit zusammenhängend ist das "Dafür-oder-dagegen" nicht so trennscharf ausgeprägt: KZ und Gulag gibt es nicht, die Macht ist sanfter und schleicht sich ins Vorpolitische ein und zersetzt dort viel effektiver als durch nackte Gewalt, sodass sich die Leute aus scheinbar freien Stücken unterwerfen bzw. ihre Unterwerfung gar nicht als solche ansehen und begreifen. Eine Diktatur, die sich mehr des Mittels der Partizipation bedient und weniger des Mittels der Diskriminierung ... Freilich, auf unserer Seite sieht das anders aus.
Venator
31. Oktober 2016 11:02
Aus dem Beitrag von "Zarathustra":

"... sonst wäre Ihnen aufgefallen, daß da [im Nationalsozialismus] ein radikaler Perspektivismus und ein verblüffender Ethnopluralismus bestimmend sind und von einem universalistischen Messianismus gar keine Rede sein kann."

Wenn das wahr ist, dann geht - ungeachtet seiner ohnehin fragwürdigen Gültigkeit - ein wichtiger Kritikpunkt der Neuen Rechten an der Alten Rechten verloren. Vielmehr stünde die Neue weit mehr in der Tradition der Alten Rechten, als sie das heute glaubt oder sagt. Auch erscheint dann der Nationalsozialismus mehr als Ausdruck der politischen Rechten denn der Linken (wie dies Letzteres mit Kuehnelt-Leddihn et al. ja mancherorts gängig ist). Die Überhöhung der Rasse im Nationalsozialismus weist gerade nicht auf einen Universalismus hin.

Meine vorläufige Lösung: Mit einem Universalismus, der gleichwohl identitär bleibt, die Entartung des Identitären, nämlich die Identitätspolitik, bekämpfen. Dafür besteht im Volk noch viel Willen und Neigung. Wozu Identitätspolitik führt, das sehen wir heute deutlich in Amerika und England. Bei uns ist sie noch im Zunehmen begriffen, wenngleich man darlegen könnte, dass die Öffnung der Grenzen nach außen und nach innen weniger universalistisch denn identitätspolitisch begründet ist: zugunsten der Schwächung, Entwürdigung und Abschaffung des weißen Mannes.
Karl
31. Oktober 2016 11:37
@ Meier Pirmin
Lieber Herr Meier,
Sie sind sicher weise, klug und belesen uns lassen es uns auch gehörig spüren. Ich weiß Ihre Kommentare hier sehr zu schätzen und sie sind sicher auch weiterführend und konstruktiv, doch spüre ich dahinter eine oberlehrerhafte Attitüde, die nicht so starke und kompetente Denker wie Sie etwas ratlos zurücklässt. Ich möchte vorschlagen, dass Sie selbst einen Text zum Totalitarismus zur Debatte stellen, der all die Verweise, die Sie hier anbringen enthält und expliziert. Die Delegation dieser Aufgaben an Andere halte ich für deplaziert, da Sie offenbar auf diesem Felde der Kompetenteste sind. Was halten Sie von meinem Vorschlag?
Der_Jürgen
31. Oktober 2016 12:36
@Karl

Ihr Vorschlag fällt bei vielen Foristen bestimmt auf fruchtbaren Boden. Ich schlage den Haus- und Bademeistern hiermit vor, Pirmin Meier die Möglichkeit zur Veröffentlichung eines Gastbeitrags von der Länge des letzten Artikels von Martin Sellner zu bieten, in dem er seine Gedanken zu einem selbstgewählten Thema gemeinsam mit den nötigen Quellen darbieten kann.
Dorian Graywulf
31. Oktober 2016 14:51
Erst einmal Danke für die Beschäftigung mit dieser Thematik, es wird meines Erachtens viel zu wenig beachtet.

Die neuen Begriff des "sanften Totalitarismus" finde ich interessant und auch durchaus treffend sowie aufrüttelnd.
Dem ersten Teil des Textes, der Theorie, kann ich so größtenteils zustimmen, zudem ist er gut recherchiert und durchdacht.

Den zweiten Teil sehe ich dagegen differenziert. Manchem stimme ich zu, bei anderen würde ich mir mehr Offenheit und mehr Differenzierung von Hr. Sellner wünschen, der kann das doch an sich sehr gut.

Einige Dinge würde ich von meiner Seite noch ergänzen, da sie zum Themenbereich passen.
Das soll nicht nur Kritik sein, niemand kann und sollte auf alles eingehen, aber es ist vielleicht doch interessant zum Thema:


Zum Thema Demokratie, Offenheit und Vielfalt von (geduldeten) Meinungen:
Meinen Beobachtungen und eigenen Erfahrungen, auch im direkten Umfeld nach gibt es schon, und auch vermehrt einen verengten Korridor der tolerierten akzeptierten Meinungen. Man darf hier zwar zum Glück alles sagen, aber weicht die eigene Auffassung zu sehr von der des Gegenübers ab so wird man oft direkt in eine Schublade einsortiert, eine (fruchtbare) Diskussion kommt nicht zustande.
Es gibt Themen, die sind die der Name „Voldemort“ bei Harry Potter.
Leider äußern sich solche diskussionsunwilligen, die gerne anderen mangelnde Differenzierung und Vorurteile vorwerfen, selber sehr oberflächlich und mitnichten vorurteilsfrei, bis hin zu Sprüchen wie „in Sachsen wohnen doch ohnehin nur Idioten“

Auf offizieller Ebene gibt es bekanntermaßen genug Ähnliches. Das ist weder hilfreich noch ehrlich, denn die westliche Welt ist nun einmal mit, wenn nicht gar größtenteils Schuld an Flucht, Vertreibung und auch an Extremismus, welcher in zur Zeit in Arabien und Afrika besonders gedeiht.

