30. November 2011

Von Rosa Parks zu Emma West

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Am 1. Dezember 1955 weigerte sich eine 42jährige farbige Frau in Montgomery, Alabama ihren Sitzplatz im lokalen Autobus einem weißen Mann zu überlassen, wie es die damals in Teilen der USA herrschenden "Segregations"-Gesetze vorschrieben.

Dieser Widerstandsakt wurde in der Folge zu einem heroischen Gründungsmythos der "Bürgerrechtsbewegung" (Civil Rights Movement) verklärt, die im Laufe des folgenden Jahrzehntes einen ungeheuren Siegeszug antrat.  Rosa Parks wurde zu einer bedeutenden Figur im Pantheon der Bewegung, nahe zur Rechten ihres zentralen Messias Martin Luther King.

Ein wirksamer Bestandteil der Rosa-Parks-Legende war lange Zeit die Vorstellung, hier sei spontan eine "einfache Frau aus dem Volke" aufgestanden, um endlich ihre Würde zu verteidigen. Inzwischen hat sich herumgesprochen, daß Parks publicityträchtiger Auftritt wahrscheinlich gut vorbereitet und inszeniert war. Sie war Aktivistin einer bedeutenden Organisation, die sich für die Rechte der Farbigen einsetzte und hatte in einem kommunistisch geprägten Bildungswerk eine Art Vor-"Training" erhalten.

Nun ändert dieser Hintergrund für mich wenig daran, daß meine Sympathien hier klar auf Rosa Parks Seite sind. Sie hat mutig gehandelt und sich für eine berechtigte Agenda eingesetzt. Sie wollte sich die Behandlung als Bürgerin zweiter Klasse nicht mehr gefallen lassen. "Ich war es leid, immer nachzugeben", schrieb sie in ihrer Autobiographie. Wer kann das nicht verstehen?  (Daß die Rassenkonflikte in den USA heute problematischer und aufgeladener denn je sind, steht auf einem anderem Blatt.) 

Diese Woche provozierte erneut eine Frau in einem öffentlichen Verkehrsmittel mediales Aufsehen. Auch hier sind meine Sympathien eindeutig auf ihrer Seite, obwohl aus ihr kaum eine zweite Rosa Parks werden wird. Das hat nicht nur mit ihren Manieren und ihrer weniger noblen Attitüde zu tun, sondern wohl vor allem mit ihrer Hautfarbe. Ein "Bürger zweiter Klasse" ist aber auch sie.

Die 34jährige Emma West, offenbar Mutter mindestens eines Kindes, bekam in einer gefüllten Londoner Straßenbahn einen Wutanfall,  der mit einer Handykamera gefilmt wurde, und nun als Internet-"Mem" die Runde macht, wobei das originale Youtube-Video bis dato rund 8 Millionen (!) "Klicks" erhielt.  Im wüstesten Unterschichtenslang fing sie einen Streit mit einer schwarzen Frau und anderen Fahrgästen an, die sie übel beschimpfte:  "Du bist kein Engländer... und du auch nicht! Keiner von euch ist ein Engländer! Schert euch heim in eure beschissenen Länder, aber kommt nicht her und bleibt in meinem! ... England ist heute ein Nichts! England ist nur mehr ein Scheißhaufen! Mein England ist nur mehr ein Scheißhaufen! (My Britain is fuck-all now!) ... Ich arbeite, ich arbeite, ich arbeite, das ist mein britisches Land, bis wir euch herein gelassen haben!"


http://www.youtube.com/watch?v=fWEtzQglckQ

Man muß in dieser Szene freilich auch der schwarzen Frau recht geben, die die offenbar auch etwas alkoholisierte Britin ermahnt, eine solche Sprache nicht vor ihrem kleinen Kind zu benutzen, einem unwahrscheinlich blonden Engel wie aus dem Bilderbuch. Ich weiß nicht, wie die Lebensumstände und der Charakter dieser Emma West, die nun durch einen dummen Zufall am Pranger der Öffentlichkeit steht, ansonsten aussehen. Sie mag der Schicht angehören, die man als "white trash" bezeichnet und sich auch so benehmen. Aber ihr Wutausbruch hat trotz allem etwas Anrührendes an sich.

Sie ist vulgär und unkontrolliert, sie erregt in mir aber vor allem Mitleid. Sie wirkt, als stünde sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ihr "Rassismus" ist nicht der eines chauvinistischen Kolonialherrn, sondern die allergische Hautkrankheit eines in die Enge getriebenen, ohnmächtigen Menschen. Es gehört auch ein erheblicher Mut dazu, in einer mit Einwanderern überfüllten Tram derartige Tiraden von sich zu geben.  Vor allem aber öffnet sie einer wütenden Verzweiflung das Ventil, die im heutigen England kaum jemand zu artikulieren wagt, auch nicht auf eine zivilisiertere Weise.

