Die offenen Flanken des Antiimperialismus

»Antiimperialismus« galt seit jeher als das ureigene Metier der politischen Linken. Lenins vor exakt einhundert Jahren geschriebenes Werk Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus war – und ist in Teilen immer noch – die Schlüsselschrift des Antiimperialismus. Indes: Der Schrift gehen, speziell in Deutschland, die Leser aus. Dieser Umstand hat mehr mit der rasanten Transatlantisierung und Verwestlichung der hiesigen Linken zu tun als mit einem generellen Überholtsein der Leninschen Thesen zu globalen Entwicklungen des Kapitalismus und der Aufteilung der Welt.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

»Anti­im­pe­ria­lis­mus« galt seit jeher als das urei­ge­ne Metier der poli­ti­schen Lin­ken. Lenins vor exakt ein­hun­dert Jah­ren geschrie­be­nes Werk Der Impe­ria­lis­mus als höchs­tes Sta­di­um des Kapi­ta­lis­mus war – und ist in Tei­len immer noch – die Schlüs­sel­schrift des Anti­im­pe­ria­lis­mus. Indes: Der Schrift gehen, spe­zi­ell in Deutsch­land, die Leser aus. Die­ser Umstand hat mehr mit der rasan­ten Trans­at­lan­ti­sie­rung und Ver­west­li­chung der hie­si­gen Lin­ken zu tun als mit einem gene­rel­len Über­holt­sein der Lenin­schen The­sen zu glo­ba­len Ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus und der Auf­tei­lung der Welt.

Die mar­xis­ti­sche Tages­zei­tung jun­ge Welt (jW) – einst Organ der Frei­en Deut­schen Jugend (FDJ), heu­te so etwas wie das letz­te Relikt des Anti­im­pe­ria­lis­mus, nach­dem sich auch die Kon­kur­renz neu­es deutsch­land (nd) außen­po­li­tisch fit für das Pro­jekt »Rot-Rot-Grün« macht – leg­te daher im Rah­men der dies­jäh­ri­gen Leip­zi­ger Buch­mes­se eine kom­men­tier­te Edi­ti­on des Lenin-Schlüs­sel­werks vor. Der Ver­lag der jW stellt unter Beweis, daß er den anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Wur­zeln des Hau­ses treu blei­ben möch­te. Allein: Nicht nur Leser­mas­sen feh­len, son­dern dem Peri­odi­kum gehen auch die dezi­diert anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Redak­teu­re und Autoren aus. 2014 ver­starb mit Wer­ner Pir­ker das Sturm­ge­schütz der Zei­tung, der wie­der­holt vor einem Schwin­den des Allein­stel­lungs­merk­mals »Anti­im­pe­ria­lis­mus« warn­te, und im Febru­ar ging der jW nun zunächst der stell­ver­tre­ten­de Chef­re­dak­teur Rüdi­ger Göbel von Bord, bevor weni­ge Tage spä­ter mit dem ehe­ma­li­gen DDR-Meis­ter­spi­on Rai­ner Rupp (Deck­na­me »Topas«) der nächs­te Alt­be­währ­te den Dienst quit­tier­te. Gewiß: Das Per­so­nal­ta­bleau wäre für sich genom­men unin­ter­es­sant. Aber: Rupps Beweg­grün­de zei­gen deut­lich, daß die heu­ti­ge anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Bewe­gung vor einem Scher­ben­hau­fen steht.

