Entstehung und Wandlung der »Neuen Rechten«

PDF der Druckausgabe aus Sezession 125/ April 2025

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

von Bene­dikt Kaiser –

Die »Neue« Rech­te ist so neu nicht. Aber ist sie eine alte? 1985, zwan­zig Jah­re nach ihrer Gene­se in Frank­reich und ihrem Export nach Deutsch­land, for­mu­lier­te einer ihrer Grün­der­vä­ter in Abgren­zung zu einer »Alten« Rech­ten, daß die­se jeden­falls »wohl­ver­dient« tot sei. Sie sei zugrun­de gegan­gen, da sie von ihrem »Erbe« und von ihren »Erin­ne­run­gen« gelebt habe. (1) Alain de Benoist lei­tet so sei­nen Long- und Best­sel­ler Kul­tur­re­vo­lu­ti­on von rechts ein und bekräf­tigt die Begriffs­schei­dung »Neue« ver­sus »Alte« Rechte.

Mit letz­te­rer mein­ten Benoist und sein Umfeld mon­ar­chis­ti­sche, reak­tio­nä­re und natio­nal­chau­vi­nis­ti­sche Grup­pen, kurz: Rech­te jeder ideo­lo­gi­schen Fas­son, deren eini­gen­des Band nur dar­in bestand, gen Ver­gan­gen­heit zu bli­cken. Damit woll­te jener Ver­bund jun­ger Intel­lek­tu­el­ler Frank­reichs Schluß machen, der in den 1960er Jah­ren als »Nou­vel­le ­Droi­te« (ND) bzw. »Nou­vel­le Éco­le« in Erschei­nung trat.

Das »Neu« kam in die Welt, weil die­se Form der Rech­ten zu kei­ner der bis­he­ri­gen Strö­mun­gen pas­sen woll­te. Die »Neue Schu­le«, die man sei­tens ihrer Geg­ner als »Neue Rech­te« bezeich­ne­te, bevor Benoist und Co. die­sen Namen (oft unter Vor­be­halt) für sich annah­men, ent­stamm­te rechts­revolutionären Milieus. Benoist und sei­ne Mit­strei­ter wie ­Domi­ni­que ­Ven­ner hat­ten Erfah­run­gen in der äuße­ren Rech­ten gesam­melt und rea­li­sier­ten, daß deren alt­her­ge­brach­te Vor­stel­lun­gen von Poli­tik fort­an nicht adäquat erschienen.

Ein Cha­rak­te­ris­ti­kum war dem­ge­gen­über die Inan­spruch­nah­me der Ideen des links­re­vo­lu­tio­nä­ren Den­kers Anto­nio ­Gramsci. (2) Die meta­po­li­ti­sche Stra­te­gie – der Kampf um Ideen und Begrif­fe statt um Par­la­ments­sit­ze und Armee­kar­rie­ren, die Fokus­sie­rung auf die Erlan­gung kul­tu­rel­ler Hege­mo­nie – war in Zir­keln und Zeit­schrif­ten aus­ge­ar­bei­tet wor­den: in Denk­fa­bri­ken wie dem GRECE, in Zeit­schrif­ten wie Nou­vel­le Éco­le, in Stu­den­ten­ver­bän­den wie der Fédé­ra­ti­on des étu­di­ants natio­na­lis­tes (FEN).

Benoist defi­nier­te die Neue Rech­te (NR) jener Tage als »intel­lek­tu­el­les und kul­tu­rel­les Ver­bund­sys­tem« sowie als »Kul­tur­be­we­gung, die theo­re­ti­sche, grund­sätz­li­che Stu­di­en bevor­zugt«. (3) Die Neue Rech­te akzep­tie­re nicht nur Ver­än­de­run­gen; sie hege das Ziel, selbst die Ver­än­de­rung zu sein. Die Quint­essenz des Selbst­ver­ständ­nis­ses neu­rech­ter Iden­ti­tät sei »dyna­misch und revo­lu­tio­när«. (4)

Mit der­lei Selbst­be­wußt­sein im Gepäck gelang es, eine netz­werk­ar­ti­ge Land­schaft zu schaf­fen, und 1978 gelang es gar, Schlüs­sel­stel­len im Main­stream ein­zu­neh­men; man war durch­ge­si­ckert durch die geg­ne­ri­schen Lini­en. Nach hef­ti­gen Kam­pa­gnen wur­de die Nou­vel­le Droi­te jedoch aus den Kno­ten­punk­ten media­ler Ein­fluß­mög­lich­kei­ten ver­trie­ben. In der Fol­ge kon­zen­trier­te man sich pri­mär auf geis­ti­ge Zurüs­tung; man zog sich in die Sicher­heit eige­ner Struk­tu­ren zurück und greift erst heu­te wie­der offen­siv aus: ins­be­son­de­re über das Insti­tut Ilia­de als Ori­en­tie­rung geben­des Zentrum.

