Bücher, die wir in Sezession 119 besprechen – ein Überblick

Auf dem Titel der neuen Sezession werde auch ich aufgeführt: "Ellen Kositza - Viele Bücher". Ich hatte die Titelseite erst nach Drucklegung gesehen und fieberte – ähm, was war das nochmal für ein Text von mir?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

„Vie­le Bücher“ bezieht sich dar­auf, daß ich den Rezen­sio­nen­teil der Sezes­si­on betreue. Aus einer Leser­um­fra­ge, aber auch aus vie­len Gesprä­chen mit Abon­nen­ten wis­sen wir, daß die Buch­be­spre­chun­gen zu den Tei­len des Hef­tes gehö­ren, die zunächst und gründ­lich gele­sen und zum Kern unse­rer Arbeit gezählt werden.

Es berei­tet mir stets ein gro­ßes Ver­gnü­gen, die­se Buch­be­spre­chun­gen zusam­men­zu­stel­len. Ich son­die­re monat­lich die Neu­erschei­nun­gen aus deut­schen Ver­la­gen. Nein, nicht aus allen Ver­la­gen – es gibt rund 4.800 in Deutsch­land; ich habe ein‑, zwei­hun­dert im Blick.

Dank­bar bin ich, wenn mich eine Rezen­sen­tin auf eine Publi­ka­ti­on auf­merk­sam macht, die mir sonst ent­gan­gen wäre. Sie will sie bespre­chen, weil das The­ma aus ihrer Sicht Rele­vanz hat? Dann her damit!

Eine Art Allein­stel­lungs­merk­mal hat die Sezes­si­on auch dadurch, daß es bei uns regel­mä­ßig fun­dier­te Ver­ris­se gibt. Das ist im Ver­gleich zu ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten heu­te näm­lich eine Sel­ten­heit und wird sogar im Main­stream (fol­gen­los) beklagt. Mot­to: „Die eine Krä­he hackt der ande­ren kein Auge aus.“ Der Kul­tur­be­trieb ist ja mitt­ler­wei­le eng (Spöt­ter sagen: inzes­tuös) mit­ein­an­der verflochten.

Glück­wunsch an uns selbst, daß wir hier kei­ne Rück­sich­ten neh­men müs­sen! Rache-Rezen­sio­nen und sol­che, wo einer dem ande­ren „eins aus­wi­schen“ will, neh­me ich aller­dings nicht an. Das wäre unter unse­rem Niveau. Es gab und gibt aber Fäl­le, wo ein Rezen­sent einen (Fach-)Kollegen hart kri­ti­siert. Das darf sein. Gele­gent­lich mün­det so etwas in einen Mail-Wech­sel oder ein hef­ti­ges Gespräch. Alles das ist in Ord­nung und ein Beleg dafür, daß wir nicht auf Des­in­ter­es­se stoßen.

Zuletzt etwa ging es um eine Bespre­chung von Til­man Nagels Buch über das isla­mi­sche Pflicht­ge­bet. Unse­re kri­ti­sche Rezen­si­on stieß auf Empö­rung, ähn­lich wie vor ein paar Mona­ten die saf­ti­ge Kri­tik an Mat­thi­as Matus­seks jüngs­tem Buch.

Wer bei uns rezen­siert, soll­te nicht nur fach­lich gut im Saft ste­hen – er muß auch schrei­ben kön­nen. Als Ver­lag sind wir kein Repa­ra­tur­be­trieb für „eigent­lich rich­tig gute Gedan­ken“. Ich muß die­sen Satz, par­don, fast täg­lich an Leu­te schrei­ben, die ein Manu­skript ein­reich­ten. (Meist geht es dabei aller­dings nicht um Rezensionen.)

Heft 119

Was haben wir nun in der aktu­el­len Sezes­si­on, Heft 119, an Bespre­chun­gen zu bie­ten? Begin­nen wir mit der Bel­le­tris­tik. Hier plat­zie­re ich (so gut wie) nie­mals Ver­ris­se. Viel zu rar, der Platz!

Kubit­schek stellt Das Phi­lo­so­phen­schiff von Micha­el Köhl­mei­er vor, ein fei­nes, schma­les Buch über die Vor­gän­ge auf einem jener Schif­fe, die in Sankt Peters­burg ableg­ten und miß­li­e­bi­ge Bür­ger aus der jun­gen Sowjet­uni­on schaff­ten, weil man sie aus irgend­ei­nem Grund nicht umbrin­gen woll­te! Kein Rech­ter von Ver­stand möch­te sich Inter­wiews zur aktu­el­len Lage mit Köhl­mei­er durch­le­sen. Poli­tisch ist die­ser Mensch ein Narr. Aber er kann schreiben!