Rupp fiel beim Füh­rungs­duo Diet­mar Koschmie­der und Arnold Schöl­zel in Ungna­de, weil er – ent­ge­gen einem regel­rech­ten »Bann« – wei­ter­hin Kon­takt mit dem ehe­ma­li­gen Radio­mo­de­ra­tor Ken Jeb­sen (»KenFM«) hält, der auf­grund ver­meint­li­cher oder tat­säch­li­cher »Rechts­ent­wick­lun­gen« in der Kri­tik steht. Jeb­sen ist dabei frei­lich nur die Per­so­nif­zie­rung eines Pro­zes­ses, der das Milieu rund um Frie­dens­be­we­gung und jW seit Jah­ren mit sich selbst beschäf­ti­gen läßt. Die Streit­fra­ge ist, inwie­fern impe­ria­lis­mus­kri­ti­sche Initia­ti­ven (etwa die »Frie­dens­mahn­wa­chen«) nach »rechts« geöff­net sind und einer »Quer­front« die­nen. Rupp will es sich nicht ver­bie­ten las­sen, sei­ne Gesprächs­part­ner selbst aus­zu­su­chen. Die jW will ihren ein­ge­schla­ge­nen Weg – kla­re Kan­te gegen­über jedem poten­ti­el­len Hür­den­ab­bau nach »rechts« – nicht ver­las­sen. Die Gefahr für letz­te­re ist hier­bei, die Gren­ze des poli­tisch Sag­ba­ren und per­so­nell Trag­ba­ren immer enger zu zie­hen und somit ein wei­tes Feld eigent­lich ihr nahe­ste­hen­der Akteu­re im luft­lee­ren Raum agie­ren zu las­sen. Die strik­te Hal­tung der jW rührt aus der Urangst, auf­grund bestimm­ter Posi­tio­nen selbst in die Nähe rech­ter Denk­sche­ma­ta gerückt zu wer­den. Und die­se Angst ist ver­ständ­lich, denn ein zeit­ge­mä­ßer Anti­im­pe­ria­lis­mus, der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, Inter­ven­ti­ons­krie­ge und Migra­ti­ons­be­we­gun­gen glei­cher­ma­ßen kri­tisch unter­sucht, muß heu­te zwangs­läufg ins Rech­te über­ge­hen, wenn er kon­se­quent zu Ende gedacht wird.

Die Aus­gangs­ba­sis des lin­ken Anti­im­pe­ria­lis­mus ist dabei nicht zu bean­stan­den und heu­te eben­so aktu­ell wie vor ein­hun­dert Jah­ren. Von Lenin stammt die Erkennt­nis, daß Impe­ria­lis­mus Gewalt­po­li­tik zur Erwei­te­rung der Hege­mo­nie kapi­ta­lis­ti­scher Groß­mäch­te ist. Und sein Weg­ge­fähr­te Niko­lai Bucha­rin defi­nier­te Impe­ria­lis­mus als jene Poli­tik, durch die die Welt der Herr­schaft des Finanz­ka­pi­tals unter­wor­fen wird, Finanz­ka­pi­tal dabei – in der Nach­fol­ge der Ana­ly­sen Rudolf Hil­fer­dings – als Kom­plex aus Indus­trie und Ban­ken ver­ste­hend. Deut­lich wird, daß auch 2016 das Wesen des Impe­ria­lis­mus unver­än­dert ist. Ohne wei­te­res kann die zeit­ge­nös­si­sche Wirt­schafts­ord­nung als Finanz­markt­ka­pi­ta­lis­mus bezeich­net wer­den, wobei Lenins alte Theo­rie des Über­ge­wichts von Finanz­ka­pi­tal gegen­über ande­ren For­men des Kapi­tals und der glo­ba­len Vor­herr­schaft der Finan­zo­lig­ar­chie gar nicht alt erscheint. Rich­tig ist auch, daß der Staat auf­grund die­ser Umstän­de zum »direk­ten Erfül­lungs­ge­hil­fen« des trans­na­tio­na­len Finanz­ka­pi­tals »im Kampf um die Neu­auf­tei­lung der Welt« her­ab­ge­setzt wird, wie die Wirt­schafts­his­to­ri­ke­rin Gret­chen Binus akzen­tu­iert. Selbst Rosa Luxem­burg ist recht zu geben, wenn sie 1913 in der Akku­mu­la­ti­on des Kapi­tals den – heu­te als Gemein­platz anzu­se­hen­den – Umstand nach­weist, daß der Kapi­ta­lis­mus wesens­ge­mäß zu Impe­ria­lis­mus füh­ren müs­se, weil er ohne ste­te inter­na­tio­na­le Expan­si­on nicht über­le­ben könne.