Fluchtursachen werden eben nicht bzw. nur halbherzig bekämpft, stattdessen legten Stellvertreterkriege der USA und Russlands mit wechselseitiger Unterstützung von „guten Rebellen“ die Grundlage für Terror und Extremismus. Es wurden massenhaft Waffen verteilt und Länder destabilisiert, ja dadurch auch deren Kultur zerstört, in denen in den 1970er Jahre noch ganz andere Verhältnisse herrschten. Weitaus offenere, fortschrittliche und säkulare nämlich, viel näher an den humanistischen Idealen als heute, nach westlichen „Demokratieinterventionen“
Und es ist vollkommen klar, das Menschen, denen man die Heimat, die Identität und Kultur nahm, die man mit Bomben übersät, und in deren Leben nur noch Chaos und Gewalt herrschen; zu einem viel größeren Prozentsatz empfänglich werden für Extremismus und schnelle Heilsversprechen.

Das wäre unter ähnlichen Verhältnissen in Europa nicht anders.
Einer der Hauptagitatoren, nämlich die USA, hält sich da völlig raus, nicht mal die angekündigten 15.000 Flüchtlinge wurden aufgenommen, Guantanamo trotz Versprechen immer noch nicht geschlossen.

Auch D trifft meines Erachtens aber große Mitschuld. Wir sind Waffen- und Munditions- Exportmeister. Naiv zu glauben, diese landeten nicht bei gewaltbereiten Extremisten.
D schließt Pakte mit der Türkei, obwohl bekannt ist das dort die Freiheit quasi abgeschafft wird und auch schon lange bekannt ist (Can Dündar deckte dies auf) das die Türkische Armee in eigenem Interesse ISIS direkt unterstützt.
Zudem geht die political correctness in D so weit, daß man einer Lehrerin für islamische Religion nicht mehr kritische Fragen stellt, nachdem sie sich traurig äußert, daß einige ihrer Schüler zu IS-Kämpfern wurden. Hat sie denn nichts sehen wollen, oder könnte nicht auch Ihr Unterricht gar dazu beigetragen haben?
Warum findet eine Diskussion darüber nicht statt? Und warum auch immer noch viel zu wenig darüber, das nicht wenige Extremisten aus behüteten Verhältnissen in Deutschland stammen, warum ist das in unserer Gesellschaft so möglich? Was läuft hier offenbar ziemlich ungestört ab, das so etwas ermöglicht?
Warum genießen Politisch Verfolgte Asyl, (was gut und wichtig ist) aber dann ein Edward Snowden nicht? Man knickt hier ein, ist schwach gegenüber den USA.


Zum Totalitarismus ist auch immer eine entsprechende Überwachungsstruktur notwendig, welche heute, dank Digitalisierung, sehr einfach verfügbar gemacht werden kann. Entsprechende Gesetze (jüngst das BND-Gesetz) passieren mit überraschend wenig öffentlichem Interesse die Instanzen, trotz ihrer großen Tragweite. Zudem unterwirft sich eine sehr große Mehrheit naiv bis verharmlosend auch der immer lückenloser werdenden Überwachung der IT-Grosskonzerne. Darunter auch genug Zeitgenossen, die sich zwar als Globalisierungskritiker und politisch aktiv/aufgeklärt bezeichnen, aber dann sehr unbekümmert Facebook, Clouddienste und Co nutzen.

Ein Diskurs über digitale Überwachung und Vergläserung das Bürgers findet in der Mitte der Gesellschaft sehr wenig statt.
Die RLS und der CCC leistet da zwar gute und wissenschaftlich fundierte Arbeit, indes interessiert es nur die wenigsten.
Währenddessen bauen Staat und Verwaltung der BRD seit Jahrzehnten ihre IT fast ausschließlich auf Produkten der Firma Microsoft auf, welche sich US-Interessen unterwerfen muß, und von deren
undokumentierten Schnittstellen man nichts weiß, da die Quellen nicht offen sind.
Meier Pirmin
31. Oktober 2016 15:42
@Karl. Danke für die Aufforderung, aber Sie verlangen im Moment zu viel von mir. Und was heisst da schon schulmeisterlich? Es ist bekannt, dass Eric Voegelin, eigentlich Erich Wilhelm Voegelin (1901 - 1985) , nun mal ziemlich vernichtende Kritik an Arendts unzureichender, hauptsächlich das Institutionelle beschlagender Analyse des Totalitarismus geführt hat, wozu 2015 noch ein Briefwechsel Arendt/Voegelin erschienen ist, worin sich die Dame teilweise zu verteidigen versucht. Für die Kritik des sanften Totalitarismus empfahl ich bereits "Der Weg zur Knechtschaft" (1962) von Friedrich August von Hayek, würde dem noch "Torheiten der Zeit" (1966) von Wilhelm Röpke hinzufügen, nicht zuletzt den dort publizierten Essay "Bildung und Wissenschaft in der Kulturkrise", der für mich bei der Lektüre kurz nach Erscheinen wegleitend blieb. Voegelin warnte als Professor in München mit erheblichem Nachdruck vor dem nach 1968 forcierten Bildungsumbau bei den Geisteswissenschaften, was ihn dann veranlasste, die Bundesrepublik wieder zu verlassen um in Amerika nach einem geeigneten elfenbeinernen Turm Ausschau zu halten. Dass Voegelin, weder Jude noch Linker (Hayek hatte ihn in einem Gesprächskreis um Ludwig von Mises kennengelernt), 1938 Österreich verlassen musste, hängt mit seiner schon 1933 sauber formulierten vernichtenden ideologiekritischen Analyse politischer Rassentheorien zusammen und seinem Buch "Politische Religionen", welches von meinem Lehrer Hermann Lübbe als sein wirkungsvollstes Werk eingeschätzt wurde. Voegelin lehnte übrigens Popper als philosophischen "Schreihals" und "Produzenten von Dreck" ab, was indes auf polemisierender Gegenseitigkeit beruhte, wiewohl Voegelin selber eine stille Stimme der Philosophiegeschichte blieb, hauptsächlich an seinem zehnbändigen Standardwerk "Order and History" arbeitend, eine sozusagen empirisch fundierende Nacharbeitung von Schellings Philosophie der Offenbarung. Überaus kritisch hat sich Voegelin mit Fichte auseinandergesetzt, in dem er wie einen politischen Gnostiker sah, im Prinzip also einen Theoretiker der innerweltlichen Erlösung, die Basis fast eines jedweden Totalitarismus. In diesem Sinn hielt er auch Marx für einen "philosophischen Betrüger". Als totalitäre Züge würden die Befürwortung des Massenterrors und die Geringschätzung der Gewaltentrennung eingeschätzt.


