13. November 2017

Dekonstruktion, die AfD und Juli Zehs Molotowcocktail

von Caroline Sommerfeld / 49 Kommentare

Der zähe Theorieschleim poststrukturalistischer Provenienz verklebt die Atmungsorgane des Feuilletons und der Belletristik.

Das sind Leute, die Derrida, Foucault und ihre „postkolonialen“ Epigonen studiert haben, aber nicht wahrnehmen können, wo gerade die „Dispositive der Macht“ liegen – nämlich bei ihnen selbst.

Soeben beende ich einen Beitrag für die Druckausgabe der Sezession, in dem ich das fünfzigjährige Erscheinen der beiden großen linken Theoriebücher Die Gesellschaft des Spektakels von Guy Debord und Jacques Derridas Grammatologie 1967 in ihrer Wirkung auf die Neue Rechte ein wenig würdige.

Da spült mir der Zeitgeist einen Text aus der ZEIT und ein Stern-Interview mit der Schriftstellerin Juli Zeh zu. Das trifft sich günstig, werde ich doch in dem 1967-Beitrag konstatieren, daß die Lektüre der linken französischen Poststrukturalisten sowohl bestes Material zur Metaphysikkritik des ihrerseits heute hegemonial gewordenen linken Diskurses bereithält, als auch die interventionistischen Aktionsformen der „Konservativ-subversiven Aktion“ und der Identitären Bewegung theoretisch begründet.

Vielleicht klappt das, was Derrida die „Dekonstruktion“ nannte, nämlich Texte dabei zu beobachten, wie sie sich zerbröseln, auch mit Texten, die selber aus dem akademischen Poststrukturalismus kommen.

Auf den Versuch kommt es an. Der Berliner Soziologieprofessor Sérgio Costa hat sich in der ZEIT das „kulturelle Argument“ der AfD vorgenommen (9. November 2017), auf das ja jetzt alle einstiegen. Das „kulturelle Argument“ besagt in etwa das, was man im angelsächsischen Raum Identity politics nennt, mithin daß partikulare „Kulturen“ ein Anrecht auf Bewahrung und Erhalt haben, so eben auch die deutsche Kultur.

Der Kulturbegriff von Alain de Benoist geht von einem neuen „Nomos der Erde“ aus, in dem multipolare Kulturen

die alten (lokalen, stammesspezifischen, regionalen und nationalen) Verwurzelungen nicht abschaffen: Sie werden sich dagegen als die letzte kollektive Form durchsetzen, mit der sich die Menschen diesseits ihres gemeinsamen Menschentums lieber identifizieren werden. (Manifest: Die Nouvelle Droite des Jahres 2000).

Dies muß ich voranschicken, weil im Verlauf des Textes Costa inhaltlich nichts sagt über den Kulturbegriff, den er für gefährlich hält. Ich vermute also bloß, daß Benoist und ein nicht näher bestimmter Partikularismus des „je Eigenen der Kulturen“ vorausgesetzt werden.

Soweit also das der AfD zugeschriebene substantielle Kulturargument. Schon beginnt der Text, gegen sich selber zu arbeiten, denn der erste Streich ist der Klassiker, die AfD würde „die Spaltung der deutschen Gesellschaft vorantreiben“ (inzwischen ärgerlicherweise auch noch parteienfinanziert). Seltsam, wenn sie einen identitären Kulturbegriff hat, der von „den Deutschen (über Abstammung definiert, versteht sich)“ ausgeht, daß ausgerechnet sie die Spaltung der Deutschen betriebe.

Lichtmesz-Sommerfeld's law besagt, daß Linke immer und ausnahmslos ihre eigenen Denkstrukturen, Muster und Modi operandi auf ihre Gegner projizieren. Legt man unser unumstößlich gültiges Gesetz auch an diesen Text an, keimt der Verdacht, wer hier der Spalter ist. Sehen wir weiter.

Nächstes Kulturargument: es gibt empirisch eh keine.

In Sachsen, sowie in Regionen, in denen die AfD gut abschnitt, haben wir es meistens mit ausländischen und deutschen Familien zu tun, die im selben Haus leben, im selben Discounter einkaufen, ähnliche YouTube-Videos liken und sich abends die gleichen Serien bei Netflix oder die gleichen Reality Shows auf ProSieben anschauen. Nennenswerte kulturelle Unterschiede existieren hier einfach nicht.

Am Nullpunkt der Dekadenz gibt es in der Tat keine Kultur. Ergo auch keine Unterschiede, ergo auch keinen Grund, irgendeine Kultur auch nur erkennen zu wollen, geschweige denn erhalten oder retten. Womit die AfD erledigt wäre und mit ihr ihr „kulturelles Argument“. Doch der Text fräst sich noch weiter in seine eigenen Voraussetzungen hinein.

Die patriotischen 'kulturellen' Motive der AfD haben mit Kultur, wie der Begriff in den Kultur- und Sozialwissenschaften heute verstanden wird, kaum etwas gemeinsam.

Na, dann kann die AfD ja einpacken, weil sie es nicht auf die Höhe der poststrukturalistischen Theorie gebracht hat, derzufolge „die Konstruktion eines 'Wir' Fremdzuschreibungen, also die gleichgeschaltete Konstruktion eines (in der Regel unterlegenen) Anderen voraussetzt.“ Ein solcher Kulturbegriff hat eine rein destruktive Funktion: zu entlarven, wie die (willkürlichen und daher latent gewaltförmigen) Ausschließungsmuster einer Gruppe funktionieren.

Auch bei der AfD funktioniere es so, daß durch Ausschließungen der „Anderen“ das „Wir“ in einer „symbolischen Machthierarchie aufsteigen“ könne. Es ist nichts als fremdzugeschriebenes, konstruiertes, symbolisches Othering zum Zwecke des Machtgewinns, was wir früher mal stolz Kultur zu nennen wagten.

Halten wir fest: erstens steht und fällt die AfD mit dem Kulturargument, zweitens gibt es gar keine Kultur (nur noch One-world-Konsumgleichheit), und drittens ist Kultur ein bloß konstruierter Machtdiskurs.

Projizieren wir mal zurück: erstens steht und fällt die postkoloniale und poststrukturalistische Soziologie mit dem „Kultur“argument, zweitens produziert der linke Machtdiskurs selber die Aushöhlung und Zerstörung der Kultur und macht sich drittens dann über die darniederliegenden Überreste her und triumphiert: Haben wir's doch gleich gesagt, Kultur, soll das da – angeekelt auf Netflix, Discounter und ProSieben zeigend – etwa Kultur sein? Na sehen Sie!

Richtig dekonstruktivistisch und diskursanalytisch wird es aber erst, wenn Macht ins Spiel kommt. Bei Derrida (und in seiner Folge dann prominent bei Judith Butlers Hate-speech-These) ist Sprache immer schon strukturelle Macht.

Diese Stellvertretung besitzt immer die Form des Zeichens. Daß das Zeichen, das Bild oder der Repräsentant zu Kräften werden, mit deren Hilfe 'die Welt' in Bewegung gesetzt wird, das ist der Skandal.

Hinter dem „kulturellen Vokabular“ der AfD verbirgt sich nichts anderes als das „Fundament der eigenen Macht“, die draufgeschriebene Verteidigung der deutschen Kultur ist nur Zeichenoberfläche. Doch was Costa (in einem Akt der Machtausübung) hineinkonstruiert, dekonstruiert sich ganz von selbst wieder heraus.

Costa schreibt „deutsche“ in Anführungsstrichen, ich schreibe „kulturelles Vokabular“ in Anführungsstrichen, denn ich zitiere ja bloß, ich brauche ihn gar nicht zu kritisieren, das tun die Zeichen für mich (Schmankerl für Derridisten: die Signifikanten verweisen auf ihre Grammatik und lösen sie damit auf).

Machen wir die Gegenprobe mit unserem Projektionsgesetz: wer hat hier die „Deutungsmacht“? Costa tut so, als wäre diese aufseiten der AfD konzentriert, bilde gar deren „Fundament“, während er selber von der gesicherten Machtposition des FU-Lehrstuhlinhabers und ZEIT-Autors aus spricht, die einem AfD-Anhänger verwehrt bleibt.

Dem anderen Macht zuzuschreiben ist, um in seinem Frame zu bleiben, eine Konstruktion, die die eigene Macht verschleiert. Haargenau so, wie die AfD angeblich den „'unkontrollierten Ausländern' und den 'wilden Flüchtlinge', die angeblich den deutschen Staat und die deutschen Familien ausplündern wollen“, Macht zuschreibt, tut das der Autor mit der AfD, die die „Spaltung der deutschen Gesellschaft“ qua „Ermächtigungsdispositiven“ und „virilem Machtdiskurs“ vorantreibe.

Der Poststrukturalismus hatte das „Subjekt“ erledigt, durchgestrichen und als abendländische Metaphysik verabschiedet. Costa subjektiviert dafür aber gehörig! Das „Gefühl persönlicher Bedeutungslosigkeit“ des „kleinen Mannes“ (der sich durch die „virilen“ Plakate der AfD selbst ermächtigt) ist Dreh- und Angelpunkt seiner These.

Wenn er am Schluß nichts anderes zu fordern weiß, als „demokratische Auswege aus dem Gefühl von Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit“ aufzuzeigen, hat er sich – inzwischen wird es fast schon gemein, wieder mit dem Projektionsgesetz auf ihm herumzuhacken – dekonstruiert zu dem Subjekt mit ausgeprägtem „Gefühl von Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit“, das er seit nie wieder sein wollte, seit er „poststukturalistisch geschult“ wurde.

 

Irgendwann radikalisiert man sich wahrscheinlich. Ich bin jetzt nicht direkt für den Molotowcocktail. Aber vielleicht kommt es zu einer rhetorischen Radikalisierung. Dann könnte ich nur noch sagen: 'Ihr Neurechten seid blöde Schweine.'

Juli Zeh gibt dem Stern ein Interview (Nr. 46 vom 09.11.2017 - Seite 48), in dem sie über ihren neuen dystopischen Deutschlandroman Leere Herzen erzählt, und von ihrem Neueintritt in die SPD („Das war einerseits eine Art Trotzreaktion gegenüber dieser Politikverachtung. Und es lag an der Person Martin Schulz. Ich finde den toll.“). Leere Herzen spielt in den 2020er Jahren, ein AfD-Lookalike namens „Besorgte Bürger Bewegung“ hat die Bundestagswahlen gewonnen.

