Machen und Lassen

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Stu­di­en­ta­ge zum The­ma des Slo­ter­di­jk-Auf­sat­zes »Regeln für den Men­schen­park« durch­zu­füh­ren, sie­ben Vor­trä­ge rund um die­sen andeu­tungs­rei­chen Text zu grup­pie­ren und ein Heft der Sezes­si­on zur Tagung nach­zu­schie­ben: Das alles ist auf mei­nem Mist gewachsen.

Ich muß­te mich gegen die Skep­sis von Erik Leh­nert und ­Ellen Kositza durch­set­zen, und weil die­se Skep­sis gut begrün­det war, hat­te ich gute Grün­de anzu­füh­ren, war­um ich es den­noch so woll­te. Ich dach­te mir, daß drei Tage vol­ler Refe­rat und Debat­te und mit hun­dert­drei­ßig jun­gen Hörern im Saal eben­so inspi­rie­rend wer­den könn­ten wie die Lek­tü­re der schil­lern­den Tex­te des ver­spiel­tes­ten unter den leben­den Phi­lo­so­phen in Deutschland.

Man kann sich Peter Slo­ter­di­jk, Jahr­gang 1947, so dif­fe­ren­ziert und fein­hö­rig nähern, wie Jörg Sei­del das in sei­nem Text auf den Sei­ten 8 bis 13 im vor­lie­gen­den Heft tut: Er las die meis­ten der rund zwölf­tau­send Sei­ten, die Slo­ter­di­jk seit sei­nem Pau­ken­schlag Kri­tik der zyni­schen Ver­nunft von 1983 in Buch­form ver­öf­fent­licht hat.

Sei­del kennt aber auch die Gesprä­che und Vor­trä­ge, die ver­schrift­licht wor­den sind und oft einen Phi­lo­so­phen zei­gen, der vor Fach­pu­bli­kum den nächs­ten Schritt gehen, das Den­ken erwei­tern und die­je­ni­gen auf­stö­ren möch­te, die sich ein­ge­rich­tet haben: in einem aka­de­mi­schen Dia­log, der mehr als ein paar hun­dert Leser nicht fin­den kann, kaum ein Dut­zend in inne­re Bewe­gung zu ver­set­zen mag und aus der Arbeit des Den­kens ein uner­sprieß­li­ches Geschäft gemacht hat, einen irrele­van­ten, meist in engen Kor­ri­do­ren ver­lau­fen­den, kei­nes­falls wesent­li­chen Vorgang.

Ich bin über­zeugt davon, daß das Begeis­tern­de, das vom Den­ken Slo­ter­di­jks aus­geht, im Andeu­tungs­reich­tum, im Expe­ri­men­tel­len und im Rau­nen­den sei­ner Spra­che liegt. Leh­nerts Skep­sis gegen­über die­ser Unschär­fe und For­mu­lie­rungs­show ist nach­voll­zieh­bar. Denn man kann nach Been­di­gung der Lek­tü­re oft genug sagen, Sloter­dijk habe eine nicht beson­ders ori­gi­nel­le Pro­blem­stel­lung zwar auf eine immens krea­ti­ve Wei­se her­an­ge­flim­mert; jedoch habe man nach dem Feu­er­werk ver­geb­lich einen eben­so luzi­den und vor allem umsetz­ba­ren Lösungs­vor­schlag zwi­schen den leer­ge­schos­se­nen Hül­sen gesucht.

Von denen, die refe­rier­ten und schrie­ben, sind neben Sei­del vor allem Mar­tin Sell­ner und ich Ver­tei­di­ger des Stils und der Her­an­ge­hens­wei­se Slo­ter­di­jks. Er selbst hat, neben etli­chen ande­ren, zwei Sät­ze notiert, in denen er sei­ne Hal­tung skiz­ziert: Zum einen spricht er auf­grund sei­ner Erfah­run­gen in einem Ashram in Indi­en von der not­wen­di­gen »Ost­erwei­te­rung des Den­kens«, die er als sei­ne Auf­ga­be begrei­fe. Man kann das auf die schlich­te For­mel brin­gen, daß neben das ratio­nal getra­ge­ne »Machen« des Wes­tens ein mys­tisch gespeis­tes »Las­sen« des Ostens tre­ten müs­se, und zwar zunächst im Denken.

Aus die­ser Annah­me lei­tet Slo­ter­di­jk den zwei­ten, nur auf den ers­ten Blick kryp­ti­schen Satz ab: »Die Gelas­sen­heit fängt mit der Bereit­schaft an, sich vom Wirk­li­chen anstren­gen zu las­sen.« Das bedeu­tet: Laß den Anspruch zu, den die Wirk­lich­keit auf dich hat. Objek­ti­vie­re sie nicht, hal­te sie nicht auf Distanz. Nimm die Din­ge wahr, wie sie sind, nicht, wie du sie willst. Laß dich von ihnen im Wort­sin­ne »anstren­gen«, laß sie dir unter die Haut gehen. Erst dann zie­he Schlüs­se und ver­hal­te dich.

Das sind nun mei­ne Wor­te, aber sie sind genau so, wie Slo­ter­di­jk sie wäh­len könn­te, frag­te man ihn nach dem prak­ti­schen Gehalt sei­nes Merk­sat­zes. Hören Sie das Vage dar­in, die Andeu­tung, die uns genü­gen soll?

Es war Uwe Jochum vor­be­hal­ten, in sei­nem Vor­trag den Befund zu prä­sen­tie­ren, daß Slo­ter­di­jk zwar viel von Ein­übun­gen in neue Gesell­schafts­tech­ni­ken und ein ande­res Mit­ein­an­der spre­che, nie aber beschrei­be, wie die­se Übun­gen aus­se­hen könn­ten. Jochum hin­ge­gen wur­de erfri­schend, unge­schützt und erfah­rungs­si­cher sehr kon­kret mit dem Vor­schlag, anhand christ­li­cher Kon­tem­pla­ti­ons­tech­nik und ‑übung zunächst »wirk­lich­keits­kom­pe­tent« und dann »poli­tik­fä­hig« zu wer­den. Er beschrieb also schlicht eine Form des Gebets, die auf ord­nen­de Wei­se ins »Las­sen« füh­re und auf ein geord­ne­tes »Machen« hinleite.

Begeis­te­rung und Nach­voll­zug, Skep­sis und fei­ner Spott, Ablei­tun­gen und neue Leser: »Men­schen­park« ist zwei­fels­oh­ne inspi­rie­rend – und konn­te es erneut sein, weil wir es so mach­ten und nicht unterließen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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