Islamkritik und Liberalismuskritik

von Manfred Kleine-Hartlage

Der Sinn des zwischentags, der vor einer Woche in Berlin stattfand, war es, die verschiedenen Teile dessen, was man das politisch unkorrekte...

 Gastbeitrag

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Milieu nen­nen könn­te, mit­ein­an­der ins Gespräch zu brin­gen. Islam­kri­ti­ker und Neue Rech­te, um nur die­se bei­den Frak­tio­nen zu nen­nen, sind nun ein­mal in unter­schied­li­chen Gedan­ken­wel­ten zuhause.

Es konn­te nicht – und soll­te auch gar nicht – aus­blei­ben, daß bei einer sol­chen Gele­gen­heit gegen­sätz­li­che Stand­punk­te auf­ein­an­der­pral­len, daß auch sicht­bar wird, wie unter­schied­lich die Spra­chen sind, die bei­der­seits gespro­chen wer­den. Das muß kein Scha­den sein; die Klä­rung der Stand­or­te ist viel­mehr die Vor­aus­set­zung dafür, sinn­voll mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren zu können.

Der Dis­put zwi­schen Karl­heinz Weiß­mann und Micha­el Stür­zen­ber­ger über die Fra­ge, ob der Islam unser Feind ist, war inso­fern ein guter Anfang und hat die Ver­schie­den­heit der Aus­gangs­po­si­tio­nen deut­lich gemacht: Wäh­rend Weiß­mann den Kon­flikt zwi­schen den Völ­kern Euro­pas und den Ein­wan­de­rern, nicht nur Mus­li­men, die in Mas­sen nach Euro­pa drän­gen, vor allem als eth­ni­schen Kon­flikt deu­tet, bei dem es aus der Sicht der Ein­hei­mi­schen um die Wah­rung der eige­nen Iden­ti­tät als Volk geht, sieht Stür­zen­ber­ger vor allem den Kon­flikt zwei­er Ideo­lo­gien: hier der libe­ra­len west­li­chen Wer­te, dort einer tota­li­tä­ren Gewalt­ideo­lo­gie, die bereits die Mus­li­me sel­ber unter­wor­fen habe, und von der man sie befrei­en müs­se, und zwar sowohl hier als auch in ihren Her­kunfts­län­dern. Die­se Ideo­lo­gie, so Stür­zen­ber­ger, sei das Haupt-Inte­gra­ti­ons­hin­der­nis; wür­den die Mus­li­me ihr abschwö­ren, so stün­de ihrer Inte­gra­ti­on in west­li­che Gesell­schaf­ten, ein­schließ­lich der deut­schen, nichts im Wege.

Mar­tin Licht­mesz hat Stür­zen­ber­gers libe­ra­le Posi­ti­on einer mes­ser­schar­fen Kri­tik unter­zo­gen, deren poin­tier­te For­mu­lie­run­gen wie­der­um Stür­zen­ber­ger der­art ver­är­gert haben, daß er in sei­ner Replik völ­lig übers Ziel hin­aus­ge­schos­sen ist und Licht­mesz Nei­gung zu natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Gedan­ken­gut unter­stellt hat. Es ist aber nicht nur Ver­är­ge­rung, die dar­in zum Aus­druck kommt, son­dern vor allem Unver­ständ­nis: Vom Stand­punkt einer libe­ra­len Ideo­lo­gie, wie Stür­zen­ber­ger sie ver­tritt, ist eine kon­ser­va­tiv-antiglo­ba­lis­ti­sche Posi­ti­on ohne eini­ge theo­re­ti­sche Zwi­schen­schrit­te schlech­ter­dings unbe­greif­lich. Viel­leicht hat Mar­tin Licht­mesz unter­schätzt, wie wenig sei­ne Spra­che bereits von Rechts­li­be­ra­len ver­stan­den wird, die sich selbst kei­nes­wegs als Teil des Main­streams verstehen.

Da ich auf mei­nem lan­gen Weg von links nach rechts auch eine gan­ze Wei­le bei der rechts­li­be­ral-pro­west­li­chen Posi­ti­on von Stür­zen­ber­ger und PI Sta­ti­on gemacht habe, bevor ich auch aus deren Inkon­sis­tenz (wie vor­her aus der der Lin­ken) Kon­se­quen­zen zie­hen muß­te, ist mir die Spra­che der libe­ra­len Islam­kri­tik und die der antiglo­ba­lis­ti­schen Rech­ten glei­cher­ma­ßen ver­traut. Ich ver­su­che mich daher als Dolmetscher:

Stür­zen­ber­ger hat in der Debat­te mit Weiß­mann zu Recht die Gewalt­tä­tig­keit der isla­mi­schen Ideo­lo­gie als auch des als Vor­bild ver­ehr­ten Pro­phe­ten Moham­med her­vor­ge­ho­ben. Er hat – eben­so zu Recht – eine Par­al­le­le zwi­schen die­ser Ideo­lo­gie und dem beob­acht­ba­ren Ver­hal­ten von Mus­li­men auf­ge­zeigt, sich dafür aber sowohl von Weiß­mann als auch von Licht­mesz den Vor­wurf unhis­to­ri­scher Argu­men­ta­ti­on zuge­zo­gen. Ein Aspekt, den bemer­kens­wer­ter­wei­se sowohl Stür­zen­ber­ger als auch Weiß­mann in ihrer Debat­te über­se­hen haben, ist aber, daß das isla­mi­sche Wer­te­sys­tem weni­ger als bewußt bejah­te Ideo­lo­gie, son­dern als ein Sys­tem von kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten in den Köp­fen von Mus­li­men exis­tiert: Das isla­mi­sche Wer­te­sys­tem ver­in­ner­licht man durch Sozia­li­sa­ti­on, nicht durch Koran­lek­tü­re; es besteht, wie das Wer­te­sys­tem ande­rer Kul­tu­ren auch, aus tau­sen­den von zumeist unge­schrie­be­nen Regeln und Wert­vor­stel­lun­gen, die einer Gesell­schaft erst ermög­li­chen zu funk­tio­nie­ren. Bewußt bejah­te poli­ti­sche Ideo­lo­gien machen nur einen win­zi­gen Bruch­teil die­ser Sys­te­me aus.

Der Vor­wurf unhis­to­ri­scher Argu­men­ta­ti­on ist daher in der Sache falsch: Eine Ideo­lo­gie, die vier­zehn Jahr­hun­der­te lang geleb­te Wirk­lich­keit gewe­sen ist, ist bereits dadurch ein his­to­ri­sches Phä­no­men, und es ist kei­nes­wegs unhis­to­risch, die­se Ideo­lo­gie als Wur­zel des Ver­hal­tens ihrer Anhän­ger ding­fest zu machen.

