Panikreaktionen – Sieferle auf Platz 1

"Das Buch im Haus nebenan", schrieb Ray Bradbury in seinem Roman Fahrenheit 451, "ist wie ein scharfgeladenes Gewehr." Er hat recht.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Wer doch noch irgend­wie an der Macht des bedruck­ten Papiers zwi­schen zwei Buch­de­ckeln auf der einen und an der Dumm­heit hys­te­ri­scher Reak­tio­nen bei geis­ti­ger Her­aus­for­de­rung auf der ande­ren Sei­te zwei­fel­te, ist heu­te wie­der ein­mal eines Bes­se­ren belehrt worden:

Finis Ger­ma­nia, das bei Antai­os erschie­ne­ne Bänd­chen aus dem Nach­laß des Kul­tur­phi­lo­so­phen Rolf Peter Sie­fer­le, steht seit Stun­den auf Ver­kaufs­rang Nr. 1 bei ama­zon (obwohl es nicht direkt, son­dern nur über Zweit­an­bie­ter bestellt wer­den kann).

Der Grund die­ser für unse­ren “Klein­ver­lag” (wiki­pe­dia) außer­ge­wöhn­li­che Plat­zie­rung ist die Auf­nah­me von Finis Ger­ma­nia in die Emp­feh­lungs­lis­te “Sach­bü­cher des Monats”, in der Sie­fer­les Destil­lat selt­sa­mer­wei­se nicht Platz 1, son­dern nur Platz 9 errin­gen konn­te. Selbst der 1. Rang in die­ser Lis­te hät­te die Absatz­zah­len nicht wesent­lich gestei­gert – zu erwart­bar, zu lang­wei­lig, mit zuviel Kon­sens­wär­me erfüllt ist die­se Lis­te, und das Pro­ze­de­re ihres Zustan­de­kom­mens selbst ver­weist schon auf eine lang­wei­li­ge Institution.

Da darf also jedes Jury-Mit­glied Punk­te ver­ge­ben für Bücher, die es emp­feh­len möch­te. Es fin­det kei­ne Vor­auswahl statt, kei­ne Dis­kus­si­on, kein inhalt­li­cher Streit – das Gan­ze ist ein unen­ga­gier­tes, mit­hin erwart­ba­res Teil­stück­chen einer mit sich selbst und ihrer Selbst­be­stä­ti­gung beschäf­tig­ten links­li­be­ra­len Kultur-Nomenklatur.

Man nahm dort das Votum “Sie­fer­le, Platz 9” kom­men­tar­los hin: Kein Juror inter­es­siert sich ernst­haft für das, was ein ande­rer emp­fahl, denn der eine Schluck Was­ser gleicht dem ande­ren – sinn­los, davon zu kos­ten. Das sind Pro­fis der Klap­pen­text­lek­tü­re, die­se Leu­te, und was sie selbst ent­de­cken oder emp­foh­len bekom­men könn­ten, paßt ohne anzu­kan­ten durch ihren engen Mei­nungs­kor­ri­dor wie die Rol­la­to­ren der Grei­se durch den Flur eines Altersheims.

Also muß­te ein links­ra­di­ka­ler taz-Autor die “Juro­ren” mit der Nase drauf sto­ßen, ein Autor übri­gens, der mal vor unse­rer Haus­tür in Schnell­ro­da her­um­stand und genau wuß­te, daß er eben­so wie jeder ande­re geis­tig Bedürf­ti­ge sei­nen Bet­tel­sack auf­span­nen und – in unse­rer Küche sit­zend – ein biß­chen von jener ech­ten Lese­be­geis­te­rung und ‑frei­heit abbe­kom­men wür­de, die vor allem Ellen Kositza vom ers­ten Satz an ausstrahlt.

Die taz also, die alte Tan­te mit den ver­läß­li­chen Minen­hun­den, von denen Andre­as Speit der bere­chen­bars­te ist (dicht gefolgt von Lia­ne Bed­narz und Vol­ker Weiß): Man kann sich blind, wirk­lich blind dar­auf ver­las­sen, daß die­se Leu­te – geil auf jede Zei­le, die sie zu ihrem Lebens­in­halt abset­zen kön­nen – jedes unse­rer The­men, das eigent­lich kei­nes ist, zu einem machen. In gewis­sem Sin­ne gehö­ren sie zum Team, aber das bes­te: Wir müs­sen sie nicht bezahlen.

Es folg­ten FAZ und Süd­eut­sche, dann der NDR, und heu­te der gan­ze Rest. So gehen Rech­nun­gen auf, und des­we­gen dru­cken wir auch erst nach, seit Speit, der Groß­meis­ter des ver­mas­sel­ten Keu­len­hiebs, in der taz die Kugel in den Auto­ma­ten schnel­len ließ. Der Sach­buch­lis­te selbst wegen hät­ten wir noch nicht ein­mal eine Absatz­beu­le wahrgenommen.

– – –

Zum erns­te­ren Teil der Sache: Man möch­te an Rolf Peter Sie­fer­le Ruf­mord bege­hen. Der Gip­fel die­ses Ver­suchs ist der­zeit bei Chris­ti­an Schrö­der vom tages­spie­gel zu sehen, aber wir wer­den noch ande­re Höhen errei­chen. Schrö­ders denun­zia­to­ri­sche Bestands­auf­nah­me ist jeden­falls mit der Foto­gra­fie eines gewis­sen Lager­tors illus­triert – man muß zuge­ben: schwin­deln­der geht es kaum.