Anti­ka­pi­ta­lis­mus und Anti­im­pe­ria­lis­mus sind fol­ge­rich­tig nicht von­ein­an­der zu tren­nen, das eine bedingt das ande­re. Des­sen­un­ge­ach­tet haben sich selbst als links defi­nie­ren­de Theo­re­ti­ker sich dem Impe­ria­lis­mus und dem inter­ven­tio­nis­ti­schen »Frei­heits­ex­port« ver­schrie­ben: Sie erken­nen die »Pax Ame­ri­ca­na« an, spre­chen von einem »guten Impe­ria­lis­mus« (Micha­el Wal­zer) oder affir­mie­ren den »Men­schen­rechts­an­walt als Impe­ria­list« (Micha­el Igna­tieff). Die­ser dem US-Neo­kon­ser­va­tis­mus ähn­li­chen Les­art eines »ethi­schen Impe­ria­lis­mus« fol­gen etli­che lin­ke Strö­mun­gen. In Deutsch­land befin­den sich dar­un­ter wei­te Tei­le der lin­ken Pres­se­land­schaft (von Jung­le World bis zur taz), aber auch der Links­par­tei-Jugend sowie der Mut­ter­par­tei. Sich als »anti­deutsch« dekla­rie­ren­de Krei­se ver­pflich­ten sich der »men­schen­rechts­im­pe­ria­lis­ti­schen Dok­trin des Wes­tens« (Susann Witt-Stahl/­Mi­cha­el Som­mer) und drän­gen hys­te­risch jene lin­ken Akteu­re an den Rand, die wei­ter­hin poli­ti­sche Theo­rie und Pra­xis am Zwil­lings­paar Antikapitalismus/Antiimperialismus aus­rich­ten. Die erfor­der­li­che Kri­tik des »para­si­tä­ren«, weil nicht selbst pro­duk­ti­ven Bank- und Finanz­ka­pi­tals wird sei­tens der pro­west­li­chen Lin­ken als »anti­se­mi­tisch« denun­ziert, US-Hege­mo­nie als Schutz vor der Bar­ba­rei emp­fun­den, Kriegs­geg­ner und Anti­im­pe­ria­lis­ten jeder Cou­leur – Spann­brei­te: von Xavier Naidoo bis Sah­ra Wagen­knecht – nicht sel­ten als Kryp­to­rech­te gebrand­markt. Exakt die­se per­ma­nen­te Drang­sa­lie­rung anti­im­pe­ria­lis­ti­scher Krei­se durch ihre mäch­ti­gen trans­at­lan­ti­schen Gegen­spie­ler inner­halb der Lin­ken läßt kei­ne Ein­heit der Anti­im­pe­ria­lis­ten zu; die von außen inji­zier­te Läh­mung ver­läuft erfolg­reich. Ana­log zu ver­gleich­ba­ren ideo­lo­gi­schen und per­sön­li­chen Rän­ke­schmie­derei­en inner­halb der Rech­ten bin­det die Abwehr von Vor­wür­fen stets Res­sour­cen. So wird inner­halb der lin­ken Frie­dens­be­we­gung und des Anti­im­pe­ria­lis­mus mehr Zeit damit ver­bracht, sich gegen­sei­tig abzu­leh­nen, um selbst nicht in den Ruch des Dia­bo­li­schen (»Quer­front!«) zu gera­ten – sie­he bei­spiels­wei­se Cau­sa Rupp/Jebsen –, anstatt die For­cie­rung eines zeit­ge­mä­ßen Anti­im­pe­ria­lis­mus betrei­ben zu können.

Dabei wäre in der aktu­el­len Situa­ti­on genau dies eine Opti­on. Diet­her Dehm (MdB, Die Lin­ke) arti­ku­lier­te daher wäh­rend einer Ver­an­stal­tung (»Anti­im­pe­ria­lis­mus heu­te«) in Ber­lin am 9. Janu­ar 2016, daß ein zu eng gefaß­ter lin­ker Anti­im­pe­ria­lis­mus neu­rech­ten Bewe­gun­gen zugu­te käme. Dar­auf darf man in der Tat hof­fen, denn durch den ste­ti­gen Säu­be­rungs­pro­zeß schaf­fen jun­ge Welt und Co. ein enor­mes Vaku­um, in das zu sto­ßen die Auf­ga­be einer nicht­im­pe­ria­lis­tisch und nicht­west­lich geson­ne­nen Neu­en Rech­ten sein könn­te. Denn Impe­ria­lis­mus bleibt auch nach dem »Kata­stro­phen­zeit­al­ter« (Eric Hobs­bawm) 1914 bis 1945 und nach dem bipo­la­ren Kal­ten Krieg ein Schlüs­sel­the­ma der Welt­po­li­tik. Inner­im­pe­ria­lis­ti­sche Inter­es­sen­gegen­sät­ze wach­sen, der uni­po­la­re Anspruch der USA wird her­aus­ge­for­dert, Chi­na und Ruß­land wer­den selbst – in deut­lich gerin­ge­rem Umfang als die USA – impe­ria­lis­ti­sche Fak­to­ren, wäh­rend die meis­ten Staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on (EU) durch NATO-Struk­tu­ren und wirt­schaft­li­che Bin­dungs­mit­tel wie TTIP fest an den Gro­ßen Bru­der gebun­den blei­ben. In Washing­ton wer­den die Spiel­re­geln für das glo­ba­le Finanz­sys­tem fest­ge­legt, nicht in Brüs­sel. In die­sem Sin­ne sind die Ruß­landsank­tio­nen auch weni­ger Mach­werk der EU, als viel­mehr Resul­tat des Gehor­sams den USA gegen­über, die Ruß­land als Stö­rer aus­ge­macht haben, da Putins Nati­on die west­lich imple­men­tier­te Hege­mo­ni­al­ord­nung nicht mehr wider­spruchs­los hin­nimmt und – im Sin­ne Carl Schmitts – eine mul­ti­po­la­re Welt­ord­nung respek­ti­ve ein »Plu­ri­ver­sum« anstrebt.

