Ausgebliebene Tendenzwende

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

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von Erik Lommatzsch –

Was er denn von der Ten­denz­wen­de hal­te, frag­te die Demo­sko­pin Eli­sa­beth Noel­le- Neu­mann den neben ihr pla­zier­ten Phi­lo­so­phen Arnold ­Geh­len. Bei­de waren Teil­neh­mer des Kon­gres­ses »Ten­denz­wen­de? Zur geis­ti­gen Situa­ti­on in der Bun­des­re­pu­blik«, der am 26. und 27. Novem­ber 1974 in der Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te in Mün­chen statt­fand. Geh­len beschied lapi­dar: »Es gibt kei­ne Tendenzwende.«

Initia­tor und tat­kräf­ti­ger Orga­ni­sa­tor des Kon­gres­ses war der baden-würt­tem­ber­gi­sche Kul­tus­mi­nis­ter Wil­helm Hahn. In sei­nen Memoi­ren erklär­te er Ansatz und Motivation:

Es galt, alle geis­ti­gen Kräf­te rechts vom Mar­xis­mus zu sam­meln und sie so aus dem Unter­grund her­aus­zu­ho­len, in dem sie sich ver­schüch­tert durch die Domi­nanz der Neo­mar­xis­ten an den Uni­ver­si­tä­ten und in der Pres­se ver­steckt hat­ten. Sie muß­ten wie­der Mut gewin­nen, Flag­ge zei­gen und sicht­bar machen, wo in Wirk­lich­keit Geist und Wis­sen­schaft zu fin­den waren.

Hahn ent­stamm­te einer bal­ten­deut­schen Theo­lo­gen­fa­mi­lie, gebo­ren wur­de er 1909 in Dor­pat. Sein Vater, Trau­gott Hahn, war dort Pro­fes­sor und Uni­ver­si­täts­pre­di­ger. 1919 wur­de er von den Bol­sche­wi­ki ermor­det, er wird als evan­ge­li­scher Mär­ty­rer ver­ehrt. Wil­helm Hahn ent­schied sich eben­falls für das Stu­di­um der Theo­lo­ge, wirk­te wäh­rend der NS-Zeit in der Beken­nen­den Kir­che, nach dem Krieg war er Pfar­rer in Min­den und wur­de Lehr­stuhl­in­ha­ber und Rek­tor in Hei­del­berg. Auf das Amt des Bischofs von Olden­burg hat­te er ver­zich­tet, als es nach sei­ner 1952 erfolg­ten Wahl Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem unter­le­ge­nen Kan­di­da­ten gege­ben hatte.

Wäre er geblie­ben, wäre Deutsch­land ein wirk­mäch­ti­ger und pola­ri­sie­ren­der CDU-Poli­ti­ker ent­gan­gen. Nach einem Inter­mez­zo im Bun­des­tag wur­de Hahn 1964 Kul­tus­mi­nis­ter in Baden-Würt­tem­berg, unter Minis­ter­prä­si­dent Kurt Georg Kie­sin­ger. Als Hans Fil­bin­ger 1966 die­sem nach­folg­te, blieb Hahn im Amt, er hat­te sich mit sei­nen Bestre­bun­gen, selbst Regie­rungs­chef zu wer­den, nicht durch­set­zen kön­nen. Der unfrei­wil­li­ge Rück­zug erfolg­te erst 1978. Er wirk­te im Anschluß als Euro­pa­par­la­men­ta­ri­er und starb 1996.

Bil­dung, Schu­le und Hoch­schu­le waren – inner­halb der Kul­tur­po­li­tik – die The­men Wil­helm Hahns. Er selbst präg­te die Ent­wick­lung ent­schei­dend und führ­te sein Amt über die gesam­te Zeit der Stu­den­ten­un­ru­hen und des mit dem Sym­bol­jahr 1968 ver­bun­de­nen Umbruchs, nicht nur an den Uni­ver­si­tä­ten. Folgt man dem His­to­ri­ker Klaus-Jür­gen Matz, so galt Kul­tus­mi­nis­ter Hahn »bis 1967 als fort­schritt­lichs­ter unter sei­nen Kol­le­gen«, spä­ter sei er »zu einem der zeit­wei­se best­ge­h­aß­ten Poli­ti­ker in Deutsch­land« geworden.

