»Feldkräfte« des Widerstands

PDF der Druckfassung aus Sezession 70 / Februar 2016

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

Als »mora­li­scher Warm­blü­ter« sei der Mensch »auf die Auf­recht­erhal­tung eines gewis­sen inter­nen Selbst­ach­tungs­ni­veaus ange­wie­sen«, schreibt Peter Slo­ter­di­jk in sei­nem Buch Zorn und Zeit, was nichts ande­res heißt, als daß der Mensch »einen ange­bo­re­nen Sinn für Wür­de und Gerech­tig­keit« hat. Trägt das Gemein­wei­sen, in dem er sich bewegt, die­sen »Intui­tio­nen«, wie sie Slo­ter­di­jk nennt, nicht Rech­nung, ent­ste­he eine Ten­denz zur Los­lö­sung, die in ent­schlos­se­nen Wider­stand mün­den kann.

Die­ser Wider­stand muß nicht immer die Per­spek­ti­ve vor Augen haben, daß ein Umsturz der Ver­hält­nis­se mög­lich sei oder irgend­wann der kairós – der pas­sen­de Moment, um aktiv zu wer­den – ein­tre­ten wer­de, der den Din­gen eine ande­re Rich­tung gibt. Es gibt auch hin­rei­chend Bei­spie­le dafür, daß Wider­stand als Aus­druck des »ange­bo­re­nen Sinns für Wür­de und Gerech­tig­keit« auch dann geleis­tet wur­de, wenn es kaum oder kei­ner­lei Erfolgs­aus­sich­ten gab und das eige­ne Wider­ste­hen nur mehr sym­bo­li­schen Cha­rak­ter hat­te. Dafür mag Hen­ning von Tre­sc­k­ows viel­zi­tier­te Ein­las­sung im Som­mer 1944 ste­hen, als er beton­te, das Atten­tat gegen Hit­ler müs­se »um jeden Preis erfol­gen«; es kom­me »nicht mehr auf den prak­ti­schen Zweck an, son­dern dar­auf, daß die deut­sche Wider­stands­be­we­gung vor der Welt und vor der Geschich­te unter Ein­satz des Lebens den ent­schei­den­den Wurf gewagt hat«. Tre­sc­k­ow war sich bewußt, daß der rich­ti­ge Zeit­punkt für eine grund­stür­zen­de Ände­rung der Ver­hält­nis­se bereits ver­stri­chen war und daß jeder, der zum Ver­schwö­rer­kreis um Stauf­fen­berg gehör­te, das »Nes­sus­hemd« ange­zo­gen hat­te. Die­ses Emp­fin­den ver­lang­te gera­de­zu nach einer höhe­ren Sinn­ge­bung der Tat Stauf­fen­bergs, die Tre­sc­k­ow in fol­gen­de Wor­te faß­te: Wie Gott Abra­ham einst ver­hei­ßen habe, er wer­de Sodom nicht ver­der­ben, wenn auch nur zehn Gerech­te dar­in sei­en, hoff­te er, »daß Gott auch Deutsch­land um unse­ret­wil­len nicht ver­nich­ten« werde.

Die per­sön­li­chen Zeug­nis­se der Ver­schwö­rer um Stauf­fen­berg zei­gen, daß es einer beson­de­ren per­sön­li­chen Dis­po­si­ti­on bedarf, um den Wurf zu wagen. Peter Slo­ter­di­jk spricht in sei­nem oben genann­ten Buch von einer spe­zi­fi­schen Mischung aus »Man­nes­mut« (and­reia) und »gerech­tem Zorn«, der nicht nur für die »Abwehr von Belei­di­gun­gen und unbil­li­gen Zumu­tun­gen« zustän­dig sei, son­dern auch hel­fe, für Inter­es­sen ein­zu­tre­ten. In der grie­chi­schen Anti­ke gab es dafür den Begriff thymós, den Slo­ter­di­jk in sei­ner »bür­ger­lich-gezähm­ten« Form als »Beherzt­heit« über­setzt, was nichts ande­res als Mut und Tap­fer­keit, die Fähig­keit zur Selbst­be­haup­tung, bedeu­tet. »Der thymós des Ein­zel­nen« kann als »Teil einer Feld­kraft« gedeu­tet wer­den, die dem »gemein­sa­men Wil­len zum Erfolg Form verleiht«.

