von Erik Lommatzsch –
Was er denn von der Tendenzwende halte, fragte die Demoskopin Elisabeth Noelle- Neumann den neben ihr plazierten Philosophen Arnold Gehlen. Beide waren Teilnehmer des Kongresses »Tendenzwende? Zur geistigen Situation in der Bundesrepublik«, der am 26. und 27. November 1974 in der Akademie der Schönen Künste in München stattfand. Gehlen beschied lapidar: »Es gibt keine Tendenzwende.«
Initiator und tatkräftiger Organisator des Kongresses war der baden-württembergische Kultusminister Wilhelm Hahn. In seinen Memoiren erklärte er Ansatz und Motivation:
Es galt, alle geistigen Kräfte rechts vom Marxismus zu sammeln und sie so aus dem Untergrund herauszuholen, in dem sie sich verschüchtert durch die Dominanz der Neomarxisten an den Universitäten und in der Presse versteckt hatten. Sie mußten wieder Mut gewinnen, Flagge zeigen und sichtbar machen, wo in Wirklichkeit Geist und Wissenschaft zu finden waren.
Hahn entstammte einer baltendeutschen Theologenfamilie, geboren wurde er 1909 in Dorpat. Sein Vater, Traugott Hahn, war dort Professor und Universitätsprediger. 1919 wurde er von den Bolschewiki ermordet, er wird als evangelischer Märtyrer verehrt. Wilhelm Hahn entschied sich ebenfalls für das Studium der Theologe, wirkte während der NS-Zeit in der Bekennenden Kirche, nach dem Krieg war er Pfarrer in Minden und wurde Lehrstuhlinhaber und Rektor in Heidelberg. Auf das Amt des Bischofs von Oldenburg hatte er verzichtet, als es nach seiner 1952 erfolgten Wahl Auseinandersetzungen mit dem unterlegenen Kandidaten gegeben hatte.
Wäre er geblieben, wäre Deutschland ein wirkmächtiger und polarisierender CDU-Politiker entgangen. Nach einem Intermezzo im Bundestag wurde Hahn 1964 Kultusminister in Baden-Württemberg, unter Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger. Als Hans Filbinger 1966 diesem nachfolgte, blieb Hahn im Amt, er hatte sich mit seinen Bestrebungen, selbst Regierungschef zu werden, nicht durchsetzen können. Der unfreiwillige Rückzug erfolgte erst 1978. Er wirkte im Anschluß als Europaparlamentarier und starb 1996.
Bildung, Schule und Hochschule waren – innerhalb der Kulturpolitik – die Themen Wilhelm Hahns. Er selbst prägte die Entwicklung entscheidend und führte sein Amt über die gesamte Zeit der Studentenunruhen und des mit dem Symboljahr 1968 verbundenen Umbruchs, nicht nur an den Universitäten. Folgt man dem Historiker Klaus-Jürgen Matz, so galt Kultusminister Hahn »bis 1967 als fortschrittlichster unter seinen Kollegen«, später sei er »zu einem der zeitweise bestgehaßten Politiker in Deutschland« geworden.
Der direkten Konfrontation mit den studentischen Kulturrevolutionären ist er nicht ausgewichen. Da von deren Seite neben Gebrüll auch der geworfene Farbbeutel ein beliebtes Argument darstellte, trug Hahn während der Auftritte in entsprechenden Veranstaltungen vorsorglich seinen »Kampfanzug«. So bezeichnete er einen alten, blauen Anzug, um den es im Falle eines Treffers nicht schade war.
Hahns Tendenzwende-Kongreß vom November 1974 ist zu einer Reihe von Versuchen zu zählen, geneigte prominente Stimmen gegen den sich verfestigenden und institutionalisierenden linken Zeitgeist zu sammeln, mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Gegenwirkung. Die politisch-ökonomische Großwetterlage deutete ebenfalls auf eine Verschiebung nach rechts: Enthusiastische Vorstellungen der 1960er Jahre über Plan- und Machbarkeit hatten sich als illusorisch erwiesen. Die Wirtschaft stagnierte, beispielsweise vervierfachte sich die Zahl der Arbeitslosen zwischen 1973 und 1975.
Willy Brandt war als Bundeskanzler gescheitert, der Begriff des Konservatismus erlebte eine kleine Renaissance, festzumachen etwa an Dolf Sternbergers FAZ-Beitrag »Darf man heute konservativ sein?« vom Oktober 1970. Der Bericht des Club of Rome über die »Grenzen des Wachstums« von 1972 wurde wahrgenommen, »Ölpreiskrise« und Jom-Kippur-Krieg gelten als Markierungen für den Beginn der Zeit »nach dem Boom« (eine Bezeichnung, die sich in der Geschichtswissenschaft etabliert hat).