Das ist also der Ansatz, den Jan Gross­arth von der FAZ und der einer ekla­tan­ten Auf­sichts­un­fä­hig­keit über­führ­te Jury-Chef Andre­as Wang wählten:

Denun­zie­rung des­sen, was auch durch sie erst ins Galop­pie­ren kam. Die Ver­dre­hun­gen im Ein­zel­nen, wir zitie­ren Grossarth:

Ausch­witz sei ein „Mythos“, wel­cher „der Dis­kus­si­on ent­zo­gen wer­den soll“, schreibt Sie­fer­le. Der Jury-Vor­sit­zen­de Andre­as Wang hat­te der „tages­zei­tung“ gesagt, „dass das Buch die Lis­te nicht gera­de ziert“. Womög­lich ent­hält das Buch straf­ba­re Inhal­te. Die begriff­li­che Ver­bin­dung von Ausch­witz und „Mythos“ weist eine Nähe zum straf­ba­ren Aus­druck der „Ausch­witz-Lüge“ auf.

Zur Beur­tei­lung die­ser Spe­ku­la­tio­nen zunächst Sie­fer­le im aus­führ­li­chen Zitat:

 Der Natio­nal­so­zia­lis­mus, genau­er Ausch­witz, ist zum letz­ten Mythos einer durch und durch ratio­na­li­sier­ten Welt gewor­den. Ein Mythos ist eine Wahr­heit, die jen­seits der Dis­kus­si­on steht. Er braucht sich nicht zu recht­fer­ti­gen, im Gegen­teil: Bereits die Spur des Zwei­fels, die in der Rela­ti­vie­rung liegt, bedeu­tet einen erns­ten Ver­stoß gegen das ihn schüt­zen­de Tabu. Hat man nicht gar die „Ausch­witz­lü­ge“ als eine Art Got­tes­läs­te­rung mit Stra­fe bedroht? Steht hin­ter dem Pochen auf die „Unver­gleich­lich­keit“ nicht die alte Furcht jeder offen­bar­ten Wahr­heit, daß sie ver­lo­ren ist, sobald sie sich auf das auf­klä­re­ri­sche Geschäft des his­to­ri­schen Ver­gleichs und der Recht­fer­ti­gung ein­läßt? „Ausch­witz“ ist zum Inbe­griff einer sin­gu­lä­ren und untilg­ba­ren Schuld geworden.

Das meint das­sel­be, was Josch­ka Fischer mein­te, als er von Ausch­witz als dem Grün­dungs­my­thos der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sprach: die tabu­be­wer­te, stif­ten­de, gro­ßen his­to­ri­schen Erzäh­lung, die auf­grund ihrer Dimen­si­on und Unver­gleich­lich­keit zu einem Mythos gewor­den sei. Der Unter­schied: Wo Fischer die­sen Mythos als sinn­stif­tend begrüß­te und für die Bän­di­gung des ewi­gen deut­schen Täters als unver­zicht­bar erklär­te, sieht Sie­fer­le, das wird im Ver­lauf des Tex­tes klar, in die­ser Nega­tiv-Erzäh­lung nichts Stif­ten­des, son­dern eine Total­in­fra­ge­stel­lung des wei­te­ren Weges eines (des eige­nen) Volkes.

Dar­über soll­te man reden kön­nen, und es gibt His­to­ri­ker, Poli­ti­ker und Schrift­stel­ler, die das taten und tun. Von einer geis­ti­gen Nähe Sie­fer­les zu irgend­ei­ner Form der “Ausch­witz­lü­ge” wird man indes nichts fin­den kön­nen, es sei denn, man ist hin­ter­häl­tig (Gross­arth), panisch (Wang) oder unge­bil­det (Schrö­der) und setzt den Begriff “Mythos” mit “Erfin­dung”, “Mär­chen” oder eben “Lüge” gleich.

Ein wei­te­res Zitat, wie­der von Grossarth:

Im Jar­gon der Fein­de der Wei­ma­rer Repu­blik nennt Sie­fer­le bür­ger­li­che Par­tei­en und Medi­en „Sys­te­me ohne Wer­te, Zie­le und Pro­gram­me“. Migran­ten wer­den zu „Bar­ba­ren“. In Gän­se­füß­chen: „Ausch­witz“. Die jüdi­schen Opfer: die „omi­nö­sen sechs Millionen“.

Wie­der­um Sie­fer­le im Ori­gi­nal, zunächst zu den Sys­te­men. Gross­arths Fetz­chen ist her­aus­ge­rupft aus einem schwie­ri­gen Kon­text mit dem Titel “Poli­tik und System”:

Poli­tik gehört einer älte­ren Daseins­schicht an, geord­net in Hin­blick auf Staat und Geschich­te, kris­tal­li­siert in Staats­män­nern, Füh­rern und Ideo­lo­gen. Es gibt in ihr Pro­gram­me, Wer­te und Zie­le. Gefor­dert sind Tugen­den und Ein­sät­ze, die sich auf ein über­ge­ord­ne­tes Gan­zes rich­ten. Ulti­ma ratio der Poli­tik ist der Krieg: die Bereit­schaft zur Selbst­hin­ga­be des Indi­vi­du­ums für eine höhe­re Sache, für eine Gemein­schaft, zum Opfertod.

Sys­tem ist die Eigen­schaft neu her­auf­zie­hen­der Ord­nun­gen von höhe­rer Kom­ple­xi­tät, wel­che die Poli­tik suk­zes­si­ve ver­drän­gen. Sys­te­me orga­ni­sie­ren sich ohne Fokus, ohne Wer­te, Zie­le und Pro­gram­me. Ihre ein­zi­ge Maxi­me lau­tet: Frei­heit und Eman­zi­pa­ti­on für die Indi­vi­du­en. Tugend und Opfer sind Ana­chro­nis­men, Krie­ge blo­ße Kon­flikt­ka­ta­stro­phen, die es durch geschick­tes Manage­ment zu ver­hin­dern gilt. Ord­nung wird durch selbst­er­zeug­te Zwän­ge der Objek­ti­vi­tät geschaf­fen, nicht aber durch nor­mie­ren­de Aus­rich­tung. Die Struk­tu­ren der Sys­te­me sind für die Indi­vi­du­en so unent­rinn­bar wie ein Magnet­feld für Eisen­spä­ne. Sie „wis­sen“ nichts davon, doch fügen sie sich den vor­ge­zeich­ne­ten Bah­nen. Die wich­tigs­ten Vor­gän­ge wer­den nicht gesteu­ert und sind kaum theo­re­tisch faßbar.