Die­ser Umriß der fran­zö­si­schen Urgrün­de ist für eine deut­sche Skiz­ze wesent­lich, weil das Phä­no­men »deut­sche Neue Rech­te« nicht zu fas­sen ist, ohne die Rol­le des beflü­geln­den Vor­bilds ein­ge­führt zu haben. Denn obschon auch auf der poli­ti­schen Rech­ten der BRD um 1964 und 1965 »wil­des Fleisch zu wach­sen begann«, (5) das sich zuneh­mend von der Alten Rech­ten abhob, kamen ent­schei­den­de Impul­se aus Frankreich.

1966 reis­te der 1942 in Schle­si­en gebo­re­ne Hen­ning Eich­berg in ein Studentenzelt­lager der FEN in der Pro­vence: Er traf Benoist, Ven­ner und wei­te­re Gran­den; Eich­berg war begeis­tert und beschrieb sie als revo­lu­tio­nä­re Ener­gie­bün­del und zugleich als »Hoch­in­tel­lek­tu­el­le und Lite­ra­ten«. Wei­te­re Frank­reich­fahr­ten folg­ten. (6) Die­se Besu­che bezeich­ne­te Eich­berg als »wesent­li­chen Anstoß, mich von der bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ven ›alten Rech­ten‹ in Deutsch­land zu lösen und eine ›neue Rech­te‹ zu ent­wer­fen.« (7)

Er muß­te sie ent­wer­fen; denn in Deutsch­land war Eich­bergs poli­ti­sche Hei­mat noch nicht geformt – es gab ledig­lich anknüp­fungs­fä­hi­ge Vor­den­ker vor­an­ge­gan­ge­ner Gene­ra­tio­nen. Wenn es damals eine Per­sön­lich­keit gege­ben habe, die ihn inspi­rier­te, »dann war das vor allem Stras­ser«, so Eich­berg rück­bli­ckend vor sei­nem Tod 2017. (8) Mathi­as Brod­korb ord­net daher Otto Stras­sers Rol­le als »Vor­läu­fer des Eth­no­plu­ra­lis­mus und damit der Neu­en Rech­ten« 9 ein.

Gleich­wohl: Eich­berg sah erheb­lich Kri­tik­wür­di­ges und kor­ri­gier­te eini­ge Ana­chro­nis­men, wes­halb Brod­korb in bezug auf die ent­ste­hen­de Neue Rech­te der 1960er Jah­re in der BRD von einem »Post-Stras­se­ris­mus« spre­chen kann, also einer Über­win­dung des »ortho­do­xen« Stras­se­ris­mus durch sei­ne welt­an­schau­li­chen Kin­der, die der Gene­se der Neu­en Rech­ten einen Schub verlieh.

Zwei Din­ge sind zu die­ser Gene­se zu notie­ren: Ers­tens gibt es kein kla­res Datum, an dem die deut­sche Neue Rech­te »gebo­ren« wur­de – es war viel­mehr ein Pro­zeß, der 1964/65 begann, durch Frank­reich­kon­tak­te 1966 Fahrt auf­nahm, sich über die wei­te­ren 1960er Jah­re mit Aufs und Abs sowie per­so­nel­len und publi­zis­ti­schen Neue­run­gen voll­zog und damit einer »Dau­er­exis­tenz der Neu­en Rech­ten bei wech­seln­dem Erschei­nungs­bild« Vor­schub leis­ten soll­te. (10)

Zwei­tens war der Import der Ideen­welt aus Frank­reich nicht alles; er wur­de durch wei­te­re Vor­läu­fer beein­flußt. Gün­ter Bartsch nennt in sei­nem Stan­dard­werk Revo­lu­ti­on von rechts? die stras­se­ris­ti­sche Unab­hän­gi­ge Arbei­ter­par­tei (UAP), aus deren Rei­hen vie­le Kader stamm­ten (»Ihr Ein­fluß auf die Neue Rech­te ist erheb­lich« (11) ), den 1961 ver­bo­te­nen Bund Natio­na­ler Stu­den­ten (BNS), den Jun­g­eu­ro­päi­schen Arbeits­kreis sowie Zeit­schrif­ten wie die 1951 gegrün­de­te Nati­on Euro­pa. Hin­zu kamen ent­täusch­te Anhän­ger der Natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (NPD) und ihrer Jun­gen Natio­nal­de­mo­kra­ten (JN).