In Reaktion auf die 1968er-Studentenbewegung und deren Auswüchse war etwa 1970 der Bund Freiheit der Wissenschaft (BFW) entstanden. Er nahm vor allem die Hochschulen in den Blick. Ein weiteres, etwas späteres Beispiel für eine Sammlung, die dem linken Zeitgeist öffentlichkeitswirksam entgegentrat, ist das 1979 gegründete Studienzentrum Weikersheim.
Eine Reihe von Zeitschriften, die vergleichbare Ziele verfolgten, waren bereits entstanden: 1969 etwa das Deutschland-Magazin, 1970 Criticón und Konservativ heute. Besonders breit rezipiert wurde die von Gerd-Klaus Kaltenbrunner ins Leben gerufene Reihe Herderbücherei INITIATIVE, deren erster Band, Plädoyer für die Vernunft, wenige Wochen vor Hahns Tendenzwende-Kongreß erschien, mit dem Untertitel Signale einer Tendenzwende.
Die gleichlautende Titelwahl war Zufall, zeigt aber doch, wie stark der Begriff Tendenzwende inzwischen mit einer geistig-politischen Sphäre verbunden war, was sich mit dem Kongreß vom November 1974 noch erheblich verstärken sollte. Der Begriff blieb allerdings stets unscharf. Der Zeithistoriker Karl Dietrich Bracher konnte ihn in der Rückschau auch nur näherungsweise einkreisend bestimmen, etwa wenn er sagte, es handle sich um ein »Signal- und Schlüsselwort, das offenbar einer wachsenden Strömung des Zweifels und dem intellektuellen Bedürfnis ihrer Deutung entgegenkam«. Entscheidend seien für den Komplex Tendenzwende eine Kritik an der Reformpolitik und die Konstituierung einer »geistigen Gegenposition zu den Strömungen von 1968 / 69 und ihren Folgen« gewesen.
Diese Art kleinster gemeinsamer Nenner verband auch die Teilnehmer der von Hahn initiierten Veranstaltung und deren Äußerungen. Hahn, der auch ein »Abrutschen der Bundesrepublik Deutschland nach dem Osten« und »die Entwicklung hin zur Durchsetzung eines militanten Sozialismus, wie es die Linke in der SPD und in den Universitäten forderte«, befürchtete, sah zu Beginn des Jahres 1974 die Lage in einem positiveren Licht. Er war der Ansicht, daß »die geistige Situation durchaus die Voraussetzungen für eine politische Wende« biete. Diese könne allerdings nur über ein positives Angebot herbeigeführt werden, »wenn dem Sozialismus eine geistig-politische Alternative entgegengesetzt« werde.
Es mußte klar werden, daß nicht der Marxismus, wie die Neomarxisten behaupteten, die einzige Kraft in Wissenschaft, Kunst, Publizistik und Politik ist, sondern daß sehr viel stärkere Kräfte in der weitgefächerten pluralistischen nichtmarxistischen Welt stecken.
Von Hahn geleitet und von dessen Ministerium organisiert, fanden in Stuttgart mehrere Vorbereitungstreffen statt. Diesem gehörten unter anderem sein Kultusministerkollege Hans Maier aus Bayern, die Professoren Hermann Lübbe, Robert Spaemann, Ralf Dahrendorf, Wilhelm Hennis und Golo Mann, der Verleger Ernst Klett, mehrere ARD-Intendanten und der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer an.
Im Sinne seines Ziels legte Hahn Wert darauf, daß der Kongreß nicht als parteipolitische Veranstaltung erscheinen sollte, weshalb nur wenige Politiker geladen wurden. Unter den 250 Teilnehmern wiederum fanden sich Mitglieder aller damals im Bundestag vertretenen Parteien.
Hahn selbst hielt die Fäden in der Hand, blieb jedoch im Hintergrund, auch weil er weithin als »reaktionär« galt und Schaden für sein Vorhaben befürchtete. »Wir kämmten die ganze geistige Repräsentanz der Bundesrepublik durch, und zwar vor allem die Universitäten und die Publizistik.« Das Tableau war tatsächlich beachtlich, zu den bereits Genannten kamen etwa noch Carl Friedrich von Weizsäcker und Richard Löwenthal hinzu. Über Dahrendorf konnte Bundespräsident Walter Scheel zur Teilnahme bewegt werden.