Zeh verhält sich im Interview so („mit dem Kopf gegen die Wand gerannt plus Brechreiz“) , als wäre ihr Gruselszenario bereits nach der heurigen Wahl Wirklichkeit geworden. Man ist geneigt, Zehs Reaktion für ein reines Diskursphänomen, für „die Konstruktion eines 'Wir' (derer, die für den „zivilisatorischen Fortschritt“ sind), das „Fremdzuschreibungen, also die gleichgeschaltete Konstruktion eines (in der Regel unterlegenen) Anderen voraussetzt“ zu halten.

Und damit liegt man goldrichtig. Der linke Diskurs ist selber die irreale Machtkonstruktion, die er seinem rechten Gegner unentwegt unterstellt. In ihm ist – da haben die „postkolonialen“ Theoretiker etwas über sich selber herausgefunden – strukturell angelegt, daß die Gewalt der Zeichenketten irgendwann in Realität umschlägt und sich doch „direkt für den Molotowcocktail“ entscheidet statt für Martin Schulz.

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Kommentare (49)

Johannes Konstantin Poensgen
13. November 2017 13:05

Ich muß zugeben, daß ich von Derridada nie mehr gelesen habe, als einen Pflichttext im Grundstudium. Nach ihrer Schilderung frage ich mich aber ernsthaft, ob der ganze Poststrukturalismus wirklich nicht mehr zu bieten hat, als die Banalität, daß Wahrnehmung auf Differenz beruht (und sei es nur die zwischen Subjekt und Objekt). Das wäre dann doch zu primitiv.

quarz
13. November 2017 13:19

"es gibt empirisch eh keine."

Bei aller Abgebrühtheit in Bezug auf die fachlichen Unzulänglichkeiten vieler Meinungsmacher bin ich perplex angesichts der Tatsache, dass man einen sozialwissenschaftlichen Lehrstuhl besteigen kann, ohne von den zahlreich verfügbaren empirischen Forschungsergebnissen in Bezug auf kulturelle Charakteristiken nicht nur aus verschiedenen Zweigen der Psychologie, Biologie und Ethnologie, sondern auch aus der eigenen Fachdisziplin (Soziologie) Kenntnis erlangt zu haben.

Fritz
13. November 2017 13:36

Es ist typisch für den postmodernen Relativismus, dass er für sich selber immer eine stillschweigende Ausnahme von der eigenen Theorie macht. Das hat schon Habermas an Foucault kritisiert in den 80er Jahren.

Nemo Obligatur
13. November 2017 14:09

Frau Zehs Roman findet derzeit große Beachtung. Im NDR wird er täglich verlesen, im SWR gab es heute eine Rezension. Man stelle sich das mal mit einem Produkt aus dem Hause Antaios vor. Freilich war der Rezensent nicht sehr angetan von "Leere Herzen" und bemängelte u.a. die Logik der Kapitelübergänge. Hoffen wir, dass Frau Zehs Wahlprognosen besser sind als ihre literarischen Fertigkeiten.

Zur Kultur: Ich habe gestern zufällig einen Vortrag von Prof. Kutschera im Radio verfolgt. Prof. Kutschera ist Naturwissenschaftler, Biologe, um genau zu sein. Es ging um diverse Themen rund um Sexualität und sog. "Genderforschung". Anlass war wohl das Urteil des BVerfG zum Thema "Drittes Geschlecht". Prof. Kutschera definierte und erklärte zunächst die zentralen Begriffe. Danach konnte man seinem Vortrag ungeachtet des komplizierten Materie gut folgen. Mir fiel auf, dass es in Vorträgen und Aufsätzen von Geisteswissenschaftlern oftmals umgekehrt ist. Man fängt mit einer an sich einfachen Sache an, die im weiteren Verlauf immer mehr verdunkelt und mit anderen Behauptungen vermengt wird, bis man endlich jeden Faden verliert und glauben muss, was man hört oder eben auch nicht, aber z.B. Studenten glauben eigentlich alles, was Professoren ihnen erzählen.

Monika L.
13. November 2017 16:44

Das kulturelle  Argument hat schon was für sich . Auch ich finde: " Partikulare Kulturen haben ein Anrecht auf Bewahrung und Erhalt, so eben auch die deutsche Kultur". Nur leider kann man Beethoven nicht trommeln :

https://m.youtube.com/watch?t=532s&v=AZgdctNzpxc

 

John Haase
13. November 2017 18:33

Ich finde, das Argument, daß es keine deutsche Kultur bzw. überhaupt gar keine Kulturen gibt, ebenfalls sehr absonderlich, aber aus Sicht Derjenigen, die es äußern, ist es sicherlich einleuchtend.

Mal ein Beispiel: wenn ich in Hamburg, in Marseille, in Wien und in Shanghai im Restaurant einfach etwas Volkstümliches bestelle, dann bekomme ich überall was anderes. In Hamburg wird man mir vielleicht Labskaus servieren, in Marseille Ratatouille, in Wien gibt es Schnitzel und in Shanghai Teigtaschen. Alles ziemlich unterschiedlich, aber auch sehr gut essbar, kochen können die nämlich alle. Wenn ich nun aber stattdessen in besagten Städten zur Müllhalde gehe und mich da einfach an irgendwelchem verschimmelten Abfall gütlich tue, dann schmeckt es zwar immer noch überall ein wenig anders, aber letztlich finden sich...na? Genau: „keine nennenswerten Unterschiede“.

Ein Linker ist jemand, der einfach nicht damit aufhören kann, vergammelten Müll in sich reinzuschütten und sich dann noch über alle anderen aufregt, die ihn davon abhalten wollen („Nazis raus!“). Nur 100 Meter weiter gibt es das reichhaltigste Angebot an bester Küche, aber er beharrt auf seinem Müll.

Die Kulturen auf der Welt sind sömtlich verschieden, aber Mao, Guevara, Habermas und sicherlich auch Derrida sind in allen Sprachen der Welt gleichermaßen banal, und wo sie  nicht banal sind, sind sie falsch.

 

@Monika L.

Man mag Beethoven nicht trommeln können, E-Gitarre geht aber.

https://m.youtube.com/watch?v=MZuSaudKc68

Wobei sich das nicht so anhört, als könne man es in einem Wochenendseminar erlernen, also eher nichts für die Wohlfühlpädagogik.

Der Feinsinnige
13. November 2017 19:55

 

Zu der eindrucksvollen Antwort auf den in seiner Ignoranz kaum erträglichen Artikel Sérgio Costas eine Anmerkung:

 

Die unklare Zuordnung des folgenden Absatzes sollte meines Erachtens klargestellt werden:

 

„Irgendwann radikalisiert man sich wahrscheinlich. Ich bin jetzt nicht direkt für den Molotowcocktail. Aber vielleicht kommt es zu einer rhetorischen Radikalisierung. Dann könnte ich nur noch sagen: 'Ihr Neurechten seid blöde Schweine.'“

 

Diese Passage scheint ein wörtliches Zitat zu sein, dem Zusammenhang nach von Sérgio Costa. In der Netzversion seines Artikels, hinter einer kostenlosen Schranke der „Zeit“ nur nach Angabe der eigenen mail-Anschrift zu lesen, steht diese Passage allerdings nicht (vgl.

 

http://www.zeit.de/2017/46/afd-identitaet-leitkultur-neue-rechte/komplettansicht)

 

Die Druckausgabe (für eine weitere Prüfung einer möglichen Abweichung von Print- und Netztext) liegt mir leider nicht vor.

 

Oder (zweite Möglichkeit) handelt es sich bei der Passage um ein Zitat aus dem (im unmittelbaren Anschluß an die Passage abgehandelten) im Netz nicht veröffentlichten Interview mit Juli Zeh (der „Stern“ liegt mir ebenfalls nicht vor)?

 

Oder – dritte Möglichkeit – handelt es sich vielleicht um eine fiktive Interpretation der letzten Absätze des Artikels von Costa durch Caroline Sommerfeld? Für eine Aufklärung wäre ich dankbar, denn der Satz, „nicht direkt für den Molotowcocktail“ zu sein, wäre schon eine bemerkenswerte Anknüpfung an den neulich hier (Artikel von Ellen Kositza vom 22.10.2017) diskutierten Artikel von Sibylle Berg bei SPON. Wie sollte man es denn verstehen, „indirekt“ (die einzig logisch mögliche Alternative zu „nicht direkt“) „für den Molotowcocktail“ zu sein? Hier wäre Klarheit der Urheberschaft für diese Formulierung wirklich wünschenswert.

 

Kommentar Caroline Sommerfeld: Sie nehmen ja fast schon fast dekonstruktivistische Mühen auf sich! Sinn ist immer Aufschub. Aber ich will's ganz autorintentional auflösen: das Zitat stammt von Juli Zeh, exakt im Sinne ihrer Kollegin Berg.

 

 

S.J.
13. November 2017 20:28

"Nennenswerte kulturelle Unterschiede existieren hier einfach nicht." Dieses Zitat hat es mir besonders angetan; soll ich doch lernen, dass die selektive Beschreibung von ganz banalen (und deshalb natürlich gleich erscheinenden) Verhaltensweisen der Bewohner eines Mietshauses die poststrukturalistische Kartaune sein soll, die sämtliche Vorstellungen über Kulturunterschiede zerbröselt. - Nein, so wird das nichts mit der Dekonstruktion.

Herr K.
13. November 2017 22:35

Ich kann es einfach nicht verstehen: wozu all die Mühe, nur weil so irgendein Geschwätzwissenschaftler ein paar absurde Zeilen zusammengefaselt hat...? Man könnte genauso gut bierernst in einem Altersheim Demente fundiert in ihren Äußerungen widerlegen. Ja, man behält Recht, durchaus...!

"Was soll das?" pflegte mein Mentor regelmäßig unter eingereichten Arbeiten drunter zu schreiben...

 

Kommentar Sommerfeld: Was soll das?

Der Gehenkte
13. November 2017 23:35

Derrida und die Dekonstruktion in dieses Forum tragen, hat schon was von Wagemut an sich. Die Aversionen sind zu offensichtlich. Es sind Aversionen zumeist aus Unkenntnis und Hörensagen. Die meisten trennen den Begriff der Dekonstruktion, so wie Derrida ihn verstand, nicht einmal von jenem Modephänomen, das später die Universitäten überrollte – ganz im Gegensatz zur Intention des Schöpfers, der an verschiedenen Stellen davor warnte sie als „ein bequemes Instrument, eine Kurzfassung, ein Brevier“ zu mißbrauchen.

