17. Oktober 2012

Die Pappkameraden abräumen - ein Unterfangen

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Nachklapp zur inzwischen fast schon historisch gewordenen "Weißmann-Stürzenberger-Kontroverse", nicht nur in eigener Sache. Ich habe mich auch deswegen so heftig in die Debatte eingemischt, weil es hier um ein Problem geht, das ganz grundsätzlich mit meinem Verständnis von Konservativismus "wider die All-Gemeinheiten" zu tun hat.



Michael Stürzenbergers Antwort auf meine Polemik enthält eine endlose Folge aus immergleichen Unterstellungen, Verzerrungen und Diffamierungen. Dieselbe Keule, die er und pi-news routinemäßig (und zu ihrer größten Verwunderung) übergezogen kommen, wird nun munter weitergerreicht. Und am Ende wird wieder jenes traurige Match gespielt, in dem jeder als des anderen Schießbuden-"Nazi" herhalten muß, im Glauben, daß dieser Joker immer sticht und einen mit 100%er Sicherheit ins Recht setzt.

Er kann sich nicht entscheiden, ob Kritiker seines Stils und seiner Denke nun schnöselige, verkopfte, verharmlosende Weicheier aus dem "intellektuellen Elfenbeinturm" sind (bei deren Anblick man wohl am besten gleich den Browning entsichert... ich kann das Spielchen auch spielen!), oder nicht doch strammfiese, "völkisch-ewiggestrige" Braunaustiefel mit heimlich totalitären Sympathien. Diese Verwirrung ist ebenso typisch wie symptomatisch. Paßt die eine Schublade nicht, wird eben die andere aufgemacht.

Keine Antwort hat er indessen auf meine zentrale Frage nach der "Unschuld der Muslime" und der "Schuld" des liberalen politischen Systems an der "Abschaffung Deutschlands", die seine und meine direkte Zukunft immerhin emfindlicher betrifft als etwa die Rechte der Frauen und Homosexuellen im Iran. Er erwähnt diese Frage nicht einmal, obwohl von ihr alles weitere abhängt. Dabei gibt es nichts an ihr und meiner Haltung dazu, das sich nicht mit dem von pi-news so gepriesenen Sarrazin begründen und vereinbaren ließe.

Ich habe niemals, wie von Stürzenberger unterstellt, behauptet, daß ich die "islamische Welt als Verbündeten" sehe, weder in "gewisser" noch sonstiger Weise. Ganz im Gegenteil. Ich habe vielmehr dieser unsinnigen Vorstellung sowohl in den Kommentarspalten dieser Netzseite vehement widersprochen, als auch mich in mehreren Netzartikeln und einem Buch deutlich und wiederholt gegen die Gefahr der Islamisierung Europas ausgesprochen.

Was das "Historische" anbelangt: das bedeutet nicht ein bloßes Bescheidwissen über die islamische Expansion gegen Europa im Mittelalter und in der Neuzeit. Es geht hier vielmehr um die Art und Weise, wie man etwas weiß, und ob man imstande ist, das Wissen in einen größeren historischen Kontext zu setzen. Wer damit demagogisch hantiert, tut das, was ich mit Kurt Hiller "Vorspiegelung wahrer Tatsachen" nenne.

Es ist gerade die Kenntnis der Geschichte und ihrer "Blutspur" (Armin Mohler), die uns lehren sollte, daß sich Gut und Böse, Licht und Schatten eben nicht in einer abstrakten und eindeutigen Form aufteilen. Hierzu gehört auch das Wissen, daß das Übel der Welt nicht einfach aus einem bösen Buch purzelt, und daß das soziale Gefüge einer Kultur seine eigenen Gesetze, Grauzonen, Spielräume und Bedeutungsebenen hat.

Allein die Lektüre des Korans etwa reicht nicht aus, um ein beliebiges islamisches Land zu verstehen und zu beurteilen, mögen dort soviele Repressionen und Brutalitäten passieren, wie sie wollen. Sie werden immer nur ein Teil seiner Lebenswirklichkeit sein. Das sind alles keine intellektuellen Spitzfindigkeiten, es gehört zum common sense, zur Allgemeinbildung und zum Respektabstand vor den "verschiedenen Arten, ein Mensch zu sein", wie Pasolini einmal formulierte. Übereilige Eingriffe in eine gewachsene Kultur, erst recht von außen, werden sich stets als riskante Mikadospiele erweisen.