Das Einladungsschreiben sprach unter Hinweis auf »Fehlentwicklungen von erschreckendem Ausmaß auf allen Gebieten« davon, daß das Denken »zu neuer Orientierung« gedrängt sei. Das wiederum konnten die insgesamt sechs Redner nur bedingt leisten, die Vorträge stellten sich eher als Bestandsaufnahme dar.
So thematisierte Spaemann die Erziehungslehre, ging mit der Emanzipationsideologie hart ins Gericht und monierte, daß das Wort »emanzipatorisch« an die Stelle von »gut« getreten sei. Lübbe forderte hinsichtlich der Befürworter des Fortschritts eine Beweislastumkehr, das heißt, das Verändern sollte gerechtfertigt werden, nicht das Beharren. Die »Macher« sah er gegenüber den »Visionären« auf dem Vormarsch, von einer »Pragmatik der Vernunft« war die Rede.
Daß gerade Dahrendorf betonte, es gebe »den seltsamen Punkt, an dem die Übertreibung des Prinzips der staatsbürgerlichen Teilnahme dazu führt, daß dieses Prinzip seinen Sinn selbst verliert«, mag den einen oder anderen Zuhörer überrascht haben. Der Historiker Golo Mann wandte sich gegen die Dominanz der Strukturgeschichte und die Theorieüberlastung seines Faches.
Die mediale Resonanz des Kongresses, um die sich Hahn bereits im Vorfeld intensiv bemüht hatte, war außerordentlich groß, sowohl was Kritik als auch was Zustimmung betraf. Neben einer Vielzahl von Presseartikeln wurde im Fernsehen bei Werner Höfers »Internationalem Frühschoppen« über die Veranstaltung diskutiert, der Bundespräsident erwähnte sie in seiner Weihnachtsansprache.
Hahn äußerte sich befriedigt darüber, daß man auf dem Kongreß »die offene, vorbehaltlose Aussprache wiedergewonnen hatte, die an den Universitäten unter dem Druck der radikalmarxistischen Studentengruppen verlorengegangen war«, und glaubte insgesamt zu erkennen, »daß die Luft sich wieder vom ideologischen Nebel reinigte«.
Indes beklagten auch geneigte Kommentatoren wie Günter Zehm, daß »die Konturen der so beredten Tendenzwende« wenig greifbar gewesen seien. Zumindest ist Hahn zuzustimmen, wenn er resümierte, der Kongreß »gab einem sonst kaum bewußt gewordenen geistigen Phänomen seinen Namen und hob es damit in das allgemeine Bewußtsein.«
Ursprünglich nur als einmalige Veranstaltung geplant, sollte der Tendenzwende-Kongreß reichlich drei Jahre später mit dem Forum »Mut zur Erziehung« am 9. und 10. Januar 1978 im Wissenschaftszentrum in Bad Godesberg eine Fortsetzung finden. Anknüpfend an die von Spaemann in seinem Referat in München aufgeworfenen Fragen, hatte Hahn eine ähnliche Sammlung von namhaften Persönlichkeiten vorwiegend aus Wissenschaft und Publizistik organisiert.
Thematik und Ziel waren dieses Mal wesentlich deutlicher umrissen, die »Grundprinzipien von Erziehung und Bildung« sollten, so Hahn, »im Gegensatz zu denen der emanzipatorischen Erziehungslehre geklärt und wieder zum Fundament der Pädagogik gemacht werden«.
Hahn, der ursprünglich zögerlich war, einen zweiten Kongreß zu veranstalten, war vom ehemaligen Leiter der Evangelischen Akademie Loccum, Hans Bolewski, überzeugt worden. Nicht wenige Teilnehmer des Vorbereitungskreises sowie des Forums waren auch schon beim Tendenzwende-Kongreß zugegen. Neben Spaemann, Lübbe und Golo Mann fanden sich etwa der Politologe Alexander Schwan, die Psychagogin Christa Meves, die auch den Anstoß für den Titel der Veranstaltung gegeben hatte, und der Historiker Thomas Nipperdey ein. Abermals erschien Bundespräsident Scheel.