Ein Schlüs­sel­ak­teur war neben Eich­berg der in Ber­lin gebo­re­ne Lothar Penz. Der Maschi­nen­schlos­ser und Inge­nieur grün­de­te 1964 mit Heinz-Die­ter Han­sen in des­sen Hei­mat­stadt Ham­burg die ers­te genu­in neu­rech­te Zeit­schrift, das Jun­ge Forum. Als Zie­le benann­te man die Ein­heit Deutsch­lands und die Ver­ei­ni­gung Euro­pas sowie die Imple­men­tie­rung eines »orga­ni­schen« und volks­ver­bun­de­nen, auf Leis­tung und Hier­ar­chie beru­hen­den, nicht­mar­xis­ti­schen und anti­hit­le­ris­ti­schen Sozialismus.

Rei­bun­gen mit den bis­he­ri­gen Platz­hir­schen resul­tier­ten auch aus die­sen ideo­lo­gi­schen Posi­tio­nie­run­gen. Bei einer Saal­ver­an­stal­tung des Jun­g­eu­ro­päi­schen Arbeits­krei­ses kam es im Mai 1968 zum Eklat, als Eich­berg, ein­ge­setzt als Tagungs­lei­ter, dem ehe­ma­li­gen stell­ver­tre­ten­den NS-Reichs­pres­se­chef Hel­mut Sün­der­mann das Mikro­phon wäh­rend des­sen Wort­bei­trag abdreh­te: Das sorg­te für Tumul­te zwi­schen Jung und Alt, zwi­schen dem, was man spä­ter Neue und Alte Rech­te nen­nen soll­te; ein Zusam­men­hang, der sich damals orga­ni­sa­to­risch und per­so­nell noch überlappte.

Es war die For­mie­rung einer jun­gen gegen eine alte Rech­te – bio­gra­phisch, habi­tu­ell und ideo­lo­gisch bedingt. In einem neu­rech­ten Stra­te­gie­me­di­um jener Tage heißt es, daß es um mehr als nur um die »von der Alten Rech­ten über­be­ton­ten Kom­po­nen­ten von Rei­fe und Erfah­rung« gehe, kon­kret um Wis­sen­schaft­lich­keit und juve­ni­le Anschluß­fä­hig­keit. Die auf einer emo­tio­na­len Basis beru­hen­den Sub­jek­ti­vis­men sei­tens der Alten Rech­ten wür­den zu einer »Abge­schirmt­heit gegen­über fast allem, was die heu­ti­ge Jugend bewegt« (12) , füh­ren. Und für die Neue Rech­te jener Zeit war das, was die Jugend im Bann von »68« beweg­te, eine revo­lu­tio­nä­re Liai­son aus Theo­rie und Praxis.

Die­se Syn­the­se aus Theo­rie­hun­ger und Pra­xis­expe­ri­men­ten war sei­tens der Neu­en Rech­ten expli­zit gewollt: Der Bewe­gung, dekre­tier­ten Eich­berg, Penz und Co. über­ein­stim­mend, die­ne weder eine Theo­rie­bil­dung ohne Pra­xis­be­zug noch eine prak­ti­sche Akti­on ohne Ein­ord­nung in ein theo­re­ti­sches Sys­tem. (13) Die Theo­rie­bil­dung erfolg­te hier­bei über Peri­odi­ka, Bücher und Schu­lungs­vor­trä­ge; aus der Pra­xis sind Umwelt­ak­tio­nen, Gedenk­tag­ver­an­stal­tun­gen, Pro­tes­te gegen Miet­wu­cher bzw. Boden­spe­ku­la­ti­on sowie Soli­da­ri­täts­ak­tio­nen für natio­na­le Ideen in der DDR und Ost­mit­tel­eu­ro­pa überliefert.

