01. April 2005

Zivilbevölkerung und Kriegsende

von sezession / 0 Kommentare

  • pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

    sez_nr_9von Heinz Nawratil

    Die letzten Tage des Dritten Reiches erlebten die Menschen als Normalität und Anomalie zugleich. Einerseits funktionierten Justiz und Verwaltung noch erstaunlich gut. Die Versorgung mit Lebensmitteln, Strom und Wasser und die Unterbringung der Ausgebombten waren einigermaßen gesichert. Dabei ist zu bedenken, daß etwa in Köln zum Schluß nur noch 19,6 Prozent aller Häuser bewohnbar waren. Auch die Gerichte arbeiteten fast wie in Friedenszeiten, nur saß jetzt das Fallbeil sehr locker; wer am „Endsieg“ zweifelte, wer Feindsender hörte oder in ausgebombten Häusern plünderte – oft nur Kleinigkeiten mitnahm –, mußte mit der Todesstrafe rechnen.

    Die wahre Geißel Gottes aber waren in jenen Tagen die Flächenbombardements der Anglo-Amerikaner. Sie zielten nicht nur auf Industriestandorte, sondern auch auf reine Wohnstädte oder Städte mit hoher Flüchtlingskonzentration wie Würzburg, Dresden oder Swinemünde. Das Ganze nannte man morale bombing – frei übersetzt etwa: „Bombardierung, um die Moral der Bevölkerung zu brechen“. Abgesehen davon, daß gezielte Kriegshandlungen gegen die Zivilbevölkerung schon damals gegen die Genfer Konvention verstoßen haben, blieb die erhoffte psychologische Wirkung aus. Der Durchhaltewille wurde im allgemeinen nicht geschwächt, aber mehr als 600.000 Menschen starben, das entspricht etwa den Kriegsverlusten der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs zusammengenommen.
    1945 besaßen die Alliierten die totale Luftherrschaft, und ihre Tiefflieger konnten ungestört Jagd auf beliebige Fußgänger und Radfahrer machen. Auch Frauen, spielende Kinder und Bauern bei der Feldarbeit wurden Opfer dieser völkerrechtswidrigen Praxis. Als man 1945 in London ein Statut für die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse vorbereitete, plante man ursprünglich auch, deutsche Flieger vor Gericht zu stellen. Man merkte aber bald, daß die „christlichen Soldaten“ (so ein englisches Kirchenlied) ungleich mehr Zivilisten aus der Luft getötet hatten als die deutsche Luftwaffe. Schnell ließ man den Plan wieder fallen, und der amerikanische Chefankläger in Nürnberg, Robert H. Jackson, notierte Jahre später: „Dieses Thema wäre einer Aufforderung zur Erhebung von Gegenbeschuldigungen gleichgekommen, die in dem Prozeß nicht nützlich gewesen wären“.
    Besonders gefährlich waren die letzten Kriegstage. Der Münchener Kardinal Faulhaber berichtete am 17. Mai 1945 dem Papst, die SS habe „heimkehrende Soldaten der Wehrmacht ... in größerer Zahl an den Bäumen aufgehängt, auch einige Priester, die zu früh die weiße Flagge gehißt hatten, und eine Anzahl von katholischen Laien – in Altötting mehr als hundert – erschossen“.
    Daß nach der Kapitulation zunächst weder Post, Telefon, Bahn- oder Autoverkehr funktionierten, wurde mit stoischer Ruhe hingenommen. Große Angst aber verbreiteten die Häftlinge aus Gefängnissen und Lagern, die jetzt zum Teil plündernd und raubend umherzogen. Dazu wieder Kardinal Faulhaber (in seinem Hirtenwort vom 10. Mai 1945): „Die erste Aufgabe: Daß die öffentliche Ordnung aufrechterhalten bleibe und nicht durch wilde Plünderungen gestört werde. Die Besatzungsbehörden haben ihr Augenmerk darauf gerichtet, den Plünderungen entgegenzutreten und die Bedroher der öffentlichen Ruhe, Fremdarbeiter, freigewordene Häftlinge, in denen die Geister der Rachsucht sich austoben, aber auch Einheimische, in die Schranken zu weisen“.