Selber zitierte ich Voegelin in meiner 1978 publizierten Dissertation. 1972 las ich von ihm "Die neue Wissenschaft der Politik", ein Werk, das auch Einfluss auf den in Freiburg wirkenden Staatsphilosophen Bergsträsser gewann, dem man heute posthum mangelnde "antifaschistische" Haltung vorwirft, wiewohl auch dieser wie Voegelin ins amerikanische Exil fahren musste. Dass Voegelin, einer der vernichtendsten Kritiker moderner Ideologien, seinerseits einen metaphysischen und gewissermassen "universalistischen" Ansatz hatte, ändert nichts daran, dass er zu einem der bedeutendsten Kritiker des Totalitarismus wurde. Voegelin, der in Oesterreich bis 1938 das dortige autoritäre Regime als noch geringstes Übel unterstützt zu haben scheint, ist dann weder in den Vereinigten Staaten noch in Deutschland als Unterzeichner politischer Manifeste und dergleichen in Erscheinung getreten, zeigte sich dann aber über die "Weiterentwicklung" der Philosophie in Deutschland vor und nach 1968 zutiefst enttäuscht.

M.L.: Meister Meier, bei allem Respekt, darf ich Sie bitten, sich in Zukunft ein wenig zu bremsen, was die Kommentarlängen und -häufigkeiten betrifft? Nicht nur ich empfinde diese ausufernden Co-Referate auf die Dauer etwas ermüdend, und "schulmeisterlich" kann man Ihren Hang, Ihre eigene Meisterschaft und deren historische Meilensteine in epischer Breite zu präsentieren, durchaus nennen. Ansonsten wäre es mir auch lieber, Sie denken über Karls Anregung nach.
Monika
31. Oktober 2016 19:04
Teil 3

Totalitarismus und Metaphysik

Ohne transzendenten Rückzugspol sind wir dem Ungeheuer Welt eingefügt.

Peter Sloterdijk

In Europa stagniert das Christentum. Es ist nicht mehr Träger der Gesamtkultur. Bischöfe legen in Jerusalem ihre Kreuze ab, um dem Islam Respekt zu erweisen. Unterwerfung. Hure Europa.

Die allgemeine Humanität, aktuell die postmoderne Toleranzreligion lebt von den Verbrennungsrückständen ( Guardini) einer ehemals christlich geprägten Kultur.
Auch wenn die Religion in Europa am Ende ist, so ist der Glaube nicht am Ende. Die Hoffnung des Gläubigen ( die sich auf einen unvermarktbaren Gott richtet) ist noch vorhanden. Der Mensch will religiös sein. Was Feuerbach , Marx, Nietzsche als Selbsttäuschung, ( etwa durch Projektionen) abtaten , ist geblieben.
Da die Hoffnung nicht mehr auf Transzendentes gerichtet ist, richtet sie sich auf Immanentes. Staaten werden zu religösen Gebilden, es erfolgt eine Sakralisierung der Politik ( Robert Menasse) . In den Medien erfolgt eine religöse Selbstinszenierung. Der "Kapitalismus " ( Konsum) wird selbst zur Religion , nimmt das Sakrale auf, verheißt das Paradies.

Die Transzendenz der Postmoderne läßt Menschen keinen metaphysischen Ausweg. Trotzdem haben konkrete Menschen konkrete religiöse religiöse Bedürfnisse. ( siehe Die Vielfalt religöser Erfahrung, William James)

Wenn es allerdings tatsächlich keinen Ausbruch aus der Immanenz der Welt in eine Transzendenzn( andere Seinsqualität) gäbe, dann ließe sich die offizielle Religion ( kollektiv entlastende Sinnvorgabe) der Postmodernen Gesellschaft so beschreiben:
Es gibt keinen Gott, aber es gibt das Paradies auf Erden, und zwar hier und jetzt, nicht erst in einer Zukunft. Nicht jeder kann hineinkommen und schon gar nicht alle. Es liegt an dir, an deiner Aktivität, ob du zu den Erlösten oder zu den Verdammten gehörst.


