Von Till Kinzel
Der politische Philosoph Allan Bloom hat die geistig-politische Lage in den USA in seinem Bestseller The Closing of the America Mind (1987; dt. Der Niedergang des amerikanischen Geistes) kurz und bündig so charakterisiert: In Amerika sei die Nicht-Übereinstimmung mit der Demokratie »cranks« (Verrückten) oder »buffoons« (Narren) überlassen geblieben. Und als Beispiele für diese Skeptiker-Typen in Sachen Demokratie führt er den Historiker und Romancier Henry Adams (crank; 1838 – 1918) sowie den begnadeten Publizisten Henry Louis Mencken (buffoon; 1880 – 1956) an. (1)
Bloom gibt damit eine verbreitete Sicht wieder, die sich nicht zuletzt der Schwierigkeit verdankt, eine eigenständige amerikanische Kultur zu definieren, aber auch der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten eine Glaubensnation sind, die auf der konstanten Einhämmerung eines patriotischen Demokratismus beruht.
In Europa, so Bloom, habe es authentische Vertreter nichtdemokratischer Positionen gegeben, zum Beispiel Monarchisten und Vertreter des Bündnisses von Thron und Altar, die es in den USA nicht gab. Das intellektuelle Spektrum im politischen Denkens Europas war also immer breiter als das im »demokratischen« Rahmen der USA.
Das anfängliche kulturelle Minderwertigkeitsgefühl auf dem neuen Kontinent spiegelt sich noch in der Diagnose Alexis de Tocquevilles aus den 1830er Jahren, wonach die meisten amerikanischen Bücher aus Europa stammten; Amerika habe noch keine literarische Kultur jenseits des Journalismus. (2) Schon der von Nietzsche bewunderte Ralph Waldo Emerson plädierte für eine intellektuelle Unabhängigkeitserklärung der Amerikaner, die nur durch eine dreigliedrige Bildung – durch die Natur, Bücher und Taten – erlangt werden könne.
Zwar verstanden sich die Gründerväter und insbesondere die Verfasser der Federalist Papers (Alexander Hamilton, James Madison, John Jay) mitnichten als Demokraten, sondern emphatisch als Republikaner. (Im historischen Kontext des 18. Jahrhunderts nicht als Parteibezeichnungen verwendet; Republikaner waren damals Anhänger einer konstitutionellen repräsentativen Regierungsform, Demokraten einer unmittelbaren Volksherrschaft durch Mehrheitsentscheidungen.)
Aber im Laufe der Zeit veränderte sich das Selbstverständnis der Vereinigten Staaten von Amerika immer mehr in Richtung einer »Demokratie«, so daß sich die noch lange lebendigen aristokratischen Traditionen mehr und mehr abschwächten. Dazu trug der Sieg der Nord- über die Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg maßgeblich bei, aber auch die Industrialisierung und die sich immer stärker ausweitende Masseneinwanderung. »Demokratie« wurde zu einer Leitideologie, die zu hinterfragen Anathema wurde.
Kulturelle Selbstkritik hatte so in den USA oft einen schweren Stand; S. T. Joshi zufolge hatten die Amerikaner eine beneidenswerte Fähigkeit entwickelt, Kritik an sich abperlen zu lassen. (3) Dennoch gibt es eine beachtliche Gegentradition von Nonkonformisten, die – oft genug unter dem Einfluß alteuropäischer Kunst, Literatur und Philosophie – eine höchst lehrreiche amerikanische Selbstkritik artikulierten.
Hier mag ein exemplarischer Hinweis auf drei »repräsentative Männer« (Emerson) dieser Kulturkritik genügen: Neben Mencken sind dies Henry David Thoreau (1817 – 1862) und Allan Bloom (1930 – 1992), auch wenn man ebenso gut Christopher Lasch, Lewis Mumford oder Neil Postman nennen könnte. Oder Henry Adams, der als antimoderner Modernist den Blick auf die Dynamik der modernen Technik kombinierte mit subtilen Analysen zur religiösen Welt des Mittelalters. (4)
1. Thoreau ist der erste, der Emersons Thesen ernst nimmt und in Walden (1854) in eindringlicher Radikalität die Frage nach dem richtigen Leben aufwirft. (5) Thoreaus scharfe Kulturkritik an der materialistischen Orientierung seiner Zeit steht in der Tradition antiker Weisheitslehren, die den Wert äußerer Güter relativieren: Wäre man mit dem Reichtum eines Krösus versehen, änderte dies im Grundsatz nichts. (6)
Das bedeutet, daß Thoreaus Philosophie als entschiedener Gegenentwurf zu einer Gesellschaft verstanden werden muß, die dem Geschwätz des Augenblicks und der Aufmerksamkeit für triviale Nichtigkeiten verfallen ist. Thoreau erkennt zwar an, daß er selbst sich für seine radikale Lebensweise vor dem Forum der Gemeinschaft rechtfertigen muß, aber für ihn ist es ebenso selbstverständlich, daß sich diese Gemeinschaft im Zweifelsfall mit Thoreaus weitaus radikalerer Kritik an ihrer eigenen Lebensweise abfinden muß.
