16. Oktober 2012

Islamkritik und Liberalismuskritik

von Gastbeitrag / 20 Kommentare

von Manfred Kleine-Hartlage

Der Sinn des zwischentags, der vor einer Woche in Berlin stattfand, war es, die verschiedenen Teile dessen, was man das politisch unkorrekte Milieu nennen könnte, miteinander ins Gespräch zu bringen. Islamkritiker und Neue Rechte, um nur diese beiden Fraktionen zu nennen, sind nun einmal in unterschiedlichen Gedankenwelten zuhause.

Es konnte nicht - und sollte auch gar nicht - ausbleiben, daß bei einer solchen Gelegenheit gegensätzliche Standpunkte aufeinanderprallen, daß auch sichtbar wird, wie unterschiedlich die Sprachen sind, die beiderseits gesprochen werden. Das muß kein Schaden sein; die Klärung der Standorte ist vielmehr die Voraussetzung dafür, sinnvoll miteinander kommunizieren zu können.

Der Disput zwischen Karlheinz Weißmann und Michael Stürzenberger über die Frage, ob der Islam unser Feind ist, war insofern ein guter Anfang und hat die Verschiedenheit der Ausgangspositionen deutlich gemacht: Während Weißmann den Konflikt zwischen den Völkern Europas und den Einwanderern, nicht nur Muslimen, die in Massen nach Europa drängen, vor allem als ethnischen Konflikt deutet, bei dem es aus der Sicht der Einheimischen um die Wahrung der eigenen Identität als Volk geht, sieht Stürzenberger vor allem den Konflikt zweier Ideologien: hier der liberalen westlichen Werte, dort einer totalitären Gewaltideologie, die bereits die Muslime selber unterworfen habe, und von der man sie befreien müsse, und zwar sowohl hier als auch in ihren Herkunftsländern. Diese Ideologie, so Stürzenberger, sei das Haupt-Integrationshindernis; würden die Muslime ihr abschwören, so stünde ihrer Integration in westliche Gesellschaften, einschließlich der deutschen, nichts im Wege.

Martin Lichtmesz hat Stürzenbergers liberale Position einer messerscharfen Kritik unterzogen, deren pointierte Formulierungen wiederum Stürzenberger derart verärgert haben, daß er in seiner Replik völlig übers Ziel hinausgeschossen ist und Lichtmesz Neigung zu nationalsozialistischem Gedankengut unterstellt hat. Es ist aber nicht nur Verärgerung, die darin zum Ausdruck kommt, sondern vor allem Unverständnis: Vom Standpunkt einer liberalen Ideologie, wie Stürzenberger sie vertritt, ist eine konservativ-antiglobalistische Position ohne einige theoretische Zwischenschritte schlechterdings unbegreiflich. Vielleicht hat Martin Lichtmesz unterschätzt, wie wenig seine Sprache bereits von Rechtsliberalen verstanden wird, die sich selbst keineswegs als Teil des Mainstreams verstehen.

Da ich auf meinem langen Weg von links nach rechts auch eine ganze Weile bei der rechtsliberal-prowestlichen Position von Stürzenberger und PI Station gemacht habe, bevor ich auch aus deren Inkonsistenz (wie vorher aus der der Linken) Konsequenzen ziehen mußte, ist mir die Sprache der liberalen Islamkritik und die der antiglobalistischen Rechten gleichermaßen vertraut. Ich versuche mich daher als Dolmetscher:

Stürzenberger hat in der Debatte mit Weißmann zu Recht die Gewalttätigkeit der islamischen Ideologie als auch des als Vorbild verehrten Propheten Mohammed hervorgehoben. Er hat - ebenso zu Recht - eine Parallele zwischen dieser Ideologie und dem beobachtbaren Verhalten von Muslimen aufgezeigt, sich dafür aber sowohl von Weißmann als auch von Lichtmesz den Vorwurf unhistorischer Argumentation zugezogen. Ein Aspekt, den bemerkenswerterweise sowohl Stürzenberger als auch Weißmann in ihrer Debatte übersehen haben, ist aber, daß das islamische Wertesystem weniger als bewußt bejahte Ideologie, sondern als ein System von kulturellen Selbstverständlichkeiten in den Köpfen von Muslimen existiert: Das islamische Wertesystem verinnerlicht man durch Sozialisation, nicht durch Koranlektüre; es besteht, wie das Wertesystem anderer Kulturen auch, aus tausenden von zumeist ungeschriebenen Regeln und Wertvorstellungen, die einer Gesellschaft erst ermöglichen zu funktionieren. Bewußt bejahte politische Ideologien machen nur einen winzigen Bruchteil dieser Systeme aus.

Der Vorwurf unhistorischer Argumentation ist daher in der Sache falsch: Eine Ideologie, die vierzehn Jahrhunderte lang gelebte Wirklichkeit gewesen ist, ist bereits dadurch ein historisches Phänomen, und es ist keineswegs unhistorisch, diese Ideologie als Wurzel des Verhaltens ihrer Anhänger dingfest zu machen.

Hätte Stürzenberger diesen notwendigen Zwischenschritt getan, so hätte er zwar diesen Vorwurf zurückweisen können; er wäre dann aber schwerlich zu seiner eigenen Schlußfolgerung gekommen, die Islamisierung Europas dadurch aufzuhalten, daß er die Muslime vom Islam befreit, sie also - mit welchen Mitteln auch immer - zwingt, dieser Religion, zumindest aber ihren illiberalen, gewalttätigen und totalitären Aspekten abzuschwören. Er hätte die Möglichkeit ins Auge fassen müssen, daß eine solche Massenkonversion objektiv unmöglich ist, weil sie für jeden Einzelnen eine so grundlegende und bis ins innerste Selbst gehende Umkehr und Besinnung erfordern würde, daß sie zwar Einzelnen möglich ist, aber nicht großen Massen von Muslimen. Sich neu zu erfinden, ist schmerzhaft.