In diesem Sinne ist Deutschland ( noch) für viele Menschen das Paradies auf Erden. In das die Stärksten der Armen hineindrängen. Viele bleiben auf der Strecke. Und die, die schon lange im Paradies leben, sind abgestumpft und erkennen nicht mehr, wie gut es ihnen gegangen ist.
Das Leben in der ewigen Gegenwart ( Zygmunt Baumann) scheint sich dem Ende zu nähern.
Kann Europa noch einmal zu seinen Kraftquellen finden ?
Oder tritt es von der Weltbühne ab ?
Europa wird christlich sein oder es wird nicht mehr sein
Guardini
PetSchmi
31. Oktober 2016 22:57
@Th. Wawerka

Die ideologische Grundlage des heutigen Systems stellt der Globalismus dar, den Manfred Kleine-Hartlage in seinem Buch "Neue Weltordnung - Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie" (Antaios 2012) als im Gegensatz zu Bolschewismus oder Nationalsozialismus immanent strukturzersetzend beschreibt und welcher unter der politischen Formel "Demokratie, freie Märkte, westliche Werte" operiert. "Multikulturalismus", "Genderismus" usw. können danach als globalistische Subideologien zur Zersetzung nationaler und persönlicher bzw. familiärer Identitäten betrachtet werden. Als Endziel der IGE-Eliten steht die individualistisch atomisierte Gesellschaft ohne inneren Zusammenhalt und Widerstandskraft gegen die NWO.
Winston Smith 78699
31. Oktober 2016 23:06
@ Meier Pirmin @ M.L.

Voegelin: einer jener derartig aus der Mode geratenen Namen, dass sie zu düsteren Legenden werden, obwohl sie insgeheim jeder kennen muß. So etwas zog mich immer an als Student, wodurch ich meist quer zum trendigen Jargon lag. Auch bei sezession findet er mäßig häufige Erwähnung, aber nie eigenständig. Wer Voegelin sagt, muß der auch Leo Strauss sagen - in diesem Zusammenhang, zur Tyrannis? Dies nur als Anregung für Meier. Lübbe kannte ich nur als Analytiker durch das extrem gute Handlexion - war dies oder war formale Logik etwa eine Art Flucht vor der Politik in vermeintlich neutrale Gefilde? Wenn Meier da von Zeugen der 68er-Zeit redet, dann scheint ihn was Bestimmtes umzutreiben und vielliecht kann er das ja klären. Die 68er sind bislang nur einer der vielen hypothetischen Stränge von Wurzeln des aktuellen Schlamassels, aber immerhin war Meier aktiv dabei und bräuchte vielleicht nur aus erster Hand erzählen, was er erlebt hat - zum Totalitarismus. Dann hätte Sezession noch so einen Zeitzeugen wider das Vergessen.
Baldur H.
01. November 2016 10:53
@M.L. zu Meier Pirmin

Was bringt das Lesen von "Leserbriefen"?
Gelegentlich eine ganze Menge Anregungen, Einblicke, Relativierungen... Die der Sezession gehen - beispielsweise - über die von Zeit-online weit hinaus, dort erschöpft es sich oft in Ping-Pong-Zickigkeiten, mehr oder weniger amüsant, auf die Dauer ermüdend und vermeidend.

Hier nicht. Das mag an der hiesigen Moderation liegen und an den Ausgangsaufsätzen u. a. mit den beibehaltenen Fußnoten (sehr gut!).

Die transparente, gut lesbare "Fußnotenschreibe" von Meier Pirmin, sein freundliches Zausen von tatsächlichen oder vermeintlichen Schulaufsätzen (und ähnlichen Leserbriefen) nach dem Motto "Mein-schönstes-Leseerlebnis" ist ein Gewinn, übt auch diagonales Lesen bei Meier Pirmin oder stärkt die Kritikfähigkeit der "Gezausten".

Ich danke Meier Pirmin für seine Beiträge mit lebensgeschichtlicher Tiefe und vielfältigen Reflexionen. Die Sezession und ihre Moderation sollte ihn unbedingt weiter aushalten können.
Monika
01. November 2016 11:30
Der Historiker Rolf Peter Sieferle hat in seinem letzten (in der Zeitschrift Tumult veröffentlichen) Essay darauf hingewiesen, was für unwahrscheinliche, seltene und zerbrechliche Phänomene der Rechtsstaat und der Sozialsstaat aus weltgeschichtlicher Perspektive sind. Wir hielten sie im Tunnelblick unseres Kurzzeitdenkes für normal, nähmen es als gegeben hin, dass sie existierten, hätten das Gefühl dafür verloren, welcher gewaltiger Aufwand und welches Unmaß an Leiden nötig waren, dass solche Strukturen ausnahmsweise entstehen konnten. Sie entstanden übrigens in Europa, ein paar andere Weltgegenden übernahmen dieses Modell, doch global und aufs Ganze gesehen sind sie exotische Ausnahmen. Die mit den Begriffen Rechtsstaat und Sozialstaat beschriebene Sphäre von Sicherheit und Prosperität wird momentan von der politischen Klasse (West-)Europas und ihren intellektuellen Lautsprechern sehenden Auges im Namen der Gleichheit, der Antidiskriminierung und der heiligen Diversivität preisgegeben. "Die europäischen Gesellschaften sind von dem Grundgedanken des Egalitarismus besessen", schrieb Sieferle dazu. "Dieses ideologische Muster produziert die Utopie der totalen materiellen Gleichheit, die gewissermaßen den naturalen Attraktionspunkt der menschlichen Existenz bildet. Ungleichheiten sind dagegen 'unnatürlich', sie gelten als bloße 'soziale Konstrukte' und sind daher ohne weiteres zu rekonstruieren. Dies gilt für alle Dimensionen, also für Geschlecht, Rasse, Begabung, soziale Position etc. Aus dieser Perspektive eines universalistisch-egalitären Programms ist jede reale Ungleichheit schlechthin unerträglich."