    In der britischen Besatzungszone erregten die bald einsetzenden Demontagen den Unmut der Bevölkerung, doch scheint es zu keinen nennenswerten Übergriffen der Besatzungstruppen gekommen zu sein. Deutlich mehr Übergriffe registrierte man in der US-Besatzungszone. Vor allem der hier praktizierte „Automatische Arrest“ für Funktionsträger im Militär-, Partei- und Staatsapparat und gewisse andere Verdächtige führte zu schlimmen Zuständen in den überfüllten Lagern. Der parteilose Schriftsteller Ernst von Salomon beispielsweise wurde zusammen mit seiner jüdischen Frau verhaftet und so gründlich „verhört“, daß er einige Zähne verlor. Über seine Lagererfahrungen berichtet Salomon: „Geprügelt wurde so gut wie ausnahmslos jeder, der in das Lager eingeliefert wurde; die Amerikaner nannten das overwork (überarbeiten). Geprügelt wurden selbst diejenigen Internierten, die aus einem anderen Lager kamen, in welchem sie bereits ihren Tribut empfangen hatten, und auch die Generale, die aus dem Kriegsgefangenenlager kamen“.
    Auch die Behandlung der Gefängnisinsassen war nicht immer rechtsstaatlich. Im Malmedy-Prozeß (es ging dort um den Tod amerikanischer Kriegsgefangener in deutschem Gewahrsam) etwa mußte sich auf Veranlassung des Verteidigers eine Kommission aus zwei Richtern nachträglich mit den angewandten Verhörmethoden beschäftigen. Das Ergebnis: Folter dritten Grades war angewendet worden, und „sämtliche Deutsche bis auf 2 in den 139 von uns untersuchten Fällen hatten durch Fußtritte in die Hoden unheilbare Schäden erlitten. Dies war die übliche Untersuchungsmethode unserer amerikanischen Untersuchungsbeamten“.
    Fast vergessen ist heute eine Art Kollektivstrafe der Alliierten, nämlich die gezielte Hungerpolitik der Jahre 1945 und 1946. Zwei Zitate dazu zur Erläuterung: Als am 14. Dezember 1945 der amerikanische Senator Hawkes angesichts des strengen Winters und des großen Hungers in Deutschland dringend bat, doch endlich private Hilfslieferungen und Spenden in die amerikanische Besatzungszone hereinzulassen, antwortete Präsident Truman am 21. Dezember gar nicht weihnachtlich: „Wenn wir auch nicht wünschen, ungebührlich grausam gegen Deutschland zu verfahren, kann ich doch nicht viel Sympathie für die Leute aufbringen, die den Tod so vieler Menschen verursacht haben ... Bevor nicht das Unglück jener, die von Deutschland bedrückt und gequält wurden, vergessen ist, scheint es nicht richtig, unsere Bemühungen den Deutschen zugute kommen zu lassen. Ich gebe zu, daß es natürlich viele Unschuldige in Deutschland gibt, die mit dem Naziterror wenig zu tun hatten. Aber die administrative Last, diese Leute herauszufinden, um sie anders als die übrigen zu behandeln, ist fast untragbar“.
    Noch 1946 meinte Feldmarschall Montgomery in einer Rede: „Die deutschen Lebensmittelbeschränkungen werden bleiben. Wir werden sie bei 1000 Kalorien halten. Sie gaben den Insassen von Belsen nur 800“. In der französischen Besatzungszone lag der Verpflegungswert seinerzeit zum Teil sogar unter den KZ-Rationen von Bergen-Belsen.
    Während zumindest Fachhistoriker wissen, daß infolge der fortgesetzten alliierten Lebensmittelblockade gegen Deutschland und Österreich nach dem Ersten Weltkrieg rund eine Million Menschen starben, gelang es erst dem kanadischen Journalisten James Bacque, die Öffentlichkeit auf die wesentlich höhere Zahl direkter und indirekter Hungeropfer (zum Beispiel erhöhte Säuglingssterblichkeit, hungerbedingte Krankheiten und dergleichen) nach dem Zweiten Weltkrieg aufmerksam zu machen. Bacque kommt auf schier unglaubliche 5,7 Millionen in den vier Besatzungszonen. Selbst wenn diese Zahl zu hoch gegriffen sein sollte, so erscheint doch eine Mindestannahme von 2 Millionen durchaus realistisch.