Hät­te Stür­zen­ber­ger die­sen not­wen­di­gen Zwi­schen­schritt getan, so hät­te er zwar die­sen Vor­wurf zurück­wei­sen kön­nen; er wäre dann aber schwer­lich zu sei­ner eige­nen Schluß­fol­ge­rung gekom­men, die Isla­mi­sie­rung Euro­pas dadurch auf­zu­hal­ten, daß er die Mus­li­me vom Islam befreit, sie also – mit wel­chen Mit­teln auch immer – zwingt, die­ser Reli­gi­on, zumin­dest aber ihren illi­be­ra­len, gewalt­tä­ti­gen und tota­li­tä­ren Aspek­ten abzu­schwö­ren. Er hät­te die Mög­lich­keit ins Auge fas­sen müs­sen, daß eine sol­che Mas­sen­kon­ver­si­on objek­tiv unmög­lich ist, weil sie für jeden Ein­zel­nen eine so grund­le­gen­de und bis ins inners­te Selbst gehen­de Umkehr und Besin­nung erfor­dern wür­de, daß sie zwar Ein­zel­nen mög­lich ist, aber nicht gro­ßen Mas­sen von Mus­li­men. Sich neu zu erfin­den, ist schmerzhaft.

Eini­ge Beispiele:

+ Für das Chris­ten­tum gilt Selbst­kri­tik als Tugend (“Rich­tet nicht…”, “Was siehst du den Split­ter im Auge dei­nes Bru­ders…”), wes­we­gen selbst mili­tan­te lin­ke Athe­is­ten Kri­tik am Islam dadurch zurück­wei­sen, daß sie auf die schein­bar frag­wür­di­gen Sei­ten der christ­li­chen Reli­gi­on, also der des eige­nen Kul­tur­krei­ses ver­wei­sen. Sie sind sich offen­bar auf­rich­tig nicht der Iro­nie bewußt, die dar­in liegt, daß sie das Chris­ten­tum unter Rück­griff auf eine Argu­men­ta­ti­ons­fi­gur kri­ti­sie­ren, die ihnen gar nicht in den Sinn käme, wenn sie nicht in eine christ­lich gepräg­te Gesell­schaft hin­ein sozia­li­siert wor­den wären. Kann man sich vor­stel­len, daß Mus­li­me eine sol­che Ethik über­neh­men und ver­in­ner­li­chen, nur weil sie dem Islam abschwö­ren und sich zum Grund­ge­setz bekennen?
+ Gewalt gilt im Islam als pres­ti­ge­träch­tig, nicht nur (aber auch) weil sie vom Pro­phe­ten prak­ti­ziert wur­de. Eine abs­trak­te Äch­tung von Gewalt kennt der Islam nicht, kann er auch nicht ken­nen, weil er unter ande­rem ein Rechts­sys­tem ist, das regelt, wer gegen wen unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Gewalt anwen­den darf und die­ses Recht nicht dem Staat vor­be­hält. Wür­de sich am Sozi­al­pres­ti­ge von Gewalt irgend­et­was ändern, wenn jemand vom Islam abfällt?
+ Für Mus­li­me gilt das Ver­bot, sich mit “Ungläu­bi­gen” ver­brü­dern, was unter ande­rem bedeu­tet, daß es als zutiefst unsitt­lich ange­se­hen wird, sich einem nicht­mus­li­mi­schen Volk anzu­schlie­ßen. Wür­de sich an die­ser Ein­stel­lung etwas ändern, wenn sie dem Islam abschwö­ren? Nach bis­he­ri­gen Erfah­run­gen eher nicht: Selbst mili­tan­te und enga­gier­te tür­kisch­stäm­mi­ge Islam­kri­ti­ker wie Sey­ran Ates sträu­ben sich dage­gen, sich als Deut­sche zu sehen. Wenn aber selbst sol­che Men­schen es nicht fer­tig­brin­gen, sich ein­fach “Deut­sche” zu nen­nen: wer dann?

Gera­de die­ser letz­te Punkt führt uns zum Kern des­sen, was ich die inne­re Inkon­sis­tenz libe­ra­ler Ideo­lo­gie genannt habe: Für Stür­zen­ber­ger, so jeden­falls ver­ste­he ich ihn, ist das Grund­ge­setz in einer Wei­se iden­ti­täts­prä­gend und so maß­geb­lich für das, was man als “deutsch” zu ver­ste­hen hat, daß allein die Beja­hung des Grund­ge­set­zes, sofern sie auf­rich­tig ist, einen Mus­lim (oder wel­chen Ein­wan­de­rer auch immer) dazu qua­li­fi­ziert, Deut­scher zu wer­den und als sol­cher ange­se­hen zu wer­den. Unwill­kür­lich stutzt man: Wenn näm­lich das Grund­ge­setz und die Loya­li­tät dazu defi­niert, was deutsch ist, heißt das dann, daß ein Deut­scher, der das Grund­ge­setz ablehnt, dadurch auf­hört, Deut­scher zu sein? Wird ein Deut­scher, der sich in War­schau nie­der­läßt und sich zu pol­ni­schen Ver­fas­sung bekennt, dadurch auto­ma­tisch Pole?

Die Inkon­sis­tenz besteht dar­in, eine Ver­fas­sung, also ein Sys­tem von Rechts­prin­zi­pi­en, das natur­ge­mäß auf ande­re Län­der über­trag­bar ist, zur Defi­ni­ti­on einer Iden­ti­tät her­an­zu­zie­hen, also von etwas, das defi­ni­ti­ons­ge­mäß nicht über­trag­bar ist.

Ein Bekennt­nis zum Grund­ge­setz impli­ziert ein Bekennt­nis zur Demo­kra­tie. Die­ses wie­der­um impli­ziert aber zwangs­läu­fig das Bekennt­nis zu dem Demos (dem Volk), um des­sen Ver­faßt­heit es geht, oder es ist bedeu­tungs­lo­ses Gere­de. Demo­kra­tie ist kol­lek­ti­ve Selbst­be­stim­mung und setzt ein Kol­lek­tiv vor­aus, das als Bezugs­punkt poli­ti­scher Soli­da­ri­tät sei­ner Ange­hö­ri­gen gilt. Demo­kra­tie und Natio­nal­staat sind daher nicht nur his­to­risch, son­dern vor allem logisch Zwil­lin­ge. Demo­kra­tie ohne Natio­nal­staat kann es nicht geben. Wer Ein­wan­de­rern das Bekennt­nis nur zum Grund­ge­setz abver­langt, aber nicht zum deut­schen Volk, wird am Ende (bes­ten­falls, wenn über­haupt) mit einer “Demo­kra­tie” wie im Liba­non daste­hen, wo “demo­kra­ti­sche” Insti­tu­tio­nen noch gut genug zum Manage­ment eth­ni­scher Kon­flik­te sind, aber kei­nes­falls zur Ver­wirk­li­chung eines Volks­wil­lens, ein­fach des­halb, weil es so etwas wie ein Volk dort nicht gibt, höchs­tens Völ­ker, die zusam­men­ge­pfercht sind.

