Sezession
9. Juni 2016

Wolfram Siemann: Metternich. Stratege und Visionär – eine Rezension

Gastbeitrag

Merkwürdig blaß bleibt Bonaparte als großer Gegenspieler: Er erscheint als wankelmütiger Charakter, zwischen Taktlosigkeit, Beleidigung und Schmeichelei schwankend. Zwischen Metternich und ihm zeichnete sich indes eine Verbindung ab, die das alte Diktum vom Feind, der die eigene Frage als Gestalt ist, rechtfertigt. Nüchterner operiert Siemann in der politischen Analyse. Er macht sich das Diktum zu eigen, daß die napoleonischen Kriege faktisch Weltkriegscharakter gehabt hätten. Er zeigt das taktische Geschick Metternichs, die Quadrupelallianz zusammenzuhalten. Zugleich rekonstruiert er eindrucksvoll die Umrisse der Wiener Ordnung und der Reorganisation der Gesamtmonarchie bereits in der frühen Botschafterzeit. Durch sieben Epochen reichte nach Siemanns Darstellung das Leben Metternichs.

Bis zuletzt war er, entgegen manchen Vorurteilen, fähig, auf veränderte Situationen zu reagieren. Siemann betont entgegen der berühmten Sottise vom »tanzenden Kongreß« die hohe Effizienz der Verhandlungen und den Ernst der Sache: die Generationenerfahrung von Krieg, Not und den daraus hervorgehenden vulkanischen Tendenzen. Entschieden zuwenig Verständnis bringt der Biograph für die nationale Frage auf. Es ist sein gutes Recht, den Fanatismus und Gesinnungsterrorismus des Kotzebue-Attentäters Sand kritisch zu glossieren. Doch kontrapunktisch sollte man auch die Grenzen des dynastischen Prinzips und nicht zuletzt die Grenzen von Metternich selbst in den Blick nehmen. So korrigiert diese Biographie manche Fehlurteile der Vergangenheit, kommt aber selbst nicht ohne Fehlurteile oder zumindest Einseitigkeiten aus.

Wie bei vielen Großen wurde auch Metternichs Tod von den Zeitgenossen als »Fortziehen der alten Zeit« verstanden. Dies relativiert doch die teilweise fast hagiographischen Züge dieser Biographie und ihre Vereinnahmung Metternichs als des »Postmodernen aus der Vormoderne«. Mit solchen Epitheta bleibt Siemann unter seinem Niveau. Diese erste umfassende Metternich-Biographie nach neunzig Jahren besticht gleichwohl durch ihren global geopolitischen Blick und ihre hervorragende Quellen- und Literaturkenntnis. Große Geschichtsschreibung ist sie schon stilistisch nicht, und ihre Zeitbedingtheit aus antinationalem Affekt wird vermutlich von einem Späteren genauso korrigiert werden, wie Siemann Srbik korrigierte.

Wolfram Siemann: Metternich. Stratege und Visionär. Eine Biographie, München: C.H. Beck 2016. 983 S., 73 Abb., 34.95 € – hier bestellen. (Zu einer Auswahl der in Sezession 72 besprochenen Literatur geht es hier entlang.)


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