17. November 2011

Wer sind die Terroristen?

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Abteilung "Unsichtbare Gegner", ein weiteres Mal: Nachdem Götz Kubitschek die wichtigsten Fragezeichen zur angeblichen "Braunen Armee Fraktion" zusammengefaßt hat, möchte ich noch ein paar Bemerkungen anfügen. Nach dem Fall Anders Breivik, der auf dieser Seite gründlich analysiert wurde, ist das nun das zweite Mal in einem Jahr, daß sich Terroristen von "rechts" offenbar ein seltsames Stil-"Crossover" erlaubt haben, das es in beiden Fällen in dieser Form noch nicht gab: Breivik kombinierte ein klassisches politisches Attentat mit einem Amok-Massaker à la Columbine High School, das sogenannte "Zwickauer Trio" Bankraub und Serienlustmord, dem postum nun ein obskures und offenbar schwer geistesgestörtes "Bekennervideo" nachgeschoben wird.

Da nun die "Döner-Morde" jahrelang im Dunkeln blieben, von der Polizei vorrangig mit der türkischen Mafia in Verbindung gebracht und von keinerlei Bekennerschreiben begleitet wurden, die politisch motivierte Taten erst als solche markieren, haben die Täter offenbar nur aus privatem Spaß an der Freude einen tröpfchenweisen Mini-Genozid in Gang gesetzt, so wie andere Serienkiller eben Prostituierte zur eigenen pathologischen Triebbefriedigung umbringen.

Wie auch Martin Böcker in seiner JF-Kolumne bemerkt hat, geistert nun ein Horrorbild durch die Medien, das an Finsternis kaum mehr zu überbieten ist: alles, was den degenerierten, regressiven, häßlichen, perversen, "menschenverachtenden" Nazi-Haß-Terror-Serienmördern aus dem Prekariat noch fehlt, ist die Verstrickung in einen Kinderpornoring oder ähnlichem.

Der "Nazi" steht heute ohnehin schon auf der ethischen Werteskala nur knapp über dem Kinderschänder. Ich habe einmal einen Artikel darüber geschrieben, wie sich Teile der NPD diesen Umstand zunütze machen wollen, um sich der Gesellschaft als einigermaßen  "Gute" zu präsentieren: man tritt sozusagen auf denjenigen, der noch einen Verächtlichkeitsrang tiefer steht. Das geht freilich kläglich nach hinten los, denn mit ihren "Todesstrafe"-Plakaten wirken die Demonstranten auf Durchschnittsmenschen eher erst recht wie Pogromhelden und Lynchmobs.

Ich muß dabei immer an die Szene aus Fritz Langs Klassiker  "M" denken, in der die Berliner Unterwelt einen gesuchten Kindermörder (gespielt von Peter Lorre) entführt und ihm einen Prozeß auf eigene Faust macht.  Die Anklage wird ausgerechnet durch den "Schränker" vertreten, einen Gangsterboß und mehrfachen Mörder (gespielt von Gustaf Gründgens), der eine Rede hält, die Goebbels alle Ehre gemacht hätte: "... dieser Mensch muß ausgelöscht werden wie ein Schadenfeuer... dieser Mensch muß ausgerottet werden, dieser Mensch muß weg!"

An den Schränker mußte ich wieder denken, als ich eine Glosse von Franz Josef Wagner aus der Bild-Zeitung las:
Dass Neo-Nazis widerlich sind, darüber waren wir uns alle einig. ... Ich dachte, unsere Gesellschaft müsste diese Irren ertragen. Eine dunkle Minderheit. ... Wir Bürger haben eine gemeinsame Pflicht. Wir müssen das Böse besiegen. Wir müssen die Nazis ausrotten aus unserem Leben. Sie gehören nicht zu uns.

Ungeachtet dessen, daß hier, - so die offizielle Story denn stimmt -, lediglich eine winzige isolierte Gruppe agierte, die zum Rest der Szene seit Jahren keinen Kontakt hatte, malt Wagner in grellen Farben eine Art Untermenschen-, Alien- und Werwolfsippe aus, die mitten unter "uns" lebe, vor der man schrecklich Angst haben müsse, und die man offenbar ebenfalls "wie ein Schadenfeuer auslöschen" müsse.

Wagner ist nun nicht nur ein begnadeter Hetzer ohne jeglichen Genierer, er ist auch, wie sich das für diesen Typus traditionell gehört, ein verläßlicher Untertan. Denn er beherrscht bekanntlich nicht nur die Kakerlaken- sondern auch die Sykophantensprache perfekt. Wer geifern kann, kann in der Regel auch schleimen. Wenn er nicht gerade in Ausrottungsphantasien schwelgt, schreibt er hymnische Elogen an seine heißgeliebte Führerin:
Liebe Angela Merkel, aus Ihrer Umgebung höre ich, daß Sie zurzeit eine 120-Stunden-Arbeitswoche haben und höchstens 5 Stunden schlafen. […] Kein normaler Mensch hält das aus. Brüssel hin und her im Jet. Euro retten, Griechenland retten. Sarkozy Tag und Nacht am Telefon. Seehofer im Nacken. Gaddafis Tod bewerten. Abends bei der Jungen Union, um die Jugend zu begeistern. Dann bei der Frauenunion, um für die Rechte der Frauen zu kämpfen. […] Wissen Sie, warum ich Sie mag, liebe Kanzlerin? Sie haben keinen Schnupfen. Sie haben eine Pferdenatur. Sie sind kein Hypochonder, Sie wirft kein Luftzug um. Wenn es zieht, kriegen Sie keine Schniefnase. Ich mag diese Kanzlerin. Manche mögen sie nicht. Ich mag Angela.