Daß Migran­ten zu “Bar­ba­ren” wür­den, kann ich in Finis Ger­ma­nia nicht fin­den, die Ausch­witz-Gän­se­füß­chen hin­ge­gen schon, sie­he Zitat wei­ter oben, letz­te Zei­le. Die Gän­se­füß­chen kenn­zeich­nen “Ausch­witz” als pars pro toto, nicht als zynisch aus­ge­spro­che­ne Zurückweisung.

Zuletzt: die “omi­nö­sen sechs Millionen”:

Wor­in kann die Leh­re aus Ausch­witz eigent­lich bestehen? Daß der Mensch, wenn er die Gele­gen­heit dazu fin­det, zum Äußers­ten fähig ist? Wer dazu Ausch­witz benö­tigt, möge dies dar­aus ler­nen. Oder daß in der tech­ni­schen Moder­ne moder­ne Tech­nik zum Mas­sen­mord ein­ge­setzt wird? Wen dies über­rascht, der möge es aus Ausch­witz ler­nen. Oder ist es die schie­re Zahl der Opfer, die omi­nö­sen sechs Mil­lio­nen? Also etwas fürs Gui­ness-Buch der Rekor­de? Aber Vor­sicht, Rekor­de sind dazu da, gebro­chen zu werden!

Oder ist das wirk­lich Lehr­rei­che an Ausch­witz der mani­fes­te Zusam­men­bruch des Fort­schritts­glau­bens, also die Ein­sicht, daß so etwas „noch im 20. Jahr­hun­dert“ gesche­hen konn­te? Also die end­gül­ti­ge Ernüch­te­rung, nach dem Ers­ten Welt­krieg und nach dem Gulag unwi­der­ruf­bar: Das „Pro­jekt der Moder­ne“ ist ein für alle­mal geschei­tert? Was seit jeher gesche­hen ist, wird wei­ter­hin gesche­hen. Es gibt kei­ne irrever­si­ble Ent­wick­lung der Moral, nur ein ewi­ges Auf und Ab.

Mein Fremd­wör­ter­le­xi­kon (Duden, Band 5) nennt mir als ers­te Bedeu­tung für omi­nös: “von schlim­mer Vor­be­deu­tung”, “unheil­voll”. So hat Sie­fer­le das auf­ge­schrie­ben, so hat er es gemeint, aber klar: Gross­arth, Wang und Schrö­der, die Seil­tän­zer unter den Sprach­a­kro­ba­ten, wis­sen es bes­ser, und plat­zen mit ihrer Bes­ser­wis­se­rei vor hun­dert­tau­sen­den Lesern her­aus, ohne im Gerings­ten eine Vor­stel­lung davon zu haben, was das für den Ruf und die Repu­ta­ti­on eines gro­ße Den­kers und eines Klein­ver­lags (wiki­pe­dia) bedeu­ten könnte.

Der Juror, der Sie­fer­le auf die Emp­feh­lungs­lis­te setz­te, wird im übri­gen sehr schwe­re Tage vor sich haben. Er konn­te die­se feuil­le­to­nis­ti­sche Putz­trup­pe nicht kom­men sehen. Hof­fent­lich über­lebt er die Panik­re­ak­tio­nen beruflich.

Damit genug. Karl­heinz Weiß­mann (Jun­ge Frei­heit) und Micha­el Klo­n­ovs­ky (acta diur­na) sind die ers­ten, die zur Ver­tei­di­gung Sie­fer­les kla­re Wor­te gefun­den haben. Und auf allen Por­ta­len, selbst bei der ZEIT, sind drei bis vier Fünf­tel der Leser­kom­men­ta­re hämisch bis sar­kas­tisch gestimmt über den Feuil­le­ton­ver­such, aus Sie­fer­le einen Het­zer und Extre­mis­ten zu machen. Dabei war er bloß in kla­rer Kopf und las nicht immer wie alle ande­ren um ihn her­um an der Uni das bereits Bekannte.

Machen Sie sich selbst ein Bild. Sie­fer­les Finis Ger­ma­nia bestellt man am bes­ten hier, und sein Migra­ti­ons­pro­blem (eben­falls aus dem Nach­laß) hier gleich mit, damit wir die­ses Gefecht gewin­nen. “Das Buch im Haus neben­an”, ich zitier­te Ray Brad­bu­rys Roman Fah­ren­heit 451 bereits, “ist wie ein scharf­ge­la­de­nes Gewehr.” Er hat recht. Und die Knar­re ist dies­mal auf das Feuil­le­ton gerich­tet. Es kommt damit nicht zurecht, es reagiert mit Panik. Ein Glück!

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (45)

Der Gehenkte

13. Juni 2017 01:09

Den ganzen Tag schon verfolge ich diesen organsierten Rufmord. Geschockt! Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Empfinde es wie eine Zäsur, eine neue Stufe der Entgrenzung. Habe das Buch selber gelesen und diskutiert - nichts von den Unterstellungen hat Hand und Fuß. Der "Lügenäther" wird immer dichter - nimmt mir die Luft zum atmen. Erster Impuls: weg aus diesem Land! Mehr Licht!

Monika L.

13. Juni 2017 01:16

Gratulation !

Der Sieg für die dumme Linke wird zum Sieg für die kluge Rechte !

https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2017/ein-sieg-der-dummen-linken/

RMH

13. Juni 2017 01:22

"Das Buch im Haus nebenan ist wie ein scharfgeladenes Gewehr."