Dieser Mißbrauch ist insofern besonders aufschlußreich, da Derridas Ansinnen darin bestand, den unmißbrauchbaren Text zu schaffen, oder, wie Jean-Pierre Dubost es nannte: den letzten Text. Intrinsisch kann das durchaus funktionieren und unendlich faszinierend sein, die extrinsischen Kräfte sind freilich stärker. Der Kapitalismus hat auch die Dekonstruktion besiegt.

Derrida nannte die Dekonstruktion sowohl  „eine strukturalistische und eine anti-strukturalistische Bewegung“ und wollte damit den Ismus vermeiden. Wir sollten nicht vergessen, daß die Dekonstruktion oder der Poststrukturalismus insgesamt eine Reaktion auf den Marxismus einerseits und die Hermeneutik andererseits war. Sie war gegen Sartre gerichtet, gegen den Fortschrittsglaube und gegen den „Humanismus“ (wie auch Heideggers Humanismusbrief). In dieser Hinsicht kann der Poststrukturalimus, wenn man bereit wäre, seinen Argumenten zu folgen und trotz seiner Absolutismen – dem „Tanz um das Goldene Kalb Signifikant“ (Sloterdijk) – von der Rechten erschlossen werden. Übrigens halte ich Deleuze noch für fruchtbarer, weniger beschränkt, weiter im Blick, als Derrida.

Derridas Schlüsselerfahrung war der Mißbrauch von Texten, aller Texte, besonders im NS, und dagegen wollte er vorgehen: Er wollte – das ist aller Ehren wert – den Text, die Literatur, die Philosophie nach Auschwitz retten. Nicht Derrida ist das Problem oder die Dekonstruktion, sondern deren institutionelle Verhärtung und das schlichte Unverständnis sowohl der meisten Adepten – die mit der Schaffung von Wortmüll gut leben konnten – als auch der meisten Kritiker.

Cacatum non est pictum
13. November 2017 23:36

Ich habe Frau Zeh bislang immer als eine intelligente, reflektierende Frau wahrgenommen, ungeachtet ihrer politischen Ansichten. Zum Thema Datenschutz hat sie einiges Erhellendes gesagt, und ganz sicher ist sie keine schlechte Literatin. Um so mehr verstört es mich, daß auch sie zu einer Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner offenbar gar nicht imstande ist. Es zeigt sich immer deutlicher, daß die Meinungsführer des öffentlichen Lebens panisch auf die Tatsache reagieren, daß ihre Dogmen zunehmend in Frage gestellt werden. Die ideologische Abschottung dieser Leute trägt wahrlich religiöse Züge.

Nun gehört Frau Zeh zu meiner Generation und hat vermutlich - wie ich - das gesamte Füllhorn progressiver Indoktrination verabreicht bekommen, vom Kindergarten über die Schule bis hin zur permanenten linksliberalen Beschallung in den Massenmedien. Das läßt sich nicht so leicht abschütteln. Auf einigen längeren Autofahrten in letzter Zeit hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, immer wieder den linientreuen Radiosendern WDR 5 und Deutschlandfunk lauschen zu dürfen. Da bin ich das erste Mal so richtig gewahr geworden, zu welch schamlosem Propagandainstrument die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten inzwischen herabgesunken sind. Es gab, wann immer ich zuhörte, kaum einen Informationsbeitrag ohne politische Konnotation. In irgendeinem Satz des Moderators oder des Beitragsautors tauchten zuverlässig die Flüchtlingsfrage, PEGIDA, Ressentiments gegen Minderheiten oder Naziverbrechen auf. Das Programm kam mir vor wie eine politische Kampagne in Dauerschleife. So ähnlich muß es in der DDR gewesen sein, oder liege ich da falsch?

Fräulein von Trense
14. November 2017 00:11

Ach, diese alberne Schreibkraft mit einer Schwäche für eklige Buchhändler aus nrw ... eine typischer Bestmensch der besonders edlen Sorte! 

Unvergessen ihr imperialistisches Großkotzertentum, mit dem sie im Auftrag irgendeines brd-Schmierblatts das unglückliche Bosnien - Herzegwina vor einem Dutzend Jahren bereiste und es den leidgeprüften Leuten da unten tatsächlich zumutete, ihre Töle zu transportieren (in örtlichen Reisebussen), zu beherbergen (in Hotels und Privatunterkünften) und ersteweltmäßig durchzufüttern (und das in einem Land, wo sich zahllose Leute höchstens zu Feiertagen richtig sattessen können) und mit dem sie dann wortreich herumkeifte, daß sich die Bosniaken über sie und ihren blöden Hund aufregen (statt dankbar zu sein, das eine westliche Edelfigur sie bereist).

Seitdem diesem Kotzartikel über ein Land und Volk nach einem brutalen Krieg ist dieses gefühllose, abgestumpfte, egomanische Etwas zumindest für meine Wenigkeit nicht existent.

Die Ergüssen einer solchen Charakterleiche mag lesen und ernstnehmen wer will; sie kann alle sterilisierten Bestsellerlisten herauf- und herunterhüpfen wie sie nur mag und von Lückenmedioten beworben werden, bis denen die Mundwinkel schäumen. Es gibt nichts, was einem so ein Stück Wohlstandsborniertheit zu sagen hätte.

Der Feinsinnige
14. November 2017 00:19

Danke für die Klarstellung, sehr geehrte Frau Sommerfeld!

Wenn Juli Zeh meint, formulieren zu müssen: „Ihr Neurechten seid blöde Schweine!“, bleibt eigentlich nur die Schlußfolgerung:

„Beleidigungen sind die Argumente jener, die über keine Argumente verfügen.“

(Jean-Jacques Rousseau, zitiert nach:https://www.aphorismen.de/zitat/15169).

Fritz
14. November 2017 07:51

Woher kommt eigentlich die Faszination durch diese französischen Philosophendarsteller? Es ist nicht zu übersehen, dass diese Leute bewusst unklar und unverständlich schreiben, um den Leser (bzw. Hörer) zu mystifizieren und der Kritikfähigkeit zu berauben, den im Kern sind ihre Ergießungen recht banal ("Alles ist irgendwie relativ" bzw. "Alles ist Wille zur Macht"). Aber die Faszination reicht bis in rechte Kreise hinein.

Während die hervorragenden Werke angelsächsischer Philosophen wie Daniel Dennett oder Mark Rowlands in Deutschland kaum rezipiert werden.

quarz
14. November 2017 09:25

@Fritz

Im anglophonen Raum genießt Derrida auch wenig intellektuellen Respekt in der philosophischen Fachzunft. Dort wird er vor allem von Fachfremden (vornehmlich Literaturwissenschaftlern) und von naseweisen Undergraduates zelebriert. In diesem Zusammenhang erinnere ich an den prominent unterstützten Protest gegen seine Ehrenpromotion in Cambridge.

http://ontology.buffalo.edu/smith/varia/Derrida_Letter.htm

Franz Bettinger
14. November 2017 10:00

@ Fräulein von Trense:

Ach hat das gutgetan! Ich wäre fast vom Sofa gekullert vor Lachen. Da sage mal noch einer, man dürfe hier nicht alles schreiben ;-)

Der Gehenkte
14. November 2017 10:50

@ Fritz

Die angelsächsische Philosophie ist ein insuläres Ereignis, das sich regelmäßig gegen fast alle überseeischen Einflüße abschottet. Man will aus der analytischen Philosophieblase nicht heraus und meidet möglichst jede Form von Metaphysik, Spekulation und (De)Konstruktion. Was übrig bleibt sind aufgeblasene Ethik-, Logik-, und Empirismusseminare. Derrida teilt hier nur das Schicksal Schopenhauers, Marx, Nietzsches, Husserls, Freuds oder Heideggers.

In dieser Absolutheit stimmt das natürlich nicht. Selbstverständlich wird Derrida auf der Insel und mehr noch in den Staaten (siehe: Yale Critcs) heiß diskutiert und einige der ersten maßgeblichen Auseinandersetzungen mit der Dekonstruktion - etwa Jonathan Cullers: Dekonstruktion und die poststrukturalistische Literaturtheorie – stammen aus Übersee.

Ich akzeptiere den „Philosophendarsteller“ nur von Leuten, die das Werk kennen und die diesen Schluß  aus dem Werk begründen können! Alles andere ist nur „Gerede“.

Daß und wie die Dekonstruktion für Rechte erschließbar ist – mal abgesehen davon, daß es zum Allgemeinwissen gehören sollte! – will der Artikel ja gerade andeuten: Nichts spricht dagegen, dekonstruktive Texte ebenfalls zu dekonstruieren, den Gegner mit den eignen Waffen zu schlagen und die maßlose Überdrehung der dekonstruktiven Schraube mit vergleichbaren Drehbewegungen deutlich zu machen. Das hat auch was mit Fremdsprachenkenntnissen zu tun – nur durch das Erlernen der Sprache des anderen, kann ich diesen verstehen.

Siegfried Gerlich
14. November 2017 13:08

Caroline Sommerfelds Idee, die intellektuellen »Konstrukte« der Dekonstruktivisten selber zu dekonstruieren, ist vorbehaltslos zu begrüßen. Ob jedoch über solche »immanente Kritik« hinaus der Dekonstruktivismus anschlußfähig an konservative oder neurechte Denkstile ist, scheint mir fraglich.

Zwar geht der durch Jacques Derrida populär gewordene Ausdruck »Logozentrismus« auf Ludwig Klages zurück, und zweifellos war Heidegger die größte philosophische Inspiration des »Grammatologen«. Aber kaum zufällig war es gerade jenes methodische Gegen-den-Strich-Lesen von kanonischen Texten, wie es Heidegger schon frühzeitig übte und das ihm im Dritten Reich als »jüdisch-talmudische Dialektik« vorgehalten wurde, aus dem Derrida die letzten Konsequenzen zog.

Über diesen deutsch-jüdischen Übergang von »geortetem« zu »entortendem« Denken habe ich in meinem Aufsatz »Von Heidegger zu Derrida« (der auf SiN abrufbar ist) einiges geschrieben, und jedenfalls hat sich Derrida selber privatim zu einem säkularen Talmudismus bekannt und einmal sogar eine erstaunlich plakative Parole herausgehauen: »Amerika ist Dekonstruktion!«.