Sol­che geteil­ten Loya­li­tä­ten sind nicht etwa ein theo­re­ti­sches Pro­blem: Ein tür­kisch­stäm­mi­ger deut­scher Staats­bür­ger, der sich für den Fort­gang von Mas­sen­ein­wan­de­rung aus der Tür­kei ein­setzt, hat dabei offen­kun­dig nicht die Inter­es­sen des deut­schen Vol­kes im Auge, son­dern eth­ni­sche Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen, die er viel­leicht ideo­lo­gisch ver­brämt, die aber als sol­che deut­lich erkenn­bar sind, und deren Ver­wirk­li­chung unser Land rui­niert; ein etwai­ges Bekennt­nis zum Grund­ge­setz ändert an die­sem Sach­ver­halt auch dann nichts, wenn es auf­rich­tig gemeint ist.

Es gibt nun ein­mal Dimen­sio­nen der mensch­li­chen Exis­tenz, die der Wil­lens­ent­schei­dung des Ein­zel­nen weit­ge­hend ent­zo­gen sind, und dazu gehö­ren die in der kind­li­chen Sozia­li­sa­ti­on ver­in­ner­lich­ten Wert­mus­ter, ein­schließ­lich des Gefühls von Zuge­hö­rig­keit und Nicht­zu­ge­hö­rig­keit, von vor­han­de­nen oder nicht vor­han­de­nen Soli­da­ri­täts­pflich­ten, von Vor­stel­lun­gen über Recht und Unrecht, wahr und unwahr, legi­tim und ille­gi­tim. Mit die­ser Fest­stel­lung stellt man frei­lich zugleich ein Axi­om lin­ker und libe­ra­ler Ideo­lo­gie in Fra­ge. Im Kern wür­de deren Kri­tik an der hier ent­wi­ckel­ten Posi­ti­on lau­ten, damit wür­de die Selbst­be­stim­mung des Men­schen in Fra­ge gestellt. Frei und selbst­be­stimmt, dies ist der Kern, zumin­dest aber der logi­sche Flucht­punkt des Gegen­ar­gu­ments, sei der Mensch nur dann, wenn er frei nicht nur über das ver­fü­gen kön­ne, was er tut, son­dern auch über das, was er ist. Wenn ein sol­ches selbst­be­stimm­tes Iden­ti­täts­ma­nage­ment aber, wie wir Kon­ser­va­ti­ven behaup­ten, objek­tiv eine Unmög­lich­keit ist, dann kann die “Befrei­ung” von gewach­se­nen sozia­len Kol­lek­ti­vi­den­ti­tä­ten nicht zu mehr Selbst­be­stim­mung füh­ren. Der Mensch, der von sol­chen Bin­dun­gen, und sei­en es die an den Islam, “befreit” wird, ist nicht einer, der frei über sich selbst ver­fügt, son­dern einer, über den frei ver­fügt wird!

Wenn die Bin­dun­gen, die sozia­le Soli­da­ri­tät ermög­li­chen, zer­stört wer­den, steht der Ein­zel­ne als ato­mi­sier­tes Indi­vi­du­um Kräf­ten gegen­über, die natur­ge­mäß stär­ker sind als er, und gegen die er sich nicht weh­ren kann. Und wenn das Nor­men- und Wer­te­sys­tem einer Gesell­schaft zer­stört wird, dann tre­ten an die Stel­le der zer­stör­ten nicht etwa “west­li­che” Wer­te, son­dern über­haupt keine.

Dies ist der Grund, war­um wir es vehe­ment ableh­nen, den Islam in sei­nen Stamm­län­dern als Basis der gesell­schaft­li­chen Ord­nung zu zer­stö­ren und die Mus­li­me dort mit west­li­chen Wer­ten zwangs­zu­be­glü­cken (eben­so wie wir es ableh­nen, uns in unse­rem eige­nen Land von Mus­li­men zwangs­be­rei­chern zu las­sen). Der Islam ist vor allem eine Gesell­schafts­ord­nung, und er ist wie jede über lan­ge Zeit­räu­me funk­tio­nie­ren­de Gesell­schafts­ord­nung eine von vie­len mög­li­chen Ant­wor­ten auf die Fra­ge, wie Men­schen es schaf­fen, geord­net zusam­men­zu­le­ben. Die Ant­wort unter­schei­det sich von unse­rer, aber eine evo­lu­tio­när bewähr­te Ant­wort ist sie trotz­dem, und sie kann nicht will­kür­lich durch eine ande­re ersetzt wer­den: Dazu sind sol­che Sys­te­me viel zu kom­plex und zu viel­schich­tig und brau­chen zu viel Zeit zum Wach­sen. Wenn Mus­li­me über­all dort, wo sie wäh­len dür­fen, aus­ge­rech­net die Isla­mis­ten wäh­len, hat dies weni­ger mit Fana­tis­mus zu tun als mit dem Wunsch, die nor­ma­ti­ven Grund­la­gen ihrer gesell­schaft­li­chen Ord­nung zu fes­ti­gen, und wer ihnen dies aus­trei­ben will, wird es kaum anders tun kön­nen als mit bru­ta­ler Gewalt.

Vor neun­zig Jah­ren konn­te Kemal Ata­türk noch sagen, es gebe über­haupt nur eine Zivi­li­sa­ti­on, näm­lich die west­li­che, und der Islam sei ein stin­ken­der Leich­nam. Heu­te könn­te kein tür­ki­scher Poli­ti­ker, und wäre er noch so kema­lis­tisch, irgend­et­was in die­ser Art äußern; nicht nur, weil er damit sein Leben ris­kie­ren, son­dern vor allem, weil nie­mand es ver­ste­hen würde.

Wenn Mus­li­me auch im Wes­ten es ableh­nen, sich zu inte­grie­ren, dann hat dies zwar auch, aber bei­lei­be nicht nur mit dem Islam zu tun: Mus­li­mi­sche Völ­ker haben jahr­hun­der­te­lan­ge Erfah­rung dar­in, Schwä­chen bei nicht­mus­li­mi­schen zu wit­tern und aus­zu­nut­zen. Was sie von der Inte­gra­ti­on abhält, ist der nur zu berech­tig­te Ein­druck, damit ein sin­ken­des Schiff zu betre­ten. Die Mus­li­me haben doch Augen im Kopf: Sie sehen, daß das deut­sche Volk altert und schrumpft; daß wir uns einen Sport dar­aus machen, uns in Ges­ten der Selbst­ver­ach­tung zu über­bie­ten; daß die Fami­li­en zuneh­mend insta­bil wer­den – die Schei­dungs­sta­tis­ti­ken spre­chen eine deut­li­che Spra­che. War­um soll­ten sie sich auf einen schmerz­haf­ten Pro­zeß der Assi­mi­la­ti­on ein­las­sen, wo sie doch wis­sen, daß sie nur lan­ge genug zu war­ten brau­chen, um selbst die­je­ni­gen zu sein, die die Spiel­re­geln dik­tie­ren, und dann uns zur Assi­mi­la­ti­on zu zwin­gen? Weil wir ihnen sagen, wie schlimm der Islam ist? Selbst wenn sie das glau­ben wür­den – was sie selbst­re­dend nicht tun wer­den: Es wür­de sie nicht interessieren.