Einige Beispiele:

+ Für das Christentum gilt Selbstkritik als Tugend ("Richtet nicht...", "Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders..."), weswegen selbst militante linke Atheisten Kritik am Islam dadurch zurückweisen, daß sie auf die scheinbar fragwürdigen Seiten der christlichen Religion, also der des eigenen Kulturkreises verweisen. Sie sind sich offenbar aufrichtig nicht der Ironie bewußt, die darin liegt, daß sie das Christentum unter Rückgriff auf eine Argumentationsfigur kritisieren, die ihnen gar nicht in den Sinn käme, wenn sie nicht in eine christlich geprägte Gesellschaft hinein sozialisiert worden wären. Kann man sich vorstellen, daß Muslime eine solche Ethik übernehmen und verinnerlichen, nur weil sie dem Islam abschwören und sich zum Grundgesetz bekennen?
+ Gewalt gilt im Islam als prestigeträchtig, nicht nur (aber auch) weil sie vom Propheten praktiziert wurde. Eine abstrakte Ächtung von Gewalt kennt der Islam nicht, kann er auch nicht kennen, weil er unter anderem ein Rechtssystem ist, das regelt, wer gegen wen unter welchen Voraussetzungen Gewalt anwenden darf und dieses Recht nicht dem Staat vorbehält. Würde sich am Sozialprestige von Gewalt irgendetwas ändern, wenn jemand vom Islam abfällt?
+ Für Muslime gilt das Verbot, sich mit "Ungläubigen" verbrüdern, was unter anderem bedeutet, daß es als zutiefst unsittlich angesehen wird, sich einem nichtmuslimischen Volk anzuschließen. Würde sich an dieser Einstellung etwas ändern, wenn sie dem Islam abschwören? Nach bisherigen Erfahrungen eher nicht: Selbst militante und engagierte türkischstämmige Islamkritiker wie Seyran Ates sträuben sich dagegen, sich als Deutsche zu sehen. Wenn aber selbst solche Menschen es nicht fertigbringen, sich einfach "Deutsche" zu nennen: wer dann?

Gerade dieser letzte Punkt führt uns zum Kern dessen, was ich die innere Inkonsistenz liberaler Ideologie genannt habe: Für Stürzenberger, so jedenfalls verstehe ich ihn, ist das Grundgesetz in einer Weise identitätsprägend und so maßgeblich für das, was man als "deutsch" zu verstehen hat, daß allein die Bejahung des Grundgesetzes, sofern sie aufrichtig ist, einen Muslim (oder welchen Einwanderer auch immer) dazu qualifiziert, Deutscher zu werden und als solcher angesehen zu werden. Unwillkürlich stutzt man: Wenn nämlich das Grundgesetz und die Loyalität dazu definiert, was deutsch ist, heißt das dann, daß ein Deutscher, der das Grundgesetz ablehnt, dadurch aufhört, Deutscher zu sein? Wird ein Deutscher, der sich in Warschau niederläßt und sich zu polnischen Verfassung bekennt, dadurch automatisch Pole?

Die Inkonsistenz besteht darin, eine Verfassung, also ein System von Rechtsprinzipien, das naturgemäß auf andere Länder übertragbar ist, zur Definition einer Identität heranzuziehen, also von etwas, das definitionsgemäß nicht übertragbar ist.

Ein Bekenntnis zum Grundgesetz impliziert ein Bekenntnis zur Demokratie. Dieses wiederum impliziert aber zwangsläufig das Bekenntnis zu dem Demos (dem Volk), um dessen Verfaßtheit es geht, oder es ist bedeutungsloses Gerede. Demokratie ist kollektive Selbstbestimmung und setzt ein Kollektiv voraus, das als Bezugspunkt politischer Solidarität seiner Angehörigen gilt. Demokratie und Nationalstaat sind daher nicht nur historisch, sondern vor allem logisch Zwillinge. Demokratie ohne Nationalstaat kann es nicht geben. Wer Einwanderern das Bekenntnis nur zum Grundgesetz abverlangt, aber nicht zum deutschen Volk, wird am Ende (bestenfalls, wenn überhaupt) mit einer "Demokratie" wie im Libanon dastehen, wo "demokratische" Institutionen noch gut genug zum Management ethnischer Konflikte sind, aber keinesfalls zur Verwirklichung eines Volkswillens, einfach deshalb, weil es so etwas wie ein Volk dort nicht gibt, höchstens Völker, die zusammengepfercht sind.


Solche geteilten Loyalitäten sind nicht etwa ein theoretisches Problem: Ein türkischstämmiger deutscher Staatsbürger, der sich für den Fortgang von Masseneinwanderung aus der Türkei einsetzt, hat dabei offenkundig nicht die Interessen des deutschen Volkes im Auge, sondern ethnische Partikularinteressen, die er vielleicht ideologisch verbrämt, die aber als solche deutlich erkennbar sind, und deren Verwirklichung unser Land ruiniert; ein etwaiges Bekenntnis zum Grundgesetz ändert an diesem Sachverhalt auch dann nichts, wenn es aufrichtig gemeint ist.

Es gibt nun einmal Dimensionen der menschlichen Existenz, die der Willensentscheidung des Einzelnen weitgehend entzogen sind, und dazu gehören die in der kindlichen Sozialisation verinnerlichten Wertmuster, einschließlich des Gefühls von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit, von vorhandenen oder nicht vorhandenen Solidaritätspflichten, von Vorstellungen über Recht und Unrecht, wahr und unwahr, legitim und illegitim. Mit dieser Feststellung stellt man freilich zugleich ein Axiom linker und liberaler Ideologie in Frage. Im Kern würde deren Kritik an der hier entwickelten Position lauten, damit würde die Selbstbestimmung des Menschen in Frage gestellt. Frei und selbstbestimmt, dies ist der Kern, zumindest aber der logische Fluchtpunkt des Gegenarguments, sei der Mensch nur dann, wenn er frei nicht nur über das verfügen könne, was er tut, sondern auch über das, was er ist. Wenn ein solches selbstbestimmtes Identitätsmanagement aber, wie wir Konservativen behaupten, objektiv eine Unmöglichkeit ist, dann kann die "Befreiung" von gewachsenen sozialen Kollektividentitäten nicht zu mehr Selbstbestimmung führen. Der Mensch, der von solchen Bindungen, und seien es die an den Islam, "befreit" wird, ist nicht einer, der frei über sich selbst verfügt, sondern einer, über den frei verfügt wird!

