1. Juni 2019

Hendrik Thoß / Mario H. Müller (Hrsg.): Das Kriegsende in Sachsen 1945

Erik Lehnert

Auch wenn Sachsen eine nicht nur historisch wichtige Region in Deutschland (und damit auch Europa) ist,

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

besteht zwischen dem Reihentitel der beiden Sammelbände und dem regionalgeschichtlichen Schwerpunkt eine gewisse Spannung, die sich auch im Laufe der Lektüre nicht so recht auflösen will. Beide Bände sind Resultat von Ringvorlesungen und Kolloquien, die ihren Ausgangspunkt am Lehrstuhl für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der TU Chemnitz haben. Diese Verortung schlägt sich in zahlreichen Beiträgen zu regionalgeschichtlichen Aspekten der beiden Weltkriege nieder. Für die europäische Dimension sorgen Überblicksbeiträge, die mit Sachsen größtenteils nicht viel zu tun haben.

In beiden Bänden sind als maßgebliche Beiträger die Historiker Hendrik Thoß, der am oben genannten Lehrstuhl als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist, Dirk Reitz vom Volksbund Kriegsgräberfürsorge sowie Uwe Fiedler, Leiter der Chemnitzer Schloßbergmuseums, vertreten. Inhaltlich ergänzen sich die Bände, wenngleich die europäische Dimension im letzten eine größere Rolle spielt und sich einige Fragestellungen wiederholen. Das betrifft vor allem die Themenkomplexe »Flucht und Vertreibung«, Bombenkrieg und »Befreiung oder Niederlage«, die alle für Sachsen eine besondere Bedeutung haben. Obwohl Sachsen nur einen ganz kleinen Teil seines ursprünglichen Territoriums durch die Niederlage verloren hat, stand es als erstes Ziel der schlesischen und sudetendeutschen Flüchtlinge vor besonderen Herausforderungen. Die Bewältigung durch die SBZ- und DDR-Behörden unterschied sich grundlegend von derjenigen in Westdeutschland, was ein interessantes Schlaglicht auf die Frage der Identitätsbewährung der Vertriebenen unter DDR-Verhältnissen wirft.

Der Bombenkrieg kam zwar erst verhältnismäßig spät nach Sachsen, da der Anflug erst nach der alliierten Landung in der Normandie unproblematisch war, wurde dann aber in einer Heftigkeit geführt, die sich tief in das kollektive Gedächtnis der Sachsen eingebrannt hat. Eine ganz spezielle Bewandtnis hat die Frage »Befreiung oder Niederlage«, da Sachsen nicht nur gleichzeitig von Russen und Amerikanern besetzt wurde, wobei letztere bald wieder abziehen mußten, sondern mit dem zwei Monate lang unbesetzt gebliebenen Kreis Schwarzenberg über eine Kuriosität verfügt, die später zur Legende der »Republik Schwarzenberg« verklärt wurde. Auch wenn sich die Geschichtspolitik der Bundesrepublik Deutschland mittlerweile auf die »Befreiung« geeinigt und damit eine Sprachregelung der DDR-Kommunisten übernommen hat, dürfte am Beispiel Sachsen deutlich werden, daß die Situation deutlich komplexer war. Abgerundet wird dieses Thema durch eine unter operationsgeschichtlichen Gesichtspunkten erzählte Geschichte der Besetzung Sachsens, die ruhig etwas detaillierter hätte ausfallen können.

Neben diesen sächsischen Spezialfällen, zu denen noch die Heimatfront, die wunderliche Persönlichkeit des letzten Königs, die Kriegsziele der sächsischen Politiker oder auch die Entrechtung und Verfolgung der Chemnitzer Juden gehören, gibt es auch breiter angelegte Betrachtungen in den Bänden. Sie basieren allerdings in der Regel auf Buchpublikationen der Autoren und bieten inhaltlich wenig Neues (z. B. zu Ludendorffs Ostpolitik, zu Friedensinitiativen während des Ersten Weltkriegs und zum Propagandakrieg). Überblicksdarstellungen gibt es zu zwei wichtigen Daten, dem Versailler Vertrag und dem Beginn des Rußlandfeldzugs 1941.

Während der Beitrag zu Versailles seine souveräne Behandlung des Themas durchhält, ist der Autor beim Rußlandfeldzug zwar bemüht, die verschiedenen Argumentationen, die für oder gegen einen deutschen Präventivschlag sprechen, fair nebeneinanderzustellen, scheitert dann aber daran, einen ebensolchen Schluß daraus zu ziehen, indem er einfach die Fragestellung verläßt: »Der deutsche Angriff war kein Präventivkrieg, sondern ein Eroberungskrieg gigantischen, wahnwitzigen und verbrecherischen Ausmaßes.« Dem aufmerksamen Leser werden allerdings solcherlei Superlative nicht die Schwächen der Argumentation verdecken. Vielleicht nehmen die Verantwortlichen der Reihe das zum Anlaß, ein Kolloquium zu einem Thema zu machen, das dem Reihentitel gerecht wird: dem Schicksalsjahr 1941.

Hendrik Thoß / Mario H. Müller (Hrsg.): Das Kriegsende in Sachsen 1945, Berlin: Duncker & Humblot 2018 (Chemnitzer Europastudien; 20). 115 S., 69.90 € kann man hier bestellen

Dirk Reitz / Hendrik Thoß (Hrsg.): Sachsen, Deutschland und Europa im Zeitalter der Weltkriege, Berlin: Duncker & Humblot 2019 (Chemnitzer Europastudien 22). 371 S., 99.90 € ist hier erhältlich

 


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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