Was den Völ­kern Euro­pas fehlt – und zwar so offen­sicht­lich fehlt, daß es auf der Gegen­sei­te buch­stäb­lich jedes Kind weiß – ist der Wil­le zur Selbst­be­haup­tung. Selbst­be­haup­tungs­wil­le hat aber mit dem Bekennt­nis zu “west­li­chen Wer­ten” oder zum Grund­ge­setz allen­falls inso­fern zu tun, als sol­che Bekennt­nis­se den Wil­len zum Aus­druck brin­gen, im eige­nen Land die Spiel­re­geln zu bestim­men. Wer Mus­li­me zur Assi­mi­la­ti­on zwin­gen will, wird dies nicht dadurch errei­chen, daß er ihnen irgend­wel­che Bekennt­nis­se abnö­tigt, son­dern allein dadurch, daß er ihnen unmiß­ver­ständ­lich klar­macht, daß sie nie­mals die Spiel­re­geln in unse­rem Land bestim­men wer­den, weil wir uns von ihnen nicht in die Min­der­heit drän­gen las­sen. Das bedeu­tet Ein­wan­de­rungs­stop, dras­ti­sche Erhö­hung der eige­nen Gebur­ten­ra­te und das Bekennt­nis zur Selbst­be­haup­tung als Volk.

Wer das nicht will, wird die Isla­mi­sie­rung nicht bekämp­fen kön­nen; wer sie bekämp­fen will, muß im Gegen­zug fra­gen, war­um Mas­sen­ein­wan­de­rung statt­fin­det, war­um die Gebur­ten­ra­ten weit unter dem Bestands­er­hal­tungs­ni­veau lie­gen, und war­um es um den Über­le­bens­wil­len des eige­nen Vol­kes so schlecht bestellt ist. Er darf nicht vor der Fra­ge nach Ver­ant­wort­li­chen zurück­schre­cken; erst recht darf er nicht zögern, hei­li­ge Kühe zu schlach­ten. Wie ich es vor einem Jahr auf PI in mei­nem Essay “Libe­ra­le und kon­ser­va­ti­ve Islam­kri­tik” geschrie­ben habe:

Tran­szen­denz, der Zusam­men­hang, der über die Exis­tenz des ein­zel­nen Men­schen hin­aus­geht, hat vie­le Facet­ten: als Genera­tio­nen­zu­sam­men­hang, den man mit den eige­nen Kin­dern fort­setzt, als Zuge­hö­rig­keit zu einer Gemein­schaft, die durch ein Volk oder eine Reli­gi­on gestif­tet sein kann, oder durch bei­des, als Bewusst­sein der Ver­ant­wor­tung vor Gott. Man wird schwer­lich behaup­ten kön­nen, dass die­se Zusam­men­hän­ge noch die Lebens­auf­fas­sung unse­rer Gesell­schaft präg­ten. Die maß­geb­li­chen poli­ti­schen Ideo­lo­gien, und hier gera­de der Libe­ra­lis­mus mit sei­nem Den­ken vom Indi­vi­du­um und sei­nen Frei­heits­an­sprü­chen her, kann sol­che Tran­szen­denz nicht begrün­den und wird dazu ten­die­ren, ihre Erschei­nungs­for­men zu bekämpfen.

Eine Gesell­schaft, die Kin­der­krie­gen nicht mehr als natür­li­che Bestim­mung des Men­schen ansieht, son­dern als bloß ein mög­li­ches „Lebens­mo­dell“ unter vie­len; die Abtrei­bung für ein Men­schen­recht hält; die wech­seln­de Lebens­part­ner­schaf­ten und dem­ge­mäß Patch­work­fa­mi­li­en für völ­lig nor­mal hält; die Homo­se­xua­li­tät nicht nur dul­det, son­dern gera­de­zu pro­pa­giert; die Frau­en für „unter­drückt“ hält, wenn sie nicht Kar­rie­re machen; kurz und gut: die die Fra­ge, wel­che Vor­aus­set­zun­gen gege­ben sein müs­sen, damit ein Volk als Soli­dar­ge­mein­schaft über­haupt über­le­ben kann, und die jede Pflicht und jede Bin­dung zuguns­ten der indi­vi­du­el­len Selbst­ver­wirk­li­chung hint­an­stellt und jeden ver­teu­felt, der es anders sieht: Eine sol­che Gesell­schaft hat schon aus demo­gra­phi­schen Grün­den kei­ne Überlebenschance.

Wer den Islam haupt­säch­lich des­halb kri­ti­siert, weil Mus­li­me das alles ableh­nen und selbst nicht prak­ti­zie­ren, kann ihn kri­ti­sie­ren, solan­ge er will – nein, nicht solan­ge er will: Er kann ihn genau so lan­ge kri­ti­sie­ren, bis die Mos­lems zah­len­mä­ßig stark genug sind, ihm das Maul zu stopfen.

Die Hal­tung, die hin­ter der libe­ra­len Islam­kri­tik steht, lau­tet letzt­lich, den west­li­chen Libe­ra­lis­mus für das Non­plus­ul­tra der Geschich­te zu hal­ten und dabei nicht nur die vie­len Mene­te­kel zu über­se­hen, mit denen die Wand gera­de­zu über­sät ist, son­dern an die libe­ra­len Wer­te mit einer Inbrunst zu glau­ben, die die­se Wer­te spä­tes­tens dann ad absur­dum führt, wenn in ihrem Namen gebombt und gemor­det wird, und dies geschieht spä­tes­tens dann, wenn man den Libe­ra­lis­mus so weit auf die Spit­ze treibt, daß man in sei­nem Namen tra­di­tio­nel­le und natur­ge­mäß nicht­west­li­che, nicht­li­be­ra­le Ord­nun­gen, Struk­tu­ren und Loya­li­tä­ten gewalt­sam zer­stö­ren zu dür­fen glaubt, d.h. wenn man ihn zur Reli­gi­on erhebt, die neben sich nichts duldet.

Die­ser Glau­be war die ideo­lo­gi­sche Basis für den drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, der nach Win­s­ton Chur­chills zutref­fen­den Wor­ten von 1914 bis 1945 gegen Deutsch­land geführt wur­de, der also nichts mit irgend­wel­chen Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­lis­ten zu tun hat­te, und der schon lan­ge vor Hit­ler, näm­lich im Ers­ten Welt­krieg, mit den bru­talst­mög­li­chen Mit­teln, ein­schließ­lich der sys­te­ma­ti­schen Aus­hun­ge­rung der deut­schen Zivil­be­völ­ke­rung, geführt wur­de; noch nach dem Waf­fen­still­stand von 1918 wur­de er fort­ge­führt und kos­te­te eine Mil­li­on deut­scher Zivi­lis­ten das Leben. Man muß weiß Gott kein Rechts­ra­di­ka­ler und auch nicht, wie Stür­zen­ber­ger meint, ein Ame­ri­ka­has­ser sein, um Län­dern und Ideo­lo­gien, durch die und in deren Dienst mut­wil­lig Kriegs­ver­bre­chen die­ses Aus­ma­ßes gegen das eige­ne Volk – aber für­wahr nicht nur gegen die­ses! – began­gen wur­den, mit einer gewis­sen Reser­ve gegenüberzustehen.

