05. Juni 2015

Nachtwölfe – ein Nachtrag

von Lutz Meyer / 88 Kommentare

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

kerlePutins Nachtwölfe hatten keine gute Presse. Bei Konservativen nicht, weil die Nachtwölfe mit ihrem motorisierten Vereinsausflug Richtung Westen bewußt an den Einmarsch der Roten Armee in Berlin erinnern wollten. Im halbamtlichen Qualitätsjournalismus nicht, weil es eben Putins Nachtwölfe waren. Dabei hätte wenigstens die konservative Seite allen Grund, ein wenig neidisch und sehnsuchtsvoll auf dieses Phänomen zu blicken.

Die Nachtwölfe sind ein russischer Motorradclub (man sagt auch: Rockerclub). Dem glattgebügelten Vorgartenkonservativen, der im Grunde nur seine kleinbürgerliche Ruhe will, ist die schiere Existenz von Motorradclubs ein Gräuel. Wer denkt nicht gleich an die Verstrickung mancher Clubs in kriminelle Geschäfte rund um Prostitution und Drogen? Überhaupt: Wie die schon aussehen! Und dann der Lärm der Maschinen! Die laute Musik obendrein, das unflätige Auftreten!

Selbstverständlich wollen auch wir uns hier nicht zu Verteidigern des Rotlichtmilieus und des rüpelhaften Benehmens aufschwingen. Doch wir möchten dazu ermuntern, gewisse Standardvorbehalte, die wie Chips in manche Hirne implantiert zu sein scheinen, abzulegen. Man würde in diesem Fall nämlich erkennen, daß die Nachtwölfe wie westliche Motorradclubs ein tiefsitzendes (und aus meiner Sicht durchaus nicht unbegründetes) Mißtrauen gegenüber dem Staat haben und sich durchaus als Outlaws fühlen, andererseits aber konservativ bis ins Mark sind.

Im speziellen Fall der Nachtwölfe muß man klar zwischen Staatsverachtung (die dem bürokratischen Monster Staat gilt) und Vaterlandsliebe unterscheiden, die – kein Paradox – Mütterchen Rußland gilt. Die Nachtwölfe unterstützen Putins Bemühungen, an Rußlands alte Größe anzuknüpfen, diese wenn möglich wiederherzustellen. Daß man dies aus deutscher und zentraleuropäischer Perspektive bedenklich finden kann, ist geschenkt.

Aber was wäre daran – also selbstbewußt zur Geschichte des eigenen Landes zu stehen – grundsätzlich verkehrt? Ist es nicht auch unser sehnlichster Wunsch, Deutschland nicht im Mahlstrom der EU-Technokratie untergehen zu sehen? Zwar ist hierzulande die Sache mit dem Wiederanknüpfen an alte Größe nicht unproblematisch und keineswegs konfliktfrei, doch ein wenig selbstbewußter könnten auch wir unsere Träume durchaus leben.


Nun sind die Nachtwölfe etwas mehr als ein selbstbewußt maskulin auftretender PS-gesättigter Club von Putin-Claqueuren. Sie bekennen sich zur russisch-orthodoxen Kirche und zu den traditionellen Werten Rußlands. Das ist nun etwas, was man nicht ohne Weiteres auf hiesige Biker-Clubs übertragen kann – wenn westliche Gangs sich mit Symbolen aus alter Zeit schmücken, darf man getrost mehr den Hang zu pubertärer Provokation vermuten als bewußte Brauchtumspflege. Und dennoch gibt es sie auch im Westen – Motorradclubs, die sich traditionellen Werten nahe fühlen. Man findet sie vor allem in den USA, wo die Neigung zu schweren Maschinen, traditionellem Rock und dem Selbstverständnis als Südstaaten-Outlaw eigentlich nie mit besonderer Sympathie für linke Weltverbesserungsprojekte einhergeht.

Und nun meine Provokation des Tages: Würde ein klein wenig mehr Outlaw-Mentalität uns nicht gut zu Gesicht stehen? Sollten wir nicht gelegentlich ein wenig lockerer auftreten, weniger ängstlich auf die Etikette schielen und uns nicht dauernd fragen, was wohl die Nachbarn sagen könnten (das ist jetzt durchaus auch außenpolitisch gemeint)?

Als ich vor ungefähr zehn Jahren den Namen „Sezession“ das erste Mal hörte bzw. las, mußte ich unweigerlich an die amerikanische Sezession und den Sezessionskrieg denken, also an die Unabhängigkeitserklärung der Südstaaten gegenüber dem Norden und deren Folgen. Um böswilligen Zeigefingern zuvorzukommen: Nein, ich bin kein Freund der Sklaverei und habe auch Vorbehalte gegenüber Pflanzeraristokratien. Aber ich wäre glücklich, unter deutschen Konservativen ein wenig mehr Rebellengeist als sorgenvolle Besitzstandswahrermentalität anzutreffen. Deshalb: Verachtet mir die Outlaws nicht – gleich welcher Nationalität! Schneidet euch lieber mal eine dicke Scheibe davon ab.

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

Kommentare (88)

Hajo Blaschke
05. Juni 2015 10:14
Der Artikel geht am eigentlichen Thema meilenweit vorbei. Wenn die "Nachtwölfe" von Moskau nach Berlin gefahren wären, um ihre Großväter, die als Rotarmisten gekämpft haben, zu ehren, hätte ich nichts dabei gefunden. Mit Auftritten als sog. freiheitsliebende Outlaws hat das, was die da gemacht haben, alles nichts zu tun.

Ansicht der "Nachtwölfe" war es, die Rote Armee unter der Führung des Großen Führers (Великий вождь) Väterchen Stalin zu feiern. Credo der "Nachtwölfe" ist es, ein ehrendes Gedächtnis an diesen kommunistischen Mörder, dem zwischen 45 und 60 Millionen seiner eigenen Landsleute zum Opfer gefallen sind, zu bewahren. Laut Aussage von Alexander Saldostanow, Chef und angeblicher Chirurg (einen anerkannten Nachweis für eine medizinische Ausbildung hat er nie erbracht) hat Stalin Russland zu einer Großmacht gemacht und die dabei entstandenen Opfer waren dafür ein guter Preis. Also: Stalinismus pur.

Ich könnte so eine "Gedenkfahrt" nur akzeptieren, wenn diese "Nachtwölfe" sich engagiert dafür einsetzen würden, dass deutsche Motorradrocker eine Gedenkfahrt für die deutschen Opfer dieser angeblichen Befreiung von Berlin nach Moskau durchziehen könnten und dabei der 1,5 Mio. vergewaltigten Frauen, der 16 Mio. aus ihrem Land vertriebenen Ostdeutschen sowie der dabei ermordeten 2 Mio. Frauen, Kinder und Greise und der 2,5 Mio. in den Gulags krepierten Kriegsgefangenen gedenken könnten.
Arminius Arndt
05. Juni 2015 10:23
Nun sind die Nachtwölfe etwas mehr als ein selbstbewußt maskulin auftretender PS-gesättigter Club von Putin-Claqueuren.


Schon alleine, dass die Nachtwölfe ganz offiziell Putins Lieblings Rocker Club sein sollen und die höfische Nähe haben, widerspricht so ziemlich allem, was Herr Meyer mit seinem Artikel zu Ausdruck bringen will. Dann doch lieber zwei Kiffer auf dem Weg zum Mardi Gras ...

Outlaw ja bitte und gerne, aber die Nachtwölfe sind meiner Meinung nach das falsche Referenzobjekt. Hier liegt wieder einmal die vor allem im Bereich des Forums von SiN viel zu häufig anzutreffende, falsche Sehnsucht nach Russland und die unbegründete Romantisierung des Russischen vor. Putin gibt ja propagandistisch auch sehr gerne den Outlaw gegenüber dem Westen. Dies erzeugt bei Rechten dann entsprechende Stimmungen. Wer würde es nicht gerne den pöhsen Amis und den angeblichen Herren im Hintergrund zeigen? Putin und das große Russland geben dafür perfekte Projektionsflächen ab. Nur Wunsch und Wirklichkeit sind eben zwei verschiedene Dinge. Denn gleichzeitig steigt trotz Sanktionen der Handel zwischen den USA und Russland stetig und der zwischen EU-Europa und Russland fällt ab. Nachtigall ick hör Dir trapsen ... nur der gemeine Rechte/Konservative, der ansonsten immer recht gerne offen für Verschwörungen und Weltbeherrschungstheorien ist, will nicht sehen, was hier zu Lasten Europas und damit Deutschlands läuft.
Waldschrat
05. Juni 2015 10:46
Hört, hört! Stöcke aus dem Hintern ziehen, Scheitel wegbürsten und die Krawatte in die Tonne!

Als Ex-Linker meine ich daher: Ganz meine Meinung, Daumen hoch für diesen Beitrag!
Yvonne
05. Juni 2015 11:10
Rocker sind schon ok, aber ihren Sieg dürfen sie ruhig bei sich zu Hause feiern. Darum ging es ja bei der vorangegangenen Debatte, um das Datum und den Anlass.
Mehr Lockerheit wär auf jeden Fall mal angebracht, denn Lockerheit zeugt von Souveränität.
Urwinkel
05. Juni 2015 11:37
Mehr Aktivismus "wagen" würde in Ihrem Sinne bedeuten auf Harleys zu setzen und damit durch die Gegend zu brettern. Das kann und beherrscht nicht jeder. Mich nervt das übertriebene Biker/Motoradgelärme heute bis zum Erbrechen. Mein Vorgarten könnte übrigens mal eine gründliche Ausmistung gebrauchen, um hübsch zu erscheinen. Aber Spaß beiseite. Ich bin ein Kind der Technoszene der 1990er Jahre. Wir hatten genug Erfahrung mit s.g. Rockern. Und wir hatten uns ganz bewusst von ihnen distanziert. Rockmusik stand in unserem Bewußtsein für: alt, blöde, kurz: deppig. Techno war schneidig, cool, auch kurzlebig, gefährlich. Das hat auch Teile der Rockerszene angezogen. Und das ging nach meiner Erfahrung regelmäßig schief. Viele krumme Geschäfte, unheilige Verbindungen. Insgesamt übel. Wenn Sie mich fragen, Herr Meyer: Ich komme mit denen nicht klar. Speziell die deutsche Szene. Die Russen kenne ich nicht, aber bekanntlich nennen sie sich "Brüder" untereinander und sind auch sonst gut vernetzt. Das nötigt schon Respekt ab. Ich halte ihn aber für übertrieben.
Monika
05. Juni 2015 11:51
Um selbstbewußt zur Geschichte des eigenen Landes zu stehen, muß man kein Rocker sein. Die dazu passenden Damen möchte ich mir gar nicht vorstellen.
. Rebellentum kann auch edler daherkommen. So wie Melanie etwa in dem Schnellroda-Film.
Sie erinnert an Marina Zwetajewa mit ihrem kurzen Pony :
https://www.google.de/search?q=marina+zwetajewa&ie=UTF-8&oe=UTF-8&hl=de&client=safari oder an die aparte Djuna Barnes ( Profil) :
http://www.google.de/imgres?imgurl=https://ipnagogicosentire.files.wordpress.com/2011/08/djuna-barnes-photographed-by-berenice-abbott-paris-1926.jpg&imgrefurl=https://ipnagogicosentire.wordpress.com/tag/nightwood/&h=700&w=499&tbnid=fyfH15tlS8VpUM:&zoom=1&docid=g9zPuCBMUbM8mM&hl=de&ei=N3BxVePXKInXygOz9oPYDw&tbm=isch&client=safari

Beide Frauen waren keine Besitzstandswahrerinnen.
Zarathustra
05. Juni 2015 11:54
Daß »ein wenig mehr Rebellengeist als sorgenvolle Besitzstandswahrermentalität« hier guttäte, ist selbstverständlich. Aber wäre auch ein Erscheinungsbild als »outlaw« heute wirklich zielführend? Wer sich im Kampf um sein Image solch elementare Fehler erlaubt, hat der Lügenpresse nur willkommenes Futter geboten und sich selbst ins unrettbare (ausnahmsweise mit einem Lieblingswort von Dieter Stein) »rechtsaußen« katapultiert.

Das bisherige Image-Problem der »Rechten« ist ein Doppeltes: Sie gelten einerseits als geistig unbeweglich, als spießig, als fantasielose Bourgeois mit »Besitzstandswahrermentalität«, und andererseits (hier denkt der Ottonormal-Medienvebraucher an fettleibige dumpf-häßliche Neonazis mit linkischen Bewegungen) als latent verbrecherisch und berserkerhaft aggressiv.

Unter solchen Voraussetzungen ist es lebensnotwendig, zugleich rebellisch zu sein und nach außen ein sympathisches Image zu pflegen. Auch wenn wir auf reale Provokationen nicht verzichten wollen, wäre die Identitäre Bewegung Österreich mit ihren letzten Aktionen (eine Balkonbesetzung gehörte dazu) eher ein Vorbild.
Lutz Meyer
05. Juni 2015 14:33
@ Zarathustra

Ich identifiziere mich doch nicht mit den Nachtwölfen, pflege nicht deren Image. Ich lade auch nicht dazu ein, sie zu kopieren. Ich hab ja nicht mal ein Motorrad. Ich sage nur: Seht her, so kann man es auch machen. Daß wir hier andere und eigene Wege gehen, versteht sich von selbst.

Gruß, Meyer
Hartwig
05. Juni 2015 14:50
Nun ist soviel von "identitär" die Rede. Also bleibt auch ihr selbst. Aus einem hier mitlesenden Reihenhauskonservativen macht man keinen Gesetzlosen; aus 'nem Neofolker keinen Rocker. Und ob jeder Militär zum Anarchisten taugt?
Herr Lutz Meyer, am ehesten neigt noch der Typus "Waldgänger" zum Outlaw. Und davon gibts hier bestimmt einige, ... die naturgemäß keine detaillierten Berichte erstatten.
Ein gebürtiger Hesse
05. Juni 2015 15:13
Vorsicht, Herr Meyer. Verwechseln Sie nicht die Insignien jener ach so "schweren Jungs" mit Ihren eigenen Wünschen nach größerer Hemdsärmeligkeit oder Rebellentum. Erstere sind ja immer auch die Behauptung von letzterem, gern auch dessen Ersatz. Wenn man hier nicht aufpaßt (und seinerseits zu hemdsärmelig ist), kommt es zu falschen In-eins-Blendungen, die in die Irre führen.

