Leo Tolstoi und der gewaltlose Widerstand

von Eva Rex -- PDF der Druckfassung aus Sezession 118/ Februar 2024

 Druckausgabe

Beitrag aus der Druckausgabe der Sezession. Abonnieren Sie!

Träu­me von Mensch­heits­ver­brü­de­rung, Abschaf­fung der bür­ger­li­chen Gesell­schafts­ord­nung, Ret­tung des Pla­ne­ten durch Vege­ta­ris­mus und Fort­pflan­zungs­ver­wei­ge­rung sowie der Erschaf­fung einer Uni­ver­sal­re­li­gi­on sind nicht unbe­dingt Ideen, die man mit der rus­si­schen Gesell­schaft asso­zi­iert, jeden­falls nicht mit der heutigen.

Tat­säch­lich war einer der Ahn­her­ren sol­cher­art Vor­stel­lun­gen, die an links­grü­ne Wach­sam­keit erin­nern, im Ruß­land des 19. Jahr­hun­derts behei­ma­tet und hat­te dort die meis­ten Anhän­ger: Lew Niko­la­je­witsch Tol­stoi (1828 – 1910), der Autor von Krieg und Frie­den und Anna Kare­ni­na, hat als Ver­tre­ter des rus­si­schen Rea­lis­mus die Welt­li­te­ra­tur ent­schei­dend beein­flußt. Daß er als Reli­gi­ons­phi­lo­soph nicht min­der ein­fluß­reich war, ist eine ande­re, weni­ger bekann­te Sei­te des gefei­er­ten Roman­ciers. Der Pro­phet sei­ner eige­nen Leh­re brach­te eine radi­ka­le Kul­tur­kri­tik in Umlauf, die im Sin­ne eines fried­li­chen Anar­chis­mus zum zivi­len Unge­hor­sam gegen den Staat und sei­ne Insti­tu­tio­nen aufrief.

Schon als jun­ger Mensch hat­te Tol­stoi davon geträumt, ein­mal eine neue Reli­gi­on zu begrün­den und sie den Men­schen zu ver­kün­den. Kei­nes sei­ner lite­ra­ri­schen Wer­ke war von einem mora­li­schen Impe­tus und einem auf­klä­re­ri­schen Anspruch ganz frei gewe­sen, auch die frü­hen nicht. Mit sei­nen aus­schwei­fen­den epi­schen Wer­ken woll­te er nicht bloß unter­hal­ten, son­dern erklä­ren, ent­lar­ven und ankla­gen. Sein Schöp­fungs- und Mis­si­ons­drang ent­spran­gen ein und der­sel­ben Quel­le: dem Wunsch nach gesell­schaft­li­cher Ein­fluß­nah­me. (1)

Nach einer tie­fen Lebens­kri­se – er befand sich gera­de auf dem Höhe­punkt sei­ner Kar­rie­re und sei­nes pri­va­ten Erfol­ges – kam sein Wider­wil­le gegen die bestehen­den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se so rich­tig zum Durch­bruch. Er stell­te sein lite­ra­ri­sches Schaf­fen zurück und wand­te sich dem Ver­fas­sen sozi­al­re­for­me­ri­scher Trak­ta­te zu, die umge­hend von der staat­li­chen Zen­sur ver­bo­ten wur­den. Um mit sei­ner geis­tig-mora­li­schen Wen­de Ernst zu machen, ver­schrieb er sich einer rigo­ro­sen Lebenspraxis.

Er, der als Spröß­ling einer der reichs­ten und ehr­wür­digs­ten Adels­familien Ruß­lands gro­ße Län­de­rei­en besaß, kehr­te der städ­tisch-vor­neh­men, ­ästhe­ti­sie­ren­den Kul­tur den Rücken und begann, auf sei­nem Gut in Jas­na­ja Pol­ja­na wie ein ein­fa­cher muschik zu leben. Er trug gro­be Bau­ern­klei­dung, pflüg­te den Acker, flick­te eigen­hän­dig sei­ne Stie­fel und nahm nur schlich­te Nah­rung zu sich. Das Bild, das er dabei abgab – unzäh­li­ge Male foto­gra­fiert, auf Zel­lu­loid gebannt und in Öl ver­ewigt –, ging schon zu Leb­zei­ten als Iko­ne sei­ner selbst um die Welt.