Der direk­ten Kon­fron­ta­ti­on mit den stu­den­ti­schen Kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren ist er nicht aus­ge­wi­chen. Da von deren Sei­te neben Gebrüll auch der gewor­fe­ne Farb­beu­tel ein belieb­tes Argu­ment dar­stell­te, trug Hahn wäh­rend der Auf­trit­te in ent­spre­chen­den Ver­an­stal­tun­gen vor­sorg­lich sei­nen »Kampf­an­zug«. So bezeich­ne­te er einen alten, blau­en Anzug, um den es im Fal­le eines Tref­fers nicht scha­de war.

Hahns Ten­denz­wen­de-Kon­greß vom Novem­ber 1974 ist zu einer Rei­he von Ver­su­chen zu zäh­len, geneig­te pro­mi­nen­te Stim­men gegen den sich ver­fes­ti­gen­den und insti­tu­tio­na­li­sie­ren­den lin­ken Zeit­geist zu sam­meln, mit dem Ziel einer gesell­schaft­li­chen Gegen­wir­kung. Die poli­tisch-öko­no­mi­sche Groß­wet­ter­la­ge deu­te­te eben­falls auf eine Ver­schie­bung nach rechts: Enthu­si­as­ti­sche Vor­stel­lun­gen der 1960er Jah­re über Plan- und Mach­bar­keit hat­ten sich als illu­so­risch erwie­sen. Die Wirt­schaft sta­gnier­te, bei­spiels­wei­se ver­vier­fach­te sich die Zahl der Arbeits­lo­sen zwi­schen 1973 und 1975.

Wil­ly Brandt war als Bun­des­kanz­ler geschei­tert, der Begriff des Kon­ser­va­tis­mus erleb­te eine klei­ne Renais­sance, fest­zu­ma­chen etwa an Dolf Stern­ber­gers FAZ-Bei­trag »Darf man heu­te kon­ser­va­tiv sein?« vom Okto­ber 1970. Der Bericht des Club of Rome über die »Gren­zen des Wachs­tums« von 1972 wur­de wahr­ge­nom­men, »Ölpreis­kri­se« und Jom-Kip­pur-Krieg gel­ten als Mar­kie­run­gen für den Beginn der Zeit »nach dem Boom« (eine Bezeich­nung, die sich in der Geschichts­wis­sen­schaft eta­bliert hat).

In Reak­ti­on auf die 1968er-Stu­den­ten­be­we­gung und deren Aus­wüch­se war etwa 1970 der Bund Frei­heit der Wis­sen­schaft (BFW) ent­stan­den. Er nahm vor allem die Hoch­schu­len in den Blick. Ein wei­te­res, etwas spä­te­res Bei­spiel für eine Samm­lung, die dem lin­ken Zeit­geist öffent­lich­keits­wirk­sam ent­ge­gen­trat, ist das 1979 gegrün­de­te Stu­di­en­zen­trum Weikersheim.

Eine Rei­he von Zeit­schrif­ten, die ver­gleich­ba­re Zie­le ver­folg­ten, waren bereits ent­stan­den: 1969 etwa das Deutsch­land-Maga­zin, 1970 Cri­ticón und Kon­ser­va­tiv heu­te.  Beson­ders breit rezi­piert wur­de die von Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner ins Leben geru­fe­ne Rei­he Her­der­bü­che­rei INITIATIVE, deren ers­ter Band, Plä­doy­er für die Ver­nunft, weni­ge Wochen vor Hahns Ten­denz­wen­de-Kon­greß erschien, mit dem Unter­ti­tel Signa­le einer Tendenzwende.

