von Benedikt Kaiser –
Die »Neue« Rechte ist so neu nicht. Aber ist sie eine alte? 1985, zwanzig Jahre nach ihrer Genese in Frankreich und ihrem Export nach Deutschland, formulierte einer ihrer Gründerväter in Abgrenzung zu einer »Alten« Rechten, daß diese jedenfalls »wohlverdient« tot sei. Sie sei zugrunde gegangen, da sie von ihrem »Erbe« und von ihren »Erinnerungen« gelebt habe. (1) Alain de Benoist leitet so seinen Long- und Bestseller Kulturrevolution von rechts ein und bekräftigt die Begriffsscheidung »Neue« versus »Alte« Rechte.
Mit letzterer meinten Benoist und sein Umfeld monarchistische, reaktionäre und nationalchauvinistische Gruppen, kurz: Rechte jeder ideologischen Fasson, deren einigendes Band nur darin bestand, gen Vergangenheit zu blicken. Damit wollte jener Verbund junger Intellektueller Frankreichs Schluß machen, der in den 1960er Jahren als »Nouvelle Droite« (ND) bzw. »Nouvelle École« in Erscheinung trat.
Das »Neu« kam in die Welt, weil diese Form der Rechten zu keiner der bisherigen Strömungen passen wollte. Die »Neue Schule«, die man seitens ihrer Gegner als »Neue Rechte« bezeichnete, bevor Benoist und Co. diesen Namen (oft unter Vorbehalt) für sich annahmen, entstammte rechtsrevolutionären Milieus. Benoist und seine Mitstreiter wie Dominique Venner hatten Erfahrungen in der äußeren Rechten gesammelt und realisierten, daß deren althergebrachte Vorstellungen von Politik fortan nicht adäquat erschienen.
Ein Charakteristikum war demgegenüber die Inanspruchnahme der Ideen des linksrevolutionären Denkers Antonio Gramsci. (2) Die metapolitische Strategie – der Kampf um Ideen und Begriffe statt um Parlamentssitze und Armeekarrieren, die Fokussierung auf die Erlangung kultureller Hegemonie – war in Zirkeln und Zeitschriften ausgearbeitet worden: in Denkfabriken wie dem GRECE, in Zeitschriften wie Nouvelle École, in Studentenverbänden wie der Fédération des étudiants nationalistes (FEN).
Benoist definierte die Neue Rechte (NR) jener Tage als »intellektuelles und kulturelles Verbundsystem« sowie als »Kulturbewegung, die theoretische, grundsätzliche Studien bevorzugt«. (3) Die Neue Rechte akzeptiere nicht nur Veränderungen; sie hege das Ziel, selbst die Veränderung zu sein. Die Quintessenz des Selbstverständnisses neurechter Identität sei »dynamisch und revolutionär«. (4)
Mit derlei Selbstbewußtsein im Gepäck gelang es, eine netzwerkartige Landschaft zu schaffen, und 1978 gelang es gar, Schlüsselstellen im Mainstream einzunehmen; man war durchgesickert durch die gegnerischen Linien. Nach heftigen Kampagnen wurde die Nouvelle Droite jedoch aus den Knotenpunkten medialer Einflußmöglichkeiten vertrieben. In der Folge konzentrierte man sich primär auf geistige Zurüstung; man zog sich in die Sicherheit eigener Strukturen zurück und greift erst heute wieder offensiv aus: insbesondere über das Institut Iliade als Orientierung gebendes Zentrum.
Dieser Umriß der französischen Urgründe ist für eine deutsche Skizze wesentlich, weil das Phänomen »deutsche Neue Rechte« nicht zu fassen ist, ohne die Rolle des beflügelnden Vorbilds eingeführt zu haben. Denn obschon auch auf der politischen Rechten der BRD um 1964 und 1965 »wildes Fleisch zu wachsen begann«, (5) das sich zunehmend von der Alten Rechten abhob, kamen entscheidende Impulse aus Frankreich.
