22. Oktober 2010

Anekdote zur Psychologie der Niederlage

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Es gibt in Deutschland eine erbittertere und profundere "Deutschenfeindlichkeit", als jene, die aus dem culture clash zwischen Kartoffeln und Falafeln hervorgeht: nämlich die Feindlichkeit und den Haß der Deutschen gegen einander und gegen sich selbst. Und das könnte man dann fast schon wirklich als "strukturellen Rassismus" bezeichnen, in einem weitaus schlüssigeren Wortsinne , als sich das unsere klugen Anti-Rassisten so vorstellen:
Wer die deutsche Politik danach beurteilt, ob sie den Selbsterhalt des deutschen Staates als Deutsch-Land, als Heimstatt der Deutschen sichert – ob sie im eigenen Land deren unaufhebbare Eigenrechte sichert, die keiner Begründung bedürfen und die andere Völker in ihren Grenzen genauso beanspruchen können –, der sieht sich bald auf zwei Möglichkeiten beschränkt: Er verfällt entweder in Depression, wahlweise auch in Zynismus oder Abstumpfung, die um so größer sind, weil das unterstellte Allgemeininteresse gar nicht zu existieren scheint.

Diese Sätze stammen aus dem neuen Buch von Thorsten Hinz "über die deutsche Mentalität", Die Psychologie der Niederlage.  André Lichtschlag bezeichnete es in der JF als "Meisterwerk", und diesem Urteil kann ich mich nur anschließen. Ich werde es zu einem anderen Zeitpunkt ausführlicher besprechen, darum erstmal nur soviel: was mir am meisten zu denken gibt, und mich immer wieder von Neuem frappiert, ist, wie sehr sich Hinz' Beobachtungen über die deutsche Seele bis in kleine Fasern des Alltags der Deutschen hinein verfolgen lassen. Jeder hat die Spuren dieser "deutschen Mentalität" schon an sich und anderen erlebt, ist darüber gestolpert, peinlich berührt oder verärgert gewesen, oder hat gar, wie in meinem bescheidenen Falle, mit dem Drücken der kritischen Knöpfchen schon ganze Parties gesprengt.

Ich fand den stereotypen Vorwurf an die Konservativen oder Rechten "vergangenheitsfixiert" oder, wie die Phrase geht, "ewiggestrig" zu sein, immer schon recht amüsant in einem Land, in dem jedermann im Banne dieser Dinge steht und ihre Präsenz tagtäglich kultisch zelebriert wird. Wenn irgendjemand endlich etwas an dieser eingefahrenen Selbstläufer-Sackgasse verändern, und den Blick mehr auf die Gegenwart und die Zukunft richten will, dann sind das bestimmt vor allem wir.

Ob wir es wollen oder nicht, ob wir es bewußt wissen oder nicht, ob wir es gefühlsmäßig einordnen können oder nicht, ob wir uns Linke oder Rechte schimpfen, ob wir Gegner oder Nutznießer des "Bewältigungs"-Business sind: an uns allen vollzieht sich noch nach Jahrzehnten das berühmte Wort Heraklits, daß der Krieg Vater aller Dinge sei. In uns allen lebt 1945, und mögen wir uns noch so abstrampeln, wir sind und bleiben Kinder eines kollektiven Schicksals, das sich vielleicht schon längst erfüllt hat. Oder gibt es ein Leben nach der Nibelungenhalle?

All das hatte ich im Kopf, als ich am letzten Sonntag eine skandinavische Studentin durch den Treptower Park in Berlin führte, und wir am Ende der Tour beim "Sowjetischen Ehrenmal" angelangt waren. Eine wuchtige, raumgreifende Anlage, die im monumentalen Stil der Stalin-Zeit an den Sieg der Roten Armee über den "Hitler-Faschismus" erinnert. Als Laibach-Fan finde ich das Denkmal natürlich toll und ästhetisch ansprechend; als nachgeborener Sohn des besiegten Volkes bleibt jedoch bei seinem Anblick stets ein gewisser Stachel zurück.