Auf einem anderen Blatt steht, daß Vordenker immer besser sind als ihre Anhänger. So hat Derrida mit seiner »Politik der Freundschaft« einen anspruchsvollen philosophischen Gegenentwurf zu Carl Schmitt präsentiert, von dem sich manches lernen läßt.

Alles in allem aber zeugt die zeitgenössische Dekonstruktionsmode im akademischen wie im politischen Bereich vom Siegeszug einer nomadischen Geisteshaltung über die europäische Geisteskultur: Sie nährt sich vom Abweiden und Abgrasen einer kulturellen Substanz, die freilich schon lange nicht mehr gehegt und gepflegt wird. Das Aufbauen und Schaffen von etwas Neuem, das zu bewahren sich lohnte, ist von unseren Intelligenznomaden jedenfalls nicht zu erwarten.

Monika L.
14. November 2017 14:16

@Siegfried Gerlich 

"Der Siegeszug einer nomadischen Geisteshaltung über die europäische Geisteskultur" - das Bild vom Abgrasen einer kulturellen Substanz - das gefällt mir sehr gut ! Ähnliche Gedanken äußerst der italienische Philosoph Diego Fusaro, der sich betroffen dazu äußert, daß in Deutschland keine deutsche Philosophie mehr betrieben wird. Was für ihn gleichbedeutend ist mit einem Kulturabbruch. Ich persönlich quäle mich lieber durch Heideggers : "Was ist Metaphysik ?" als durch die Bücher der Intelligenznomaden. Alain de Benoist ist m.E. der Intelligenznomade par excellence . Überall bedient er sich bei den deutschen Denkern und kocht nur ein schales Süppchen. Es ärgert mich schon, wenn die deutschen Denker nur " abgegrast" werden. Und sie kaum jemand mehr richtig studiert. ( d.h. sich abmüht) .

 Bei Heidegger liest man: " Ein Denken , das an die Wahrheit des Seins denkt, begnügt sich zwar nicht mehr mit der Metaphysik; aber es denkt auch nicht gegen die Metaphysik. Es reißt, um im Bild zu sprechen, die Wurzel der Philosophie nicht aus. Es gräbt ihr den Grund und pflügt ihr den Boden. Die Metaphysik bleibt das Erste der Philosophie. Das Erste des Denkens erreicht sie nicht. Die Metaphysik ist im Denken  an die Wahrheit des Seins überwunden....Doch die "  Überwindung der Metaphysik" beseitigt die Metaphysik nicht. -----

Nur kurz: Kultur läßt sich nicht auf Sprachphilosophie oder Soziologie reduzieren. Kultur und Kult hängen zusammen ! Hier sind auch jenseits von Metaphysik noch Wurzeln auszumachen. Alles läßt sich nicht weg- oder dekonstruieren.

Fritz
14. November 2017 14:24

@Der Gehenkte: Was soll ich denn mit Texten anfangen, die aus meiner Sicht schlichter Unsinn sind, wie z.B. Derrida? Muss ich das wirklich lesen, obwohl ich keinerlei Sinn darin entdecken kann? (Versucht habe ich es zumindest) Während die besagten Denker gleichzeitig die Attitüde des Gurus kultivieren, und ihre Anhänger jedem Kritiker vorhalten,  er sei eben zu dumm oder zu ungebildet, um den Meister zu verstehen? Sorry, solche Leute sind aus meiner Sicht eben keine Philosophen, sondern Philosophendarsteller.

Demgegenüber geht die heutige angelsächsiche Philosophie in der Regel davon aus, dass das Weltbild der Naturwissenschaften maßgebend auch für Philosophie sein muss, und das halte ich für richtig.

In Abweandlung des Wortes von Hanns Eisler könnte man sagen: Wer nur was von Philosophie versteht, versteht auch davon nichts.

Gustav Grambauer
14. November 2017 15:58

Siegfried Gerlich

"Ob jedoch über solche 'immanente Kritik' hinaus der Dekonstruktivismus anschlußfähig an konservative oder neurechte Denkstile ist, scheint mir fraglich."

Aus philosophischer Sicht kann ich nichts dazu sagen, habe nie Derrida gelesen und würde ihn auch nicht lesen. (Aber ich sehe und begrüße sehr das Vorhaben von Schnellroda, die linke Denkwelt nicht nur aufzuknacken sondern auch möglichst viele Linke auf der Basis ausdrücklichen intellektuellen Entgegenkommens dort herauszuholen, was etwas frech gesagt "gelebte Empathie" ist.)

"Alles in allem aber zeugt die zeitgenössische Dekonstruktionsmode im akademischen wie im politischen Bereich vom Siegeszug einer nomadischen Geisteshaltung über die europäische Geisteskultur: Sie nährt sich vom Abweiden und Abgrasen einer kulturellen Substanz, die freilich schon lange nicht mehr gehegt und gepflegt wird. Das Aufbauen und Schaffen von etwas Neuem, das zu bewahren sich lohnte, ist von unseren Intelligenznomaden jedenfalls nicht zu erwarten."

Auch wenn der Dekonstruktivismus in Philosophie und Ästhetik seit dem Zerwürfnis von Derrida und Eisenmann (wieder) getrennte Wege geht, so sollte doch die ursprüngliche gemeinsame Ausgangsbasis und der gemeinsame Umwerthungs-Anspruch niemals aus den Augen gelassen werden. Dort zeigt sich das Gegenteil von dem, was Sie sagen. Nix mehr Nomadismus.

In der Alltagskultur hat sich der Dekonstruktivismus bereits offensichtlich als weit mehr als nur anschlußfähig, wie Sie sagen, erwiesen. Hier zeigt er sich sogar als zweischneidiges Schwert oder man könnte auch sagen als hochviral. Er ist unfreiwillig wie von Zauberhand geradezu rechts eingemündet. Das beste Beispiel sind die Bärte, die einst von metrosexuellen Designer-Typen "spielerisch" im Gleichzug mit knöchelhohen violetten Super-250-Anzügen und dazu knöcheltiefen bunten Ringelsöckchen zur Mode gemacht wurden, die damit die Generation ihrer Großväter und Urgroßväter lächerlich machen, dekonstruieren wollten. So fing es an, und wo hat genau das hingeführt? Dahin, daß Sie heute in jeder Kleinstadt einen Barber-Shop haben, in den sich wieder richtige Männer von richtigen Männern in richtigen Anzügen und richtigen Herrenstrümpfen rasieren lassen. In den frühen 2000er-Jahren war auf einmal klar, daß Sie, wenn Sie so manches gutes Industrieprodukt, sagen wir: richtig gute Herrenartikel wie Mützen, Hüte oder Hosenträger oder Täschnerwaren und bis hin z. B. zu Fahrrädern und -zubehör kaufen wollten, auf die Kataloge der "Start-Ups" aus der Dekonstruktivisten-Ecke zurückgreifen und nur die Etiketten mit den kindischen Hipster-Signets ("Logos") mit der Stickschere abtrennen bzw. die Aufkleber ablösen mußten. Viele Start-Ups, die so begonnen haben, haben heute ihre feste Marktposition auf Manufactum-Niveau, allerdings auch - unfreiwillig - eine völlig anders gepolte Kundenstruktur als die ursprüngliche Zielgruppe. Ich beobachte ja als Hobby-Soziologe aus dem Augenwinkel zunehmend amüsiert diesen Laden in Berlin:

 http://herrvoneden.com/

Klar sind wir bei "Bart" und "Herrenartikel" zugleich beim Thema bei "Gender". Die taz hat vor einem Jahr verklausuliert die diesbezügliche Ambivalenz / Zweischneidigkeit / Virulenz des Dekonstruktivismus nachskizziert und dabei gipfelnd in der Aussage

    "Wir haben es hier mit einem

   B u t c h -Turn zu tun, einem symbolpolitischen

   Backlash. Genderpolitisch ist der Hipster eine

   konservative Figur."

inzident das rechte Einmünden bzw. das Eigentor eingestanden, in einem Beitrag, der nebenbei gesagt sprachlich eine Delikatesse und eine Fundgrube für jeden rechten Dekonstrukteur der linken Hyperwelt ist:

 http://www.taz.de/!5353672/

 - G. G.

Herr K.
14. November 2017 16:50

@sommerfeld

Na, da haben Sie mich falsch verstanden. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass Ihre geistige Brillanz in Auseinandersetzung mit linkem Schwachfug eine Verschwendung von wertvollen Ressourcen für unsere Seite darstellt.

cso
14. November 2017 17:01

@ Fräulein von Trense

Amen!

Ernst Wald
14. November 2017 20:46

Die Anhänger der AfD haben vor allem noch ein traditionelles Verständnis von Demokratie. Demnach setzt eine funktionierende Demokratie die tendenzielle Deckung von Demos und Ethnos voraus.

In der real existierenden Massendemokratie ist die Rede vom Volk als einem ethnisch relativ homogenen Großsubjekt jedoch unter Generalverdacht gestellt worden. Poststrukuralismus und Dekonstruktivismus gehören wesentlich zum massendemokratischen Überbau und liefern die intellektuelle Munition für den Kampf gegen die Verfechter des traditionellen Demokratiebegriffs.

Die AfD ist also eigentlich gar kein Feind "der Demokratie", wie die massendemokratischen Jakobiner behaupten, sondern ein Feind der alle gewachsenen Unterschiede nivellierenden Massendemokratie: https://andreasfranken.com/die-feinde-der-massendemokratie/ 

 

quarz
14. November 2017 22:05

@Gehenkter

"Die angelsächsische Philosophie ist ein insuläres Ereignis, das sich regelmäßig gegen fast alle überseeischen Einflüße abschottet. Man will aus der analytischen Philosophieblase nicht heraus"

Da stellen Sie die Tatschen geradezu auf den Kopf. In Wahrheit hat sich die Philosophie analytischer Prägung über den ganzen Erdball ausgebreitet und stellt heute - bei aller inneren Differenzierung - den philosophischen Mainstream unserer Zeit, während die sogenannte Kontinentalphilosphie sich im Wesentlichen auf die Blase Frankreich&Deutschland beschränkt. Natürlich gibt es auch an anglophonen Universitäten Institutsexoten, die dieses Feld beackern, aber das ist dann eher so, wie wenn sich bei uns einer auf "afrikanische Philosophie" spezialisiert hat.