Zum mythi­schen Ort der Neu­en Rech­ten, wo man der­lei kon­zi­pier­te, wur­de zu Beginn der 1960er Jah­re die Saba­burg im nord­hes­si­schen Rein­hards­wald – dort fand man sich zwei- bis drei­mal im Jahr zu Aus­tausch und Ver­net­zung zusam­men. Trä­ger war Han­sens lose Deutsch-Euro­päi­sche Gesell­schaft, die sich 1972 als Deutsch-Euro­päi­sche Studiengesellschaft
(DESG) (14) insti­tu­tio­na­li­sier­te und das Jun­ge Forum her­aus­gab. Die hete­ro­ge­ne Trup­pe auf der Saba­burg sang, such­te, stritt – und wuchs doch zusammen.

Im Jahr der DESG-Grün­dung wur­de denn auch der Ter­mi­nus »Neue Rech­te« bun­des­po­li­tisch auf­ge­grif­fen. Das hat­te mit Sor­tie­rungs­kon­flik­ten um die damals natio­nal­kon­ser­va­ti­ve NPD zu tun. Mit der Akti­on Neue Rech­te (ANR) spal­te­te sich ein Pro­jekt ab, das den Titel »Neue Rech­te« für sich ein­for­der­te, den Anspruch ideo­lo­gisch gleich­wohl nicht unter­mau­er­te. NPD-Lan­des­po­li­ti­ker Sieg­fried Pöhl­mann, der im Janu­ar 1972 sei­ne Par­tei mit 600 Getreu­en nach einer ver­lo­re­nen Schlacht ver­ließ, nutz­te zwar Eich­berg als Ghost­wri­ter für das ANR-Pro­gramm­kon­vo­lut »Mani­fest einer euro­päi­schen Bewe­gung« – aber de fac­to woll­te er eine Kon­kur­renz-NPD, kei­ne neu­rech­te Positionsbestimmung.

Die ANR zer­fiel schon 1974 in ihre drei unter­schied­li­chen Flü­gel, die nur in ihrer Geg­ner­schaft zur NPD ver­eint waren: Es gab die Deutsch­nationalen um Pöhl­mann, die dog­ma­ti­schen »Hit­le­ris­ten« sowie die Neu­en Rech­ten um Eich­berg und Penz. Der natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­re ANR-Flü­gel, die ursprüng­li­che Neue Rech­te, for­mier­te sich kurz­zei­tig als Natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­re Auf­bau­or­ga­ni­sa­ti­on (NRAO), spal­te­te sich indes erneut ab August 1974 auf: Kräf­te um Penz grün­de­ten die Soli­d­aris­ti­sche Volks­be­we­gung (SVB), Eich­bergs Freun­des­kreis hin­ge­gen die Sache des Vol­kes (SdV).

Die klei­ne­re SVB um ihr Leit­or­gan SOL war stär­ker an Otto Stras­ser, dem »Soli­da­ris­mus« (15) und öko­lo­gi­schen Fra­gen ori­en­tiert, die etwas grö­ße­re SdV um die neue zeit an Ernst Nie­kisch, Vor­den­kern der Lin­ken und volks­so­zia­lis­ti­schen Theo­re­men. (16) Bei­de Grup­pen mit mitt­le­rer drei­stel­li­ger Akti­ven­zahl kon­kur­rier­ten und koope­rier­ten je nach Situa­ti­on und soll­ten bis in die frü­hen 1980er die wich­tigs­ten Grup­pen der Neu­en Rech­ten dar­stel­len, in deren Umfeld neue Pro­jek­te kamen und gin­gen (auch Eich­berg ging: 1982 nach Däne­mark), bevor sie alle vor der »Wen­de« 1989/90 ihre Arbeit einstellten.

Faßt man die Ent­ste­hung der Neu­en Rech­ten in fünf Punk­ten zusam­men, um sich einen Über­blick zu ver­schaf­fen, ergibt sich fol­gen­des Schema:

  1. Früh­for­men der Neu­en Rech­ten ab 1964 – es fand sich eine Gemein­schaft jun­ger Intel­lek­tu­el­ler, die Grund­la­gen für eine sozi­al- und natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­re Theo­rie­bil­dung legte;
  2. die Pha­se 1968 bis 1971, in der sich eine Aus­dif­fe­ren­zie­rung in Zeit­schrif­ten und akti­vis­ti­schen Basis­grup­pen voll­zog, wobei sich Eich­berg eine Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz erarbeitete;
  3. der Abschnitt 1972 bis 1974, der miß­glück­te Ver­such, eine Akti­on Neue Rech­te zu formieren;
  4. eine Hoch­pha­se rund um neu­rech­te Orga­ni­sa­tio­nen wie SVB und SdV von 1974 bis 1979;
  5. ab 1979 ff. Abstieg der klas­si­schen Neu­en Rech­ten, anschlie­ßend erfolgt ihre Neu­erfin­dung, die in man­chem wenig und in vie­lem nichts mit dem Ori­gi­nal zu tun hatte.

