Kulturkritik als Selbstkritik: Thoreau, Mencken, Bloom

PDF der Druckausgabe aus Sezession 124/ Februar 2025

 Druckausgabe

Beitrag aus der Druckausgabe der Sezession. Abonnieren Sie!

Von Till Kinzel

Der poli­ti­sche Phi­lo­soph Allan Bloom hat die geis­tig-poli­ti­sche Lage in den USA in sei­nem Best­sel­ler The Clo­sing of the Ame­ri­ca Mind (1987; dt. Der Nie­der­gang des ame­ri­ka­ni­schen Geis­tes) kurz und bün­dig so cha­rak­te­ri­siert: In Ame­ri­ka sei die Nicht-Über­ein­stim­mung mit der Demo­kra­tie »cranks« (Ver­rück­ten) oder »buf­foons« (Nar­ren) über­las­sen geblie­ben. Und als Bei­spie­le für die­se Skep­ti­ker-Typen in Sachen Demo­kra­tie führt er den His­to­ri­ker und Roman­cier Hen­ry Adams (crank; 1838 – 1918) sowie den begna­de­ten Publi­zis­ten Hen­ry Lou­is Men­cken (buf­foon; 1880 – 1956) an. (1)

Bloom gibt damit eine ver­brei­te­te Sicht wie­der, die sich nicht zuletzt der Schwie­rig­keit ver­dankt, eine eigen­stän­di­ge ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur zu defi­nie­ren, aber auch der Tat­sa­che, daß die Ver­ei­nig­ten Staa­ten eine Glau­bens­na­ti­on sind, die auf der kon­stan­ten Ein­häm­me­rung eines patrio­ti­schen Demo­kra­tis­mus beruht.

In Euro­pa, so Bloom, habe es authen­ti­sche Ver­tre­ter nicht­de­mo­kra­ti­scher Posi­tio­nen gege­ben, zum Bei­spiel Mon­ar­chis­ten und Ver­tre­ter des Bünd­nis­ses von Thron und Altar, die es in den USA nicht gab. Das intel­lek­tu­el­le Spek­trum im poli­ti­schen Den­kens Euro­pas war also immer brei­ter als das im »demo­kra­ti­schen« Rah­men der USA.

Das anfäng­li­che kul­tu­rel­le Min­der­wer­tig­keits­ge­fühl auf dem neu­en Kon­ti­nent spie­gelt sich noch in der Dia­gno­se Alexis de Toc­que­vil­les aus den 1830er Jah­ren, wonach die meis­ten ame­ri­ka­ni­schen Bücher aus Euro­pa stamm­ten; Ame­ri­ka habe noch kei­ne lite­ra­ri­sche Kul­tur jen­seits des Jour­na­lis­mus. (2) Schon der von ­Nietz­sche bewun­der­te Ralph Wal­do Emer­son plä­dier­te für eine intel­lek­tu­el­le Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung der Ame­ri­ka­ner, die nur durch eine drei­glied­ri­ge Bil­dung – durch die Natur, Bücher und Taten – erlangt wer­den könne.

Zwar ver­stan­den sich die Grün­der­vä­ter und ins­be­son­de­re die Ver­fas­ser der Fede­ra­list Papers (Alex­an­der Hamil­ton, James Madi­son, John Jay) mit­nich­ten als Demo­kra­ten, son­dern empha­tisch als Repu­bli­ka­ner. (Im his­to­ri­schen Kon­text des 18. Jahr­hun­derts nicht als Par­tei­be­zeich­nun­gen ver­wen­det; Repu­bli­ka­ner waren damals Anhän­ger einer kon­sti­tu­tio­nel­len reprä­sen­ta­ti­ven Regie­rungs­form, Demo­kra­ten einer unmit­tel­ba­ren Volks­herr­schaft durch Mehrheitsentscheidungen.)

Aber im Lau­fe der Zeit ver­än­der­te sich das Selbst­ver­ständ­nis der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka immer mehr in Rich­tung einer »Demo­kra­tie«, so daß sich die noch lan­ge leben­di­gen aris­to­kra­ti­schen Tra­di­tio­nen mehr und mehr abschwäch­ten. Dazu trug der Sieg der Nord- über die Süd­staa­ten im Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg maß­geb­lich bei, aber auch die Indus­tria­li­sie­rung und die sich immer stär­ker aus­wei­ten­de Mas­sen­ein­wan­de­rung. »Demo­kra­tie« wur­de zu einer Leit­ideo­lo­gie, die zu hin­ter­fra­gen Ana­the­ma wurde.