Hei­no Bos­sel­mann stellt Tom Kris­ten­sens alko­ho­li­sches Absturz-Pro­to­koll vor, ent­stan­den vor knapp 100 Jah­ren – ein wie­der­ent­deck­tes, ganz beson­de­res Trin­ker-Pro­to­koll! Knut Ham­sun hat­te Absturz sei­ner­zeit als „Genie­streich und Rie­sen­werk“ gewürdigt.

Wei­ter zu den Sachbüchern:

Für äußerst instruk­tiv hält Bene­dikt Kai­ser die Neu­auf­la­ge von Der non­kon­for­mis­ti­sche Intel­lek­tu­el­le, 25 Jah­re nach der Erst­ver­öf­fent­li­chung mit einem aktu­el­len Nach­wort erschie­nen. Ah, man kann also poli­ti­sche Theo­rie­ar­beit betrei­ben, ohne in „Insi­de­rei“ oder sper­ri­ge, milieu­spe­zi­fi­sche Spra­che zu ver­fal­len!  Schwer­punkt die­ses Buchs ist die Theo­rie­ar­beit von Theo­dor W. Ador­no und Max Hork­hei­mer – zwei Den­ker, die dem Sprung in die Pra­xis gründ­lich miß­trau­ten. Wie „non­kon­form“ waren die bei­den Haus­göt­ter der „68er“ wirk­lich? Autor Demi­ro­vic jeden­falls ver­tei­digt unter ande­rem, daß bei­de mit dem Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz zusammenarbeiteten.

Kevin Nau­mann bespricht für uns Anton Jägers Suhr­kamp­ti­tel Hyper­po­li­tik.  Zwie­späl­tig! Jäger kon­sta­tiert eine Kon­ver­genz der Kri­sen, spart jedoch die Migra­ti­ons- und Demo­gra­phie­kri­se (logisch) aus.  Der Autor (*1994) erklärt, war­um (lin­ker) Akti­vis­mus so mus­ku­lös daher­kom­me, aber inner­lich hohl sei. Natür­lich prä­sen­tiert er dies im Kla­ge­ton – er trie­be die Unzu­frie­de­nen gern in Scha­ren zurück ins lin­ke Estab­lish­ment. Wer von den poten­ti­el­len lin­ken „Mobi­li­sie­rungs­kon­tex­ten“ wis­sen will – lesen!

Wie­der­um Bene­dikt Kai­ser stellt uns Mein Weg nach Ruß­land des K‑Grup­pen-Veterans Ulrich Heyden (*1954) vor. Hoch­in­ter­es­sant – ein gestan­de­ner Lin­ker, der zwi­schen­zeit­lich für Main­strea­m­or­ga­ne wie Spie­gel und DLF als Mos­kau- Kor­re­spon­dent tätig war und nun den Schwarz­weiß­blick auf Ruß­land rela­ti­vie­ren will! In der offi­ziö­sen Bericht­erstat­tung sind Zwi­schen­tö­ne zum Krieg gegen die Ukrai­ne längst uner­wünscht.  Daher ist die­ses Buch auch eine Ent­frem­dungs­his­to­rie vom Medi­en­mi­lieu. Pein­lich berührt las­sen Kai­ser die Auf­ar­bei­tung von Heydens Vater­kom­plex und sei­ne „Frau­en­ge­schich­ten“ zurück.

Ich selbst habe das Buch Kon­ver­ti­ten – Katho­lisch gewor­den von Alfred Sobel bespro­chen. Für mich war es ein Zufalls­fund, es wur­de mir ans Herz gelegt. (Wenn ich nach zu bespre­chen­der Lite­ra­tur suche, habe ich kei­nen Fokus auf Bekeh­rungs­er­leb­nis­se.) Aber was für ein groß­ar­ti­ges, ja hin­rei­ßen­des Buch!  Ich wuß­te bis dato nichts vom jüdi­schen Kon­ver­ti­ten Leon­hard Adler, der hin­ter der Errich­tung des Flug­ha­fens Ber­lin-Tem­pel­hof stand. Ich kann­te zwar (fast) alle Bücher der ful­mi­nan­ten, viel­fach­dis­si­den­ten Karin Struck, hat­te mich aber nie mit ihrer Kon­ver­si­on beschäf­tigt. Über­aus inter­es­sant sind auch die Kon­ver­sio­nen eines Mar­shall McLuhans, eines Ernst Jün­gers und der jun­gen, hoch­be­gab­ten Astro­che­mi­ke­rin Karin Öberg.