Eins der weni­gen Ver­bin­dungs­stü­cke zwi­schen der frü­hen Neu­en Rech­ten und ihrer kon­ser­va­ti­ven Neu­jus­tie­rung war Armin Moh­ler. Er stand mit Eich­berg in Kon­takt, wur­de von SOL bis neue zeit rezi­piert, mach­te die Neue Rech­te in Zeit­schrif­ten wie Cri­ticón popu­lär, aber wirk­te nach­weis­bar auch im Feld des tra­di­tio­nel­le­ren Kon­ser­va­tis­mus von CSU bis Cas­par von Schrenck-­Not­zing. Moh­ler betrieb – bei allen bekann­ten Unter­schie­den – wie Eich­berg und Benoist eine Art »Upy­cling« (17) der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on. Er hebt sich damit auch retro­spek­tiv von dem ab, was sich ab 1989 als »Neue demo­kra­ti­sche Rech­te« verstand.

Zen­tral war für die­se die deut­sche Ein­heit, der Unter­gang des Sozia­lis­mus und die bür­ger­li­che Nost­al­gie. Karl­heinz Weiß­mann schreibt dazu: »Die Neue Rech­te war 1989 ent­stan­den aus der Eupho­rie her­aus, his­to­risch im Recht gewe­sen zu sein.« (18) Das ist dann rich­tig, wenn man jene ori­gi­nä­re Neue Rech­te, die deut­lich frü­her und deut­lich anders ent­stan­den war, bereits auf­grund man­geln­der Rele­vanz im Jahr 1989 aus dem Bewußt­sein ver­drängt hat.

Was Weiß­mann meint, und was kor­rekt bleibt, ist daß 1989 jene Neue demo­kra­ti­sche Rech­te um Namen wie Heimo Schwilk und Rai­ner Zitel­mann ent­stand, der er sich habi­tu­ell und ideo­lo­gisch nahe fühl­te. Die­se arri­vier­te Trup­pe besetz­te für weni­ge Jah­re Grau­zo­nen zwi­schen Libe­ra­lis­mus und Kon­ser­va­tis­mus, zwi­schen eli­tä­rer Selbst­in­sze­nie­rung und Anti­kom­mu­nis­mus und ent­fern­te sich maxi­mal von den Grund­li­ni­en der ori­gi­nä­ren Neu­en Rech­ten. (Die­se Ein­schät­zung gilt unab­hän­gig davon, ob man ihr sym­pa­thi­sie­rend oder kri­tisch gegenübertritt.)

Die ori­gi­nä­re Neue Rech­te – Mit­te der 1960er Jah­re ent­stan­den, in den 1970ern in ihrer Blü­te ste­hend, in den 1980ern aus­lau­fend und »über­lau­fend« (nach links, ins Pri­vat­le­ben, nach rechts usf.), in jedem Fal­le endend – fand aber auch ver­wand­te Nach­fol­ger: Wir selbst und die kurz­le­bi­ge volks­lust kön­nen als letz­te rele­van­te Refu­gi­en der ein­ge­gan­ge­nen Eich­berg-Rech­ten gel­ten. Zudem gab es in den 1990er Jah­ren in der publi­zis­ti­schen Sze­ne­rie ver­schie­dens­te Peri­odi­ka mit abwei­chen­den inhalt­li­chen Akzenten.

Zu nen­nen sind das Syn­er­gon-Netz­werk des deutsch­spra­chi­gen Bel­gi­ers Robert Steu­ckers, das Maga­zin Etap­pe, die reichs­na­tio­na­len Staats­brie­fe Hans-Diet­rich San­ders, fer­ner das bio­lo­gis­ti­sche Thu­le- Semi­nar oder die Eura­si­en-Rech­te. Das Getüm­mel in der Nische kann jedoch nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß die Jah­re zwi­schen 1995, dem Nie­der­gang der Schwilk-Zitel­mann- Strö­mung, und 2005, dem Auf­wach­sen des­sen, was man heu­te als »Schnell­ro­da« faß­bar macht, eher trost­lo­se Zei­ten für die Neu­en Rech­ten aller Art blieben.