Kul­tu­rel­le Selbst­kri­tik hat­te so in den USA oft einen schwe­ren Stand; S. T. Joshi zufol­ge hat­ten die Ame­ri­ka­ner eine benei­dens­wer­te Fähig­keit ent­wi­ckelt, Kri­tik an sich abper­len zu las­sen. (3) Den­noch gibt es eine beacht­li­che Gegen­tra­di­ti­on von Non­kon­for­mis­ten, die – oft genug unter dem Ein­fluß alt­eu­ro­päi­scher Kunst, Lite­ra­tur und Phi­lo­so­phie – eine höchst lehr­rei­che ame­ri­ka­ni­sche Selbst­kri­tik artikulierten.

Hier mag ein exem­pla­ri­scher Hin­weis auf drei »reprä­sen­ta­ti­ve Män­ner« (Emer­son) die­ser Kul­tur­kri­tik genü­gen: Neben Men­cken sind dies Hen­ry David Tho­reau (1817 – 1862) und Allan Bloom (1930 – 1992), auch wenn man eben­so gut Chris­to­pher Lasch, Lewis Mum­ford oder Neil Post­man nen­nen könn­te. Oder Hen­ry Adams, der als anti­mo­der­ner Moder­nist den Blick auf die Dyna­mik der moder­nen Tech­nik kom­bi­nier­te mit sub­ti­len Ana­ly­sen zur reli­giö­sen Welt des Mit­tel­al­ters. (4)

1. Tho­reau ist der ers­te, der Emer­sons The­sen ernst nimmt und in Wal­den (1854) in ein­dring­li­cher Radi­ka­li­tät die Fra­ge nach dem rich­ti­gen Leben auf­wirft. (5) Tho­re­aus schar­fe Kul­tur­kri­tik an der mate­ria­lis­ti­schen Ori­en­tie­rung sei­ner Zeit steht in der Tra­di­ti­on anti­ker Weis­heits­leh­ren, die den Wert äuße­rer Güter rela­ti­vie­ren: Wäre man mit dem Reich­tum eines Krö­sus ver­se­hen, änder­te dies im Grund­satz nichts. (6)

Das bedeu­tet, daß Tho­re­aus Phi­lo­so­phie als ent­schie­de­ner Gegen­ent­wurf zu einer Gesell­schaft ver­stan­den wer­den muß, die dem Geschwätz des Augen­blicks und der Auf­merk­sam­keit für tri­via­le Nich­tig­kei­ten ver­fal­len ist. Tho­reau erkennt zwar an, daß er selbst sich für sei­ne radi­ka­le Lebens­wei­se vor dem Forum der Gemein­schaft recht­fer­ti­gen muß, aber für ihn ist es eben­so selbst­ver­ständ­lich, daß sich die­se Gemein­schaft im Zwei­fels­fall mit Tho­re­aus weit­aus radi­ka­le­rer Kri­tik an ihrer eige­nen Lebens­wei­se abfin­den muß.

Radi­ka­le Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik ist Tho­re­aus Grund­ge­dan­ke, der die ihn umge­ben­de Gesell­schaft Neu­eng­lands exem­pla­risch aufs Korn nimmt: »In Gesell­schaft wird man kei­ne Gesund­heit fin­den, son­dern in der Natur.« Denn die Gesell­schaft sei »immer krank, und die bes­te am meis­ten.« (7) ­Tho­reau stellt also die kor­rum­pie­ren­de und kran­ke Gesell­schaft der Zivi­li­sa­ti­on einer gesun­den Natur gegen­über, nur den Kran­ken erschei­ne die Natur krank, den Gesun­den aber sei sie ein Quell der Gesundheit.