Außerdem: wes Geistes Kind diese Moskauer Rockergang ist - nämlich nicht unseres - sollte angesichts der Unverschämtheit, als Trittbrett-Sieger durch fremdes Land zu lärmen und das Scheusal Stalin abzufeiern, klar genug geworden sein. Und gerade deshalb ist das Beispiel, das die Rocker in Ihrer Perspektive abgeben sollen, leider kein gutes.
Gustav Grambauer
05. Juni 2015 15:25
WWP hat eigentlich den Hebel angesetzt, um die Eliten des Westens zu spalten - anstatt dabei jedesmal mit einer Flasche Krimsekt einen kleinen Inneren Reichsparteitag darüber zu zelebrieren wie ihm das wieder gelingt, lassen WIR uns davon spalten. Das Wort "Schlußstrich" erfordert von allen Seiten ein gewisses Format, und wer im Jahr 2015 noch an die Totalitarismus-Doktrin glaubt, der soll bei der "Sendung mit der Maus" oder "Löwenzahn mit Peter Lustig" bleiben.

Daß hier in den nächsten Wochen noch oft die Sprache auf die aparte Melanie kommen würde, war mir sofort klar.

- G. G.
Zarathustra
05. Juni 2015 15:28
@ Meyer

Sehr geehrter Herr Meyer,

Ich habe Ihnen nicht unterstellt, sich mit diesen unappetitlichen Rockern zu »identifizieren«; aber aus Ihrem Artikel geht hervor, daß Sie ein Erscheinungsbild als Outlaw allgemein schon in Ordnung finden, weil dadurch ein rebellischer Geist zum Ausdruck kommt.

Hier müssen wir aber den entscheidenden Unterschied zwischen unserer Situation anno 2015 und der Situation der 68er berücksichtigen: Die 68er konnten damit rechnen, daß sie trotz ihrer provokanten Übertreibungen als Kämpfer für eine an sich gerechte Sache wahrgenommen wurden. Wir aber müssen zuerst die moralische Überlegenheit gegenüber den Gleichmachern zurückgewinnen. Solange dies nicht geschehen ist, ist für die breitere Öffentlichkeit Outlaw gleich Verbrecher (weil das »law«, wogegen der »outlaw« rebelliert, als moralisch überlegen empfunden wird).

Natürlich will man nicht wie etwa Bernd Lucke sich vom Establishment vorschreiben lassen, welche Sprache man spricht, und über den wahren Charakter mancher Gesetze wie § 130 StGB oder gar § 139 GG macht sich hier keiner Illusionen. Aber wir müssen strategisch klug vorgehen und die Dinge in der richtigen Reihenfolge erledigen: Wenn wir eine breite gesellschaftliche Sympathie wollen, dann müssen wir erst durchsetzen, daß unsere Sache in der Öffentlichkeit als die gerechte Sache wahrgenommen wird. Sonst sind wir zu einer Existenz als ewig unverstandene heroische Sektierer verdammt.

Beste Grüße,
Zarathustra
Ein gebürtiger Hesse
05. Juni 2015 15:29
@ Monika

Danke für die Assoziation der jungen Dame aus dem Schnellroda-Film zu diesen von weit her kommenden und erstaunlichen Gesichtern. Sie denken auf der Grundlage Ihrer ästhetischen Wahrnehmung, das ist sehr schön.
Hajo Blaschke
05. Juni 2015 15:30
@ Arminius Arndt Sorry, aber diese "Nachtwölfe" sind nicht Russland. Und ob sie Putins Lieblinge sind, wage ich zu bezweifeln. Das würde allen Eindrücken, die man von seiner Intelligenz hat, widersprechen.

Mich hat auch nicht die tolle Beschreibung von deren "Freiheitsidealen" zur Stellungnahme bewogen, denn dass das Freiheitsideale sind, bezweifele ich.

Mich hat das Credo von deren Gedenkfahrt abgestoßen. Und ich glaube auch, dass es in Russland außer einer zu Stalins Zeiten privilegierten Schicht und deren Nachkommen wenige gibt, die diesem Horrorterror nachtrauern. Deren Freiheitsidela ewürden nämlich sofort absterben, wenn man von ihnen verlangte, was ich oben zu einer Gedenkfahrt von Berlin nach Moskau aufgeführt habe.
Waldgänger
05. Juni 2015 15:48
Die „Provokation des Tages“ gefällt mir.

Nichts gegen das seriös-gepflegte Auftreten etwa bei der Winterakademie oder in einer konservativen Bibliothek.
Das ist gut und richtig. Doch sollte man daraus nicht den Schluss ziehen, dass es die einzig mögliche und sinnvolle Art des Konservativseins ist.

Es bedarf beider Varianten!
a stimme ich Ihnen, Herr Meyer uneingeschränkt zu!
Und dass die Amerikaner mit ihrer unangepassten und tief im Volk verwurzelten Südstaatenkultur etwas haben, was uns leider fehlt, das sehe ich auch so.

In Deutschland sind eben leider sowohl naive Staatsgläubigkeit wie auch der Wille zur obrigkeitsstaatlichen Volkserziehung und –erfassung besonders ausgeprägt.

Man sollte das Vorgehen des politisch-medialen Komplexes gegen deutsche Rockerclubs oder gegen Hogesa unbedingt auch in dem Zusammenhang sehen, dass es sich bei diesen Gruppierungen um bescheidene Relikte nicht pazifizierter Volkskultur handelt.
Doch auch diese sind den Eliten schon ein Dorn im Auge.

Allerdings lässt sich eine rau-nationale Volkskultur nicht planen.
Die Burschenschaften des 19. Jahrhunderts mögen zwar damals diese Lücke gefüllt haben, doch sind sie heute gerade wegen ihrer Fixierung auf das akademische Milieu nicht in der Lage das zu ersetzen, was die USA in ihrer Südstaatenkultur haben.

***

Noch einmal zum besonders gepflegt-seriösen Auftreten vieler Rechter. Das ist natürlich auch ein gewisser gewohnheitsmäßiger Überrest aus jenen vergangenen Tagen, da das konservative Lager zugleich auch das wohlhabende, mächtige und sozusagen staatstragende Lager war. Doch dies war ja allenfalls(!) nur noch bis in die 1970er Jahre hinein der Fall. Heute sitzen die Macht, das Geld und die stilprägenden Milieus woanders.

Wenn Rechte sich heute um jenes gepflegte Auftreten bemühen, so steckt dahinter irgendwie auch ein kleiner Rest von Hoffnung, dass man (wie früher einmal) wegen dieses seriösen Auftretens ernster genommen wird.
Gegen das gepflegte Auftreten habe ich überhaupt nichts – auch der Ton macht die Musik – doch fürchte ich, dass man damit wenig Eindruck schinden wird in Zeiten, in denen sich die „Kultur“ der Masse bereits flächendeckend durchgesetzt hat, in der auch hohe Politiker kaum noch tiefere Bildung und kultivierte Umgangsformen haben und in denen materialistische Geistlosigkeit ebenso vorherrschend ist wie die plumpe Arroganz von Neureichen.

Mag sein, dass da die schiere Körperkraft einer Rockergang viel mehr beeindruckt.
Roman
05. Juni 2015 15:54
Russland bleibt das Sehnsuchtsland der politischen Ränder in Europa, unter wechselnden Vorzeichen. Gerade sind mal wieder die Konservativen dran. Man benutzt das Land als Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Probleme und idealisiert es oft zu sehr, auch bedingt durch mangelnde Sprachkenntnisse. Da ich der russischen Sprache mächtig bin und die dortige Politik dort regelmäßig verfolge, fällt meine Einschätzung bezüglich der Nachtwölfe etwas skeptischer aus. Es ist eine weitestgehend staatliche Veranstaltung um ein wenig die Opposition zu drangsalieren und vor allem Gelder in korrupten Kanälen verschwinden zu lassen. In gewisser Weise ist es die russische Variante der deutschen "Zivilgesellschaft". "Kosaken" und diverse Jugendorganisationen hat Moskau schon, es fehlte aber noch an cooleren "Volksbewegungen", diese Lücke ist nun damit geschlossen. Chirurg ist wie es sich gehört eher als primitiv zu bezeichnen und erlaubt sich immer wieder Pogromdrohungen. Auf die russische Geschichte gesehen, gleichen die Nachtwölfe den schwarzen Hundertschaften von vor hundert Jahren. Das war schon damals eine staatlich aufgezogene Farce, die dann logischerweise im späteren Bürgerkrieg keine Rolle spielte. Die Nachtwölfe sind in der Hinsicht die Farce der Farce.

Geschichte wiederholt sich nicht immer zuerst als Tragödie und dann als Farce. Viel häufiger ist die Wiederholung der Farce als noch schlimmere Farce.

Etwas weiter gefasst, trifft es auf das gesamte heutige Russland zu. Es ist keine konservative Veranstaltung. Für manche Bereiche kann man durchaus Sympathien empfinden, aber es ist kein erhofftes Gegenprojekt zu der linksliberalen Moderne. Überwiegend ist es gerade ein Taktieren mit einer kitschigen Mischung aus Zarenreich und Sowjetunion, welches durch Rohstoffe finanziert wird. Bezeichnend ist dabei, dass Moskau dabei den Islamismus noch weniger in Griff kriegt als hier, gerade auf die Geburtenrate hin gesehen.
Waldgänger
05. Juni 2015 16:03
An einige Kommentatoren:

Es ging Lutz Meyer doch nicht um die Nachtwölfe!
Sie dienten nur als Beispiel
Waldschrat
05. Juni 2015 16:06
Es war ja zu befürchten. Mit diesem Appell zur souveränen Lässigkeit überfordert Meyer die wilden und gefährlichen Vertreter der konservativen Revolution bereits um ein Weites.

Dann scheitelt Euch mal brav weiter und putzt Euch adrett heraus, denn nur wer die Schwiegermütter gewinnt, gewinnt auch die Revolutionen! Und die Bahnsteigkarte nicht vergessen, versteht sich.
Hajo Blaschke
05. Juni 2015 16:06
@ Gustav Grambauer Das sehe ich anders. WWP hat gar keinen Hebel angesetzt, um die "Eliten des Westens" zu spalten. Das braucht er doch gar nicht. Er macht sich einerseits lustig über diese kniefälligen Vasallen der VSA, die in vorauseilendem Gehorsam besser als ihre Herren sein wollen, auch wenn dabei ihre Länder, von deren Bürgern sie gewählt wurden, vor die Hunde gehen. Andererseits versucht er ständig, diese Vasallen zur Vernunft zu rufen und zeigt ihnen, wieweit sie sich selbst versklaven.

@ Arminius Arndt Dafür, dass der Handel zwischen den VSA und Russland nicht ab- sondern zugenommen hat, können Sie doch nicht Putin verantwortlich machen. Verantwortung dafür tragen doch die oben erwähnten "Eliten des Westens" als willfährige Vasallen, die so dämlich sind, dass WWP über sie nur lachen und abwarten kann, wann sie von ihren Völkern vom Thron geholt werden.
Siddharta
05. Juni 2015 16:10
Nemmersdorf war der ungepflegten Kolone keinen Halt wert. Und dafuer haetten sie nicht einmal ein Visum gebraucht.
Irrlicht
05. Juni 2015 16:20
Der in den USA als Redneck, als Hinterwäldler verspottete "konservative" Südstaatler dürfte kaum ein geeignetes Vorbild für Lutz Meyers Sehnsucht nach dem rauen, hemdsärmeligen Rebellen sein. Ein Beispiel für den beißenden Spott, mit dem er überzogen wird, ist die "Redneck History Of America"
(https://www.youtube.com/watch?v=FEEwwJGyCZg): "In the beginning God created Murrica, ..."
Langer
05. Juni 2015 16:29
Nachtwoelfe? Jauuuuul!

Falls die neue Rechte nicht wieder in die Pubertaetsphase zurueckfallen moechte, schlage ich vor, dass man solche Kostuemierungen sein laesst.
d.n.
05. Juni 2015 16:36
Lutz Meyer vertritt eine grundlegend richtige Auffassung; ich würde sogar noch weiter gehen: Die Konservativen und Rechten müssten ihre Haltung gegenüber alternativen und Subkulturen generell überdenken. Allgemein pflegt insbesondere der Konservative dem Wie-auch-immer-von-der-Norm-Abweichenden erst dann die Hand zu geben, wenn dieser bereits "anerkannt" ist. Die Linke aber agiert auch in dieser Frage deutlich forscher: Sie protestierte für die Rechte von Schwulen, als Homosexualität noch strafrechtlich verboten war, und sie setzte sich für Ausländer ein, als Masseneinwanderung gesellschaftlich tatsächlich noch unerwünscht war.

Die Sicht der Rechten und Konservativen ist hingegen nicht nur von einem falsch verstandenen Ordnungsbegriff geprägt, der ihnen wie ein Klotz am Bein hängt, sondern auch von einer Verkennung der Lage: Wir befinden uns mit dem Geger nicht in einem Stellungskrieg, wo man keinen Meter weichen darf. Unsere Posten sind bereits weitgehend verloren, es herrscht Guerillakrieg. Flexibilität sind gefragt und neue Taktiken resp. Allianzen sind auszuprobieren. - Was gab es aber statt dessen nicht alles an Debatten in letzter Zeit: Darf man Pirincci trotz seiner derben und vulgären Wortwahl empfehlen? Darf man Hooligans im Kampf gegen Salafisten unterstützen? Darf man als Nationalist national gesinnte Hip-Hip-Musik gut finden? Darf eine ehemalige Porno-Darstellerin Mitglied der NPD werden? Bei der AFD rümpfte gar ein Großteil der Anwesenden die Nase, als ein Vertreter der AFD-Jugendorganisation in Jeans und T-Shirt sprach.

Das bürgerliche Denken in Schubladen, die zurecht als spießig gelten, haftet also selbst da noch, wo allein schon aus praktischer Erfahrung längst die Einsicht hätte weichen sollen, dass wir uns angesichts der gegenwärtigen politischen Lage erstens unsere Verbündeten nicht handverlesen aussuchen und zweitens das eigene bereits bestehende Lager nicht "klinisch rein" halten können.