Wenn die Bindungen, die soziale Solidarität ermöglichen, zerstört werden, steht der Einzelne als atomisiertes Individuum Kräften gegenüber, die naturgemäß stärker sind als er, und gegen die er sich nicht wehren kann. Und wenn das Normen- und Wertesystem einer Gesellschaft zerstört wird, dann treten an die Stelle der zerstörten nicht etwa "westliche" Werte, sondern überhaupt keine.

Dies ist der Grund, warum wir es vehement ablehnen, den Islam in seinen Stammländern als Basis der gesellschaftlichen Ordnung zu zerstören und die Muslime dort mit westlichen Werten zwangszubeglücken (ebenso wie wir es ablehnen, uns in unserem eigenen Land von Muslimen zwangsbereichern zu lassen). Der Islam ist vor allem eine Gesellschaftsordnung, und er ist wie jede über lange Zeiträume funktionierende Gesellschaftsordnung eine von vielen möglichen Antworten auf die Frage, wie Menschen es schaffen, geordnet zusammenzuleben. Die Antwort unterscheidet sich von unserer, aber eine evolutionär bewährte Antwort ist sie trotzdem, und sie kann nicht willkürlich durch eine andere ersetzt werden: Dazu sind solche Systeme viel zu komplex und zu vielschichtig und brauchen zu viel Zeit zum Wachsen. Wenn Muslime überall dort, wo sie wählen dürfen, ausgerechnet die Islamisten wählen, hat dies weniger mit Fanatismus zu tun als mit dem Wunsch, die normativen Grundlagen ihrer gesellschaftlichen Ordnung zu festigen, und wer ihnen dies austreiben will, wird es kaum anders tun können als mit brutaler Gewalt.

Vor neunzig Jahren konnte Kemal Atatürk noch sagen, es gebe überhaupt nur eine Zivilisation, nämlich die westliche, und der Islam sei ein stinkender Leichnam. Heute könnte kein türkischer Politiker, und wäre er noch so kemalistisch, irgendetwas in dieser Art äußern; nicht nur, weil er damit sein Leben riskieren, sondern vor allem, weil niemand es verstehen würde.

Wenn Muslime auch im Westen es ablehnen, sich zu integrieren, dann hat dies zwar auch, aber beileibe nicht nur mit dem Islam zu tun: Muslimische Völker haben jahrhundertelange Erfahrung darin, Schwächen bei nichtmuslimischen zu wittern und auszunutzen. Was sie von der Integration abhält, ist der nur zu berechtigte Eindruck, damit ein sinkendes Schiff zu betreten. Die Muslime haben doch Augen im Kopf: Sie sehen, daß das deutsche Volk altert und schrumpft; daß wir uns einen Sport daraus machen, uns in Gesten der Selbstverachtung zu überbieten; daß die Familien zunehmend instabil werden - die Scheidungsstatistiken sprechen eine deutliche Sprache. Warum sollten sie sich auf einen schmerzhaften Prozeß der Assimilation einlassen, wo sie doch wissen, daß sie nur lange genug zu warten brauchen, um selbst diejenigen zu sein, die die Spielregeln diktieren, und dann uns zur Assimilation zu zwingen? Weil wir ihnen sagen, wie schlimm der Islam ist? Selbst wenn sie das glauben würden - was sie selbstredend nicht tun werden: Es würde sie nicht interessieren.

Was den Völkern Europas fehlt - und zwar so offensichtlich fehlt, daß es auf der Gegenseite buchstäblich jedes Kind weiß - ist der Wille zur Selbstbehauptung. Selbstbehauptungswille hat aber mit dem Bekenntnis zu "westlichen Werten" oder zum Grundgesetz allenfalls insofern zu tun, als solche Bekenntnisse den Willen zum Ausdruck bringen, im eigenen Land die Spielregeln zu bestimmen. Wer Muslime zur Assimilation zwingen will, wird dies nicht dadurch erreichen, daß er ihnen irgendwelche Bekenntnisse abnötigt, sondern allein dadurch, daß er ihnen unmißverständlich klarmacht, daß sie niemals die Spielregeln in unserem Land bestimmen werden, weil wir uns von ihnen nicht in die Minderheit drängen lassen. Das bedeutet Einwanderungsstop, drastische Erhöhung der eigenen Geburtenrate und das Bekenntnis zur Selbstbehauptung als Volk.

Wer das nicht will, wird die Islamisierung nicht bekämpfen können; wer sie bekämpfen will, muß im Gegenzug fragen, warum Masseneinwanderung stattfindet, warum die Geburtenraten weit unter dem Bestandserhaltungsniveau liegen, und warum es um den Überlebenswillen des eigenen Volkes so schlecht bestellt ist. Er darf nicht vor der Frage nach Verantwortlichen zurückschrecken; erst recht darf er nicht zögern, heilige Kühe zu schlachten. Wie ich es vor einem Jahr auf PI in meinem Essay "Liberale und konservative Islamkritik" geschrieben habe:
Transzendenz, der Zusammenhang, der über die Existenz des einzelnen Menschen hinausgeht, hat viele Facetten: als Generationenzusammenhang, den man mit den eigenen Kindern fortsetzt, als Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die durch ein Volk oder eine Religion gestiftet sein kann, oder durch beides, als Bewusstsein der Verantwortung vor Gott. Man wird schwerlich behaupten können, dass diese Zusammenhänge noch die Lebensauffassung unserer Gesellschaft prägten. Die maßgeblichen politischen Ideologien, und hier gerade der Liberalismus mit seinem Denken vom Individuum und seinen Freiheitsansprüchen her, kann solche Transzendenz nicht begründen und wird dazu tendieren, ihre Erscheinungsformen zu bekämpfen.

