Zukunftsbilder: Sezession 78 ist erschienen

Ab heute halten die Abonnenten sie in Händen: Die 78. Ausgabe der Sezession »Vorwärts immer« widmet sich auf 76 Seiten dem Nachdenken über all das, was uns bevorsteht.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

+ “Bild und Text” wirft einen kri­ti­schen Blick auf die pit­to­res­ke schwar­ze Sub­kul­tur, bei­spiel­haft dar­ge­stellt anhand des Rap­pers Kendrick Lamar und sei­nem Lied “DNA”. Es sind Blut- und noch ganz ande­re Lini­en, die hier zusam­men­lau­fen und ein Bild der Zukunft zeich­nen, das… nun ja… schwarz ist.

+ Mar­tin Sell­ner beleuch­tet in sei­nem Autoren­por­trät den US-Poli­to­lo­gen Gene Sharp und des­sen Kon­zept der “gewalt­lo­sen Akti­on” zur poli­ti­schen Mach­ter­lan­gung. Die­se theo­re­ti­sche Grund­la­ge welt­wei­ter Regime-chan­ge-Akti­vis­ten war bereits auf der Win­ter­aka­de­mie des Insti­tuts für Staats­po­li­tik zur Fra­ge der Gewalt ein The­ma und ver­dient wei­te­res Durch­den­ken – ins­be­son­de­re, als von Sharp bis­lang nur Von der Dik­ta­tur zur Demo­kra­tie in deut­scher Über­set­zung vorliegt.

+ Die Über­le­gun­gen Mar­tin Licht­mesz’ zum »demo­bi­li­sie­ren­den Mythos« befas­sen sich mit den Geschichts­bil­dern von Charles Peguy, René Gué­non und Juli­us Evo­la. Wenn man von einem zykli­schen Geschichts­ver­lauf aus­geht, in dem sich die Welt­zeit­al­ter von Wer­den, Sein und Ver­ge­hen unab­än­der­lich wie­der­ho­len: Wo ist dann noch Raum für eige­ne Akti­vi­tät, und wie ent­geht man der fata­lis­ti­schen Mutlosigkeit?

+ Götz Kubit­schek zeich­net sie­ben klei­ne Bil­der eines Über­mor­gen, das irgend­wo zwi­schen Beschei­den­heit und Ehr­geiz, Pri­vat­sphä­re und all­um­fas­sen­der digi­ta­ler Über­wa­chung, Mut und Will­fäh­rig­keit, Bun­des­wehr und Kräu­ter­gar­ten ange­sie­delt ist. Wohin die Rei­se geht? Dar­über phi­lo­so­phiert der­je­ni­ge all­zu leicht, des­sen Weg nicht holp­rig ist – für alle ande­ren heißt es, in der Lage zu leben und zwi­schen tech­no­lo­gi­schen wie mensch­li­chen Ein­sen und Nul­len die eige­ne Stel­lung zu halten.

+ Der Job­bik-Vor­sit­zen­de Gábor Vona, von dem bereits in Sezes­si­on 71 eine poli­ti­sche Typo­lo­gie zu lesen war, hat dies­mal eine grund­le­gen­de Skiz­ze des »moder­nen Kon­ser­va­ti­vis­mus« in einer post­mo­der­nen Welt bei­gesteu­ert. Die Unzeit­ge­mäß­heit der alten poli­ti­schen Trenn­li­ni­en des 19. Jahr­hun­derts tritt heu­te offen zuta­ge, und so ist eine Neu­ori­en­tie­rung gefragt: ent­lang lebens­ge­setz­li­cher Wahr­hei­ten, die die Poli­tik der Zukunft in eine Front mit Kul­tur und Natur rücken. Am Ende steht das, was Vona die »sakral­öko­lo­gi­sche Ord­nung« nennt – oder es steht nichts mehr.

+ Eine »Kri­tik der wis­sen­schaft­li­chen Prin­zi­pi­en« übt Felix Men­zel. Dabei geht es um uto­pi­sche Mach­bar­keits­phan­ta­sien auf der einen, unre­flek­tier­te Zukunfts­angst auf der ande­ren Sei­te und den zu fin­den­den Mit­tel­weg zwi­schen Skyl­la und Cha­ryb­dis hin­durch, ohne sich in furcht­sa­mer Lethar­gie oder blin­dem Eifer zu verlieren.