Und entsichert hat die Büchse ein Mitarbeiter des Spiegel Fuilletons - der damit vermutlich beruflichen Selbstmord begangen hat (evtl. hat er bereits ordentlich was auf der hohen Kante und konnte es sich erlauben), so wie jetzt das aufgeregte Gegaggere und Überschlagen der Meldungen zeigt.

Merken die eigentlich nicht, wie sie mit ihrem offenen Ruf nach Zensur, Verbannung, dem Staatsanwalt etc. erst die Lust auf dieses Buch wecken und dabei gleichzeitig ihren letzten Rest Glaubwürdigkeit verspielen?

Ich gönne Sieferle den späten Erfolg, dass seine Schrift jetzt größeren Absatz findet (und natürlich auch dem Verlag).

Leo

13. Juni 2017 01:41

Tja, da waren die Genossen wohl nicht wachsam genug... Wie konnte DAS nur geschehen?!? Um die interessantere Frage zu stellen: Hatte denn wirklich niemand (außer dem nun geouteten Schuldigen) vorher den Namen Sieferle auch nur gehört? Oder anders: Gibt es dort wirklich keine TUMULT-Leser?

'Dummheit schützt vor Strafe nicht' hieß es früher... Aber darum geht es ja  gar nicht. Was wirklich vollkommen unglaublich ist, ist nicht die offenbar politische Unbedarftheit der Juroren. Aber die Art und Weise, sich zu distanzieren, Besserung zu geloben, ein Projekt nun quasi zu beenden - das ist doch neo-stalinistische Selbstkritik-Kultur der Extraklasse. Oder merken all die Möchtegern-Ingenieure der menschlichen Seele vielleicht nicht einmal, welches Stück sie damit aufführen? Und das im Jahre 2017, im freiesten Deutschland, das es jemals gab...? 

@ Der Gehenkte

Weg aus diesem Land? Nix da: Wir bleiben hier! (Oder wie's vor '89 hieß: Bleibe im Lande und wehre Dich täglich.) ;-)

E.

13. Juni 2017 01:46

"(...) Das sind Profis der Klappentextlektüre, diese Leute, und was sie selbst entdecken oder empfohlen bekommen könnten, paßt ohne anzukanten durch ihren engen Meinungskorridor wie die Rollatoren der Greise durch den Flur eines Altersheims. (...)"

Very splendid, indeed. Jedes Wort ein Stich mit dem Florett, nicht mit dem Säbel. - Und ein großer Jammer, dass Herr Sieferle tot ist und sich gegen diese werten Herrschaften (vulgo: die kleinen Würmchen aus dem "Mainstream") nicht zur Wehr setzen kann.

Thomas S.

13. Juni 2017 01:54

Hunderte Seiten Analysen und Argumente hätten die Geistlosigkeit der offiziösen Publizistik nicht besser bloßstellen können als deren eigenes Auftreten in diesem Fall es wieder einmal tat. Aus jedem ihrer Worte spricht die nackte Angst vor der Kraft der verbotenen Bücher und der verbotenen Gedanken.  So klingen keine Sieger, sondern Personen, die sich der geistigen Auseinandersetzung nicht zu stellen wagen. Viel weiter können diese Leute dabei nicht gehen, ohne nicht nur den Geist, sondern auch der Formen des liberalen Staates gänzlich aufzugeben. Man darf gespannt sein, was als nächstes kommt.

Ostens Sohn

13. Juni 2017 01:57

Die Reaktionen finde ich nicht verwunderlich, wenn überhaupt dann, daß sich mal einer getraut hat.

Übrigens wurde auch von Björn Höcke das Buch diese Woche auf Facebook beworben.

Martin Himstedt

13. Juni 2017 02:08

Ich bin damals über TUMULT auf Sieferle gestoßen und war völlig erstaunt, dass ich auf sezession.de nichts über ihn fand. Damals schrieb ich, soweit ich mich erinnern kann, Martin Lichtmesz an, mit der Bitte, den Freitod zu thematisieren. Die beiden Bücher standen damals wohl schon in den Startlöchern.

Kaum zu glauben, was heute, nur wenige Monate später, daraus geworden ist: Bleibt zu hoffen, dass der Verlag mit dem Ansturm fertig wird.

E.

13. Juni 2017 02:15

@ Thomas S.: "Man darf gespannt sein, was als nächstes kommt."

Was als Nächstes kommt? Mit Sicherheit in den nächsten Jahren eine Art Zwangsabgabe, pardon "Demokratieabgabe" (analog GEZ = "Ihr Beitragsservice") für die Zeitschriften des "Mainstream", denen die Leser scharenweise davonlaufen; tja - und blöd - die neuen "Fachkräfte" haben es ja nicht so mit den Abonnements...:). - Komisch, ich bin ja in der alten Bundesrepubik aufgewachsen, aber warum kommt mir so bekannt vor, was in der alten DDR passierte?

E.

13. Juni 2017 02:46

"In einer Liste, die ein allgemeines Publikum erreichen soll, das sich Belehrung und Erkenntnis und möglicherweise auch intellektuelle Unterhaltung verspricht, hat ein solches Buch nichts zu suchen."

Das ist das Statement eines Literaturkritikers einer süddeutschen Tageszeitung in einem Radiobeitrag eines überregionalen öffentlichrechtlichen Senders. https://www.deutschlandfunkkultur.de/streit-um-ndr-bestenliste-rechtsruck-im-feuilleton.1270.de.html?dram:article_id=388465

Das ist so irre kafkaesk, dass es einen aus den Schuhen haut. Und die öffentlichrechtlich alimentierte Redakteurin eilt sich, pflichtschuldigst zuzustimmen, obwohl sie einräumt, das Buch nicht gelesen zu haben. In welchem Land lebe ich? Jedenfalls gehöre ich nicht zum "allgemeinen Publikum", ein kleiner Trost.