Eine Gesellschaft, die Kinderkriegen nicht mehr als natürliche Bestimmung des Menschen ansieht, sondern als bloß ein mögliches „Lebensmodell“ unter vielen; die Abtreibung für ein Menschenrecht hält; die wechselnde Lebenspartnerschaften und demgemäß Patchworkfamilien für völlig normal hält; die Homosexualität nicht nur duldet, sondern geradezu propagiert; die Frauen für „unterdrückt“ hält, wenn sie nicht Karriere machen; kurz und gut: die die Frage, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit ein Volk als Solidargemeinschaft überhaupt überleben kann, und die jede Pflicht und jede Bindung zugunsten der individuellen Selbstverwirklichung hintanstellt und jeden verteufelt, der es anders sieht: Eine solche Gesellschaft hat schon aus demographischen Gründen keine Überlebenschance.

Wer den Islam hauptsächlich deshalb kritisiert, weil Muslime das alles ablehnen und selbst nicht praktizieren, kann ihn kritisieren, solange er will – nein, nicht solange er will: Er kann ihn genau so lange kritisieren, bis die Moslems zahlenmäßig stark genug sind, ihm das Maul zu stopfen.

Die Haltung, die hinter der liberalen Islamkritik steht, lautet letztlich, den westlichen Liberalismus für das Nonplusultra der Geschichte zu halten und dabei nicht nur die vielen Menetekel zu übersehen, mit denen die Wand geradezu übersät ist, sondern an die liberalen Werte mit einer Inbrunst zu glauben, die diese Werte spätestens dann ad absurdum führt, wenn in ihrem Namen gebombt und gemordet wird, und dies geschieht spätestens dann, wenn man den Liberalismus so weit auf die Spitze treibt, daß man in seinem Namen traditionelle und naturgemäß nichtwestliche, nichtliberale Ordnungen, Strukturen und Loyalitäten gewaltsam zerstören zu dürfen glaubt, d.h. wenn man ihn zur Religion erhebt, die neben sich nichts duldet.

Dieser Glaube war die ideologische Basis für den dreißigjährigen Krieg, der nach Winston Churchills zutreffenden Worten von 1914 bis 1945 gegen Deutschland geführt wurde, der also nichts mit irgendwelchen Verbrechen der Nationalsozialisten zu tun hatte, und der schon lange vor Hitler, nämlich im Ersten Weltkrieg, mit den brutalstmöglichen Mitteln, einschließlich der systematischen Aushungerung der deutschen Zivilbevölkerung, geführt wurde; noch nach dem Waffenstillstand von 1918 wurde er fortgeführt und kostete eine Million deutscher Zivilisten das Leben. Man muß weiß Gott kein Rechtsradikaler und auch nicht, wie Stürzenberger meint, ein Amerikahasser sein, um Ländern und Ideologien, durch die und in deren Dienst mutwillig Kriegsverbrechen dieses Ausmaßes gegen das eigene Volk - aber fürwahr nicht nur gegen dieses! - begangen wurden, mit einer gewissen Reserve gegenüberzustehen.

Was wir am Liberalismus kritisieren, ist sein Denken in abstrakten und universalistischen Postulaten; ein Denken, das schon deshalb unangemessen sein muß, weil die Wirklichkeit stets konkret, niemals universalistisch und niemals ein Postulat ist. Der Versuch, die soziale Wirklichkeit solchen Postulaten anzupassen, wird immer darauf hinauslaufen, Menschen umzuerziehen und ihre Gedanken und Gefühle zu kontrollieren. Was wir am Liberalismus kritisieren ist mithin, daß er nicht liberal ist, sondern in dem Maße, wie er den Boden der Realität verläßt, zur utopistischen Heilslehre verkommt, die mindestens potenziell genauso totalitär ist wie ihr marxistischer Kontrahent.

Kommentare (20)

Ernstfall
16. Oktober 2012 09:13
MKH hat den mutmaßlichen Standpunkt von PI bzw. die Gedanken dahinter besser formuliert als PI selbst.
Wenn man die Diskussion von der Verkürzung auf den Text des Korans auf die Identitätsfrage verlagert, stellt sich allerdings die Frage, ob das Grundgesetz, das Stürzenberger dem Koran gegenüberstellt, wirklich die eigene (deutsche) Gegenidentität zu islamischer Identität verkörpert, oder ob die Berufung darauf nicht ebenso ein Lückenbüßer ist wie die Berufung auf eine "proamerikanische" und "proisraelische" Positionierung.
Auch wenn bei PI die kulturelle Inkompatibilität islamischer Identitätskonzepte erkannt wird, bleibt man dort häufig an diesem Punkt stehen und stellt nicht die notwendige Folgefrage, was denn die deutsche Identität ist, zu der der Islam inkompatibel ist, und auf deren Grundlage man sich gegen den Islam oder andere Herausforderungen behaupten könnte.
Das Umfeld von PI hat aber immerhin den ersten Schritt getan, und man sollte darauf nicht mit Abgrenzung und Verurteilung oder gar Herablassung reagieren, sondern mit dem Aufruf, auch den zweiten Schritt zu tun und den ganzen Weg zu gehen.
Citizen Kane
16. Oktober 2012 09:48
Ein sehr ausgewogener Beitrag von Herrn Kleine-Hartlage, danke! Ein weiterer Beitrag, der auch meine zunächst diffusen Vorbehalte gegen die westlich liberale Gesellschaft ordnet und zu festigt. Als langjähriger PI-Leser und früherer Kommentator dort, hoffe ich sehr, dass er zum gegenseitigen Verständnis beiträgt, welches vielleicht zu der Erkenntnis führt, dass der gesellschaftliche Wahn der "Politischen Korrektheit" deren Entlarvung und Bekämpfung PI sich verschrieben hat, die genuine Ausgeburt der spätliberalistischen Gesellschaft ist.
M.H
16. Oktober 2012 10:22
Lichtmesz - Kubitschek - Stürzenberger - Kleine Hartlage - all die Anderen........