1966 reiste der 1942 in Schlesien geborene Henning Eichberg in ein Studentenzeltlager der FEN in der Provence: Er traf Benoist, Venner und weitere Granden; Eichberg war begeistert und beschrieb sie als revolutionäre Energiebündel und zugleich als »Hochintellektuelle und Literaten«. Weitere Frankreichfahrten folgten. (6) Diese Besuche bezeichnete Eichberg als »wesentlichen Anstoß, mich von der bürgerlich-konservativen ›alten Rechten‹ in Deutschland zu lösen und eine ›neue Rechte‹ zu entwerfen.« (7)
Er mußte sie entwerfen; denn in Deutschland war Eichbergs politische Heimat noch nicht geformt – es gab lediglich anknüpfungsfähige Vordenker vorangegangener Generationen. Wenn es damals eine Persönlichkeit gegeben habe, die ihn inspirierte, »dann war das vor allem Strasser«, so Eichberg rückblickend vor seinem Tod 2017. (8) Mathias Brodkorb ordnet daher Otto Strassers Rolle als »Vorläufer des Ethnopluralismus und damit der Neuen Rechten« 9 ein.
Gleichwohl: Eichberg sah erheblich Kritikwürdiges und korrigierte einige Anachronismen, weshalb Brodkorb in bezug auf die entstehende Neue Rechte der 1960er Jahre in der BRD von einem »Post-Strasserismus« sprechen kann, also einer Überwindung des »orthodoxen« Strasserismus durch seine weltanschaulichen Kinder, die der Genese der Neuen Rechten einen Schub verlieh.
Zwei Dinge sind zu dieser Genese zu notieren: Erstens gibt es kein klares Datum, an dem die deutsche Neue Rechte »geboren« wurde – es war vielmehr ein Prozeß, der 1964/65 begann, durch Frankreichkontakte 1966 Fahrt aufnahm, sich über die weiteren 1960er Jahre mit Aufs und Abs sowie personellen und publizistischen Neuerungen vollzog und damit einer »Dauerexistenz der Neuen Rechten bei wechselndem Erscheinungsbild« Vorschub leisten sollte. (10)
Zweitens war der Import der Ideenwelt aus Frankreich nicht alles; er wurde durch weitere Vorläufer beeinflußt. Günter Bartsch nennt in seinem Standardwerk Revolution von rechts? die strasseristische Unabhängige Arbeiterpartei (UAP), aus deren Reihen viele Kader stammten (»Ihr Einfluß auf die Neue Rechte ist erheblich« (11) ), den 1961 verbotenen Bund Nationaler Studenten (BNS), den Jungeuropäischen Arbeitskreis sowie Zeitschriften wie die 1951 gegründete Nation Europa. Hinzu kamen enttäuschte Anhänger der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) und ihrer Jungen Nationaldemokraten (JN).
Ein Schlüsselakteur war neben Eichberg der in Berlin geborene Lothar Penz. Der Maschinenschlosser und Ingenieur gründete 1964 mit Heinz-Dieter Hansen in dessen Heimatstadt Hamburg die erste genuin neurechte Zeitschrift, das Junge Forum. Als Ziele benannte man die Einheit Deutschlands und die Vereinigung Europas sowie die Implementierung eines »organischen« und volksverbundenen, auf Leistung und Hierarchie beruhenden, nichtmarxistischen und antihitleristischen Sozialismus.
Reibungen mit den bisherigen Platzhirschen resultierten auch aus diesen ideologischen Positionierungen. Bei einer Saalveranstaltung des Jungeuropäischen Arbeitskreises kam es im Mai 1968 zum Eklat, als Eichberg, eingesetzt als Tagungsleiter, dem ehemaligen stellvertretenden NS-Reichspressechef Helmut Sündermann das Mikrophon während dessen Wortbeitrag abdrehte: Das sorgte für Tumulte zwischen Jung und Alt, zwischen dem, was man später Neue und Alte Rechte nennen sollte; ein Zusammenhang, der sich damals organisatorisch und personell noch überlappte.
Es war die Formierung einer jungen gegen eine alte Rechte – biographisch, habituell und ideologisch bedingt. In einem neurechten Strategiemedium jener Tage heißt es, daß es um mehr als nur um die »von der Alten Rechten überbetonten Komponenten von Reife und Erfahrung« gehe, konkret um Wissenschaftlichkeit und juvenile Anschlußfähigkeit. Die auf einer emotionalen Basis beruhenden Subjektivismen seitens der Alten Rechten würden zu einer »Abgeschirmtheit gegenüber fast allem, was die heutige Jugend bewegt« (12) , führen. Und für die Neue Rechte jener Zeit war das, was die Jugend im Bann von »68« bewegte, eine revolutionäre Liaison aus Theorie und Praxis.
