15. März 2017

»Literarische Mobilmachung«: Günter Scholdt im Gespräch

von Gastbeitrag / 4 Kommentare

Sind nicht viele Protagonisten der Werke, die auf deutschen Bühnen als deutlicher Appell »gegen Rechts« inszeniert werden, heute längst selbst rechte Typen? Prof. Dr. Günter Scholdt spricht über seine Literarische Musterung (hier zum Buch!):

SEZESSION: Sie haben gut 30 Klassiker neu gelesen? Was kam dabei heraus?

SCHOLDT: Die drastische Widerlegung eines immer mal wieder geäußerten Vorurteils, Klassiker stünden für unverbindliche Zeitflucht und taugten vornehmlich als Floskeln-Steinbruch für Festreden. Diese Einschätzung wird im vorliegenden Band entkräftet. Vielmehr stellt man als Leser erstaunt fest, wie lebendig auf die konkrete politische Gegenwart beziehbar zahlreiche kanonisierte Werke sind. Bei Orwells 1984, Sartres Fliegen, Frischs Biedermann oder Ionescos Nashörnern z.B. scheint es gar, als seien sie ausdrücklich für uns heute geschrieben.

SEZESSION: Wie erklärt sich das?

SCHOLDT: Schlüsseltexte der National- oder Weltliteratur wirken als aktuelle Mahnung bzw. Appell oder erweisen sich als zeitlose Sozial- und Politmodelle. Deren Distanz zu den gegenwärtig Handelnden bietet die Chance, Konflikte unserer Tage mit größerer Unvoreingenommenheit zu analysieren. Vom höheren Standpunkt aus erleben wir heutige Probleme als Teilmenge der im Weltlauf schon dutzendfach in unterschiedlichen Kostümen durchgespielten Szenarien.

Brechts Galilei, Sophokles' Antigone, Kleists Michael Kohlhaas oder Molières Menschenfeind stehen für Tausende von Kämpfern, denen im Prinzip Ähnliches widerfahren ist. Ibsens Konfrontation zwischen Masse und Einzelmensch im Volksfeind ist die Ursituation gesellschaftlichen Außenseitertums und damit natürlich noch jetzt von Belang. Auch Inquisition ist eine zeitübergreifende Einrichtung, die sich bei uns gegenwärtig "zivilgesellschaftlich" verkleidet.

SEZESSION: Das behaupten jene Regisseure und Publizisten auch, die mit ihren Inszenierungen und Deutungen die Klassiker für den Kampf gegen Rechts in Stellung bringen.

SCHOLDT: Es wirkt schon grotesk, wenn sich ausgerechnet unser Establishment diese dichterischen Großtaten auf seine Fahnen schreibt. Vielmehr sollten wir die Klassiker von den Lorbeergirlanden heutiger Usurpatoren befreien, um ihre geistige Sprengkraft wieder herzustellen und erneut zu erfahren, was ein freies Wort bedeutet. Denn auffallend viele Texte der Weltliteratur haben in irgendeiner Weise mit Widerstand zu tun, offenbar einem Kernthema aller Zeiten und Länder, das in Zeiten von Heiko Maas, Anetta Kahane oder Hans-Georg Maaßen gewiß nicht obsolet geworden ist.

SEZESSION: Handelt es sich also um eine Anleitung zur Widerstandslektüre?

SCHOLDT: Man kann es so sehen, obwohl der Anspruch meines Buchs nicht darauf beschränkt bleibt und ich dem (zuweilen etwas vernutzten) Begriff gegenüber ein wenig fremdle. Denn zunächst einmal mißbrauchen ihn ausgerechnet diejenigen, die sich in der Praxis als die schäbigsten Unterdrücker freier Meinungen erweisen. Ich denke an tückische Leerformeln wie die vom "Aufstand der Anständigen" oder vom "wehrhaften Staat" in Zusammenhängen, die unserer Funktionselite schlicht den alternativlosen Machterhalt sichern sollen.

Widrig ist mir auch seit Studententagen das inflationäre Widerstandsgerede rückblickender Schreibtischmärtyrer, die solches Verhalten beispielsweise im Dritten Reich zur fast einklagbaren Norm versimpeln. Zudem gründeten Adorno-Schwärmer bald jeglichen Kunstanspruch auf vermeintlichen Oppositions- und Subversionsgehalt. Auch birgt es Probleme, daß man mit dem Begriff vornehmlich heroische Militanz assoziiert.

Aber natürlich fördert die Lektüre ein Aufbegehren gegen nicht nur geistigen Zwang unserer keineswegs intakten Demokratie. Literarische Vorbilder aus aller Welt können uns zu Standhaftigkeit anregen oder darin bestärken. Auch wir sollten den täglichen (medial verschwiegenen) Rechtsbruch und zahllose an George Orwells 1984 gemahnende Praktiken heutiger Gesinnungslenker nicht einfach hinnehmen.

Öffentlich gefördertes Spitzelwesen, Neusprech-Gebote und aktuelle Spielarten einer "Gedankenpolizei" erzeugen schließlich eine soziale Umweltverschmutzung, der gegenüber die ökologische an Bedeutung verblaßt.