Frage eines Undiplomierten ganz normalem Deutschen der ohnehin schon Probleme hat euch Intelektuell zu folgen - wer soll das alles noch verstehen ?, wer sich da noch durschwurschteln. Da brauch ich mindestens 3 Tage und 2 Fremdwörterbücher !. Gehts nicht einfach einfach ?. Oder bin ich nicht in der Zielgruppe. Ihr benehmt euch gerade wie die im Bundestag. Spaltet sich da gerade wieder was.....

antwort kubitschek:
+ dieses niveau ist unser niveau. man kann das nicht einfach einfacher ausdrücken. vielleicht sind Sie nicht die zielgruppe.
+ spalten kann man nur, was wie ein stamm aus derselben wurzel wuchs. ist hier nicht der fall.
Faschist
16. Oktober 2012 10:24
Der Beitrag bringt die Sache, genau wie der von Lichtmesz, auf den Punkt.

Herr Klein-Hartlage ist von unschätzbarem Vorteil für unsere Sache, da seine Texte von einer unangreifbaren argumentativen Präzision sind, und nicht wie bei Lichtmesz bis zum Anschlag emotional aufgeladen sind.

Letzteres hat zwar absolut ebenfalls seine Berechtigung, verringert aber seine Überzeugungskraft gegenüber Leuten, die nicht schon sowieso in unserem Lager stehen.
Citizen Kane
16. Oktober 2012 11:44
Faschist
Letzteres hat zwar absolut ebenfalls seine Berechtigung, verringert aber seine Überzeugungskraft gegenüber Leuten, die nicht schon sowieso in unserem Lager stehen.



......oder löst einen konstruktiven Disput aus ! ;-)
Realist
16. Oktober 2012 12:14
Vielen Dank für diesen Beitrag Herr Kleine-Hartlage. Ich schreibe dies als jemand, der erst durch die aktuelle Debatte mit PI den Weg zur Sezession gefunden hat. Ihre Analyse ist messerscharf und sie ist vom Stile her wohltuend objektiv und brückenbauend.

Die meisten PI-Leser, so man die Kommentare aufmerksam liest, scheinen weder zu wissen gegen wen noch wofür sie eigentlich kämpfen. Gemein ist ihnen lediglich das dumpfe Gefühl, das etwas faul ist im Staate Deutschland.

Daß die Einwanderung aus überwiegend moslemischen Ländern nur deshalb so bedrohlich wirkt, weil sie selbst Teil einer schwachen Solidargemeinschaft sind, diese Erkenntnis ist ihnen offensichtlich noch nicht gekommen. Entlarvend sind jene Kommentare, in denen z.B. die Fassungslosigkeit darüber zum Ausdruck gebracht wird, daß türkische oder arabische Jugendliche bei Auseinandersetzungen mit Deutschen mittels eines einzigen Telefonanrufes binnen Minuten 30 Gleichgesinnte an Ort und Stelle beordern können, während der durchschnittliche deutsche Jugendliche selbst bei längerem Nachdenken wohl nicht einmal fünf Personen bennenen könnte, die überhaupt bereit zur Hilfeleistung wären.

Einen Aspekt ihrer Argumentation möchte ich jedoch noch aufgreifen und diesen mit einem dringenden Apell verbinden. Sie bemerken völlig richtig, daß der Islam mehr ist als der gelebte Koran, daß er ein über die Jahrhunderte gewachsenes System der Sozialisation ist, daß Moslems viel stärker durch das Hineinwachsen in eine islamische Gesellschaftsstruktur identitär geprägt werden, als durch die Lektüre des Koran. Gleiches gilt selbstverständlcih auch für die deutsche Identität - sie muss gelebt werden, für den einzelnen Menschen im Alltag erlebbar sein. Dies ist aktuell nicht der Fall. Uns läuft nicht nur aus rein demographischer Sicht die Zeit davon. Vielmehr schwindet die Möglichkeit der Rückbesinnung des deutschen Volkes mit der Dauer der Nichtpräsenz der deutschen Identität im öffentlichen Raum.

Mein Appell an die identitäre Rechte lautet daher - haltet die Tür zum Dialog mit dem PI-Universum offen. Die PI-Leser sind die naheliegensten Mitstreiter, bei vielen von ihnen dürfte eine seriöse Überzeugungsarbeit auf fruchtbaren Boden fallen. Wenn mit denen, die deutlich spüren, daß unsere Kultur in Gefahr ist, die bereits für sich entschieden haben, sich nicht mehr unreflektiert linksideologisch gehirnwaschen zu lassen, die angefangen haben selbstständig zu denken, kein Schulterschluß möglich sein soll - mit wem denn dann in absehbarer Zeit? PI-Leser sind die natürlichen Verbündeten der identitären Rechten. Ich bin der festen Überzeugung, daß viele von ihnen einsehen werden, daß Identitäre keine Feinde der Freiheit und Totalitaristen sind, daß ihre geliebte Freiheit nur mit der persönlichen Verantwortung zu haben ist, daß Rechte, die man von der Gemeinschaft einfordert, an Pflichten gebunden sind, die man für die Gemeinschaft zu erfüllen hat. Sie werden verstehen, daß ihre abstrakten Normen nur dann einen inneren Wert entfalten können, wenn sie in konkreter Gestalt von einem Volk gelebt und durch den Nationalstaat geschützt werden.

Auch wenn ich Martin Lichtmesz also in weiten Teilen seiner Analyse durchaus zustimme, so halte ich eine Mäßigung im Ton für angebracht. Das Denken und Handeln von PI wird momentan von Emotionen bestimmt - von Wut über das was tagtäglich in diesem Land passiert. Die Identitären scheinen mir da einen entscheidenen Schritt weiter. Sie sind längst an einem Punkt sachlicher Analyse und zielführender Argumenation angelangt. Dies wirkt auf den Zornigen nicht selten intellektuell abgehoben, gar arrogant und überheblich.

Übt Nachsicht. Auch ich war vor kurzem einer dieser Zornigen.
W.Wagner
16. Oktober 2012 12:46
Vielleicht sollte dieser Text in der nächsten Sezession (Druckausgabe) erscheinen, er ist klärend und sehr hilfreich aufgrund seiner ruhigen, wohl durchdachten Argumentation.