Ein Beispiel. In der aktuellen Sezession wird ein eben als DVD erschienener Dokumentarfilm rezensiert: "Im Bazar der Geschlechter" der 1968 in Deutschland geborenen Regisseurin Subadeh Mordezai. Der Film handelt von der Institution der "Zeitehe" im Iran.  Hier aus meiner Besprechung für eigentümlich frei:
Im Iran sieht das Strafgesetzbuch Peitschenhiebe für Sex zwischen Unverheirateten und die Steinigung für Ehebruch vor. Nichtsdestotrotz gibt es dort Fremdgehen und Prostitution wie überall sonst auch, und auch hier sind die Sitten unter den jüngeren Generationen im Wandel begriffen. Um ein Ventil zu schaffen und dennoch weitgehend die Kontrolle über die Sexualmoral zu behalten, propagiert der Staat mit ausdrücklicher Unterstützung des Klerus die nur im schiitischen Islam erlaubte Praxis der „Zeit“- oder „Genußehe“, die zwischen einer halben Stunde und 99 Jahren währen kann. Damit werden auch flüchtige Affären und Bettgeschichten kurzfristig sanktioniert. Dabei kann jeder Mann theoretisch soviele Zeitehen eingehen, wie er es sich leisten kann: denn der Ehevertrag bindet ihn, seine legale „Lebensabschnittspartnerin“ mit verhandelbaren Summen zu versorgen.

Im Grunde handelt es sich hier also um die zigtausendste Variante eines uralten Business, welches schon Immanuel Kant rüde definierte: „Die Ehe ist die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften.“ Eine besondere Komik hat dabei der fröhliche Pragmatismus der Mullahs: hier trifft frommes Getue auf unverhohlene Macho-Selbstherrlichkeit. Mortezai macht jedoch deutlich, daß es sich hier keineswegs um eine Institution handelt, die nur den Männern dient: im Gegenteil hat die „Zeitehe“ im Kontext der iranischen Gesellschaft durchaus progressive Züge und schafft für viele Frauen erhebliche Freiräume.

Was die damit einhergehende Heuchelei und Doppelmoral betrifft, so sind diese wenigstens ein Tribut an die Tugend: bedenklich wird es für eine Gesellschaft erst dann, wenn gar nicht mehr geheuchelt wird. Und zuletzt sollten wir Westler uns fragen, ob wir mit unserer demographischen Todesspirale und der zunehmenden Zerrüttung der Familie und der Geschlechtsidentitäten diese Dinge wirklich soviel besser im Griff haben. Daher also noch ein Satz von Gómez Dávila: „Das Problem ist weder die sexuelle Repression noch die sexuelle Befriedigung, sondern der Sexus.“

Man muß sich Filme wie diesen ansehen, um zu begreifen, daß hier weder unsere westlichen Schubladen und Kategorien angemessen greifen, noch daß unsere Art, die ewig-menschlichen Probleme in den Griff zu bekommen das Allheilmittel für die ganze Welt sein kann, erst recht nicht, wenn wir selbst zur Zeit nicht gerade besonders frisch und rosig aussehen. Der Rezensent der Sezession formuliert:
... der tragikomische Film wirft die Frage auf, ob es eine Doppelmoral ist, wenn eine Moral vielfältig schillert, und unter welchen Teppich promiskuitives Verhalten hierzulande eigentlich gekehrt wird - oder welcher Teppich dem hier ausgebreitet wird.


Zurück zu Stürzenberger. Hier kommt die dritte Schublade:
Das Motiv seiner Islam-Verharmlosung liefert er (Lichtmesz) gleich hinterher: Eine Ablehnung der USA und ein Anzweifeln der muslimischen Alleinverantwortung für den Terror von 9/11.

