Sezession
1. April 2005

Zivilbevölkerung und Kriegsende

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Heinz Nawratil

Die letzten Tage des Dritten Reiches erlebten die Menschen als Normalität und Anomalie zugleich. Einerseits funktionierten Justiz und Verwaltung noch erstaunlich gut. Die Versorgung mit Lebensmitteln, Strom und Wasser und die Unterbringung der Ausgebombten waren einigermaßen gesichert. Dabei ist zu bedenken, daß etwa in Köln zum Schluß nur noch 19,6 Prozent aller Häuser bewohnbar waren. Auch die Gerichte arbeiteten fast wie in Friedenszeiten, nur saß jetzt das Fallbeil sehr locker; wer am „Endsieg“ zweifelte, wer Feindsender hörte oder in ausgebombten Häusern plünderte – oft nur Kleinigkeiten mitnahm –, mußte mit der Todesstrafe rechnen.

Die wahre Geißel Gottes aber waren in jenen Tagen die Flächenbombardements der Anglo-Amerikaner. Sie zielten nicht nur auf Industriestandorte, sondern auch auf reine Wohnstädte oder Städte mit hoher Flüchtlingskonzentration wie Würzburg, Dresden oder Swinemünde. Das Ganze nannte man morale bombing – frei übersetzt etwa: „Bombardierung, um die Moral der Bevölkerung zu brechen“. Abgesehen davon, daß gezielte Kriegshandlungen gegen die Zivilbevölkerung schon damals gegen die Genfer Konvention verstoßen haben, blieb die erhoffte psychologische Wirkung aus. Der Durchhaltewille wurde im allgemeinen nicht geschwächt, aber mehr als 600.000 Menschen starben, das entspricht etwa den Kriegsverlusten der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs zusammengenommen.
1945 besaßen die Alliierten die totale Luftherrschaft, und ihre Tiefflieger konnten ungestört Jagd auf beliebige Fußgänger und Radfahrer machen. Auch Frauen, spielende Kinder und Bauern bei der Feldarbeit wurden Opfer dieser völkerrechtswidrigen Praxis. Als man 1945 in London ein Statut für die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse vorbereitete, plante man ursprünglich auch, deutsche Flieger vor Gericht zu stellen. Man merkte aber bald, daß die „christlichen Soldaten“ (so ein englisches Kirchenlied) ungleich mehr Zivilisten aus der Luft getötet hatten als die deutsche Luftwaffe. Schnell ließ man den Plan wieder fallen, und der amerikanische Chefankläger in Nürnberg, Robert H. Jackson, notierte Jahre später: „Dieses Thema wäre einer Aufforderung zur Erhebung von Gegenbeschuldigungen gleichgekommen, die in dem Prozeß nicht nützlich gewesen wären“.
Besonders gefährlich waren die letzten Kriegstage. Der Münchener Kardinal Faulhaber berichtete am 17. Mai 1945 dem Papst, die SS habe „heimkehrende Soldaten der Wehrmacht ... in größerer Zahl an den Bäumen aufgehängt, auch einige Priester, die zu früh die weiße Flagge gehißt hatten, und eine Anzahl von katholischen Laien – in Altötting mehr als hundert – erschossen“.
Daß nach der Kapitulation zunächst weder Post, Telefon, Bahn- oder Autoverkehr funktionierten, wurde mit stoischer Ruhe hingenommen. Große Angst aber verbreiteten die Häftlinge aus Gefängnissen und Lagern, die jetzt zum Teil plündernd und raubend umherzogen. Dazu wieder Kardinal Faulhaber (in seinem Hirtenwort vom 10. Mai 1945): „Die erste Aufgabe: Daß die öffentliche Ordnung aufrechterhalten bleibe und nicht durch wilde Plünderungen gestört werde. Die Besatzungsbehörden haben ihr Augenmerk darauf gerichtet, den Plünderungen entgegenzutreten und die Bedroher der öffentlichen Ruhe, Fremdarbeiter, freigewordene Häftlinge, in denen die Geister der Rachsucht sich austoben, aber auch Einheimische, in die Schranken zu weisen“.


 Gastbeitrag

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