Der Feinsinnige

13. Juni 2017 03:07

Meines Erachtens ein grandioser PR-Erfolg für Antaios!

Die obige Antwort Götz Kubitscheks ist schnell erfolgt und wie gewohnt fundiert. In der veröffentlichten Aufregung scheint, soweit ich das bislang verfolgen konnte, überwiegend auf den 3. Teil des Buches Bezug genommen zu werden „Mythos VB“. Dabei ist aus meiner Sicht der erste Teil, der dem Buch den Namen gegeben hat, der wohl wichtigste des Bandes. Von diesem soll offenbar abgelenkt werden. Dieses Ablenkungsmanöver wird aber zum Scheitern verurteilt sein. Wer das Buch wegen des „Mythos VB“ erwirbt und liest, wird selbstverständlich auch den ersten Teil zur Kenntnis nehmen – eine grandiose und fesselnde Analyse der gegenwärtigen Lage Deutschlands, die zusammen mit dem andernorts verlegten „Migrationsproblem“ für die politisch derzeit Herrschenden wirklich gefährlich werden kann, wenn sie denn eine größere Leserschaft gewinnt. Daher kann dem „SPIEGEL“-Autor Johannes Saltzwedel gar nicht genug gedankt werden für das Hervorrufen dieses „Skandals“. Nur einem kleinen Absatz der Analyse Götz Kubitscheks wage ich zu widersprechen:

„Der Juror, der Sieferle auf die Empfehlungsliste setzte, wird im übrigen sehr schwere Tage vor sich haben. Er konnte diese feuilletonistische Putztruppe nicht kommen sehen. Hoffentlich überlebt er die Panikreaktionen beruflich.“

Nein, ich kann mir nicht vorstellen, daß Johannes Saltzwedel nicht geahnt hat, was auf ihn zukommen würde. Derzeit kann ich nur auf das verweisen, was Johannes Saltzwedel selbst als Motivation geäußert hat: "Mit der Empfehlung des Buches 'Finis Germania' von Rolf Peter Sieferle habe ich bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen wollen. Sieferles Aufzeichnungen sind die eines final Erbitterten, gewollt riskant formuliert in aphoristischer Zuspitzung. Man möchte über jeden Satz mit dem Autor diskutieren, so dicht und wütend schreibt er.“     

nachzulesen hier: https://www.spiegel.de/kultur/literatur/finis-germania-spiegel-redakteur-johannes-saltzwedel-tritt-aus-sachbuch-jury-zurueck-a-1151810.html

Ob Saltzwedel noch andere Motivationen hatte, läßt sich wohl gegenwärtig nicht beurteilen. Aber warum sollte man ihn nicht beim Wort nehmen, daß er in eine (dringend notwendige) Diskussion einzutreten beabsichtigt?

Lyrurus

13. Juni 2017 03:09

Johannes Saltzwedel, also der Spiegel-Journalist, der für die Aufnahme des Buches in die Sachbuchliste verantwortlich ist, ist für mich ein klarer Anwärter für den nächsten "Sonntagshelden". Was er tat, war mutig in einer Weise,  wie man es von einem Mitarbeiter der Mainstreampresse schon lange nicht mehr erwartet. Gerade wenn man sieht, wie seine Kollegen jetzt die Jagdhörner blasen, was für Herrn Saltzwedel als langjähriger Spiegelmitarbeiter nicht überraschend sein kann.

Der ganze Vorgang und die wahrzunehmende Panik erinnert mich an die Veröffentlichung von "Deutschland schafft sich ab" vor sieben Jahren. Es knackt im Gebälk. Auch wenn die Repression zunächst vermutlich weiter zunehmen wird, gibt ein derartiges Ereignis mir Hoffnung. 

Braunschweiger

13. Juni 2017 03:21

Da denkt man immer, all diese Herrschaften des Mainstreams stünden bereits auf tiefster Stufe, nur um dann wieder einmal auf die denkbar beschämendste Weise vorgeführt zu bekommen das es doch noch ein gutes Stückchen weiter nach unten geht. Entsetzlich! 

Pigscantfly

13. Juni 2017 08:47

"There is only one thing worse than being talked about. Not being talked about." (Oscar Wilde)

Gratulation an Antaios! Einmal zu Sieferles exzellentem Buch und dann zur kostenlosen PR durch die linken Tugendwächter. Der Freiheit eine Gasse.

Jens Z

13. Juni 2017 08:50

Ich verfolgte am gestrigen Tage ebenso diese unsägliche Diskussion und bin immer noch geschockt, wütend und einfach nur sprachlos. Es ist eine Schande für unser Land, wie hier Journalisten - geleitet von der sogenannten 'politischen Elite' - und selbst nicht mehr fähig einen eigenen Gedanken/ eine eigene Meinung zu haben, hier ohne jeglichen Respekt und Achtung vor dem Schaffen eines großen Schriftstellers dermaßen denunziatorisch vorgehen! Es freut mich für GK und Antaios, so kann man wahrscheinlich noch dreimal nachdrucken lassen! 

@Leo: Genau, wir bleiben selbstverständlich hier! Der Umbruch wird kommen, dies zeigt sich wieder einmal mehr an diesem Beispiel. 

Danke noch einmal für diese großartigen Zeilen GK!  Grüsse aus dem Saalekreis.

Frieda Helbig

13. Juni 2017 10:01

So sehr ich mich über diesen Marketing-Erfolg für die tapferen Streiter K&K freue, so sehr bin ich verbittert, ob des dafür zu zahlenden Preises.

Nicht mal vor Toten machen die Tugendwächter halt. Ekelhaft.

Meine Gedanken sind in diesen Tagen besonders bei der Familie und den Freunden des Toten. Ich wünsche ihnen viel Kraft, dies zu ertragen und richtig einzuordnen.