Es bedurf­te wohl die­ser beson­de­ren »Feld­kräf­te«, um zum Bei­spiel in den anti­kom­mu­nis­ti­schen Wider­stand im Bal­ti­kum oder Rumä­ni­en ein­zu­tre­ten, der direkt nach der sowje­ti­schen Beset­zung im Jah­re 1944 ein­setz­te. »Wald­brü­der« nann­te man im Bal­ti­kum die Grup­pen, die als Par­ti­sa­nen gegen die Beset­zung und Sowje­ti­sie­rung ihrer Län­der kämpf­ten. Aus heu­ti­ger Sicht mag die­ser Wider­stand sinn‑, weil von vorn­her­ein aus­sichts­los erschei­nen, und doch dau­er­te er fast ein Jahr­zehnt und for­der­te min­des­tens 50000 Tote. Aus Sicht der »Wald­brü­der« stell­te sich aber mit der neu­er­li­chen sowje­ti­schen Beset­zung – das Bal­ti­kum war ja bereits 1940 ein Ziel der sowje­ti­schen Okku­pa­ti­ons­po­li­tik – ein­mal mehr die Exis­tenz­fra­ge. Zu leben­dig war noch die Erin­ne­rung an die Depor­ta­ti­ons­wel­len, die erst mit dem Ein­marsch der Wehr­macht ende­ten. Kurz vor dem deut­schen Angriff auf die Sowjet­uni­on waren in Litau­en noch 35000 Bür­ger, vor allem aus dem Beam­ten­tum und der Intel­li­genz, aus poli­ti­schen Grün­den lebens­lang ver­bannt wor­den. Bei Kriegs­en­de befan­den sich vie­le Litau­er auf deut­schem Boden; sie waren ent­we­der gezwun­gen wor­den, im Reich Zwangs­ar­beit zu leis­ten, oder vor der Roten Armee geflohen.

Zu den ers­ten Maß­nah­men nach der Macht­über­nah­me der Kom­mu­nis­ten in Litau­en gehör­te die Ein­be­ru­fung in die Rote Armee. Rund 100000 Män­ner zwi­schen 18 und 37 Jah­ren muß­ten nun auf sowje­ti­scher Sei­te gegen Deutsch­land kämp­fen, dar­un­ter vie­le, die vor­her in den Rei­hen der Wehr­macht gestan­den hat­ten. Gera­de die Flucht oder die Depor­ta­ti­on von Mit­tel­schicht und Intel­li­genz führ­ten dazu, daß dem Allein­herr­schafts­an­spruch der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en kaum mehr jemand ent­ge­gen­trat. Den­noch ent­wi­ckel­te sich Wider­stand, der sich bei­spiels­wei­se in Litau­en laut der His­to­ri­ke­rin Ruth Lei­se­ro­witz aus Ange­hö­ri­gen der Litaui­schen Akti­vis­ten­front, der mili­tä­ri­schen Orga­ni­sa­ti­on »Kes­ku­tis«, Ange­hö­ri­gen der Poli­zei und der Schutz­ba­tail­lo­ne der deut­schen Besat­zungs­zeit, Sol­da­ten der pro­deut­schen Ple­cha­vici­us-Armee und deut­schen Sol­da­ten, die sich nicht in Kriegs­ge­fan­gen­schaft bege­ben woll­ten, zusam­men­setz­te. Sie alle ein­te das Vor­ha­ben, die erneu­te sowje­ti­sche Besat­zung des Lan­des mit allen Mit­teln zu bekämp­fen. Wel­che Zie­le die­se Besat­zung ver­folg­te, dar­über lie­ßen die Sowjets kei­ne Zwei­fel auf­kom­men: Michail Sus­low, bis zum Früh­jahr 1946 Lei­ter des litaui­schen Büros der KPdSU und damit fak­ti­scher Herr­scher in Litau­en, wird von Lei­se­ro­witz mit fol­gen­den Wor­ten zitiert: »Litau­en wird wei­ter exis­tie­ren, aber ohne Litau­er, und es wird sowje­tisch sein.« Ein Mit­tel hier­für war eine umfas­sen­de Über­frem­dungs­po­li­tik (Rus­si­fi­zie­rung); Ein­hei­mi­sche wur­den gezielt aus allen Lei­tungs­funk­tio­nen gedrängt, was bei Esten, Litau­ern und Let­ten den Ein­druck ver­fes­tig­te, daß sie in einem besetz­ten Land lebten.