Das änder­te sich mit der Eta­blie­rung des Insti­tuts für Staats­po­li­tik (IfS), des Ver­lags Antai­os und der Zeit­schrift Sezes­si­on – also besag­ter Schnell­ro­da-Pro­jek­te von Götz Kubit­schek und Erik Leh­nert, an denen fast fünf­zehn Jah­re lang auch Karl­heinz Weiß­mann maß­geb­lich betei­ligt war, bevor er das Pro­jekt auf­grund unüber­brück­ba­rer inhalt­li­cher und stra­te­gi­scher Dif­fe­ren­zen ver­las­sen muß­te. Schnell­ro­da jeden­falls gab der Neu­en Rech­ten, auf Moh­lers Schul­tern ste­hend, neue Form und Gestalt und mach­te sie über­haupt mas­sen­me­di­al bekannt. Ab Mit­te der 2000er Jah­re bis heu­te prä­gen die­se non­kon­for­men Insti­tu­tio­nen die neu­rech­te Szenerie.

Die Autoren einer Stu­die über die Neue Rech­te behal­ten daher für einen län­ge­ren Zeit­ab­schnitt recht, wenn sie schrei­ben, daß die »Kon­ti­nui­täts­theo­rie« unbrauch­bar sei, der zufol­ge die heu­ti­ge Neue Rech­te »ein­fach nur eine Fort­set­zung der älte­ren natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Ansät­ze oder eine Vari­an­te der fran­zö­si­schen Nou­vel­le Droi­te« dar­stel­le. Viel­mehr gebe »es fak­tisch kei­nen Zusam­men­hang« der heu­ti­gen Neu­en Rech­ten »mit den Natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren oder Soli­d­aris­ten, deren Zeit­schrif­ten oder Orga­ni­sa­tio­nen«. (19)

Seit fast zehn Jah­ren wird das Schnell­ro­daer Kern­feld der zeit­ge­nös­si­schen Neu­en Rech­ten um den Jun­g­eu­ro­pa-Kos­mos erwei­tert, der welt­an­schau­lich eher an die frü­he Neue Rech­te anknüpft und die ursprüng­li­chen Fäden (Euro­pa­ori­en­tie­rung, Kapi­ta­lis­mus­kri­tik etc.) wei­ter­spinnt: Die Neue Rech­te gibt es damit im kon­struk­ti­ven Plu­ral. Aus die­ser umris­se­nen Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Neu­en Rech­ten folgt:

1. Die Geschich­te der Neu­en Rech­ten ist eine Anfang der 1960er Jah­re begin­nen­de Geschich­te welt­an­schau­li­cher Rich­tun­gen, die in den Begriff »Neue Rech­te« Unter­schied­li­ches ein­flie­ßen lie­ßen und ihn immer wie­der Revi­sio­nen unterzogen.

2. Die ursprüng­li­che Neue Rech­te woll­te Wis­sen­schaft­lich­keit und Pole­mik, Akti­vis­mus und Denk­ar­beit ver­bin­den. Sie setz­te sich pole­misch von der Alten Rech­ten ab, der sie Intel­lek­tu­el­len­feind­lich­keit und Besitz­stands­wah­rung, Nost­al­gie und For­ma­lis­mus vor­warf. Man for­der­te also fort­an »Mut zur Welt­an­schau­ung«. (20)

3. Das Ver­bin­den­de aller unter dem Begriff »Neue Rech­te« fir­mie­ren­den Strö­mun­gen ist die gegen­warts­be­zo­ge­ne Ana­ly­se der Ver­hält­nis­se vor dem Hin­ter­grund einer skep­ti­schen Anthro­po­lo­gie, die in die geis­ti­ge Über­lie­fe­rung Euro­pas ein­ge­bet­tet ist.

4. Wer an die Sub­stanz der Neu­en Rech­ten anknüp­fen möch­te, muß mit fol­gen­dem rech­nen: Jeder Erfolg eines grund­sätz­li­chen Milieus, das zu einer »Macht­struk­tur« wer­den möch­te, hängt von »mate­ri­el­len Mög­lich­kei­ten, Ideen und Insti­tu­tio­nen« ab. (21) Das ist die bestän­di­ge Herausforderung.