Die rich­ti­ge Lebens­wei­se muß dem­nach eine sein, die gesund ist, die aber des­halb nicht leicht zu fin­den ist, weil gera­de jene, die ihrer bedür­fen, die Kran­ken, eben das­je­ni­ge, was ihnen ein Heil­mit­tel sein kann, die Natur, für krank hal­ten. Die Natur ist kein selbst­ver­ständ­li­cher Maß­stab, an dem der Mensch sein Leben aus­rich­ten kann. Viel­mehr bedarf es einer akti­ven Aus­ein­an­der­set­zung und Beschäf­ti­gung mit der Natur, und es bedarf die­ser Aus­ein­an­der­set­zung auf ver­schie­de­nen Wegen, durch genaue Beob­ach­tung, durch Refle­xi­on, durch Lek­tü­re und Gespräch.

Dabei kann sich der Mensch nicht ohne eige­nes Durch­den­ken der Tra­di­ti­on anschlie­ßen, viel­mehr muß er, um nicht das Wah­re der Über­lie­fe­rung mit dem nur aus Mode­grün­den für wahr Gehal­te­nen zu ver­wech­seln, selb­stän­dig zu urtei­len ler­nen. ­Tho­reau wen­det sich mit Ent­schie­den­heit gegen die ober­fläch­li­che Betrach­tung der Rea­li­tät durch sei­ne Zeit­ge­nos­sen in Neu­eng­land, die den Schein für das Sein neh­men – »Wir den­ken, daß das ist, was zu sein scheint« (8) –, und gegen jene Posi­ti­on, die die Wahr­heit jen­seits der Men­schen­welt ansie­delt. In einem ers­ten Schritt müs­sen die gesam­mel­ten Vor­ur­tei­le und undurch­dach­ten Mei­nun­gen (ent­spre­chend der doxa bei ­Pla­ton) und Tra­di­tio­nen bei­sei­te geräumt werden.

Gegen die Annah­me, das Stu­di­um der anti­ken Klas­si­ker sei über­holt, betont Tho­reau deren Unver­braucht­heit, weil sie auf eine gemein­sa­me Men­schen­na­tur ver­wei­sen. Tho­reau nimmt den Aus­gangs­punkt von der Moder­ne, lan­det aber bei den zeit­über­dau­ern­den Wahr­hei­ten. Die Klas­si­ker hät­ten über die Jahr­tau­sen­de nur eine rei­fe­re Aus­strah­lung erhal­ten, und durch die Ver­brei­tung ihrer Atmo­sphä­re in alle Län­der sei­en sie gegen die Zer­stö­rung durch die Zeit geschützt. (9)

Die ältes­ten und bes­ten Bücher wur­den von Autoren geschrie­ben, die als natür­li­che Aris­to­kra­tie jeder Gesell­schaft die­nen, denn sie bie­ten einen Maß­stab für die voll­kom­me­ne Bil­dung auch für die­je­ni­gen, die sich mehr um Geschäf­te ande­rer Art küm­mern müs­sen. Das aber bedeu­tet, daß in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten die in den anti­ken Klas­si­kern und den hei­li­gen Schrif­ten auf­ge­zeich­ne­te Weis­heit der Mensch­heit weit­hin unbe­ach­tet blei­be – zum Scha­den der Gemein­schaft, die auf die­se Wei­se pro­vin­zi­ell bleibt, statt die Bil­dung zu einer Ange­le­gen­heit für das gesam­te Gemein­we­sen zu machen. (10)

Nach Emer­son gab es, was para­dox genug erschei­nen mag, kei­nen wah­re­ren Ame­ri­ka­ner als Tho­reau – gera­de weil er sich dem kon­ven­tio­nel­len Main­stream sei­ner Zeit ent­ge­gen­stell­te. (11) Sein Extre­mis­mus des Den­kens ist indes nicht dog­ma­tisch zu ver­ste­hen; nur gebe es bereits, wie Tho­reau selbst weiß, genug Ver­fech­ter der Zivi­li­sa­ti­on, wes­halb man es die­sen über­las­sen kön­ne, für sie einzutreten.