"Rassismus" gilt heute als die übelste Häresie und Sünde, derer man sich in unserer Gesellschaft schuldig machen kann. Und dies ist auch der Hauptgrund, warum ein im Grunde banaler Vorfall einen derartigen Boom auslösen konnte. Nur wenige Stunden, nachdem das Video auf Youtube erschienen war, und per Tweeter durchs Netz gezwitschert wurde, verhaftete die Polizei die Krawallmacherin wegen Verdachts auf "rassistische Störung des öffentlichen Friedens" ("racially aggravated public order offence").  Die (offenbar farbige) Urheberin des Videos zeigte sich darob hochbefriedigt: "Nun wurde diese Frau also verhaftet. Mein Video hat also Erfolg gehabt." Wenn es jedoch nach der an der Hetze beteiligten Twitter-Community ginge, war die bloße Verhaftung noch zu wenig.

Hunderte entrüstete Kommentatoren forderten, die Frau gehöre "sterilisiert", "deportiert", "eingesperrt", "geschlagen", "getreten", "aufgehängt", "erschossen", "in die Eierstöcke geschossen", "ertränkt", "bei lebendigem Leibe verbrannt"  oder einfach nur "erniedrigt wie ein Hund".  Einzelne gratulierten der Polizei, die "ignorante, armselige, respektlose F*tze" verhaftet zu haben: "Manchmal kann ein Polizeistaat auch der guten Sache dienen. Danke, British Transport Police!" All das ist um ein Vielfaches krasser als die anstößigen Ausfälle selbst. So kann heute in einem politisch korrekt beherrschten Land der Preis für einen Tabubruch aussehen. Und er gibt offenbar vielen Leuten Gelegenheit, sich wenigstens einmal guten Gewissens der Kakerlaken-Sprache bedienen zu dürfen - auch das mag ein Ventil sein.

Zu den Claqueuren und Anstachlern der "Twitch Hunt" zählte kein Geringerer als der Vorsitzende (!) der "Labour Party", Ed Milliband, der seine "Follower" aufforderte, Hinweise zusammentragen, um die Frau zu identifizieren, sprich: denunzieren.  Mit anderen Worten setzte sich ein Mann aus der obersten Klasse persönlich dafür ein, eine armselige, wehrlose Person aus der untersten Schicht für einen betrunkenen verbalen Ausfall ins Gefängnis zu stecken und öffentlich zu brandmarken. Was war nun ihr größtes Verbrechen? Ihr "Rassismus" oder die Aussage "Mein England ist nur mehr ein Scheißhaufen"?
Test

Sehen wir uns das Ganze einmal im Kontext an. Wir wir alle wissen, schert sich die gesamteuropäische Sozialdemokratie heute einen Dreck um die Arbeiterklasse. Zusammen mit dem Rest der Linken hat sie ja nun ein neues, attraktiveres und zukunftsträchtigeres "revolutionäres Subjekt" gefunden, nämlich die Einwanderer aus allen Winkeln der Erde. Die "Labour Party" ist heute zum schlimmsten Feind ihrer traditionellen Wählerschaft, der weißen Arbeiter, geworden, denen vermutlich auch die tobende "Tram Lady" angehört.

Man kann nicht oft genug daran erinnern, daß es Labour zu verantworten hat, daß die Masseneinwanderung nach Großbritannien während des letzten Jahrzehntes noch beschleunigt wurde, und zwar mit der vollen bewußten Absicht, der Wählermasse der angestammten Briten das Rückgrat zu brechen. Darüber habe ich vor zwei Jahren auf diesem Blog berichtet, hier und hier.
Der Daily Telegraph vom 23. Oktober zitierte einen ehemaligen Berater von Tony Blair und Jack Straw, der offenlegte, daß die Labour Party im letzten Jahrzehnt bewußt die Einwanderungskontrollen gelockert hätte, um das Land der „Masseneinwanderung zu öffnen“, es im Sinne des Multikulturalismus „radikal zu verändern“ und damit „der Rechten die Vielfalt unter die Nase zu reiben“ („to rub the Right’s nose in diversity“.)  Natürlich sei dieser Plan geheimgehalten worden, vor allem, um die Wählerschaft aus der Arbeiterklasse nicht zu entfremden.