Nikolaus Lobkowicz, Rektor der Münchener Universität, erklärte in seinem einleitenden Vortag, die Jugend müsse dazu gebracht werden, Krisen wieder »als Herausforderung zu Fleiß anzunehmen, anstatt wehleidig-kreischende Demonstrationen zu veranstalten«, und es gelte, ihr Sinn zu vermitteln, »wofür es sich lohnt, opferbereit zu sein und gegebenenfalls zu sterben«. Andere Referenten riefen dazu auf, den Blick wieder auf die Realitäten zu richten, und zum Verzicht auf weitere linke »Reformexperimente«.
Nach Hahns Darstellung war auch überlegt worden, Vertreter der emanzipatorischen Erziehungslehre einzuladen, allerdings habe man sich gegen eine »Diskussionsveranstaltung« entschieden, um »das Forum zu einer kraftvollen Darstellung unserer Auffassung von Erziehung werden« zu lassen, womit die Praxis der Gegenseite übernommen wurde. Als kleinen Kompromiß bat man einzig den Reformpädagogen Hartmut von Hentig dazu, der den Positionen des Forums erwartungsgemäß heftig widersprach.
Im Unterschied zur Tendenzwende-Tagung von 1974 machte sich die – ebenfalls große und nun vor allem kritische – Resonanz in der Öffentlichkeit, insbesondere im Bereich der Pädagogik, an einer konkreten Verlautbarung fest, den »9 Thesen«. Schon im Vorfeld der Veranstaltung hatte Hermann Lübbe einen »Befreiungseffekt« durch das Forum verlangt, man müsse »deutlich machen, was jeder hören wolle, was aber keiner in den Mund zu nehmen wage.«
Er zeichnete auch für die Ausarbeitung der »9 Thesen« verantwortlich. Formell stellten sie lediglich eine Stellungnahme des Vorbereitungskreises dar, die allerdings weitgehend, wohl auch nicht unbeabsichtigt, als Arbeitsergebnis des Forums wahrgenommen wurden. Zu Beginn jeder These war »Wir wenden uns gegen den Irrtum …« zu lesen.
Gegen das »Ideal einer Zukunftsgesellschaft vollkommener Befreiung aus allen herkunftsbedingten Lebensverhältnissen« sprach man sich ebenso aus wie gegen die Annahme, »optimale Erziehung sei maximal professionalisierte und institutionalisierte Erziehung« oder daß »Tugenden des Fleißes, der Disziplin und der Ordnung […] pädagogisch obsolet« geworden seien. Glück folge »nicht aus der Befriedigung von Ansprüchen«, sondern stelle »sich im Tun des Rechten ein«.
Ein dritter Kongreß sollte sich noch anschließen – Hermann Lübbe hatte sich dafür stark gemacht, dem Vorwurf, das Forum »Mut zur Erziehung« habe sich gegenaufklärerisch betätigt, entgegenzutreten. So fand am 16. und 17. Januar 1980 in München der Kongreß »Aufklärung heute« statt, organisiert von der BFW-Geschäftsstelle, da Hahn inzwischen als Minister ausgeschieden war.
Man war versucht, zwei Traditionslinien der Aufklärung auszumachen, ein liberales sowie ein radikales, letztlich totalitäres Erbe. In seiner Studie über den BFW bezeichnet der Historiker Nikolai Wehrs den Aufklärungskongreß zu Recht als lediglich »schwache Reprise« der beiden vorangegangenen Veranstaltungen.
Hahns Initiativen, der Tendenzwende-Kongreß und das Forum »Mut zur Erziehung«, konnten den Anspruch »Flagge zeigen und sichtbar machen« einlösen, der Begriff Tendenzwende war im öffentlichen Diskurs verankert, und dies alles trug erheblich zur Links-rechts-Polarisierung der Intellektuellen bei.
Was immer an weltanschaulichen und theoretischen Gegensätzen zwischen Liberalkonservatismus vorhanden sein mochte, in der ›Tendenzwende‹ schien es durch eine einheitliche politische Stoßrichtung gegen den gesellschaftspolitischen Reformoptimismus komplett überlagert zu werden
so Nikolai Wehrs. Konkrete greifbare Folgen, gar im Sinne einer Institutionalisierung über die beiden bzw. drei Veranstaltungen hinaus, hatten die Kongresse nicht. Dazu war wohl auch das Teilnehmerspektrum zu disparat. Eine Reihe der in der Regel eher allgemein formulierten Forderungen verschwammen dann im Strom der mit der Regierungsübernahme von Helmut Kohl 1982 lautstark propagierten und nicht ansatzweise in Gang gesetzten »geistig-moralischen Wende«. Gehlen sollte recht behalten, die Tendenzwende fand nicht statt.