Sezession
1. August 2017

Autorenporträt Ismail Kadare

Gastbeitrag

von Konrad Weiß

pdf der Druckfassung aus Sezession 79/August 2017

»Es war eine seltsame Stadt, die anmutete, als sei sie in einer Winternacht wie ein vorzeitliches Wesen plötzlich im Tal aufgetaucht und habe dann, unter großen Mühen emporklimmend, sich an den Abhang des Berges geschmiegt. Alles an dieser Stadt war alt und steinern […]. Schwer zu glauben, daß sich unter diesen festen Panzern das weiche Fleisch des Lebens regte und erneuerte« – und 1936 auch Ismail Kadare gebar, möchte man die Vorrede seiner Chronik in Stein ergänzen, in der Albaniens größter Schriftsteller seiner Heimatstadt Gjirokastra ein Denkmal setzt. Dort entdeckt er die griechische Mythologie und Macbeth, beginnt mit elf Jahren, zu schreiben; das Elternhaus, dessen viele leere Räume werden zur Projektionsfläche seiner Phantasie.

Schon hier sind entscheidende Elemente von Kadares Werk angelegt: mörderische Aspekte der Staatlichkeit, die überzeitliche Heimaterde, zudem als eine Art Lebewesen und mithin ein fließender Übergang zwischen toter Materie und der Welt der Lebenden, Mythen und Gespenster: In Doruntinas Heimkehr finden sie sich alle wieder. Schweren Herzens verheiratet eine Mutter die einzige Tochter in die Ferne. Ihr Sohn Konstantin gibt sein Ehrenwort, die Schwester heimzuholen, wenn die Mutter ihrer bedarf; merkwürdig blaß und lehmverschmiert geleitet er tatsächlich Jahre später Doruntina bis vor das Elternhaus.

Erst dort offenbart ihr die entsetzte Mutter, daß alle neun Brüder längst tot sind. Konstantin ist aus dem Grab gestiegen, um sein Wort zu halten; die albanische Besa, welche alsbald auch als Wesenskern und Fluchtburg der Nation das Überleben sichern soll.
Denn der befürchtete Sturm bricht los und über das kleine Albanien mit dem Osmanischen Reich eine erste Weltmacht herein. Wie auch in seinen Romanen aus der Zeit späterer Konfrontationen – mit dem faschistischen Italien, dem nationalsozialistischen Deutschland oder der kommunistischen Sowjetunion bzw. China – steht insbesondere im jahrhundertelangen Ringen mit den Osmanen in Kadares Werk die eigene Identität im Mittelpunkt, »die Entwicklung dieser identitären Konfrontation zwischen den Albanern und den Anderen« (M. Marku).

»Zu unseren Füßen lag Asien mit seinem Mystizismus und seinen Grausamkeiten. Wir blickten auf dieses finstere Meer, und uns wurde klar, daß dies ihre Welt, ihre Lebensart war, die sie uns samt den Ketten der Versklavung aufzwingen wollten« – knapp kommentieren namenlose Belagerte in Die Festung das Geschehen vor ihren Mauern, während das Gemälde der türkischen Kriegsmaschinerie in üppiger Farbenpracht ausgeführt ist. Immer elitärere Verbände bis hin zu den Serdengetschti, denen es nach erfolglosem Sturm nicht erlaubt ist, lebend zurückzukehren, wirft der zunehmend verzweifelte Pascha gegen die Festung unter der »furchterregenden Fahne mit dem schwarzen, doppelköpfigen Vogel«, seinerseits ständig beharkt vom albanischen Nationalhelden Skanderbeg, »der wie ein böser Geist durch die Berge streift«. Das Osmanische Reich, an dem sich Kadare in zahlreichen Werken abarbeitet, wird dabei nicht immer historisch akkurat dargestellt, sondern als »Prototyp eines Superreichs« (Joachim Röhm), um Grundmuster zu offenbaren – der Menschen und des Leviathans.
Immer wieder kommt dieses über das ewig aufrührerische Albanien – den Osmanen und später manch anderen Imperien »das Mutterland des Verdrusses«, wie Kadare nicht ohne Stolz vermerkt – in den endlosen Soldatenkolonnen des Padischah, denen als Zeichen der Verachtung für die Aufständischen Vogelscheuchen vorangetragen werden; noch unheilvoller aber nach dem Krieg: Mit dem Ausnahmezustand oder »Erde der Bosheit«, »beruhend auf der Idee der totalen Zersplitterung: religiös, regional, feudal, nach Kasten, Sitten und Gebräuchen« – und durch die Entnationalisierung oder Krakra.

Deren planvolle Verarmung der Sprache, die schließlich jede Fähigkeit ver- liert, »Gedichte, Legenden und Erzählungen auf die Welt zu bringen« (und damit noch den kleinsten Keim der Rebellion), beschwört deut- lich Orwells Neusprech herauf.

Den Albanern aber gelang es, Heimat und Nation, »Worte, hinter denen stets Handschellen lauerten«, auch über eine vier Jahrhunderte währende Fremdherrschaft ohne eigenen Staat zu retten, wohl auch durch den Rekurs auf die erwähnten »inneren Strukturen«, die Kadare mit dem Ehrenwort Besa einführt, das wiederum den Dreh- und Angelpunkt des zum Teil bis heute wirksamen albanischen Gewohnheitsrechts darstellt, des Kanun.

Dieser ist weniger für seine zivilrechtlichen Normen bekannt als für jene die Blutrache betreffenden berüchtigt, die in Der zerrissene April eine düstere Faszination entwickelt – und wo gerade die undramatische Geschäftsmäßigkeit aller Protagonisten einer Fehde, »einer ziemlich gewöhnlichen Geschichte mit zweiundzwanzig Gräbern auf jeder Seite«, neben der einschlägigen Nomenklatur erschüttert: Blutgeber und Blutnehmer tragen ein schwarzes Band, »für den Tod gezeichnet wie Bäume zum Fällen«; nach der unumgänglichen Pflicht zum Besuch von Begräbnis
und Leichenmal seines Opfers, gerade als der Blutfeind, hat Gjorg vor Antritt seines »Fledermauslebens« in einem der unzähligen Fluchttürme noch die Blutsteuer zu entrichten, im Turm des Prinzen von Orosh bei dessen »Verwalter des Blutes«.


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