Klonovsky, acta 31.10.16

Insofern einige Rechte geneigt sind, das Problem eines religiösen, hier christlichen Universalismus und christliche Gleichheitsgedanken zur geistigen Grundlage der Übel der Welt ( Wirtschaftlicher Globalismus, one-World, no border-no natian etc.) zu machen, ist aus christlicher Sicht folgendes zu sagen:
Christlicher Universalismus meint weder die Aufhebung wirtschaftlich/ kultureller/ nationaler Grenzen noch die Aufhebung natürlicher Ordnungen.
Wenn es in Gal 3,26-29 heißt:
Es gibt nicht mehr Juden und Heiden, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid " einer" in Christus Jesus" meint das keinen materiellen Universalismus oder gar eine Gendertheorie. Da gab es tatsächlich eine evangelische Theologin, die Paulus zum Gendertheologen machen wollte ( es gibt nicht Mann noch Frau).
Die Gleichheit ist begründet in Christus Jesus und der predigte bekanntlich , dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt und seine Schätze nicht ausschließlich in dieser Welt suchen soll.
Wenn nun massenhaft Migrantenströme zunächst die Schätze der Welt in Europa suchen, ist das kein Resultat einer christlichen Gleichheitslehre, sondern eher der politischen, geographischen Lage Europas geschuldet.
Im Essay " Deutschland , Schlaraffenland" von Rolf Peter Sieferle in Tumult Winter 15/ 16 ist das grundlegend ausgeführt.
Europa ist geographisch der Raum, in dem der stärkste Einwanderungsdruck zu erwarten ist . Deutschland ist eine Art Schlaraffenland.
Sieferle schreibt:
Wir stehen also vor dem Problem, dass eine erfolgreiche Industriealisierung offenbar auf bestimmten historischen , vor allem kulturellen und institutionellen Voraussetzungen beruht, die nicht leicht zu imitieren oder zu konstruieren sind. Die Menschen leben gerne im Schlaraffenland, deshalb drängt es sie zur Migration in die Industrieländer, denn irgendwas hindert sie daran , dieses Schlaraffenland bei sich zuhause zu errichten. Offenbar ist die Immigration in ein bereits existierendes Schlaraffwnland leichter als ein Aufbau im eigenen Land.


Also, wie oben schon gesagt
Vom arabischen Frühling in den deutschen Herbst....
die Folgen sieht Sieferle in einer Entwicklung zur multitribalen Gesellschaft. Rechtsstaat und Sozialstaat werden unter dem Massenansturm zerbrechen.
la vie est belle
01. November 2016 14:31
@monika

na, dann sollten wir aber schleunigst ein forum für all die christen und religiösen bieten können, die sich der selbstverleugnung nicht unterordnen wollen. von mir aus auch eine eigene kirche...wäre das nicht was für hr. wawerka? schließlich müsste der doch nun am ehesten begriffen haben, dass es diesen kirchen jetzt nicht um religion, sondern um macht geht...vorgestern verbrennen sie die ketzer, gestern segnen sie die fallbeile gegen die ketzer, heute versuchen sie es mit der unterordnung und krankhaftem altruismus...was morgen? eine alternative?
Gustav
01. November 2016 16:58
"Der Totalitarismus entsteht aus einer inneren Folgerichtigkeit...."

Die Jakobiner waren die ersten, die versuchten, im Zuge der französischen Revolution eine Ordnung durchsetzten, die als demokratisch aufgefaßt wurde, insofern sie egalitär war und grundsätzlich auf dem Mehrheitsprinzip aufbaute und gleichzeitig jede Opposition für illegitim erklärte, weil sie dem Gemeinwillen entgegenstand.

Der innere Zusammenhang solcher Demokratie mit dem Terror hat auf die politische Linke ausgesprochen begeisternd gewirkt und in erfolgreichen Revolutionen (Rußland 1917) ebenso wie in fehlgeschlagenen (die Commune von 1870/71, die Herrschaft der Anarchisten, Radikalsozialisten und Kommunisten in Spanien 1936-1939, die Epuration von 1944/45, die Studentenrevolte von 1968) regelmäßig »Wohlfahrtsausschüsse« hervorgebracht, die vorübergehend tatsächlich das Volk oder doch die Volksmeinung hinter sich wußten.

Von geordneten Abstimmungen, öffentlicher Diskussion und regelmäßigem Machtwechsel war dabei selbstverständlich keine Rede, trotzdem fällt es schwer, in den Systemen, die aus den Umwälzungen hervorgingen, klassische Formen der Tyrannis, Militärdespotien oder gar Rückfälle in den Absolutismus zu erkennen. Der Historiker Jakob Talmon hat deshalb vorgeschlagen, von einer »totalitären Demokratie« zu sprechen. Ein Terminus, der dem nicht einleuchten wird, der glaubt, daß Totalitarismus und Demokratie natürliche Gegensätze seien. Talmon weist aber darauf hin, daß nicht Totalitarismus und Demokratie, sondern Totalitarismus und Freiheit prinzipiell unvereinbar sind: »Die moderne totalitäre Demokratie«, so seine Argumentation, »ist eine Diktatur, die sich auf die Begeisterung der Volksmassen stützt und somit völlig verschieden ist von der absoluten Gewalt, die von einem König von Gottes Gnaden ausgeübt wird, oder von einem Tyrannen, der die Macht an sich gerissen hat. Insoweit sie Diktatur ist, die auf Ideologie und Massenbegeisterung basiert, ist sie ... das Ergebnis einer Synthese der Idee des achtzehnten Jahrhunderts von der Natürlichen Ordnung und der rousseauschen Idee von der Selbstentfaltung und Selbstbestimmung des Volkes.«

