Ernst Jünger: Gespräche im Weltstaat. Interviews und Dialoge 1929 – 1997

Ernst Jünger, der Chronist des 20. Jahrhunderts, ist nicht mehr umstritten.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Was er trieb, erlitt, bedach­te, anrich­te­te und recht­fer­tig­te, ist nicht mehr anstö­ßig, son­dern wird wie eine exzen­tri­sche, span­nen­de Lebens­ent­schei­dung wahr­ge­nom­men. Die von ihm stam­men­de Beob­ach­ter­for­mel »Dies alles gibt es also« läßt sich längst auf den Umgang der Kri­tik unse­rer Tage mit ihm anwen­den: Man darf so gelebt haben wie Jün­ger, man darf sich so geäu­ßert haben, mehr: Man möch­te die­sem Leben in Todes­nä­he, die­ser von Büchern, Noti­zen, Käfern, Träu­men, Wun­den umstell­ten Exis­tenz nahe­rü­cken, möch­te über sie spre­chen kön­nen wie über einen selt­sa­men, recht sel­te­nen, jeden­falls längst mit Nadeln fixier­ten Käfer. Es ist da eine Aura des Exklu­si­ven, eine Hier­ar­chie des Geis­tes, die in einer auf die Gleich­be­rech­ti­gungs­po­sau­ne ein­ge­stimm­ten Tro­cken­heit wirkt wie eine Zisterne.

Natür­lich: Uns gefal­len die wil­den Pam­phle­te und die Demons­tra­tio­nen vor der Pauls­kir­che aus dem Jah­re 1982 bes­ser, als Jün­ger den Goe­the-Preis der Stadt Frank­furt erhielt und noch für so faschis­tisch galt, daß die Stu­den­ten ihn nicht dul­den woll­ten. Das Inter­view, das Rudolf Aug­stein, Hell­muth Kara­sek und Harald Wie­ser damals mit Jün­ger für den Spie­gel führ­ten, gehört zu den berühm­ten der sel­te­nen Äuße­run­gen Jüngers.

Zis­ter­ne jeden­falls: »Ein Jün­ger-Wort«, notier­te Erhart Käs­t­ner in sei­ner Stun­den­trom­mel vom hei­li­gen Berg Athos, und uns wird wäh­rend der Lek­tü­re der Gesprä­che im Welt­staat klar, wor­aus wir schöp­fen dür­fen und was wir die­sem Kopf alles ver­dan­ken an Wör­tern, Wen­dun­gen, Hal­tun­gen, Seh­schu­len. Der von den Ger­ma­nis­ten Rai­ner Bar­bey und Tho­mas Petrasch­ka sehr sau­ber her­aus­ge­ge­be­ne Band ver­eint Inter­views und Dia­lo­ge mit Jün­ger aus den Jah­ren 1929 (als die Kriegs­bü­cher vor­la­gen und Das Aben­teu­er­li­che Herz gera­de erschien) bis 1997 (dem Jahr vor sei­nem Tod). Man­che davon sind legen­där (das erwähn­te Spie­gel-Gespräch ganz sicher), man­che konn­te und kann man in den digi­ta­li­sier­ten Bestän­den deut­scher Biblio­the­ken auf­fin­den – ins­ge­samt aber nimmt uns die Zusam­men­stel­lung viel Recher­che­auf­wand ab und för­dert Unzu­gäng­li­ches zutage.

Dazu gehört das eine der bei­den längs­ten der in die­sem Band ver­sam­mel­ten Gesprä­che. Der fran­zö­si­sche Ger­ma­nist und Jün­ger-Über­set­zer Juli­en Her­vier führ­te es zum 90. Geburts­tag Jün­gers im Jah­re 1985, und es ist in sei­nen zwölf Tei­len einer auto­bio­gra­phi­schen Rechen­schaft in Gesprächs­form. Her­vier fragt unkri­tisch und for­dert zu epi­schen Ant­wor­ten auf, läßt also erzäh­len, wäh­rend – um ein Gegen­bei­spiel zu erwäh­nen – der für sei­ne Direkt­heit oder sogar Unver­froh­ren­heit bekann­te Inter­view­er André Mül­ler ganz und gar kei­ne »Dich­tung und Wahr­heit« hören will, son­dern die Klin­gen kreuzt (1989).

Das ande­re umfas­sen­de Werk- und Lebens­ge­spräch stammt aus dem Jahr 1995, es war unter dem Titel Die kom­men­den Tita­nen zunächst bei Karo­lin­ger erhält­lich und ist nun in die­sen Band auf­ge­nom­men wor­den. Dar­über hin­aus gibt es eit­le Gesprächs­part­ner, Curt Hohoff etwa, der als Fra­ge­stel­ler bald mehr Antei­le hat als Jün­ger und irgend­wie stän­dig erklärt, was er zu hören wünscht; mit dem fran­zö­si­schen Publi­zis­ten und Über­set­zer Fré­dé­ric de Towarni­cki sind drei Gesprä­che abge­druckt, dar­un­ter ein sehr wich­ti­ges aus dem Jahr 1991 mit dem Titel »Der Blick des Besatzers«, und eine Stel­lung­nah­me, die sich gegen die Arro­ganz und die poli­ti­sche Kri­tik eines Gün­ter Grass rich­tet und sie als Unge­zo­gen­heit von fran­zö­si­schen Gepflo­gen­hei­ten abgrenzt.

Nein, kei­ne Fra­ge: Die­ses Buch ist emp­feh­lens­wert, auch wenn es der His­to­ri­sie­rung Jün­gers wei­ter Vor­schub leis­tet und ihn noch nah­ba­rer macht. Aber viel­leicht soll­te man sich selbst kor­ri­gie­ren, viel­mehr: das eige­ne Jün­ger-Bild. Der gab näm­lich im Gespräch mit Her­vier zu Pro­to­koll, daß ihn Max Stir­ners Der Ein­zi­ge und sein Eigen­tum wohl stär­ker inspi­riert habe als jedes ande­re Buch. Denn aus ihm lei­te­te er die Figur des Anar­chen ab, also aus dem Satz: »Mir geht nichts über mich«. Das könn­te, stün­de es bloß so da, auch ein post­mo­der­ner Hips­ter unter­schrei­ben. Aber zum Glück hat der Gesprächs­band über 500 Seiten.

Ernst Jün­ger: Gesprä­che im Welt­staat. Inter­views und Dia­lo­ge 1929 – 1997. Her­aus­ge­ge­ben von Rai­ner Bar­bey und Tho­mas Petrasch­ka, Stutt­gart: Klett-Cot­ta 2019. 574 S., 45 € – hier bestel­len

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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