30. September 2012

Nur nix einreißen lassen!

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

"Störungsmelder" ist ein von der Zeit gesponsertes Quasi-Antifa-Blog, das ähnlich wie das berüchtigte "Netz gegen Nazis" funktioniert: tägliche Gruselmeldungen über die rechtsextreme Szene, gepaart mit Aufforderungen und Hilfestellungen zur Denunziation, verfaßt von Autoren mit meistens linksextremem Hintergrund. 

Das Thema ist lapidar abgesteckt:
Wir müssen reden. Über Nazis.

Hier geht es um Neonazis. Wo sie auftreten, was sie dabei sagen und vor allem: Was man gegen sie unternehmen sollte.

Zwecks Qualitätssicherung darf jeder dahergelaufene Hinzkunz mitmachen, der die folgenden Voraussetzungen erfüllt:
Du hast Nazis um dich herum und willst darüber berichten? Du hast ganz allgemein viel zu diesem Thema zu sagen? Dann klicke hier und werde Störungsmelder-Autor.

Wie bei allen Seiten dieser Machart, ist "Nazis" ein weitgespannter Begriff. Tendenziell geht es darum, die gesamte Rechte jenseits von CSU/CDU und Sarrazin per Diffamierung zu bekämpfen. Das zeigte sich neulich sehr schön in einem Artikel auf Netz gegen Nazis, der anläßlich der Abschaltung der einschlägigen Portale Altermedia und Thiazi-Forum erschien.

Dieser bestand in einer Art Menüzettel von Seiten, auf denen angeblich der gräßlich häßliche "Haß" "weitergeht", und die der ganz allgemein viel zu sagen habende Autor am liebsten gern als nächstes im Sauseschritt abgeschaltet sehen möchte: darunter, etwas willkürlich ausgewählt, auch pi-news, Sezession im Netz, und sogar eigentümlich frei, lustigerweise als "Neue Rechte" einsortiert.

Sollten den Antifas also die "Nazis" eines Tages ausgehen (der Verfassungsschutz wird ihnen schon frische nachliefern), dann können wir mit Sicherheit davon ausgehen, daß andere auf ihren Platz nachgerückt werden, solange, bis die Salami ganz aufgeschnitten ist, und nach Merkel nur mehr die Wand kommt.

Und so findet sich auf Störungsmelder nun ein kleines, dümmliches, schmuddeliges Hetzartikelchen, in dem berichtet wird, daß die "nicht NS-bezogene Rechte" eine "Freie Messe" in Berlin plane - was den Lesern konservativer Seiten und wohl auch dem ganz allgemein viel zu sagen habenden Autor selbst seit Monaten bekannt ist. Man hat aber offenbar den Startschuß für die Wachhunde bis zur Bekanntgabe des Veranstaltungsorts abgewartet:
Am Veranstaltungsort vor dem AVZ Veranstaltungszentrum „Logenhaus“ im Berlin-Wilmersdorf ist an diesem Samstag mit antirassistischen Gegenprotesten zu rechnen.

"Rosa! Karl! Faß! Braver Hund!"" Die Botschaft wird gewiß beim Adressaten ankommen, und der Störungsmelder-Hinzkunz wird dabei nicht mal seine Notebook-Tastatur schmutzig gemacht haben. Sollten die Reflexe immer noch funktionieren, und Samstagmorgen aufstehtechnisch nicht eher eine ungünstige Zeit für den Durchschnittsantifanten sein, dann hätten wir immerhin wieder ein prima Quod erat demonstrandum von Kubitscheks Feststellung:
Wer behauptet, es sei der Staat mit seiner permanenten Feind-Inszenierung gegen Rechts, der die Straßentrupps der Antifa legitimiere, leidet weder an Paranoia, noch bedient er parteipolitisches oder sonst irgendwie berechnendes Gejammer. Er beschreibt vielmehr den logischen Weg vom offiziellen Warnvokabular hin zur halb-offiziellen Zivilcourage:

Keine Woche vergeht, in der nicht irgendwo in dieser Republik die gewaltsame Störung oder Verhinderung einer – im weitesten und unscharfen Sinne dieses Wortes – rechten Veranstaltung, die Denunziation einer Person oder das Hacken einer Internet-Seite zum zwar nicht legalen, jedoch aufgrund der Bedrohungslage löblichen Widerstandsakt erklärt würde.

Wir Organisatoren rechnen in unsere Planung immer schon derlei „Zivilcourage“ ein. Denn wir kennen es kaum anders und sind mittlerweile schon für das Banalste dankbar: für Räumlichkeiten, deren Vermieter nicht nach den ersten drei Drohanrufen von seinem Veranstaltungsvertrag zurücktritt; für den ungestörten Verlauf vor, während und nach einer Diskussion über die Identitätsstörung der Deutschen; für jeden neuen Referenten und Autor, der mit seinem guten Namen wiederum nur für das Banalste einzustehen bereit ist: für Fragestellung, Vortrag und Text.