Radikale Zivilisationskritik ist Thoreaus Grundgedanke, der die ihn umgebende Gesellschaft Neuenglands exemplarisch aufs Korn nimmt: »In Gesellschaft wird man keine Gesundheit finden, sondern in der Natur.« Denn die Gesellschaft sei »immer krank, und die beste am meisten.« (7) Thoreau stellt also die korrumpierende und kranke Gesellschaft der Zivilisation einer gesunden Natur gegenüber, nur den Kranken erscheine die Natur krank, den Gesunden aber sei sie ein Quell der Gesundheit.
Die richtige Lebensweise muß demnach eine sein, die gesund ist, die aber deshalb nicht leicht zu finden ist, weil gerade jene, die ihrer bedürfen, die Kranken, eben dasjenige, was ihnen ein Heilmittel sein kann, die Natur, für krank halten. Die Natur ist kein selbstverständlicher Maßstab, an dem der Mensch sein Leben ausrichten kann. Vielmehr bedarf es einer aktiven Auseinandersetzung und Beschäftigung mit der Natur, und es bedarf dieser Auseinandersetzung auf verschiedenen Wegen, durch genaue Beobachtung, durch Reflexion, durch Lektüre und Gespräch.
Dabei kann sich der Mensch nicht ohne eigenes Durchdenken der Tradition anschließen, vielmehr muß er, um nicht das Wahre der Überlieferung mit dem nur aus Modegründen für wahr Gehaltenen zu verwechseln, selbständig zu urteilen lernen. Thoreau wendet sich mit Entschiedenheit gegen die oberflächliche Betrachtung der Realität durch seine Zeitgenossen in Neuengland, die den Schein für das Sein nehmen – »Wir denken, daß das ist, was zu sein scheint« (8) –, und gegen jene Position, die die Wahrheit jenseits der Menschenwelt ansiedelt. In einem ersten Schritt müssen die gesammelten Vorurteile und undurchdachten Meinungen (entsprechend der doxa bei Platon) und Traditionen beiseite geräumt werden.
Gegen die Annahme, das Studium der antiken Klassiker sei überholt, betont Thoreau deren Unverbrauchtheit, weil sie auf eine gemeinsame Menschennatur verweisen. Thoreau nimmt den Ausgangspunkt von der Moderne, landet aber bei den zeitüberdauernden Wahrheiten. Die Klassiker hätten über die Jahrtausende nur eine reifere Ausstrahlung erhalten, und durch die Verbreitung ihrer Atmosphäre in alle Länder seien sie gegen die Zerstörung durch die Zeit geschützt. (9)
Die ältesten und besten Bücher wurden von Autoren geschrieben, die als natürliche Aristokratie jeder Gesellschaft dienen, denn sie bieten einen Maßstab für die vollkommene Bildung auch für diejenigen, die sich mehr um Geschäfte anderer Art kümmern müssen. Das aber bedeutet, daß in den Vereinigten Staaten die in den antiken Klassikern und den heiligen Schriften aufgezeichnete Weisheit der Menschheit weithin unbeachtet bleibe – zum Schaden der Gemeinschaft, die auf diese Weise provinziell bleibt, statt die Bildung zu einer Angelegenheit für das gesamte Gemeinwesen zu machen. (10)
Nach Emerson gab es, was paradox genug erscheinen mag, keinen wahreren Amerikaner als Thoreau – gerade weil er sich dem konventionellen Mainstream seiner Zeit entgegenstellte. (11) Sein Extremismus des Denkens ist indes nicht dogmatisch zu verstehen; nur gebe es bereits, wie Thoreau selbst weiß, genug Verfechter der Zivilisation, weshalb man es diesen überlassen könne, für sie einzutreten.