+ Mei­ne Wenig­keit befaßt sich im Bil­din­nen­teil mit dem bereits ein­ge­schla­ge­nen Weg des Trans- und Post­hu­ma­nis­mus, hin zum tech­no­lo­gi­schen “neu­en Men­schen” – oder viel­leicht ganz weg vom Men­schen? Klas­si­sche mensch­li­che Ängs­te eines Aus­ge­lie­fert­seins an die über­mäch­ti­gen Maschi­nen sind dabei eben­so The­ma wie die fröh­li­che Bei­hil­fe der Kon­su­men­ten zu ihrer eige­nen Total­über­wa­chung, die doch das Leben viel leich­ter und schö­ner zu machen verspricht.

+ Die Rol­le der Unter­neh­men und ihre Plä­ne für die Zukunft ste­hen im Mit­tel­punkt von Bene­dikt Kai­sers Ana­ly­se zum »Geist der Tech­nik und die Macht der Daten«. Und hier­bei geht es nicht nur um die all­fäl­li­ge Angst vor digi­ta­ler Aus­spä­hung und dem völ­li­gen Ver­lust der Pri­vat­heit: Durch die zu erwar­ten­den, rasan­ten tech­ni­schen Ver­än­de­run­gen der unmit­tel­ba­ren Zukunft wird sich auch die sozia­le Fra­ge in einer neu­en Radi­ka­li­tät stel­len, gegen die frü­he­re Ver­tei­lungs­kämp­fe ver­blas­sen wer­den. Es gilt, dar­auf vor­be­rei­tet zu sein – Kai­ser lie­fert die Grundlagen.

+ Das markt­wirt­schaft­li­che Schlag­wort der Dis­rup­ti­on ist schon eini­ge Jah­re lang auch in Deutsch­land ange­kom­men, aber über die beruf­li­che Sphä­re hin­aus wenig bekannt. Micha­el Wies­berg schafft nun Abhil­fe: Sei­ne Aus­füh­run­gen zum The­ma und zu des­sen Impli­ka­tio­nen für den Markt­trend hin zu unun­ter­bro­che­ner Inno­va­ti­on, die zu kurz gekom­me­ne Unter­neh­men förm­lich zer­rei­ßen kann, zeich­nen ein Bild von Lob­by­grup­pen und tech­no­lo­gi­scher Welt­re­vo­lu­ti­on, das heu­te bereits zu einem guten Teil Rea­li­tät ist.

+ Dem über­kom­me­nen kon­ser­va­ti­ven Zukunfts­vor­be­halt tritt auch Wig­go Mann in sei­nem Plä­doy­er für eine Zukunfts­vi­si­on von rechts ent­ge­gen. Da trot­zi­ge Ver­wei­ge­rung oder das Drän­gen auf eine behut­sa­me­re Fort­mo­der­ni­sie­rung die tech­no­lo­gi­sche Revo­lu­ti­on beim bes­ten Wil­len nicht auf­hal­ten wird, ist es hohe Zeit, end­lich ein trag­fä­hi­ges, kon­ser­va­ti­ves poli­ti­sches Bild mög­li­cher zukünf­ti­ger Ver­än­de­run­gen vor­zu­le­gen. Dazu dient eine kur­ze Rück­be­sin­nung auf die bis­he­ri­gen drei Indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen – und eine Vor­aus­schau dar­auf, wie Natio­nal­staat und klei­ne zwi­schen­staat­li­che Zweck­bünd­nis­se im zukünf­ti­gen Spiel glo­ba­ler (digi­ta­ler) Gewal­ten daste­hen werden.

+ Lutz Mey­er hat sich inten­siv mit dem Buch Gegen Demo­kra­tie des ame­ri­ka­ni­schen Phi­lo­so­phen Jason Brenn­an befaßt und zeich­net des­sen fins­te­ren Lösungs­vor­schlag für das “Pro­blem” des welt­weit im Auf­wind befind­li­chen “Popu­lis­mus” nach, näm­lich die Beschrän­kung des poli­ti­schen Mit­be­stim­mungs­rechts auf eine Kas­te der Zuver­läs­si­gen: eine klas­si­sche Epistokratie.

+ Aktu­el­len Fra­ge­stel­lun­gen zu den Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Wis­sen­schaft und Poli­tik hat sich Insti­tuts­lei­ter Erik Leh­nert gewid­met. Sei­ne Betrach­tun­gen erstre­cken sich über sie­ben aka­de­mi­sche Fach­be­rei­che und machen eines klar: Das seit Jahr­zehn­ten gepfleg­te Modell der Gefäl­lig­keits­wis­sen­schaf­ten ist zukünf­tig kei­nes­falls mehr trag­fä­hig. Auch hier müs­sen Alter­na­ti­ven her!