Diese Synthese aus Theoriehunger und Praxisexperimenten war seitens der Neuen Rechten explizit gewollt: Der Bewegung, dekretierten Eichberg, Penz und Co. übereinstimmend, diene weder eine Theoriebildung ohne Praxisbezug noch eine praktische Aktion ohne Einordnung in ein theoretisches System. (13) Die Theoriebildung erfolgte hierbei über Periodika, Bücher und Schulungsvorträge; aus der Praxis sind Umweltaktionen, Gedenktagveranstaltungen, Proteste gegen Mietwucher bzw. Bodenspekulation sowie Solidaritätsaktionen für nationale Ideen in der DDR und Ostmitteleuropa überliefert.
Zum mythischen Ort der Neuen Rechten, wo man derlei konzipierte, wurde zu Beginn der 1960er Jahre die Sababurg im nordhessischen Reinhardswald – dort fand man sich zwei- bis dreimal im Jahr zu Austausch und Vernetzung zusammen. Träger war Hansens lose Deutsch-Europäische Gesellschaft, die sich 1972 als Deutsch-Europäische Studiengesellschaft
(DESG) (14) institutionalisierte und das Junge Forum herausgab. Die heterogene Truppe auf der Sababurg sang, suchte, stritt – und wuchs doch zusammen.
Im Jahr der DESG-Gründung wurde denn auch der Terminus »Neue Rechte« bundespolitisch aufgegriffen. Das hatte mit Sortierungskonflikten um die damals nationalkonservative NPD zu tun. Mit der Aktion Neue Rechte (ANR) spaltete sich ein Projekt ab, das den Titel »Neue Rechte« für sich einforderte, den Anspruch ideologisch gleichwohl nicht untermauerte. NPD-Landespolitiker Siegfried Pöhlmann, der im Januar 1972 seine Partei mit 600 Getreuen nach einer verlorenen Schlacht verließ, nutzte zwar Eichberg als Ghostwriter für das ANR-Programmkonvolut »Manifest einer europäischen Bewegung« – aber de facto wollte er eine Konkurrenz-NPD, keine neurechte Positionsbestimmung.
Die ANR zerfiel schon 1974 in ihre drei unterschiedlichen Flügel, die nur in ihrer Gegnerschaft zur NPD vereint waren: Es gab die Deutschnationalen um Pöhlmann, die dogmatischen »Hitleristen« sowie die Neuen Rechten um Eichberg und Penz. Der nationalrevolutionäre ANR-Flügel, die ursprüngliche Neue Rechte, formierte sich kurzzeitig als Nationalrevolutionäre Aufbauorganisation (NRAO), spaltete sich indes erneut ab August 1974 auf: Kräfte um Penz gründeten die Solidaristische Volksbewegung (SVB), Eichbergs Freundeskreis hingegen die Sache des Volkes (SdV).
Die kleinere SVB um ihr Leitorgan SOL war stärker an Otto Strasser, dem »Solidarismus« (15) und ökologischen Fragen orientiert, die etwas größere SdV um die neue zeit an Ernst Niekisch, Vordenkern der Linken und volkssozialistischen Theoremen. (16) Beide Gruppen mit mittlerer dreistelliger Aktivenzahl konkurrierten und kooperierten je nach Situation und sollten bis in die frühen 1980er die wichtigsten Gruppen der Neuen Rechten darstellen, in deren Umfeld neue Projekte kamen und gingen (auch Eichberg ging: 1982 nach Dänemark), bevor sie alle vor der »Wende« 1989/90 ihre Arbeit einstellten.
Faßt man die Entstehung der Neuen Rechten in fünf Punkten zusammen, um sich einen Überblick zu verschaffen, ergibt sich folgendes Schema:
- Frühformen der Neuen Rechten ab 1964 – es fand sich eine Gemeinschaft junger Intellektueller, die Grundlagen für eine sozial- und nationalrevolutionäre Theoriebildung legte;
- die Phase 1968 bis 1971, in der sich eine Ausdifferenzierung in Zeitschriften und aktivistischen Basisgruppen vollzog, wobei sich Eichberg eine Richtlinienkompetenz erarbeitete;
- der Abschnitt 1972 bis 1974, der mißglückte Versuch, eine Aktion Neue Rechte zu formieren;
- eine Hochphase rund um neurechte Organisationen wie SVB und SdV von 1974 bis 1979;
- ab 1979 ff. Abstieg der klassischen Neuen Rechten, anschließend erfolgt ihre Neuerfindung, die in manchem wenig und in vielem nichts mit dem Original zu tun hatte.