Die gleich­lau­ten­de Titel­wahl war Zufall, zeigt aber doch, wie stark der Begriff Ten­denz­wen­de inzwi­schen mit einer geis­tig-poli­ti­schen Sphä­re ver­bun­den war, was sich mit dem Kon­greß vom Novem­ber 1974 noch erheb­lich ver­stär­ken soll­te. Der Begriff blieb aller­dings stets unscharf. Der Zeit­his­to­ri­ker Karl Diet­rich Bra­cher konn­te ihn in der Rück­schau auch nur nähe­rungs­wei­se ein­krei­send bestim­men, etwa wenn er sag­te, es hand­le sich um ein »Signal- und Schlüs­sel­wort, das offen­bar einer wach­sen­den Strö­mung des Zwei­fels und dem intel­lek­tu­el­len Bedürf­nis ihrer Deu­tung ent­ge­gen­kam«. Ent­schei­dend sei­en für den Kom­plex Ten­denz­wen­de eine Kri­tik an der Reform­po­li­tik und die Kon­sti­tu­ie­rung einer »geis­ti­gen Gegen­po­si­ti­on zu den Strö­mun­gen von 1968 / 69 und ihren Fol­gen« gewesen.

Die­se Art kleins­ter gemein­sa­mer Nen­ner ver­band auch die Teil­neh­mer der von Hahn initi­ier­ten Ver­an­stal­tung und deren Äuße­run­gen. Hahn, der auch ein »Abrut­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nach dem Osten« und »die Ent­wick­lung hin zur Durch­set­zung eines mili­tan­ten Sozia­lis­mus, wie es die Lin­ke in der SPD und in den Uni­ver­si­tä­ten for­der­te«, befürch­te­te, sah zu Beginn des Jah­res 1974 die Lage in einem posi­ti­ve­ren Licht. Er war der Ansicht, daß »die geis­ti­ge Situa­ti­on durch­aus die Vor­aus­set­zun­gen für eine poli­ti­sche Wen­de« bie­te. Die­se kön­ne aller­dings nur über ein posi­ti­ves Ange­bot her­bei­ge­führt wer­den, »wenn dem Sozia­lis­mus eine geis­tig-poli­ti­sche Alter­na­ti­ve ent­ge­gen­ge­setzt« werde.

Es muß­te klar wer­den, daß nicht der Mar­xis­mus, wie die Neo­mar­xis­ten behaup­te­ten, die ein­zi­ge Kraft in Wis­sen­schaft, Kunst, Publi­zis­tik und Poli­tik ist, son­dern daß sehr viel stär­ke­re Kräf­te in der weit­ge­fä­cher­ten plu­ra­lis­ti­schen nicht­mar­xis­ti­schen Welt stecken.

Von Hahn gelei­tet und von des­sen Minis­te­ri­um orga­ni­siert, fan­den in Stutt­gart meh­re­re Vor­be­rei­tungs­tref­fen statt. Die­sem gehör­ten unter ande­rem sein Kul­tus­mi­nis­ter­kol­le­ge Hans Mai­er aus Bay­ern, die Pro­fes­so­ren Her­mann Lüb­be, Robert Spae­mann, Ralf Dah­ren­dorf, Wil­helm Hen­nis und Golo Mann, der Ver­le­ger Ernst Klett, meh­re­re ARD-Inten­dan­ten und der Arbeit­ge­ber­prä­si­dent Hanns Mar­tin Schley­er an.

Im Sin­ne sei­nes Ziels leg­te Hahn Wert dar­auf, daß der Kon­greß nicht als par­tei­po­li­ti­sche Ver­an­stal­tung erschei­nen soll­te, wes­halb nur weni­ge Poli­ti­ker gela­den wur­den. Unter den 250 Teil­neh­mern wie­der­um fan­den sich Mit­glie­der aller damals im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Parteien.

Hahn selbst hielt die Fäden in der Hand, blieb jedoch im Hin­ter­grund, auch weil er weit­hin als »reak­tio­när« galt und Scha­den für sein Vor­ha­ben befürch­te­te. »Wir kämm­ten die gan­ze geis­ti­ge Reprä­sen­tanz der Bun­des­re­pu­blik durch, und zwar vor allem die Uni­ver­si­tä­ten und die Publi­zis­tik.« Das Tableau war tat­säch­lich beacht­lich, zu den bereits Genann­ten kamen etwa noch Carl Fried­rich von Weiz­sä­cker und Richard Löwen­thal hin­zu. Über Dah­ren­dorf konn­te Bun­des­prä­si­dent Wal­ter Scheel zur Teil­nah­me bewegt werden.