" ... und meidet möglichst jede Form von Metaphysik, Spekulation .... Was übrig bleibt sind aufgeblasene Ethik-, Logik-, und Empirismusseminare"

Das hat schon vor einem halben Jahrhundert aufgehört, eine zutreffende Beschreibung der analytischen Philosophie zu sein. Seit Jahrzehnten boomt die analytische Metaphysik und gehört neben der Philosophy of Mind und der analytischen Religionsphilosophie zu den Themen, zu denen am meisten publiziert wird. Dass dies offenbar in anderen Diskurslandschaften noch immer nicht registriert wurde, erstaunt mich immer wieder und bestätigt deren Filterblasendasein aufs Eindrücklichste.

 

Der Gehenkte
15. November 2017 00:25

@ quarz

"Seit Jahrzehnten boomt die analytische Metaphysik"

Ja, das muß ich verschlafen haben - "analytische Metaphysik", schöner Begriff ...

Können Sie etwas konkreter werden? Würde meine Bildungslücke gern stopfen. Muß mich in Oxford in den falschen Ecken herumgedrückt haben ...

Vadomar Tuonawa
15. November 2017 01:09

@fritz, @quarz, @Nemo Obligatur, @Caroline Sommerfeld

Mir als Naturwissenschaftler ergeht es oft sehr ähnlich wie Fritz. Auch wenn ich die Möglichkeit zu grosser, eigener Dummheit nicht gänzlich ausschliessen möchte, ist es doch erstaunlich, wenn man bei vielen der ‚Kontinentalphilosophen‘ -Kant ausgenommen- oft seitenweise nichts versteht. Ich kann Physik, Mathematik, künstliche Intelligenz, kritischen Rationalismus und die Philosophie des Geistes nachvollziehen, aber bei Sartre, Heidegger, Nietzsche etc. hört es bei mir auf und ich bin gezwungen nach ein paar Dutzend Seiten das jeweilige Werk beiseite zu legen. Warum ist das so?

Ideengeschichtlich scheint es, als sei Kant -auf den sich meiner Beobachtung nach beide Seiten beziehen, die Kontinental- und analytischen Philosophen- die Wegscheide, von der aus sich diese zwei Stränge der Philosophie entwickelt haben, aber das mögen die philosophisch Geschulteren unter den Kommentatoren eher beurteilen.

In jedem Fall aber werde ich den Verdacht nicht los, als hingen viele Probleme der Kontinentalphilosophen sowohl mit schlampiger Begriffsführung, als auch mit rhetorischen Selbstverhexungen zusammen. Ich meine, wie kann es sein, dass "Koryphäen" wie Judith Butler -um ein extremes Beispiel zu nennen- mit Preisen für "Geschlechterphilosophie" überhäuft werden, ohne gleichzeitig über einen Funken Kenntnis in Biologie zu verfügen -und das bei einem derart empirischen Thema? Oder wie kann eine Simone de Beauvoir einen Satz loslassen wie "Man ist nicht als Frau geboren, man wird es" und dafür gefeiert werden -100 Jahre nach Darwin?

Solche Leute bringen es fertig, eine komplett herbeihalluzinierte Wahrnehmung zu entwickeln und in der Tat beruhen ja viele Probleme über die "wir" hier sprechen auf solchen Wahrnehmungsfehlern (s. "Mit Linken leben"). Gleichzeitig aber gibt es gerade im Umfeld der Sezessionisten ja einen sehr starken Bias zu ebenjener Kontinentalphilosophie. Mit anderen Worten, sowohl ein Grossteil der ideengebenden linken, wie auch der sie kritisierenden rechten Philosophen scheint der selben Ursuppe zu entstammen. Mich würde daher interessieren, wie besagte Sezessionisten die gleichen Dinge wie ich an den Linken kritisieren können (schlampige Begriffsführung, rhetorische Selbstverhexungen usw.), aber dennoch den Kontinentalphilosophen so etwas wie Sinn abringen können?

Fritz
15. November 2017 09:09

Meine Abkehr vom linken Denken ist jedenfalls darauf zurück zu führen, dass die Linken an ihren idealistischen Theorien festhalten, ohne die Entwicklung der Naturwissenschaften (besonders der Biologie) zur Kenntnis zu nehmen.

Übrigens ist die Tradition des philosophischen Naturalismus keineswegs etwas rein angelsächsisches. Konrad Lorenz' Buch "Die Rückseite des Spiegels" ist ein hervorragendes Beispiel dafür.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_R%C3%BCckseite_des_Spiegels

quarz
15. November 2017 09:58

@Gehenkter

Nachdem im frühen 20. Jahrhundert der linguistic turn die analytische Philosophie (übrigens keineswegs nur und nicht einmal vorreiterhaft im angelsächsischen Raum; siehe Wiener Kreis, siehe Berliner Kreis) weitgehend auf Sprachanalyse reduzierte, kam es etwa in den 60er/70er Jahren zum ontological turn, der die erneute intensive Beschäftigung mit ontologischen bzw. metaphysischen Fragen mit sich brachte. Ein genaues Schlüsseldatum dieser Entwicklungswende lässt sich nicht ausmachen.  Quine streckte bereits seine Fühler in die neue Richtung aus, die "Metaphysiker von Princton" (Kripke & Co) gaben der Dynamik einen wichtigen Schub. Aber beispielsweise auch die Australier ("Huch?!") bereicherten die Debatte durch einen charakteristischen, sehr bodenständigen metaphysischen Realismus. Jedenfalls verbreitete sich die Neuorientierung in kurzer Zeit und hatte Unmengen an Publikationen und Konferenzen zur Folge.

Geben Sie mal das Stichwort "metaphysics" in die Suchmaschine eines Buchhändlers Ihres Vertrauens, da gibt es hunderte von Büchern analytischer Prägung. Hier nur ein Beispiel unter vielen:

https://antaios.de/detail/index/sArticle/48932

P.S. Zu welcher Zeit waren sie denn in Oxford? Vielleicht kann ich Ihnen ja benennen, welchem Metaphysiker sie da eventuell über den Weg laufen hätten können.

Monika L.
15. November 2017 11:48

"Wir sprechen hier nicht vom "Konflikt" zwischen Burka-tragenden Frauen und Pegida-Anhängern. Dieser Konflikt ist weder statistisch noch lebensweltlich signifikant. In Sachsen sowie in Regionen mit einem höheren Migrantenanteil, in denen die AfD gut abschnitt, haben wir es meistens mit ausländischen und deutschen Familien zu tun, die im selben Haus leben, im selben Discounter einkaufen, ähnliche YouTube-Videos liken und sich abends die gleichen Serien bei Netflix oder die gleichen Reality-Shows auf ProSieben anschauen. Nennenswerte kulturelle Unterschiede existieren hier einfach nicht. Anders gesagt: "Kultur" und "Heimat" fungieren hier als leere Zeichen, die man mit vertrauten Inhalten füllt, um den in anderen Lebensbereichen gespürten Bedeutungsverlust (als Arbeiterklasse, als Bürger, als Familie) zu kompensieren."

Sergio Costa in genanntem Zeitartikel, die Leserbriefe dort sind zu beachten

 

Es ist doch traurig, daß nennenswerte kulturelle Unterschiede nicht mehr existieren, daß Heimat und Kultur zu leeren Zeichen werden. Solange die Linke kein besseres Konzept anbietet, wie diese Leere zu füllen ist, muß sie mit den Rechten leben . Man greift mal wieder zu Pasolinis Freibeuterschriften ( Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft) . Im Kapitel " Der Völkermord" liest man: " Wenn ich sehe, wie die jungen Leute die alten, volkstümlichen Werte verlieren und neue annehmen, die ihnen der Kapitalismus diktiert, und so zunehmend Gefahr laufen, einer Art Unmenschlichkeit. einer erschreckenden Sprachlosigkeit, einer brutalen Kritiklosigkeit und pssiven Parteilichkeit zum Opfer zu fallen, so kommen mir die SS-Männer in den Sinn, die genau so waren - und ich habe das Gefühl, als ob sich der Schatten des Hakenkreuzes über unsere Städte .senkte."

Pasolini wäre heute sicher ein Rechter, die Arroganz der Gutmenschen- " Elite" ist einfach nur unerträglich! Was wissen sie vom kleinen Mann.

Der Gehenkte
15. November 2017 13:36

 @ quarz

So in etwa hatte ich mir Ihre Antwort vorgestellt - wir agieren hier mit verschiedenen Begriffe, wobei ich gestehe, daß meine sehr subjektiv sind. Kripke und Quine hätte ich mit Metaphysik oder Kontinentalphilosophie nicht im Traum in Verbindung gebracht.

Übrigens hatte ich Kontakt - mit Studenten, die danach dürsteten, mit einem Deutschen über Nietzsche und Heidegger zu reden. Der Durst war durch die analytische Austrocknung entstanden. Klar konnte man bei Blackwell's alles kaufen, aber auch heute (letztes Jahr war ich wieder dort), dominieren die Quines, Kripkes, Ayers, Russells, Moores, Whiteheads, Rawls, Strawsons usw. die Regale.

Mir geht es da umgekehrt proportional wie @ Vadomar Tuonawa: da setzt sofort der Gähnreflex ein, wohingegen ich Nietzsche oder Heidegger oder auch Deleuze nicht ohne erhöhten Puls lesen kann. Hängt am Ende vielleicht einfach nur an verschiedenen biologischen Vorgaben.