+ Das Gespenst einer all­mäh­li­chen Aus­schlei­chung des Bar­geld­ver­kehrs in Deutsch­land und Euro­pa geht bereits seit meh­re­ren Jah­ren um. Andre­as Lichert beleuch­tet die “Affä­re” fach­kun­dig und gelas­sen – hat wirk­lich »nie­mand die Absicht, das Bar­geld abzuschaffen«?

+ Johan­nes Kon­stan­tin Poens­gen berührt in sei­nem Gedan­ken­spiel ein heik­les The­ma: Im Zuge immer höher ent­wi­ckel­ter Bio­tech­no­lo­gie bei gleich­zei­ti­ger völ­li­ger Ver­nach­läs­si­gung der Bio­po­li­tik stellt sich die Fra­ge nach mög­li­chen euge­ni­schen Initia­ti­ven irgend­wo zwi­schen Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik und all­ge­mei­ner Kon­sum­men­ta­li­tät unver­mit­telt aufs Neue. Was das hei­ßen kann, vor allem in einem Staat, der sich auf die Rol­le eines blo­ßen Markt­re­gu­la­tors zurück­zieht, das skiz­ziert Poens­gen in »Die Pri­va­ti­sie­rung der Eugenik«.

+ Zwei Autoren heben jeweils einen lite­ra­ri­schen The­men­kom­plex beson­ders her­vor: Felix Dirsch befaßt sich mit dem Desas­ter im Innern der Zuwan­de­rungs­ma­schi­ne – Die Getrie­be­nen, Brenn­punkt Trais­kir­chen und Die neue Völ­ker­wan­de­rung nach Euro­pa lie­fern dazu jeweils bemer­kens­wer­te Gedan­ken und Ein­bli­cke. Jörg Sei­del indes hat das angeb­li­che “Gegen­gift” zu Hou­el­le­becqs Unter­wer­fung ein­ge­hend gele­sen, näm­lich Kom­pass von Mathi­as Énard (des­sen Zone ja sei­ner­zeit ein Wahn­sinns­buch gewe­sen war). In der Syn­the­se ergibt sich ein bemer­kens­wer­ter Blick auf Euro­pa und sei­nen Tau­mel in die Arme des Islams.

+ Abschlie­ßend bespro­chen wer­den u.a. Chris Kraus’ Das kal­te Blut, die pri­va­te Kampf­zo­ne Alles Lüge von Joa­chim Lott­mann sowie die kurio­se Mao-Bio­gra­phie Es wird Kampf geben aus der Feder Hel­wig Schmidt-Glint­zers – die man hier auf der Sach­buch­emp­feh­lungs­lis­te von NDR und Süd­deut­scher neben dem kapla­ken-Band Finis Ger­ma­nia bewun­dern kann!

Abon­nen­ten soll­ten die Aus­ga­be mitt­ler­wei­le erhal­ten haben; Ein­zel­be­stel­lun­gen und die Ein­sicht in das Inhalts­ver­zeich­nis sind hier mög­lich. Ein Jah­res­abon­ne­ment kos­tet inner­halb Deutsch­lands und Öster­reichs 50 Euro, ermä­ßigt für Nicht­ver­die­ner 35 Euro (jeweils inkl. Por­to), für För­de­rer 75 €, im Aus­land 60 €. Wer jetzt abon­niert (hier geht’s lang!), abon­niert den Jahr­gang 2017 und erhält zwei wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en des Insti­tuts für Staats­po­li­tik als Prä­mie dazu.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (7)

Platon

9. Juni 2017 23:05

Über die Nominierung von Sieferles Buch:

 

https://m.taz.de/!5416892;m/

Monika L.

9. Juni 2017 23:31

@ Platon

Ich darf mal: https://www.taz.de/!5416892/

Gratulation an den antaios -Verlag. Man überlegt, ob man solche  Bücher verbieten soll ! Hammer.

Nautilus

10. Juni 2017 00:58

@Monika L. würde sie es den wundern wenn Bücher verboten würden? mich nicht. Bei der Bundestagswahl werden manche noch schauen, was in der BRD alles möglich ist.