Was wir am Libe­ra­lis­mus kri­ti­sie­ren, ist sein Den­ken in abs­trak­ten und uni­ver­sa­lis­ti­schen Pos­tu­la­ten; ein Den­ken, das schon des­halb unan­ge­mes­sen sein muß, weil die Wirk­lich­keit stets kon­kret, nie­mals uni­ver­sa­lis­tisch und nie­mals ein Pos­tu­lat ist. Der Ver­such, die sozia­le Wirk­lich­keit sol­chen Pos­tu­la­ten anzu­pas­sen, wird immer dar­auf hin­aus­lau­fen, Men­schen umzu­er­zie­hen und ihre Gedan­ken und Gefüh­le zu kon­trol­lie­ren. Was wir am Libe­ra­lis­mus kri­ti­sie­ren ist mit­hin, daß er nicht libe­ral ist, son­dern in dem Maße, wie er den Boden der Rea­li­tät ver­läßt, zur uto­pis­ti­schen Heils­leh­re ver­kommt, die min­des­tens poten­zi­ell genau­so tota­li­tär ist wie ihr mar­xis­ti­scher Kontrahent.

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Kommentare (20)

Ernstfall

16. Oktober 2012 09:13

MKH hat den mutmaßlichen Standpunkt von PI bzw. die Gedanken dahinter besser formuliert als PI selbst.
Wenn man die Diskussion von der Verkürzung auf den Text des Korans auf die Identitätsfrage verlagert, stellt sich allerdings die Frage, ob das Grundgesetz, das Stürzenberger dem Koran gegenüberstellt, wirklich die eigene (deutsche) Gegenidentität zu islamischer Identität verkörpert, oder ob die Berufung darauf nicht ebenso ein Lückenbüßer ist wie die Berufung auf eine "proamerikanische" und "proisraelische" Positionierung.
Auch wenn bei PI die kulturelle Inkompatibilität islamischer Identitätskonzepte erkannt wird, bleibt man dort häufig an diesem Punkt stehen und stellt nicht die notwendige Folgefrage, was denn die deutsche Identität ist, zu der der Islam inkompatibel ist, und auf deren Grundlage man sich gegen den Islam oder andere Herausforderungen behaupten könnte.
Das Umfeld von PI hat aber immerhin den ersten Schritt getan, und man sollte darauf nicht mit Abgrenzung und Verurteilung oder gar Herablassung reagieren, sondern mit dem Aufruf, auch den zweiten Schritt zu tun und den ganzen Weg zu gehen.

Citizen Kane

16. Oktober 2012 09:48

Ein sehr ausgewogener Beitrag von Herrn Kleine-Hartlage, danke! Ein weiterer Beitrag, der auch meine zunächst diffusen Vorbehalte gegen die westlich liberale Gesellschaft ordnet und zu festigt. Als langjähriger PI-Leser und früherer Kommentator dort, hoffe ich sehr, dass er zum gegenseitigen Verständnis beiträgt, welches vielleicht zu der Erkenntnis führt, dass der gesellschaftliche Wahn der "Politischen Korrektheit" deren Entlarvung und Bekämpfung PI sich verschrieben hat, die genuine Ausgeburt der spätliberalistischen Gesellschaft ist.

M.H

16. Oktober 2012 10:22

Lichtmesz - Kubitschek - Stürzenberger - Kleine Hartlage - all die Anderen........

Frage eines Undiplomierten ganz normalem Deutschen der ohnehin schon Probleme hat euch Intelektuell zu folgen - wer soll das alles noch verstehen ?, wer sich da noch durschwurschteln. Da brauch ich mindestens 3 Tage und 2 Fremdwörterbücher !. Gehts nicht einfach einfach ?. Oder bin ich nicht in der Zielgruppe. Ihr benehmt euch gerade wie die im Bundestag. Spaltet sich da gerade wieder was.....

antwort kubitschek:
+ dieses niveau ist unser niveau. man kann das nicht einfach einfacher ausdrücken. vielleicht sind Sie nicht die zielgruppe.
+ spalten kann man nur, was wie ein stamm aus derselben wurzel wuchs. ist hier nicht der fall.

Faschist

16. Oktober 2012 10:24

Der Beitrag bringt die Sache, genau wie der von Lichtmesz, auf den Punkt.

Herr Klein-Hartlage ist von unschätzbarem Vorteil für unsere Sache, da seine Texte von einer unangreifbaren argumentativen Präzision sind, und nicht wie bei Lichtmesz bis zum Anschlag emotional aufgeladen sind.

Letzteres hat zwar absolut ebenfalls seine Berechtigung, verringert aber seine Überzeugungskraft gegenüber Leuten, die nicht schon sowieso in unserem Lager stehen.

Citizen Kane

16. Oktober 2012 11:44

Faschist

Letzteres hat zwar absolut ebenfalls seine Berechtigung, verringert aber seine Überzeugungskraft gegenüber Leuten, die nicht schon sowieso in unserem Lager stehen.

......oder löst einen konstruktiven Disput aus ! ;-)

Realist

16. Oktober 2012 12:14

Vielen Dank für diesen Beitrag Herr Kleine-Hartlage. Ich schreibe dies als jemand, der erst durch die aktuelle Debatte mit PI den Weg zur Sezession gefunden hat. Ihre Analyse ist messerscharf und sie ist vom Stile her wohltuend objektiv und brückenbauend.

Die meisten PI-Leser, so man die Kommentare aufmerksam liest, scheinen weder zu wissen gegen wen noch wofür sie eigentlich kämpfen. Gemein ist ihnen lediglich das dumpfe Gefühl, das etwas faul ist im Staate Deutschland.

Daß die Einwanderung aus überwiegend moslemischen Ländern nur deshalb so bedrohlich wirkt, weil sie selbst Teil einer schwachen Solidargemeinschaft sind, diese Erkenntnis ist ihnen offensichtlich noch nicht gekommen. Entlarvend sind jene Kommentare, in denen z.B. die Fassungslosigkeit darüber zum Ausdruck gebracht wird, daß türkische oder arabische Jugendliche bei Auseinandersetzungen mit Deutschen mittels eines einzigen Telefonanrufes binnen Minuten 30 Gleichgesinnte an Ort und Stelle beordern können, während der durchschnittliche deutsche Jugendliche selbst bei längerem Nachdenken wohl nicht einmal fünf Personen bennenen könnte, die überhaupt bereit zur Hilfeleistung wären.

