Im Umkreis (VII): Der Wohldenberg

PDF der Druckausgabe aus Sezession 124/ Februar 2025

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von Uwe Wolff –

Im Umkreis steht eine mit­tel­al­ter­li­che Burg. Für ihre wech­sel­vol­le Geschich­te inter­es­siert sich nie­mand mehr. Wir schon. Oskar Meding (1828 – 1903) wohn­te nach einer erfolg­rei­chen Kar­rie­re als Diplo­mat auf dem Wohl­den­berg und schrieb hier 66 Roma­ne in 142 Bän­den, war Best­sel­ler­au­tor, nahm viel Geld ein und gab noch viel mehr aus, so daß er 1896 in Kon­kurs ging. Er ver­kauf­te Burg und Berg und zog nach Char­lot­ten­burg, wo er völ­lig ver­armt starb.

Sei­ne Töch­ter erhiel­ten durch Wil­helm II. eine Gna­den­pen­si­on. Auf dem Wohl­den­berg liegt heu­te die Jugend­bil­dungs- und Begeg­nungs­stät­te des Bis­tums Hil­des­heim. Wegen ihrer Wald­ein­sam­keit und des wild­ro­man­ti­schen Gelän­des mit Klet­ter­fel­sen ist sie ein belieb­ter Stand­ort für Klas­sen­fahr­ten. Vor dem Welt­krieg beher­berg­te die Burg ein Mäd­chen­in­ter­nat, dann ein Laza­rett, dann nah­men die Besat­zer Besitz vom Gelän­de. Hil­des­heim, das Nürn­berg des Nor­dens, hat­ten sie in Schutt und Asche gebombt.

Pfings­ten 1946 herrsch­te Auf­bruchs­stim­mung auf dem Wohl­den­berg. Zu Fuß waren jun­ge Men­schen durch den Fle­ni­thi­gau und den Amber­gau gezo­gen. Nie­mand nahm ihnen die Orga­ni­sa­ti­on des Tref­fens ab. Geld war nicht vor­han­den. Sie hat­ten in der Bedräng­nis der Ver­bots­zeit den Wert der Kir­che erfah­ren. Pries­ter waren Per­so­nen des Vertrauens.

Bet­ten gab es nicht auf dem Berg. Man schlief in schä­bi­gen eng­li­schen Mili­tär­zel­ten nach Jun­gen und Mäd­chen getrennt. Wer konn­te, brach­te etwas mit: ein Stück Holz für das Feu­er unter dem Kes­sel, ein Stück Käse oder Brot. Die Fuß­ball­fel­der waren umge­pflügt wor­den und wur­den für den Gemü­se­an­bau benutzt. Kein Kino, kei­ne Dis­co, dafür Lai­en­spiel, Bibel­lesungen, Gemein­schafts­mes­sen und viel Glau­ben an die Zukunft der Kirche.

Dann kam Mater Alphon­sa und führ­te über Jahr­zehn­te ein stren­ges Regi­ment. Als sie im Jahr 1973 die Lei­tung des Hau­ses Wohl­den­berg nie­der­leg­te, begann die poli­ti­sche Arbeit. Der Refe­rent orga­ni­sier­te 1978 unter dem Zei­chen von Ham­mer und Sichel eine Stu­di­en­rei­se in die Sowjet­uni­on. Die Zeit der Burg­fe­ten hat­te begon­nen. Nach Mit­ter­nacht wur­den Fil­me an die Haus­wand pro­ji­ziert. Getrenn­te Bet­ten gab es nicht mehr. Der Diö­ze­san­ju­gend­seel­sor­ger Pfar­rer Lach­mund mach­te sei­nem Namen Ehre und kommentierte:

Wir stif­ten nur katho­li­sche Ehen, und solan­ge ich nicht die Hand dazwi­schen­hal­te, kann ich für nichts garantieren.

Längst weht ein ande­rer Geist auf dem Wohl­den­berg. Die vom Wet­ter schmud­de­lig gewor­de­ne Fah­ne des Vati­kans hängt durch­näßt am Fah­nen­mast auf dem Aus­sichts­turm. Hin­ter dem Ein­gang der Burg liegt der Gar­ten des Pfar­rers. Auf einem Schild lesen wir: »Dies ist kein unor­dent­li­cher Vor­gar­ten, son­dern ein 5‑S­ter­ne-Hotel für Insek­ten.« Merk­wür­den weiß, was man sagen muß, wenn man kei­ne Freu­de an der Gar­ten­pfle­ge hat. Der Auf­stieg lockt. Am Ein­gang hängt eine klei­ne Glo­cke, und wie­der gibt ein Schild Auskunft:

Das Glöck­lein nimmt dem Wohl­den­ber­ger Besu­cher fort den See­len-Ärger. Es schallt als Dank hin­auf zum Him­mel – als beten gilt Gott ein Gebimmel.

Bim­meln statt beten. Ein Graf­fi­ti im Turm weiß es bes­ser: »Gott ist der grös­te«. Falsch geschrie­ben, aber wahr! 15 Punkte!

Unter­halb des Tur­mes lie­gen die Klip­pen. Hier sind wir einst mit Schul­kin­dern rauf und run­ter gekra­xelt. Nun ist das Are­al von der Revier­förs­te­rei Sil­li­um durch einen Maschen­draht­zaun gesperrt wor­den. In unse­rer Natur geht es zu wie in unse­rer Kul­tur: Mäch­ti­ge Eichen und Buchen, die über Jahr­hun­der­te sicher im Boden wur­zel­ten, kip­pen ohne Vor­war­nung um.

Weil sich dar­über die Insek­ten freu­en, müs­sen die­se Habi­ta­te geschützt wer­den. Statt Kra­xeln in der Natur wur­de mit Rück­sicht auf die Käfer im Wald und den grün-rot gemus­ter­ten Phra­sen­spin­ner eine Klet­ter­wand auf dem Burg­ge­län­de ein­ge­rich­tet. Betreu­tes Klet­tern schützt die Umwelt!

Im Unter­grund des Wohl­den­ber­ges aber lebt noch immer ech­ter Jugend­geist. An vie­len Stel­len ist die Ein­zäu­nung durch­bro­chen wor­den. Wer den Weg zu den Sand­stein­klip­pen sucht, wird ihn auch heu­te noch fin­den. Johann Fried­rich Anthon von Bocholtz Dros­te zum Wol­den­berg such­te hier die Ein­sam­keit des ein­zel­nen. Aus ihr wächst der Mut zu unab­hän­gi­gem Denken.

»Soli­tu­do Sola Beati­tu­do« lau­te­te sein Leit­spruch. Im Jahr 1778 ein­ge­mei­ßelt, ist er noch immer am Fel­sen gut zu lesen. »Ein­sam­keit ist die ein­zi­ge Glück­se­lig­keit«, mein­te der Dros­te. Wie wahr! Aber zwei­sam ein­sam zu sein, das ist noch besser.

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