Also, in dem Sinne: Ein klares Ja! zu patriotischen Outlaws, zu rechten Motorradclubs. - Überhaupt dürfte es sich lohnen, die Affinität von Rechten und der Motorrad-Subkultur näher zu untersuchen. Neben Putins Kraulen der Nachtwölfe fallen mir spontan Voigts entsprechende Avancen auf einem Wahlplakat - Stichwort: "Gas geben" - ein. Lorenz Jäger hat sich auch vor ein paar Jahren zum Thema "Autofaschismus" Gedanken gemacht: http://m.faz.net/aktuell/feuilleton/glosse-feuilleton-autofaschismus-1510910.html
Roman
05. Juni 2015 16:46
Die "Siegestour" nach Berlin hat auch wenig mit Deutschland zu tun. Abgesehen von innenpolitischen Zielsetzungen, ging es dabei um eine weiteren Angriff gegen die "Undankbaren" in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa. Dabei setzt sich die Empörung der Russen aus zwei Komponenten zusammen. Zum einen wirft man den Nachbarn vor den zweiten Weltkrieg und die Befreiung von den Faschisten nicht genügend zu würdigen. Zum Anderen geht es um die allgemeine Undankbarkeit für das was die Russen als Aufbauleistung verstehen. Der zweite Punkt ist fast schon wichtiger. Um ein Verständnis aus deutscher Sicht zu bekommen, ist ein Blick auf die Geschichte der Habsburger Monarchie vielleicht sinnvoll. Es ist das Gegenmodell zu angelsächsischen Reichen, in denen die Metropole die Kolonien und Ränder aussaugte. Schon das Zarenreich ist in etwa so aufgebaut gewesen, dass die Staatsmacht versuchte die Ränder durch Privilegien zu bestechen, die zu Lasten der grossrussischen Bevölkerung gingen. Das hatte eine gewisse Logik. Die Träger des Imperiums konnten sich nicht abspalten und wurden mit dem Stolz auf das Reich gefüttert. In der Sowjetunion galt es dann verstärkt. Die russische Sowjetrepublik subventionierte gerade die unsicheren Kantonisten wie die Balten. Die Sowjetunion als Ganzes gab Rohstoffe und andere Erzeugnisse verbilligt an die Länder des Ostblocks weiter. Die DDR war für Sowjetbürger beispielsweise ein Land der Sehnsucht, in dem man bessere Waren kriegen konnte.

Dankbarkeit erzeugte das System an den Rändern aus verständlichen Gründen nicht, eher schon Illusionen, dass man ohne das Reich noch besser leben würde, obwohl man wenig selbst produzierte. Was innerhalb der Sowjetunion noch dadurch gefördert wurde, dass man den Machtapparat überproportional mit Minderheiten besetzte, wenn auch nicht unbedingt an Stellen in ihren Heimatrepubliken.

Der Zerfall ging nicht nur von den Rändern, sondern zugleich von Zentralrussland aus, was die Russen heute gerne verdrängen. Man wollte die "Parasiten" nicht mehr durchfüttern. Was bis heute geblieben ist, ist das Gefühl der Kränkung gegenüber den Undankbaren und ein weitestgehendes Unverständnis dafür, dass man als Besatzer empfunden wird, obwohl man doch mehr opferte als der Rest. Vom Prinzip her ist das heutige Russland aber wieder ähnlich aufgebaut. Es wird nur dadurch ausgeglichen, dass der Prozentsatz der Slawen unvergleichlich höher ist als in der Sowjetunion. Dem Ganzen ist aber ein noch hinzuzufügen. Gerade die muslimischen Ränder haben eine höhere Geburtenrate, im Verbund mit einer schleichenden Barbarisierung und es gibt ziemlich viele Migranten aus den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken. Selbst die in Klinsch mit Russland liegenden Georgier verbleiben in der alten Rolle. Man mag Russland nicht, ist aber darauf angewiesen einen grossen Teil seiner Lebenszeit in Russland zu verbringen, um seine Familie über die Runden zu bringen.
Waldgänger (e.B.) aus Schwaben
05. Juni 2015 16:47
Herr Meyer, es gibt konservativen Rebellengeist. Mein Steuerberater nennt es: "Ausnutzen steuerlicher Gestaltungsmöglichkeiten."

Ich halte dies zu tun heutzutage, natürlich immer im Rahmen des Gesetzlichen (*), geradezu für eine patriotische Pflicht.

*) Diese Einschränkung ist nicht mangelndem Rebellengeist geschuldet, aber G.K. meinte jüngst justizable Kommentare nicht frei zu schalten.
Arminius Arndt
05. Juni 2015 16:54
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Roman, Danke für Ihren Beitrag.
Karl Martell
05. Juni 2015 17:19
"Würde ein klein wenig mehr Outlaw-Mentalität uns nicht gut zu Gesicht stehen?
......ich wäre glücklich, unter deutschen Konservativen ein wenig mehr Rebellengeist als sorgenvolle Besitzstandswahrermentalität anzutreffen."

Mein Großvater, der den 1. Weltkrieg als Soldat über die gesamte Zeit erlebte, danach mit Albert Leo Schlageter Polen und Franzosen ärgerte, sah sich als deutschen "Konservativen".

Wie sich Zeiten und Begriffe ändern!

Von diesen "Konservativen" hätte ich gerne mehr!
Alexey
05. Juni 2015 17:40
@Roman
Der Islam gehöre zu Russland, so sagt die russische Regierung. Russland ist (leider) ein Vielvölkerstaat und alle großen Religionen (das orthodoxe Christentum, der Islam, das Judentum und der Buddhismus) werden im Lande als "traditionell" bzw. einheimisch betrachtet. Darüber hinaus strebt die Regierung danach, immer "enger" mit den GUS-Mitgliedern zusammenzuarbeiten, was eigentlich eine ungebremste muslimische Masseneinwanderung aus den zentralasiatischen Bananenrepubliken bedeutet. Also Russland ist ein Multikulti-Staat und jeglicher ethnische Nationalismus wird hier offiziell getadelt. Dieser Mulikulturalismus ist doch nicht so künstlich wie im Westen, weil der Nordkaukasus, das Wolgabegiet (dort leben viele Tataren und Baschkiren) und Sibirien Teile Russlands sind.
Hajo Blaschke
05. Juni 2015 17:49
@ d.n. Wenn das so wäre, wie Sie sagen: warum hat denn dann niemand HOGESA unterstützt? HOGESA wäre der aktive Teil des Volkes, das in der Mehrheit noch pennt, gewesen. Viele Attribute, die hier Konservativen angehängt werden, sind nicht konservativ. Ist die CDU etwa konservativ? Nein, sie ist wie alle anderen Systemparteien ein Wahl- und Postenverein mit einer Obervasallin, die es wunderbar versteht, ihren Mantel nach dem Wind, wie er aus Washington bläst, zu hängen.

Also: wer die Nachtwölfe bewundert, sollte sofort beginnen, HOGESA zu untersützen.
Waldgänger
05. Juni 2015 18:32
Da hat Herr Meyer offenbar einen ebenso heiklen, wie wunden Punkt getroffen.
Gut!

Es ist dies ein Punkt, an dem wichtige Scheidelinien verlaufen ...
Beispielsweise die zwischen Theorie und Praxis.

Ein Punkt, an dem auf der einen Seite das kultiviert-durchgeistigte Studium rechter Gedanken die Hauptrolle zu spielen scheint und an dem auf der anderen Seite das ganz banale störrisch-unangepasste Leben steht.

Auch ein Punkt, der sozio-ökonomische Milieus trennt.
Hoffen wir, dass die Vorwürfe der Linken falsch sind, nach denen die Rechte es eben weitaus mehr mit den Wohlhabenden und Gutbürgerlichen hat ...
Das wären überholte Verhaltensweisen aus Zeiten, da "rechts" und staatstragend noch einen gewissen Zusammenhang hatten.

Beide Seiten - die intellektuelle wie die robust-störrische - haben ihre Berechtigung und es wäre grundfalsch, sie gegeneinander auszuspielen!

Wenn wir dem zunehmend aggressiver werdenden Umformungsprozess mit seiner bewussten Zerstörung von Kulturen, Völkern, bewährten Strukturen und Traditionen und eben auch jenem "Austausch" nicht nur gedanklich etwas entgegensetzen wollen, dann sind Berührungsängste fehl am Platz!
Dafür ist heute keine Zeit.

Möchte ansonsten @ n.d. ausdrücklich zustimmen!
Marcus Junge
05. Juni 2015 19:12
Keine Ahnung ob es schon jemand vor mit schrieb, hab noch keinen Kommentar gelesen, aber das hier: "Zwar ist hierzulande die Sache mit dem Wiederanknüpfen an alte Größe nicht unproblematisch und keineswegs konfliktfrei,", ist bester Schuldkult. Stalin, ergo Rußland, hat immer noch die größeren Leichenberge im Vorgarten und genau da haben die Wölfe "angeknüpft", mit ihrer Reise. Also entweder gleiche Maßstäbe oder man läßt es doch bitte bleiben. Wenn z.B. "Gaulands Tagwölfe" eine kleine Reise, ab dem 22.06. versteht sich, bis vor die Tore Moskaus machen würden, mit all dem Medienrummel wie bei den anderen Wölfen und sich in Rußland dann Russen finden, die mit ihnen dort "feiern" und sie verteidigen, dann wären das gleiche Maßstäbe.
Raskolnikow
05. Juni 2015 19:14
Natürlich,

wußte Meyer um unsere Schizophrenie als er seine Stöckchen in den konservativen Dackelzwinger hielt. Und natürlich sind alle brav drübergehopst ...

Siebzig BRD-Jahre verweht und Zarathustra ist einer, der sich "im Kampf ums Image" befindet. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen! Man hat fast schon Mitleid ...

Glauben Sie mir, Meyer, diesem Typus des Konservativen müssen Sie schon Ihre Mofakette durch die Schnauze ziehen, damit er lernt. Wenn Sie das wollen ...

Ich mag keinesfalls ein lederner Nacktwolf auf Rädern sein, aber vor einiger Zeit unternahm ich hier den Versuch, einen kleinen Gartenkrieg anzustiften. Der Plan sah vor, Blumen und Früchte aus diversen Kleingärten zu rauben, und diese den regionalen Dorfschönheiten zu übereignen. Das stellt ja nun nicht Rebellentum im eigentlichen Sinne dar, aber man muss über Zäune steigen. Ich hielt das für geistreich. Aber die nicht ...

So begann ich einsamerweis meine kleinen Offensiven: Jeden Tag einen Gesetzesverstoß! (Heute: Diebstahl eines "Blistex Lip Balm", 6ml, Premium Quality und einer Packung Rasierklingen für "Gillette Venus Embrace") Ich habe sogar einmal Bier in Dosen für die netten Leute vor dem NETTO geklaut, obwohl ich Geld wie Sand am Meer habe ... (Sie lauschten dafür meinem Vortrag über Arno Schmidts Zettel.)

Die Moffakette unterm Tweed-Sakko und in der Herrenhandtasche den Kirschlikör, die Rossmann-Kundenkarte sowie den täglichen Gesetzesverstoß!

Mehr brauchts nicht.

R.
Urwinkel
05. Juni 2015 19:20
An K. Martell:

"„Würde ein klein wenig mehr Outlaw-Mentalität uns nicht gut zu Gesicht stehen?
……ich wäre glücklich, unter deutschen Konservativen ein wenig mehr Rebellengeist als sorgenvolle Besitzstandswahrermentalität anzutreffen.“

Eine Outlaw-Mentalität konstruiert sich nicht verbal über den Konjunktiv. Die hat man im Blut. Bestätigte mir sorgenbefaltet mein Arzt vorgestern. Und das gibt Mut, Kraft, Bestätigung. Und dann kann man auch das Rocker-Ding etwas gelassener sehen. Vor allem wenn man um deren Kulturgeschichte weiß. Weiter oben tönte ja schon manches Kluges dazu an.
Langer
05. Juni 2015 19:27
@Raskolnikow

Leute wie Sie stecken am Ende hinter der Inflation.
Roland von Tronje
05. Juni 2015 19:35
Herr Waldschrat,

es geht bei der Anzugsordnung nicht darum, eine Schwiegermutter zu gewinnen. Es geht überhaupt nicht um das Erlangen irgendeinen Vorteils, sondern darum, der übrigen nivellierten, tätowierten, gepiercten und mit aus der Hose hängenden Camp-David-Hemden Welt zu zeigen, daß man nicht mit ihr gemein sein will. Man kann noch so viel Mundwerk darauf verwenden, das Gegenteil zu behaupten, es gibt keinen Grund dafür, sich gehen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen aus der Provinz
Carsten
05. Juni 2015 19:39
Mei, der Herr Meyer, den ich im Sinne von "Vielfalt" (haha!) hier herzlich begrüße, hat scho Recht, aber er hat m.E. kein treffendes Beispiel gewählt.

Die deutsche 1%er-Szenerie ist total apolitisch, allenfalls beim Gremium MC erkennt man Spurenelemente nationalen Geistes (EK im Abzeichen. Satzung nach Vorlage einer Burschenschaft). Daß sie zugleich wesenskonservativ sind, stimmt.

Daß ein bißchen mehr "Rock n' Roll" den deutschen Konservativen ganz gut täte, sehe ich jedoch ebenso. Es hätten viel mehr Leute ein paar rustikale Worte oder gleich eins auffe Fresse verdient.

Apropos Meyer und "Vielfalt": Was ist eigentlich aus Heino Bosselmann geworden?
Frenchman
05. Juni 2015 19:53
Grundsätzlich stimme ich Lutz Meyer zu. Die Konservativen sind "zu fein".

Sollte es einmal zu einem Zusammenbruch der Zivilisation kommen, wären Rockerbanden bestimmt eine der wenigen überlebensfähigen Kleingruppen.

Aber: Wer mit Stalinflaggen herumfährt, ist ein Feind. Hat man - nur wenige Jahrzehnte nach dem Ende des real existierenden Sozialismus - schon dessen Untaten vergessen?

Hat man den Archipel GULAG nicht gelesen?

Montefiores Stalin-Bibliographie war wohl auch zu dick und wurde wohl nur gekauft, weil dicke Bücher bei Besuchern Respekt erheischen...

Die Literatur zu Stalins Verbrechen ist unendlich umfangreich.

An Stalin gibt es nichts - absolut nichts! - Positives! Das Beispiel der "Nachtwölfe" ist völlig daneben.

Wer Stalin in eine durchgängige positive Geschichtslinie einfügen kann, sollte mit Polt Pot, aber auch bei uns mit Ulbricht und Honecker, auch kein Problem haben.
Urwinkel
05. Juni 2015 19:58
Seid nicht sauer liebe mitlesende Biker, aber wir fahren VW Touarg, sicher auf vier Rädern. Und wenn euch jemand wegrempelt mit 4x4 ist es hoffentlich nur versehentlich passiert.
Roman
05. Juni 2015 20:00
Anknüpfend an meinen obigen Kommentar: Die heutige Situation der Deutschen in der EU ist mit der Russen in der Sowjetunion vergleichbar. Trotz der Verleugnung ist die EU durchaus als ein Reichsprojekt angelegt und die Deutschen gehören zu den eigentlichen Trägern. Wobei sich die Sache noch einem relativ frühen Stadium befindet. Trotz aller Klagen in Deutschland haben wir noch nicht eine Umverteilung vom Zentrum an die Ränder. Was wir allerdings jetzt schon haben ist eine Ausbildung der Reichseliten, die sich überproportional aus den Rändern rekrutiert.

Im Zarenreich waren es zu einem guten Stück die Deutschen, vornehmlich Baltendeutschen. Das Zarenreich garantierte deren privilegierte Stellung gegenüber der wachsenden Mehrheit der Balten und sie stützten im Gegenzug die Regierung. Das Ende des Zarenreichs bedeutete auch ihr Ende. In der Anfangsphase der Sowjetunion waren es die Juden und wie schon auch teilweise davor Georgier und Armenier. Unter Stalin sind die Juden dann weggefallen. Selbst an der Spitze findet sich eigentlich der erste Russe erst mit Gorbatschow, der dann bezeichnender Weise auch der letzte Staatschef gewesen ist.