 
Maiordomus
15. November 2017 15:55

@Vadomar Tuonawa. Leider haben Sie in der Einschätzung der philosophischen Geschwätzdiskurse völlig recht, das bestätige ich Ihnen gern nach Jahrzehnten als Philosophielehrer. Klar, dass man den genialen Schriftsteller Nietzsche, der gemäss dem kongenialen George hätte singen sollen, weniger reden, so wenig als Wissenschaftler sehen sollte (auch als Altphilologe hatte er geniale Ideen, aber viel weniger Kenntnisse als die wirklichen Kenner) wie die meisten Vertreter des deutschen Idealismus, Hegel und Schelling leider mit eingeschlossen. Im Sinne Ihrer Ausführungen müssten Sie jedoch einen Denker wie Karl Popper, "Logik der Forschung" und dergleichen sowie analytische Mathematiker wie Bernard Bolzano, Gottlob Frege,  Alfred North Whitehead, Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen aber durchaus anerkennen. Es geht hierbei um das methodische Denken, nicht um die politischen Privatmeinungen, die nach Carl Schmitt stets Lagerabgrenzungen sind. Ohnehin gibt es bei genauerem Hinsehen keine linke, keine rechte und keine christliche und nicht einmal in Ansätzen eine islamische Philosophie, wiewohl etwa ein Abu Ali al Hosein ben Abdallah Ibn Sina alis Avicenna durchaus wissenschaftlich denken konnte, aber nicht in seiner Eigenschaft als Muslim. Schlau scheint mir ferner, wie und dass  der schlitzohrige Muslim Averroes pfiffig zwischen theologischer Wahrheit des Koran und wissenschaftlicher Wahrheit unterschied (so jedenfalls deutete ihn Thomas von Aquin, ein durchaus zu klarem Denken fähiger Katholik), eine Unterscheidung, von der er sich mutmasslich die Duldung wissenschaftlicher Arbeit erhoffte. Ist Vadmoar Thuana allenfalls der neue Deckname für den hier verstummten "Winston Smith" ? Letzterer ein nicht unbedeutender geschulter deutscher Logiker auf ganz anderem methodischen Niveau als zum Beispiel die genannte Judith Butler. Was Beauvoir betrifft, neige ich dazu, nicht ihre Antworten, aber immerhin einige ihrer Fragestellungen als bedeutsam und relevant einzuschätzen. Sartre halte ich wie Heidegger für massiv überschätzt. Die linke Ideologie bei Sartre wird "Engagement" genannt, das rechts Interpretierbare bei Heidegger "Entschlossenheit". Noch gut bei Heidegger finde ich indessen die Überlegungen über das Gerede und das "man", hier liegt, wie bei Nietzsches Moralkritik, durchaus ein kritisches Potential geborgen. Aber klar, dass ein naturwissenschaftlich Orientierter mit diesem Zeugs in der Regel nicht viel anfangen kann. Beeindruckend bleiben indes die in der Regel lateinisch verfassten Schriften von Kopernikus, der sich ebenfalls noch klug auch mit ökonomischen und Geldfragen auseinandergesetzt hat und so schwierig und doch für Eingeweihte klar zu formulieren wusste, dass er als langfristiger  Systemunterwanderer in seinem Privatleben als katholischer Chorherr kaum behelligt wurde. Es lohnt sich, u.a. die Studien von Will Erich Peuckert über Kopernikus zu lesen. Ich vermute indessen, dass Sie mit Quine womöglich noch mehr anfängen könnten.

Maiordomus
15. November 2017 16:03

@Der Gehenkte. Vielleicht gehört Alfred North Whitehead, Mathematiker und Metaphysiker, zu den Repräsentanten der oben genannten "analytischen Metaphysik"; natürlich war auch die Metaphysik von Aristoteles, eigentlich nur "das Buch, das nach der Physik folgt", eine Art Analytik. Interessanterweise hat Pater Lorenz Moser, jahrzehntelang Philosophielehrer an der Stiftsschule Einsiedeln, über Whitehead doktoriert.

 

@Fritz. Halten Sie sich bei philosophischen Debatten lieber nicht an Wikipedia. Wie hier schon ausgeführt, wird allein für die Charakterisierung des Denkens von Thor von Waldstein in jener Schrott-Enzyklopädie ca. 14mal der für wissenschaftliche Unterscheidungen in Sachen Konsens-Objektivität bekanntlich unentbehrliche Begriff "rechtsextrem" oder "rechtsradikal" gebraucht. Nach den Wikipediaregeln sollten übrigens die Darstellungen möglichst unparteiisch erfolgen...

quarz
15. November 2017 21:42

@Gehenkter

"Kripke und Quine hätte ich mit Metaphysik oder Kontinentalphilosophie nicht im Traum in Verbindung gebracht."

Mit Kontinentalphilosophie habe ich sie auch nicht in Verbindung gebracht, sondern nur mit der ontologischen Wende innerhalb der analytischen Philosophie. Wenn sie sich für Kontaktstellen zwischen der sog. kontinentalen und der analytischen Sphäre interessieren, kann ich ihnen andere Tipps geben. An (des frühen) Husserls Denken knüpfen Wolfe Mays und seine Schüler, vor allem Peter Simons, Barry Smith und Kevin Mulligan an. Und gar auf ein Rendezvous mit dem Existenzialismus hat sich Dagfinn Follesdal eingelassen (Skandinavien ist übrigens ohnehin eine Hochburg der analytischen Philosophie). Überhaupt scheint mir, dass analytische Philosophen bei aller methodischen Kritik am "Kontinent" viel größere Bereitschaft an den Tag gelegt haben, Gedanken und Entwicklungen der Kontinentalen zur Kenntnis zu nehmen und zu reflektieren, als das umgekehrt der Fall war und ist.

Für eine erste Bekanntschaft mit dem analytischen Zugang zur zeitgenössischen Metaphysik empfehle ich "A Survey of Metaphysics" des leider vor kurzem verstorbenen Jonathan Lowe. Nur zu, die Analytiker beißen nicht! Denkergurus gibt es dort (fast) nicht, das Argument ist der Star. Jeder ist willkommen, mitzudenken. Hilfreich ist die Bereitschaft, auf Blenderrhetorik zu verzichten, unabdingbar ist die Bereitschaft, sich dem rigorosen Argument zu stellen.

Wenn sie sich über die ganz aktuellen Entwicklungen in der analytischen Metaphysik informieren wollen, empfehle ich die Reihe "Oxford Studies in Metaphysics", in der gerade der zehnte Band herausgekommen ist.

 

Monika L.
15. November 2017 22:23

"In Sachsen, sowie in Regionen, in denen die AfD gut abschnitt, haben wir es meistens mit ausländischen und deutschen Familien zu tun, die im selben Haus leben, im selben Discounter einkaufen, ähnliche YouTube-Videos liken und sich abends die gleichen Serien bei Netflix oder die gleichen Reality Shows auf ProSieben anschauen. Nennenswerte kulturelle Unterschiede existieren hier einfach nicht."

Sergio Costa strahlt so viel Menschenverachtung aus wie der Pro Sieben Chef Thomas Ebeling:

https://www.compact-online.de/pro-7-chef-unser-publikum-ist-fett-und-arm/

Schlimmer: zum weißen deutschen trash kommt noch der ausländische trash.

Da fehlt die Metaphysik. 

"The temple is holy because it is not for sale "  Ezra Pound) 

Paracelsus
15. November 2017 22:50

@Sommerfeld

"Das „kulturelle Argument“ besagt in etwa das, was man im angelsächsischen Raum Identity politics nennt, mithin daß partikulare „Kulturen“ ein Anrecht auf Bewahrung und Erhalt haben, so eben auch die deutsche Kultur."

Ich bitte um eine Begriffsklärung; den Begriff "Identity politics" habe ich bei Todd Huizinga, "Was Europa von Trump lernen kann", S. 29 ff. kennengelernt, und dort wird er immer als Zwillingsbegriff von "Political correctness" gebraucht, wobei er sich auf die Förderung jeder noch so kleinen Partikularinteressen bezieht. S. 34 sagt er, dass der Kern dieser beiden Begriffe die Anschauung sei, Freiheit sei "das Recht..., die Existenz einer objektiv-allgemeingültigen Wahrheit zu leugnen und für mich selber zu entscheiden, was für mich wahr ist", wie auch dem Anspruch jeder dieser Wahrheiten auf Anerkennung, d.h. Toleranz durch die Mitmenschen usw. -

Hier bei Ihnen klingt es so, als sei Identity politics eine Art Synonym für Ethnopluralismus...

Grundsätzlich darf ich anmerken, dass ich hier unter den Gesprächsteilnehmern zu den philosophischen Laien gehöre, die gerade Ihre Texte, Frau Sommerfeld, eher als anspruchsvoll-herausfordernd erleben, bis hin zu dem "Was soll das"...

Sie bieten also Einführungen in das verwinkelte Denken der modernen Philosophen, und es ist nicht schlimm, wenn man da als Laie wie das berühmte Schwein vor dem Uhrwerk steht und sich gleichwohl fragt, wofür dieses und jenes Uhrwerk gut sein soll...

Dank an Sie und an die Forumsteilnehmer, die mit verschiedenen Zusätzen, Querverweisen und Vertiefungen (v.a. Der Gehenkte, S. Gerlich) das Thema schon weit ausgeleuchtet haben.

Der mehrfach angesprochene Satz Costas von dem "empirisch" festgestellten fehlenden Unterschied zwischen die gleichen Realityshows sehenden Nachbarn verschiedener Herkunft ist erfahrungsmässig sicher nicht haltbar. Ich erfahre immer wieder, wie die kulturellen Werte sehr stabil sind, je nach Herkunftsland und dort auch je nach Herkunftsregion verschieden; wenn man sich die Mühe machen wollte, könnte man das durchaus herausfinden. Aber man gestaltet  die "empirische" Datenerhebung wohl so, dass das gewünschte Ergebnis herauskommt, siehe die Affäre um die  diesjährige Studie zum Rechtsextremismus in Mitteldeutschland.

 

Kommentar Caroline Sommerfeld:

Das ist genau die Crux mit der "Identitätspolitik". Wenn man zuläßt, daß sich jeder seine "Identität" aussucht, gerne wechselt und subjektiv umdesignt, wird der Begriff leer. Diese Leere ist die Extremform von "Identitätspoltik", der totale Partikularismus. Aus diesem leeren Blick erscheint dann auch der Identitätsbegriff der Identitären Bewegung, meinethalben auch der Ethnopluralismus de Benoists, genauso leer und beliebig. Genau davon geht der Artikel von Sérgio Costa aus. Einen starken, objektiven (i.S.v. sozial geteilten, ethnisch fundierten, historisch gewachsenen) Identitätsbegriff kann er gar nicht denken.

Der Gehenkte
15. November 2017 23:43

@ quarz

Vielen Dank! Da habe ich mir ja was eingebrockt - gerade habe ich  es mir in meiner Filterblase bequem eingerichtet - und natürlich trotzdem nie Zeit, alles zu lesen, was "man" lesen müßte - und jetzt auch noch das!

Den Lowe habe ich mir runtergeladen: https://kupdf.com/queue/lowe-ej-a-survey-of-metaphysics-2002pdf_59956207dc0d602533300d17_pdf?queue_id=-1

und schau mal rein. Aber in meinem Alter durchwandert man keine neuen Kontinente mehr ...