    Bevor man sich mit der französischen Besatzungspolitik befaßt, sollte man einen Blick auf die französische Armee im Frühjahr 1945 werfen. Im Kern war sie eine Kolonialarmee aus dem nicht besetzten Französisch-Nordafrika, bestehend aus Marokkanern, Algeriern, Tunesiern und Franzosen, ergänzt durch Untergrundkämpfer aus Frankreich, die zu einem großen Teil kommunistisch geprägt waren.
    Entsprechend war auch das Verhalten der Truppe; Plünderung, Vergewaltigung und Brandstiftung waren an der Tagesordnung. Die städtische Verwaltung von Pforzheim berichtet: „Die Bevölkerung ... hatte unter den Übergriffen der französischen Truppen – insbesondere der Marokkaner, die Tunesier verhielten sich durchweg anständig – aufs Schwerste zu leiden.“ Aufs schwerste zu leiden hatten auch die Bürger von Stuttgart, Reutlingen, Baden-Baden, Bruchsal und anderen Städten.
    Die Hochwassermarke der Barbarei aber war Freudenstadt. Hier erreichten die Verbrechen das Niveau der Roten Armee beim Einmarsch im deutschen Osten. Obwohl die Franzosen wußten, daß sich im Umkreis von 10 km keine deutschen militärischen Einheiten befanden und die Stadt 1500 Verwundete beherbergte, beschossen sie den Ort massiv, bis schließlich etwa 650 Häuser brannten. Der französische Kommandeur verbot nicht nur das Löschen, sondern gab seinen Marokkanern auch völlig freie Hand. Fast alle Bürgerinnen Freudenstadts zwischen 15 und 60 wurden vergewaltigt und Männer, die sie verteidigen wollten, getötet. Erst nach mehreren Tagen erreichten deutsche Orts- und französische Militärgeistliche, daß das wüste Treiben offiziell verboten wurde. Die Motive dieses Kriegsverbrechens sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt worden.
    Eine Kampagne zur Säuberung der Verwaltungen und Berufsgruppen eröffneten die Franzosen im Unterschied zu den Amerikanern erst spät, am 31. Oktober 1945. Allerdings gab es vorher schon eine eher ungeordnete Jagd auf deutsche Soldaten in Zivil und „Nazis“, Denunziation und auch Korruption blühten. In Gefängnissen und Lagern waren die Insassen Folterungen und teilweise sadistischen Quälereien ausgesetzt. Von den etwa 200.000 Internierten kamen viele nicht wieder.
    Über die Lage in der sowjetischen Besatzungszone – der späteren DDR – wird berichtet: Am Anfang stand vielerorts das Chaos; denn viele Beamte hatten sich beim Herannahen der Front nach Westen abgesetzt. Dann kam die Rote Armee. Sehr schnell sprachen sich ihre Grundsätze herum: Der ersten Welle gehören die Uhren, der zweiten die Weiber und der dritten die Klamotten.
    Daneben herrschte permanente Faschistenjagd. Erschossen wurden mit Vorliebe Uniformträger wie Postboten, Feuerwehrleute und Eisenbahner, daneben „Kapitalisten“ wie Ärzte und Rechtsanwälte, aber auch Arbeiter und Angestellte. Der Görlitzer Pfarrer Franz Scholz berichtet: „Russische Soldaten sehen ja eine deutsche Arbeiterwohnung mit Wasserleitung, elektrischem Strom, Gardinen, Radio und Porzellangeschirr als Kapitalistenwohnung an“.