Nun aber: Wenn es sich hier also um eine zugegebenermaßen "nicht NS-bezogene" Veranstaltung handelt, warum berichtet dann eigentlich eine Seite, die "über Neonazis reden" will, darüber? Ich stelle mir das so vor, und übe schon mal für den Kafka-Preis der Blauen Narzisse:


Als Hinzkunz, ein nicht-bolschewismusbezogener Linker, eines Morgens aus wohligen Träumen von der Sowjetunion erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Zeit-Online-Blogger verwandelt. Auf diesen Moment hatte er lange gewartet. Er schüttelte den Kopf und stellte zufrieden fest, daß nun auch noch die letzten Reste Gewissen und Reflexionsfähigkeit in seinem Gehirn von einer panzerartig harten Isolierschicht umgeben waren. Dafür war sein Rückgrat zu einer gelatineartigen Masse zerflossen. Die Injektionen der Antonio-Amadeu-Stiftung hatten also ihre Wirkung getan. Trefflich!

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, fuhr seinen Rechner hoch und überlegte kurz, wen er denn wohl heute wieder an seinen virtuellen Pranger stellen könne. Am rechten Rand der Internetseite stand in einem kleinen Informationskästchen zu lesen:
Wir müssen reden. Über Nutten. ... Hier geht es um Nutten. Wo sie auftreten, was sie dabei sagen und vor allem: Was man gegen sie unternehmen sollte.

Nostalgisch dachte Hinzkunz an den Tag zurück, als er durch einen Aufruf auf der Seite zu seiner Berufung fand:
Du hast Nutten um dich herum und willst darüber berichten? Du hast ganz allgemein viel zu diesem Thema zu sagen? Dann klicke hier und werde Störungsmelder-Autor.

"Ach Gott", seufzte er, "was für einen herrlichen Beruf habe ich gewählt!" Und er schrieb:
Die Nicht-Nutte Bettina Wulff stilisierte sich auf einer Pressekonferenz zum angeblichen Opfer von Google, dessen Suchmaschine sie automatisch als 'Nutte' kennzeichnete. Damit erfüllt sie eine Scharnierfunktion, die an die Nicht-Nutte Eva Herman erinnert, die ebenfalls...

Wir haben aus dem Artikel also gelernt, daß "Bettina Wulff" eine, na was, ist? Wie auch immer. Der originale Bericht setzt jedenfalls mit folgendem dramatischen Aufhänger ein:
Medien und Politiker reißen gezogene Linien zwischen Konservativen und Neurechten ein. Möchtegern-Elite und Internethetzer kommen sich näher. Verschwörungsideologen und neurechte Akteure treffen sich zunehmend auf Veranstaltungen.

Da braut sich gewiß was ganz, ganz Gefährliches zusammen. Schon wanken die Grundfesten der Republik. Wände reißen ein. Aber gottseidank gibt es ja die Berufsalarmbimmler. Was täten wir ohne sie? Ganz Deutschland wäre voll mit konspirierenden "Verschwörungsideologen". Und diese Gangster treffen sich auch noch auf - Veranstaltungen! Ja, dürfen's denn des??

Der Abschnitt ist jedenfalls gleich mehrfach interessant: haben wir etwa die guten Neuigkeiten verpaßt? Welche "Medien" und welche "Politiker" sind denn eigentlich gemeint, die da was "einreißen" lassen wollen?

Da wäre die (nunmehrige) Ex-CDU-Chefin Brandenburgs Saskia Ludwig, aha, die wegen einer Würdigung von Jörg Schönbohm in der JF von ihren Fraktionskollegen geschlossen aus dem Parteivorsitz geschasst wurde. Dann ein französischer Schriftsteller, der weder mit Deutschland noch mit seinen "Rechten" etwas zu tun hat, und der infolge einer linken Kampagne von seinem Posten bei Gallimard geschasst wurde. Hm.

Und dann noch Jasper von Altenbockum, der seinen Redakteursposten bei der FAZ skandalöserweise behalten hat, obwohl er irgendwann im August einen frechen Kommentar schrieb, der mal wieder das Fassungsvermögen linker Gehirne überstieg.
Mit seinem Kommentar „Ende der Sozialromantik“ zum Pogrom von Rostock-Lichtenhagen riss der verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik der konservativen FAZ, Jasper von Altenbockum, die mühsam errichtete Brandmauer zur „Neuen Rechten“ ein.

Noch so ein forscher "Einreißer"! Noch dazu einer, von dessen Mauereinriß wir neuen, alten, alternativen und sonstigen schlechten Rechten und judäischen Volksfrontler bisher gar nix mitbekommen haben. Genausowenig ist uns übrigens bisher aufgefallen, daß die FAZ "konservativ" sein soll, aber wir Tröpfe lassen uns ja bloß von ahnungslosen neurechten Akteuren wie Günter Scholdt und Karlheinz Weißmann über den Konservativismus belehren, statt auf die Starautoren des "Störungsmelders" zu hören.

Nun aber: "gezogene Linien"? "Mühsam errichtete Brandmauern"? Da gibt es also Linien und Mauern? Sag bloß, wer hat denn diese ominösen Linien gezogen? Wir waren's jedenfalls nicht. Und wer hat denn soviel "Mühe" investiert, eine (niemand hat die Absicht, eine) "Mauer" zu "errichten"?  In wessen Auftrag? Und warum hat das eigentlich soviel "Mühe" gekostet? Was soll denn diese Mauer überhaupt abschirmen? Und: wird da etwa jemand - ausgegrenzt??

Jetzt aber genug! Strammgestanden, keinen Schritt weiter über die Markierung und keine dummen Fragen mehr einreißen lassen, sonst bimmelts!

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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