Einen Aspekt ihrer Argumentation möchte ich jedoch noch aufgreifen und diesen mit einem dringenden Apell verbinden. Sie bemerken völlig richtig, daß der Islam mehr ist als der gelebte Koran, daß er ein über die Jahrhunderte gewachsenes System der Sozialisation ist, daß Moslems viel stärker durch das Hineinwachsen in eine islamische Gesellschaftsstruktur identitär geprägt werden, als durch die Lektüre des Koran. Gleiches gilt selbstverständlcih auch für die deutsche Identität - sie muss gelebt werden, für den einzelnen Menschen im Alltag erlebbar sein. Dies ist aktuell nicht der Fall. Uns läuft nicht nur aus rein demographischer Sicht die Zeit davon. Vielmehr schwindet die Möglichkeit der Rückbesinnung des deutschen Volkes mit der Dauer der Nichtpräsenz der deutschen Identität im öffentlichen Raum.

Mein Appell an die identitäre Rechte lautet daher - haltet die Tür zum Dialog mit dem PI-Universum offen. Die PI-Leser sind die naheliegensten Mitstreiter, bei vielen von ihnen dürfte eine seriöse Überzeugungsarbeit auf fruchtbaren Boden fallen. Wenn mit denen, die deutlich spüren, daß unsere Kultur in Gefahr ist, die bereits für sich entschieden haben, sich nicht mehr unreflektiert linksideologisch gehirnwaschen zu lassen, die angefangen haben selbstständig zu denken, kein Schulterschluß möglich sein soll - mit wem denn dann in absehbarer Zeit? PI-Leser sind die natürlichen Verbündeten der identitären Rechten. Ich bin der festen Überzeugung, daß viele von ihnen einsehen werden, daß Identitäre keine Feinde der Freiheit und Totalitaristen sind, daß ihre geliebte Freiheit nur mit der persönlichen Verantwortung zu haben ist, daß Rechte, die man von der Gemeinschaft einfordert, an Pflichten gebunden sind, die man für die Gemeinschaft zu erfüllen hat. Sie werden verstehen, daß ihre abstrakten Normen nur dann einen inneren Wert entfalten können, wenn sie in konkreter Gestalt von einem Volk gelebt und durch den Nationalstaat geschützt werden.

Auch wenn ich Martin Lichtmesz also in weiten Teilen seiner Analyse durchaus zustimme, so halte ich eine Mäßigung im Ton für angebracht. Das Denken und Handeln von PI wird momentan von Emotionen bestimmt - von Wut über das was tagtäglich in diesem Land passiert. Die Identitären scheinen mir da einen entscheidenen Schritt weiter. Sie sind längst an einem Punkt sachlicher Analyse und zielführender Argumenation angelangt. Dies wirkt auf den Zornigen nicht selten intellektuell abgehoben, gar arrogant und überheblich.

Übt Nachsicht. Auch ich war vor kurzem einer dieser Zornigen.

W.Wagner

16. Oktober 2012 12:46

Vielleicht sollte dieser Text in der nächsten Sezession (Druckausgabe) erscheinen, er ist klärend und sehr hilfreich aufgrund seiner ruhigen, wohl durchdachten Argumentation.

In all den Beiträgen seit dem 6.10. zeigt sich, dass der so gelungene Zwischentag wirklich nur ein "Zwischentag" war und neue Impulse, Anstöße, Verbindungen gegeben hat, die vielleicht ohne diesen Tag nicht erreicht worden wären (?).

An M.H: Sicher mag man sich an Fremdworten usw. stören, aber zum Lebensauftrag sollte man sich machen, nicht "einfacher" sondern gebildeter zu werden. Den Fernseher aus und mit dem Fremdwörterbuch hinsetzen und etwas Neues verstehen wollen! Das mag mühsam sein, führt aber auch zu einem reicheren Leben! Versprochen!

Martin

16. Oktober 2012 12:59

Was übersehen wird, ist der Punkt, dass es den Islam auch in der Ausprägung einer "missionierenden" Ideologie/Religion gibt. Dies wird beispielsweise bei den deutsch-stämmigen Konvertiten ersichtlich.

Das Werte einzig und alleine durch kindliche Sozialisation fest gemauert werden, kann auch das allgemeine Phänomen des "Konvertiten" nicht erklären, den es in allen Religionen, Ideologien etc. schon immer gegeben hat und geben wird. Allerdings dann mit dem allseits bekannten "Saulus-Paulus" Effekt, dass der Konvertit meist radikaler ist, als der Nichtkonvertit.

Die Herleitung der Kriegshaltung der USA und Englands halte ich auch für verkürzt bis aberwitzig dargestellt, da hier die Phänomene der schlichten "Macht" und der Finanzinteressen vernachlässigt werden. England, mit der USA im Schlepptau (das darf man nicht vergessen - so richtig darum gerissen, in europäischen Kriege einzutreten, haben sich "die USA" nie, es gab vielmehr stets massive Beeinflussung aus anderen, europäisch interessierten und europäischen Kreisen) haben Deutschland gewiss nicht wegen seiner Lebensart und Kultur mit Krieg überzogen, sondern vor allem wegen seiner wirtschaftlicher Potenz, seiner zentralen Lage in Europa und dem Fakt, dass der deutsche "Selbstbehauptungswille" stark genug war, um mitreden zu wollen im Club der Großmächte ("Platz an der Sonne"). Das hat mit einem "missionierendem Liberalismus" rein gar nichts zu tun, im Gegenteil, ein echter Liberalismus hätte das berechtigte Anliegen Deutschlands, als erfolgreicher Player mitreden zu wollen, voll akzeptiert.

Wenn Stürzenberger nun auf der reinen ideologischen Ebene, die es im Islam, der keine Völker kennt und der Weltgeltungsanspruch hat und sich nicht auf die Länder des "Halbmondes" beschränkt, eben auch deutlich gibt, mit dem Grundgesetz kontert, dann wird klar, dass es hier zunächst um reine politische Auseinandersetzungen geht und nicht um, wer kommt wo her, wer wurde wie sozialisiert (nach diesem Muster hätte man ja schon massive Probleme, ein einiges Deutschland irgendwie zu definieren). Auf der politischen Ebene braucht man aber selber eine Idee, einen Mythos (hier spiele ich auf Sorel an) und nachdem die Mythen des 19. und 20. Jhdts buchstäblich verbrannt sind, welchen Mythos soll Herr Stürzenberger denn sonst zur Massenmobilisierung verwenden, das Christentum, bei einem weitgehend entchristianisierten Deutschland und das selber sich eher unpolitisch sieht (Gebt des Kaisers ...)?

Im konkret politischen wird es auch nie zu einem "Glaubensbekenntnis" zum GG kommen, wie hier unterstellt wird. Da werden vielmehr Regeln gesetzt und wer die nicht hält wird bestraft bzw. fliegt als Immigrant raus. Ich denke, dass ist genau das eigentliche Ziel von Stürzenberger und Co. Denn das Halten an abstrakte Regeln setzt keine ethnische Zugehörigkeit voraus und so wird es, selbst wenn man dieses System durchsetzen kann, immer Fremdethnien in Deutschland geben, da sich bereits heute ein großer Teil von diesen an die hiesigen Regeln hält. Die Fremdenfeindlichkeits-Nazikeule wäre damit argumentativ halbwegs umschifft.