Eins der wenigen Verbindungsstücke zwischen der frühen Neuen Rechten und ihrer konservativen Neujustierung war Armin Mohler. Er stand mit Eichberg in Kontakt, wurde von SOL bis neue zeit rezipiert, machte die Neue Rechte in Zeitschriften wie Criticón populär, aber wirkte nachweisbar auch im Feld des traditionelleren Konservatismus von CSU bis Caspar von Schrenck-Notzing. Mohler betrieb – bei allen bekannten Unterschieden – wie Eichberg und Benoist eine Art »Upycling« (17) der Konservativen Revolution. Er hebt sich damit auch retrospektiv von dem ab, was sich ab 1989 als »Neue demokratische Rechte« verstand.
Zentral war für diese die deutsche Einheit, der Untergang des Sozialismus und die bürgerliche Nostalgie. Karlheinz Weißmann schreibt dazu: »Die Neue Rechte war 1989 entstanden aus der Euphorie heraus, historisch im Recht gewesen zu sein.« (18) Das ist dann richtig, wenn man jene originäre Neue Rechte, die deutlich früher und deutlich anders entstanden war, bereits aufgrund mangelnder Relevanz im Jahr 1989 aus dem Bewußtsein verdrängt hat.
Was Weißmann meint, und was korrekt bleibt, ist daß 1989 jene Neue demokratische Rechte um Namen wie Heimo Schwilk und Rainer Zitelmann entstand, der er sich habituell und ideologisch nahe fühlte. Diese arrivierte Truppe besetzte für wenige Jahre Grauzonen zwischen Liberalismus und Konservatismus, zwischen elitärer Selbstinszenierung und Antikommunismus und entfernte sich maximal von den Grundlinien der originären Neuen Rechten. (Diese Einschätzung gilt unabhängig davon, ob man ihr sympathisierend oder kritisch gegenübertritt.)
Die originäre Neue Rechte – Mitte der 1960er Jahre entstanden, in den 1970ern in ihrer Blüte stehend, in den 1980ern auslaufend und »überlaufend« (nach links, ins Privatleben, nach rechts usf.), in jedem Falle endend – fand aber auch verwandte Nachfolger: Wir selbst und die kurzlebige volkslust können als letzte relevante Refugien der eingegangenen Eichberg-Rechten gelten. Zudem gab es in den 1990er Jahren in der publizistischen Szenerie verschiedenste Periodika mit abweichenden inhaltlichen Akzenten.
Zu nennen sind das Synergon-Netzwerk des deutschsprachigen Belgiers Robert Steuckers, das Magazin Etappe, die reichsnationalen Staatsbriefe Hans-Dietrich Sanders, ferner das biologistische Thule- Seminar oder die Eurasien-Rechte. Das Getümmel in der Nische kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Jahre zwischen 1995, dem Niedergang der Schwilk-Zitelmann- Strömung, und 2005, dem Aufwachsen dessen, was man heute als »Schnellroda« faßbar macht, eher trostlose Zeiten für die Neuen Rechten aller Art blieben.
Das änderte sich mit der Etablierung des Instituts für Staatspolitik (IfS), des Verlags Antaios und der Zeitschrift Sezession – also besagter Schnellroda-Projekte von Götz Kubitschek und Erik Lehnert, an denen fast fünfzehn Jahre lang auch Karlheinz Weißmann maßgeblich beteiligt war, bevor er das Projekt aufgrund unüberbrückbarer inhaltlicher und strategischer Differenzen verlassen mußte. Schnellroda jedenfalls gab der Neuen Rechten, auf Mohlers Schultern stehend, neue Form und Gestalt und machte sie überhaupt massenmedial bekannt. Ab Mitte der 2000er Jahre bis heute prägen diese nonkonformen Institutionen die neurechte Szenerie.
