von Konrad Markward Weiß –
Einen letzten Versuch, ihre Kundschaft zu erziehen, gerade in Mitteldeutschland und gerade wegen der dortigen Wahlen, unternahm zuletzt fast jede größere Buchhandlung: Es türmten sich inhaltlich zum Verwechseln ähnliche Schriften dürftigsten Tatsachensubstrates und schrieen dem Besucher ihre Warnung vor der Partei mit dem blaßblauen Signet ins Gesicht.
Der naheliegende Titel Die blaue Gefahr zierte merkwürdigerweise keinen Umschlag – zum Glück, denn damit würde dem 1912 erschienenen und heute fast vergessenen gleichnamigen Meisterwerk spätes und schweres Unrecht geschehen.
Dessen Autor, Maurice Renard, kommt 1875 in der Champagne in wohlhabenden Verhältnissen zur Welt und begeistert sich früh für E. T. A Hoffmann, H. G. Wells und vor allem Edgar Allan Poe. Nach juristischen Studien und einem dreijährigen Wehrdienst praktiziert Renard als Advokat, verschreibt sich aber vor allem der Poesie und dem Theater, was ihm großzügige Apanagen seiner Familie erleichtern. Mit einem ersten Band phantastischer Erzählungen gelingt ihm ein Achtungserfolg, 1908 mit Le Docteur Lerne, sous-dieu der Durchbruch.
1909 publiziert Renard ein Manifest, in dem er den Begriff des merveilleux-scientifique (dt. etwa »wissenschaftlich wundersam«) einführt und dieses Genre zwischen Science-fiction und Schauerroman definiert und kodifiziert: In die Alltagswelt des notwendigerweise einigermaßen gebildeten und damit meist bürgerlichen Lesers bricht ein unbekanntes Element ein, oft ein erfundenes oder modifiziertes Naturgesetz, das dann aber nach allen Regeln der Logik gleichsam wissenschaftlich fortgedacht und durchgezogen wird. Mit Die Blaue Gefahr legt Renard 1912 einen der Klassiker dieser wegbereitenden literarischen Gattung vor.
Am Tag nach der Generalmobilmachung am 1. August 1914 eilt Renard zu den Waffen und bleibt bis 1919 mobilisiert. Der Krieg stellt auch wirtschaftlich eine Zäsur im Leben des Schriftstellers dar: Das Schreiben wird ihm von einer Neigung zur Notwendigkeit, mit der er nunmehr seinen Lebensunterhalt bestreiten muß. Die Zwänge eines solchen Broterwerbs bringen weitere Schritte mit sich: Renard erhöht seine Produktion, weitet diese auf verkaufsträchtigere Kriminal‑, Schauer- und historische Romane aus und publiziert diese in reichweitenstarken, zahlungskräftigen Periodika, wo auch seine Kurzgeschichten erscheinen.
All das fördert seine Bekanntheit beim breiten Publikum, ohne jedoch seine Stellung in literarischen Zirkeln zu beeinträchtigen, da er weiterhin Romane in seinem angestammten Genre verfaßt. Renard bleibt dessen Theoretiker, bezeichnet es jedoch später als das »parawissenschaftliche« und schließlich als den »Hypothesenroman«. Trotz seiner Geldsorgen stiftet er einen gut dotierten, seinen Namen tragenden, einschlägigen Literaturpreis. Dennoch gelingt es Renard nicht, auf Dauer eine entsprechende literarische Schule zu etablieren.
Der 1939 verstorbene Autor von 18 Romanen und mehreren hundert Erzählungen und Kurzgeschichten wird aufgrund der schwer einzuordnenden Vielfalt seines Werkes von der Literaturgeschichte vernachlässigt und ist heute weitgehend vergessen. Maurice Renard bleibt dennoch einer der wesentlichen Wegbereiter der Science-fiction; sein Werk diente ferner als Vorlage für den Film und erlebt heute in Frankreich eine gewisse Renaissance: in jenen oft auf hohem Niveau gezeichneten Graphic Novels, die in der frankophonen Welt eine Kunstform sui generis bilden und mit dem Begriff »Comics« weit unter Wert geschlagen werden.
Zurück zur Blauen Gefahr: Deren Hauptfigur, Jean Le Tellier, ein eminenter Astronom, erlangt Kenntnis von eigenartigen Diebereien, die sich im Bugey – an der Rhone und den Ausläufern des Juras – ereignen, wo seine Familie verwurzelt ist. Aufgrund des nicht sonderlich wertvollen Sammelsuriums an verschwundenen Gegenständen und Federvieh glaubt man zunächst an Schabernack und verdächtig sogar die Camelots du roi – die aktionistischen »Sturmtruppen« der royalistischen Action française –, die mit Molestierungen dieser Art womöglich die Republik verspotten wollen. Bald jedoch behaupten Augenzeugen, daß dieser Umtriebe zunächst ebenfalls verdächtige ausländische Tagelöhner in die Lüfte gezogen worden seien, begleitet von einem eigenartigen vibrierenden Surren.