Otto Ammon, einer der einflußreichsten Befürworter der »Social-Anthropologie« in Deutschland, erklärte denn auch, daß das demokratische Prinzip absurd sei: das »Wesen der Gesellschaftsordnung« bestehe eben darin, »daß die Massen der mittelmäßig und schwach Begabten durch die hervorragenderen Köpfe geleitet werden. So war es, so ist es und so wird es bleiben, so lange es eine ›Gesellschaft‹ giebt. .... Auf der Ungleichheit beruht die Gesellschaftsordnung, und die Ungleichheit ist nicht etwas, das abgeschafft werden könnte, sondern sie ist vom Menschengeschlecht unzertrennlich wie Geburt und Tod. Sie ist unabänderlich wie die mathematischen Wahrheiten, und ewig wie die Gesetze, die den Gang unseres Planetensystems regeln.« (Otto Ammon, Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen Grundlagen, 1884, S. 255f.).“ (Karlheinz Weißmann, Post-Demokratie,)
Waldgänger
01. November 2016 19:38
@ Trouver

Um auf Ihre Frage vom 30. Oktober zu antworten:

Sie hatten sich gewundert, dass ich die Wurzeln im Westen, d.h. vor allem in den USA sehe und nicht in der UdSSR, obwohl diese sicherlich totalitär gewesen ist.

Ich meinte die Wurzeln jenes relativ neuartigen sanften Totalitarismus, den Sellner ja schon im Titel anführt.

Der harte despotische Totalitarismus hat sich überlebt, hat sich auch als nicht dauerhaft erfolgreich erwiesen.
Deshalb der überstarke Ausbau des Standbeins "Meinungslenkung".

(Dass es daneben sehr wohl noch andere Standbeine gibt, ist klar.
Die Meinungslenkung ist aber heute ungleich wichtiger als früher.)
Peter M. Messer
01. November 2016 20:00
Ich hätte gerne historische Beispiele dafür, dass Gewaltanwendung den Totalitarismus schwächer macht oder ein Zeichen von Schwäche ist. Die Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat die chinesische Führung jedenfalls nicht geschwächt. Tatsächlich ist es doch so, dass totalitäre oder auch nur autokratische Regime dann fallen, wenn ihre Gewalttätigkeit nachlässt, die ersten Anzeichen von Opposition nicht mehr sofort unterdrückt werden und von ihnen eine positive Rückkopplung wachsenden Widerstands ausgehen kann. Gewalttätigkeit außerhalb des rechtlich Zulässigen kann eine ohnehin dominante Position sogar stärken, und zwar doppelt: Einmal zeigt sie, wie ernst es den Gewalttätern mit ihrer Sache ist, die gewalttätigen Proteste gegen Wackersdorf u. a. haben den Anti-Atom-Protest auch nicht deligitimiert. Zweitens sind sie ein Zeichen für den Glauben an die höhere Legitimität der eigenen Sache, die man über die Legalität des positiven Rechts setzt. Ich kann auch nicht erkennen, dass das staatliche und halbstaatliche Einschüchterungspotential an Wirkung verloren hat, und wenn, dann nur durch Machterfolg, nämlich die Wahlerfolge der AfD.

Ich sehe auch keine Grundlage für den Glauben an das automatische Ablaufen von einmal angestoßenen "Aufwachprozessen", denn wie oft haben wir das in den letzten Jahrzehnten gedacht? Die Erfolge von FN, FPÖ oder Ukip sind das Resultat von jahrelanger politischer Arbeit und kein plötzliches "Aufwachen". Man sollte auch daran denken, dass das Wiedererstarken der AfD sich nicht direkt der Migrassorenkatastrophe des Jahres 2015 verdankt, sondern die Umfragewerte erst nach der Silvesternacht in Köln deutlich anstiegen, in der die sexuelle Würde und Selbstbestimmung von Frauen verletzt wurde, die im dominanten Diskurs ein höchstes, ständig beschworenes Gut ist. Man hat hier gewissermaßen die Diskursmacht der Herrschenden angezapft und von ihr profitiert - und nicht von eigener Stärke. Hätte es sich um massenhafte Gewalttaten gegen Männer gehandelt, wäre die Wirkung kaum so groß gewesen. Anstatt Hoffnungen auf "offene Debatten" zu setzen, sollte man eher das Bewußtsein für die unbedingte Notwendigkeit der Parteilichkeit für sich selbst und die eigene Sache schärfen. Ansonste lässt man sich nämlich wieder allzu leicht in angeblich offenen Debatten von der Gegenseite aufs Kreuz legen.
Der_Jürgen
02. November 2016 09:47
@Peter M. Messer

Auch wenn es nur noch wenige lesen, will ich doch einige Worte zu Ihrem Kommentar sagen, und zwar zustimmende.

Wenn ein diktatorisches Regime Proteste nicht sofort niederschlägt, sondern den Protestierenden immer mehr Zugeständnisse macht, ist das ein eklatantes Zeichen seiner Schwäche und ein Zeichen seines nahen Untergangs. Andererseits kann Gewaltanwendung das Gegenteil des Gewünschten bewirken, wenn das Regime nicht mehr auf seinen eigenen Apparat bauen kann. Ein Beispiel hierfür war Rumänien im Dezember 1989. Die Schüsse auf die Demonstranten in Timisoara brachten Ceausescu nichts mehr, weil seine Partei und seine Armee und Polizei nicht mehr geschlossen hinter ihm standen; sie beschleunigten seinen Sturz und lieferten seinen Feinden eine Rechtfertigung für seine Hinrichtung nach einem fragwürdigen Prozess.