Bei den Wahlen in Schleswig Holstein bekam die AFD kein Lokal vermietet Das ist alles erst der Anfang.

calculus

10. Juni 2017 10:15

Gestern, am späten Nachmittag, habe ich die neue Sezession aus dem Postkasten entnommen. Gestehen muß ich, daß ich diemal besonders gespannt war, hatte Herr Sellner doch bereits vor ein paar Tagen darauf hingewiesen, daß er einen Beitrag im Heft hat (https://www.instagram.com/p/BU_0pU6Fqrh/). Allerdings war nicht klar, welchen, weil sein Name auf dem Titelblatt nicht genannt ist. Jedoch stand zu vermuten, daß es wohl das Autorentporträt ist, denn daß er sich in seinem Aktionismus an Gene Sharp anlehnt, ist bereits seit längerem kein Geheimnis mehr.

Aber genau das hat bei mir ein paar Fragezeichen hervorgerufen, ist Gene Sharp mir doch deutlich länger ein Begriff als Herr Sellner, und zwar vor allem als geistiger Vater der sogenannnten "orangenen Revolutionen", gewissermaßen liberaler Zersetzungsarbeit, vor allem im (ehemaligen) Ostblock (Revolutionaries For Hire von 2011: https://www.youtube.com/watch?v=63zv2z5wcRo, Gene Sarps Auftritt in diesem Video erst ab der knappen Hälfte). Hängen geblieben bei mir ist, daß der ukrainische "Maidan" zu guten Teilen auf diese Techniken zurückzuführen ist. Dazu hatte Putin bereits das Nötige gesagt und entsprechende Konsequenzen gezogen.

Im Heftartikel nun stellt Herr Sellner es genauso dar, wie es, nach meinen Begriffen, ist. Insbesondere setzt er sich mit den folgenden zwei Fragen auseinander:

1. Ist die Widerstandtechnik nur als vom Westen finanzierter Regime change umsetzbar?
2. Ist Sharps Methode intrinsisch und ideengeschichtlich "links"?

Nach meinem Eindruck kommt er schließlich zu dem Ergebnis, daß er (weitestgehend ideologiefreie) Techniken (jedenfalls ohne weiteren ideologischen Tiefgang), die längst gezeigt haben, daß sie funktionieren, nicht einfach unkritisch übernimmt, sondern entsprechend adaptiert.

Chapeau.

Heinrich Löwe

10. Juni 2017 13:00

Ich hab eben als Erstes den Beitrag von M. Lichtmesz gelesen; er bahnt eine Schneise ganz im Sinne seines von mir über alle Maßen geschätzen "Kann nur ein Gott uns retten?" Die Einbeziehung unserer abendländischen, christlichen  Spiritualität führt zu einem tiefen Gefühl der Stimmigkeit und "Wahrheit". Mich erinnert es immer an Bahros "Logik der Rettung" und dessen Vorlesungen an der Humboldt-Uni nach '89.

Der letzte Absatz verweist darauf, daß bei allem was wir für wichtig halten, die Demut als die das Herz öffnende Haltung, stets einen Platz haben sollte. Er läßt den Leser fast schon in einem griechisch-tragischen Empfinden zurück, daß die Welt sich trotz allem unzerstörbar weiter dreht.  Und daß man ein gottgefälliges, einfaches Leben führen sollte, um auf den Jüngsten Tag vorbereitet zu sein.

Cunctator

10. Juni 2017 20:09

Briefe an alle und keinen war mein Lesestart. Kann es die nicht in jedem Heft geben?  Satirestoff ist doch im Überfluss vorhanden? 

Hartwig aus LG8

10. Juni 2017 23:15

Heute ein erster Blick ins Heft. Kubitscheks 'sieben Bilder' gelesen. Schwere Kost. Verdient Zweit- vielleicht Drittlektüre.

Meiner kürzlichen Bitte, eine Wasserstandsmeldung bzgl. der aktuellen Ereignisse in der Bundeswehr zu geben, wurde über Umwege entsprochen - zumindest empfinde ich das so - besten Dank. Zu den Punkten 4, 5 und 6: Es gibt auf dem Blog von Gastautor Thomas Schmidt einen Kommentator, der immer wieder anmahnt (so zumindest meine Interpretation ...) , sich als Rechter vom  wissenschaftlich-technischen Fortschritt (und dessen Auswüchsen und Abgründen??) nicht abkoppeln zu lassen - dies mit vielfältigen und keinesfalls abwegigen Begründungen. Reizt immer zum Widerspruch, und dennoch ....

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