Gregor Centner war fünf Klassen unter mir, lernte wie ich zuerst Latein, dann Englisch, dann Griechisch – das Spohngymnasium ist bis heute ein humanistisches, altsprachliches Gymnasium, und im Verlauf der Gespräche und Dreharbeiten stellten wir fest, daß auch Klaus Schwab, der Davos-Schwab einst auf diese Schule gegangen war.
Centner jedenfalls schickte mir vor fünf Jahren ein Päckchen mit einem Tonband und einem Abspielgerät. Er erläuterte darauf, wie er auf die Idee gekommen war, einen Film über mich und sich, also über unsere sehr ähnliche Herkunft und Sozialisation zu drehen, die weit mehr Parallelen aufweise als auf den ersten Blick gedacht. Er beschrieb mir die Sackgasse in Mochenwangen, in dessen erstem Haus auf der linken Seite er aufgewachsen sei, während ich bis zu meinem achten Lebensjahr doch drei Häuser weiter gewohnt habe.
Er beschrieb das Rutenfest und den Bolzplatz Schwarzwäldle, das Flappachbad und Eigenschaften von Lehrern, die natürlich auch seinen Jahrgang noch unterrichtet hatten. Und er sandte mir wenig später das digitalisierte Konvolut aller Ausgaben jener Schülerzeitung zu, die ich von der 9. Klasse an mit einem Kranz von Redakteuren wiederbelebt und bis zum Abitur verantwortet hatte.
Centner stellte auf den Bändern Fragen, und nach einigem Zögern vertraute ich auf die Redlichkeit seines Ansatzes und gab der Versuchung, ein wenig in der Vergangenheit zu stochern, gründlich nach.
Die Grundfrage lautete: Wie kann man, wenn man aus so ähnlichen Ställen kommt, in so unterschiedliche Richtungen davongaloppieren? Es war also eine vom politischen, weltanschaulichen Gegensatz aufgeworfene Frage. Aber ganz im Hintergrund meldete sich sehr zaghaft natürlich ein anderes, kaum statthaftes Interesse: Gibt es nicht doch Gemeinsamkeiten, etwas im Gemüt, das nicht ohne Prägung durch diese schwäbisch-alemannischen Jahre ging?
Aus Tonbändern wurden Gespräche, dann Treffen in Schnellroda, in Ravensburg und in Wien – dort lebt Centner seit zwanzig Jahren mit seiner Familie. Ich lernte ihn als gut vorbereiteten, belesenen, wirklich interessierten Mann kennen, der sich über einen Umstand keine Illusionen machte: Zwar wurde der Film offiziell aus österreichischen Mitteln gefördert, aber das würde der grundsätzlichen Kritik, ob mit “Rechten” überhaupt zu reden sei, nicht die Spitze nehmen.
Die Frage, ob die linksliberale Filmcommunity (der Centner und seine Dramaturgin und Cutterin Birgit Bergmann angehören) ein solches Format verzeihen würde, sorgte vor einem guten Jahr für den Abbruch des Projekts. Die beiden schätzten das Risiko ab und gaben auf, arbeiteten nur noch an einer Rohversion, die bei der Förderung einzureichen war, als Arbeitsnachweis.
Ich hörte ein dreiviertel Jahr nichts mehr, und mein Argument, daß das, was da angegangen worden sei, in drei, fünf Jahren als etwas selbstverständliches angesehen werden würde, konnte natürlich nicht verfangen. Umso mehr überraschte es mich, als Centner mich anrief und davon sprach, daß er das Projekt nun doch fertigstellen wolle. Über die Gründe, die ihn dazu drängten, sprachen wir nicht mehr, ich weiß nur soviel: Er und Bergmann sind sich heute einig darüber, daß sich das, was ich, was wir tun, mit Macht seinen Platz in der politischen und vorpolitischen Auseinandersetzung erobern wird. Besser sei es also, das, was sei, nicht zu ignorieren.
Ist das mutig? Wahrscheinlich. Aber es fand gleich Bestätigung darin, daß die “Diagonale” den Film annahm und nun zwei Mal zeigen wird – am Donnerstag und am Samstag.
Und eines will ich nicht verschweigen. Wie immer gibt es Schnittmengen. Centner und Bergmann sind graswurzelige Linke, und das impliziert: echte Ökologie, also nicht das, was der grüne Kapitalismus daraus gemacht hat; Skepsis gegen den pharmazeutischen Eingriff ins Leben, vor allem das der Kinder; das Unkonventionelle, die Guerilla-Ader, das Idealistische; Politik als Ich-Projekt, will heißen: als etwas, das beim Ich zu beginnen hat, undsoweiter.
Das ist ja das, was so oft schon Linke nach Schnellroda führte. Und es ist das, was uns auf einer Ebene zu einem gemeinsamen Verständnis von Sachverhalten und Verläufen führte, die den Film wohl erst zu dem gemacht haben, was er in meinen Augen ist: eine Etappe.
Hier geht es zur Internetseite meetinggoetz.at, zu den Terminen in Graz (Österreicher aufgepaßt: die Aufführungen sind öffentlich, aber die Karten für beide Termine waren sofort abverkauft!) und zu einem Teaser, der etwas zeigt, was man außerhalb Oberschwabens nicht recht kennt und wofür Centner feine Bilder eingefangen hat: das Funkenfeuer, mit dem der Winter ausgetrieben wird.
Mal sehen, welchen Weg dieser Film nun gehen wird und was Gregor Centner und Birgit Bergmann mit ihm erleben werden. Instagram übrigens hier.


Ein gebuertiger Hesse
Ach, wie schön. "Endlich!"