Das Ein­la­dungs­schrei­ben sprach unter Hin­weis auf »Fehl­ent­wick­lun­gen von erschre­cken­dem Aus­maß auf allen Gebie­ten« davon, daß das Den­ken »zu neu­er Ori­en­tie­rung« gedrängt sei. Das wie­der­um konn­ten die ins­ge­samt sechs Red­ner nur bedingt leis­ten, die Vor­trä­ge stell­ten sich eher als Bestands­auf­nah­me dar.

So the­ma­ti­sier­te Spae­mann die Erzie­hungs­leh­re, ging mit der Eman­zi­pa­ti­ons­ideo­lo­gie hart ins Gericht und monier­te, daß das Wort »eman­zi­pa­to­risch« an die Stel­le von »gut« getre­ten sei. Lüb­be for­der­te hin­sicht­lich der Befür­wor­ter des Fort­schritts eine Beweis­last­um­kehr, das heißt, das Ver­än­dern soll­te gerecht­fer­tigt wer­den, nicht das Behar­ren. Die »Macher« sah er gegen­über den »Visio­nä­ren« auf dem Vor­marsch, von einer »Prag­ma­tik der Ver­nunft« war die Rede.

Daß gera­de Dah­ren­dorf beton­te, es gebe »den selt­sa­men Punkt, an dem die Über­trei­bung des Prin­zips der staats­bür­ger­li­chen Teil­nah­me dazu führt, daß die­ses Prin­zip sei­nen Sinn selbst ver­liert«, mag den einen oder ande­ren Zuhö­rer über­rascht haben. Der His­to­ri­ker Golo Mann wand­te sich gegen die Domi­nanz der Struk­tur­ge­schich­te und die Theo­rie­über­las­tung sei­nes Faches.

Die media­le Reso­nanz des Kon­gres­ses, um die sich Hahn bereits im Vor­feld inten­siv bemüht hat­te, war außer­or­dent­lich groß, sowohl was Kri­tik als auch was Zustim­mung betraf. Neben einer Viel­zahl von Pres­se­ar­ti­keln wur­de im Fern­se­hen bei Wer­ner Höfers »Inter­na­tio­na­lem Früh­schop­pen« über die Ver­an­stal­tung dis­ku­tiert, der Bun­des­prä­si­dent erwähn­te sie in sei­ner Weihnachtsansprache.

Hahn äußer­te sich befrie­digt dar­über, daß man auf dem Kon­greß »die offe­ne, vor­be­halt­lo­se Aus­spra­che wie­der­ge­won­nen hat­te, die an den Uni­ver­si­tä­ten unter dem Druck der radi­kal­mar­xis­ti­schen Stu­den­ten­grup­pen ver­lo­ren­ge­gan­gen war«, und glaub­te ins­ge­samt zu erken­nen, »daß die Luft sich wie­der vom ideo­lo­gi­schen Nebel reinigte«.

Indes beklag­ten auch geneig­te Kom­men­ta­to­ren wie Gün­ter Zehm, daß »die Kon­tu­ren der so bered­ten Ten­denz­wen­de« wenig greif­bar gewe­sen sei­en. Zumin­dest ist Hahn zuzu­stim­men, wenn er resü­mier­te, der Kon­greß »gab einem sonst kaum bewußt gewor­de­nen geis­ti­gen Phä­no­men sei­nen Namen und hob es damit in das all­ge­mei­ne Bewußtsein.«

Ursprüng­lich nur als ein­ma­li­ge Ver­an­stal­tung geplant, soll­te der Ten­denz­wen­de-Kon­greß reich­lich drei Jah­re spä­ter mit dem Forum »Mut zur Erzie­hung« am 9. und 10. Janu­ar 1978 im Wis­sen­schafts­zen­trum in Bad Godes­berg eine Fort­set­zung fin­den. Anknüp­fend an die von Spae­mann in sei­nem Refe­rat in Mün­chen auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen, hat­te Hahn eine ähn­li­che Samm­lung von nam­haf­ten Per­sön­lich­kei­ten vor­wie­gend aus Wis­sen­schaft und Publi­zis­tik organisiert.