    Eine Reihe von Städten wie etwa Neubrandenburg oder Demmin wurde ganz offiziell zur Brandschatzung, Plünderung und Vergewaltigung freigegeben. Hier galt, was der US-General Frank A. Keating über die Sowjetsoldaten in Berlin vermerkt hatte: „In vielen Fällen war ihr hemmungsloses Treiben dem der barbarischen Horden von Dschingis Khan zu vergleichen.“ Der äußere Anlaß für die Vernichtung einer Stadt war oft banal. Einmal hatte ein Apotheker-Ehepaar mit vergiftetem Wein Selbstmord begangen; plündernde Soldaten hatten von dem Rest getrunken und gleich hieß es: Sabotage! Ein anderes Mal hatte ein indoktrinierter Nationalsozialist aus seinem Haus auf Soldaten geschossen.
    Die Folge der dauernden Massenvergewaltigungen waren Massenselbstmorde der Opfer, die oft auch ihre Kinder mit in den Tod nahmen. Allein in dem vorpommerschen Städtchen Demmin mit seinen 18 900 Einwohnern – hinzu kamen allerdings noch zahlreiche Flüchtlinge – dürfte es 1200 bis 2000 Selbstmorde gegeben haben. Diese Massenselbstmorde sind nicht zu verwechseln mit den Einzelselbstmorden fanatischer Hitler-Anhänger, die im ganzen Reich vorkamen.
    Den Kampftruppen auf dem Fuß folgten spezielle Beutebataillone, die den Auftrag hatten, mehr oder minder alles abzutransportieren, was wirtschaftlich irgendwie verwertbar war. Auch „privat“ wurde exzessiv geplündert. Bezeichnend sind einige Moskauer Gerichtsverfahren gegen Offiziere. Aus dem Prozeß gegen Marschall Schukow, den hochdekorierten „Helden der Sowjetunion“, ist bekannt, daß die ermittelnden Behörden in seiner Stadtwohnung und seiner Datscha große Mengen an deutschem Goldschmuck entdeckten, ferner 4000 Meter Seide, Brokat und Samt, Hunderte von Pelzen, 44 Teppiche und große Gobelins aus Schlössern, 57 klassische Gemälde, Kisten voller Kristall, Porzellan und Tafelsilber.
    Die neuen Konzentrationslager in Mitteldeutschland, die im russischen Amtsjargon SpezLag (Speziallager) genannt wurden, dienten offiziell der Säuberung von Nazis, praktisch aber der Sicherung der Sowjetdiktatur. Ein Standardwerk zum Thema berichtet: „Indes erschöpfte sich im sowjetischen Besatzungsgebiet eben der Zweck der Internierung nicht in einer so verstandenen Entnazifizierung. Weit darüber hinausgehend sollte er sich auch auf die Isolierung tatsächlicher oder vermeintlicher ‚Klassenfeinde‘ erstrecken, um so die unter dem Vorwand einer ‚antifaschistischdemokratischen Umwälzung‘ forcierte radikale Umgestaltung in Staat und Gesellschaft wirksamer durchsetzen und Widerstand dagegen brechen zu können. Alexander Solschenizyn zitiert dazu aus dem Sprachgebrauch der Tscheka den zynischen Begriff der ‚sozialen Prophylaxe‘“ (Karl Wilhelm Fricke).
    Auch die Totenlisten der neuen Lager sprechen eine eindeutige Sprache. Auf ihr stehen neben höheren NS-Funktionären und kleinen Beamten auch jüdische KZ-Insassen aus der Zeit vor 1945, neben Angehörigen der Intelligenzschicht auch Prominente wie der Schauspieler Heinrich George und Herzog Joachim Ernst von Anhalt, aktive Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus wie Justus Delbrück, Ulrich Freiherr von Seil, Dr. Ludwig Münch, Horst Graf von Einsiedel, Julius Scherff; von 5000 inhaftierten Sozialdemokraten starben 400. Die Gräber wurden eingeebnet und – wie schon in Katyn – mit Sträuchern und Bäumen bepflanzt.