Eine Unterscheidung nach: Du bist aus diesem Stamme, also so und so sozialisiert, also raus, birgt den Vorwurf des Rassismus immanent in sich. Der Ex- Unions Kader Stürzenberger wird sich diesen Schuh bestimmt nicht anziehen.

Zusammengefasst: Um den Islam überhaupt als Gefahr für unsere Lebensordnung und Lebensart definieren zu können, muss man sich erst einmal auf eine konkrete Rechtsordnung festlegen, die es zu verteidigen gilt. Im aktuellen politischen System ist es das Grundgesetz und es ist daher richtig, sich hinter dieses zu stellen. Daneben braucht man einen "Mythos" zur Massenmobilisierung, denn hat man mit dem Thema der Gefahr durch den Islam mehr, als mit einer antikapitalistischen Leier, die noch dazu links zu verorten ist. Wichtig wäre (aus rechter, konservativer Sicht), hier noch das Thema "EU-Kritik" miteinzubinden.

Aber es ist doch eben eher typisch deutsch und seit 68 gute Tradition, immer erst einmal die Systemfrage zu stellen, bevor man sich an die Abwehr von Feinden von außen bzw. die bereits zu uns gekommen sind, kümmert.

TiefImWesten

16. Oktober 2012 13:07

Schöner Beitrag von MKH, der es wirklich auf den Punkt bringt, ohne den Geruch nach Blut und Boden zu verströmen. Wir sind gerade unfreiwillige Probanden eines riesigen Sozialexperimentes. Was passiert, wenn man Millionen nationalistischer, kulturfremder Menschen in eine Gesellschaft "integriert", deren Selbstbeschreibung sich in liberalen Floskeln erschöpft. Warum soll einer Deutscher (nicht Pass-Deutscher) werden wollen, wenn das für alles und nichts steht? Allerdings finde ich, dass hier teilweise das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, wenn Utopia von den Landkarten getilgt werden soll. Das atmet den Geist des Strukturfunktionalismus.

Meyer

16. Oktober 2012 13:18

MH schrieb: "Frage eines Undiplomierten ganz normalem Deutschen der ohnehin schon Probleme hat euch Intelektuell zu folgen – wer soll das alles noch verstehen?"

Verkürzt geht es um folgendes:

1. Die Macher von PI wollen die Masseneinwanderung aus aller Heren Länder. Auch aus islamischen! Nur sollen die Moslems vorher dem Islam glaubhaft abschwören. - Daß das Nonsens ist, weiß jedes Kind. Nur Stürzenberger nicht.

2. Da das eigentliche Problem aber die Masseneinwanderung ist, lenken die Macher von PI halt von dem wirklichen Problem ab. - Mit Absicht oder weil die es selbst nicht begreifen?

3. Es geht auch darum, daß der Liberalismus, also das derzeitige Leitbild in Grundgesetz und Gesellschaft, den Zusammenhalt der Deutschen schwächt. Denn es löst unsere nationale Identität in kleine egoistische Einzelidentäten auf. Deswegen haben wir schlechte Karten in einem Kampf gegen die Masseneinwanderer. Und gegen diejenigen, die die Masseneinwanderung wollen. PI will den Liberalismus und die Masseneinwanderung aber unverändert behalten. Sie wollen also das, was uns den Untergang bringt nicht ändern, obwohl es zum Überleben der Deutschen als Ganzes notwendig ist.

Ob Sie, geehrter MH, Zielgruppe sind oder nicht, entscheiden Sie selbst!
Es gibt Berufe, in denen man jemanden Sachverhalte erklären muß, die derjenige, der eigentlich die Entscheidung zu fällen hat, nicht verstehen kann. Mit Diplom oder Examen hat das wenig zu tun. Ein Insolvenzanwalt wird zum Scheidungssanwalt auch sagen: Hör mir auf mit der ganzen Familienrechtsscheiße, mach' es kurz! - Deswegen haben Sie mit Ihrer Frage recht.
Ich bin zwar der Ansicht, daß man sich von denjenigen distanzieren sollte, den Kern nicht verstehen oder ihn nicht teilen. Aber dazu sollte man das Ganze erst mal verständlich verkürzen.

Ich persönlich teile die Haltung von Kleine-Hartlage vollständig! Hinter den sachlichen Worten steckt die notwendige Klarheit. Auch hinter denen von Kubitschek: PI und der Konservativismus, gleich welcher Form, gehören nicht zusammen. Man muß aufpassen, sich von denen nicht vereinnahmen zu lassen.

A.S.

16. Oktober 2012 13:31

Sehr guter Beitrag, Herr Kleine-Hartlage hat es trefflich auf den Punkt gebracht!
Es lebt sich aber schwer mit dieser Erkenntnis, zumal man die Auswüchse dieser absurden Zuwanderungspolitik täglich ertragen muss ohne etwas dagegen tun zu können!

JeanJean

16. Oktober 2012 13:33

@MH,

einfach dranbleiben und weiter lesen. Wenn das Interesse da ist, kommt man Stück für Stück weiter.

Übrigens, wenn ich mich einem neuen Thema annähere, googele ich manchmal tagelang um die Sache herum bis ich die Zusammenhänge habe, die hinter den Texten stehen. Es kann auch länger dauern bis es "Ping" macht. Man kann nicht alles wissen aber vieles lernen. Spaß macht es obendrein wenn man ein neues Feld langsam in den Griff bekommt.

Bei dem Text hier lohnt die Mühe allemal, den er spricht einen zentralen Punkt an und bereitet den Boden für weitere Debatten.

Erwalf

16. Oktober 2012 13:40

Auch ich möchte mich für diese Ausführungen von Manfred Kleine-Hartlage bedanken. Hier wird präzise - deshalb für theoretisch Ungeübte, die aber vielleicht vom praktischen Stamm aus der selben Wurzel sind, leider nicht leicht verständlich ausgedrückt, was ich auf dem Zwischentag beim Zuhören ahnte und fühlte, aber spontan nicht so exakt in Worte hätte fassen können. Dennoch: Die identitätstiftende Erneuerung des deutschen Volkes mit Hilfe von uns Konservativen ist unter den gegebenen Umständen ein fast unmögliches Unterfangen, wie obiger Text eigentlich auch wieder einmal vor Augen führt. Obwohl es für uns zu wenig ist, so kann es doch ein taktisch richtiger erster Schritt sein, die sich aus dem Grundgesetz ergebenden Rechte und Pflichten von allen hier in diesem unserem Land lebenden Menschen zu hundert Prozent einzufordern, als auch diese noch am runden Tisch zu verwässern und anzupassen. Wird dies verweigert, ist den unwilligen der uns Bereichernden vom Staat und seinen Organen im Sinne Stürzenbergers, um es im sozialdemokratischen Jargon auszudrücken, die klare Kante zu zeigen.