Die "multikulturalistische" Agenda wird auf diese Weise zur Chance für die Regierungen, sich frei nach Bertolt Brecht ein neues Volk wählen zu können. Das Ziel wird bald erreicht sein: jährlich wandern etwa 500,000 Menschen in das Vereinigte Königreich ein. Die Flut steigt seit Jahrzehnten stetig an. Das daraus resultierende demographische Kippen kann man sich bereits an fünf Fingern abzählen.  Der Multikulturalismus hat das heutige England in eine Hölle aus Überfremdung und Kriminalität verwandelt. Die Islamisierung und die Ausweitung von Zonen, in denen de facto die Scharia herrscht, ist wohl noch weiter vorangeschritten als in Frankreich.

Daß die Lunten für kommende Bürgerkriege bereits gelegt und die Pulverfässer gestopft sind,veranschaulichten die tagelang andauernden Unruhen dieses Sommers in einem guten Dutzend britischer Städte, die zum weitaus überwiegenden Teil von nicht-europäischen Einwanderern getragen wurden. Großbritannien ist ein Land, in dem regelmäßig miltante Demonstrationen von Moslems stattfinden, aber ich habe noch nicht gehört, daß diese, diese, diese und diese Gentlemen (und -women) wegen "Rassismus" und "Störung des öffentlichen Friedens" behelligt wurden. (Wer sich über diese Dinge informieren will, sei auf die Seiten Gates of Vienna und Maid of Albion verwiesen, auf denen sich reichlich Material findet.)

Der Fall Großbritanniens ist eine entsetzlich traurige Sache. Weltbekannte Ikonen der "Britishness" wie Morrissey oder "Monty Python" John Cleese haben öffentlich beklagt, daß sie ihr London und ihr England nicht mehr wiedererkennen würden.  Sie haben sich freilich feiner ausgedrückt als die ungewaschene Emma West mit ihrem "Britain is fuck-all now!", aber sie haben im Gegensatz zu ihr ja auch genug Geld, um sich in ihre Landhäuser oder in ferne Länder zu flüchten.

Die tonangebenden Intellektuellen und Meinungsmacher zeigen indessen mit hämischem Zeigefinger auf  "Rechtspopulisten" wie Nick Griffin und seine British National Party oder die English Defence League, die ja bloß von Ungebildeten, Proleten und unverbesserlichen Rassisten gewählt würden. Allesamt Schichten, die plötzlich zu "unterprivilegierten, diskriminierten Unterdrückten" werden, wenn sie eine andere Herkunft und Hautfarbe haben.

Es sind aber vor allem die Unterschichten, die Proleten, die Emma Wests, die überall als allererste die Folgen der multikulturalistischen Politik zu tragen haben und von ihr an die Wand gequetscht werden, wie etwa die letzte deutsche Familie in Wedding, und man sage mir nicht, das hätte nichts damit zu tun, daß sich die Industrie einen feuchten Kehricht darum kümmert, wo die billigeren Lohnsklaven herkommen.  Inzwischen fühlt sich die Mittelschicht, ob in England oder Deutschland, noch halbwegs sicher, aber sie befindet sich nicht nur ökonomisch, sondern auch demographisch in einer rapiden Erosion, was auch ihre Ausweichmöglichkeiten verringert.

Neulich sagte ein Journalist einer großen Mainstreamzeitung allen Ernstes zu mir, die deutschen Eltern in Berlin sollen ihre Kinder doch auf Privatschulen schicken, wenn sie nicht wollen, daß sie in dysfunktionale Multikulti-Klassen gehen müssen, in denen sie eine Minderheitengruppe stellen. Diese Aussage hat mich ziemlich frappiert. So hätten bald nur mehr die Besserverdienenden eine Chance, diesem Chaos zu entrinnen, solange, bis auch sie sich das eines Tages nicht mehr leisten können, und ebenfalls verschluckt werden.

Es wird nicht lange dauern, dann werden sich auch die Mittelschichten wie Emma West in der mit Fremden überfüllten Tram fühlen, von der sie dachten, daß sie ihnen gehöre, und daß sie darin sicher wären. Dann will ich sehen, ob sie nicht auch anfangen, sich umzingelt zu fühlen und ob sie dann nicht auch irgendwann das Tourette-Syndrom bekommen. Es wird dem Bürgertum nichts nützen, sich an der Denunzation der proletarischen Schmuddelkinder zu beteiligen, wenn es als nächstes an der Reihe ist.

Und vielleicht wird es in Zukunft schon ausreichen, wenn man nichts anderes sagt, als "mein England", "mein Deutschland" und so weiter, ob "Scheißhaufen" oder nicht, um mit der "Rassismus"-Knute bedroht zu werden.
Test

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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