Dabei kann der rus­si­sche Prä­si­dent im übri­gen bequem dar­auf ver­wei­sen, daß die impe­ria­lis­ti­schen Krie­ge der letz­ten Jah­re aus­nahms­los von USA und NATO sowie ihren Satra­pen wie Sau­di-Ara­bi­en ange­zet­telt wur­den: Die­ser Befund zählt für Afgha­ni­stan, Irak, Liby­en, Syri­en und zuletzt für den »ver­ges­se­nen Krieg« im Jemen glei­cher­ma­ßen. Die Libe­ral­kon­ser­va­ti­ven auf der Rech­ten in Deutsch­land schwei­gen an die­ser Stel­le beharr­lich, was einen guten Grund hat: Man ist selbst Fleisch vom Flei­sche und eng ver­zahnt in der trans­at­lan­ti­schen Fron­de. Auch als »kon­ser­va­tiv« gel­ten­de Bun­des­po­li­ti­ker, etwa Atlan­tik-Brü­cke-Kader und Hoff­nung jung­frei­heit­li­cher Medi­en wie Fried­rich Merz (CDU), stel­len im Zwei­fels­fall nie­mals das Pri­mat der Bezie­hun­gen zu den USA in Fra­ge. Man berührt hier auch den schwie­ri­gen Punkt eines »deut­schen« Impe­ria­lis­mus. Daß der »Haupt­feind« im eige­nen Lan­de steht, wie Karl Lieb­knecht einst mein­te, hat gros­so modo erst heu­te, ein­hun­dert Jah­re spä­ter, fak­ti­sche Rele­vanz. Mit dem Angriffs­krieg gegen Ser­bi­en im Koso­vo­konflikt 1999 ist die Geburt des Impe­ria­lis­mus Mar­ke Bun­des­re­pu­blik ver­knüpft. Die­ser wesens­ge­mäß anti­na­tio­na­le Impe­ria­lis­mus ist zwar eine genu­in rot-grü­ne Schöp­fung, wird aber von der Gro­ßen Koali­ti­on in Treue fest wei­ter betrie­ben. Denn sieb­zehn Jah­re nach der Bom­bar­die­rung Bel­grads mischt die Bun­des­wehr nun als Gehil­fe der NATO in Syri­en mit, wo es, so die Jour­na­lis­tin Karin Leu­ke­feld tref­fend, um Einfluß in einer geo­stra­te­gisch wich­ti­gen Regi­on geht, die einer­seits über Öl, Gas und Was­ser ver­fügt, ande­rer­seits über stra­te­gi­sche Trans­port­we­ge. Es han­delt sich hier­bei um einen Impe­ria­lis­mus neu­en Typs: Er ist nicht natio­na­lis­tisch-chau­vi­nis­tisch bis ras­sis­tisch wie im 19. und 20. Jahr­hun­dert, son­dern öko­no­misch, men­schen­recht­lich und dem Wesen nach anti­na­tio­nal. Neben der ver­häng­nis­vol­len Selbst­zerflei­schung ist die Leug­nung die­ses Fak­t­ums die zwei­te gro­ße Schwach­stel­le des lin­ken anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Lagers. Man ist auf der Lin­ken nicht in der Lage wahr­zu­neh­men, daß es kei­ne Tra­di­ti­ons­li­nie eines wie auch immer gear­te­ten deutsch­na­tio­na­len Impe­ria­lis­mus von 1914 bis heu­te gibt, son­dern daß auch der Impe­ria­lis­mus als jüngs­tes Sta­di­um des Kapi­ta­lis­mus die Wesens­zü­ge des­sel­ben teilt: flexi­bel und anpas­sungs­fä­hig die Zei­ten zu überdauern.