Die Autoren einer Studie über die Neue Rechte behalten daher für einen längeren Zeitabschnitt recht, wenn sie schreiben, daß die »Kontinuitätstheorie« unbrauchbar sei, der zufolge die heutige Neue Rechte »einfach nur eine Fortsetzung der älteren nationalrevolutionären Ansätze oder eine Variante der französischen Nouvelle Droite« darstelle. Vielmehr gebe »es faktisch keinen Zusammenhang« der heutigen Neuen Rechten »mit den Nationalrevolutionären oder Solidaristen, deren Zeitschriften oder Organisationen«. (19)
Seit fast zehn Jahren wird das Schnellrodaer Kernfeld der zeitgenössischen Neuen Rechten um den Jungeuropa-Kosmos erweitert, der weltanschaulich eher an die frühe Neue Rechte anknüpft und die ursprünglichen Fäden (Europaorientierung, Kapitalismuskritik etc.) weiterspinnt: Die Neue Rechte gibt es damit im konstruktiven Plural. Aus dieser umrissenen Entstehungsgeschichte der Neuen Rechten folgt:
1. Die Geschichte der Neuen Rechten ist eine Anfang der 1960er Jahre beginnende Geschichte weltanschaulicher Richtungen, die in den Begriff »Neue Rechte« Unterschiedliches einfließen ließen und ihn immer wieder Revisionen unterzogen.
2. Die ursprüngliche Neue Rechte wollte Wissenschaftlichkeit und Polemik, Aktivismus und Denkarbeit verbinden. Sie setzte sich polemisch von der Alten Rechten ab, der sie Intellektuellenfeindlichkeit und Besitzstandswahrung, Nostalgie und Formalismus vorwarf. Man forderte also fortan »Mut zur Weltanschauung«. (20)
3. Das Verbindende aller unter dem Begriff »Neue Rechte« firmierenden Strömungen ist die gegenwartsbezogene Analyse der Verhältnisse vor dem Hintergrund einer skeptischen Anthropologie, die in die geistige Überlieferung Europas eingebettet ist.
4. Wer an die Substanz der Neuen Rechten anknüpfen möchte, muß mit folgendem rechnen: Jeder Erfolg eines grundsätzlichen Milieus, das zu einer »Machtstruktur« werden möchte, hängt von »materiellen Möglichkeiten, Ideen und Institutionen« ab. (21) Das ist die beständige Herausforderung.
5. Eine alternative Neue Rechte als Dreh- und Angelpunkt des patriotischen Mosaiks wird heute mehr denn je benötigt, um zu verhindern, daß jüngere Rechte weder in »nihilistische Aggressionen« (Hans-Joachim Schoeps) abdriften, sich in esoterischer Selbstrettung verlieren oder im Parteienkomplex versinken.
6. Verbindet man die frühe Neue Rechte mit ihren gegenwärtigen Erscheinungsformen (Schnellroda-Jungeuropa), ergibt sich die fruchtbare Spannung zwischen dem umwälzend-gestaltenden (revolutionären) und dem bewahrend-erhaltenden (konservativen) Element. Es handelt sich, bei aller Unterschiedlichkeit in den Details, um eine Rechte, die eine realistisch-skeptische Lageanalyse antiquierten bürgerlichen Illusionen vorzieht.
7. Die Neue Rechte bleibt der Versuch, auf festem Grund ein Denken in Synthesen zu wagen. Es gilt, den Blick nach vorne zu richten, aber im expliziten Bewußtsein dessen, daß vor uns andere Generationen an verwandten Fragestellungen laborierten. Man muß Kontinuitätslinien fortführen und sie dort, wo es geboten ist, den konkreten Erfordernissen der sich verändernden Realität entsprechend korrigieren.
Gelingt es dem organisierten Nonkonformismus nicht, diese Standpunkte zu den seinen zu machen, sähe womöglich auch eine Neue Rechte bald alt aus.
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1 Alain de Benoist: Kulturrevolution von rechts (1985), Dresden 2017, S. 29.
2 Anzumerken ist, daß sich die Gramsci-Rezeption der Nouvelle Droite sehr stark auf die kulturellen Elemente fokussierte (Kultur ist alles); Gramscis Hegemoniekonzept ist aber ohne materielle und politische Ebenen nicht zu haben. Der Gramscisme de droite sorgte aufgrund dieser Verkürzung für seine selbstverschuldete Abspaltung von der realpolitischen Sphäre.