Thoreaus kulturkritische Einseitigkeit ist also Programm bzw. Gegenprogramm gegen eine Institutionalisierung des Denkens auch schon in den vergleichsweise jungen Vereinigten Staaten: Es gebe heute zwar Professoren der Philosophie, aber keine Philosophen. Dadurch aber erhöhe sich die Gefahr, in den ausgetretenen Pfaden des Geistes zu verbleiben, denn es genüge nicht, »ausgeklügelte Gedanken zu haben oder eine Schule zu gründen«, vielmehr müßten »einige der Lebensfragen nicht nur theoretisch, sondern praktisch« gelöst werden. (12)
Die Lektüre eines Autors wie Thoreau erfordert Haltungen und Tugenden, die selbst durch diese Lektüre bestärkt werden, die im Zeitalter der Beschleunigung und der »digitalen Gefolgschaft« (Christoph Türcke) aber nicht nur in den USA besonders gefährdet sind – Geduld, Beobachtungsgabe, Bereitschaft zur kontemplativen Versenkung, Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst und den Mitmenschen. Es sind solche Gedanken, an die viel später Autoren wie Neil Postman anknüpfen konnten. (13)
2. In vielem völlig anders gelagert ist der Fall des deutschstämmigen Journalisten Henry Louis Mencken (1880 – 1956), auch er aber war ein Außenseiter, der seiner eigenen Aussage nach in den USA als verdächtiger Ausländer gelte, im Ausland aber wegen seiner unerträglichen Amerikanismen kritisiert werde. Doch vertrügen sich die beiden Ansichten durchaus, weil er unter seiner amerikanischen Oberfläche die meisten Ideen ablehne, welche die Amerikaner für vernünftig hielten. Auch sitze er deshalb zwischen beiden Stühlen, weil entgegen den Üblichkeiten er weder Gemeinsinn besitze noch irgendeinen moralischen Zweck verfolge. Eben das sei den meisten Menschen aber völlig fremd. (14)
Scharf kritisierte er die amerikanische Regierung als »korrupt, unwissend, inkompetent und abstoßend« und seine Landsleute als bigotte Puritaner. 15 Vor allem der Puritanismus – verstanden nicht als historisches Phänomen des (17). Jahrhunderts, sondern als eine Art Idealtyp einer Geisteshaltung oder seelischen Einstellung – war für ihn der Stein des Anstoßes, der seinen Ausdruck immer wieder in Sittlichkeitskreuzzügen fand. (16)
Mencken, der sich früh mit Nietzsche auseinandersetzte, machte den homo americanus zum Gegenstand seiner Untersuchungen, um dessen geistige Haltung und moralische Orientierung zu verstehen. In den Vereinigten Staaten gebe es, anders als in allen anderen großen Staaten der Geschichte,
in allem eine richtige Art zu denken und eine falsche Art zu denken – nicht nur in der Theologie oder Politik oder Nationalökonomie, sondern in den belanglosesten Dingen des Alltagslebens. (17)
Anders zu denken erscheine in einem solchen Land nicht mehr als bloßer Irrtum, sondern als unmoralisch: Es sei für einen Amerikaner höchst riskant, irgendeinen Glaubensartikel der Mehrheit in Frage zu stellen, weil dies für ihn zu einer sozialen Katastrophe – inklusive staatlicher Verfolgung – führen könne.
Jedes Spiel mit unzulässigen Ideen wird als ein Attentat auf die Demokratie interpretiert, was in gewissem Sinne auch zutrifft
so Mencken. Denn die Demokratie (verstanden als Glaubenssystem) gründe auf einem so kindischen Komplex von Trugschlüssen, daß sie von einem strengen System aus Tabus geschützt werden müsse. Andernfalls könnten schon
Halbgebildete sie widerlegen. Daraus aber folge, daß in den Vereinigen Staaten das freie Spiel der Ideen bestraft werden müsse. (18) Menckens moralkritisch an Nietzsche geschulte Analyse erkennt so die fortdauernde Bedeutung der Zensur in der amerikanischen Kultur:
Wenn man [die Demokratie] mit unbequemen Tatsachen konfrontiert, versucht sie unweigerlich, sie aus der Welt zu schaffen, indem sie an die höchsten Gefühle des menschlichen Herzens appelliert. (19)
Zudem bemerkt Mencken, die Demokratie scheine darauf aus zu sein, »zu töten, was sie liebt«, sie führe gegen die Freiheit an sich Krieg. So schreibt er in Anspielung auf zeitgenössische Versuche, die durch den ersten Verfassungszusatz geschützte Freiheit der Rede unter fadenscheinigen Vorwänden zu unterdrücken:
Ich erwähne das Schauspiel, daß Amerikaner dafür eingesperrt werden, weil sie die Bill of Rights lesen, als das vielleicht komischste, das die moderne Welt gesehen hat. Man versuche sich eine Monarchie vorzustellen, die ihre Untertanen verhaftet, weil sie das göttliche Recht der Könige verteidigen! (20)
3. Allan Bloom lieferte schon gegen das Ende des Kalten Krieges hin eine scharfsichtige Analyse des Werterelativismus und Bildungsverfalls, beginnend mit den »Sixties«, in denen eine nietzscheanisierte Linke das kulturelle Feld zu beherrschen begann. Die Unordnung in der vom Nihilismus befallenen amerikanischen Seele sah Bloom im Lichte von Platons Staat, denn seine Studenten waren »übertriebene Versionen von Platons Beschreibung der Jugend in Demokratien« (21) – wenig interessiert an Bildung, wankelmütig, in ihre eigene Welt verstrickt.