Mit der auto­bio­gra­phi­schen Bekennt­nis­schrift Beich­te (1879) besie­gel­te Tol­stoi die end­gül­ti­ge Abkehr von sei­nem bis dahin gepfleg­ten Intel­lek­tua­lis­mus und die Zuwen­dung zu einer pie­tis­tisch-aske­ti­schen Men­ta­li­tät. Jetzt setz­te sein eigent­li­cher Kampf gegen Staat, Kir­che, Kunst und Wis­sen­schaft ein, der sich in unzäh­li­gen Mani­fes­ten nie­der­schlug. Sei­ne Schrift Was sol­len wir denn tun? geriet zu einer hef­ti­gen Ankla­ge gegen die Rei­chen. Indem er die dama­li­ge Gesell­schafts­ord­nung Ruß­lands als ein Sys­tem der »mas­kier­ten Skla­ve­rei« ver­damm­te, kam er – der Graf, der kei­ner sein woll­te – zu dem Schluß: »Eigen­tum ist heut­zu­ta­ge die Wur­zel allen Übels.« (2)

Im Namen eines ver­bes­ser­ten Chris­ten­tums ging er nun dar­an, alles durch­zu­rüt­teln, was das Leben auf der Welt insti­tu­tio­nell regel­te. Sei­ne Ableh­nung der mate­ria­lis­ti­schen Zivi­li­sa­ti­on bün­del­te er zu einer »publi­zis­ti­schen Groß­of­fen­si­ve«: Er woll­te die Aris­to­kra­tie durch Ent­eig­nung zer­stö­ren, die Kir­che durch Ratio­na­lis­mus, den Staat durch Anar­chie, die Kunst durch Moral – ein fun­da­men­ta­lis­ti­sches Kon­zept, das aus­ge­rech­net durch das all­um­fas­sen­de »Prin­zip der Lie­be« ver­wirk­licht wer­den soll­te. Den zu sei­ner Zeit auf­kom­men­den Sozia­lis­mus ließ er auch nicht gel­ten, denn in die­sem erkann­te er eine »neue Ver­skla­vung der Men­schen durch das Geld«. (3)

Schwe­res Geschütz rich­te­te Tol­stoi gegen die offi­zi­el­le rus­si­sche Kir­che und ihre reli­giö­se Pra­xis, die in sei­nen Augen die Bot­schaft Chris­ti auf dreis­te Wei­se usur­piert hat­te. Pries­ter waren für ihn aus­nahms­los Betrü­ger, die die Gläu­bi­gen mit aus­ge­dach­ten Riten (»rohe Zau­be­rei von Waschun­gen, Ölun­gen, Kör­per­be­we­gun­gen, Beschwö­run­gen, Ver­schlu­cken von Brot­stück­chen«) (4) an der Nase her­um­führ­ten. In der kirch­li­chen Dog­ma­tik sah er eine Anhäu­fung von »schäd­li­chen Lügen und Mär­chen«. Auch den Glau­ben an Jesu Got­tes­sohn­schaft, sei­ne voll­brach­ten Wun­der und sei­ne Auf­er­ste­hung wies er schroff zurück.

Eine alter­na­ti­ve Erzäh­lung muß­te her. Die­se soll­te frei von unver­ständ­li­cher Mys­tik sein und den Grund­sät­zen der Ver­nunft ent­spre­chen. Und das Wich­tigs­te: Unter Ein­for­de­rung einer strik­ten Ethik wür­de die­ses neue Glau­bens­sys­tem zwangs­läu­fig zu einer welt­um­fas­sen­den Ver­ei­ni­gung aller Men­schen hin­füh­ren. Fünf aus der Berg­pre­digt abge­lei­te­te Gebo­te bil­de­ten die tra­gen­den Säu­len sei­ner zu eta­blie­ren­den Sozi­al­ord­nung: Zür­ne nicht, lebe keusch, schwö­re nicht, wider­set­ze dich dem Bösen nicht mit Gewalt, lie­be dei­ne Fein­de. (5) Von ele­men­ta­rer Bedeu­tung erwies sich das vier­te Gebot: Das Prin­zip des »Nicht-Wider­stre­bens« (Mat­thä­us 5,39) wur­de für Tol­stoi zum Dreh- und Angel­punkt aller wei­te­ren sys­tem­stür­zen­den Überlegungen.