Jean Le Telliers Familie gibt wenig auf solche »Ammenmärchen« und kommt im Urlaub im Bugey zusammen, darunter sein Sohn Maxime, ein Ozeanograph, der gedenkt, auch dort Fische zu sezieren, Präparate herzustellen und vor allem ein Aquarium zu entwerfen, in dem Tiefseefische vorgeführt werden und unter ihren gewohnten Bedingungen weiterleben können, ohne an Druck- und Temperaturunterschieden zugrunde zu gehen. Dann aber verschwinden immer mehr Menschen – wie schon zuvor jedoch niemals zwei äußerlich gleichartige; und schließlich scheinen sich auch Verwandte und die Tochter Le Telliers in Luft aufgelöst zu haben, deren Spuren im Schnee zwar auf einen Berggipfel führen, aber nicht mehr hinunter.
Bald verschwindet auch der Meeresforscher Maxime. In der sonst so geruhsamen Provinz macht sich Panik breit: vor den »Sarvanten«, so deren Bezeichnung durch die lokale Bevölkerung, die bald – es kommt uns vage bekannt vor – »in ihren verrammelten Hütten haust wie in Höhlen«; bzw. vor der »Blauen Gefahr«, wie die Presse titelt, »weil die Angreifer ihren Weg durch die Lüfte« nehmen. Die Welt kennt – auch das erinnert an die einander ablösenden Globalerregungen der vergangenen Jahren – nur noch ein Thema. Da entdeckt Le Tellier durch Zufall einen »viereckigen, schwarzen, höchst ungewöhnlichen Fleck« am Himmel – den Horst oder Hort der Sarvanten. Bald darauf beginnt es erst Blut, dann sezierte Leichenteile und schließlich sogar anatomische Präparate zu regnen.
So kommt Le Tellier in den Besitz des Tagebuches seines Assistenten Robert Collin aus der Gefangenschaft bei den Sarvanten, der aus Liebe zu einer ebenfalls verschwundenen Frau seine eigene Entführung provoziert hatte. Collin schildert darin seine Ergreifung und »Himmelfahrt«, vor allem aber die wahre Natur des in 50 Kilometern Höhe schwebenden »Flecks«.
Dabei handelt es sich um eine Art monumentalen Setzkasten, dessen Strukturen unsichtbar sind – nicht jedoch sein Inhalt: Ganz unten ein veritabler Wald, in der Etage darüber Mineralien und unbelebte Gegenstände, dann Landtiere, Fische, ganz oben Vögel – und darunter die entführten Männer und Frauen, jeweils in unsichtbaren Zellen: eine Art Arche Noah. Wie Fische in Aquarien in ihrem namensgebenden Lebenselement Wasser gehalten werden, stecken die Menschen hier in Lufttanks, »in einem Aerium von solcher Vollkommenheit, wie das Aquarium, von dem Maxime Le Tellier träumte, um die Lebensbedingungen der Tiefsee herzustellen«.
Ein Tier- und Menschenpark also – er ruht auf der Oberfläche der Atmosphäre, durch die die Sarvanten auf ihren »Fischzügen« zur Erdoberfläche hinabtauchen wie Ozeanographen zum Meeresgrund. Das Sammelsurium folgt einer Ordnung, die jedoch merkwürdige Fehler aufweist: ein Wetterhahn findet sich bei den Vögeln, eine Vogelscheuche bei den Menschen. Welche hochentwickelten Menschen könnten ihresgleichen so wenig kennen, daß ihnen derartige Klassifizierungsfehler unterlaufen?
