von Uwe Wolff –
Im Umkreis steht eine mittelalterliche Burg. Für ihre wechselvolle Geschichte interessiert sich niemand mehr. Wir schon. Oskar Meding (1828 – 1903) wohnte nach einer erfolgreichen Karriere als Diplomat auf dem Wohldenberg und schrieb hier 66 Romane in 142 Bänden, war Bestsellerautor, nahm viel Geld ein und gab noch viel mehr aus, so daß er 1896 in Konkurs ging. Er verkaufte Burg und Berg und zog nach Charlottenburg, wo er völlig verarmt starb.
Seine Töchter erhielten durch Wilhelm II. eine Gnadenpension. Auf dem Wohldenberg liegt heute die Jugendbildungs- und Begegnungsstätte des Bistums Hildesheim. Wegen ihrer Waldeinsamkeit und des wildromantischen Geländes mit Kletterfelsen ist sie ein beliebter Standort für Klassenfahrten. Vor dem Weltkrieg beherbergte die Burg ein Mädcheninternat, dann ein Lazarett, dann nahmen die Besatzer Besitz vom Gelände. Hildesheim, das Nürnberg des Nordens, hatten sie in Schutt und Asche gebombt.
Pfingsten 1946 herrschte Aufbruchsstimmung auf dem Wohldenberg. Zu Fuß waren junge Menschen durch den Flenithigau und den Ambergau gezogen. Niemand nahm ihnen die Organisation des Treffens ab. Geld war nicht vorhanden. Sie hatten in der Bedrängnis der Verbotszeit den Wert der Kirche erfahren. Priester waren Personen des Vertrauens.
Betten gab es nicht auf dem Berg. Man schlief in schäbigen englischen Militärzelten nach Jungen und Mädchen getrennt. Wer konnte, brachte etwas mit: ein Stück Holz für das Feuer unter dem Kessel, ein Stück Käse oder Brot. Die Fußballfelder waren umgepflügt worden und wurden für den Gemüseanbau benutzt. Kein Kino, keine Disco, dafür Laienspiel, Bibellesungen, Gemeinschaftsmessen und viel Glauben an die Zukunft der Kirche.
Dann kam Mater Alphonsa und führte über Jahrzehnte ein strenges Regiment. Als sie im Jahr 1973 die Leitung des Hauses Wohldenberg niederlegte, begann die politische Arbeit. Der Referent organisierte 1978 unter dem Zeichen von Hammer und Sichel eine Studienreise in die Sowjetunion. Die Zeit der Burgfeten hatte begonnen. Nach Mitternacht wurden Filme an die Hauswand projiziert. Getrennte Betten gab es nicht mehr. Der Diözesanjugendseelsorger Pfarrer Lachmund machte seinem Namen Ehre und kommentierte:
Wir stiften nur katholische Ehen, und solange ich nicht die Hand dazwischenhalte, kann ich für nichts garantieren.
Längst weht ein anderer Geist auf dem Wohldenberg. Die vom Wetter schmuddelig gewordene Fahne des Vatikans hängt durchnäßt am Fahnenmast auf dem Aussichtsturm. Hinter dem Eingang der Burg liegt der Garten des Pfarrers. Auf einem Schild lesen wir: »Dies ist kein unordentlicher Vorgarten, sondern ein 5‑Sterne-Hotel für Insekten.« Merkwürden weiß, was man sagen muß, wenn man keine Freude an der Gartenpflege hat. Der Aufstieg lockt. Am Eingang hängt eine kleine Glocke, und wieder gibt ein Schild Auskunft:
Das Glöcklein nimmt dem Wohldenberger Besucher fort den Seelen-Ärger. Es schallt als Dank hinauf zum Himmel – als beten gilt Gott ein Gebimmel.
Bimmeln statt beten. Ein Graffiti im Turm weiß es besser: »Gott ist der gröste«. Falsch geschrieben, aber wahr! 15 Punkte!
Unterhalb des Turmes liegen die Klippen. Hier sind wir einst mit Schulkindern rauf und runter gekraxelt. Nun ist das Areal von der Revierförsterei Sillium durch einen Maschendrahtzaun gesperrt worden. In unserer Natur geht es zu wie in unserer Kultur: Mächtige Eichen und Buchen, die über Jahrhunderte sicher im Boden wurzelten, kippen ohne Vorwarnung um.
Weil sich darüber die Insekten freuen, müssen diese Habitate geschützt werden. Statt Kraxeln in der Natur wurde mit Rücksicht auf die Käfer im Wald und den grün-rot gemusterten Phrasenspinner eine Kletterwand auf dem Burggelände eingerichtet. Betreutes Klettern schützt die Umwelt!
Im Untergrund des Wohldenberges aber lebt noch immer echter Jugendgeist. An vielen Stellen ist die Einzäunung durchbrochen worden. Wer den Weg zu den Sandsteinklippen sucht, wird ihn auch heute noch finden. Johann Friedrich Anthon von Bocholtz Droste zum Woldenberg suchte hier die Einsamkeit des einzelnen. Aus ihr wächst der Mut zu unabhängigem Denken.
»Solitudo Sola Beatitudo« lautete sein Leitspruch. Im Jahr 1778 eingemeißelt, ist er noch immer am Felsen gut zu lesen. »Einsamkeit ist die einzige Glückseligkeit«, meinte der Droste. Wie wahr! Aber zweisam einsam zu sein, das ist noch besser.