Der Unterschied ist natürlich der, dass die Russen vorher die Reichsidee schon deswegen stützten mussten, weil sie als Minderheiten im ganzen Reich verstreuten lebten. Was dann mit dem Zusammenbruch mit einem mal mehr mal weniger, brutalen Exodus einherging, der was den Kaukasus angeht sich bis heute durchzieht. Die Deutschen leben dagegen in EU noch relativ konzentriert. Die ethnischen Säuberungen in der Hinsicht fanden ja schon im Verlauf der beiden Weltkriege statt. Damit fällt ein Erpressungspotenzial gegenüber dem Reichsträger der EU weg. Ansonsten ist die Konstellation ähnlich. Deutschland versteht nicht wieso die Undankbaren aufmucken, wo es doch so viele Geschenke gibt. Der Rest fühlt sich gegängelt und ergeht sich schon jetzt ab und an in Rachephantasien und Sezessionswünschen. Bei einem Zusammenbruch des Projekts kann man nicht davon ausgehen, dass die Deutschen von Freunden umgeben sein werden.

Und hier wieder eine kritische Anmerkung: Der Autor hat mit seinem Kerngedanken der Übernahme von verschiedenen Mustern der Aktion natürlich recht, nur zeugt die Auswahl des Beispiels von einer Schwäche der Sezession und Deutschlands im Allgemeinen. Die aussenpolitische Komponente fehlt. Man hat nicht wirklich eine Vorstellung was die Anderen denken, auch innerhalb der EU nicht. Wie Deutschland und unter welchen Bedingungen agieren soll, wird nicht besprochen. Es bleibt bei Projektionen der eigenen Wünsche und Ängste. Was sicherlich immer ein Stück weit der Fall ist, doch auf Deutschland gesehen sticht diese Provinzialität besonders in Auge. Und auf der Rechten ist das naturgemäss nochmal verstärkt, weil der Fokus ohnehin schon in Richtung des Eigenen geht. Diese Art von Blindheit kann ernsthafte Folgen haben. Von daher würde ich mir doch mehr aussenpolitische Artikel wünschen, die sich nicht bloss mit der dortigen Wahrnehmung der Probleme der Zuwanderung beschäftigen.
Der Gutmensch
05. Juni 2015 20:29
"Deshalb: Verachtet mir die Outlaws nicht – gleich welcher Nationalität! Schneidet euch lieber mal eine dicke Scheibe davon ab."

Mag ja sein, dass es den Autor heimlich drängt, Männer, die Motorrad fahren können, irgendwie ... herabzusetzen. Und dass er da was persönliches überkompensieren muss, indem er sie romatisch zu "Outlaws" verklärt (ich vermute ja eher, dass auch die Nachwölfe reguläre Führerscheine besitzen)! Alles menschlich verständlich, bloß keine Angst. Muss auch solche Männer geben, ganz bestimmt! Und die Damx heutzutage interessieren sich sowieso mehr dafür, ob Sie eine Spülmaschine ordentlich einräumen können. - Aber was das Ganze nun mit den Lesern hier zu tun haben soll?!

Von denen ja nicht wenige bereits in der Schule mit ganz ähnlichen "Argumenten" nachdrücklich zum Pflegen der deutsch-sowjetischen-Freundschaft aufgefordert worden sein dürften und zu diesem Behuf dann auch gleich die Adresse von einem Aljoscha oder einer Irina zugeteilt bekamen, mit der Aufforderung, eine Brieffreundschaft zu schließen (wäre man hier generell und nicht nur speziell literaturaffin, ich würde glatt Ottokar Domma zur drastischen Horizonterweiterung empfehlen).

Nun also nach 25 Jahren erneut eine solche Ansprache, der GOL-Vorsitzende reloaded! Und das - hier! Der kam ...na, sagen wir mal: unerwartet. Davor versagt jede Satire!! Wo hab ich nur die Migränezäpfchen wieder hingeschusselt ...
Arkanthus
05. Juni 2015 20:57
Wir Konservativen haben Respekt vor JEDWEDEM vaterländischen Geist, ja, wir können auch mit einem namibischen Nama-Patrioten mitfühlen, also ich zumindest. Das macht uns wesentlich weltmännischer als linke Hurra-Universalisten. Aber zuhause, bitte ! In ein anderes Vaterland zu fahren und da seinen Triumphalismus zu zelebrieren ist eine Geste der Demütigung. Das Nicht-Respektieren von Grenzen führt zu Konflikten, zu Kriegen. Davon kann man in Europa aufgrund fehlender Virilität nicht mehr ausgehen, aber dennoch. Nachtwölfe in Rußland ? Ich bin dabei ! Siegesmarsch in Berlin ? Grenzüberschreitung, liebe Freunde !
RL
05. Juni 2015 20:59
Sehr geehrter Herr Meyer,

ich feiere mit niemanden die Niederlage meines Vaterlandes und meines Volkes. Egal wer oder was es ist.
In der BRD ist jemand doch schon "Outlaw", wenn er die Wahrheit spricht. Das habe ich oft genug erfahren müssen.

Habe die Ehre,
RL
Lutz Meyer
05. Juni 2015 21:13
Antwort Meyer an viele:

In welches Wespennest habe ich denn hier gestochen? Oder waren es gleich mehrere? Das böse Summen und Brummen macht ja richtig Spaß!

@ Gutmensch: Nett, daß Sie sich um mein Seelenleben sorgen. Doch ich habe nichts zu kompensieren, mag Motorräder noch nicht einmal. Ich gehe lieber segeln. Was das Ganze mit den Lesern hier zu tun hat? Sobald das Migränezäpfchen seine Wirkung getan hat, schauen Sie sich die Kommentare hier doch nochmals in Ruhe an - Sie werden hier und dort eine bemerkenswerte Unterströmung feststellen.
Arminius Arndt
05. Juni 2015 21:23
Nochmal @Roman,
gefällt mir gut, was Sie schreiben, auch dass, was Sie zur EU ausführen, ist m.M.n. richtig und in diesem Zusammenhang bitte ich Herrn Blaschke (und ggf. auch andere) zu verstehen, was ich oben zum Thema Handelsvolumen USA Russland und EU Russland unter den derzeitigen Sanktionen geschrieben habe.

Und jetzt einmal
@ all zum Thema Stil etc.:

Das, was ich da beim Sezessions-Filmchen aus den "Akademien" gesehen habe, kenne ich - rein optisch - z.T. aus anderen Kreisen, die hier gar nicht gut angesehen sind. Nur um einmal ein Beispiel zu nennen: Als ich Anfang der 90er Jahre die Uni besuchte, gab es da ein paar Semester unter mir so einen Herren, der ein ähnliches Styling hatte, bei der Akademie optisch bestimmt nicht aus dem Rahmen gefallen wäre, dann der shooting star einer Partei wurde und danach tief (aber finanziell weich) gefallen ist. Kleidungs-Stil und Aussehen ist meiner Meinung nach absolut relativ.

Von Daher:
Get your motor running ...

Apropos Meyer und „Vielfalt“: Was ist eigentlich aus Heino Bosselmann geworden?


Würde mich auch interessieren, er hat auf mich einen authentischen und glaubwürdigen Eindruck hinterlassen.
Zarathustra
05. Juni 2015 21:43
@ Raskolnikow

»Siebzig BRD-Jahre verweht und Zarathustra ist einer, der sich „im Kampf ums Image“ befindet. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen! Man hat fast schon Mitleid …«


Erstens: Mit Ihrer Einschätzung, ich sei ein BRD-Konservativer, dem es primär ums gute bürgerliche Image geht, lagen Sie völlig daneben.

Zweitens: Es geht im Grunde um eine ganz einfache Wahl zwischen vier Alternativen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir eine fünfte zeigen würden:
1. Wir verzichten auf großangelegte Veränderung der Verhältnisse in unserem Sinne und finden uns mit den Entwicklungen, die seit »siebzig Jahren BRD« (eigentlich sind es 66 Jahre) im Gang sind, ab bzw. wir versuchen, sie auszublenden und ziehen uns ins Innenleben unserer Sekte zurück, die allerdings mitten in der nach und nach entstehenden Hölle lebt.
2. Wir verzichten auf gesellschaftliche Veränderung in unserem Sinne, wandern aber aus und gründen eine eigene Kolonie irgendwo auf einer Insel der Glückseligen (Sils Maria wird demnächst auch keine Option mehr sein angesichts der Bevölkerungsentwicklung in der Schweiz — soweit zu meinem Pseudonym).
3. Wir wollen die Veränderung und versuchen sie durch die physische Gewalt der kleinen Minderheit, die wir im Moment sind, durchzusetzen (also eine Art illusorische durchgedrehte RAF).
4. Wir wollen die Veränderung und setzen zunächst auf eine Vermehrung unserer Zahl, d.h. aufs Gewinnen der Herzen und Köpfe.

Wenn Sie eine der ersten zwei Optionen wollen, dann gehören Sie von mir aus gesehen nicht zur Lösung, sondern zum Problem. Wenn Sie sich für die dritte Option entscheiden, dann sind Sie mit Verlaub nur verrückt (über 80000 hier stationierte alliierte Truppen und ein größtenteils BRD-indoktrinierter professioneller Geheimdienst- und Polizeiapparat grüßen Sie: Viel Spaß damit.) Einzig möglich in meinen Augen bleibt die vierte Option: Also sich multiplizieren und die Leute wachrütteln.

Wenn Sie soweit einsehen (dann habe ich erstmal kein Mitleid mit Ihnen), dann bedenken Sie bitte noch dieses: Sie können die Herzen und die Köpfe einer ausreichend großen Zahl der Leute nicht mit rüpelhaftem Äußeren oder mit Ihrer »Mofakette« gewinnen. Und wenn Sie es wie die NPD anstellen und den wirkmächtigen Medien, die es hier und jetzt nun einmal gibt, mit unklugen Äußerungen oder vor allem mit Bildern füttern, die Sie gerade für die Leute, die Sie gewinnen wollen, unsympathisch machen, dann muß ich Sie ob Ihres Intellekts erst recht bemitleiden.

Darum geht es. Ihr Lebensgefühl des Rebellentums ist angesichts dessen, was heute auf dem Spiel steht, mehr als zweitrangig. Und mit Ihren Mofaketten-Fantasien können Sie machen, was Sie wollen, aber Eines werden Sie mit solchen Methoden nicht erreichen: diese zerfallende BRD in ein lebensfähigeres und lebenswerteres Gebilde zu transformieren.

Soweit erstmal. Wenn Sie so sachorientiert wären, um mir nicht gleich die » Mofakette durch die Schnauze ziehen« zu wollen, dann will ich zusammen mit Ihnen alles Persönliche vergessen und stattdessen an echten Lösungen arbeiten. Heute steht etwas auf dem Spiel, das weit älter ist als wir beide, uns beide überdauern wird und neben dem unsere beiden Egos völlig zweitrangig sind.

In diesem Sinne,
Ihr Zarathustra
Kiki
05. Juni 2015 21:55
Verehrter Herr Meyer,
machen Sie sich nichts daraus - die hier sind nun einmal so. Da ist nichts zu wollen und erst recht nichts gedanklich anzuregen oder gar zu argumentieren.

Kluge Leute wie Raskolnikow (aber der ist ja auch Russe) haben das schon längst erkannt und betreten daher höchstens zum Spielen diesen Dackelzwinger.

Daß Sie Spaß an der Auseinandersetzung mit verkorkst-frühvergreisten Prinzipienhabern und Grundsatzträgern haben, spricht für viel Humor und stahlharte Nerven, zu denen ich Ihnen aufrichtig gartuliere, denn mir fehlt beides im Umgang sowohl mit den gemeinen Butzelbuntrepublikanern als auch mit ihren vermeindlichen Überwindern und Kritikern (im Grunde sind die Analysateure beider Lager viel schlimmer als das unselige Analyseobjekt.).

@Raskolnikow
Wie immer ein Gedicht! Gott segne Sie (wo immer Sie auch sein mögen) und Er halte Seine Hand schützend über Sie auf Ihren Gängen durch das Irrenhaus hier und heute.