The­ma­tik und Ziel waren die­ses Mal wesent­lich deut­li­cher umris­sen, die »Grund­prin­zi­pi­en von Erzie­hung und Bil­dung« soll­ten, so Hahn, »im Gegen­satz zu denen der eman­zi­pa­to­ri­schen Erzie­hungs­leh­re geklärt und wie­der zum Fun­da­ment der Päda­gogik gemacht werden«.

Hahn, der ursprüng­lich zöger­lich war, einen zwei­ten Kon­greß zu ver­an­stal­ten, war vom ehe­ma­li­gen Lei­ter der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Loc­cum, Hans Bolew­ski, über­zeugt wor­den. Nicht weni­ge Teil­neh­mer des Vor­be­rei­tungs­krei­ses sowie des Forums waren auch schon beim Ten­denz­wen­de-Kon­greß zuge­gen. Neben Spae­mann, Lüb­be und Golo Mann fan­den sich etwa der Poli­to­lo­ge Alex­an­der Schwan, die Psy­ch­ago­gin Chris­ta Meves, die auch den Anstoß für den Titel der Ver­an­stal­tung gege­ben hat­te, und der His­to­ri­ker Tho­mas Nip­per­dey ein. Aber­mals erschien Bun­des­prä­si­dent Scheel.

Niko­laus Lob­ko­wicz, Rek­tor der Mün­che­ner Uni­ver­si­tät, erklär­te in sei­nem ein­lei­ten­den Vor­tag, die Jugend müs­se dazu gebracht wer­den, Kri­sen wie­der »als Her­aus­for­de­rung zu Fleiß anzu­neh­men, anstatt weh­lei­dig-krei­schen­de Demons­tra­tio­nen zu ver­an­stal­ten«, und es gel­te, ihr Sinn zu ver­mit­teln, »wofür es sich lohnt, opfer­be­reit zu sein und gege­be­nen­falls zu ster­ben«. Ande­re Refe­ren­ten rie­fen dazu auf, den Blick wie­der auf die Rea­li­tä­ten zu rich­ten, und zum Ver­zicht auf wei­te­re lin­ke »Reform­ex­pe­ri­men­te«.

Nach Hahns Dar­stel­lung war auch über­legt wor­den, Ver­tre­ter der eman­zi­pa­to­ri­schen Erzie­hungs­leh­re ein­zu­la­den, aller­dings habe man sich gegen eine »Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung« ent­schie­den, um »das Forum zu einer kraft­vol­len Dar­stel­lung unse­rer Auf­fas­sung von Erzie­hung wer­den« zu las­sen, womit die Pra­xis der Gegen­sei­te über­nom­men wur­de. Als klei­nen Kom­pro­miß bat man ein­zig den Reform­päd­ago­gen Hart­mut von Hen­tig dazu, der den Posi­tio­nen des Forums erwar­tungs­ge­mäß hef­tig widersprach.

Im Unter­schied zur Ten­denz­wen­de-Tagung von 1974 mach­te sich die – eben­falls gro­ße und nun vor allem kri­ti­sche – Reso­nanz in der Öffent­lich­keit, ins­be­son­de­re im Bereich der Päd­ago­gik, an einer kon­kre­ten Ver­laut­ba­rung fest, den »9 The­sen«. Schon im Vor­feld der Ver­an­stal­tung hat­te Her­mann Lüb­be einen »Befrei­ungs­ef­fekt« durch das Forum ver­langt, man müs­se »deut­lich machen, was jeder hören wol­le, was aber kei­ner in den Mund zu neh­men wage.«

Er zeich­ne­te auch für die Aus­ar­bei­tung der »9 The­sen« ver­ant­wort­lich. For­mell stell­ten sie ledig­lich eine Stel­lung­nah­me des Vor­be­rei­tungs­krei­ses dar, die aller­dings weit­ge­hend, wohl auch nicht unbe­ab­sich­tigt, als Arbeits­er­geb­nis des Forums wahr­ge­nom­men wur­den. Zu Beginn jeder The­se war »Wir wen­den uns gegen den Irr­tum …« zu lesen.