5. Eine alter­na­ti­ve Neue Rech­te als Dreh- und Angel­punkt des patrio­ti­schen Mosa­iks wird heu­te mehr denn je benö­tigt, um zu ver­hin­dern, daß jün­ge­re Rech­te weder in »nihi­lis­ti­sche Aggres­sio­nen« (Hans-Joa­chim Schoeps) abdrif­ten, sich in eso­te­ri­scher Selbst­ret­tung ver­lie­ren oder im Par­tei­en­kom­plex versinken.

6. Ver­bin­det man die frü­he Neue Rech­te mit ihren gegen­wär­ti­gen Erschei­nungs­for­men (Schnell­ro­da-Jun­g­eu­ro­pa), ergibt sich die frucht­ba­re Span­nung zwi­schen dem umwäl­zend-gestal­ten­den (revo­lu­tio­nä­ren) und dem bewah­rend-erhal­ten­den (kon­ser­va­ti­ven) Ele­ment. Es han­delt sich, bei aller Unter­schied­lich­keit in den Details, um eine Rech­te, die eine rea­lis­tisch-skep­ti­sche Lage­ana­ly­se anti­quier­ten bür­ger­li­chen Illu­sio­nen vorzieht.

7. Die Neue Rech­te bleibt der Ver­such, auf fes­tem Grund ein Den­ken in Syn­the­sen zu wagen. Es gilt, den Blick nach vor­ne zu rich­ten, aber im expli­zi­ten Bewußt­sein des­sen, daß vor uns ande­re Gene­ra­tio­nen an ver­wand­ten Fra­ge­stel­lun­gen labo­rier­ten. Man muß Kon­ti­nui­täts­li­ni­en fort­füh­ren und sie dort, wo es gebo­ten ist, den kon­kre­ten Erfor­der­nis­sen der sich ver­än­dern­den Rea­li­tät ent­spre­chend korrigieren.

Gelingt es dem orga­ni­sier­ten Non­kon­for­mis­mus nicht, die­se Stand­punk­te zu den sei­nen zu machen, sähe womög­lich auch eine Neue Rech­te bald alt aus.

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1  Alain de Benoist: Kul­tur­re­vo­lu­ti­on von rechts (1985), Dres­den 2017, S. 29.

2  Anzu­mer­ken ist, daß sich die Gramsci-Rezep­ti­on der Nou­vel­le Droi­te sehr stark auf die kul­tu­rel­len Ele­men­te fokus­sier­te (Kul­tur ist alles); Gramscis Hege­mo­nie­kon­zept ist aber ohne mate­ri­el­le und poli­ti­sche Ebe­nen nicht zu haben. Der Gramscis­me de droi­te sorg­te auf­grund die­ser Ver­kür­zung für sei­ne selbst­ver­schul­de­te Abspal­tung von der real­po­li­ti­schen Sphäre.

3  Alain de Benoist: »Was ist die Neue Rech­te?«, in: Jun­ges Forum, Nr. 1 – 2/1984, S. 5.

4  Ebd., S. 14.

5  Gün­ter Bartsch: Revo­lu­ti­on von rechts? Ideo­lo­gie und Orga­ni­sa­ti­on der Neu­en Rech­ten, Frei­burg i. Br. 1975, S. 14.

6  Vgl. auch den ers­ten enthu­si­as­ti­schen Rei­se­be­richt: Hen­ning Eich­berg: »Natio­na­lis­mus ist Fort­schritt. Zu Gast in einem Arbeits­la­ger fran­zö­si­scher Stu­den­ten«, in: Nati­on Eu­ropa, Nr. 1/1967, S. 47 – 49.

7  Zur Bedeu­tung der Frank­reich­fahr­ten: ‑Hen­ning Eich­berg: Eth­no­plu­ra­lis­mus von links. Ein poli­ti­sches Tes­ta­ment, hrsg. von Mathi­as Brod­korb, o. O. 2022, S. 28 – 33.

8  Ebd., S. 24.

9  So Brod­korb in einer Kom­men­tie­rung der Deut­schen-Sozia­len Uni­on (DSU), der Strasser–Partei von 1956 bis 1962. Ebd., S. 22, Fuß­no­te 3.