In Litau­en gedieh der bewaff­ne­te Wider­stand am erfolg­reichs­ten. Es bil­de­ten sich lan­des­weit Netz­wer­ke. Außer­halb der Städ­te waren die Sowjets nicht mehr sicher. Es kam nicht nur zu Sabo­ta­ge­ak­ten, auch Par­tei­ka­der und Per­so­nen, die der Par­tei nahe­stan­den, wur­den mit geziel­ten Mord­an­schlä­gen aus­ge­schal­tet. Die Per­spek­ti­ve, die die »Wald­brü­der« antrieb, war nicht die Über­zeu­gung, sie könn­ten die Rote Armee jemals allein aus dem Land drän­gen, son­dern die Hoff­nung auf Unter­stüt­zung durch die West­al­li­ier­ten. Wäre ihnen klar gewe­sen, daß dies wohl zu kei­nem Zeit­punkt ernst­haft erwo­gen wur­de, wäre der Zustrom wahr­schein­lich wesent­lich gerin­ger gewe­sen. Als sich die Erkennt­nis durch­zu­set­zen begann, daß die West­al­li­ier­ten nichts zuguns­ten einer Ände­rung der Lage der bal­ti­schen Staa­ten unter­neh­men wür­den, kipp­te die Stim­mung. Ein Spie­gel hier­für sind die Tage­bü­cher des »Wald­bru­ders« Liongi­nas Bali­uke­vici­us, Deck­na­me »Dzu­kas«, die Lei­se­ro­witz über­setzt hat. Anläß­lich der Mos­kau­er Außen­mi­nis­ter­kon­fe­renz im Jah­re 1947 notier­te Dzu­kas: »Vor uns liegt Unge­wiß­heit und schreck­li­ches Unwis­sen. Die­se angel­säch­si­schen Diplo­ma­ten ent­schei­den in Mos­kau über Mil­lio­nen Schick­sa­le. Kaum zu glau­ben, daß sie an uns den­ken wer­den. Sie wer­den sich höchst­wahr­schein­lich nicht um uns kümmern.«

Wäh­rend »Dzu­kas« dar­auf­hin mehr und mehr in Resi­gna­ti­on ver­fällt, die in den Wor­ten »Was wird aus Litau­en, wenn im Moment der Ent­schei­dung kei­ner mehr da ist, der es wie­der­her­stel­len könn­te?« gip­felt, tat die Erkennt­nis, daß die Lage aus­sichts­los sei, der thy­mo­ti­schen Ener­gie eines ande­ren bekann­ten »Wald­bru­ders«, näm­lich des 2010 ver­stor­be­nen est­ni­schen Wider­stands­kämp­fers Alfred Käär­mann, kei­nen Abbruch. In sei­nen Erin­ne­run­gen mach­te er deut­lich, was sie beweg­te, wei­ter Wider­stand zu leis­ten, obwohl es kei­ner­lei Aus­sicht auf Erfolg mehr gab: »Das war die Hoff­nung, daß es nicht so schlimm ist, solan­ge man lebt, est­ni­schen Boden unter den Füßen hat und die Waf­fe in der Hand. Und die Gewiß­heit, daß die eige­ne Waf­fe einen vor den Qua­len ret­tet, soll­te man erwischt werden.«