Das versuchte ich der Studentin, die noch wenig über Deutschland weiß, verständlich zu machen und redete mich heiß: dieses Teil hier sei schön und besonders, außerdem praktisch abgelegen und zwischen den Bäumen des Parks versteckt, aber den Rest dieser ganzen von Stalin hinterlassenen Knutschflecken, wie das "Denkmal für den unbekannten Vergewaltiger" im Tiergarten, würde ich ohne zu Zögern abreißen und stattdessen endlich vernünftige "Ehrenmäler" für die deutschen Gefallenen aufbauen. Die goldenen Inschriften auf den Marmorsarkophagen des Hauptfeldes, allesamt Zitate des "Vaters der Völker" Josef Stalin über den "Vaterländischen Krieg", seien natürlich krasse Geschichtsklitterungen, da sei etwa keine Rede vom Hitler-Stalin-Pakt...

An diesem Punkt meiner Tirade unterbrach mich plötzlich mit einem sarkastischen und etwas herablassenden Grinsen ein junger Mann Anfang Zwanzig.  "Da stehts doch!"- "Was?"- "Na, der Hitler-Stalin-Pakt, da stehts doch!", sagte er und wies auf den Sarkophag vor meiner Nase: "... im Juni 1941 überfiel Hitlerdeutschland unser Land, indem es in brutaler und wortbrüchiger Weise den Nichtangriffspakt verletzte..." Da hatte er mich erwischt, aber nach einem kurzen Überrumpelungsmoment holte ich zum Gegenangriff aus: "Das Entscheidende ist ja, wie der Pakt hier interpretiert wird, und was hier alles aus seiner Vor- und Nachgeschichte unterschlagen wird..."

Doch da kamen auch schon die nächsten Attacken: mein Opponent hatte nämlich seine etwa sechzigjährigen Eltern dabei, unzweifelhaft Ossis, sein grauhaariger Vater mit einer großen Fotokamera um den Hals, der mir nun ebenfalls mit höhnischen Kommentaren zu verstehen gab, daß ich wohl ein Volldepp sein müsse ohne Ahnung, wovon ich hier eigentlich rede. "Ich verstehe das hier gerade nicht! Was ist denn dieser Pakt??" sagte verwirrt meine Begleiterin. "Das erkläre ich dir später!" - "Da möchte ich dabei sein, harhar!" feixte der ältere Ossi. "Warum nicht, dann könnten Sie noch was lernen!" feuerte ich zurück. "Kommen Sie mal runter vom hohen Roß, junger Mann!" - "Auf das Roß haben doch Sie sich eben gesetzt, nicht ich." Das Gegiftel ging noch eine Weile hin und her, dann zogen meine Angreifer weiter.

Ich war indessen furios und konnte meinen Ärger kaum herunterfahren, während die skandinavische Studentin nicht verstand, wieso sich eben wildfremde Menschen wegen ein paar nebenbei gemachten historischen Bemerkungen beinahe zerfleischen. Ich versuchte, es ihr zu erklären, war dabei aber so in Rage, daß sie sich etwas unwillig zeigte, mir zu folgen. Die ganze Szene köchelte noch hartnäckig in mir weiter, und auf dem Weg zur S-Bahn-Station fielen mir all diese knalligen Sprüche und besseren Argumente ein, die immer erst dann wie argumentative Nuklearwaffen im Kopf auftauchen, wenn die Schlagfertigkeit verbraucht und die Feuergefechte vorbei sind.

Warum hat mich das so mitgenommen? War es nur persönliche Eitelkeit? Diese Szene hatte auch eine tiefe Verzweiflung angerührt, die sich in mir schon während der Lektüre von Psychologie der Niederlage angesammelt hatte: wie verquer und verworren diese Situation doch ist, und wie seltsam und beharrlich die Deutschen sich an dem festklammern, was sie in lähmender Entfremdung von sich selbst und ihrer Geschichte hält.