    In West- und Mitteldeutschland sind 1945 also zahlreiche Kriegs- und Nachkriegsverbrechen zu registrieren. Was sich aber im deutschen Osten jenseits von Oder, Neiße und Böhmerwald abspielte, erfüllt den Tatbestand des Völkermords, was im Folgenden noch zu begründen sein wird. In seinen Memoiren schreibt der US-amerikanische Diplomat George F. Kennan über den Zustand Ostpreußens im Jahr 1945: „Die Katastrophe, die über dieses Gebiet mit dem Einzug der sowjetischen Truppen hereinbrach, hat in der modernen europäischen Geschichte keine Parallele. Es gab weite Landstriche, in denen, wie aus den Unterlagen ersichtlich, nach dem ersten Durchzug der Sowjets von der einheimischen Bevölkerung kaum noch ein Mensch – Mann, Frau oder Kind – am Leben war, und es ist einfach nicht glaubhaft, daß sie allesamt in den Westen entkommen wären ... Ich selbst flog kurz nach Potsdam [gemeint ist die Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945] mit einer amerikanischen Maschine in ganz geringer Höhe über die gesamte Provinz, und es bot sich mir ein Anblick eines vollständig in Trümmern liegenden und verlassenen Gebiets: vom einen Ende bis zum anderen kaum ein Zeichen von Leben ... [Die Russen hatten aus dem Land] die einheimische Bevölkerung in der Manier hinausgefegt, die seit den Tagen der asiatischen Horden nicht mehr dagewesen ist“.
    Auf Einzelheiten ist hier nicht näher einzugehen; die Statistik spricht für sich. In Ostpreußen wohnten 1940 etwa 2,2 Millionen Menschen. Ende Mai 1945 registrierte die sowjetische Geheimpolizei NKWD noch 193.000. Über 100.000 davon lebten in Königsberg. Nur etwa 20000 Königsberger haben die sogenannte Befreiung überlebt.
    Aufgrund der schmerzlichen Lehren der jugoslawischen Ereignisse der neunziger Jahre wissen wir heute, daß Greueltaten und Massenmord kühl kalkulierte Mittel der ethnischen Säuberung sein können. Die Sowjetpolitik ist nachgerade als Schulbeispiel zu betrachten:
    Da war zunächst die gewaltige, rassistisch gefärbte Haßkampagne, an der praktisch alle regimetreuen Literaten mitwirkten. Die Kommunisten kannten damals nur ein Gebot: Töte die Deutschen! Fast drei Jahre lang hämmerten Tausende von Zeitungsartikeln, Radiosendungen und Flugblättern dem Rotarmisten diese Forderung ein. Der Schriftsteller Ilja Ehrenburg sah in den Deutschen schlichtweg Pestbazillen: „Unter ihresgleichen betrachten die Mikroben wahrscheinlich Pasteur als einen Mörder. Aber wir wissen, daß er, der die Mikroben der Tollwut und Pest tötet, der wahre Menschenfreund ist“.
    Hinzu kamen aufpeitschende Aufrufe der sowjetischen Heerführer. An der deutschen Grenze wurden Schilder mit dem Hinweis aufgestellt: „Soldat, jetzt betrittst du die Höhle der faschistischen Bestie!“ Oder: „Rotarmist, du stehst jetzt auf deutschem Boden – die Stunde der Rache hat geschlagen!“
    Wie tief die rassistische Propaganda vielfach ins Unterbewußtsein eingedrungen war, zeigt eine Bemerkung von General Maslow, einem Divisionskommandeur unter Schukow. Er berichtet von deutschen Kindern, die in einer brennenden Stadt verzweifelt nach ihren Eltern schrieen. „Das Erstaunlichste für mich war“, schrieb Maslow, „daß sie genau so weinen wie unsere Kinder.“ Weniger indoktrinierte Rotarmisten warnten mehrfach die zurückgebliebenen Deutschen: „Die nach uns kommen sind schlecht“ oder: „Nach uns kommen Stalin-Schüler“.
    Hand in Hand mit der Haßpropaganda ging die Straflosigkeit für Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Ein und dieselbe Tat, in der Heimat ein gemeines Verbrechen, galt nun plötzlich als patriotische Leistung. Moskaus Propaganda hat später die Massenverbrechen geleugnet; die wenigen Ausschreitungen, die es gegeben habe, seien aus „verständlicher Erbitterung“ über die NS-Verbrechen in der Sowjetunion erfolgt.