Unser Autor Claus Wolf­schlag, Kunst­his­to­ri­ker sowie pro­mo­vier­ter His­to­ri­ker, hat für uns gleich zwei Bücher zum The­ma Architektur/Bauen bespro­chen. Eines ist ein fei­ner Ver­riß, näm­lich Phil­ipp Oswalts Bau­en am natio­na­len Haus betref­fend. Mit dem lin­ken Beton­bru­ta­lis­ten Oswalt hat­te sich Wolf­schlag bereits in sei­nem kapla­ken lin­ke räu­me gründ­lich aus­ein­an­der­ge­setzt. Ganz wun­der­bar hin­ge­gen fin­det unser Rezen­sent Vitto­rio Lam­pug­na­nis Buch Gegen Weg­wer­far­chi­tek­tur . Lam­pug­na­ni hat sich schon des öfte­ren mit sei­ner Kri­tik am gegen­wär­ti­gen Bau­we­sen in die Nes­seln gesetzt. Die moder­nis­ti­sche Lin­ke haßt ihn! Sein neu­es Buch ist ein flam­men­der Weck­ruf: Gegen den Dämm­wahn, gegen Neu­bau­ge­bie­te; für Sanie­run­gen, für Erhalt.

In unse­rer aktu­el­len Sezes­si­on fin­den Sie außer­dem zwei fun­dier­te Ver­ris­se der neu­en Han­nah-Are­ndt- und Lenin-Bio­gra­phien sowie etli­che ande­re klu­ge Rezensionen.

– – –

Sezes­si­on 119 kann  (und soll­te) man hier bestel­len.
Die Bücher fin­den Sie oben unter dem jewei­li­gen Link oder über die Such­funk­ti­on auf antaios.de.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (8)

Nemo Obligatur

12. April 2024 15:09

"... aus vielen Gesprächen mit Abonnenten wissen wir, daß die Buchbesprechungen zu den Teilen des Heftes gehören, die zunächst und gründlich gelesen und zum Kern unserer Arbeit gezählt werden."
 
In der Tat. Das ist eine richtige Fundgrube. Am liebsten sind mir immer die Hinweise auf Bücher, auf die ich von selbst nicht gekommen wäre. Ich habe allerdings an zwei, drei Beispielen bemerkt, dass ich z.B. aktuelle Bücher, also Neuerscheinungen, die von "K&K" gelobt werden, eher zäh finde (das gilt seltsamerweise nicht für "Klassiker"). Leider funktioniert es aber nicht andersrum: Manchmal ist ein Verriss auch berechtigt und keine implizite Empfehlung (für mich).
Um sog. Sachbücher mache ich dabei inzwischen lieber einen Bogen. Das zehnte Buch zur Migrationspolitik, zum 2. Weltkrieg oder zu Russland bringt mir nichts mehr. 

Adler und Drache

12. April 2024 16:35

Es wurde mal ein Buch besprochen über die Mühend des Reisens im Mittelalter. Ein Detail, das ich noch weiß: billige Kerzen rochen nach heißem Fett und knisterten manchmal, weil noch Knorpel drin waren. Ich finde den Eintrag nicht mehr, kann mir jemand Autor und Titel mitteilen? 

Kositza: Glaube, Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit. Obwohl..., Mittelalter? BP hatte ein ähnlichlautendes Buch über die Lutherzeit, da wären wir knapp am MA!

Maiordomus

12. April 2024 20:12

Noch speziell von Interesse die Rezensionen von Hannah Arendt und Köhlmeier. Das Buch von Arendt hätte ich wohl gekauft, hatte es bereits in der Hand, sah aber, dass der schärfste Kritiker Arendts, der ihr ihr Nichtwissen über Eichmann und die Banalität des Bösen nachwies, der Israeli Gabriel Bach, leider vor etwa 2 Jahren verstorben, nicht mal genannt wird im Personenverzeichnis, wenn ich es richtig gesehen habe. Köhlmeier ist ein noch lesbarer Autor, bei dem aber das Recherchieren ebenfalls nicht die Stärke ist. Am meisten freute ich mich über MLs Würdigung von Kuehnelt-Leddihn, den ich vor 50 Jahren zum Thema Lateinamerika moderierte. Er war freilich auf eine so erzkonservative Art rechtsradikal, dass er gewisse Übereifrige bei Sezession als links bis linksextrem einschätzen würde. Dies ist aber nicht meine Kritik an Waldstein, dessen Schlechtmachung des Grundgesetzes von 1949 deswegen daneben ist, weil z.B. politische Kritik an der Klimapolitik auf damaliger Grundlage ganz sicher  keine Grundrechtsverletzung wäre; überhaupt muss man das damalige provisorische Grundgesetz aus den Zeitverhältnissen würdigen, es erlaubte mithin den Aufbau der BRD mit Wirtschaftswunder und mehr Gedankenfreiheit als heute toleriert würde.    

