Studientage zum Thema des Sloterdijk-Aufsatzes »Regeln für den Menschenpark« durchzuführen, sieben Vorträge rund um diesen andeutungsreichen Text zu gruppieren und ein Heft der Sezession zur Tagung nachzuschieben: Das alles ist auf meinem Mist gewachsen.
Ich mußte mich gegen die Skepsis von Erik Lehnert und Ellen Kositza durchsetzen, und weil diese Skepsis gut begründet war, hatte ich gute Gründe anzuführen, warum ich es dennoch so wollte. Ich dachte mir, daß drei Tage voller Referat und Debatte und mit hundertdreißig jungen Hörern im Saal ebenso inspirierend werden könnten wie die Lektüre der schillernden Texte des verspieltesten unter den lebenden Philosophen in Deutschland.
Man kann sich Peter Sloterdijk, Jahrgang 1947, so differenziert und feinhörig nähern, wie Jörg Seidel das in seinem Text auf den Seiten 8 bis 13 im vorliegenden Heft tut: Er las die meisten der rund zwölftausend Seiten, die Sloterdijk seit seinem Paukenschlag Kritik der zynischen Vernunft von 1983 in Buchform veröffentlicht hat.
Seidel kennt aber auch die Gespräche und Vorträge, die verschriftlicht worden sind und oft einen Philosophen zeigen, der vor Fachpublikum den nächsten Schritt gehen, das Denken erweitern und diejenigen aufstören möchte, die sich eingerichtet haben: in einem akademischen Dialog, der mehr als ein paar hundert Leser nicht finden kann, kaum ein Dutzend in innere Bewegung zu versetzen mag und aus der Arbeit des Denkens ein unersprießliches Geschäft gemacht hat, einen irrelevanten, meist in engen Korridoren verlaufenden, keinesfalls wesentlichen Vorgang.
Ich bin überzeugt davon, daß das Begeisternde, das vom Denken Sloterdijks ausgeht, im Andeutungsreichtum, im Experimentellen und im Raunenden seiner Sprache liegt. Lehnerts Skepsis gegenüber dieser Unschärfe und Formulierungsshow ist nachvollziehbar. Denn man kann nach Beendigung der Lektüre oft genug sagen, Sloterdijk habe eine nicht besonders originelle Problemstellung zwar auf eine immens kreative Weise herangeflimmert; jedoch habe man nach dem Feuerwerk vergeblich einen ebenso luziden und vor allem umsetzbaren Lösungsvorschlag zwischen den leergeschossenen Hülsen gesucht.
Von denen, die referierten und schrieben, sind neben Seidel vor allem Martin Sellner und ich Verteidiger des Stils und der Herangehensweise Sloterdijks. Er selbst hat, neben etlichen anderen, zwei Sätze notiert, in denen er seine Haltung skizziert: Zum einen spricht er aufgrund seiner Erfahrungen in einem Ashram in Indien von der notwendigen »Osterweiterung des Denkens«, die er als seine Aufgabe begreife. Man kann das auf die schlichte Formel bringen, daß neben das rational getragene »Machen« des Westens ein mystisch gespeistes »Lassen« des Ostens treten müsse, und zwar zunächst im Denken.
Aus dieser Annahme leitet Sloterdijk den zweiten, nur auf den ersten Blick kryptischen Satz ab: »Die Gelassenheit fängt mit der Bereitschaft an, sich vom Wirklichen anstrengen zu lassen.« Das bedeutet: Laß den Anspruch zu, den die Wirklichkeit auf dich hat. Objektiviere sie nicht, halte sie nicht auf Distanz. Nimm die Dinge wahr, wie sie sind, nicht, wie du sie willst. Laß dich von ihnen im Wortsinne »anstrengen«, laß sie dir unter die Haut gehen. Erst dann ziehe Schlüsse und verhalte dich.
Das sind nun meine Worte, aber sie sind genau so, wie Sloterdijk sie wählen könnte, fragte man ihn nach dem praktischen Gehalt seines Merksatzes. Hören Sie das Vage darin, die Andeutung, die uns genügen soll?
Es war Uwe Jochum vorbehalten, in seinem Vortrag den Befund zu präsentieren, daß Sloterdijk zwar viel von Einübungen in neue Gesellschaftstechniken und ein anderes Miteinander spreche, nie aber beschreibe, wie diese Übungen aussehen könnten. Jochum hingegen wurde erfrischend, ungeschützt und erfahrungssicher sehr konkret mit dem Vorschlag, anhand christlicher Kontemplationstechnik und ‑übung zunächst »wirklichkeitskompetent« und dann »politikfähig« zu werden. Er beschrieb also schlicht eine Form des Gebets, die auf ordnende Weise ins »Lassen« führe und auf ein geordnetes »Machen« hinleite.
Begeisterung und Nachvollzug, Skepsis und feiner Spott, Ableitungen und neue Leser: »Menschenpark« ist zweifelsohne inspirierend – und konnte es erneut sein, weil wir es so machten und nicht unterließen.