Gegen das »Ide­al einer Zukunfts­ge­sell­schaft voll­kom­me­ner Befrei­ung aus allen her­kunfts­be­ding­ten Lebens­ver­hält­nis­sen« sprach man sich eben­so aus wie gegen die Annah­me, »opti­ma­le Erzie­hung sei maxi­mal pro­fes­sio­na­li­sier­te und insti­tu­tio­na­li­sier­te Erzie­hung« oder daß »Tugen­den des Flei­ßes, der Dis­zi­plin und der Ord­nung […] päd­ago­gisch obso­let« gewor­den sei­en. Glück fol­ge »nicht aus der Befrie­di­gung von Ansprü­chen«, son­dern stel­le »sich im Tun des Rech­ten ein«.

Ein drit­ter Kon­greß soll­te sich noch anschlie­ßen – Her­mann Lüb­be hat­te sich dafür stark gemacht, dem Vor­wurf, das Forum »Mut zur Erzie­hung« habe sich gegen­auf­klä­re­risch betä­tigt, ent­ge­gen­zu­tre­ten. So fand am 16. und 17. Janu­ar 1980 in Mün­chen der Kon­greß »Auf­klä­rung heu­te« statt, orga­ni­siert von der BFW-Geschäfts­stel­le, da Hahn inzwi­schen als Minis­ter aus­ge­schie­den war.

Man war ver­sucht, zwei Tra­di­ti­ons­li­ni­en der Auf­klä­rung aus­zu­ma­chen, ein libe­ra­les sowie ein radi­ka­les, letzt­lich tota­li­tä­res Erbe. In sei­ner Stu­die über den BFW bezeich­net der His­to­ri­ker Niko­lai Wehrs den Auf­klä­rungs­kon­greß zu Recht als ledig­lich »schwa­che Repri­se« der bei­den vor­an­ge­gan­ge­nen Veranstaltungen.

Hahns Initia­ti­ven, der Ten­denz­wen­de-Kon­greß und das Forum »Mut zur Erzie­hung«, konn­ten den Anspruch »Flag­ge zei­gen und sicht­bar machen« ein­lö­sen, der Begriff Ten­denz­wen­de war im öffent­li­chen Dis­kurs ver­an­kert, und dies alles trug erheb­lich zur Links-rechts-Pola­ri­sie­rung der Intel­lek­tu­el­len bei.

Was immer an welt­an­schau­li­chen und theo­re­ti­schen Gegen­sät­zen zwi­schen Libe­ral­kon­ser­va­tis­mus vor­han­den sein moch­te, in der ›Ten­denz­wen­de‹ schien es durch eine ein­heit­li­che poli­ti­sche Stoß­rich­tung gegen den gesell­schafts­po­li­ti­schen Reform­op­ti­mis­mus kom­plett über­la­gert zu werden

so Niko­lai Wehrs. Kon­kre­te greif­ba­re Fol­gen, gar im Sin­ne einer Insti­tu­tio­na­li­sie­rung über die bei­den bzw. drei Ver­an­stal­tun­gen hin­aus, hat­ten die Kon­gres­se nicht. Dazu war wohl auch das Teil­neh­mer­spek­trum zu dis­pa­rat. Eine Rei­he der in der Regel eher all­ge­mein for­mu­lier­ten For­de­run­gen ver­schwam­men dann im Strom der mit der Regie­rungs­über­nah­me von Hel­mut Kohl 1982 laut­stark pro­pa­gier­ten und nicht ansatz­wei­se in Gang gesetz­ten »geis­tig-mora­li­schen Wen­de«. Geh­len soll­te recht behal­ten, die Ten­denz­wen­de fand nicht statt.

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