Sezession
1. Juni 2010

Autorenportrait Camille Paglia

Ellen Kositza

Ist das so? Haben die neuen Sozialtechnologien der Sexualingenieure nicht Schluß gemacht mit solchen Bildern von Hammer und Amboß, von urweiblich und urmännlich? Ob der scheinbare Siegeszug der spätfeministischen Gender-Ideologie dauerhaft sein wird, ist in der Tat eine offene Frage. Wieviele Ehen, wie viele Liebschaften und Selbstkonzepte an der praktischen Umsetzung der Gender-Doktrinen scheitern, darüber fehlen naturgemäß Statistiken. Keine Frage ist, daß mit der Zurückdrängung der Natur in allen Bereichen des Lebens auch das Weibliche an Bedeutung verliert. Es per Vätermonate et al. den Männern einpflanzen zu wollen, ist ein utopischer Wahn. Denn gemäß Paglia genügt ein Kratzen an der Oberfläche solcher Gesellschaftsvereinbarungen – und der Dämon der sexuellen Natur breche hervor.
Beißend ist der Spott, den Paglia für das vielgepriesene Idealbild des androgynen Menschen bereithält, warnend ihr Ton gegenüber Libertins: »Sexuelle Freiheit, Befreiung der Sexualität: Das sind moderne Illusionen. Wird eine Rangordnung weggefegt, tritt sogleich eine andere an ihre Stelle, die vielleicht rigider ist als die erste. Es gibt Rangordnungen der Natur und abgewandelte Rangordnungen in der Gesellschaft. Gesellschaft ist (…) unser fragiles Bollwerk gegen die Natur. Wenn die Achtung vor Staat und Religion gering ist, sind die Menschen frei, empfinden diese Freiheit aber als unerträglich und streben nach neuer Knechtschaft.« Hierarchische Prinzipien hält Paglia nicht nur für »schön«, sondern für notwendig: »Egalitarismus verstrickt, hält auf, blockiert, stellt still.«
Paglias Ruhm in Deutschland währte kurz. Mit ihrem beharrlichen Rekurs auf das Körperliche als das Maß der Dinge, ihrem Beharren auf dem unerbittlichen »Faschismus der Natur« hat sich Paglia bisweilen den Schmähruf einer Biologistin eingehandelt. Die Frau, die Vergewaltigungen erklärbar machen wollte, Pornographie als urmännliches Bedürfnis versteht, Männlichkeit aufs engste mit Homosexualität verknüpft sieht, die Todesstrafe befürwortet und sich genauso umißverständlich für ein Recht auf Abtreibung einsetzt, wie sie dasselbe als »Mord« und ewiges »Recht des Stärkeren« bezeichnet, gilt sowohl Bürgerlichen als auch Feministinnen als zynisches Schreckgespenst. Was auf Gegenseitigkeit beruht: Emanzen sind für Paglia »trübsinnige Figuren«, häßlich, beschränkt und prüde, geschrumpfte Existenzen ohne Substanz, die mit »verkümmerten Bücherwürmern« das Bett teilen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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