Tho­re­aus kul­tur­kri­ti­sche Ein­sei­tig­keit ist also Pro­gramm bzw. Gegen­pro­gramm gegen eine Insti­tu­tio­na­li­sie­rung des Den­kens auch schon in den ver­gleichs­wei­se jun­gen Ver­ei­nig­ten Staa­ten: Es gebe heu­te zwar Pro­fes­so­ren der Phi­lo­so­phie, aber kei­ne Phi­lo­so­phen. Dadurch aber erhö­he sich die Gefahr, in den aus­ge­tre­te­nen Pfa­den des Geis­tes zu ver­blei­ben, denn es genü­ge nicht, »aus­ge­klü­gel­te Gedan­ken zu haben oder eine Schu­le zu grün­den«, viel­mehr müß­ten »eini­ge der Lebens­fra­gen nicht nur theo­re­tisch, son­dern prak­tisch« gelöst wer­den. (12)

Die Lek­tü­re eines Autors wie Tho­reau erfor­dert Hal­tun­gen und Tugen­den, die selbst durch die­se Lek­tü­re bestärkt wer­den, die im Zeit­al­ter der Beschleu­ni­gung und der »digi­ta­len Gefolg­schaft« (Chris­toph Tür­cke) aber nicht nur in den USA beson­ders gefähr­det sind – Geduld, Beob­ach­tungs­ga­be, Bereit­schaft zur kon­tem­pla­ti­ven Ver­sen­kung, Auf­rich­tig­keit gegen­über sich selbst und den Mit­men­schen. Es sind sol­che Gedan­ken, an die viel spä­ter Autoren wie Neil Post­man anknüp­fen konn­ten. (13)

2. In vie­lem völ­lig anders gela­gert ist der Fall des deutsch­stäm­mi­gen Jour­na­lis­ten Hen­ry Lou­is Men­cken (1880 – 1956), auch er aber war ein Außen­sei­ter, der sei­ner eige­nen Aus­sa­ge nach in den USA als ver­däch­ti­ger Aus­län­der gel­te, im Aus­land aber wegen sei­ner uner­träg­li­chen Ame­ri­ka­nis­men kri­ti­siert wer­de. Doch ver­trü­gen sich die bei­den Ansich­ten durch­aus, weil er unter sei­ner ame­ri­ka­ni­schen Ober­flä­che die meis­ten Ideen ableh­ne, wel­che die Ame­ri­ka­ner für ver­nünf­tig hiel­ten. Auch sit­ze er des­halb zwi­schen bei­den Stüh­len, weil ent­ge­gen den Üblich­kei­ten er weder Gemein­sinn besit­ze noch irgend­ei­nen mora­li­schen Zweck ver­fol­ge. Eben das sei den meis­ten Men­schen aber völ­lig fremd. (14)

Scharf kri­ti­sier­te er die ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung als »kor­rupt, unwis­send, inkom­pe­tent und absto­ßend« und sei­ne Lands­leu­te als bigot­te Puri­ta­ner. 15 Vor allem der Puri­ta­nis­mus – ver­stan­den nicht als his­to­ri­sches Phä­no­men des (17). Jahr­hun­derts, son­dern als eine Art Ide­al­typ einer Geis­tes­hal­tung oder see­li­schen Ein­stel­lung – war für ihn der Stein des Ansto­ßes, der sei­nen Aus­druck immer wie­der in Sitt­lich­keits­kreuz­zü­gen fand. (16)

Men­cken, der sich früh mit Nietz­sche aus­ein­an­der­setz­te, mach­te den homo ame­ri­ca­nus zum Gegen­stand sei­ner Unter­su­chun­gen, um des­sen geis­ti­ge Hal­tung und mora­li­sche Ori­en­tie­rung zu ver­ste­hen. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gebe es, anders als in allen ande­ren gro­ßen Staa­ten der Geschichte,

in allem eine rich­ti­ge Art zu den­ken und eine fal­sche Art zu den­ken – nicht nur in der Theo­lo­gie oder Poli­tik oder Natio­nal­öko­no­mie, son­dern in den belang­lo­ses­ten Din­gen des All­tags­le­bens. (17)

Anders zu den­ken erschei­ne in einem sol­chen Land nicht mehr als blo­ßer Irr­tum, son­dern als unmo­ra­lisch: Es sei für einen Ame­ri­ka­ner höchst ris­kant, irgend­ei­nen Glau­bens­ar­ti­kel der Mehr­heit in Fra­ge zu stel­len, weil dies für ihn zu einer sozia­len Kata­stro­phe – inklu­si­ve staat­li­cher Ver­fol­gung – füh­ren könne.