"Motiv" meiner Polemik gegen die einseitige Dämonisierung des Islams ist, wie gesagt, vielmehr die Frage danach, was und wer eigentlich wirklich "Deutschland abschafft". Was 9/11 betrifft, so habe ich mich wohl in den Augen Stürzenbergers des "islamkritischen" Äquivalents der "Holocaustleugnung" schuldig gemacht. Dazu nur eines: selbst wenn die "offizielle" Verschwörungstheorie über die Anschläge des 11. Septembers 2001 stimmen sollte, bräuchte ich keine einzige Zeile an meiner Kritik ändern.

Denn es ist schlichtweg unseriös (und eben auch "ahistorisch"), bei der Betrachtung des islamischen Terrors die Rolle der jahrzehntelangen amerikanisch-israelischen Politik im Nahen Osten auszublenden, und die "Alleinverantwortung" auf ein paar Koransuren zu schieben, die die Leute komisch im Kopf machen.  In den USA selbst sind sich darüber die klügsten Kritiker der US-Außenpolitik von links (z.B. Noam Chomsky) bis rechts (z.B. Patrick Buchanan) einig, ja überhaupt alle, die über bloße Propagandakategorien hinauszudenken bereit sind.

Zweitens habe ich in dem von Stürzenberger verlinkten Artikel deutlich gesagt, daß ich keineswegs "die USA" an sich "ablehne", sondern eine bestimmte Form des Globalismus und Imperialismus, die in den USA ihr Machtzentrum hat.

Meine Kritik an der Vorstellung, man könne und solle andere Völker von ihren Kulturen "befreien" und allesamt zu Quasi-Amerikanern erziehen, kontert Stürzenberger mit allerlei perfidem Geraune:
Schimmert da eine gewisse Wehmut nach der Zeit durch, bevor die Anglo-Amerikaner die Wehrmacht besiegten? Es scheint so zu sein, denn Lichtmesz vergleicht nun meinen Ansatz, dem Islam die gefährlichen Elemente zu ziehen, mit der Umerziehung der Nazi-Deutschen.... Wer die Befreiung Deutschlands vom National-Sozialismus und die anschließende Entnazifizierung offensichtlich kritisch sieht, muss sich schon die ernste Frage stellen lassen, in welch dunklen Bereichen er herumtaumelt.

Darf ich Licht ins Dunkel bringen? Was ideologiekritisch gemeint ist, wird hier reflexartig als quasi-NS-apologetisch ausgelegt. Nicht anders würde ein beliebiger Antifant argumentieren, der die historischen "Nazi-Deutschen" ebenso durch die schwarz-schwarze Brille sieht, wie mancher Islamkritiker  "die Moslems". Hier offenbart sich eine vollständige historische Amnesie und nackte Unkenntnis der Fragestellung.

Wer aber zu einer Diskussion mit Konservativen antritt, sollte wenigstens ein bißchen Ahnung haben, worum es hier theoretisch überhaupt geht. Beginnen könnte man etwa mit Thorsten Hinz' Groß-Essay "Die Psychologie der Niederlage" , Caspar Schrenck-Notzings "Charakterwäsche", Karlheinz Weißmanns "Rückruf in die Geschichte" und Stefan Scheils Studie über "Transantlantische Wechselwirkungen". Dann sollte sich klären, daß auch die Phraseologie von der "Befreiung" Deutschlands eine konkrete politische Geschichte hat, und das könnte ein Licht werfen auf den propagandistischen Gebrauch heutiger Phraseologien von "Befreiung" und "Demokratie" usw.

Damit erledigt sich auch dies:
Welchen Zeiten er wohl hinterhertrauert, wenn er Demokratie und Grundgesetz geringschätzt?

Falls es sie jemals wirklich gab, "trauere" ich beispielsweise den Zeiten nach, als es in Deutschland noch halbwegs eine Demokratie gab, also ein Mitbestimmungsrecht der Bürger über fundamentale Existenzfragen, und als das Grundgesetz mehr galt als nur ein beliebig manipulierbarer Fetzen Papier. Eine solche Suggestivfrage verschleiert außerdem die Tatsache, daß es in einer Demokratie auch einen Demos geben muß, der sich als solcher erkennt und bekräftigt, und daß eine Verfassung, mag sie nun "Grundgesetz" oder sonstwie heißen, immer nur die Form ist, die sich ein Volk gibt.