Alsbald beobachtet der Tagebuchschreiber, daß einzelne Mitgefangene sich die Köpfe an den unsichtbaren Mauern einzurennen versuchen, offenbar auch aus Verzweiflung über nun beginnende Experimente mit Temperatur und Druck in ihren Zellen, in denen sich da und dort jetzt auch zwei Lebewesen finden, weil die Sarvanten mit Paarungsversuchen beginnen; entsetzt muß der Wissenschaftler später mit ansehen, wie nackte, von unsichtbaren Fesseln gebundene Menschen plötzlich lange, blutende Risse im Fleisch aufweisen, ohne daß man die zu den Vivisektionen erforderlichen chirurgischen Instrumente sehen könnte. Collin erblickt in einer nahegelegenen Zelle den totenblassen Ozeanographen Maxime und erinnert sich: »Ich sah ihn in seinem Laboratorium, bedeckt vom Blut der Tiere, deren Inneres er kennen wollte! Was tun wir mit den Tieren! Kain, was hast Du mit Deinem Bruder getan?«
Da er weiß, daß die Sarvanten Tote, für die sie keine Verwendung haben, auf die Erdoberfläche hinabwerfen, nimmt sich Collin schließlich das Leben, damit das kostbare, an seinen Leib geschnallte Tagebuch zurück zur Erde gelangen kann …
Die Blaue Gefahr ist damit längst nicht auserzählt und sei schon als »Flaggschiff« ihres Genres zur Lektüre empfohlen; aber auch, weil das Werk gegen Ende von der Literatur zur Philosophie übergeht und aufgrund seiner Thematik und Fragestellungen viele weitere Bezüge zum »Menschenpark« aufweist, der im Mittelpunkt dieser Sezession steht.
»Hieß denn der Sarvant Doktor Lerne oder Doktor Moreau?« läßt Renard seine Protagonisten fragen, während diese im »Blutregen« stehen; damit bezieht er sich auf eine der berühmtesten Figuren von H. G. Wells sowie auf seinen eigenen ersten Erfolgsroman, Le Docteur Lerne, sous-dieu. Moreau und Lerne beschäftigen sich beide mit der Schaffung von Chimären, also Mischwesen.
In Regeln für den Menschenpark führt Sloterdijk aus, daß »bei Plato allein der Gott als ursprünglicher Hüter und Züchter des Menschen in Frage kommt. Jetzt aber, […] da sich […] die Götter zurückgezogen und den Menschen die Sorge überlassen haben, sich selbst zu hüten, bleibt als der würdige Hüter und Züchter der Weise zurück« – was diesen zu einer Art Nachfolge- bzw. Halb- oder Untergott macht. Und als solchen, als sous-dieu, weist Renard seinen Docteur Lerne schon im Buchtitel aus.
Im Menschenpark statutiert Sloterdijk, daß »der Humanismus niemals weiter denken könne und dürfe als bis zur Zähmungs- und Erziehungsfrage«, in Nietzsches Zarathustra jedoch »mit der These vom Menschen als Züchter des Menschen der humanistische Horizont gesprengt« werde. Erst recht weit über die Grenzen des vom Humanismus Denkbaren gehen Renards wiederkehrende Versuchsanordnungen hinaus – die heute oft als »Vorwegnahme des Transhumanismus« bezeichnet werden –, ganz zu schweigen vom Transhumanismus selbst.
Während es im Humanismus und im Zarathustra – jeweils Sloterdijkscher Definition – um Erziehung bzw. »Höherzüchtung« der Gattung insgesamt geht, ist es dem heutigen Transhumanismus zuallererst um die Optimierung des Individuums zu tun; und Selbstoptimierung zur Selbsterhöhung ist wohl auch die Triebfeder aller Vorstufen des Transhumanismus, seiner schleichenden Wegbereiter – von der Transsexualität über die Schönheitschirurgie und »Körperkunst« wie Tätowierungen und Piercings bis zurück zum scheinbar harmlosen Bodybuilding.
Am Ende ihrer Klassifizierungsbemühungen und Experimente stellen die Sarvanten auch vom Menschen ein ausgestopftes Muster her, um das sich unsichtbare, aber deutlich hörbare sarvantische Besucher der Ausstellung drängen. Für die unfreiwilligen »Körperspender« in Maurice Renards Klassiker ging es freilich nicht darum, den Tod des eigenen Körpers bzw. zumindest dessen Zerstörung zu überwinden, also um die Ambition des Transhumanismus schlechthin.
Ob Maurice Renard selbst in seinen kühnsten Phantasien je daran gedacht haben mag, daß sich nur gut 50 Jahre nach seinem eigenen Tod Menschenmassen durch Gunther von Hagens’ von freiwilligen Körperspendern bestückte Leichenausstellungen drängen würden? Und was bleibt, auch in Anbetracht dieser entmenschenden Sensationslust, vom Humanismus und dessen Zukunft zu sprechen, wenn dieser, wieder mit Sloterdijk, die »Opposition […] gegen den entmenschenden, ungeduldig aufbrausenden Sensations- und Berauschungssog« darstellt?
Wenig mehr als der Schlußsatz der Blauen Gefahr: »Hiermit ist alles gesagt.«