Kositza: Als Geschichtenerzähler ist Köhlmeier ja auch keiner Recherche verpflichtet. Im neuen Buch kokettiert er auch mit seiner "Schwindelei".

Laurenz

12. April 2024 20:27

Die Buch - & Autoren-Vorstellungen aus Schnellroda erachte ich als Kultur-Betrieb & tatsächlich als säkulare Bildungseinrichtung per se, gerade deswegen, weil er nur von Lesern abhängig ist, was ihn von den Staatsschmarotzern diametral unterscheidet. Diese Arbeit ist immer auch gleichzeitig unterhaltsam, gerade als Video, was ich Texten gegenüber als überlegen empfinde, da die Kommunikation des Gesagten über das Lesen hinaus geht. Konversionen vom Judentum ins Christentum sind einfacher, als umgekehrt. https://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Franz
@Nemo Obligatur ... Ich müßte seltene Sachbücher eher loswerden, ohne sie in die Bücherpresse zu feuern.
 

Kositza: Den Wink mit den Konversionen hab ich nicht kapiert, aber bitte.

Gracchus

12. April 2024 21:21

Ich empfehle eine Rezension oder gleich die Lektüre der Neu-Übersetzung von Julien Greens "Treibgut". Bei der neuen Übersetzung von Wolfgang Matz glaubt man ein anderes Buch zu lesen. Julien Green beschreibt - wie überhaupt in seinen frühen Werken - eine wahrhaftige Ehehölle, weshalb die Lektüre Qual bereiten kann, aber man bleibt dem eigenartigen Sog erlegen. Wer "Treibgut" gelesen hat, kann weitermachen mit "Adrienne Mesurat", "Leviathan", "Moira", "Der Geisterseher" oder "Jeder Mensch in seiner Nacht". Abgesehen davon, dass Green aus Amerika stammte, frage ich mich, warum schreiben (oder schrieben) Franzosen die besseren Romane?

Adler und Drache

13. April 2024 08:54

@Kositza: Danke, das ist's!

FraAimerich

13. April 2024 09:57

@Maiordomus: "(Kuehnelt-Leddihn) war freilich auf eine so erzkonservative Art rechtsradikal, dass er gewisse Übereifrige bei Sezession als links bis linksextrem einschätzen würde."
Wenn diese Art der Erzkonservativen nur einsehen würde, daß sie dem Sozialismus in ihrer oft etwas weltfremden Einseitigkeit nur immer wieder Vorschub leistet...

Maiordomus

13. April 2024 11:10

@Kositza. Gerade als Phantast sollte man, will man es ganz genial machen, die Abweichung von der Wirklichkeit reflektieren: das heisst diese kennen und benennen; das wusste z.B. Astrid Lindgren, wenn sie Pippi Langstrumpf schrieb; und die Pointe von jeder gelungenen Satire setzt voraus, dass man die Wirklichkeit kennt. Thomas More war bei Utopia (1516) wie kein zweiter über die Verhältnisse in England im Bild, Orwell bei 1984 über den damals absehbaren technischen Totalitarismus. Das Märchen vom Schlaraffenland entstand in der Kultur der Hungersnöte. Unwirkliche Geschichten über Deutschland, auch über Frauen, Kinder, Homosexuelle, Schotten usw., setzen pfiffige Kenntnisse voraus: die Hölle von Dante wird in der Beschreibungsqualität betr- anthropologische und gesellschaftliche Wirklichkeit von den wenigsten "zeitkritischen" Romanen erreicht, wohl nur von genialen Könnern wie Solschenzyn im "Ersten Kreis der Hölle". Seine dortige Beschreibung eines sowjetischen Musterknastes, hergerichtet zum Besuch der Menschenrechtlerin E. Roosevelt, ist eine der stärksten antitotalitären Phantasien in der Geschichte der Menschheit, hochrealistischer Surrealismus! 

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