3 Alain de Benoist: »Was ist die Neue Rechte?«, in: Junges Forum, Nr. 1 – 2/1984, S. 5.
4 Ebd., S. 14.
5 Günter Bartsch: Revolution von rechts? Ideologie und Organisation der Neuen Rechten, Freiburg i. Br. 1975, S. 14.
6 Vgl. auch den ersten enthusiastischen Reisebericht: Henning Eichberg: »Nationalismus ist Fortschritt. Zu Gast in einem Arbeitslager französischer Studenten«, in: Nation Europa, Nr. 1/1967, S. 47 – 49.
7 Zur Bedeutung der Frankreichfahrten: ‑Henning Eichberg: Ethnopluralismus von links. Ein politisches Testament, hrsg. von Mathias Brodkorb, o. O. 2022, S. 28 – 33.
8 Ebd., S. 24.
9 So Brodkorb in einer Kommentierung der Deutschen-Sozialen Union (DSU), der Strasser–Partei von 1956 bis 1962. Ebd., S. 22, Fußnote 3.
10 Bartsch: Revolution von rechts?, S. 14.
11 Ebd., S. 95.
12 A. M.: »Alte Rechte – Neue Rechte«, in: Ideologie & Strategie. Zentrales Kaderorgan nationalrevolutionärer Basisgruppen, Nr. 4/1972, S. 1 f., hier 1.
13 »Ebenso wie theorielose Praxis blind ist, wäre praxislose Theorie irrelevant. Und ebenso wie Theorie nur aus der Analyse konkreter gesellschaftlicher und historischer Objekte entwickelt werden kann, so kann der Praxisdiskussion nur mit konkretem Erfahrungsmaterial weitergeholfen werden.« (N. N.: »Theorie und Aktion«, in: Junges Forum, Nr. 3/1971, S. 4.)
14 Die DESG überlebte das sukzessive Sterben der originären Neuen Rechten vor 1989 und wirkte immerhin bis Mitte der 1990er Jahre mit Konferenzen und Publikationen weiter. Der Referentenpool reichte von Wolfgang Strauß bis Hans-Dietrich Sander.
15 Der Solidarismus stellt eine Erweiterung des Strasserismus um basisdemokratische Elemente im Zeichen »persönlicher Freiheit, nationaler Identität und sozialer Gerechtigkeit« in einem anzustrebenden »Jungen Europa« dar: »Der Solidarismus sagt, daß der humane Kerngedanke der Demokratie als ›Volksherrschaft‹ nur dort lebendig ist, wo der Mensch sich in seinem Volk als nationales und soziales Ganzes im Rahmen der Völkersolidarität begreifen und verwirklichen kann. Die solidarische Demokratie muß die liberale Verfälschung des demokratischen Gedankens ablösen.« (N. N.: »Was ist Solidarismus?«, in: SOL, Nr. 1/1976, S. 14 f., hier 15.)
16 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von SVB und SdV werden zusammengefaßt bei Benedikt Sepp: Linke Leute von rechts? Die nationalrevolutionäre Bewegung in der Bundesrepublik, Marburg 2013, S. 31 – 34.
17 Beim politisch-theoretischen »Upcycling« geht es »nicht darum, alte Ideen kaputt zu schlagen, sondern ihnen in Kombination mit anderen Teilen einen höheren Wert zu geben«, also anzuknüpfen, zu korrigieren und fortzuschreiben. Guillaume Paoli: Die lange Nacht der Metamorphose. Über die Gentrifizierung der Kultur, Berlin 2017, S. 10.
18 Zit. n. Dieter Stein: Phantom »Neue Rechte«, Berlin 2005, S. 152, Fußnote 83.
19 Institut für Staatspolitik (Hrsg.): Die »Neue Rechte«. Sinn und Grenze eines Begriffs, Schnellroda 2003, S. 31.
20 »Die alte Rechte verzichtet auf Theorie zugunsten von ›Haltung‹, ›Gemüt‹, ›Pragmatismus‹ und Tradition. Ihre Intellektuellenfeindlichkeit beantworten wir mit dem Willen zu kritischer Analyse und wissenschaftlich begründeter Politik. Wir haben den Mut zur Weltanschauung.« (Henning Eichberg: »Basis für eine neue Politik«, in: Nation Europa, Nr. 6/1971, S. 39.)
21 Perry Anderson: ‑Hegemonie. Konjunkturen eines Begriffs, Berlin 2018, S. 194.