10  Bartsch: Revo­lu­ti­on von rechts?, S. 14.

11  Ebd., S. 95.

12  A. M.: »Alte Rech­te – Neue Rech­te«, in: Ideo­lo­gie & Stra­te­gie. Zen­tra­les Kader­or­gan natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­rer Basis­grup­pen, Nr. 4/1972, S. 1 f., hier 1.

13  »Eben­so wie theo­rie­lo­se Pra­xis blind ist, wäre pra­xis­lo­se Theo­rie irrele­vant. Und eben­so wie Theo­rie nur aus der Ana­ly­se kon­kre­ter gesell­schaft­li­cher und his­to­ri­scher Objek­te ent­wi­ckelt wer­den kann, so kann der Pra­xis­dis­kus­si­on nur mit kon­kre­tem Erfah­rungs­ma­te­ri­al wei­ter­ge­hol­fen wer­den.« (N. N.: »Theo­rie und Akti­on«, in: Jun­ges Forum, Nr. 3/1971, S. 4.)

14  Die DESG über­leb­te das suk­zes­si­ve Ster­ben der ori­gi­nä­ren Neu­en Rech­ten vor 1989 und wirk­te immer­hin bis Mit­te der 1990er Jah­re mit Kon­fe­ren­zen und Publi­ka­tio­nen wei­ter. Der Refe­ren­ten­pool reich­te von Wolf­gang Strauß bis Hans-Diet­rich Sander.

15  Der Soli­da­ris­mus stellt eine Erwei­te­rung des Stras­se­ris­mus um basis­de­mo­kra­ti­sche Ele­men­te im Zei­chen »per­sön­li­cher Frei­heit, natio­na­ler Iden­ti­tät und sozia­ler Gerech­tig­keit« in einem anzu­stre­ben­den »Jun­gen Euro­pa« dar: »Der Soli­da­ris­mus sagt, daß der huma­ne Kern­ge­dan­ke der Demo­kra­tie als ›Volks­herr­schaft‹ nur dort leben­dig ist, wo der Mensch sich in sei­nem Volk als natio­na­les und sozia­les Gan­zes im Rah­men der Völ­ker­so­li­da­ri­tät begrei­fen und ver­wirk­li­chen kann. Die soli­da­ri­sche Demo­kra­tie muß die libe­ra­le Ver­fäl­schung des demo­kra­ti­schen Gedan­kens ablö­sen.« (N. N.: »Was ist Soli­da­ris­mus?«, in: SOL, Nr. 1/1976, S. 14 f., hier 15.)

16  Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de von SVB und SdV wer­den zusam­men­ge­faßt bei Bene­dikt Sepp: Lin­ke Leu­te von rechts? Die natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­re Bewe­gung in der Bun­des­re­pu­blik, Mar­burg 2013, S. 31 – 34.

17  Beim poli­tisch-theo­re­ti­schen »Upcy­cling« geht es »nicht dar­um, alte Ideen kaputt zu schla­gen, son­dern ihnen in Kom­bi­na­ti­on mit ande­ren Tei­len einen höhe­ren Wert zu geben«, also anzu­knüp­fen, zu kor­ri­gie­ren und fort­zu­schrei­ben. Guil­laume Pao­li: Die lan­ge Nacht der Meta­mor­pho­se. Über die Gen­tri­fi­zie­rung der Kul­tur, Ber­lin 2017, S. 10.

18  Zit. n. Die­ter Stein: Phan­tom »Neue Rech­te«, Ber­lin 2005, S. 152, Fuß­no­te 83.

19  Insti­tut für Staats­po­li­tik (Hrsg.): Die »Neue Rech­te«. Sinn und Gren­ze eines Begriffs, Schnell­ro­da 2003, S. 31.

20  »Die alte Rech­te ver­zich­tet auf Theo­rie zuguns­ten von ›Hal­tung‹, ›Gemüt‹, ›Prag­ma­tis­mus‹ und Tra­di­ti­on. Ihre Intel­lek­tu­el­len­feind­lich­keit beant­wor­ten wir mit dem Wil­len zu kri­ti­scher Ana­ly­se und wis­sen­schaft­lich begrün­de­ter Poli­tik. Wir haben den Mut zur Welt­an­schau­ung.« (Hen­ning Eich­berg: »Basis für eine neue Poli­tik«, in: Nati­on Euro­pa, Nr. 6/1971, S. 39.)

21  Per­ry Ander­son: ‑Hege­mo­nie. Kon­junk­tu­ren eines Begriffs, Ber­lin 2018, S. 194.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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