    Am 14. April 1945, als die Rote Armee Oder und Neiße erreicht hatte, erschien in der Prawda auf Befehl Stalins der Grundsatzartikel des Chefideologen des Zentralkomitees, Alexandrow: „Der Genosse Ehrenburg vereinfacht zu sehr.“ Er machte klar, daß man nicht die Ausrottung der Deutschen beabsichtige, sondern sich künftig an das alte Stalinwort halten wolle: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk wird es immer geben.“ Vom Ende der Haßpropaganda bis zum Ende der Haßdelikte war es aber noch ein weiter Weg.
    Nicht unerwähnt bleiben sollte hier schließlich noch die Verschleppung von annähernd 900.000 Zwangsarbeitern, die auf der Konferenz von Jalta (4. bis 11. Februar 1945) sogar die Zustimmung der Westmächte fand. 500.000 Deutsche aus den Vertreibungsgebieten nannte man „Reparationsverschleppte“, weil Moskau ihre Zwangsarbeit als eine Form der Reparationen ansah. Der Rest waren zwangsrepatriierte Rußland- und Baltendeutsche, einige tausend stammten aus der sowjetischen Besatzungszone. Das Schicksal dieser modernen Sklaven war noch wesentlich grausamer als das der sogenannten Ostarbeiter unter Hitler: Mütter wurden von ihren Kindern getrennt; 15 – 16 Arbeitsstunden pro Tag waren die Regel. Nur gut die Hälfte der Zwangsarbeiter überlebte, meist mit schweren Gesundheitsschäden.
    Nicht unerwähnt bleiben sollte schließlich die üble Rolle vieler NSGrößen, die die Evakuierung der bedrohten Gebiete wider besseres Wissen über Gebühr verzögert hatten, sich selbst in letzter Minute in den Westen absetzten und die Bevölkerung – im wesentlichen nur noch Frauen, Kinder und Greise – ihrem Schicksal überließen. Zu allem Überdruß wurden die vorhandenen Alkoholvorräte vielfach nicht vernichtet in dem Glauben, dadurch die Kampfkraft des Feindes zu untergraben. Die Folgen für die zurückgebliebenen Deutschen waren verheerend.
    Religiöse Menschen in Schlesien und anderswo hofften, nach dem Übergang der Verwaltung von den „gottlosen Sowjets“ auf die „katholischen Polen“ würden sich die Zustände bessern; sie wurden bitter enttäuscht. Die polnische Miliz war oft aus sehr fragwürdigen Elementen zusammengesetzt. Zwar schätzte man Kreuze, Madonnen und Herz-Jesu- Bilder in den Autos, verhielt sich aber im übrigen alles andere als christlich. Zum Zweck des ordnungsgemäßen Transfers“ und der „politischen Säuberung“ wurden 1255 Lager verschiedener Größe und 227 Gefängnisse eingerichtet, in denen sich oft Sadismus und exzessive Grausamkeit austoben konnten. Einige dieser Lager müssen sogar als Vernichtungslager bezeichnet werden. Zum Thema der Nachkriegs-KZs gibt es reichlich Literatur. Besonders unter die Haut geht uns heute vielleicht das Buch des prominenten US-Journalisten John Sack Auge um Auge, weil es in nüchterner Sprache professionell berichtet und auch Interviews mit ehemaligen Lagerkommandanten enthält.
    Auch im tschechoslowakischen Machtbereich etablierten sich nach Kriegsende Konzentrationslager, Gefängnisse und Folterkeller. Ihre Betreiber waren selbsternannte Partisanen, die ihren „Widerstand“ – anders als ihre polnischen Kollegen – meist erst nach dem 8. Mai 1945 begonnen hatten. In Prag wurden Pogrome und andere Formen der Deutschenhatz zeitweise sogar zum Volkssport. Douglas Botting schreibt in seinem Buch In the Ruins of the Reich: „Tschechische Bürger, die den Drang verspürten, zu foltern oder zu töten, konnten ihre Opfer persönlich unter den Deutschen auswählen, die man wie lebender Hummer in einem Fischlokal in den Kellern der sogenannten Partisanen hielt“.