Der_Jürgen

13. Juni 2017 10:06

 @Jens Z  @Der Gehenkte

So so, Sie beide sind "geschockt, wütend und einfach nur sprachlos"? Sie "hätten es einfach nicht für möglich gehalten"? Entschuldigung, aber in welchem Staat haben Sie in den letzten paar Jahrzehnten denn gelebt? In Papua-Neuguinea vielleicht? Wenn nicht, was haben Sie beide von DENEN denn erwartet?

Monika L.

13. Juni 2017 10:47

Einfach nur grossarthig !

Zadok Allen

13. Juni 2017 10:54

Man geht wohl nicht ganz fehl in der Annahme, daß ein Gutteil der rattenhaften Wut, die die Männer fürs Grobe der Journaille im vorliegenden Fall an den Tag legen, dem Umstand geschuldet ist, daß sie Herrn Sieferles aufgrund seines Freitods nicht mehr habhaft werden können.

Es ist der ohnmächtige Haß des ungeistigen, in der Lüge lebenden Lohnschreibers auf den Denker, der seine geistige Souveränität endgültig besiegelt und vor dem Zugriff des pseudointellektuellen Pöbels gerettet hat. Bei aller persönlichen Tragik scheint sich das Leben Herrn Sieferles gerade jetzt glücklich zu runden.

calculus

13. Juni 2017 11:03

Glückwunsch an Herrn Kubitschek zu diesem unübersehbaren Erfolg! Nach meinem Eindruck ist das der bislang erflogreichste Versuch, den Resonanzraum stetig auszuweiten!

Stil-Blüte

13. Juni 2017 11:11

'Das meint dasselbe, was Joschka Fischer meinte, als er von Auschwitz als dem Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland sprach: die tabubewerte, stiftende, große historische Erzählung, die aufgrund ihrer Dimension und Unvergleichlichkeit zu einem Mythos geworden sei. Der Unterschied: Wo Fischer diesen Mythos als sinnstiftend begrüßte und für die Bändigung des ewigen deutschen Täters als unverzichtbar erklärte, sieht Sieferle, das wird im Verlauf des Textes klar, in dieser Negativ-Erzählung nichts Stiftendes, sondern eine Totalinfragestellung des weiteren Weges eines (des eigenen) Volkes.'

Mythen sind ja nicht statisch, sie werden überliefert, verändern sich und werdern erst nach langer Zeit als Sagen, Legenden, Geschichte 'festgeschrieben'. Hier war es umgekehrt, hier wurde von vorn herein 'festgeschrieben' Ist Joschka Fischers 'Gründungsmythos' eigentlich öffentlich je diskutiert worden?  Man führe sich seine Aussage noch einmal vor Augen: Nicht auf dem Grundgesetz baut die BRD auf, sondern auf einem Mythos namens Auschwitz. Mit Sieferles Frei-Tod und anderen, die mehr empor als voran strebtren ist sinnstiftender Mythos möglich. Möge 'Finis Germania' als Katechismus, als Flug-Schrift dazu beitragen (Übrigens schafft Johannes Saltzwedel als Spiegel-Journalist nicht nur für den Zeit-Geist, sondern er schafft auch oder vor allem als Sammler, Bibliograf, Bibliophiler, Bibliothekar für spätere Zeiten. Seine Internet-Seite 'Venturus' bietet die Schätze der Vergangenheit in schönster Willkommenskultur an.) Danke, GK! Früher schon mal Exemplare bestellt, jetzt gleich noch mal zum Ver-Teilen.

Jens Z

13. Juni 2017 11:24

@ Der_Juergen: Erwartungen an DIE habe ich keine! Geschockt war ich nicht, weil diese Diskussion stattfindet, sondern eher in welcher Art und Weise das ganze passiert.

Klar, viel erwarten kann man nicht- jedoch wenigstens ein Mindestmaß an Guten Benehmen, Anstand und Respekt. Einfach nur armselig..

Starhemberg

13. Juni 2017 12:12

Nach langen Jahren Erfahrung als Büttel des Kapitalismus kann ich dazu nur sagen - "every promotion is good promotion"!

Ich konnte es gestern abend nicht glauben, als ich Kaplaken 50 bei Amazon auf der NUMMER EINS sah. Ich glaube es eigentlich immer noch nicht. Das ist geradezu genial - denn es zeigt - IHR seid (wir sind) nicht aufzuhalten. Das Gute, das Wahre, das Echte - es bohrt sich selbst durch die dicksten Bretter. Nur - Geduld muss man haben und bisweilen einen guten Magen.

Nautilus

13. Juni 2017 14:46

Gratulation Herr Kubitschek kann ich da nur sagen.

Das Geheule des Establishment zeigt, dass Sieferle völlig recht hatte. Die Reaktion diese Leute wundert mich aber nicht, ist diesen linken Torwächter doch glatt eine Seite des Tores zerschlagen worden.

Seneca

13. Juni 2017 15:53

 Spiel, Satz und Sieg !

Maiordomus

13. Juni 2017 16:07

Gratulation an Antaios, erwarte als Abonnent ausserhalb der Europäischen Union mit Ungeduld das neueste Heft von Sezession. Falls die TaZ-Leute das, was sie "Faschismus" nennen, nicht für eine Meinung halten, sondern für ein Verbrechen, so sehe ich bei denen und ihren Nachbetern ihrerseits von der kriminellen Energie her keinen Unterschied zu den Bücherverbrennern von 1933. Das damalige Verbranntwerden hat übrigens den meisten verbrannten Titeln langfristig genützt.

Maiordomus

13. Juni 2017 16:46

@Frieda Helbig. Sie sehen noch etwas, was den anderen entgangen ist. Sich vor dem Andenken des toten Gelehrten Sieferle zu verneigen, ist das Eine, die Misshandlung seines Andenkens durch eine Dreck-Journaille das Andere, das geht an den Angehörigen gewiss nicht spurlos vorüber.