In all den Beiträgen seit dem 6.10. zeigt sich, dass der so gelungene Zwischentag wirklich nur ein "Zwischentag" war und neue Impulse, Anstöße, Verbindungen gegeben hat, die vielleicht ohne diesen Tag nicht erreicht worden wären (?).

An M.H: Sicher mag man sich an Fremdworten usw. stören, aber zum Lebensauftrag sollte man sich machen, nicht "einfacher" sondern gebildeter zu werden. Den Fernseher aus und mit dem Fremdwörterbuch hinsetzen und etwas Neues verstehen wollen! Das mag mühsam sein, führt aber auch zu einem reicheren Leben! Versprochen!
Martin
16. Oktober 2012 12:59
Was übersehen wird, ist der Punkt, dass es den Islam auch in der Ausprägung einer "missionierenden" Ideologie/Religion gibt. Dies wird beispielsweise bei den deutsch-stämmigen Konvertiten ersichtlich.

Das Werte einzig und alleine durch kindliche Sozialisation fest gemauert werden, kann auch das allgemeine Phänomen des "Konvertiten" nicht erklären, den es in allen Religionen, Ideologien etc. schon immer gegeben hat und geben wird. Allerdings dann mit dem allseits bekannten "Saulus-Paulus" Effekt, dass der Konvertit meist radikaler ist, als der Nichtkonvertit.

Die Herleitung der Kriegshaltung der USA und Englands halte ich auch für verkürzt bis aberwitzig dargestellt, da hier die Phänomene der schlichten "Macht" und der Finanzinteressen vernachlässigt werden. England, mit der USA im Schlepptau (das darf man nicht vergessen - so richtig darum gerissen, in europäischen Kriege einzutreten, haben sich "die USA" nie, es gab vielmehr stets massive Beeinflussung aus anderen, europäisch interessierten und europäischen Kreisen) haben Deutschland gewiss nicht wegen seiner Lebensart und Kultur mit Krieg überzogen, sondern vor allem wegen seiner wirtschaftlicher Potenz, seiner zentralen Lage in Europa und dem Fakt, dass der deutsche "Selbstbehauptungswille" stark genug war, um mitreden zu wollen im Club der Großmächte ("Platz an der Sonne"). Das hat mit einem "missionierendem Liberalismus" rein gar nichts zu tun, im Gegenteil, ein echter Liberalismus hätte das berechtigte Anliegen Deutschlands, als erfolgreicher Player mitreden zu wollen, voll akzeptiert.

Wenn Stürzenberger nun auf der reinen ideologischen Ebene, die es im Islam, der keine Völker kennt und der Weltgeltungsanspruch hat und sich nicht auf die Länder des "Halbmondes" beschränkt, eben auch deutlich gibt, mit dem Grundgesetz kontert, dann wird klar, dass es hier zunächst um reine politische Auseinandersetzungen geht und nicht um, wer kommt wo her, wer wurde wie sozialisiert (nach diesem Muster hätte man ja schon massive Probleme, ein einiges Deutschland irgendwie zu definieren). Auf der politischen Ebene braucht man aber selber eine Idee, einen Mythos (hier spiele ich auf Sorel an) und nachdem die Mythen des 19. und 20. Jhdts buchstäblich verbrannt sind, welchen Mythos soll Herr Stürzenberger denn sonst zur Massenmobilisierung verwenden, das Christentum, bei einem weitgehend entchristianisierten Deutschland und das selber sich eher unpolitisch sieht (Gebt des Kaisers ...)?

Im konkret politischen wird es auch nie zu einem "Glaubensbekenntnis" zum GG kommen, wie hier unterstellt wird. Da werden vielmehr Regeln gesetzt und wer die nicht hält wird bestraft bzw. fliegt als Immigrant raus. Ich denke, dass ist genau das eigentliche Ziel von Stürzenberger und Co. Denn das Halten an abstrakte Regeln setzt keine ethnische Zugehörigkeit voraus und so wird es, selbst wenn man dieses System durchsetzen kann, immer Fremdethnien in Deutschland geben, da sich bereits heute ein großer Teil von diesen an die hiesigen Regeln hält. Die Fremdenfeindlichkeits-Nazikeule wäre damit argumentativ halbwegs umschifft.

Eine Unterscheidung nach: Du bist aus diesem Stamme, also so und so sozialisiert, also raus, birgt den Vorwurf des Rassismus immanent in sich. Der Ex- Unions Kader Stürzenberger wird sich diesen Schuh bestimmt nicht anziehen.

Zusammengefasst: Um den Islam überhaupt als Gefahr für unsere Lebensordnung und Lebensart definieren zu können, muss man sich erst einmal auf eine konkrete Rechtsordnung festlegen, die es zu verteidigen gilt. Im aktuellen politischen System ist es das Grundgesetz und es ist daher richtig, sich hinter dieses zu stellen. Daneben braucht man einen "Mythos" zur Massenmobilisierung, denn hat man mit dem Thema der Gefahr durch den Islam mehr, als mit einer antikapitalistischen Leier, die noch dazu links zu verorten ist. Wichtig wäre (aus rechter, konservativer Sicht), hier noch das Thema "EU-Kritik" miteinzubinden.

Aber es ist doch eben eher typisch deutsch und seit 68 gute Tradition, immer erst einmal die Systemfrage zu stellen, bevor man sich an die Abwehr von Feinden von außen bzw. die bereits zu uns gekommen sind, kümmert.
TiefImWesten
16. Oktober 2012 13:07
Schöner Beitrag von MKH, der es wirklich auf den Punkt bringt, ohne den Geruch nach Blut und Boden zu verströmen. Wir sind gerade unfreiwillige Probanden eines riesigen Sozialexperimentes. Was passiert, wenn man Millionen nationalistischer, kulturfremder Menschen in eine Gesellschaft "integriert", deren Selbstbeschreibung sich in liberalen Floskeln erschöpft. Warum soll einer Deutscher (nicht Pass-Deutscher) werden wollen, wenn das für alles und nichts steht? Allerdings finde ich, dass hier teilweise das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, wenn Utopia von den Landkarten getilgt werden soll. Das atmet den Geist des Strukturfunktionalismus.
Meyer
16. Oktober 2012 13:18
MH schrieb: "Frage eines Undiplomierten ganz normalem Deutschen der ohnehin schon Probleme hat euch Intelektuell zu folgen – wer soll das alles noch verstehen?"