Hätte die SED-Regierung im Herbst 89 auf die Demonstranten schiessen lassen, wäre ihr Untergang dadurch nur kurzfristig herausgezögert worden, weil die Sowjets nicht mehr bereit waren, zur Rettung ihrer Satrapen Panzer rollen zu lassen. Auf ein vergleichbares Szenarium hoffe ich für die BRD, wenn entweder Trump Präsident wird oder die VSA in ein so blutigen Chaos versinken, dass sie vollends mit sich beschäftigt und zu neuen aussenpolitischen Abenteuern nicht mehr gewillt sein werden. Dann hätte ein Volksaufstand in Deutschland grosse Erfolgsschancen.
Annemarie Paulitsch
02. November 2016 11:33
Peter M. Messer

"Die Erfolge von FN, FPÖ oder Ukip sind das Resultat von jahrelanger politischer Arbeit und kein plötzliches „Aufwachen“.

Erfolge gibt es aus Sicht der Parteifunktionäre und deren Wähler sicherlich. Nur praktisch haben sie nichts bewirkt. Die Völkervernichtungspolitik hält parallel zu den "Erfolgen" unvermindert an.
Meier Pirmin
02. November 2016 11:38
@la vie est belle/Monika. Eine "eigene Kirche", wie sie dem von mir bestgeschätzten Wawerka empfohlen wird, würde in der Aussenwahrnehmung als "Sekte" bezeichnet, hat schon im 19. Jahrhundert bei den Altkatholiken oder Christkatholiken nicht funktioniert, wiewohl sie diesen Befund nicht gern hören. Sie gingen in der Schweiz aus einem "Verein freisinniger Katholiken" hervor. Also einem politischen Impetus. @ Das berüchtigte, die Universitäten und das akademische Leben zerstörende Prinzip der Parteilichkeit, von dem Marxisten, Antifaschisten, bornierte Antikommunisten und vor allem der Feminismus leben, führt nun mal zur Selbstbornierung, wiewohl es natürlich völlige Illusionen gibt über "offene Debatten". Die Toleranz hört immer dort auf, wo die wahren Meinungsverschiedenheiten beginnen. Nicht zu vergessen ist aber, dass der Gegner manchmal die Position wiederum seines Gegners besser formulieren kann als man selber. Spätestens seit dem feststellenden Postulat von Daniel Cohn-Bendit in der Paulskirche, wo seit Ernst Jünger kein Rechter mehr Gix oder Gax sagen durfte, dass eine Haupttendenz unserer Zeit eine "neue europäische Bevölkerung" sei, muss klar sein, wie wichtig der luzidere Teil der Gegner werden kann. Der dümmliche Glaubenssatz der Mainstream-Medien, "angebliche Umvolkung", wurde nie bedeutsamer dementiert. Cohn-Bendit, und nicht etwa Raspail, müsste in einem Programm der metapolitischen und politischen Opposition namentlich zitiert werden.
waldgänger
02. November 2016 19:34
@ Peter M. Messer @ Der_Jürgen

Ein tyrannisches Regime, das ggf. nicht zur Gewalt greift, wird schnell scheitern. Konsens.

Andererseits ist die starke Betonung des repressiven Elements eine Gradwanderung, weil die Repression natürlich erst recht in kritischen Zeiten (z.B. Versorgungsengpass, Kriegsniederlage, drängende Richtungsentscheidungen) aufrechterhalten werden muss und dann doch ziemlich viele Leute treffen und verbittern kann, und zwar eben auch innerhalb des Apparats. Das Beispiel "Rumänien 1989" halte ich daher für sehr passend. Auch Stalins Diktaturmodell endete kurz nach seinem Tod.

Eine harte Tyrannis ist sozusagen zu Erfolgen verdammt, tendiert zur Steigerung der Repression und kann sich Misserfolge weniger leisten als ein sanft-totalitäres System, das die Leute einlullt, verdummt und raffiniert lenkt und die Kontrolle eher als Hintergrundprogramm laufen lässt.

Insofern haben die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts zumindest versucht, eine Mischung von Kontrolle/Gewalt und Belohnung/Verführung zu praktizieren.
In der DDR waren das etwa die Karriereangebote für Mitmacher oder der Wohnungsbau; im Dritten Reich die bald erreichte Vollbeschäftigung, die Angebote der "Kraft durch Freude"-Organisation sowie die bis weit in den Krieg hinein vergleichsweise gute Versorgungslage. Wahrscheinlich kann man Götz Aly hier sogar einmal zustimmen, wenn er betont, dass die Übernahme und Neuausgabe jüdischen Eigentums als ein Versuch zur Verführung und Belohnung gesehen werden kann.
Nemo Obligatur
02. November 2016 22:04
Werter Herr Sellner,

ich weiß nicht, ob man mit Ihrem Ansatz unbedingt weiter kommt. In groben Zügen beschreiben Sie die heutige Politik als gesteuert durch einen Masterplan zur Austilgung der Nationen und damit verbunden zur "Umvolkung". In gewisser Weise setzt das rational handelnde Politiker mit entsprechender Handlungskompetenz voraus.