Umdenker

13. Juni 2017 17:20

Ich beginne langsam zu begreifen, was Kubitschek meint, wenn er von einem "geistigen Bürgerkrieg" spricht.

BORIQUA

13. Juni 2017 17:45

Hallo liebe SiN-Gemeinde,

kann bitte jemand hier mit Lateinkenntnissen aufklären, was der Titel auf Deutsch übersetzt genau heißt (also ich glaube: Das Ende Deutschlands; jedenfalls intendiert), und ob es, wie in anderen Foren bereits angesprochen, nicht doch "Finis Germaniae" geschrieben gehöhrt.

Wegner:

Auch wenn die seit der ersten Werbung für das Buch nicht abreißenden Nachfragen und Verhohnepiepelungen damit wohl nicht kein Ende finden werden, hier in gültiger Form:

Bei diesem natürlich grammatikalisch eindeutig falschen Titel (sofern man denn wirklich "das Ende Deutschlands" aussagen wollte), den Sieferle vor seinem Freitod ausdrücklich festgelegt hatte und den seine Hinterbliebenen gegenüber unserem Hause trotz grammatikpolizeilicher Bedenken durchfochten, handelt es sich um ein Syntagma im Sinne de Saussures; es ist also provokante Absicht, daß die beiden Worte in keiner grammatikalischen Beziehung zueinander stehen. Allein dadurch, daß sie zum Grübeln über ihre scheinbar verborgene Bedeutung anregt, ist der Zweck der Formulierung bereits erfüllt.

Für weitere Informationen verweise ich auf Ellen Kositzas Rat aus der Video-Buchbesprechung: einfach das Buch bzw. dessen Nachwort lesen.

Frieda Helbig

13. Juni 2017 18:22

@Maiordomus:

Danke. Wenigstens Sie haben meinen Eintrag gelesen und richtig interpretiert.

Der Feinsinnige

13. Juni 2017 20:15

@ BORIQUA und Wegner:

Zur Diskussion um den Titel: Gerade angesichts der Hinweise im Nachwort habe ich von Anfang an als eine naheliegende Möglichkeit der Auslegung des Buchtitels an eine Feststellung in Form einer Anrede in Erwägung gezogen: Zwischen den beiden Wörtern könnte ein Komma gedacht werden, am Ende ein Ausrufezeichen, also in etwa: „(Es ist zu) Ende, Deutschland!“ - also ein Ausdruck völliger Hoffnungslosigkeit – politisch und offenbar aus Sicht Sieferles auch persönlich.

Dieter Rose

13. Juni 2017 20:30

@BORIQUA

so eindeutig falsch ist "Finis Germania" nicht:

Germania als Ablativ zu lesen: die gegenwärtigen Ereignisse bedeuten das "Ende für (ergänze "pro") Deutschland" oder freier: "Deutschland am Ende", das klingt nicht  so definitiv abschließend wie "Deutschlands Ende".

Osmond van Beck

13. Juni 2017 21:06

@BORIQUA
Das "Geheimnis" des Titels klärt sich bei Lektüre des Büchleins. Ist zu empfehlen.

Der_Jürgen

13. Juni 2017 21:08

"Gibt es in Amerika eigentlich kein Gesetz, das Hunden den Zutritt zu Friedhöfen verbietet?" fragte Baudelaire angewidert, nachdem sich einige amerikanische Qualiltätsmedien abfällig über den eben verstorbenen Poe geäussert hatten. Hätte Baudelaire die "Nachrufe" unserer Qualitätsmedien auf Sieferle gelesen, hätte er wohl gefragt: "Gibt es in Deutschland eigentlich kein Gesetz, das Schweinen den Zutritt zu Friedhöfen verbietet?"

Sagan

13. Juni 2017 21:59

Das große Latinum liegt 35 Jahre zurück, und ich habe es damals auch nicht mit Bravour errungen, trotzdem rege ich an, die "Erklärung" Wegners zur Bedeutung des Titels Finis Germania rasch zu löschen. Es handelt sich bei "Finis Germania" zwar nicht um die erwartbare Genitivkonstruktion, aber deshalb keineswegs um einen "natürlich grammatikalisch eindeutig falschen Titel". Dass dieser mehrere mögliche Bedeutungsfacetten haben kann, ist im häufig elliptischen Latein ja nicht ungewöhnlich. 

Dass Jan Grossarth sich nicht entblödete, vom "Bildungsbürgerlichkeit simulierenden Titel", in dem "noch nicht einmal das Wort "Germania richtig dekliniert" sei, zu schreiben - und dass er es mit dieser Tölpelhaftigkeit tatsächlich auch noch in die FaS geschafft hat, sagt viel über das ehemals so stolze Blatt aus. 

Zadok Allen

13. Juni 2017 23:07

 @ Boriqua

Erst durch Ihren Kommentar bin ich auf den genauen Titel aufmerksam geworden, die ganze Zeit über hatte ich in der Tat "Finis Germaniae" gelesen.

Die Junktur "Finis Germania" kann man verschieden deuten. Germania als Vokativ zu fassen, wäre wohl das Nächstliegende: "Aus ist es mit dir, Deutschland!"  Als asyndetische Reihung: "Ende, Deutschland" - ein anhäufender Titel wie etwa bei Heiner Müller "Die Stadt, der Müll und der Tod"; allerdings würde ich ein drittes Glied erwarten. Etwas abwegiger wäre es, Germania als Prädikatsnomen zu nehmen: "Ein/Das Ende ist Deutschland". Finis ist allerdings auch der Zweck, das Ziel.

Wenn die Titelwahl provokant gemeint war, handelt es sich um eine aus wahrnehmungspsychologischen Gründen mißlungene Provokation. Der Latinist liest ohnehin "Germaniae", der Unkundige muß sich den Titel in jedem Falle zurechtdeuten.