Jedes Spiel mit unzu­läs­si­gen Ideen wird als ein Atten­tat auf die Demo­kra­tie inter­pre­tiert, was in gewis­sem Sin­ne auch zutrifft

so Men­cken. Denn die Demo­kra­tie (ver­stan­den als Glau­bens­sys­tem) grün­de auf einem so kin­di­schen Kom­plex von Trug­schlüs­sen, daß sie von einem stren­gen Sys­tem aus Tabus geschützt wer­den müs­se. Andern­falls könn­ten schon
Halb­ge­bil­de­te sie wider­le­gen. Dar­aus aber fol­ge, daß in den Ver­ei­ni­gen Staa­ten das freie Spiel der Ideen bestraft wer­den müs­se. (18) Men­ckens moral­kri­tisch an Nietz­sche geschul­te Ana­ly­se erkennt so die fort­dau­ern­de Bedeu­tung der Zen­sur in der ame­ri­ka­ni­schen Kultur:

Wenn man [die Demo­kra­tie] mit unbe­que­men Tat­sa­chen kon­fron­tiert, ver­sucht sie unwei­ger­lich, sie aus der Welt zu schaf­fen, indem sie an die höchs­ten Gefüh­le des mensch­li­chen Her­zens appel­liert. (19)

Zudem bemerkt Men­cken, die Demo­kra­tie schei­ne ­dar­auf aus zu sein, »zu töten, was sie liebt«, sie füh­re gegen die Frei­heit an sich Krieg. So schreibt er in Anspie­lung auf zeit­ge­nös­si­sche Ver­su­che, die durch den ers­ten Ver­fas­sungs­zu­satz geschütz­te Frei­heit der Rede unter faden­schei­ni­gen Vor­wän­den zu unterdrücken:

Ich erwäh­ne das Schau­spiel, daß Ame­ri­ka­ner dafür ein­ge­sperrt wer­den, weil sie die Bill of Rights lesen, als das viel­leicht komischs­te, das die moder­ne Welt gese­hen hat. Man ver­su­che sich eine Mon­ar­chie vor­zu­stel­len, die ihre Unter­ta­nen ver­haf­tet, weil sie das gött­li­che Recht der Köni­ge ver­tei­di­gen! (20)

3. Allan Bloom lie­fer­te schon gegen das Ende des Kal­ten Krie­ges hin eine scharf­sich­ti­ge Ana­ly­se des Wer­te­re­la­ti­vis­mus und Bil­dungs­ver­falls, begin­nend mit den »Six­ties«, in denen eine nietz­schea­ni­sier­te Lin­ke das kul­tu­rel­le Feld zu beherr­schen begann. Die Unord­nung in der vom Nihi­lis­mus befal­le­nen ame­ri­ka­ni­schen See­le sah Bloom im Lich­te von Pla­tons Staat, denn sei­ne Stu­den­ten waren »über­trie­be­ne Ver­sio­nen von Pla­tons Beschrei­bung der Jugend in Demo­kra­tien« (21) – wenig inter­es­siert an Bil­dung, wan­kel­mü­tig, in ihre eige­ne Welt verstrickt.

Die Zer­set­zung (decom­po­si­ti­on) der Uni­ver­si­tät war das Resul­tat einer Zer­set­zung des Den­kens, gegen die Bloom – mit sei­nem Leh­rer Leo Strauss – die Lek­tü­re der »gro­ßen Bücher« setz­te, von denen die meis­ten nicht ame­ri­ka­ni­scher Her­kunft waren: ­Pla­tons Staat, Machia­vel­lis Fürst, Rous­se­aus Émi­le, aber auch ­Toc­que­vil­les Demo­kra­tie in Ame­ri­ka, das für selbst­kri­tisch ein­ge­stell­te Ame­ri­ka­ner seit jeher eine Her­aus­for­de­rung dar­stell­te. Man müs­se die­sen Autoren mit Respekt begeg­nen, was, ent­ge­gen dem dog­ma­ti­schen Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und der wohl­fei­len Ver­dam­mung der toten wei­ßen euro­päi­schen Män­ner, eine Ori­en­tie­rung an der Wahr­heit über die wich­tigs­ten Din­ge bedeutet.