Stil-Blüte
16. November 2017 00:31

Liebe Frau Sommerfeld,

eines ist gewiss, Ihre Texte erheben mit Recht hohen Anspruch; machen mir aber, weniger inhaltlich als formal, zu schaffen. Auch nach mehrmaligem Lesen gelingt es mir nicht immer herauszufinden, was sie mir/uns (?) sagen wollen.

Wie kommt es,  dass Sie ihr Gesicht so frei, unverkrampft zu zeigen vermögen,  Ihre Texte oftmals aber ziemlich hermetisch einherkommen?  

Vadomar Tuonawa
16. November 2017 02:39

@Majodomus

Erst einmal vielen Dank für Ihren philosophischen Exkurs. Da haben Sie ja ein wahres Feuerwerk der Philosophiegeschichte abgebrannt, von dem ich wohl noch eine ganze Weile werde zehren können. Wie gesagt, vielen Dank für die Mühe.

Es scheint durch meinen vorangegangenen Post wohl der Eindruck entstanden zu sein, ich würde die komplette 'Kontinentalphilosophie' (vielleicht wäre die durch den dt. Idealismus geprägte Philosophie die präzisere Beschreibung?) als Geschwätzwissenschaft ansehen. Das jedoch kann ich abschliessend gar nicht sagen, denn ich verstehe diese Philosophie schlicht nicht, während aber konstatiert werden muss, dass viele Leute unabhängig voneinander zu denselben Interpretationen der jeweiligen Werke gelangen, was den Schluss nahelegt, dass eben doch wichtige Gedanken in diesen enthalten sind (wobei ich natürlich die besonders klaren Fälle, wie die Ahnungslosigkeit Butlers von der Biologie, davon ausnehmen möchte). Aber auch schon bei Satre kann ich 80% der Sätze 10x lesen, herumdeuteln und immer noch keine Ahnung haben wovon er spricht. Vielleicht ist es bei solchen Werken wie 'Das Sein und das Nichts' aber ja auch notwendig, die Vorläuferliteratur (Husserl etc.) gelesen zu haben?

P.S: Ich weiss übrigens nicht, ob "Vadmoar Thuana" der neue Deckname von "Winston Smith" oder vielleicht auch "Lord Voldemort" ist :-), "Vadomar Tuonawa" jedenfalls ist es nicht.

 

 

 

Fritz
16. November 2017 08:12

Maiordomus: Sie werden lachen, ich habe den Lorenz selber gelesen und nur um der Einfachheit halber auf Wikipedia verwiesen.

Lorenz ist ein gutes Besipiel für naturalistisches, wissenschaftsorientiertes Denken bei einem Deutschen (es gäbe noch einige weitere Beispiele): Und er hat sich mit seiner Nazivergangenheit selbstkritisch auseinander gesetzt, in einer Weise, wie z.B. Heidegger es nie geatn hat.

quarz
16. November 2017 08:44

@Paracelsus

"von dem "empirisch" festgestellten fehlenden Unterschied"

Die empirische Feststellung von Nichtexistenz ist ohnehin notorisch problematisch.

Monika L.
16. November 2017 09:31

Liebe Frau Sommerfeld,

mir geht es etwas wie Stil-Blüte. Allerdings macht mir  der verlinkte Text der Amadeo Stiftung inhaltlich und formal zu schaffen:

http://www.belltower.news/artikel/wo-das-gespr%C3%A4ch-aufh%C3%B6rt-%E2%80%93-reflexionen-%C3%BCber-den-umgang-mit-rechten-%C3%B6ffentlichen-r%C3%A4umen-12817

Könnten Sie mit Herrn Lichtmesz diesen Text zerpflücken ? 

Danke.

Maiordomus
16. November 2017 12:47

@quarz. Ihre Hinweise auf die Oxford Studies erachte ich als wertvoll, enthält Hinweise, die mir noch nicht bekannt wareb, so das Erscheinen des 10. Bandes. War jedoch als ehemaliger Philosophielehrer nicht wenig stolz darauf, dass einer meiner Schüler in jenen Oxford-Kreisen als Assistent für mathematische Logik wirkte. Um indes einen möglichen Einwand ins Gespräch zu bringen: Es besteht im Zusammenhang mit der mathematisch-logischen Analytik und generell beim rein naturwissenschaftlich-positivistischen Denken die Gefahr, in einen letztlich nichtssagenden meinungslosen Positivismus abzugleiten, welche Gefahr bereits Karl Popper grundsätzlich richtig gesehen hat. Andererseits, dessen war sich zum Beispiel Solschenizyn bewusst, ist der Positivismus in hoch ideologisierten Zeiten eine Art Unterstand, eine Nische, in der man sich vor geistiger Korrumpierung schützen kann. Das war zum Beispiel überall dort der Fall, wo Marxismus oder Katholizismus aus kulturpolitischen Gründen die Universitäten beherrschte. Entsprechend entfalteten sich dann einige der klügsten katholischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, so der Dominikanerpater Ioseph M. Bochenski in Fribourg, hauptsächlich als analytische Logiker. Ich fand es, wie oben schon gesagt, grossartig, dass der beste Philosophielehrer der Stiftsschule Einsiedeln über Whitehead doktoriert hatte.

Bewegend an der gerade laufenden Debatte finde ich den Hinweis von @Vadomar, dass sich ideologisch bornierte Feministinnen mit Händen und Füssen gegen biologische Befunde wehren zu müssen glauben. Unter den Namen, die bisher nicht zitiert wurden, fehlt Irenäus Eibl-Eibesfeld, der 1985 zusammen mit Popper und Hans Jonas einem der lehrreichsten philosophischen Kongress in Zürich das Gepräge gab. Eine solche Liga habe ich als Teilnehmer und Berichterstatter seither nicht wieder erlebt. Unvergesslich genial der Satz von Popper (der mich zwar an jener Tagung persönlich beschimpft hat): "Die Theologie ist ein Fehler." Obwohl ich jenen Satz weder damals noch heute für vollständig richtig hielt, gehört er zu den Sätzen, die vorerst erst mal verdaut werden müssen. Ein Theologe, der an die Theologie glaubt, hat sein Fach wohl nicht richtig verstanden. Dies erwähne ich als Ergänzung zur gegenwärtig bei SiN angelaufenden Diskussion um einen Vorschlag des von religiös-politischen Ideologen um seine Berufstätigkeit betrogenen Pastors Thomas Wawerka.

Vadomar Tuonawa
16. November 2017 16:37

@Majordomus

"Es besteht im Zusammenhang mit der mathematisch-logischen Analytik und generell beim rein naturwissenschaftlich-positivistischen Denken die Gefahr, in einen letztlich nichtssagenden meinungslosen Positivismus abzugleiten, welche Gefahr bereits Karl Popper grundsätzlich richtig gesehen hat. Andererseits, dessen war sich zum Beispiel Solschenizyn bewusst, ist der Positivismus in hoch ideologisierten Zeiten eine Art Unterstand, eine Nische, in der man sich vor geistiger Korrumpierung schützen kann."

Zwei extrem wichtige Punkte. Die Tatsache, dass der Positivismus als Gesundungsvitamin gegen die geistige Korrumpierung unserer Zeit angesehen werden kann ist meines Erachtens im neurechten Umfeld noch nicht so richtig angekommen. Doch gerade das wäre wichtig, um sich gegen den Pseudopositivismus von Merkel, Grünen und Co. zur Wehr zu setzen -d.h. um der Bevölkerung die tatsächlich vorhandene, analytische Schwäche des Establishments vor Augen zu führen, die ja als ihr Gegenteil verkauft wird. Bis jetzt haben unsere Gegner leider immer noch die Möglichkeit -wenn auch ungerechtfertigterweise- die neuer Rechte als einen Haufen "radikalisierter Spätromantiker" (FAZ) darzustellen.

Was den ersten der beiden Punkte anbelangt, so bin ich mir nicht sicher, wie stark die behauptete Gefahr des Abgleitens in eine Art positivistischen Nihilismus tatsächlich ist. Sicher, pathosgetriebener Willensstärke gegenüber ist man im blutleeren Umfeld des Wissenschaftsbetriebs meist abholb. Würde man sich aber die überaus praktischen, quasi positivistischen Folgen eines fehlenden und unhinterfragten, gesellschaftlichen Konsens vor Augen führen (Kleine-Hartlage), so könnte sich diese zunächst rein analytische Erkenntnis durchaus als das Viagra blutleerer Nerds erweisen.

quarz
16. November 2017 20:50

@Maiordomus

"Es besteht im Zusammenhang mit der mathematisch-logischen Analytik und generell beim rein naturwissenschaftlich-positivistischen Denken die Gefahr, in einen letztlich nichtssagenden meinungslosen Positivismus abzugleiten ..."

Da kann ich Sie beruhigen. Die Kurzzeitehe zwischen analytischer Philosophie und Positivismus ist längst geschieden. Inzwischen herrscht unter Analytikern weitgehender Konsens darüber, dass das verifikationistische Sinnkriterium, das sozusagen der Ehering dieser Verbindung war, als gescheitert anzusehen ist. Inzwischen stellt die analytische Zunft auch einige der schärfsten Kritiker des Naturalismus.

"Ioseph M. Bochenski"

Ich erinnere mich an einen Vortrag, den er kurz vor seinem Tod gehalten hat und in dem er fast die ganze philosophische Entwicklung des 20. Jahrhunderts vom Tisch wischte und dann seinen verdatterten Zuhörern verkündete: "Wir müssen wieder ganz von vorne anfangen."

"Kopernikus ... dass er als langfristiger  Systemunterwanderer in seinem Privatleben als katholischer Chorherr kaum behelligt wurde."