SEZESSION: Dagegen zu opponieren, kann genauso redlich wie kindisch sein. Uns steht nicht der Big Brother, sondern der Big Other gegenüber, der Apparat als Gegner, eine Windmühle mit hundert Flügeln.

SCHOLDT: Das zielt auf Cervantes‘ Don Quijote. Und vielleicht wirkt selbst eine Karikatur wie er beispielhaft, denn er lebt seinen konservativen Mythos, indem er die Welt idealistisch verkennt. Seine Naivität wie Stärke liegen darin, daß er Werte wie Ehre, Verantwortung oder Wahrheitsstreben noch in Geltung wähnt und für ihre Verteidigung Opfer bringt. Wir mögen seine Irrtümer belächeln. Doch daß er mit seinen Überzeugungen tatsächlich Ernst macht, spricht für ihn und illustriert unsere mehrheitlich gelebte Doppelmoral.

Aber nicht nur zum emotionalen Ansporn taugen solche literarischen Handlungsmuster, sondern auch zur Lagebestimmung. Erörtern sie doch Ursachen für ein Aufbegehren oder erklären Konflikte, die durch Obrigkeitszwänge ausgelöst werden. Widerstand konstituiert sich demgemäß, wo Unverbiegbare sich nicht in die geistige wie materielle Korruption ihrer Umwelt fügen. Auch politstrategische Fragen werden in einzelnen Texten aufgeworfen. Am Beispiel von Ibsens Volksfeind oder Kleists Michael Kohlhaas etwa erkennt man Fallstricke, in die Protestierende geraten können, an Biedermanns Versagen in Frischs Drama die Folgen von Feigheit, am Beispiel von Äsops Fabel die Skrupellosigkeit der Macht, gegen die nur Solidarität hilft.

SEZESSION: Selbst 35.000 PEGIDA-Demonstranten und bundesweit 15 Prozent AfD-Wähler konnten und können dagegen nicht viel ausrichten.

Kommentare (4)

Desprecio
15. März 2017 21:02

Für mich, der sich erst recht spaet, als das uns umgebende Chaos selbst für Ignoranten nicht mehr zu übersehen war, gezwungen sah, sich für Korrekturen einer Politik einzusetzen, die die Europäer und nicht zuletzt uns Deutsche bewusst und gewollt mit zunehmender Geschwindigkeit dem Untergang widmet, der sich dazu erst seit wenigen Jahren durch einen Berg von Literatur fressen musste, Literatur, die nicht unbedingt von der meinungsbildenden Elite emfohlen wurde, war das Kaplakenbaendchen von Günter Schold, "Das konservative Prinzip" eines derjenigen Bücher, bei dem ich mich von der ersten bis zur letzten Seite davon überzeugen konnte, dass ich auf der richtigen (rechten) Seite der Politik stehe. Ich täte dem Verfasser Unrecht, wenn ich hier nur die eine oder andere Stelle seiner Gedankengänge zitieren wollte. Zahllos sind seine Aussagen, die es verdienen, in den Olymp der konservativer Leitideen/Leitgedanken aufgenommen zu werden.

Prof. Dr. Scholdt's  neues Buch,  "Literarische Musterung" wird für mich ein Muss sein.

Polybios
15. März 2017 22:35

Ausgezeichnet! Man darf das Feld der (inter-)nationalen Klassiker und Weltliteraturen nicht dem selbsgefälligen, sich als gebildet empfindenen linksliberalen Milieu überlassen . Zuweilen habe ich den Eindruck, das man sich auf rechter Seite mit seiner Nischenliteratur ganz gut eingerichtet hat. Daher auch Applaus für die ungewohnte Auswahl, Ionescos "Nashörner" habe ich kürzlich erst in einer erwartbaren Interpretation eines bundesrepublikanischen Mehrheitsrassismus im Studententheater gesehen.

philos
16. März 2017 00:59

Herrn Scholdts Buch kommt zur rechten Zeit, da man mittlerweile nicht scheut, Antigone für die Flüchtlingspropaganda umzulügen, und das Publikum in Begeisterungsstürme ausbricht statt den Saal zu verlassen. 

Katrin Fischer
16. März 2017 14:13

"...zu öffentlichem Widerspruch animieren...mit wenig Zivilcourage lassen sich  Effekte erzielen...gegen Despotien jeder Epoche zu streiten, ist ehrenvoll, unabhängig davon, ob man die sonstigen politischen Ansichten teilt...".

Sehr gut; ein wenig Flagge zu zeigen ist (noch) ungefährlich und tut nicht weh. Als noch selbständig Berufstätige und (bisher) dreifache Großmutter bin ich zeitlich so beschränkt wie ich die Identitären für ihren Einsatz bewundere. Ich bin deshalb zu einer Kleinigkeit geschritten. Ich habe an mein Garagentor so ästhetisch wie möglich folgendes geschrieben: Europa (Doppelpunkt) Bach Shakespeare Velazquez Buonarroti Nietzsche Popper Feynman Ratzinger Nur so. Spontan (Ausgewogenheit liegt mir bisweilen fern). Vielleicht ist das Quatsch. Aber vielleicht spricht mich jemand an. Im Ernst oder aus Quatsch; für beides bin ich zu haben...

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