Dabei war und ist man im anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Lager der natio­na­len Fra­ge nicht gänz­lich abge­neigt, wie die Fäl­le Kur­di­stan, Boli­vi­en, Vene­zue­la, teil­wei­se Syri­en oder Kuba zei­gen. Alle die­se Län­der sind Bei­spie­le für die Ver­schmel­zung eines nicht­im­pe­ria­lis­ti­schen Natio­na­lis­mus mit sozia­lis­ti­schen bis mar­xis­ti­schen Ideen. In Kubas Staats­ideo­lo­gie fnden sich Lenin und der Natio­nal­dich­ter José Mar­tí gleich­ran­gig ver­tre­ten, der Natio­nal­fei­er­tag wird am 26. Juli als »Tag der natio­na­len Rebel­li­on« began­gen, und Sal­va­dor Allen­de nann­te Fidel Cas­tros Umsturz mit gewis­ser Berech­ti­gung eine »authen­ti­sche natio­na­le Revo­lu­ti­on«. Kuba ist also das Mus­ter­bei­spiel für den Zusam­men­fall sozia­ler und natio­na­ler Fra­gen, und als sol­ches wird die Insel­re­pu­blik von jW oder dem lin­ken Netz­werk »Cuba Sí« gewür­digt. Der anti­pa­trio­ti­sche Affekt, den ein Wer­ner Pir­ker zu Leb­zei­ten noch gei­ßel­te, als er vor den »anti­na­tio­na­len Schmud­del­kin­dern des Neo­li­be­ra­lis­mus« (in Form der anti­deut­schen Sze­ne) warn­te, wird aller­dings auch in der jW dann bedient, wenn es um Deutsch­land geht. Die­ses Ver­hal­ten ist inso­fern kon­se­quent, als ihre Autoren in der Tra­di­ti­on der mar­xis­ti­schen Dua­li­tät »unter­drü­cken­de« ver­sus »unter­drück­te« Völ­ker ste­hen und Deutsch­land und die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Nomen­kla­tu­ra im Rah­men der Aus­teri­täts­po­li­tik als »unter­drü­ckend« def­nie­ren. Damit set­zen sie aber Deutsch­land und sei­ne Men­schen mit der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Eli­te gleich. Man hat von rechts häu­fig ver­sucht, der poli­ti­schen Lin­ken bewußt zu machen, daß auch Deutsch­land wie jedes ande­re Land vom glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus unter­jocht wird; am eif­rigs­ten und zugleich inhalt­lich radi­kals­ten waren sicher­lich die Anhän­ger Otto Stras­sers in den 1930er Jah­ren. Stras­sers Ableh­nung jed­we­der Herr­schaft eines Vol­kes über ein ande­res sowie die wie­der­holt beton­te wesens­ge­mä­ße Ver­knüp­fung von Impe­ria­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus, von Über­pro­duk­ti­on und der Erobe­rung neu­er Absatz­märk­te, stieß außer­halb natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­rer Krei­se der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on auf tau­be Ohren. Obwohl nach­drück­lich gegen Impe­ria­lis­mus Stel­lung bezo­gen wur­de, blieb man im Nie­mands­land zwi­schen den par­tei­po­li­ti­schen Extre­men von KPD und NSDAP gefan­gen. Es gelang zwar, dem Ras­sen­wahn fern­ste­hen­de Natio­nal­so­zia­lis­ten für die anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Stras­ser-Rich­tung zu gewin­nen, und es gelang eben­so, eini­gen hei­mat­be­wuß­ten Lin­ken die Not­wen­dig­keit des dyna­mi­schen Zusam­men­ge­hens schmack­haft zu machen – aber im sel­ben Maße, wie von ganz rechts und ganz links poli­ti­sche Akti­vis­ten hin­zu­stie­ßen, ver­lie­ßen zahl­rei­che Anhän­ger Otto Stras­sers Grup­pe, um bei Kom­mu­nis­ten oder Natio­nal­so­zia­lis­ten in einer grö­ße­ren Bewe­gung zu ste­hen. Das »Querfront«-Bemühen auf theo­re­ti­scher Basis schlug eben­so fehl wie das prak­ti­sche Bemü­hen sei­nes Bru­ders Gre­gor Stras­ser, 1932 eine »Quer­front« aus Gewerk­schaf­ten, Mili­tärs und »lin­ken« Natio­nal­so­zia­lis­ten zur Ver­hin­de­rung Hit­lers zu formieren.