kommentar kubitschek:
hoffe, Sie sind in wien, morgen, kiki, oder wenigstens unter klarname beim fest der afd am kyffhäuser oder - allerwenigstens - beim jf-sommerfest in berlin. versteh ich nicht, wie man immer gleich alles in die tonne treten muß, bloß weil einer mal wider den stachel löckt. prinzipienhaber und grundsätzträger sind mir an ihrem, an einem ihnen angemessenen platz sehr recht, die rebellen wiederum anderswo. also: nicht immer gleich so "ganz und gar".
Corax
05. Juni 2015 22:02
Als Teilnehmer an bislang etwa 15 im Westen stattgefundenen Pegida- und Pegida-Nachfolge-Demos – (Führer Bachmann hat ja bislang Pegida Frankfurt Rhein-Main [unter den Auspizien von Heidi Mund] und gerade diesen Dienstag auch Pegida Karlsruhe aus dem heiligen Pegida-Verband exkommuniziert, ihnen die Pegida-Lizenz entzogen; auch Düsseldorf („Dügida“ unter den Auspizien von Melanie Dittmer) ist schon seit längerem von Bachmann geoutlawed worden) – fühle ich mich ganz selbstverständlich als Outlaw. Ich gehöre dann zu einem Häuflein von 40 bis 100 anderen prima facie DEPPEN oder MASOCHISTEN, die sich freiwillig in einen kleinen mit Absperrgittern umzäunten innerstädischen Bereich begeben, umringt von einer manchmal bis zu zehn- und noch-mehr-maligen Übermacht super-, aber wirklich superbraver, absolut staatstragender Brüllbürger, die uns dann pausenlos als Nationalsozialisten beschimpfen, die zu verschwinden hätten („Nazis raus, Nazis raus!“, „Haut ab, haut ab!“), die das Maul zu halten hätten („Halt’s Maul, halt’s Maul!“), die kein Recht hätten, ihre Meinung auszusprechen oder auch nur zu haben („Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!“), die nichts als Kot seien („Deutschland ist Schei*e, ihr seid die Beweise!“), die den Krieg verloren hätten („Ihr habt den Krieg verlorn, ihr habt den Krieg verlorn!“), die lächerlich seien („Ihr seid so lächerlich, ihr seid so lächerlich!“) und so weiter, die es aber nicht nur bei zwar geist- aber doch pausenloser Beschimpfung und Belärmung belassen, sondern mitunter auch tatkräftige Attacken fahren (Und zwar in Ffm, wo auf den Kreis der Pegida-Demonstranten an den ersten Demos außer Eiern, Kartoffeln und Tierfutter (!) auch Glasflaschen, Feuerwerkskörper geworfen wurden. Als wir uns am 11. Mai erstmals erdreisteten, das heilige Frankfurt durch einen wenn auch minimalistischen Demonstrationszug zu entweihen, wurden aus der Mitte der von einem evangelischen Pfarrer (Hans-Christoph Stoodt) angeleiteten und motiverten Superanständigen heraus auch Pflastersteine, ja sogar Fahrräder und Mülltonnen geworfen. Die Polizei, die uns vor der Gewalt der staatstragenden Brüllbündnisbüger (noch?) schützt, hat dabei noch am meisten abbekommen, aber eine Mitstreiterin von uns wurde von einem faustgroßen Stein am Kopf getroffen und musste im Krankenhaus verarztet werden. Mehr Outlaw kann man zur Zeit kaum sein, als wie wenn man im Westen an (von Bachmann noch(?) nicht exkommunizierten) Pegida- oder (von ihm bereits exkommunizierten) Pegida-Nachfolge-Demos teilnimmt. Und die Brüllbürger können noch so laut brüllen – die Motivation, sich ihnen entgegenzustellen und ihnen den geistigen Mittelfinger zu zeigen, nimmt eher zu als ab. Es ist eine Lust, Outlaw zu sein in einer Zeit, in der Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht wird. Und selbstverständlich ist man auf solchen Demos auch immer mit „klassischen“ Outlaws zusammen, mit maximaltätowierten in rüpelhaftem Benehmen bewanderten Hooligans zum Beispiel und mit christlichen Fundamentalisten und mit Anhängern altrechter Kleinparteien und mit bekennenden Marxisten-Leninisten (die die marxistische Religionskritik gerade in Bezug auf den Islam ernstnehmen) und mit Migranten aus dem Nahen Osten, die zum Christentum konvertiert sind… Mit all diesen Leuten habe ich keine Probleme. Und ich habe das Gefühl, dass die Mehrheit von uns, die doch eigentlich aus sogenannten „normalen Bürgern“ besteht, mit ihnen ebenfalls keine Probleme hat. Denn wir sind heute alle Outlaws, wenn wir uns gegen das regierende Unrecht zur Wehr setzen.
Realist
05. Juni 2015 22:24
Wenn Provokation ein gewisses Maß erreicht, haftet ihr eine Unaufrichtigkeit gegenüber dem Leser an, die mir missfällt. Zu "Motorradgangs" lohnt es sich nicht wirklich, sich dazu überhaupt zu äußern. Nur soviel - sie sind eine ganz typische Spielart parasitärer Lebensführung, die üblicherweise nur in schwachen "liberalen" Gesellschaften, "demokratischen" Staaten möglich ist. In einem funktionierenden Staatswesen sind Gesellen dieses Schlages entweder bei der Infanterie oder im Knast, aber sicher nicht so ein Furunkel am Allerwertesten des Volkskörpers.
Bernhard
05. Juni 2015 22:25
Ich stelle mir vor, Heinz, Schlageter und der Kapitän würden von einer Wolke aus zusehen, wie gerade ein Kunde im Zeitschriftenladen sich von einem verschmitzt lächelnden Verkäufer unter Augenzwinkern eine nach innen gefaltete JF zustecken läßt, nachdem beide zuvor die Umgebung kritisch beäugt haben und keine unmittelbare Gefahr feststellen konnten, woraufhin dann der Kunde sein abgezähltes Geld aus der schwitzenden Hand an den Verkäufer gibt und aufatmend mit wichtigem Blick so schnell wie möglich den Laden verläßt, ein Schauer seinen Rücken herunter rinnt, ob seines todesmutigen Widerstandsaktes gegen die verhasste Tyrannei.
Schlesische Fachkraft
05. Juni 2015 22:32
http://www.geolitico.de/2014/10/31/hooligans-hielten-stasi-in-schach/

Wenn irgendjemand ernsthaft daran glaubt, dass eine Massenbewegung mit politisch unkorrekten Zielen und von allen "anständigen" Kräften im Lande zum Abschuss freigegeben, mittel- und langfristig bestehen kann ohne nur ansatzweise auch Leute in ihren Reihen zu haben, die sich NOTFALLS (!) gegen die rücksichtslosen Schlägertrupps der Linksextremisten wehren können, dem wünsche ich eine gute Nacht. Ich weiß wovon ich Rede, ich bin bei der Dresdner PEGIDA von Anfang an dabei. Und glaubt mir, wären die Leute hier in DD alle nur mit feinem Zwirn, kantigen Brillen und Latte Macchiato in den Coffe-to-go-Bechern auf die Straße gegangen, dann wäre die ganze Sache von den oft aus der ganzen Republik herangekarrten Antifa-Berufsrandalierern spätestens nach drei,vier Wochen niedergetrampelt worden. Ich greife niemanden an, aber es ist mein gutes,"stockkonservatives" und angebornes Recht, sich NOTFALLS (!) gegen einen Angriff zu wehren! Das Leben ist gnadenlos und unfair. Einzig und alleine mit einem gut betuchten Heer von trägen Bücherwürmern und Vier-Wände-Philisophen ist kein Blumentopf zu gewinnen, die geistige Standfestigkeit muss auch im Alltag irgendwie demonstriert werden. Ja,es geht also auch um die "biologische Präsenz"!
Arminius Arndt
05. Juni 2015 22:45
@corax,

Danke für Ihren Beitrag! Genauso habe ich Pegida Demos u.a. in Würzburg erlebt - nur dass hier zum Glück keine Steine oder Fahrräder geflogen sind (gab aber auch die eine oder andere nicht gewaltfreie Szene), aber das sich in einen Käfig begeben, um dann den "Goldstein" für die mutigen, bunten Bürger und deren Bedürfnis nach Hass zu geben, dass habe ich genau so erlebt. Es macht auch eigentlich keinen Sinn, hier das Luder für das sich "wohl fühlen" der polit-korrekten zu spielen. Für den Westen müssen wohl ganz andere Formen des Protests gefunden werden.
Trouver
05. Juni 2015 22:46
Rote Lappen haben in heiligem Deutschland nichts zu suchen.

Ob motorisiert, oder nicht.
Gustav Grambauer
05. Juni 2015 23:52
Roman

Sie haben sich viel Mühe gemacht, in Ihrer EU-"Reichs"-These gipfelnd eine im besten Sinne "konservative" Analyse zu liefern, wie sie in ihren Ansätzen bis vor etwa 100 Jahren ausgewogen und gediegen gewesen wäre. Zwei, drei Sätze gestrichen und sie könnte genauso auch in der FAZ am Sonntag zu lesen sein.

Aber neben Ihren vielen m. E. durchaus zutreffenden Einschätzungen haben Sie ein paar klitzekleine (und doch nicht sooooooo unwichtige) Gesichtspunkte nicht auf Ihrem Radar:

(1.) das nukleare Epressungspotential des Pentagon gegenüber jedwedem europäischen und insbesondere "BRD"-Politiker

(2.) das Legitimationsdebakel der "BRD" als Garantie der völligen Handlungsunfähigkeit jenseits der Souveränitätsabgabe ("Alternativlosigkeit" im Merkel-Duktus), die aber

(3.) nur Ausdruck der von der "Zivilgesellschaft" geglaubten Geschichtslügen ist, was die Totalversklavung - nicht zuletzt über das sogenannte "Bildungssystem" - absichert

(4.) die totalitäre Steuerung des gesamten Spektrums von der Realwirtschaft über die Kommunalfinanzen über die Sozialsysteme bis hin zur Innen- und Außenpolitik durch Spekulationsblasen und Casino-Wetten nach dem Saug-Pump-System

(5.) die totalitäre Steuerung des gesamten privaten und öffentlichen Lebens durch Medien-Oligopole im ausländischen bzw. NWO-Interesse

(6.) die Fünfte Kolonne der Atlantikbrücken-Blutegel, einerlei ob "links" oder (pseudo-)"rechts" an allen Schalthebeln der Macht (mit dem "Parteiensystem" als operativer Basis und Schutz)

(7.) die Dimension des Zynismus der Vernichtungspläne gegen das Abendland und insbesondere gegen Deutschland

(8.) Habe ich etwas übersehen?! Sicher ...

Damit ist die EU kein "Reich" wie Sie sagen sondern nicht mehr als eine Zitronenschale, aus der jetzt vor der (geplanten) Entsorgung die letzten Tropfen Saft herausgepreßt werden (sollen).

"Die Deutschen gehören zu den eigentlichen Trägern des Reichsprojekts EU" - mit bleibt das Lachen im Halse stecken.

"Trotz aller Klagen in Deutschland haben wir noch nicht eine Umverteilung vom Zentrum an die Ränder."

Von den vier Buchstaben "TTIP" haben Sie schon mal gehört, oder?! Ich gebe Ihnen insofern recht, als die Versklavung noch nicht die Dimension erreicht hat, in der sie geplant ist. Obwohl, ..., lesen Sie mal das hier:

http://www.merkur.de/lokales/garmisch-partenkirchen/murnau/tatmotiv-hunger-senioren-werden-murnau-ladendieben-5064010.html

"Die ethnischen Säuberungen (in Deutschland, - G. G.) in der Hinsicht fanden ja schon im Verlauf der beiden Weltkriege statt."

Nein, da sind wie erst seit etwa zehn Jahren so richtig mittendrin, und erst seit ein paar Monaten geht es exponentiell richtig los. Sagen Sie mal, wie lange lesen Sie eigentlich schon SiN?!

Auch zu Ihrer Analyse der Situation Rußlands ("Projektionsfläche für Idealisierungen") sollten zwei winzige (und doch nicht sooooooo unbedeutende) Aspekte nicht unerwähnt bleiben:

(1.) war dieses Land in den 90er Jahren noch viel, viel schlimmer dran - ist aber rapide und hoffnungsvoll dabei, sich zu befreien

(2.) ist dortige derzeitige Nationalitätenpolitik einzig der hegemonialen Nötigungssituation geschuldet (inbegriffen die noch nicht purgierten dortigen 5. Kolonne sowie die "Strategie der Spannung"), im Klartext: Putin ist gezwungen, Myriaden von Kaukasiern "reinzubuttern", aber dies wird sich nach dem Untergang der USA (mit China als unbekannter Variablen) von Grund auf ändern (dürfen).

Wenn Sie schreiben, "die heutige Situation der Deutschen in der EU ist mit der Russen in der Sowjetunion vergleichbar" so liegen Lichtjahre dazwischen.

"Dass die Staatsmacht versuchte die Ränder durch Privilegien zu bestechen," hat ein wenig mit McKinder zu tun. Sie schreiben weiterhin "... ist das Gefühl der Kränkung gegenüber den Undankbaren und ein weitestgehendes Unverständnis dafür, dass man als Besatzer empfunden wird, obwohl man doch mehr opferte als der Rest." Nein, das Unverständnis liegt vor allem darin, daß das erste Wort, das der Osteuropäer nach seiner "Befreiung" ausgesprochen hat, "Marlboro" lautete. Ich werde konkreter: daß die Leute in der Peripherie nicht begreifen wollen, daß das russische Modell eben das "Gegenmodell zu angelsächsischen Reichen, in denen die Metropole die Kolonien und Ränder aussaugte" ist - wie Sie an anderer Stelle selbst schreiben.

Übrigens haben Sie nominell recht, daß Gorbatschow als Stawropoler der erste Russe an der Spitze war. Aber er wird von jedem echten Russen als "Kaukasier" wahrgenommen. Er war Kompromißkandidat zwischen Russen und Chasaren, so wie bereits der Georgier Stalin, ein Kreis hat sich damit geschlossen.

In Ihrem Wunsch nach breiterem Raum für außenpolitischer Horizonterweiterung treffen wie uns.

- G. G.
Michael Schlenger
05. Juni 2015 23:54
Fassen wir zusammen: Meyer empfiehlt dem deutschen Michel, sich von russischen Fettsäcken auf amerikanischen Motorrädern etwas "Outlaw"-Mentalität abzuschauen, um solchermaßen gewappnet das Abendland zu retten.

Will offenbar heißen: öfters mal gegen das eine oder andere Gesetz zu verstoßen und aus Übersee eingeschleppte Unterschichtenphänomene zu zelebrieren hilft der eigenen Sache ungemein - typisch für hiesige Konservative...

Mangels Moped mit getürktem Auspuff und illegalem Kettenritzel lässt uns Meyer jedoch im Unklaren darüber, gegen welche Gesetze er zu verstoßen pflegt, um dem Establishment zu zeigen, was eine Harke ist. Raskolnikow scheint mir nolens volens diesen Vorschlag hinreichend durch den Kakao gezogen zu haben.

Was genau war jetzt Meyers Argument?
CCCED
06. Juni 2015 00:09
Lieber Roman,

Sie vermissen die außenpolitische Komponente der Sezession:

Und hier wieder eine kritische Anmerkung: … Die aussenpolitische Komponente fehlt. Man hat nicht wirklich eine Vorstellung was die Anderen denken, auch innerhalb der EU nicht. Wie Deutschland und unter welchen Bedingungen agieren soll, wird nicht besprochen. Es bleibt bei Projektionen der eigenen Wünsche und Ängste. … Diese Art von Blindheit kann ernsthafte Folgen haben. Von daher würde ich mir doch mehr aussenpolitische Artikel wünschen, die sich nicht bloss mit der dortigen Wahrnehmung der Probleme der Zuwanderung beschäftigen.


Ich fände es durchaus schön, wenn Deutschland souveräne Außenpolitik betreiben könnte. Aber welchen Sinn macht es denn, sich über eine hypothetische Außenpolitik Gedanken zu machen, wenn man nicht einmal Herr im eigenen Hause ist? Deutschland ist es nun mal nicht gestattet, als souveräner Staat Außenpolitik zu betreiben. Es mag deutsche Wirtschafts- und Kapitalstrukturen geben, die Teil internationaler Strukturen sind. Diese versuchen, ihre Interessen im „freien Markt“ zu wahren. Mehr ist für Deutschland nicht drin außenpolitisch.

Es gibt genug außenpolitisch orientierte Blogs. Mir gefällt an der Sezession, dass es hier um das Eigene geht. Sinn der Sezession ist es, ein Bewusstsein dafür zu wecken, was Deutschland sein könnte. Das kann es nicht primär um die Außenpolitik gehen.
Gustav Grambauer
06. Juni 2015 01:24
Nachtrag

„… ein Kreis hat sich damit geschlossen.“

Lektion in Spiegelmagie:

Souveränität............................Nikolaus I..............-........Putin 2 + x
Freimaurer, Doppelherrschaft.....Kerenski...............-.......Putin 1, Medwed.
Liberalbolschewiken / Terror.......Lenin / Trotzki......-......Jelzin
„entglittene Kaukasier“................Stalin..................-.....Gorbatschow
Sowjetarmee...............................Chruschtschow...-....Tschernenko
KGB vs. Sowjetarmee,“Stagnation“.Breschnew......vs...Andropow

- G. G.
Gustav Grambauer
06. Juni 2015 01:29
Verehrter Herr Meyer,

meine "Kurve" überlebt das Absenden nicht, sie wird zermatscht, wahrscheinlich wegen unterschiedlicher Schriftarten. Ich verzichte auf die Freischaltung.