Verkürzt geht es um folgendes:

1. Die Macher von PI wollen die Masseneinwanderung aus aller Heren Länder. Auch aus islamischen! Nur sollen die Moslems vorher dem Islam glaubhaft abschwören. - Daß das Nonsens ist, weiß jedes Kind. Nur Stürzenberger nicht.

2. Da das eigentliche Problem aber die Masseneinwanderung ist, lenken die Macher von PI halt von dem wirklichen Problem ab. - Mit Absicht oder weil die es selbst nicht begreifen?

3. Es geht auch darum, daß der Liberalismus, also das derzeitige Leitbild in Grundgesetz und Gesellschaft, den Zusammenhalt der Deutschen schwächt. Denn es löst unsere nationale Identität in kleine egoistische Einzelidentäten auf. Deswegen haben wir schlechte Karten in einem Kampf gegen die Masseneinwanderer. Und gegen diejenigen, die die Masseneinwanderung wollen. PI will den Liberalismus und die Masseneinwanderung aber unverändert behalten. Sie wollen also das, was uns den Untergang bringt nicht ändern, obwohl es zum Überleben der Deutschen als Ganzes notwendig ist.

Ob Sie, geehrter MH, Zielgruppe sind oder nicht, entscheiden Sie selbst!
Es gibt Berufe, in denen man jemanden Sachverhalte erklären muß, die derjenige, der eigentlich die Entscheidung zu fällen hat, nicht verstehen kann. Mit Diplom oder Examen hat das wenig zu tun. Ein Insolvenzanwalt wird zum Scheidungssanwalt auch sagen: Hör mir auf mit der ganzen Familienrechtsscheiße, mach' es kurz! - Deswegen haben Sie mit Ihrer Frage recht.
Ich bin zwar der Ansicht, daß man sich von denjenigen distanzieren sollte, den Kern nicht verstehen oder ihn nicht teilen. Aber dazu sollte man das Ganze erst mal verständlich verkürzen.

Ich persönlich teile die Haltung von Kleine-Hartlage vollständig! Hinter den sachlichen Worten steckt die notwendige Klarheit. Auch hinter denen von Kubitschek: PI und der Konservativismus, gleich welcher Form, gehören nicht zusammen. Man muß aufpassen, sich von denen nicht vereinnahmen zu lassen.
A.S.
16. Oktober 2012 13:31
Sehr guter Beitrag, Herr Kleine-Hartlage hat es trefflich auf den Punkt gebracht!
Es lebt sich aber schwer mit dieser Erkenntnis, zumal man die Auswüchse dieser absurden Zuwanderungspolitik täglich ertragen muss ohne etwas dagegen tun zu können!
JeanJean
16. Oktober 2012 13:33
@MH,

einfach dranbleiben und weiter lesen. Wenn das Interesse da ist, kommt man Stück für Stück weiter.

Übrigens, wenn ich mich einem neuen Thema annähere, googele ich manchmal tagelang um die Sache herum bis ich die Zusammenhänge habe, die hinter den Texten stehen. Es kann auch länger dauern bis es "Ping" macht. Man kann nicht alles wissen aber vieles lernen. Spaß macht es obendrein wenn man ein neues Feld langsam in den Griff bekommt.

Bei dem Text hier lohnt die Mühe allemal, den er spricht einen zentralen Punkt an und bereitet den Boden für weitere Debatten.
Erwalf
16. Oktober 2012 13:40
Auch ich möchte mich für diese Ausführungen von Manfred Kleine-Hartlage bedanken. Hier wird präzise - deshalb für theoretisch Ungeübte, die aber vielleicht vom praktischen Stamm aus der selben Wurzel sind, leider nicht leicht verständlich ausgedrückt, was ich auf dem Zwischentag beim Zuhören ahnte und fühlte, aber spontan nicht so exakt in Worte hätte fassen können. Dennoch: Die identitätstiftende Erneuerung des deutschen Volkes mit Hilfe von uns Konservativen ist unter den gegebenen Umständen ein fast unmögliches Unterfangen, wie obiger Text eigentlich auch wieder einmal vor Augen führt. Obwohl es für uns zu wenig ist, so kann es doch ein taktisch richtiger erster Schritt sein, die sich aus dem Grundgesetz ergebenden Rechte und Pflichten von allen hier in diesem unserem Land lebenden Menschen zu hundert Prozent einzufordern, als auch diese noch am runden Tisch zu verwässern und anzupassen. Wird dies verweigert, ist den unwilligen der uns Bereichernden vom Staat und seinen Organen im Sinne Stürzenbergers, um es im sozialdemokratischen Jargon auszudrücken, die klare Kante zu zeigen.
Andre Boine
16. Oktober 2012 14:21
Guter Beitrag des Autors, allerdings mit logischem Fehlschluss, Zitat Kleine-Hartlage:

"Es gibt nun einmal Dimensionen der menschlichen Existenz, die der Willensentscheidung des Einzelnen weitgehend entzogen sind, und dazu gehören die in der kindlichen Sozialisation verinnerlichten Wertmuster, einschließlich des Gefühls von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit, von vorhandenen oder nicht vorhandenen Solidaritätspflichten, von Vorstellungen über Recht und Unrecht, wahr und unwahr, legitim und illegitim. Mit dieser Feststellung stellt man freilich zugleich ein Axiom linker und liberaler Ideologie in Frage. Im Kern würde deren Kritik an der hier entwickelten Position lauten, damit würde die Selbstbestimmung des Menschen in Frage gestellt. Frei und selbstbestimmt, dies ist der Kern, zumindest aber der logische Fluchtpunkt des Gegenarguments, sei der Mensch nur dann, wenn er frei nicht nur über das verfügen könne, was er tut, sondern auch über das, was er ist. Wenn ein solches selbstbestimmtes Identitätsmanagement aber, wie wir Konservativen behaupten, objektiv eine Unmöglichkeit ist, dann kann die „Befreiung“ von gewachsenen sozialen Kollektividentitäten nicht zu mehr Selbstbestimmung führen."