Hier geht es nicht mehr um anti-intel­lek­tu­el­le Emp­find­lich­kei­ten in bezug auf die eige­ne Iden­ti­tät oder Her­kunft, wie es das Dog­ma der Diver­si­tät pos­tu­liert, son­dern um geis­ti­ge Offen­heit auch und gera­de gegen­über einer fremd gewor­de­nen Tra­di­ti­on. Wer die Uni­ver­si­tä­ten dem Diver­si­täts­dog­ma unter­wer­fe, brin­ge aber in Tat und Wahr­heit weni­ger geis­ti­ge Viel­falt her­vor und berei­te einem geist­tö­ten­den Kon­for­mis­mus das Feld. (22)

_ _ _

(1)  Vgl. Allan Bloom: The Clo­sing of the Ame­ri­can Mind. How Hig­her Edu­ca­ti­on Has Fai­led Demo­cra­cy and Impo­ve­ris­hed the Souls of Today’s Stu­dents, New York 2012, S. 55.

(2)  Vgl. Alexis de Toc­que­ville: Demo­cra­cy in Ame­ri­ca, über­setzt von Arthur Gold­ham­mer, New York 2004, S. 538 f. (Bd. 2, Kap. 13).

(3)  Vgl. S. T. Joshi: H. L. Men­cken as Artist and Cri­tic. Essays on the Sage of Bal­ti­more, Seat­tle 2018, S. 149.

(4)  Vgl. Hen­ry Adams: The Edu­ca­ti­on of Hen­ry Adams, Lon­don 1995; ders.: Mont-Saint-Michel and Char­tres, Lon­don 1986.

(5)  Vgl. Hen­ry David ‑Tho­reau: »Life Wit­hout Prin­ci­ples«, in: ders.: Coll­ec­ted Essays and Poems, New York 2001, S. 348.

(6)  Vgl. Hen­ry David ‑Tho­reau: Wal­den. Der Traum vom ein­fa­chen ­Leben, über­setzt von Fritz Güt­tin­ger, Stutt­gart 2017, S. 314.

(7)  Hen­ry David ‑Tho­reau: »Natu­ral Histo­ry of Mas­sa-chu­setts«, in: ders.: Coll­ec­ted Essays and Poems, S. 22.

(8)  Tho­reau: Wal­den, S. 101.

(9)  Vgl. ebd., S. 106.

(10)  Vgl. ebd., S. 108 – 111.

(11)  Vgl. Ralph Wal­do Emer­son: »Tho­reau«, in: The Essen­ti­al Wri­tin­gs of Ralph Wal­do Emer­son, hrsg. von Brooks Atkin­son, New York 2000, S. 810, 813.

(12)  Tho­reau: Wal­den, S. 18 f., 308.

(13)  Vgl. Neil Post­man: Das Ver­schwin­den der Kind­heit, Frank­furt a. M. 1983, S. 83 – 86.

(14)  Vgl. H. L. Men­cken: In Defence of Women, Lon­don 1927, S. 16 f.

(15)  H. L. Men­cken: »On Being an Ame­ri­can«, in: ders.: Pre­ju­di­ces. First, Second and Third Series, New York 2010, S. 301.

(16)  Vgl. H. L. Men­cken: Kom­men­ta­re und Kolum­nen 1909 – 1935, hrsg. von Hel­mut Win­ter, Wal­trop /Leipzig 2002, S. 53 – 56.

(17)  Men­cken: In Defence, S. 9 f.

(18)  Vgl. ebd., S. 11.

(19)  H. L. Men­cken: Kultur­kritische Schrif­ten 1918 – 1926, hrsg. von ‑Hel­mut Win­ter, Wal­trop / Leip­zig 1999, S. 249.

(20)  Men­cken: Kultur­kritische Schrif­ten, S. 394

(21)  Bloom: The Clo­sing, S. 87.

(22)  Vgl. Allan Bloom: ‑Giants and Dwarfs. ­Essays 1960 – 1990, New York 1990, S. 386 f.

 Druckausgabe

Beitrag aus der Druckausgabe der Sezession. Abonnieren Sie!

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)