Grüße

- G. G.
Olaf
06. Juni 2015 03:10
@Schlesische Fachkraft
So ist es, Linke sind keine Gutmenschen, das ist klar, aber sie sind eben nicht nur Lügner, wie Gregor Gysi wenn er launig berlinert. Linke sind hinterhältige Kriminelle, gnadenlose Schläger, bilden bundesweit, bewaffnete Terrorbanden um jede demokratische Regung in Grund und Boden zu rammen. Da ist die Notwehr der Demokraten das Gebot der Stunde.
Peter Niemann
06. Juni 2015 06:52
Aus inneren Emigranten wie so manche von uns sind - manche schreiben ohne Klarname, andere melden sich überhaupt nicht, anderen ziehen sich in eine Passivität zurück und andere wiederum sind nur virtuell aktiv (übrigens möchte ich anmerken, daß ich niemanden angreifen möchte mit meiner Pauschalisierung) - aktive "Sezessionisten" zu machen, das scheint das Ziel des Herrn Lutz Meyer zu sein. Er macht seine Sache gut und wenngleich seine Methoden und Ansichten etwas atypisch für diese Seite scheinen, so sind sie doch anregend und gedankenanstoßend!
Waldschrat
06. Juni 2015 06:59
@Kubitschek bzgl. Antwort an Leser "Kiki":

prinzipienhaber und grundsätzträger sind mir an ihrem, an einem ihnen angemessenen platz sehr recht, die rebellen wiederum anderswo. also: nicht immer gleich so „ganz und gar“.


Lieber Götz Kubitschek, ich verstehe den Herrn Kiki „ganz und gar“. Erlauben Sie mir eine agrikulturelle Verteidigungsrede.

Stellen Sie sich vor, man ist Stammleser von SiN, eventuell (wie in meinem Falle) auch Abonnent der Sezession. Man sieht sich wie in einem schönen Garten gelandet, in dem viele Gärtner ihre Pflänzchen hegen, die allermeisten davon schön anzuschauen, manche haben Dornen, andere bunte Blüten; bei einigen trifft Farbe oder Wuchs vielleicht nicht ganz den eigenen Geschmack, aber insgesamt ist es ein prächtiger Garten, mit fruchtbarer Erde, auf der noch vieles gedeihen wird. Man fühlt sich ein bißchen heimisch in diesem Garten, weil man den eigenen auch so angelegt hat, mit den gleichen Pflanzen und Zäunen und Wegen, die ganz ähnlich aussehen.

Und dann kommt regelmäßig so eine wild durcheinander schnatternde Horde von "Gartenliebhabern" durch das Areal getrampelt, die ganz anders aussehen und ganz anders reden, als man selbst. Die überhaupt so völlig anders sind. Man plaudert etwas mit denen, oder hört ihnen zu, wie sich miteinander unterhalten, aber man findet einfach keine gemeinsame Grundlage. Und dann ist es vorbei mit dem Sich-Heimisch-Fühlen. Dann ist man tief befremdet und denkt sich: Die teilen sich die Vorliebe für diese Art von Gärten mit mir? Stimmt jetzt was bei mir nicht oder bei denen? Das kann ernüchtern, und dann denkt man sich: Gut, daß mein Garten irgendwo in der Pampa liegt, wo ihn niemand findet, und niemand von denen jemals zu Besuch kommen wird.
Curt Sachs
06. Juni 2015 08:45
Bitte mehr solcher Beiträge. Nächste Mal vielleicht auch nicht mehr ganz so zaghaft und wohlabwägend.

Dies vorausgeschickt (was für eine schöne bürokratische Formulierung!) möchte ich hervorheben, dass nicht nur in Deutschland das "Wiederanknüpfen an alte Größe nicht unproblematisch und keineswegs konfliktfrei" ist. Das gehört immer dazu, wenn man eine vielhundertjährige Geschichte mit sich trägt.

Vielleicht wäre es am schönsten gewesen, wenn sich ein HoGeSa-Trupp den einreitenden Nachtwölfen entgegengestellt und es etwas Bambule gegeben hätte. (Aber um Gottes Willen nicht die polierten Edelmaschinen anrühren!) Nachher hätte man gemeinsam was trinken können.
Rainer
06. Juni 2015 09:59
Jetzt muss ich hier doch noch etwas schreiben.

Wenn auf meinem eigenen Blog ein Kommentator vorschlagen würde, anderen mit eine "Mofakette durch die Schnauze zu ziehen" wäre für mich eine Grenze überschritten und dieser Kommentator würde für immer gesperrt werden. Die Grenze zwischen Provokation und Geschmacklosigkeit ist eben für manche nicht zu erkennen.

Gruß an alle
Rainer
Der Gutmensch
06. Juni 2015 10:21
Mein lieber Herr Meyer,

Sie haben sich ja einen traumhaften Tag für Segel-Gleichnisse ausgesucht; meinen Glückwunsch! Die Migräne-Zäpfchen haben auch angeschlagen, Danke der Nachfrage, nun müssen nur noch die Fenistil-Tropfen der blühenden Natur entgegen wirken. Bis dahin:

Wie auch immer die hiesigen Unterströmungen beschaffen sein mögen; soweit sie überhaupt in das deutsch-konservative Bild passen, sind sie davor gefeit, ihren Referenzrahmen im wesentlichen außerhalb Deutschlands zu suchen; das dürfte wohl das Hauptabgrenzungskriterium gegenüber der tonangebenden deutschen Strömung darstellen.

Gleich an zweiter Stelle folgt ein gewisser Unwille gegenüber dem Zustand der Vogelfreiheit - oder wie Sie es bezeichnen: des „Outlaw“-Rebellentums. Nein, soweit ich das verstehe, mag man hier schon ganz gerne Gesellschaft, gar ein eigenes Volk und eigene Regeln haben! Das wiederum erfordert ein gewisses Maß an Respekt vor dem Recht. Was eben nicht bedeutet, sich als Sklave der Gesetze zu gerieren. Sondern das Bewusstsein, dass das Recht dem Unrecht nicht zu weichen hat, http://de.wikipedia.org/wiki/Trutzwehr_und_Schutzwehr.

In diesem Sinne halte ich den Vorschlag, sich ein Vorbild an der Attitüde einer russischen Motorradgang zu nehmen, die sich gerade nicht um abstrakte Regeln schert, sondern alles sagt und tut, was sie ihr Staatsoberhaupt sagen und tun lässt, für verfehlt. Gäbe es die GST noch (dort konnte man lernen ein Motorrad zu fahren), wäre das aber eine coole Idee für die Antifa, zweifellos.

Viele Grüße,

der Gutmensch.
Hajo Blaschke
06. Juni 2015 10:42
@ Frenchman Ich denke, wer Stalin und seine Untaten mit Ulbricht und Honecker vergleicht, tut Stalin zu viel Gutes.

Ulbricht hat die Sowjets dazu gebracht, die von ihnen schon angelegten GULAGs durch Weiternutzung der KZs aufzulösen und in der DDR einen Wohlstnad geschaffen, der einmalig im Ostblock war.

Und Honecker hat dafür gesorgt, dass der technische Vorsprung der DDR im Ostblock weiter gewachsen ist.

Stalin hat für Völkermorde gesorgt, für geplante Hungersnöte und für das Abschlachten von 45 bis 60 Mio. seiner eigenen Landsleute.
Waldschrat
06. Juni 2015 11:14
@Peter Niemann

Sie gehören zur Fraktion der Klarnamen-Befürworter. Wissen Sie, Sie können ja schreiben, unter welchem Namen Sie auch immer wollen, auch unterem Ihrem echten (ob "Peter Niemann" Ihr richtiger Name ist, kann allerdings keiner von uns eindeutig verifizieren - das sollten Sie auch einmal bedenken).

Ich hingegen habe es seit jeher vorgezogen, im Netz anonym zu bleiben. Immer, überall, prinzipiell. Kein Facebook (bzw. auch dort nur mit einem Fake-Account), kein Twitter, kein Forum, kein Blog mit Klarnamen. Das hat nichts mit Feigheit zu tun, nichts könnte weniger wahr sein, sondern mit der generellen Sorge um meine Privatsphäre. Das bitte ich zu respektieren, statt sich anzumaßen, Klarnamen auch von anderen zu fordern.
Der Gutmensch
06. Juni 2015 12:00
Naja, Waldschrat, sowas in der Preislage könnte die Folge für Ihr Gärtchen sein: http://www.sueddeutsche.de/panorama/aktionsplan-gegen-umstrittenen-motorradclub-berlin-verbietet-hells-angels.

Wenn die Staatsanwaltschaft bei den Rockern einreitet, stehen vom Vereinsheim/der Wohung/sonstwas hinterdrein noch - die nackten Wände. Die nehmen nicht nur alles mit - samt Kühlschrank und Herd - die schlagen auch den Putz ab, weil sie dahinter Geheimverstecke vermuten.

Und im Rocker-Motorrad-Millieu gehts schlecht eine Nummer kleiner: Entweder man ist offensichtlich harmlos, Midlife-Krisis-Daddys mit Schutzkleidung auf der teuren BMW, die einen gemeinsamen Ausflug machen. Aber das hatte Herr Meyer ja gerade nicht im Sinn!

Oder der erste Ärger, den man bekommt, ist der mit anderen Motorrad-Typen, die argwöhnen, man könnte in ihrem (kriminellen) Revier wildern, rein aus Prinzip. Also stattet man das Vereinsheim vorsorglich mit handlichen Baseballschlägern aus und ist permanent auf der Hut oder - man lässt es doch besser ganz bleiben. Jede andere Idee ist reine Spinnerei - jedenfalls hier in Berlin.

d.G.
Lutz Meyer
06. Juni 2015 12:05
Meyer @ Curt Sachs:

Sie haben den Geist meines Beitrags voll erfasst. Besonders Ihr letzter Absatz und dort der letzte Satz trifft es: "Nachher hätte man gemeinsam was trinken können." Das erinnert an gewisse Gebräuche, die mit dem Namen Walhall verknüpft sind. Erst das Schlagen, dann das Vergnügen. Einherjer unter sich.


Meyer @ Rainer:

Solange es bei Verbalinjurien bleibt, darf man nicht pingelig sein. Wenn es darüber hinaus geht, auch nicht.

Meyer @ Gutmensch:

Fenistil? Sie? Wenn hier einer der lindernden Behandlung von Insektenstichen bedarf, dann doch wohl ich - all die wütenden Hornissen hier... Im Ernst: Vielleicht muss das deutsch-konservative Bild übermalt werden? Nicht gleich mit neuen Bildern, sondern im Sinne einer Weißung, also der Bereitstellung eines neuen Malgrunds (den Untergrund freizulegen wäre Aufgabe künftiger Restauratoren). Hier darf nichts überstürzt werden. Jünger hat hierzu in Typus, Name, Gestalt Lesenswertes geschrieben. Einstweilen sollten Gedankenexperimente (auch wilde) wenigstens unter uns hier erlaubt sein. Wir können doch nicht ewig an den alten Geistern und Formen festhalten, wir müssen unsere eigenen Formen finden.
Rainer
06. Juni 2015 12:17
@Meyer,
mag sein, das ich pingelig bin, aber ein Herr R. hat hier offenbar Narrenfreiheit, bei anderen würden solche Bemerkungen wohl zum Ausschluss führen. Im übrigen kann ich mich nicht erinnern, von diesem Herrn R. jemals ein freundliches Wort über Deutsche, über Deutschland oder Konservative gelesen zu haben. das ist für mich eigentlich noch mehr maßgebend als diese Äußerung, die meinen Ärger über ihn wohl zum Überlaufen gebracht hat.
Waldgänger
06. Juni 2015 12:23
Die hier von Lutz Meyer angestoßene Debatte hat mich hinsichtlich ihrer Intensität, ihrem Verlauf und auch der Art der geäußerten Gedanken überrascht.
Da wurde vieles deutlich…

Manche reagierten bereits reflexhaft auf das Attribut „russisch“, andere meinten, "über ein Stöckchen springen“ zu müssen (wie Raskolnikow formuliert hat), obwohl es Herr Meyer meines Erachtens gar nicht bewusst hoch gehalten hat.

Was ist denn grundsätzlich einzuwenden gegen Leute, die in ihrer Person die Bereitschaft zur Selbstbehauptung und zum Bekenntnis zu nationalen Traditionen mit Mut, Körperkraft und Kontakt zu Gleichgesinnten verbinden??
Gut, man könnte meinen, dass es solche Leute in der Realität recht selten gibt und dass jene groben Kerle, die es gibt, in der Regel andere Interessen haben – wobei sich das ändern könnte ...
Zurück zu den Vorbehalten: Ich glaube, dass hier leider auch gewisse Berührungsängste sichtbar geworden sind.

***

Nun kann es einem natürlich reichen, die Szene der Sezession als ein intellektuelles und im besten Sinne elitäres Refugium zu betrachten und zu pflegen.
Das ist gut und für freuen uns alle sehr, dass es sie gibt.

Man kann aus wirklich sehr ernsthaften Gründen der Überzeugung sein, dass es heute schlichtweg nicht mehr möglich ist, anders als im Geiste zu widerstehen: der Rückzug in die „Rautenklause“, die innere Emigration, intellektuelle Studien, das Beobachten des Geländes, die Vernetzung zum Zwecke der eigenen Sicherheit bei sich nähernden Einschlägen, die nicht aufhebbare Überlegenheit der "Anderen", die Gefahr eines Verlusts auch noch der letzten Freiheiten, wenn die Gegenseite zu sehr gereizt würde und ihre Freude, wenn sie endlich Klarschiff machen kann …


Nun kann man aber auch der Meinung sein, dass sichtbarer und zugleich maßvoller Protest und Widerstand durchaus eine positive Wirkung haben kann, zumindest zu Sand im Getriebe wird, dass er Entwicklungen verzögern oder abschwächen kann, weiteren und unerwarteten Widerstand anderer Leute ermutigen könnte; dass außerdem die zeitlose Regel gilt, wonach eine Kapitulation die Gegenseite in der Regel nicht dazu bringt, Mitleid zu haben.
In diesem Sinne meine große Bewunderung für die Anstrengungen der Identitären von Martin Sellner in Wien!

Man kann zur Überzeugung gekommen sein, dass für gewisse Widerstandsformen die Situation heute günstiger ist als früher, weil sie Teil eines europäischen Trends sein würden.
Zu diesem Trend gehören ja längst nicht nur Pegida, die Identitären, der Erfolg von freiwild oder das Aufkommen der AfD, sondern das Erstarken nationaler Parteien und Strömungen in ganz Europa. Man denke nur an den Front National, die Freiheitlichen in Österreich oder Orban in Ungarn.