Meine Begleiterin, not amused, und ein harmonieliebender, dem Streit äußerst abgeneigter Mensch, zeigte alle Anzeichen des Stresses, als wie durch einen mysteriösen Magnetismus eine dreiviertel Stunde und zwei U-Bahn-Stationen später das Ossi-Trio wieder genau neben uns auftauchte. Ich hatte mir schon die ganze Zeit in inneren Monologen ausgemalt, wie ich Rache nehmen  und noch ein paar sarkastische, zugefeilte Spitzen nachschleudern würde, sollten meine Angreifer mir nochmal begegnen. Nun war mein Wunsch unversehens in Erfüllung gegangen, und meine Opfer standen vor mir wie auf dem Silbertablett oder vor dem Fadenkreuz, bereit zum Abschuß.

Zur Erleichterung meiner Begleiterin fand ich die Situation nun aber so komisch, daß ich beschloß, meine Streitlust zu zähmen, und gerade wegen der köstlichen Absurdität dieses Zufalls auf ein Nachtreten zu verzichten. Wir stiegen in die Bahn, das Ossi-Trio in den anderen Wagen. Meine Begleiterin war aber immer noch nicht zufrieden, und verstand immer noch nicht, warum mich das alles denn sooo sehr beschäftigte. Ich fing an zu grübeln. Plötzlich kam mir schlagartig eine Erleuchtung. Ich hatte eben die unwahrscheinliche Chance verfehlt, zu tun, was das einzig Richtige gewesen wäre: ich hätte zu meinen Gegnern hingehen sollen, und während sie noch gedacht hätten "O Gott, schon wieder das A*******h aus dem Park", hätte ich mich bei ihnen höflich für meinen Tonfall und die unangenehme Situation entschuldigt.  Sie wären wohl perplex gewesen!

Schon der Gedanke daran ließ mich fühlen, wie sich ein Krampf in meinem Körper auflöste, und mir ein Gewicht von der Seele genommen wurde. Der Streß wich, Heiterkeit kehrte zurück. Ich dachte an Wolfgang Mattheuers Bild von Kain und Abel auf dem Cover von Hinzens Buch, und seine Schlußbemerkung über die Deutschen als ihr eigener schlimmster Feind. In der Tat, es war blödsinnig, daß die Deutschen (zu denen ich mich in der Ösi-Variante nun mal auch zähle) sich wegen dieser Dinge die Köpfe einschlugen. Es war unsinnig, diesen latenten geistigen Bürgerkrieg, in dem die eingeimpften Geschichtsbilder wie chemische Abwehrreaktionen zischend aufeinander losgingen, noch zu verschärfen und zu verstärken, anstatt endlich zurückzutreten und ihn zu beenden. Irgendjemand muß ja damit irgendwo beginnen. Plötzlich war ich den Ossis nicht mehr böse, und bedauerte aufrichtig die Situation und den dummen Streit, und: es fühlte sich gut an.

Mir wurde klar, daß all die Bewältigungsfanatiker, all die NS-Komplexler, Sühnedeutschen, Schuldkultisten und pharisäischen Zivilreligionsgläubigen nicht wirklich Feinde sind, oder zumindest nicht pauschal als solche betrachtet werden dürfen. Viele von ihnen mögen betondumm und opportunistisch sein, viele haben es nie besser gelernt oder anders gehört, aber ebenso viele leiden auch wirklich aufrichtig darunter, was in NS-Deutschland und im Krieg geschehen ist, gerade weil die nationalen Gefühle in ihnen nicht tot sind.  Die Wunden sind auch bei jenen tief, die bei "Deutschland" nur mehr an "Auschwitz" zu denken vermögen.

Ich beschloß, in der nächsten Station den Wagen zu wechseln, und mich bei der Ossi-Familie zu entschuldigen. Nicht nur als menschliche, sondern irgendwie auch als symbolische deutsch-deutsche, oder von mir aus Ossi-Ösi-Versöhnungsgeste.  Sie waren aber schon ausgestiegen.

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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