Kon­se­quen­tes »Nicht-Wider­stre­ben« bedeu­te­te in sei­ner Aus­le­gung, daß unter allen Umstän­den auf Rache und Selbst­ver­tei­di­gung zu ver­zich­ten sei. Men­schen, die ande­ren Böses antun woll­ten, soll­ten nicht mit Gewalt davon abge­hal­ten wer­den, denn, so die Argu­men­ta­ti­on, wer Böses mit Bösem bekämp­fe, hal­te nur den Mecha­nis­mus wech­sel­sei­ti­ger Ver­gel­tung am Lau­fen. In der radi­ka­len Ver­fech­tung die­ser Dok­trin unter­schied sich Tol­stoi zum einen von den dama­li­gen anar­chis­ti­schen und sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Oppo­si­ti­ons­be­we­gun­gen, die den Ein­satz von Gewalt für die Errich­tung einer bes­se­ren Welt befür­wor­te­ten, und zum ande­ren von der rus­si­schen Moral­phi­lo­so­phie. Am vehe­men­tes­ten begehr­te der Reli­gi­ons­phi­lo­soph ­Wla­di­mir ­Solo­wjew gegen die phil­an­thro­pi­sche Pro­gram­ma­tik sei­nes Dichter­kollegen auf. (6)

Auf­fal­lend an Tol­stois Denk­wei­se ist ein fast nai­ver Glau­be an die Unfehl­bar­keit der Ver­nunft. Der Pre­di­ger eines welt­li­chen Huma­nis­mus war fel­sen­fest davon über­zeugt, daß der Mensch kraft sei­ner Tugend­haf­tig­keit das Gött­li­che in sich ver­wirk­li­chen kön­ne. Gott war für ihn ein abs­trak­tes Prin­zip, das er bald mit der Lie­be, bald mit dem Leben iden­ti­fi­zier­te. Reli­gi­on schien ihm gar nicht denk­bar außer­halb der Gren­zen der Vernunft.

Sein unper­sön­li­ches Got­tes­bild kor­re­spon­dier­te stark mit fern­öst­li­cher Phi­lo­so­phie. Über Scho­pen­hau­er, den er sehr schätz­te, war er erst­mals mit dem Bud­dhis­mus in Kon­takt gekom­men. So wun­dert es nicht, daß in sei­nen phi­lo­so­phi­schen Visio­nen der Bud­dhis­mus als jene Reli­gi­on her­vor­ge­ho­ben wird, die über einen höhe­ren Wahr­heits­ge­halt ver­fü­ge als die rus­si­sche Ortho­do­xie. Die Leh­re Bud­dhas war für Tol­stoi eine ver­geis­tig­te Welt­re­li­gi­on ohne Pries­ter und Sakra­men­te mit hohen ethi­schen Anfor­de­run­gen, genau das, was ihm selbst vorschwebte.

Bud­dha war sei­ner Ansicht nach ein gro­ßer Idea­list gewe­sen, der den Vor­rang des Geis­tes vor der Mate­rie betont hat­te und des­sen Wir­ken sich durch Tole­ranz und Mil­de aus­zeich­ne­te. Auch das Nicht­vor­han­den­sein von Mys­tik und »Geheim­nis­krä­me­rei« gefiel dem Ratio­na­lis­ten in Jas­na­ja Pol­ja­na aus­neh­mend gut. Es gibt vie­le Aspek­te in Tol­stois Theo­lo­gie, die an fern­öst­li­che Maxi­men erin­nern, so die Los­lö­sung von sinn­li­cher Begier­de und jeg­li­cher Bin­dung an Din­ge, die Hoch­schät­zung des Mit­lei­dens, schließ­lich die Vor­stel­lung, Erlö­sung sei eine Art Selbst­er­lö­sung. (7)

Die Anschau­ung, daß der Mensch pri­mär geis­ti­gen Ursprungs sei, fand Tol­stoi auch im Chris­ten­tum ver­kör­pert – aller­dings nur in sei­ner ursprüng­li­chen, von der Kir­che und ihren »Schwin­de­lei­en« unver­fälsch­ten Aus­prä­gung. Da der Mensch ihm zufol­ge sei­ne krea­tür­li­chen Antei­le und sei­ne Kör­per­lich­keit als Beschrän­kung erfah­re, müs­se es obers­te Auf­ga­be im Leben eines Chris­ten sein, die­se mit geis­ti­gen Mit­teln zu überwinden.