Die Zersetzung (decomposition) der Universität war das Resultat einer Zersetzung des Denkens, gegen die Bloom – mit seinem Lehrer Leo Strauss – die Lektüre der »großen Bücher« setzte, von denen die meisten nicht amerikanischer Herkunft waren: Platons Staat, Machiavellis Fürst, Rousseaus Émile, aber auch Tocquevilles Demokratie in Amerika, das für selbstkritisch eingestellte Amerikaner seit jeher eine Herausforderung darstellte. Man müsse diesen Autoren mit Respekt begegnen, was, entgegen dem dogmatischen Multikulturalismus und der wohlfeilen Verdammung der toten weißen europäischen Männer, eine Orientierung an der Wahrheit über die wichtigsten Dinge bedeutet.
Hier geht es nicht mehr um anti-intellektuelle Empfindlichkeiten in bezug auf die eigene Identität oder Herkunft, wie es das Dogma der Diversität postuliert, sondern um geistige Offenheit auch und gerade gegenüber einer fremd gewordenen Tradition. Wer die Universitäten dem Diversitätsdogma unterwerfe, bringe aber in Tat und Wahrheit weniger geistige Vielfalt hervor und bereite einem geisttötenden Konformismus das Feld. (22)
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(1) Vgl. Allan Bloom: The Closing of the American Mind. How Higher Education Has Failed Democracy and Impoverished the Souls of Today’s Students, New York 2012, S. 55.
(2) Vgl. Alexis de Tocqueville: Democracy in America, übersetzt von Arthur Goldhammer, New York 2004, S. 538 f. (Bd. 2, Kap. 13).
(3) Vgl. S. T. Joshi: H. L. Mencken as Artist and Critic. Essays on the Sage of Baltimore, Seattle 2018, S. 149.
(4) Vgl. Henry Adams: The Education of Henry Adams, London 1995; ders.: Mont-Saint-Michel and Chartres, London 1986.
(5) Vgl. Henry David ‑Thoreau: »Life Without Principles«, in: ders.: Collected Essays and Poems, New York 2001, S. 348.
(6) Vgl. Henry David ‑Thoreau: Walden. Der Traum vom einfachen Leben, übersetzt von Fritz Güttinger, Stuttgart 2017, S. 314.
(7) Henry David ‑Thoreau: »Natural History of Massa-chusetts«, in: ders.: Collected Essays and Poems, S. 22.
(8) Thoreau: Walden, S. 101.
(9) Vgl. ebd., S. 106.
(10) Vgl. ebd., S. 108 – 111.
(11) Vgl. Ralph Waldo Emerson: »Thoreau«, in: The Essential Writings of Ralph Waldo Emerson, hrsg. von Brooks Atkinson, New York 2000, S. 810, 813.
(12) Thoreau: Walden, S. 18 f., 308.
(13) Vgl. Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit, Frankfurt a. M. 1983, S. 83 – 86.
(14) Vgl. H. L. Mencken: In Defence of Women, London 1927, S. 16 f.
(15) H. L. Mencken: »On Being an American«, in: ders.: Prejudices. First, Second and Third Series, New York 2010, S. 301.
(16) Vgl. H. L. Mencken: Kommentare und Kolumnen 1909 – 1935, hrsg. von Helmut Winter, Waltrop /Leipzig 2002, S. 53 – 56.
(17) Mencken: In Defence, S. 9 f.
(18) Vgl. ebd., S. 11.
(19) H. L. Mencken: Kulturkritische Schriften 1918 – 1926, hrsg. von ‑Helmut Winter, Waltrop / Leipzig 1999, S. 249.
(20) Mencken: Kulturkritische Schriften, S. 394
(21) Bloom: The Closing, S. 87.
(22) Vgl. Allan Bloom: ‑Giants and Dwarfs. Essays 1960 – 1990, New York 1990, S. 386 f.