Dann wird es aber gewiss nicht genügen, wenn eine Handvoll hoch ehrbarer Professoren vor das Bundesverfassungsgericht zieht, eine weitere wissenschaftliche Studie zu den desaströsen Folgen der Zuwanderung veröffentlicht wird oder sich eine Gruppe von Demonstranten widerstandslos beleidigen oder verprügeln lässt.
@ Schlesische Fachkraft (am 5.6. um 22.32 Uhr) hat es ja gut gesagt.

Es wird schon allein deshalb nicht reichen, weil sich die Gegenseite ja eben nicht mehr an Regeln des Anstands, der Gesetze, der Vertragstreue und der wissenschaftlich-intellektuellen Beweisführung hält!
Die Zeiten sind längst vorüber, da ein wahres Argument noch Bedeutung hatte, da der Geist etwas bewegt hat. Die Gegenseite hat die Lüge doch zum Normalfall erhoben und ist bereit, das von ihr Erreichte auch um den Preis der Eskalation, Rechtsbeugung und verbalen Bewaffnung (vielleicht auch mehr) zu verteidigen.
Der Prozess ist viel weiter fortgeschritten, ist längst über gewisse zivilisierte Formen hinaus.

Aus dem Geist heraus kann man zwar sich selbst bewahren und vielleicht einzelne Inseln – was auch viel wert ist – wird aber nicht mal Sand im Getriebe sein.
Wer aber möchte, dass es Sand im Getriebe gibt, der wird groben Quarzsand zu schätzen wissen … und nicht nur feinen Zwirn! Beides ist unverzichtbar zur Selbstbehauptung.
gert friedrich
06. Juni 2015 12:41
Guten Tag Lutz Meyer,

warum so herablassend gegenüber dem Ruhebedürfnis des Kleinbürgers?
Sind Sie etwas Besseres?
Mir ist jeder fleißige Kleinbürger zehnmal lieber als ein Revolutionär an der Tastatur.
Rocker sind das Letzte.
KW
06. Juni 2015 13:14
Nun habe ich alle Beiträge mit Interesse gelesen. Diese russischen Rocker haben auch meine Ehre seit der Vertreibung meiner Vorfahren sehr stark verletzt. An einem Tag des Sieges, der Morde und Vergewaltigungen, Vertreibungen, Zwangsarbeit, Raub nach sich zog, hierher zu kommen und diese Schandtaten zu feiern, ist nicht nur unhöflich, sondern rotzfrech. Und wenn Deutsche wie Elsässer da mitfeiern, zeugt das von Deutschlands duckmäuserischer Haltung, Deutsche hätten sie alle rausprügeln müssen, vielleicht hätte dann jemand im Ausland wieder Respekt vor uns. Jemand hat 4 Möglichkeiten aufgezählt, aktiv zu werden. Jetzt ist die Zeit, die Schläfer aufzuwecken, jeden Tag und überall, vor allem auf der Straße. Einfache Bemerkungen, hingeworfen, sind vielleicht Denkanstöße. Und in unserem Existenzkampf müssen wir alle mitnehmen, die unsere Meinung teilen und vielleicht ein Stück mitgehen, sich abgrenzen schwächt unseren Kampf, siehe Lucke. Außerdem würde ich das System nicht nutzen, dazu gehören die Medien, alles, was das System ausmacht, ist zu umgehen.
Gustav Grambauer
06. Juni 2015 13:24
Frenchman, Hajo Blaschke

Ein paar Worte zu Ulbricht

Das Motto von Ulbricht war nicht "die Mauer wird in hundert Jahren noch stehen" sondern "wir haben die Mauer gebaut, also müssen wir sie auch wieder einreißen". Das Treffen mit Brandt im Kossenhaschen sollte dem dienen, aber er wurde paralysiert, stattdessen hat Stoph unter der Direktive Breschnews mit Brandt die Alibi-Krümel des Pakets verhandelt, alles nachzulesen bei Häber. WU wußte, daß die DDR zu der Zeit kulturell und infrastrukturell auf ihrem Höhepunkt war, mithin in einer Verhandlungsposition, die es ein paar Jahre später (und unter einem Nachfolger) nicht mehr geben würde. Überhaupt hatte er grundsätzliches Vertrauen in das damals noch unverdorbene deutsche Volk.

Ulbricht hatte es gewagt, sich strategisch und operativ der Sowjetarmee zu widersetzen ohne dabei zur Lubjanka überzulaufen, d. h. er hat sich zugleich in die Schutzlosigkeit begeben. Paradox: der größte Antititoist wurde zum größten Titoisten; ich vermute, daß Tito ihn bei einem seiner Besuche auf Brioni in dessen Weinkeller nach 1961 "herumgedreht" hat. Die Kultur- und Jugendpolitik der zweiten Hälfte der 60er Jahre ging nicht von Ulbricht aus, sondern wurde als Farce gegen ihn instrumentalisiert - u. a. aus Rache, weil er 1964 (mit dem kalten Entzug der finanziellen Mittel, der Gründung des Senders DT&4 sowie des Verlages "Neues Leben") die FDJ entmachtet hatte. Er hat sich wiederum mit seinem Tod mitten während der "Weltfestspiele" an der von Lamberz und Honecker angeführten Clique der "proletarischen Internationalisten" / "Neostalinisten" rächen wollen (was diese aber nicht beeindruckt hat). Mit dem Apparat des ZK war er sowieso überquer gewesen, hat lieber mit v. Ardenne und seinen Think Tanks bei der Akademie der Wissenschaften ambitionierte Pläne geschmiedet.

Das verdient alles schon eine Portion Respekt, auch wenn diese Pläne (in Richtung Sozialkybernetik usw.) alles andere als die unseren sind, aber zumal sie aus der Suche nach einem deutschen Kompromiß-Weg inmitten der Block-Konfrontation entstanden sind. Sebastian Haffner hat ihn insofern als den erfolgreichsten Kanzler seit Bismarck charakterisiert. Der Apparat hat ihm noch ins Grab nachgetreten, u. a. hat die Stasi (und sogar die Stasikinder auf dem Schulhof, hab`s selbst erlebt) das Gerücht streuen lassen, seine Witwe hätte sich mit Vermögen aus der Staatskasse der DDR im die Schweiz abgesetzt (wir haben sie regelmäßig auf dem Wochenmarkt einkaufen gesehen).

Andererseits hat Ulbricht Deutschland verraten: er kannte, von seinem "Kronjuristen" Klenner beraten (welcher wie zum Hohn später bei der UN-Menschenrechtskommission in Genf akkreditiert und sogar zum Vorsitzenden nominiert wurde), die Feindstaatenklauseln der UNO-Charta ganz genau und hat dennoch den Beitritt der DDR zur UNO eingefädelt - aus dem grassierenden proletarischen Minderwertigkeitskomplex heraus, welcher mit der Hallstein-Doktrin zielgerichtet getriggert worden war. Sein Außenminister Bolz (NDPD) konnte diesen Weg nicht mittragen und hat demittiert.

- G. G.
Der Gutmensch
06. Juni 2015 13:30
Lieber Herr Meyer,

nein, der Defaitismus ist gewiss nicht mein Steckenpferd; auch wenn das den den Eindruck hinterlassen mag. Im Gegenteil gebe ich gelegentlich auch sogar den Don Quichotte, wenns denn unbedingt sein muss. Aber natürlich so selten wie irgend möglich!

"Einstweilen sollten Gedankenexperimente (auch wilde) wenigstens unter uns hier erlaubt sein."

Wir sind hier aber nicht unter uns, sondern tauschen uns coram publico aus. Und es gibt genug hysterische Menschen und gelangweilte Journalisten in der Welt.

"Wir können doch nicht ewig an den alten Geistern und Formen festhalten, wir müssen unsere eigenen Formen finden."

Nun, das ist gewissermaßen der Punkt, oder? Kein Zweifel, dass die Welt auch das braucht: Leute, die etwas Neues versuchen, in jeder Generation wieder. Die sammeln sich aber woanders. Hier ist man hauptsächlich verschnupft über ein gewisses gesellschaftliches Dauerexperiment, das endlich abgebrochen gehört und gräbt dafür lieber nach alten Geistern und Formen, für die der Umstand spricht, dass sie mal ein Weilchen stressfrei funktioniert haben. Damit geht auch ein kritischer Blick einher - dafür, was denn überhaupt funktionieren kann, unter ausgesprochen ... ungünstigen Vorzeichen. Das ist schon alles; persönlich war das nicht gemeint.

Viele Grüße,

der Gutmensch.
Curt Sachs
06. Juni 2015 13:41
Habe ich es überlesen, oder ist es in den Debattenbeiträgen bisher tatsächlich nicht erwähnt worden? Die Eifrei hatte vor ein paar Ausgaben das Schwerpunktthema Rockerclubs.

Hab gerade nochmal nachgekuckt: Ausgabe 136 war's.
Irrlicht
06. Juni 2015 16:46
@Lutz Meyer
In Bezug auf Ihre Formulierung der "Bereitstellung eines neuen Malgrunds": Sie sind also der Ansicht, in einer Situation, in der wir seit 70 Jahren von der eigenen Geschichte und Tradition entfremdet wurden, und die heute noch, unter veränderten Bedingungen, gut durch die Einlassung von Robert Hepp aus dem Jahr 1962, anlässlich einer Debatte über den Konservatismusbegriff, über die "ideologisch überfremdete" Bundesrepublik beschrieben wird, sollen auch die Restbestände der deutschen Identität entsorgt und durch einen über Russland laufenden US-Import, der sich hier zu einer kriminellen Subkultur entwickelte, ersetzt werden?
Carl Sand
06. Juni 2015 17:00
@gert friedrich

Mir ist jeder revolutionär zehnmal lieber als der kleinbuerger an der tastatur.
Spießer sind das letzte.

@Wasldschrat @ Kiki

Man muss das Bild noch erweitern. Der Garten ist eine Sauhalde. Bei den hinzugekommenen handelt es sich mitnichten um neu Mitgärtnerde, sondern im Gegenteil um jene Bande, die den Garten erst verkommen ließ und sich nicht entpeinlicht, sich für Selbstverständlichkeiten hier penetrant selbst zu loben.

Selbstverständlichkeiten, wie ihren Beruf mit Eichmannfleiss zu bestellen und ihren Kindern regelmäßig eins hinter die Ohren zu geben.

Für solche geistigen und realen Stetsfrührentner gibt es von mir aber kein Hüftgelenk, sorry!
Lutz Meyer
06. Juni 2015 17:24
@ Irrllicht

Nein, entsorgen will ich hier gar nichts. Ich sehe das metaphysisch. Ich meine das mit der Weißung vor dem Hintergrund des Nachdenkens über den europäischen Nihilismus, wie es sich exemplarisch bei Ernst Jünger findet in Typus, Name, Gestalt. Der Nihilismus ist kein Meinen, keine Ideologie, sondern ein Prozess, der sich als Seynsgeschichte (Heidegger) oder meinetwegen auch - theologisch gewendet - als "Sich-Entziehen Gottes" ereignet. Nietzsche nennt das die Entwertung der obersten Werte - keine rein aktiv betriebene Sache von Nihilisten, geistigen Entsorgern und Linken, sondern eben "Seynsgeschichte". Die Entsorger sind lediglich ausführende Werkzeuge, wie ich denn die 68er auch eher als Mikroben oder Aasfresser sehe, die kaum mehr als den sich zersetzenden Kadaver einer rein materialistisch ausgerichteten und deshalb nicht lebensfähigen Nachkriegsgesellschaft beseitigt haben. Das war ihr Job. Seither sind sie eigentlich überflüssig geworden , man merkt es ihnen ja auch an. Die deutsche Identität, von der Sie da reden, liegt nicht wie eine Konservenbüchse im Kellerregal. Sie ist nicht mehr da, denn sie gestaltet die Lebenswirklichkeit nicht mehr. Dass sie in einigen Hirnen noch präsent ist, sagt nichts - die Wirklichkeit im Ganzen ist durch sie kaum geprägt. Identität muss erst in einem mühsamen Prozess wiedergewonnen werden. Und zwar gerade nicht im Rückgriff auf das Alte. Deshalb die Weißung des Malgrunds.
jack
06. Juni 2015 17:56
Identität muss erst in einem mühsamen Prozess wiedergewonnen werden. Und zwar gerade nicht im Rückgriff auf das Alte.


Dann auf in die Zukunft unter totalem Verzicht auf das Alte, Bewährte,
auf das, was sich als gesellschaftlich tragfähig erwiesen hat.
Wohl bekomm's. Ein weiteres linkes Experiment mit ungewissem Ausgang, denn niemand kann voraussehen, ob es neue Identät schafft.

Irgendwie kommt es mir so vor, als ob niemand den Weg kennt, aber man will trotzdem mit voller Kraft in die Finsternis rasen.
Irrlicht
06. Juni 2015 18:34
@Lutz Meyer
Wenn Sie die die historische Entwicklung mit Nietzsche/Heidegger strukturell als Verfallsgeschichte deuten, in der wir uns in der Phase des Nihilismus befinden, stellt sich die Frage, warum Sie eine derart große Begeisterung für die russische und amerikanische Rockerszene mit ihrem Bekenntnis zu "traditionellen Werten" zeigen. Unter dieser Interpretation handelt es sich bei der Szene um einen Anachronismus, da Rocker kaum als "Übermenschen", die den Nihilismus überwinden, taugen. Umgekehrt wären "linke Weltverbesserungsprojekte" gerade die Agenten des Nihilismus.

Abgesehen davon, dass ich Nietzsche jedenfalls auf erkenntnistheoretischer Ebene nicht folge, leben wir nicht in einer Phase des Nihilismus, sondern der Hypermoral, in der bestimmte Narrative einen quasi-religiösen Status innehaben und einem Bekenntniszwang unterliegen, der eine enge Verknüpfung zur Frage der deutschen Identität hat. Selbige existiert nämlich genau dann, wenn sie "in den Hirnen präsent" ist. Aber sie existiert nicht nur, sie ist überpräsent, und zwar als negative Identität, z.B. in den allgegenwärtigen Aussagen über die vermeintliche "deutsche Verantwortung". Der Widerspruch, den Sie hier ernten, läßt sich dann auch darauf zurückführen, dass Sie, bis auf die negative Existenzaussage, in Bezug auf diese Identität eine vollständige Ignoranz zeigen.
Heinrich Brück
06. Juni 2015 18:58
@ Rainer
Lesen Sie den Kommentar von J. HERRGESELL unter folgendem
Compact-Artikel. https://www.compact-online.de/notwendige-volkspartei-afd/#comment-119526 Hier hilft keine Mofakette mehr. Und deshalb wird
es wahrscheinlich schlimmer kommen. Außerdem ist Raskolnikow an
Zärtlichkeit nicht zu überbieten.
Hajo Blaschke
06. Juni 2015 20:40
@ Gustav Grambauer

Es ist zwar etwas entfernt vom Thema, aber eine Antwort auf Ihren Beitrag sei mir gewährt:

Andererseits hat Ulbricht Deutschland verraten: er kannte, von seinem „Kronjuristen“ Klenner beraten ....., die Feindstaatenklauseln der UNO-Charta ganz genau und hat dennoch den Beitritt der DDR zur UNO eingefädelt – aus dem grassierenden proletarischen Minderwertigkeitskomplex heraus, welcher mit der Hallstein-Doktrin zielgerichtet getriggert worden war (?). Sein Außenminister Bolz (NDPD) konnte diesen Weg nicht mittragen und hat demittiert.