Die Befrei­ung von sei­nen eige­nen Trie­ben war für den gro­ßen Mensch­heits­leh­rer vor allem hin­sicht­lich der Sexua­li­tät von beson­de­rer Dring­lich­keit. Bis ins hohe Alter ver­füg­te er über einen enor­men Sexu­al­trieb, den er nicht unter Kon­trol­le zu brin­gen ver­stand. Vor der Lebens­kri­se des Jah­res 1878 wünsch­te er sich so vie­le Kin­der wie mög­lich (er zeug­te drei­zehn, von denen acht das Erwach­se­nen­al­ter erreich­ten), spä­ter ver­damm­te er sei­ne nicht nach­las­sen­de ero­ti­sche Lei­den­schaft. Mehr und mehr kam er zu der Über­zeu­gung, daß der Geschlechts­akt nicht nur ekel­haft, gemein und folg­lich sünd­haft sei, son­dern daß die­ser von lüs­ter­nen Natu­ren künst­lich gezüch­tet wor­den sei.

Wie ein rus­si­scher Mönch aus dem Mit­tel­al­ter wüte­te er gegen jede Form sexu­el­ler Bezie­hung zwi­schen Mann und Frau und ver­stieg sich zu der Auf­fas­sung, die Frau sei ein Werk­zeug des Teu­fels, geschaf­fen, um den Mann zu ver­füh­ren und sitt­lich zu ent­wür­di­gen. (8) Im Dunst­kreis die­ser fana­ti­schen und lebens­feind­li­chen Ein­stel­lung, die ihn dazu bewog, auch Ver­hei­ra­te­ten den Zöli­bat zu ver­ord­nen, ent­stand die Novel­le Die Kreut­zer­so­na­te (1890). Auf den berech­tig­ten Ein­wand hin, die Mensch­heit wür­de aus­ster­ben, wenn sie sei­nem Ide­al der Ent­halt­sam­keit folg­te, ant­wor­te­te er im spä­ter ange­füg­ten Nach­wort: »Soll sie doch aus­ster­ben. Es ist das bes­te Schick­sal, das sie über­haupt haben kann.« (9)

Sein rück­sichts­lo­ses Dog­ma von der Pflicht, die Trie­be ein­zu­däm­men, wei­te­te er auch auf alle ande­ren Rei­ze, Ver­lo­ckun­gen und Genüs­se des Lebens aus und for­der­te, aus­ge­hend von sich selbst, auf die­se zu ver­zich­ten. So gab er das Rau­chen auf, ver­teu­fel­te den Alko­hol sowie Musik und Kunst und alle ver­fei­ner­ten Din­ge der Zivi­li­sa­ti­on. Mit­te der 1880er Jah­re war er zum Vege­ta­ri­er gewor­den, und das aus zwei Grün­den: Er ver­ur­teil­te das Töten von Tie­ren, weil es dem Gebot auf Gewalt­ver­zicht wider­sprach. Zwei­tens glaub­te er, daß zu viel Fleisch­kon­sum die sexu­el­len Lüs­te nur noch mehr anstachele.

Ent­spre­chend sei­ner Über­zeu­gung von der imma­te­ri­el­len Kraft des Geis­tes plä­dier­te er dafür, daß im Hin­blick auf die Ver­bes­se­rung der Lebens­um­stän­de nicht auf Revo­lu­tio­nen gesetzt wer­den soll­te, auch nicht auf Poli­tik und Par­la­men­ta­ris­mus. Welt­li­che Insti­tu­tio­nen sei­en grund­sätz­lich unge­eig­net, ein Frie­dens­sys­tem zu eta­blie­ren. Allein der inne­re Wan­del, der dar­auf zie­le, das »Bewußt­sein zur Fried­fer­tig­keit« aus­zu­bil­den, kön­ne heil­sam wir­ken. Der Staats­macht als Form sozia­ler Orga­ni­sa­ti­on, die dazu geschaf­fen wor­den war, Gewalt zu lega­li­sie­ren, müs­se folg­lich die Gefolg­schaft auf­ge­kün­digt wer­den. In der Pra­xis bedeu­te­te das: Ver­wei­ge­rung des Kriegs‑, Mili­tär- und Poli­zei­diens­tes, Absa­ge an die Mit­ar­beit in Geschwo­re­nen­ge­rich­ten, Ver­wei­ge­rung der Zah­lung von Steu­ern und Abgaben.