EJuLpz

14. Juni 2017 00:21

1976. Eine sächsische Kleinstadt, ich damals FDJler an einer EOS (Erweiterte Oberschule). Eilige Einberufung eines Fahnenappells. Daselbst Aufklärung über ein Ungeheuer: Wolf Biermann, dessen Wiedereinreise eben zum Wohle des unaufhaltsamen Fortschreitens des Sozialismus auf deutschem Boden unterbunden worden war. – Wer war denn das, was wollten sie denn nur von uns 14-18jährigen? Biermann? Nie gehört! Mir war das also ziemlich egal, denn in unsrer Klasse gabs süße Mädchen, die von manchen Sachen wohl schon viel mehr wußten als ich, zumindest gaben sie sich so ..., und das herauszufinden war viel, viel  interessanter.

Wirklich brisant wurde der Inkriminierte dann erst während des Studiums zu Beginn der 1980er Jahre. Ins Rennen warf ich eine von Freunden in erbärmlicher Qualität beim Deutschlandfunk (Mittelwelle) mitgeschnittene Kassette, daselbst: „... ihr macht, was ihr verhindern wollt: Ihr macht mich populär ...“. In der Tat: ein Vademecum. -- Ja mei, haben den Grossarth et. al. nicht einmal DAS verstanden? Aber vielleicht ist ja hier Hegel im Spiel, und es geht ganz listig zu? Die Desavouierer als U-Boote, blindwütig torpetierend ihren eigenen, eigentlichen Geleitschutz, der einer realitätsverweigernden Linken aber nicht mehr folgen kann. Wissen sie’s oder wissen sie es nicht?

Borstelspatz

14. Juni 2017 01:03

Diese Aktion bringt Eurem Verlag richtig gut Werbung. Habe mir das Buch auch gerade bestellt und noch so einige Bücher, u.a. 6 von diesen handlichen Kaplaken-Bändchen, die mich irgendwie an die "Kleinen Trompeter Bücher" in der DDR erinnern. ;-)

E.

14. Juni 2017 01:34

@ EJuLpz (13.06., 22:21 h): Danke schön für Ihren so interessanten (und unterhaltsamen) Beitrag. Es sind Beiträge wie Ihrer, weswegen ich dieses Forum der Sezession so sehr schätze und nicht missen möchte!

Stein

14. Juni 2017 05:47

Die Bundesschrifttumskammer gerät in Panik und verfällt in Hysterie, weil ihre Zensurmechanismen versagt haben. Nach heutigem Gebrauchszynismus eigentlich recht amüsant, wenn es nicht letztlich doch so furchbar ekelerregend wäre.

calculus

14. Juni 2017 06:56

@EJuLpz: Wissen sie’s oder wissen sie es nicht?

Das geht mir auch durch den Sinn. Er hat ja wohl alle seine 40 Stimmen auf den einen für Uneingeweihte vollkommen unbekannten Autor gesetzt. Das ist bestimmt kein Zufall.

Löwenherz

14. Juni 2017 16:39

Ich hatte mir schon überlegt, das Büchlein zu kaufen. Nun weiss ich: Es wird für mich Pflichtlektüre sein. Das bizarr anmutende mediale Gezerre um einen renommierten, inzwischen verstorbenen Autor zeigt doch nur, dass da einer Dinge anrührt, mit denen eine Auseinandersetzung geboten wäre. Sind die Einsichten Sieferles manchen vielleicht einfach deshalb unerträglich, da sie den Mut nicht aufbringen, sich unvoreingenommen damit auseinanderzusetzen? Da sie dabei allenfalls mit ihren eigenen Lebenslügen konfrontiert würden?

Katzbach

14. Juni 2017 16:45

Wieder ein böser, weisser, alter Man, der dass heilige Wort des Meisters wagte zu benutzen. Eckige, scharfkantige Wörter,  die immer wieder nachgearbeitet wurden um böse Wunden zu verursachen, möchte man nicht aus der Hand geben. Unachtsames fallen lassen, die falsche Behandlung,  würden  die Wörter bald abrunden wie  Flusskiesel, die jeder bequem im Hasensack tragen würde. Mögen doch die Kiesel vom Flusse der Ereignisse  als Sand an  die Strände der  Geschichtsmeere gespült werden.

Borstelspatz

15. Juni 2017 00:13

Diese Aktion bringt Eurem Verlag richtig gut Werbung. Habe mir das Buch auch gerade bestellt und noch so einige Bücher, u.a. 6 von diesen handlichen Kaplaken-Bändchen, die mich irgendwie an die "Kleinen Trompeter Bücher" in der DDR erinnern. ;-)

nom de guerre

16. Juni 2017 23:03

Sieferles Buch habe ich mit großem Interesse gelesen und kann darin nichts hetzterisches oder naziverdächtiges erkennen. Wohl aber das - betroffen machende - persönliche Vermächtnis eines Menschen, bei dem mich die Information, dass er sich umgebracht hat, nicht allzu sehr wundert. Insofern habe ich es mit etwas gemischten Gefühlen ins Regal gestellt.

In Ihrem Artikel fand ich eine Stelle überraschend: Sie schreiben (ich paraphrasiere, finde die Stelle gerade nicht), diejenigen, die Sieferle eine verklausulierte Auschwitzlüge unterstellten, wüssten nicht, was diese Art Rufschädigung für die Reputation des toten Sieferle sowie für Ihren "Kleinverlag" bedeuteten. Ist das Ihr Ernst oder habe ich das falsch verstanden? Genau um diese Rufschädigung und um das Mundtotmachen (bzw. die Vernichtung der ökonomischen Existenz) eines jeden Rechtsgerichteten unter Zuhilfenahme der Nazikeule geht es diesen Leuten doch. Funktioniert halt nur nicht mehr so gut wie früher.

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