Auch der Wider­stand, der sich in Rumä­ni­en gegen die sowje­ti­sche Besat­zung ent­wi­ckel­te, nähr­te sich eine Zeit­lang von der Hoff­nung, daß »der Wes­ten« aktiv wür­de, um eine grund­sätz­li­che Ände­rung her­bei­zu­füh­ren. Die­ser Wider­stand ver­ebb­te auch nicht, als deut­lich wur­de, daß die West­al­li­ier­ten kei­ne Kon­fron­ta­ti­on mit der Sowjet­uni­on zuguns­ten Rumä­ni­ens wagen wür­den. Und so lie­fer­ten sich die »Par­tiza­nii« des rumä­ni­schen Unter­grun­des nach Kriegs­en­de einen zehn Jah­re anhal­ten­den Klein­krieg mit den »Inter­ven­ti­ons­kom­man­dos« des rumä­ni­schen Geheim­diens­tes Secu­ri­ta­te, die kei­ne Gna­de kann­ten und das Gros der Wider­stands­grup­pen liquidierten.

Der anti­kom­mu­nis­ti­sche Wider­stand in Rumä­ni­en ist durch ein beson­de­res Maß an thy­mo­ti­scher Ener­gie gekenn­zeich­net, wie der in Kron­stadt gebo­re­ne Schrift­stel­ler Hans Ber­gel in einem Bei­trag deut­lich mach­te. Ber­gel nennt in die­sem Zusam­men­hang zum Bei­spiel die »Grup­pe Gav­ri­la«, die die Secu­ri­ta­te-Ein­hei­ten unent­wegt in Bewe­gung hielt: »Dank ihrer ans Fabu­lö­se gren­zen­den Här­te bei extre­men Marsch­leis­tun­gen im Hoch­ge­bir­ge und in den Berg­wäl­dern erweck­te sie den Ein­druck all­ge­gen­wär­ti­ger, die Moral der Inter­ven­ti­ons-Batail­lo­ne zer­mür­ben­der Präsenz.«

Durch ein hohes Maß an Dis­zi­plin und Moral schaff­te es die­se Grup­pe, sich den Rück­halt in der Bevöl­ke­rung zu sichern. Ins­be­son­de­re jun­ge Frau­en – Ärz­tin­nen, Leh­re­rin­nen, Bäue­rin­nen –, so hebt der 2006 ver­stor­be­ne, in Deutsch­land als »mili­tan­ter rechts­ex­tre­mer Akti­vist« ver­fem­te Ion Gav­ri­la Ogo­ra­nu her­vor, ris­kier­ten ihr Leben, um sei­ner Grup­pe zu hel­fen. Vor Augen hat­ten die »Par­tiza­nii« eine Secu­ri­ta­te, deren Ter­ror gan­ze Dör­fer »an den Rand der Exis­tenz­ver­zweif­lung« trieb. Auch hier steht wie­der die Fra­ge im Raum, was die­se Wider­stands­kämp­fer, die »gleich Wild­tie­ren« im Hoch­ge­bir­ge leben muß­ten, die Frost und Schnee trotz­ten und in Höh­len leb­ten, dazu brach­te, aus­zu­har­ren, um wei­ter Wider­stand zu leis­ten. Gav­ri­la Ogo­ra­nu, der sich 29 Jah­re lang dem Zugriff der Secu­ri­ta­te ent­zie­hen konn­te, for­mu­lier­te hier­für Grün­de, die grund­sätz­li­cher Natur sind: »Solan­ge es Wider­stand gab und die Men­schen im Land davon wuß­ten, war der Nati­on noch nicht das mora­li­sche Rück­grat gebro­chen, durf­te sie von sich sagen, daß sie Wür­de und Selbst­ach­tung noch nicht ganz ver­lo­ren hat­te, denn es gab eini­ge, die sich im Namen aller nicht in die Knie zwin­gen ließen.«

Die­ser Wider­stand, der auch nicht kipp­te, als deut­lich wur­de, daß deren Akti­vis­ten für den Wes­ten bes­ten­falls Schach guren für eige­ne Zwe­cke waren, hat­te für Rumä­ni­en indes Kon­se­quen­zen, die an die Fol­gen der Liqui­die­rung gro­ßer Tei­le des kon­ser­va­ti­ven Wider­stands gegen Hit­ler im Nach­gang zum 20. Juli 1944 erin­nern: Die »mora­li­sche Sub­stanz der Nati­on«, wie Ber­gel sie nennt, wur­de phy­sisch weit­ge­hend ver­nich­tet; sie feh­le dem »Land heu­te an allen Ecken und Enden«. Ihre Aus­lö­schung bedeu­te­te zugleich »die Zer­schla­gung von Kul­tur­kon­ti­nui­tät«, was den Rumä­nen erst jetzt bewußt werde.