Selbst­re­dend ver­ur­teil­te Tol­stoi jede Form natio­na­lis­ti­schen Geba­rens. Die »Hyp­no­se durch den patrio­ti­schen Aber­glau­ben« (10) und ihre abseh­bar krie­ge­ri­schen Fol­gen bil­de­ten das the­ma­ti­sche Zen­trum zahl­rei­cher Flug­schrif­ten, die er unter den Dorf­be­woh­nern sei­nes Land­gu­tes ver­tei­len ließ. Im Aber­witz der krie­ge­ri­schen Erobe­run­gen und mili­tä­ri­schen Nie­der­schla­gun­gen von Auf­stän­den, in denen der »Bru­der den Bru­der« erschlug, bewies sich ihm jedes Mal aufs neue, daß sol­ches Töten im schärfs­ten Gegen­satz zur christ­li­chen Ver­kün­di­gung stand. Der Gip­fel des Wider­spruchs offen­bar­te sich ihm in den Gebe­ten »für den Erfolg unse­rer Waf­fen«, die in den ortho­do­xen Kir­chen abge­hal­ten wur­den. Wäh­rend der Unru­hen im Land habe er Kir­chen­be­am­te, Mön­che und Ein­sied­ler gese­hen, die »das Hin­mor­den irre­ge­führ­ter hilf­lo­ser Jüng­lin­ge bil­lig­ten«. (11) Einer sol­chen Per­ver­tie­rung des Glau­bens zuzu­se­hen erfüll­te ihn mit tiefs­tem Abscheu.

Pazi­fis­ti­sche Vor­bil­der fand Tol­stoi in alt­ein­ge­ses­se­nen rus­si­schen Glau­bens­ge­mein­schaf­ten wie zum Bei­spiel den Alt­gläu­bi­gen, die schon seit Jahr­hun­der­ten dem Staat und der Kir­che den Gehor­sam ent­zo­gen und dafür Ver­fol­gun­gen in Kauf nah­men. Kon­tak­te pfleg­te er zur spi­ri­tu­el­len Gemein­schaft der Molo­ka­nen, den zu den Fas­ten­zei­ten nur Milch (molo­ko) trin­ken­den Ange­hö­ri­gen einer pro­tes­tan­ti­sie­ren­den Frei­kir­che, die ihre Lebens­füh­rung voll­kom­men an der Bibel ausrichteten.

Auch nahm er regen Anteil am Schick­sal der Duch­obor­zen, die Zar Alex­an­der I. einst in den Kau­ka­sus ver­bannt hat­te. Die Leh­re die­ser Sek­te erin­ner­te ihn an sei­ne eige­ne. Wie er befür­wor­te­ten die Duch­obor­zen Keusch­heit, vege­ta­ri­sches Essen, Abs­ti­nenz von Rau­chen und Trin­ken sowie Gewalt­lo­sig­keit. Auf­grund ihrer strik­ten Mili­tär­dienst­ver­wei­ge­rung wur­den schwe­re dis­zi­pli­na­ri­sche Stra­fen über sie ver­hängt, sie waren sogar durch völ­li­ge Aus­rot­tung bedroht. Tol­stoi setz­te sich für sei­ne Gesin­nungs­brü­der ein, damit sie in ihrer Gesamt­heit nach Kana­da aus­wan­dern konnten.

Tol­stois gebets­müh­len­haft her­vor­ge­brach­ter Appell, daß der Mensch von sei­ner eige­nen Hän­de Arbeit leben und sich nicht zum Nutz­nie­ßer der Arbeit ande­rer machen sol­le, blieb nicht ohne Wider­hall. Zehn­tau­sen­de Men­schen zogen Ende des 19. Jahr­hun­derts aufs Land und ver­such­ten im Sin­ne ihres gro­ßen Vor­bilds ein auf­rich­ti­ges und hier­ar­chie­lo­ses Leben in bäu­er­lich-intel­lek­tu­el­len Kom­mu­nen zu füh­ren – der »Tol­s­to­ja­nis­mus« war gebo­ren. Die ers­ten Aus­stei­ger­ko­lo­nien ent­stan­den im Rus­si­schen Reich, doch bald wur­den auch in Eng­land, den USA, den Nie­der­lan­den (12), in Ungarn und Bul­ga­ri­en all­seits bestaun­te Tol­s­to­ja­ner­sied­lun­gen gegründet.