Test

Nun sehe ich schon den Scheinwerferschwenk auf die unermüdlich das Wohl des Volkes mehrenden Lichtgestalten im Bundestag, allen voran natürlich unsere große Bundesangela, die laut Pressemeldung  überraschenderweise die Untaten "verurteilte" und gewiß mit ihren Innenministern schon einen tollen Plan ausheckt, um uns alle vor dem Bösen zu retten. Was sind denn schon ein paar Bundestrojaner und andere Klinkerlitzchen gegen unser aller Sicherheit? Wer nichts zu verbergen hat, hat ja nichts zu fürchten!

Eben noch fingen wir an, uns zu fragen, ob dieser Staat, der gerade mir nichts dir nichts das Volksvermögen veräußert hat und dabei schleichend die demokratische Mitbestimmung außer Kraft setzt und den unerklärten permanenten Ausnahmezustand als neue Herrschaftspraxis inauguriert, es denn eigentlich wirklich so gut mit uns meint, wie wir braven Untertanen zu glauben geneigt sind. Schön, daß es jetzt wieder Wichtigeres gibt. Nun, da der skandalokratische Thrill landauf landab für bestes Schauerentertainment sorgt, können wir unsere diffuse Angst endlich wieder an einen altbekannten Nagel hängen, und aufatmen, daß es unsere gute Regierung gibt, die uns vor den "Irren" da draußen schützen wird.

Und dann können wir wieder ein Leben führen, das Wagner so skizziert:
Wir müssen die Nazis ausrotten aus unserem Leben. Sie gehören nicht zu uns. Nicht zu unserem Cappuccino, zu unserem Coffee to go, Schaufenster-Bummeln. Ein schönes Hemd kaufen, zum Italiener gehen. Mille grazie. Das ist unser Leben. Der Nazi-Terror ist nicht unser Leben.

So ist das, Leute! Die Naziterroristenserienkillerpsychos wollen euch eure heile Latte-Macchiatto- und Konsumidylle zerstören, und den ganzen schönen bereichernden Pizza- und Döner-Multikulturalismus! Und nun alle weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen, außer ein paar "Nazis" und "Rechte", was eh irgendwie dasselbe ist, aber um die kümmern wir uns schon, engagiert ihr  euch fleißig "gegen Rechts", denkt harmlos an das Harmlose, dann wird euch nichts geschehen, und geht wieder bummeln, einkaufen und Cappuccino schlürfen!

Für den allgemeinen affektiven Effekt ist es nicht so wichtig, daß die "Dönermorde"-Story von hinten bis vorne keinen Sinn ergibt. Die Informationen, die uns zur Verfügung stehen, lassen sich nicht einmal zu einer halbwegs plausiblen "Verschwörungstheorie" zusammenbasteln. Aber daß hier etwas derart oberfaul ist, daß wir uns es zur Zeit kaum vorstellen können, scheint nahezuliegen.  Daß gerade die neonazistische Szene Thüringens ein Nest aus VS-Männern war, ist hinlänglich bekannt, und sicher ebensowenig ein Zufall wie die rätselhaften massiven VS-Verstrickungen im Fall des "Trios".

Habe ich übrigens schon erwähnt, daß in Norwegen unmittelbar vor und bis in den Tag des Doppelattenats von Oslo und Utøya hinein eine Terrorübung stattfand, die mit einem sehr ähnlichen Szenario befaßt war, wie es sich dann zufälligerweise tatsächlich ereignete? Das behaupten nicht nur irgendwelche Bilderberger-Blogs, so stand es in der angesehenen norwegischen Aftenposten.  Die "Strategie der Spannung" ist nichts Neues. In den Siebziger Jahren hat die NATO/CIA-Organisation "Gladio" in Italien neofaschistische Gruppen eingesetzt, um einen roten Terror zu inszenieren. Wie immer in einem solchen Spiel sind die extremistischen Gruppen lediglich Schachfiguren einer Partie auf höherer Ebene, oft ohne ihre eigene Rolle zu begreifen.

Das alles muß erstmal Spekulation bleiben.  Die Rolle der Massenmedien ist momentan einigermaßen wirr und unklar. Die Devise scheint erstmal zu sein: Dampf machen! Die Ungereimtheiten der Story und die VS-Verbindungen werden inzwischen auch per Bild-Zeitung mit dicken und laut krähenden Schlagzeilen in die Manege geschleudert. Auch dies trägt zur allgemeinen Verunsicherung bei. Indessen überwiegt die flächendeckende Angst- und Panikmache, einhergehend mit einer Stigmatisierung, Dämonisierung und Verunglimpfung all dessen, was "rechts" ist oder sein soll.

Der Terrorismus kann nur als solcher bezeichnet werden, wenn er auch wirklich Terror, also "Schrecken" verbreitet. Er ist auf die multiplizierenden Kanäle der Massenmedien geradezu angewiesen. Was auch immer das bizarre "Zwickauer Trio" und seine Komplizen verbrochen haben: sie haben es eben nicht genutzt, um Terror und Angst zu verbreiten. Das tun jetzt andere für sie, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Und es funktioniert. Angesichts der Rolle, die nun die Massenmedien und ihre politischen Wellenreiter spielen, frage ich: wer ist denn nun der eigentliche Terrorist?
Test

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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