Sie ist kein Dekalog, von Gott im Himmel oder Washington herabgereicht, auf alle Ewigkeit in Stein gemeißelt, mit beigelegter Garantie, daß man bei seiner Befolgung zum auserwählten Volk gehört. Ein "Grundgesetz" ohne einen entsprechend "verfaßten", funktionsfähigen Staat bietet keine ausreichende integrative Grundlage, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten und vor ihrer "Abschaffung" bewahren.

Noch eines. Ich habe es einen "Gipfel der Absurdität" genannt, daß Stürzenberger das berüchtigte Youtube-Mohammed-Filmchen einen "Dokumentarfilm" nannte. Seine Antwort:
Der Mann aus Wien hat ganz offensichtlich nicht die geringste Ahnung von den biographischen Daten Mohammeds. Aber klug daherschwadronieren, das ist typisch für diese selbsternannte “geistige Elite”.

Ein Spielfilm wird auch dann nicht zu einem Dokumentarfilm, wenn seine Spielszenen auf "biographischen Daten" der dargestellten Personen beruhen. Ausnahmslos jeder Spielfilm inszeniert und interpretiert. Ein- und dieselbe Quelle kann völlig unterschiedlich beleuchtet werden. Auf "biographischen Daten" Mohammeds beruht auch der 1976 gedrehte pro-islamische Film "Mohammed - Der Gesandte Gottes" mit Anthony Quinn, der das Kunststück fertigbrachte, über drei Stunden hinweg seine Hauptfigur nicht zu zeigen. Was "Unschuld der Muslime" zur bewußten Provokation macht, ist vor allem die Art seiner Darstellung und Inszenierung, seine Interpretation von Mohammed und der Ursprünge des Islams.

Das zu beachten, gehört nicht nur zum 1x1 der kritischen Medienbetrachtung, sondern zum kritischen Denken überhaupt. (Und nebenbei: ich habe mich selbst niemals als "geistige Elite" oder ähnlichen Schmuhfug bezeichnet und werde das auch in Zukunft nicht tun. Aber neben derartigen Defiziten steht jeder interneterfahrene Grundschüler wie Susan Sontag oder Marshall McLuhan da.)

Sollten solche krassen Fehlleistungen keine Ausrutscher sein, sondern symptomatisch für den Wirklichkeitszugang der "Islamkritik", dann haben wir es weniger mit "Kritik" als mit bloßer Krawallmache zu tun. Ich höre diese Art von Aktivismus oft mit dem Argument verteidigt, daß sie zumindest in einem Teilbereich aufklärend und wachrüttelnd wirke. Wenn sich etwas ändern soll, dann brauche man nicht nur Weißmanns, sondern auch Bierzeltredner, die die Massen mobilisieren und motivieren.

Ich habe Respekt vor den Machertypen und Praktikern, kann aber den Glauben an diese Romantik des Brachialen und des Polternden beim besten Willen nicht teilen. Ich hege die tiefste Skepsis, daß aus blindwütiger Schwarzweißmalerei etwas Vernünftiges und Brauchbares erwachsen kann. Rein praktisch sehe ich nur die Installation eines Dampfablaßventils, das von einem erkenntnisfeindlichen weltanschaulichen Rahmen ummauert bleibt. Das Klischeebild "Hemdsärmelige Täter gegen intellektuelle Quatschköppe", das nun in Anschlag gebracht wird, ist irreführend, die faule Ausrede der getroffenen Hunde, die laut bellen.

Es bleibt aber unerläßliche Pflicht, stets eine genaue Erkenntnis der Lage zu gewinnen. Gerade das Beispiel dieser Art von "Islamkritik" zeigt, wie einengend und blockierend sich derartige Mentalitäten und Einäugigkeiten auswirken können. Die Qualität der Ansprechenden wird sich in der Qualität der Angesprochenen spiegeln, was nur erneut dazu führen wird, daß der "colère des imbéciles" (Georges Bernanos) die Welt überflutet.

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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