Offensichtlich ist es Kleine-Hartlage mit seinem Buch "Warum ich kein Linker mehr bin" gelungen eben jenes Identitätsmanagement vorzunehmen, selbst zu bestimmen, wer & was er ist. Vom Linken zum Konservativen, laut Kleine-Hartlage und dem von ihm vertretenen Konservatismus objektiv unmöglich.

Er selbst ist das beste Beispiel dafür, dass es sogar objektiv möglich ist.
Conan
16. Oktober 2012 14:37
Es ist genau dieser Brückenschlag, den ich bislang vermisse.
Ich habe lange Zeit nur PI gelesen, die Kopp-Nachrichten mehr aus Spaß und Solidarität mit Eva Hermann geschaut.
Über ein Interview mit MKH von Alexander Benesch auf (damals) Infokrieg hab ich mir eine ganze Weile diese "Libertäre" Ecke angeschaut. Dann einige Vorträge der (A)nti(Z)ensur(K)oalition angehört und bin schliesslich auf Andreas Popp und seine Wissensmanufaktur gestossen.
Und mittlerweile kann ich sagen: Sie haben ALLE recht. Es gibt lediglich das Problem der Spezialisierung und der damit verbundenen Ignoranz anderer Problematiken und Zusammenhänge.
Besonders auffällig sind die Streitpunkte 9/11 und Israel. Ich kann diese Punkte mangels Wissen nicht beurteilen und möchte deshalb auch nicht Stellung nehmen, halte aber Tabu-Themen-Denkschemas für genauso falsch wie festgefahrene Meinungen.
Was mir allerdings in der gesamten nicht explizit islamkritischen Szene negativ auffiel ist der latente Hang zur Islam-Verharmlosung, der wohl in der dort dogmatisch vorherrschenden Vorstellung begründet ist, alle Kritik am Islam sei lediglich die Folge globalistischer Medien-Hetze und somit nicht ernst zu nehmen, sondern zu belächeln.
Doch genau diese Grabenkämpfe sind der Schuß in den Ofen.
MahnStein
16. Oktober 2012 14:47
MKH brint es wieder einmal genau auf den Punkt. Danke!!!
Inselbauer
16. Oktober 2012 15:22
Auf die Gefahr hin, dass man das hier nicht lesen will und dass das eine Niveauunterschreitung darstellt: Es gibt einen Punkt, an dem will man entweder etwas erreichen, nimmt sich ein wenig zusammen (was auch einen Verzicht auf Klugscheisserei bedeuten kann) und geht auf die Anderen zu, oder man nimmt sich eben nicht zusammen und rettet den geborgten Selbstwert als "Intellektueller" über die nächsten Runden. Im zweiten Fall hat man den Mund zu den alten Weisen bewegt und wieder nichts erreicht. Fällt das hier keinem auf: Als sogenannter Intellektueller hat man auch eine pädagogische Verantwortung, die nicht darin gipfeln kann, die Leute von PI nieder zu machen. Jeden kann man niedermachen, wenn man sich einen Nachmittag hinsetzt (...)
Götz Kubitschek
16. Oktober 2012 18:11
diskussion geschlossen, dank an alle.
blixa
16. Oktober 2012 15:41
Auch wenn die Analyse der Lage und Motivation für das eigene Handeln sich unterscheiden, sollte man in der Lage sein, Zweckbündnisse zu schließen, sofern man sich auf gemeinsame Ziele verständigen kann. ANsonsten ist man schlicht politikunfähig.

Im Rahmen dieses Zweckbündnisses könnte man sich m.E. ohne weiteres auf die naheliegende Zielsetzung verständigen, zum einen die - primär muslimische - Massenzuwanderung zu stoppen und zum anderen alle dauerhaft Sozialleistungen in Anspruch nehmende oder kriminell gewordene Migranten auszuweisen. Damit wäre schon einmal viel gewonnen.

Ich bin der Sezession seit längerem verbunden und war auch bei PI aktiv. Nach meinen dabei gewonnenen Einsichten können die jeweiligen Kreise durchaus kooperieren, sofern man sich nicht zwanghaft auf das Trennende kapriziert.

Es wäre schade, wenn der zwischentag, der doch ein großer organisatorischer Erfolg war, primär als Katalysator einer Debatte, die letztllich zur Trennung der beiden Lager führt, in Erinnerung bliebe.

Übrigens: Während wir hier diskutieren, findet - ausgelöst durch ein unsägliches Urteil des BVerfG sowie die Einführung der VIsafreiheit für Serbien und Mazedonien - ein Massenzustrom von Sinti und Roma nach Deutschland statt. Der Bevölkerungsaustausch wird noch einmal beschleunigt, nachdem bereits im letzten Jahr die Nettozuwanderung von Fremden nach Deutschland bei über 200.00 lag. Wollen wir uns wirklich weiter in fruchtlosen Debatten verlieren, während die andere Seite konsequent Fakten schafft, die zusehends irreversibel werden?
GästIn
16. Oktober 2012 18:10
Ich habe zwar zur Sache nichts (mehr) beizutragen, will aber meiner Begeisterung über die Beiträge von Kubitschek, Lichtmesz, Kleine-Hartlage und den anderen unbedingt Ausdruck verleihen. Wie wohltuend diese Auseinandersetzung ist, wie erfrischend das Denken entlang von Tatsachen, wie entspannend tiefgründig der springende Punkt gesucht wird! Mir geht da das Herz weit auf, so etwas habe ich lange, lange vermisst und ich fühle mich an eine Zeit erinnert, in der Deutschland noch anders war. Ein wenig weiß ich jetzt, dass ich vielleicht doch im richtigen Land lebe. Es bedeutet mir existenziell viel, dieser Debatte lesend beiwohnen zu können. Deshalb: Bitte streitet weiter und hört nicht auf, darüber zu schreiben!

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