Andre Boine

16. Oktober 2012 14:21

Guter Beitrag des Autors, allerdings mit logischem Fehlschluss, Zitat Kleine-Hartlage:

"Es gibt nun einmal Dimensionen der menschlichen Existenz, die der Willensentscheidung des Einzelnen weitgehend entzogen sind, und dazu gehören die in der kindlichen Sozialisation verinnerlichten Wertmuster, einschließlich des Gefühls von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit, von vorhandenen oder nicht vorhandenen Solidaritätspflichten, von Vorstellungen über Recht und Unrecht, wahr und unwahr, legitim und illegitim. Mit dieser Feststellung stellt man freilich zugleich ein Axiom linker und liberaler Ideologie in Frage. Im Kern würde deren Kritik an der hier entwickelten Position lauten, damit würde die Selbstbestimmung des Menschen in Frage gestellt. Frei und selbstbestimmt, dies ist der Kern, zumindest aber der logische Fluchtpunkt des Gegenarguments, sei der Mensch nur dann, wenn er frei nicht nur über das verfügen könne, was er tut, sondern auch über das, was er ist. Wenn ein solches selbstbestimmtes Identitätsmanagement aber, wie wir Konservativen behaupten, objektiv eine Unmöglichkeit ist, dann kann die „Befreiung“ von gewachsenen sozialen Kollektividentitäten nicht zu mehr Selbstbestimmung führen."

Offensichtlich ist es Kleine-Hartlage mit seinem Buch "Warum ich kein Linker mehr bin" gelungen eben jenes Identitätsmanagement vorzunehmen, selbst zu bestimmen, wer & was er ist. Vom Linken zum Konservativen, laut Kleine-Hartlage und dem von ihm vertretenen Konservatismus objektiv unmöglich.

Er selbst ist das beste Beispiel dafür, dass es sogar objektiv möglich ist.

Conan

16. Oktober 2012 14:37

Es ist genau dieser Brückenschlag, den ich bislang vermisse.
Ich habe lange Zeit nur PI gelesen, die Kopp-Nachrichten mehr aus Spaß und Solidarität mit Eva Hermann geschaut.
Über ein Interview mit MKH von Alexander Benesch auf (damals) Infokrieg hab ich mir eine ganze Weile diese "Libertäre" Ecke angeschaut. Dann einige Vorträge der (A)nti(Z)ensur(K)oalition angehört und bin schliesslich auf Andreas Popp und seine Wissensmanufaktur gestossen.
Und mittlerweile kann ich sagen: Sie haben ALLE recht. Es gibt lediglich das Problem der Spezialisierung und der damit verbundenen Ignoranz anderer Problematiken und Zusammenhänge.
Besonders auffällig sind die Streitpunkte 9/11 und Israel. Ich kann diese Punkte mangels Wissen nicht beurteilen und möchte deshalb auch nicht Stellung nehmen, halte aber Tabu-Themen-Denkschemas für genauso falsch wie festgefahrene Meinungen.
Was mir allerdings in der gesamten nicht explizit islamkritischen Szene negativ auffiel ist der latente Hang zur Islam-Verharmlosung, der wohl in der dort dogmatisch vorherrschenden Vorstellung begründet ist, alle Kritik am Islam sei lediglich die Folge globalistischer Medien-Hetze und somit nicht ernst zu nehmen, sondern zu belächeln.
Doch genau diese Grabenkämpfe sind der Schuß in den Ofen.

MahnStein

16. Oktober 2012 14:47

MKH brint es wieder einmal genau auf den Punkt. Danke!!!

Inselbauer

16. Oktober 2012 15:22

Auf die Gefahr hin, dass man das hier nicht lesen will und dass das eine Niveauunterschreitung darstellt: Es gibt einen Punkt, an dem will man entweder etwas erreichen, nimmt sich ein wenig zusammen (was auch einen Verzicht auf Klugscheisserei bedeuten kann) und geht auf die Anderen zu, oder man nimmt sich eben nicht zusammen und rettet den geborgten Selbstwert als "Intellektueller" über die nächsten Runden. Im zweiten Fall hat man den Mund zu den alten Weisen bewegt und wieder nichts erreicht. Fällt das hier keinem auf: Als sogenannter Intellektueller hat man auch eine pädagogische Verantwortung, die nicht darin gipfeln kann, die Leute von PI nieder zu machen. Jeden kann man niedermachen, wenn man sich einen Nachmittag hinsetzt (...)

blixa

16. Oktober 2012 15:41

Auch wenn die Analyse der Lage und Motivation für das eigene Handeln sich unterscheiden, sollte man in der Lage sein, Zweckbündnisse zu schließen, sofern man sich auf gemeinsame Ziele verständigen kann. ANsonsten ist man schlicht politikunfähig.

Im Rahmen dieses Zweckbündnisses könnte man sich m.E. ohne weiteres auf die naheliegende Zielsetzung verständigen, zum einen die - primär muslimische - Massenzuwanderung zu stoppen und zum anderen alle dauerhaft Sozialleistungen in Anspruch nehmende oder kriminell gewordene Migranten auszuweisen. Damit wäre schon einmal viel gewonnen.

Ich bin der Sezession seit längerem verbunden und war auch bei PI aktiv. Nach meinen dabei gewonnenen Einsichten können die jeweiligen Kreise durchaus kooperieren, sofern man sich nicht zwanghaft auf das Trennende kapriziert.

Es wäre schade, wenn der zwischentag, der doch ein großer organisatorischer Erfolg war, primär als Katalysator einer Debatte, die letztllich zur Trennung der beiden Lager führt, in Erinnerung bliebe.

Übrigens: Während wir hier diskutieren, findet - ausgelöst durch ein unsägliches Urteil des BVerfG sowie die Einführung der VIsafreiheit für Serbien und Mazedonien - ein Massenzustrom von Sinti und Roma nach Deutschland statt. Der Bevölkerungsaustausch wird noch einmal beschleunigt, nachdem bereits im letzten Jahr die Nettozuwanderung von Fremden nach Deutschland bei über 200.00 lag. Wollen wir uns wirklich weiter in fruchtlosen Debatten verlieren, während die andere Seite konsequent Fakten schafft, die zusehends irreversibel werden?

GästIn

16. Oktober 2012 18:10

Ich habe zwar zur Sache nichts (mehr) beizutragen, will aber meiner Begeisterung über die Beiträge von Kubitschek, Lichtmesz, Kleine-Hartlage und den anderen unbedingt Ausdruck verleihen. Wie wohltuend diese Auseinandersetzung ist, wie erfrischend das Denken entlang von Tatsachen, wie entspannend tiefgründig der springende Punkt gesucht wird! Mir geht da das Herz weit auf, so etwas habe ich lange, lange vermisst und ich fühle mich an eine Zeit erinnert, in der Deutschland noch anders war. Ein wenig weiß ich jetzt, dass ich vielleicht doch im richtigen Land lebe. Es bedeutet mir existenziell viel, dieser Debatte lesend beiwohnen zu können. Deshalb: Bitte streitet weiter und hört nicht auf, darüber zu schreiben!

Götz Kubitschek

16. Oktober 2012 18:11

diskussion geschlossen, dank an alle.

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