Die­ser »dia­lek­ti­sche Umschlag« des Wider­stands ist ein Grund dafür, daß sowohl in Deutsch­land bei Kriegs­en­de als auch in Rumä­ni­en nach der »Wen­de« nur mehr weni­ge Per­sön­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung stan­den, die sich kraft ihrer Auto­ri­tät gegen die­se Zer­schla­gung hät­ten auf­leh­nen und zu Leit­fi­gu­ren eines ande­ren Weges hät­ten wer­den können.

Im Gegen­satz dazu ist der Spa­ni­sche Bür­ger­krieg ein Bei­spiel geglück­ter Bewah­rung von »Kul­tur­kon­ti­nui­tät« durch ent­schlos­se­nen Wider­stand zum rich­ti­gen Zeit­punkt (dem kairós). Hier gelang es falan­gis­tisch-faschis­ti­schen sowie kon­ser­va­tiv-natio­na­lis­ti­schen Kräf­ten, die von Deutsch­land unter­stützt wur­den, eine von Frank­reich und der Sowjet­uni­on geför­der­te »Volks­front« aus Sozia­lis­ten, Kom­mu­nis­ten und Anar­chis­ten von der Macht fern­zu­hal­ten. Die Zwei­te Repu­blik, die 1931 in Spa­ni­en nach dem Ver­zicht Alfons XIII. auf die Thron­rech­te aus­ge­ru­fen wor­den war, stieß mit ihrer links­bür­ger­li­chen Regie­rung sowohl sei­tens der mon­ar­chis­ti­schen Rech­ten als auch der radi­ka­len Sozia­lis­ten unter dem »spa­ni­schen Lenin« Fran­cis­co Lar­go Cabal­le­ro auf Wider­stand. Die Regie­rungs­ko­ali­ti­on setz­te auf eine Zurück­drän­gung der Kir­che, die Redu­zie­rung der Armee und eine Ver­klei­ne­rung des Groß­grund­be­sit­zes. Die Wah­len von 1936 zeig­ten, daß sich der lin­ke und der rechts­kon­ser­va­ti­ve Block in etwa gleich stark gegen­über­stan­den und die Mit­te fak­tisch nicht mehr exis­tier­te. Auf­grund des Wahl­sys­tems, wohl aber auch durch Wahl­fäl­schun­gen kam es zu einem Wahl­sieg der »Volks­front«, was in der sozia­lis­ti­schen Pres­se als »pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on« gefei­ert wur­de. Kon­ser­va­ti­ve, Natio­na­lis­ten und Mon­ar­chis­ten befürch­te­ten, daß dem Land durch sozia­le und sepa­ra­tis­ti­sche Agi­ta­ti­on der Zer­fall dro­he. Das waren Befürch­tun­gen, für die es trif­ti­ge Grün­de gab, erklär­te doch der kon­ser­va­ti­ve Par­tei­füh­rer Gil-Robles, daß seit dem Früh­jahr 1936 171 Kir­chen nie­der­ge­brannt, 269 Mor­de ver­übt und über 1000 Per­so­nen ver­letzt wor­den waren. Spa­ni­en droh­te unre­gier­bar zu wer­den, was bei Gene­rä­len wie dem auf den Kana­ren befeh­len­den Fran­cis­co Fran­co die Über­zeu­gung wach­sen ließ, die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se gewalt­sam ver­än­dern zu müs­sen. Er avan­cier­te zu einem der gehei­men Draht­zie­her eines Mili­tär­put­sches, für den die Ermor­dung des mon­ar­chis­ti­schen Poli­ti­kers José Cal­vo Sote­lo nur mehr den Anlaß bil­de­te. In einem aber ver­schätz­te sich Fran­co; er hat­te sicher­lich kei­nen drei­jäh­ri­gen Bür­ger­krieg vor Augen, als er putsch­te, son­dern einen Mili­tär­putsch im Stil der pro­nun­cia­mi­ent­os des 19. Jahr­hun­derts, die dar­auf hin­aus­lie­fen, die Regie­rung abzu­set­zen und eine kon­ser­va­ti­ve Mili­tär­re­gie­rung ein­zu­set­zen. Spa­ni­en hat­te sich aber seit­dem grund­le­gend ver­än­dert; die poli­ti­sche Lin­ke mach­te rasch klar, daß sie erbit­ter­ten Wider­stand leis­ten wür­de. Die Sta­li­nis­tin Dolo­res Ibár­ru­ri for­mu­lier­te hier­für den Leit­spruch »¡No pas­arán!« (Sie wer­den nicht durch­kom­men). Hät­ten nicht Deutsch­land und Ita­li­en ein­ge­grif­fen, wäre der Putsch zusam­men­ge­bro­chen. Und den­noch: Der von thy­mo­ti­scher Ener­gie getrie­be­ne Fran­co hat­te den Wurf im ent­schei­den­den Moment gewagt, um der »Volks­front« in die Arme zu fal­len. Er hat­te den Mut, sich an die Spit­ze der Put­schis­ten zu stel­len und war von dem Wil­len durch­drun­gen, den Grup­pie­run­gen, durch die er das Vater­land bedroht sah, den Weg an die Macht zu versperren.