WU hat mit dem Bestreben die DDR in die UNO zu bringen, keinen Verrat begangen. Die BRD war mit großer Unterstützung der Westwelt auf dem besten Weg, Mitglied der UNO zu werden. Trotz Feindstaaentklausel. Bei wahrscheinlich positivem Ausgang dieser Bestrebungen wäre Westdeutschland Mintglied der UNO geworden und die eh von vielen Weststaaten nicht anerkannte DDR nicht. Deshalb war das Streben einer UN-Mitgliedschaft der DDR ein folgerichtiger Schritt, den WU gegangen ist, auch wenn er die Aufnahme nicht mehr erlebt hat. Lothar Bolz hat nicht deswegen sein Amt als Außenminister niedergelegt. Er war schon seit 1965 kein Außenminister und der Grund für sein Ausscheiden lag nicht im Bestreben von WU hinsichtlich der UNO.
Zarathustra
07. Juni 2015 00:00
An die paar Diskussionsteilnehmer, die Raskolnikows gestriges Benehmen hier verharmlost haben:

Auch wenn Raskolnikows ulkige Äußerungen für manche hier einen gewissen Unterhaltungswert haben mögen, war sein gestriges Benehmen (Zur Erinnerung: mit seiner Äußerung, man solle Leute wie mir die »Mofakette durch die Schnauze ziehen«) – wie auch Rainer absolut richtig schrieb – einfach geschmacklos und angesichts unserer ernsten Situation auch ganz verantwortungslos. Ich hoffe, er selber hat dies auch eingesehen.

In der Sache will ich noch einmal dringlich davor warnen, an Nachtwölfen oder ähnlichen Gestalten ein Vorbild zu nehmen. Solch derb-maskulines Auftreten mag zwar eine gewisse Projektionsfläche für die Wünsche der braven Konservativen sein, aber ein solches Erscheinungsbild ist nicht nicht zielführend. Darauf kommt es an. Rebellisch sein ja, Outlaw-Erscheinung niemals.

@ Götz Kubitschek

Zu Ihrer Meldung vom Mittwoch (Der Film des IfS zu den Akademien in Schnellroda) hatte die Teilnehmerin Yvonne geschrieben: »Super Film, schick und professionell. Jetzt werden sie Euch die Bude einrennen :)«. Tatsächlich kann man Ihnen zum Film nur gratulieren. Er ist sehr gelungen und mit solchen PR-Offensiven sind Sie auf dem absolut richtigen Weg. Es wäre nun ein fataler Fehler, solche Errungenschaften eigenhändig zu untergraben und mit Outlaw-Methoden gerade denjenigen, die tatsächlich »die Bude einrennen« wollen, freiwillig die Legitimation dafür zu liefern. Ich will sogar nicht ausschließen, daß es in diesem Forum Agents Provocateurs des Gegners gibt.

Beste Grüße,
Zarathustra
Anonymous
07. Juni 2015 00:13
@Roman

Etwas weiter gefasst, trifft es auf das gesamte heutige Russland zu. Es ist keine konservative Veranstaltung. Für manche Bereiche kann man durchaus Sympathien empfinden, aber es ist kein erhofftes Gegenprojekt zu der linksliberalen Moderne.

Es ist richtig, dass nihilistische, kulturmarxistische Tendenzen im heutigen Russland einen stärkeren Einfluss haben, als die unter Putin formulierte Staatsdoktrin das glauben machen will. Mit an erster Stelle wäre hier die enorm aktive russische Pornoindustrie zu nennen. Andererseits ist es aber auch falsch zu sagen, der Konservativismus spiele in Russland eigentlich keine Rolle. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und deshalb spielt der Konservativismus eben doch eine signifikante Rolle im gesellschaftlichen Leben Russlands. Wenn eine russische Familie etwa nicht in die Kirche geht, so kann sie doch lauter Ikonen in ihrer Wohnung zu stehen haben und sich darüber gedanken machen, ob dieses oder jenes eine Sünde sei. Gleichzeitig wird dann Stalin nachgetrauert, weil es unter ihm keine "Diebe" gegeben hätte, also Leute, die sich öffentliches Eigentum unter den Nagel reissen. Die russische Geisteshaltung ist also durchaus sehr eklektisch.

>cite>Überwiegend ist es gerade ein Taktieren mit einer kitschigen Mischung aus Zarenreich und Sowjetunion, welches durch Rohstoffe finanziert wird.

Hier von Kitsch zu sprechen, scheint jedoch verfehlt. Russland stellt einen sehr eigentümlichen zvilisatorischen Raum dar, welcher seit dem Oktoberumsturz durch enorme Brüche gegangen ist. Dass da ein derartiges Ideologiekonglomerat herauskommt, wie man es gegenwärtig beobachten kann, ist nicht weiter erstaunlich.

Bezeichnend ist dabei, dass Moskau dabei den Islamismus noch weniger in Griff kriegt als hier,

Dem ist zu widersprechen, beinahe das Gegenteil ist der Fall. Russland hat den Islamismus im Kaukasus zwar nicht abschliessend besiegt, es hat durch den Einsatz - das sei auch nicht verschwiegen - brutalster Methoden jedoch eine Art Pattsituation erkämpft. Das ist deutlich mehr, als der Westen von sich behaupten kann.

gerade auf die Geburtenrate hin gesehen.

Das mit der Geburtenrate wird an verschiedenen Stellen glaubwürdig bestritten. Ich weiss persönlich nicht, was letztlich stimmt.
Lutz Meyer
07. Juni 2015 08:28
@ Irrlicht

Ignoranz in Bezug auf Identitätsfragen lasse ich mir nicht gern nachsagen. Ich bin lediglich skeptischer als viele hier (Skepsis/skeptomai: ich prüfe). In Rockern gleich welcher Provenienz sehe ich keine Übermenschen, eher Indikatoren: sie zeigen etwas an, weisen auf etwas hin, über das nachzudenken sich vielleicht lohnt - wie die vielen, teils durchaus differenzierten - Kommentare hier zeigen. Um dieses Nachdenken (auch im Sinne des Erzeugens von Ein- und Widersprüchen) anzukurbeln, bedarf es gelegentlich schon mal eines provokanten, polemischen Tonfalls. Widerspruch ist insofern sogar eine Bestätigung.
Hajo Blaschke
07. Juni 2015 10:18
@ Anonymous
@ @Roman


Ich weiß nicht, wer von Ihnen beiden schon mal in Russland war. Wenn ich diese Diskussion so betrachte - wohl keiner. Dieses Reduzieren Russlands auf hochakademische Philosophiererei erklärt weder die Gegenwart oder Zukunft Russlands noch den Charakter der momentanen russischen Gesellschaft.

Was uns Deutschen zusteht ist eine uneingeschränkte Kritik einer hier und da anzutreffenden Verehrung Stalins, des angeblich grandiosen Sieges der Roten Armee, des Umgangs mit seinen Vasallen (DDR und restlicher Ostblock). Diese Kritik und nicht das von Merkel apostrohierte "verbrecherische" Vorgehen auf der Krim ist für eine Zusammenarbeit mit Russland wichtig. Wie weitsichtig und gelassen Putin die Politik der Pappnasen in Brüssel und deren willfähriger Helfer in manchen EU-Staaten beurtielt, hat er neulich dem "Corriere della Sera" in einem aufschlussreichen Interview mitgeteilt.
Der Gutmensch
07. Juni 2015 11:43
Ach, Herr Meyer ...

"Die Entsorger sind lediglich ausführende Werkzeuge, wie ich denn die 68er auch eher als Mikroben oder Aasfresser sehe, die kaum mehr als den sich zersetzenden Kadaver einer rein materialistisch ausgerichteten und deshalb nicht lebensfähigen Nachkriegsgesellschaft beseitigt haben. Das war ihr Job."

Die "nicht lebensfähige Nachkriegsgesellschaft" - wen genau meinen Sie denn damit? Die Menschen, die in einem fürchterlichen Krieg gekämpft und gelitten haben und die dennoch hinterdrein die höchsten Reparationen leisteten, die bis zu diesem Zeitpunkt jemals ein Volk aufbringen musste, meinen Sie auch die? Oder gehörten die (und ihre Enkel) nicht dazu? Die, die "so nebenbei" trotzdem wieder das tägliche Leben in Gang gebracht haben, die Schulen, Straßen, Wohnungen und ein bißchen Perspektive und, ganz böse: materiellen Wohlstand für ihre Kinder! mit Schweiß und Fleiß wieder aufgebaut haben, ja?

Sie reden also (auch) von den Leuten, auf die ja auch unser Möchtegern-Attentäter so gerne heruntersieht und sie als "Spießer" verunglimpft. Weil´s natürlich ultracool kommt, sich in Zeiten, in denen Selbstmordattentäter auf die politische Bühne drängen, selber als Attentäter auszugeben. Da kann ein Schrebergärtner nicht gegenanstinken, soviel steht fest.

Nun ja, aus meiner Perspektive - also der Perspektive von jemandem, der - wenn er denn überhaupt "Vorbilder" hatte, diese eher aus der Generation der zwischen 1910 und 1930 Geborenen rekrutierte - ist das so ungeheuerlich wie ... alltäglich.

Denn " genuin materialistisch" ist hier wirklich bloß eine Generation: Die ´68er - die kurioser Weise im Osten kaum weniger unangenehm sind als im Westen. Nur jemand aus dieser Generation kann von alleine auf solche Aussagen verfallen: "Die deutsche Identität, von der Sie da reden, liegt nicht wie eine Konservenbüchse im Kellerregal. Sie ist nicht mehr da, denn sie gestaltet die Lebenswirklichkeit nicht mehr. Dass sie in einigen Hirnen noch präsent ist, sagt nichts – die Wirklichkeit im Ganzen ist durch sie kaum geprägt."

Ich glaube Ihnen sehr gerne, dass sich Ihre Realität so darstellt - ein materialistischer, sich zersetzender gesellschaftlicher Kadaver. (Schon in der Ostschule hat man uns dazu ja beigebracht, dass der Kapitalismus "stinkt" und "fault", einige hier werden sich vielleicht erinnern. Bloß hat das von uns ja keiner geglaubt!)

Aber es ist eben so wie mit allen Ideologien auch: Aggressiver Anspruch, die gesamte "Wirklichkeit" zu erklären - aber das Bild bleibt eben doch auf die politisch korrekten Farben beschränkt.

Tja - meine Realität findet nunmal in MEINEM Kopf statt und beschränkt sich nicht auf Materielles. Und mit viel Anstrengung schaffe ich es mitunter, an ganz wenigen Stellen, das auch für andere zur Wirklichkeit werden zu lassen. In sehr bescheidenem Umfang, zweifellos. Aber dennoch. Ohne russische Motorradrocker, aber gelegentlich mit Pelmeni.

Soviel also dazu,

der Gutmensch.
Lutz Meyer
07. Juni 2015 12:25
Noch kurz an Gutmensch: Alles, was ist, jede Gesellschaftsordnung, jeder Staat kommt einmal an sein natürliches Ende. Dann fault und stinkt es nun mal für eine Weile. Auch die Identität eines Volkes und die Völker selbst sind nicht für die Ewigkeit, mag es noch so schmerzen.

Jedes große Kulturvolk der Vergangenheit ist - nach mehr oder minder langer Blütezeit - irgendwann dahingegangen. Dauerhaftigkeit in diesem Bereich zu erhoffen, hätte etwas Gespenstisches und erinnert an den Jugendwahn unserer Alten: Her mit dem Identitäts-Botox!

Das bedeutet natürlich nicht, dass die alten Ideen, Philosophien oder Kulturleistungen nicht irgendwann von irgendwem wieder aufgegriffen und zu neuer Blüte gebracht werden können - nur eben anders. Die Wiederbelebung der griechischen und römischen Antike in Renaissance und Klassizismus etwa war nichts Römisches oder Griechisches mehr.

Die Frage lautet aus meiner Sicht also NICHT: Wie können wir möglichst viele Bestände retten? Sondern: Wie überhaupt kann ein Erhalten von Erhaltenswertem unter den Bedingungen der Gegenwart gelingen? Das ist der Transformationsprozess, an dem wir arbeiten sollten.


Und nun das Schlusswort: Danke an alle!

Gruß,

Meyer
Anonymous
08. Juni 2015 12:28
@Hajo Blaschke

Ich weiß nicht, wer von Ihnen beiden schon mal in Russland war. Wenn ich diese Diskussion so betrachte – wohl keiner. Dieses Reduzieren Russlands auf hochakademische Philosophiererei erklärt weder die Gegenwart oder Zukunft Russlands noch den Charakter der momentanen russischen Gesellschaft.

Wenn man eine typische Geisteshaltung einfacher russischer Familien, also der Leute, die in den heruntergekommenen, gigantischen Plattenbauten aus Sowjetzeiten leben, zu erläutern versucht, dann ist das wohl kaum eine hochakademische Philosophiererei. Ebensowenig ist es eine hochakademische Philosophiererei, wenn man darauf hinweist, dass sich in dieser Geisteshaltung die Geschichte Russlands spiegelt - wie sollte es auch anders sein?

Was uns Deutschen zusteht ist eine uneingeschränkte Kritik einer hier und da anzutreffenden Verehrung Stalins, des angeblich grandiosen Sieges der Roten Armee, des Umgangs mit seinen Vasallen (DDR und restlicher Ostblock). Diese Kritik und nicht das von Merkel apostrohierte „verbrecherische“ Vorgehen auf der Krim ist für eine Zusammenarbeit mit Russland wichtig.

Wenn Sie eine Zusammenarbeit mt Russland wollen, müssen Sie sich darüber klar sein, dass eine uneingeschränkte Kritik an der Stalinzeit, wie Sie das nennen, dem Stich in ein Wespennest gleichkommt. Die offizielle russische Position ist sehr dialektisch, wenn man so will: Stalin hat sehr viel sehr schlechtes getan, aber ohne die Zwangsindustrialisierung hätte Russland den Krieg wohl nicht gewonnen. Ich weiss nicht, was daran eigentlich falsch sein soll.

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