Schaut man aber näher hin, dann sieht man, das gewaltig was aus dem Ruder gelaufen sein muss und sich nie erwartete Dinge vollziehen. Wer hätte in Berlin oder Brüssel noch vor zehn Jahren gedacht, dass der ganze Nahe Osten ins Rutschen gerät? Westeuropa kommt derzeit unter die Räder, weil wir das falsche "Geschäftsmodell" haben: Ein Sozialstaat mit offenen Grenzen. Noch dazu wollen wir West-Europäer von aller Welt für unsere Toleranz und Großzügigkeit geliebt werden. Das ist in der heutigen Lage eine fatale Kombination. Allerdings würde ich nicht davon ausgehen, dass wir derzeit das Resultat eines von langer Hand vorbereiteten absichtsvollen Handelns besichtigen können. Der Motor ist selbstredend das starke Bevölkerungswachstum in den Staaten der Dritten Welt bei beschleunigter Vergreisung im Westen. Als Lesehinweis empfehle ich Ihnen folgenden Text, wohlwissend, dass der Verfasser hier nichts wirklich Neues sagt, sondern alle Argumente von ihm und anderen schon zuvor angeführt worden sind.

http://cicero.de/weltbuehne/migrationsstroeme-die-folgen-der-globalen-voelkerwanderung
Karl Brenner
03. November 2016 00:57
Demonstrationen sind Teil einer Demokratie.
Die Jakobiner haben diese Form gerne genutzt.
Jetzt, da sie an der Macht sind und ihre Ideen gescheitert sind, wollen sie die Demonstrationen nicht akzeptieren. Es werden Geschütze aufgefahren.
Daher die Hinrichtungswelle mit Begriffen wie "Rassismus", "Nazi" etc
Meier Pirmin
03. November 2016 01:16
@Winston Smith. Der kompetetenteste Forscher über Leo Strauss ist zweifellos der Exrechte, immer noch wertkonservativ orientierte Gelehrte Heinrich Meier, der trotz mangelnder Kenntnis der Schweizer demokratiegeschichtlichen Bezüge sicher verdienstvollste deutsche Rousseau-Kenner, auch Übersetzer und Interpret. Auf einen so starken und bedeutenden Denker Leo Strauss muss man hier wohl nicht mehr gross aufmerksam machen, wenn schon, als einer der weltweit kritischsten Analytiker des Liberalismus und der Manager-Ideologie ist auf den Amerikaner James Burnham zu verweisen, Renegat des Kommunismus, der vor 50 Jahren in seinem Standardwerk nach modernsten soziologischen Methoden den amerikanischen "liberalism" aufs Korn genommen hat. Dieser "liberalism" ist ziemlich das Gegenteil dessen, was ein Theodor Heuss, Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow unter Liberalismus verstanden hat. Ohne diese klare Unterscheidung, _derjürgen, liegen Sie bei aller indirekter mutmasslicher Berufung auf Mohler schief, wenn Sie pauschal den Liberalismus als "Hauptfeind" definieren. Als Kritiker des liberalism scheint mir Burnham, dessen damals epochales Buch "Begeht der Westen Selbstmord?" 1965 bei Econ deutsch erschienen ist, exaker, empirischer und soziologischer als zum Beispiel Mohler und trifft insbesondere den noch immer virulenten amerikanischen "liberalism" zentimetergenau. Da kann meines Erachtens kein einziger neuerer Franzose mithalten, auch André Glucksmann nicht, den ich vor Jahresfrist in im Netz publizierten Nachrufen zu würdigen versuchte.
Th. Wawerka
03. November 2016 14:31
@la vie est belle/Monika:

Ich schließe mich meinem Vorposter an. "Forum": ja - "Kirche": nein. Eine Kirche kann man schließlich nicht einfach aus dem Hut ziehen.
Aber man kann anfangen und sehen, wohin der Weg führt ... reservieren Sie sich den 14.1. und schreiben Sie mir. (Ich bin etwas resigniert, von Ihnen, Monika, keine Mail empfangen zu haben ...)
Monika
03. November 2016 15:16
Lieber Thomas Wawerka,
Ich hatte Ihnen über Frau Kositza eine mail zukommen lassen. Da ging wohl was schief.
Ich bin sehr, sehr interessiert an Ihrem Projekt eines Forums ( usw.)
Ich reserviere mir den 14. Januar und freue mich.
Liebe Grüße
Monika
Dietrich Stahl
04. November 2016 08:13
Lieber Martin Sellner,

als kleines Dankeschön habe ich gerade in meinem Blog ein bisschen Werbung für die IB gemacht:

http://www.freiheit-wahrheit-verantwortung.de/

Herzliche Grüße
D.S.
Winston Smith 78699
05. November 2016 08:42
@ Meier Pirmin

Danke, dass Sie meinen Satz über Lübbe nicht zerpflückt haben. Seit Jahrzehnten verwechsle ich den immer wieder mit dem Poul Lübcke. Lübbe ist der mit dem Rennwagen, den kannte ich so früh ein wenig persönlich, dass ich ihn für den Einzigen hielt und daher in vielen anderen sehe. Danke auch an SiN für die Gelegenheit zur Korrektur. Frägt sich nur, ob der falsche Satz am Ende auch noch Sinn und Bedeutung findet. So entsteht hoffentlich Neues wie Mauvein aus dem Laborfehler, das ist ehrlich mein Glaube.
Andudu
05. November 2016 21:22
Danke, ein hervorragender Artikel der Mut macht!

Ihr Wort in Gottes Ohr Herr Sellner!
Martin Lichtmesz
06. November 2016 08:02
Badeschluß, Dank an Alle!

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