Die hier ange­führ­ten Bei­spie­le Stauf­fen­berg, Fran­co, Ion Gav­ri­la Ogo­ra­nu oder auch das des »Wald­bru­ders« Alfred Käär­mann zei­gen, wel­che Bedeu­tung in einer kri­sen­haf­ten poli­ti­schen Situa­ti­on das ent­schlos­se­ne Her­vor­tre­ten ein­zel­ner hat, die sich zu Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren des Wider­stands machen. Ihr Wider­stand ist, um hier an Domi­ni­que Ven­ner anzu­knüp­fen, »ohne die Vor­be­din­gung eines iden­ti­tä­ren Gedächt­nis­ses« nicht mög­lich. Ven­ner, der im Mai 2013 aus Pro­test gegen die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se Hand an sich leg­te, wies in die­sem Zusam­men­hang auch auf die hier­für erfor­der­li­che thy­mo­ti­sche Ener­gie hin; auf die Not­wen­dig­keit, das »Wor­te durch Taten bekräf­tigt« wer­den müs­sen, wenn es erfor­der­lich erscheint.

Mit Blick auf die aktu­el­le Lage in Deutsch­land – das zuneh­mend, um noch ein­mal Hans Ber­gel zu zitie­ren, durch die »Rui­nie­rung der Grund­po­si­tio­nen, deren eine Gemein­schaft für die Zukunft bedarf« geprägt ist – wird man fest­hal­ten müs­sen, daß die­se Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren zwar vor­han­den sind, aber bis­her nur in Ein­zel­fäl­len mit Taten her­vor­ge­tre­ten sind. Eine außer­par­la­men­ta­ri­sche Bewe­gung wie zum Bei­spiel Pegi­da hat auch des­halb viel von ihren »Feld­kräf­ten« ver­lo­ren, weil ihr die­se mög­li­chen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren im ent­schei­den­den Zeit­punkt nicht im aus­rei­chen­den Maße die not­wen­di­ge Ori­en­tie­rung gege­ben und ihr per­sön­li­ches Gewicht in die Waag­scha­le gewor­fen haben. Ein durch­aus aus­sichts­rei­cher Hebel des Wider­stands gegen die Über­frem­dung Deutsch­lands droht auch des­halb zu einer Mar­gi­na­lie bun­des­re­pu­bli­ka­ni­scher Geschich­te herabzusinken.

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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