Diesbezüglich hatte er kirchlicherseits wenig zu befürchten. Entgegen einem heute gepflegten Narrativ waren Kirchenleute in hohen Ämtern seine größten Förderer, während er Spott und Kritik des weltlichen Wissenschaftsbetriebes fürchtete. Im Vatikan wurde er als hoch angesehener Experte zur Kalenderreform zu Rate gezogen. Papst Clemens war begeistert von seinem heliozentrischen System, Kardinal Schönberg drängte ihn zur Publikation und unterstützten diese finanziell. Im Vorwort seines dem Papst gewidmeten Hauptwerkes schildert er seine Zweifel und betont die Rolle seiner kirchlichen Förderer bei der Überwindung derselben: "In der Tat waren es Freunde, die mich nach meinem langen Zögern und sogar Sträuben wieder zurückbrachten. Unter ihnen war es vorzüglich Nikolaus Schönberg, Kardinal von Capua, der in allen Zweigen der Wissenschaft berühmt ist. Ihm zunächst der mir sehr zugetane Mann Tiedemann Giese, Bischof von Kulm, überaus eifrig in den heiligen wie auch allen angesehenen Wissenschaften. Jener hat mich sogar zu wiederholten Malen ermahnt und zuweilen mit zusätzlichen Zurechtweisungen dringend aufgefordert, daß ich doch dieses Buch herausgebe und endlich ermögliche, es ans Licht treten zu lassen, das sich bei mir nicht allein im neunten Jahr, sondern bereits ins vierte Jahrneunt verborgen gehalten hatte. ... Durch solche mich Überredende also und durch diese Hoffnung bewogen gestattete ich schließlich meinen Freunden die Herausgabe des Werkes zu besorgen, die sie so lange von mir erbeten hatten."

"Ein Theologe, der an die Theologie glaubt, hat sein Fach wohl nicht richtig verstanden."

Ein letzter Querverweis zur analytischen Philosophie, und zwar zur analytischen Religionsphilosophie: Noch in den 50er Jahren waren fast alle maßgeblichen analytischen Religionsphilosophen Atheisten, zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich das Bild völlig gewandelt und wird mit deutlicher Mehrheit von Theisten geprägt.

Maiordomus
17. November 2017 11:03

Ioseph M. Bochenski: "Wir müssen wieder ganz von vorne anfangen." Da hat der grandiose Verfasser einer Geschichte der Logik sowie der "Zeitgenössischen Denkmethoden", u.a. mit einer hervorragenden Erklärung der phänomenologischen Methode,  zweifelsohne Recht bekommen, wobei es jedoch zum Schicksal der Philosophie gehört, dass von Generation zu Generation wieder von vorn angefangen werden muss. Nicht zu unterschätzen die Sieben Weisen des Altertums mit ihren Warnungen vor Masslosigkeit und Schuldenmachen, oder Heraklit, der dunkle von Ephesus: Der Kampf (Krieg) ist der Vater aller Dinge; die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen; die einen zu Herren, die anderen zu Sklaven." Nicht zu vergessen Epicharmos: "Sterbliche Gedanken soll der Sterbliche hegen, nicht unsterbliche der Sterbliche." Im 16. Jahrhundert ergänzte Paracelsus: "Derweil ist die Philosophei für spöttig gehalten worden, und das ist sie noch bis auf die Stund." Trotzdem galt für ihn: "Wie die Kranken eines Arztes, bedürfen die Dinge eines Philosophen". Der letztere Satz stammt aus dem Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis, salamandris ac ceteris spiritibus", also dem Buch über die Elementargeister, wozu ja eigentlich Goethes Faust eine erweiterte Fussnote darstellt. Das aber mit dem "ganz von vorne anfangen" von Bochenski wird bestätigt vom Spruch des Anaximander, den Heidegger auf immerhin etwa 80 Seiten interpretiert hat. "Der Ursprung der Dinge liegt im Unbegrenzten ( a peiron), woraus aber die Dinge entstehen, dahinein müssen sie mit Notwendigkeit wieder zurück: denn die Dinge schulden einander Strafe und Busse für ihr Unrecht gemäss der Ordnung der Zeit." Die Frage ist natürlich, ob das Apeiron materialistisch aufzufassen ist, wie es etwa gemäss Thales (Wasser), Heraklit (Feuer), Anaximenes (Luft) gedeutet zu sein scheint, oder eher geistig, gemäss der nachplatonischen Tradition von Plotin bis zu Meister Eckhart. Zu den wichtigsten Lehren der Mystiker gehört in der Tat die Lehre vom anfangenden Menschen, womit auch das bei Platon und Aristoteles genannte Erstaunen und Sichverwundern als der Anfang der Philosophie gemeint ist. Dass man stets wieder von vorne anfangen muss, scheint mir insofern eine tröstliche Einsicht zu sein. Alle Sorten des blossen Rechthabenwollens und Fanatismus widersprechen diesem Befund, damit auch alle läppischen wahnhaften Sorten Welterklärung durch einen Weltfeind, Ausdruck der etwa von Eric Voegelin analysierten politischen Gnosis. Wer hier auf das Glatteis fällt, dem ist kaum mehr zu helfen. Keine Kleinigkeit bleibt es jedoch, trotz Neigung zur Skepsis noch handlungsfähig bleiben. Die Verbindung von Handlungsfähigkeit und Skepsis gehört mit zum Elend wie auch zu den Chancen der Handlungsmöglichkeiten auf dem Wege einer von wirklicher Gedankenfreiheit geleiteten Demokratie. 

Heinrich Brück
17. November 2017 13:12

"Alle Sorten des blossen Rechthabenwollens und Fanatismus widersprechen diesem Befund, damit auch alle läppischen wahnhaften Sorten Welterklärung durch einen Weltfeind,"

Solche Sätze sind philosophisch nicht zu gewinnen. Sie klammern das Geldsystem auf diesem Planeten aus. Also entweder die menschliche Natur hat dieses System unveränderbar bis zum Jüngsten Gericht am Hals, weil es nicht anders umzusetzen ist, oder das System bestimmt die Natur. Sich dann über Mord und Totschlag zu beschweren, ist ein Witz ohne Komik.

BRD und DDR im Vergleich, gewinnt die DDR. Die Kontinuität nach 1945 zeigt dem Beobachter einen Feind. Natürlich kann dieser Feind verschleiert werden. Die Sätze zur Demokratie sind Romantik ohne Volk.

Maiordomus
17. November 2017 13:59

@Vadomar. Ihre Ausführungen gehen als Appell an Rationalität, sowohl im kritischen Potential gegen die angebliche Realpolitik des Merkellagers wie auch als Hinweis im Hinblick auf ein fundierteres oppositionelles Denken in die Tiefe. Stärker als die Kritik von rechts scheint das Zugrundegehen des Systems an den eigenen Widersprüchen für oppositionelles Denken Hoffnungsperspektiven zu eröffnen. Es bleibt aber leider dabei, dass die Probleme sich deswegen nicht von selber lösen werden. An der täglichen Knochenarbeit politischer Kritik führt kein Weg vorbei.

Gustav
18. November 2017 10:03

Fundstück bei Hadmut Danisch:

 

Hatten wir ja schon oft: Viele Idioten von der Gender-, Soziologen- und Philosophenfront sind ja mit Marx, Michel Foucault, Judith Butler fest davon überzeugt, dass die Welt nicht von Natur aus existiert, sondern erst durch „Sprechakte”, durch „Diskurse” geschaffen wird.

So sind sie der Meinung, dass Geschlechter und deren Rollen erst dadurch erschaffen werden, dass man sie benennt. Die Hebamme ist an allem schuld, weil sie verkündet, ob’s ä Büble oder ä Mädle is. Immer ist der schuld, der etwas so benennt, der es begrifflich trennt. Deshalb ja die political correctness, der Sexismus-Vorwurf. Deshalb wollen sie ja unbedingt den Leuten eine „gender-neutrale” Sprache aufzwingen und alles totschlagen, was irgendwie „sexistisch” ist, was in ihren Augen Geschlechterrollen „reproduziert”. Deshalb meinen sie, man müsse das „dekonstruieren”, in dem man Sprache und Bezeichnungen verbietet. Deshalb glauben sie, sie könnten den Opferstatus „Frau” loswerden, indem sie Leuten verbieten, sie als weiblich anzusprechen, und „Professx” zu sagen. (Müsste man dann nicht konsequenterweise auch glauben, dass die Leute davon dumm werden, wenn man sie ständig so dumm anredet?)

Worauf ich aber hinaus will:

Klimaerwärmung: Müsste man dann konsequenterweise die Klimaerwärmung nicht zuerst denen anlasten, die ständig davon reden und behaupten, dass es eine gibt, gar mit dem Thermometer messen? Nach Logik der Geisteswissenschaften dürfte es eine Klimaerwärmung nämlich gar nicht erst geben, solange keiner kommt und sagt, dass es so wäre, oder nachmisst. Also müsste man etwa die Grünen oder die Nachrichtensendung für die Klimaerwärmung verantwortlich machen – oder die Klimaerwärmung gar stoppen, indem man die einfach alle umlegt, damit sie nicht mehr davon reden können.

Rassismus: Das gleiche: Müsste man nicht den Soziologen und der Antifa die Schuld für Rassismus anlasten, weil sie ständig davon reden und sich sogar danach benennen? Ist Rassismus nach geisteiswissenschaftlicher Denke nicht zwingendes Produkt derer, die alles und jeden „Rassist” nennen? So wie sich alles verwandelte, was König Midas berührte? Müsste man analog zu deren Vorgehen bei Sexismus nicht zwingend zu dem Ergebnis kommen, dass es keine Rassisten mehr gäbe und die sich auflösen, man sozusagen die Rassistenrollen „dekonstruieren” könnte, indem man jedem verbietet, jemanden „Rassist” zu nennen?

Was mich jetzt noch zutiefst bewegt und mich zum Poststrukturalisten werden lassen könnte: Sind Philosophen, Gender-Spinner und Soziologen demnach deshalb so dumm, weil ich sie so gerne und oft dumm nenne? Müssten nach deren Haupttheorie meine Sprechakte und Diskurse nicht deren intensive Verblödung nach sich ziehen, so wie sie immer unterstellen, dass eine „sexistische” Sprache Geschlechterrollen bildet und verfestigt?

Experiment:

Oh, Ihr Geisteswissenschaftler, Ihr seid so dumm, dass es brummt! – Das war doch jetzt mal ein prächtiger Sprechakt, oder?. Müssten sie also nicht – analog den Geschlechtern und der sexistischen Sprache – morgen früh aufwachen und sich selbst für dumm halten, weil ich sie so genannt habe? Genau das wollen sie uns ja bei Geschlechtern immer erzählen, dass man unweigerlich so wird, wie man genannt wird.

Wenn sie mit ihrer Theorie recht haben, müssten sich Geisteswissenschaftler, die das hier lesen, hinterher dümmer fühlen als vorher.

Wenn sie mit ihrer Theorie nicht recht haben, müssten sie sich aber auch dümmer fühlen, weil sie jahrzehntelang einer falsche Behauptung aufgesessen sind.

Und? Wirkt’s?

 

 

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