Wird bedacht, daß die dama­li­ge Lin­ke wesent­lich natio­na­lori­en­tier­ter gewe­sen ist als die heu­ti­ge, und läßt man zudem den Blick über den lin­ken Hori­zont der Bun­des­re­pu­blik schwei­fen, wird schnell evi­dent, daß jed­we­des Quer­front-Bemü­hen sei­tens einer »Neu­en Rech­ten« zum Schei­tern ver­ur­teilt ist. Viel­mehr gilt es, durch eige­ne The­men­set­zun­gen und Pro­f­lie­run­gen die Res­te des lin­ken anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Lagers über­flüs­sig zu machen. De fac­to erle­di­gen die­se sich ohne­hin von selbst:

  • weil man (von Aus­nah­men abge­se­hen) ver­kennt, daß in Zei­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Glo­ba­li­sie­rung die Nati­on als Schau­platz von sozia­len und natio­na­len Kämp­fen wie­der rele­vant wird;
  • weil teil­wei­se im Bann von Bene­dict Ander­son und ver­gleich­ba­ren Theo­re­ti­kern davon aus­ge­gan­gen wird, daß Natio­nen »erfun­den« sind;
  • weil weit­ge­hend die natio­na­le Fra­ge negiert und patrio­ti­sches Erle­ben zum blo­ßen Res­sen­ti­ment erklärt wird;
  • weil schließ­lich die anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Lin­ke eine even­tu­el­le geis­tig-kul­tu­rel­le Hege­mo­nie im Bereich der Impe­ria­lis­mus­kri­tik eben­so ver­lie­ren wird wie die Nähe zum »Klei­nen Mann«, die auf­grund der Leug­nung natio­na­ler Beson­der­hei­ten bereits ver­lo­ren gegan­gen ist.

Trans­na­tio­na­le Kon­zer­ne und der Finanz­ka­pi­ta­lis­mus sowie mit­tels Krie­gen Hege­mo­nie aus­üben­de Alli­an­zen zer­stö­ren heu­te die Lebens­grund­la­gen der Staa­ten und Völ­ker. Weil die­se bei­den Pole – Kapi­ta­lis­mus und Impe­ria­lis­mus – aber untrenn­bar sind, weil bei­de die bewah­rens­wer­te Viel­ge­stal­tig­keit der Welt aus­lö­schen, muß die Rech­te heu­te anti­ka­pi­ta­lis­tisch und anti­im­pe­ria­lis­tisch sein: Sie hat etwas zu ver­lie­ren, das sie liebt; die Lin­ke hat nichts, für das sie kämpft, noch nicht ein­mal mehr ein »revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt«. Dar­an kön­nen auch Pro­jek­ti­ons­flä­chen wie »Roja­va« oder Kuba nichts ändern.

Ein Anti­im­pe­ria­lis­mus von rechts hat hin­ge­gen gute Chancen:

  • weil wei­te Tei­le der Lin­ken »pro­im­pe­ria­lis­tisch« gewen­det erschei­nen bzw. »neo­li­be­ra­li­siert« wurden;
  • weil der anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Rest offen­kun­dig mit inter­nen Ver­wer­fun­gen zu tun hat;
  • weil nun ein poli­ti­sches Vaku­um ent­steht, das die Rech­te nutz­bar machen kann, indem sie die ekla­tan­ten Wider­sprü­che des libe­ral­de­mo­kra­ti­schen Kapi­ta­lis­mus sowie impe­ria­lis­ti­sche Recht­fer­ti­gungs­ideo­lo­gien auf­deckt und in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang stellt. Dies erfor­dert von der Rech­ten frei­lich einen neu­en Blick auf die Flücht­lings­kri­se und ihre Auslöser.
Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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