    In Prag wurde 1945 auch der Judenstern neu erfunden. Sämtliche Deutsche mußten weiße Stoffteile mit dem Buchstaben N (für Nemec = Deutscher) tragen. Für sie galten administrative Schikanen und gekürzte Lebensmittel- Rationen, die Hitlers Judengesetzen nachgebildet waren. Durch Gesetz vom 8. Mai 1946 wurden außerdem alle Verbrechen an Deutschen zu rechtmäßigen Handlungen erklärt. Ein noch grausameres Schicksal traf nur die Deutschen in Jugoslawien. Von 200.000 nicht geflüchteten Zivilisten wurden 170.000 in Konzentrationslager gesteckt. 51000 sind ermordet worden oder in den Lagern elend zugrunde gegangen.
    Summa summarum war die Deutschenvertreibung von 1945 die größte ethnische Säuberung der Weltgeschichte. Die historische Dimension wird etwas deutlicher, wenn man sich vor Augen hält, daß die Bevölkerung aller Vertreibungsgebiete (unter Einbeziehung der verschleppten Rußlanddeutschen) damals in etwa derjenigen der Republiken Irland, Island und Finnland sowie der Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden – zusammengenommen! – entspricht. Zu erinnern ist auch an mindestens 2,5 Millionen vergewaltigte Frauen im deutschen Sprachraum. Weit über 40 Prozent wurden mehrfach vergewaltigt, etwa 12 Prozent der Opfer starben an den Folgen oder durch Selbstmord. Bedenkt man, daß sich die Rote Armee in Ungarn und sogar in Jugoslawien und Polen fast ebenso schlimm benommen hat, dann wird schnell klar, daß es sich hier um die größte Massenvergewaltigung handelt, die Europa jemals gesehen hat.
    Die Zahl der Deutschen, die bei der Vertreibung durch gezielte Tötungshandlungen oder an Mißhandlung, Erschöpfung, Kälte oder Hunger starben, hat das Statistische Bundesamt 1958 mit 2,23 Millionen errechnet – ohne die Opfer von Rußlanddeutschen und der zugezogenen Westdeutschen. Berücksichtigt man auch deren Verluste, so kommt man auf 2,8 bis 3 Millionen Menschen, die durch Vertreibung oder Verschleppung ihr Leben verloren. Das entspricht etwa der seinerzeitigen Einwohnerzahl der Republik Irland.
    All diese Vorgänge erfüllen den Tatbestand des Genozids gemäß der UNO-Konvention über den Völkermord und gemäß Paragraph 6 des deutschen Völkerstrafgesetzbuchs. Dies hat der international bekannte und anerkannte UN-Gutachter Prof. Felix Ermacora schon 1991 und 1996 in zwei umfangreichen Expertisen festgestellt. Erst 1999 schloß sich die deutsche Justiz in eindeutiger Weise der Rechtsauffassung Ermacoras an. Die Erlebnisse der Zivilbevölkerung im Jahr 1945 lassen sich also nicht auf eine simple Kurzformel bringen, am wenigsten auf die von der reinen Befreiung. Am ehrlichsten hat vielleicht der erste Bundespräsident Theodor Heuss geurteilt: „Dieser 8. Mai ist die tragischste und fragwürdigste Paradoxie für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind“.

    Kommentare (0)

    Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.