Die zumeist aka­de­misch gebil­de­ten und aus gutem Hau­se stam­men­den Wahr­heits- und Sinn­su­cher, die mit ihren wal­len­den Bär­ten, Man­ches­ter­ho­sen, Rus­sen­kit­teln und San­da­len (ohne Socken) einen befremd­li­chen Anblick boten, ver­schrie­ben sich in unter­schied­li­chem Maße und zuwei­len noch radi­ka­ler (!) als ihr ver­ehr­tes Idol der Aske­se und Ver­wei­ge­rung. Gemein­sam war ihnen allen ein hoff­nungs­lo­ser Man­gel an prak­ti­scher Erfah­rung in der Land­wirt­schaft. Die dadurch ent­ste­hen­den Schwie­rig­kei­ten wur­den auf­grund ihres eng­stir­ni­gen Ver­ständ­nis­ses der Ori­gi­nal­leh­re nur noch grö­ßer. Trotz aller Hin­der­nis­se und staat­li­chen Repres­sio­nen blieb der Grün­dungs­en­thu­si­as­mus in Ruß­land unge­bro­chen. Als jedoch Sta­lin Ende der 1920er Jah­re an die Macht kam, began­nen die Ver­fol­gun­gen mit vol­ler Kraft: Vie­le Tol­s­to­ja­ner wur­den wegen ihrer anti­mi­li­tä­ri­schen Hal­tung erschos­sen. Den­noch waren bis zum Ende der 1930er Jah­re in der Sowjet­union Tol­stoi-Kolo­nien anzutreffen.

Heut­zu­ta­ge sind in Ruß­land die »Ana­sta­sia-Dör­fer« weit ver­brei­tet, ein Sied­ler­tum mit »Zurück zur Natur«-Rhetorik, Öko-Bewußt­sein und frei­heit­li­chen Aut­ar­kie­an­sprü­chen. Doch mit ihrer neo­pa­ga­nen Aus­rich­tung, ihrer Staats­af­fi­ni­tät, ihrem patrio­tisch-natio­na­lis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis und nicht zuletzt ihrem Hang, sich para­mi­li­tä­risch zu ertüch­ti­gen, ste­hen die­se Zeit­geist-Gemein­schaf­ten in einem denk­bar gro­ßen Gegen­satz zu den Ansät­zen der his­to­ri­schen Tolstojaner-Bewegung.

– – –

(1) – Vgl. Adolf Sten­der-­Pe­ter­sen: Geschich­te der rus­si­schen Lite­ra­tur, ­Mün­chen 1986, S. 367.

(2) – Gün­ther Stol­zen­berg: Tol­stoi. Gan­dhi. Shaw. Schweit­zer. Har­mo­nie und Frie­den mit der Natur, ­Göt­tin­gen 1992, S. 15.

(3) – Ulrich Schmid: Lew ­Tol­stoi, Mün­chen 2010, S. 9.

(4) – Mar­tin Tam­cke: ­Tol­s­to­js Reli­gi­on. Eine spi­ri­tu­el­le Bio­gra­phie, Ber­lin 2012, S. 101.

(5) – Vgl. Schmid: Tol­stoi, S. 76.

(6) – Wla­di­mir Ser­ge­je­witsch Solo­wjew: Kur­ze Erzäh­lung vom Anti­christ (1899), eine End­zeit­vi­si­on in Novel­len­form, in der Solo­wjew die Welt­ret­tungs­phan­ta­sien u. a. von Tol­stoi einer kri­ti­schen Revi­si­on unterzieht.

(7) – Vgl. Geir Kjet­saa: Lew Tol­s­toj. Dich­ter und Reli­gi­ons­phi­lo­soph, Gerns­bach 2001, S. 260.

(8) – Vgl. Sten­der-Peter­sen: Geschich­te, S. 369.

(9) – Schmid: Tol­stoi, S. 66.

(10) – Vgl. Wolf­gang Sand­fuchs: Dich­ter – Mora­list – Anar­chist. Die deut­sche Tol­s­to­j­kri­tik 1880 – 1900, Stutt­gart 1995, S. 234.

(11) – Vgl. Tam­cke: Tol­s­to­js Reli­gi­on, S. 39.

(12) – Vgl. Den­nis de Lan­ge: Die Revo­lu­ti­on bist Du! Der Tol­s­to­ja­nis­mus als sozia­le Bewe­gung in den Nieder­landen, Ber­lin 2016.

 Druckausgabe

Beitrag aus der Druckausgabe der Sezession. Abonnieren Sie!

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)