Kritik der Woche (81): Oben rechts

„Oben rechts“ – für den Herausgeber Heinrich Geiselberger und seine im vorliegenden Sammelband versammelten Wissenschaftler und Publizisten sind das politisierte Unternehmer, die ökonomisch liberale bis libertäre Positionen und einen gesellschaftspolitisch rigiden Konservatismus vertreten.

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Oben rechts heißt, daß sie sowohl „oben“ in Sachen Ein­kom­mens- bzw. Ver­mö­gens­ver­tei­lung ste­hen als auch „oben“ im Sin­ne einer recht­se­li­tä­ren Welt­sicht. Das Pro­blem an die­ser The­se ist ihre Pau­scha­li­tät. Zwar stellt der Her­aus­ge­ber in sei­ner Ein­lei­tung in einer End­no­te selbst fest, daß es nicht „das“ Kapi­tal und „die“ herr­schen­de Klas­se gebe, „son­dern dass die­se bei­den Haupt­klas­sen sich in wei­te­re Frak­tio­nen mit typi­schen Lebens­si­tua­tio­nen, öko­no­mi­schen Inter­es­sen und Ideo­lo­gien gliedern“.

Aber in den fol­gen­den sechs Detail­ana­ly­sen kommt die­se Dif­fe­ren­zie­rung nicht immer auf ihre Kos­ten: Viel­leicht auch des­halb, weil sonst die Leit­the­se des Ban­des – ver­kürzt gesagt: Groß­un­ter­neh­mer machen rech­te Poli­tik aus ego­is­ti­schen und reak­tio­nä­ren Moti­ven – nicht halt­bar wäre, sind es doch hier­zu­lan­de ins­be­son­de­re Kon­zern­spit­zen und pro­mi­nen­te Fami­li­en­un­ter­neh­mer, die seit Jah­ren für einen „Woke Capi­ta­lism“ ste­hen, wie er aus den USA in die BRD schwapp­te. Leit­the­se also abge­hakt, Buch gleich mit? Mitnichten.

Die ein­zel­nen For­schungs­es­says sind trotz des Haupt­ein­wan­des lehrreich.

Tobi­as Moor­stedt etwa erforscht die Geschich­te des Land­krei­ses Hohen­lo­he: Kei­ne Regi­on in Deutsch­land zählt pro Ein­woh­ner so vie­le „Hid­den Cham­pi­ons“; mehr als 70 sind es aktu­ell. Moor­stedt unter­sucht vor Ort den aktu­el­len Wider­spruch zwi­schen hoch­pro­fes­sio­nel­ler Wirt­schafts­leis­tung und poli­ti­scher Ver­un­si­che­rung. Der Jour­na­list eru­iert die Urgrün­de des Erfol­ges – der Staat schuf im Rah­men der Sozia­len Markt­wirt­schaft ab den 1950er Jah­ren den Markt durch Not­stands­ge­biets­aus­wei­sung, Infra­struk­tur­auf­bau und pla­ne­ri­sche Maß­nah­men – eben­so wie den All­tags­ver­stand der Einheimischen.

Man könn­te dies in die For­mel fas­sen, daß dort, im Fall­bei­spiel Hohen­lo­he, kei­ne entor­te­te Öko­no­mie domi­niert, son­dern stand­ortgebun­de­nes und dadurch stand­ortver­bun­de­nes Unter­neh­mer­tum der „alten Schu­le“. Man mag das für anti­quiert hal­ten oder nicht. Die­se Ver­wur­ze­lung der Wirt­schaft, die­se Ein­bet­tung in loka­le und regio­na­le Iden­ti­tä­ten, kre­ierte eine Form des nach­bar­schaft­li­chen Wirt­schaf­tens, das Men­ta­li­tä­ten präg­te und ein Ver­trau­en schaf­fen­des Gegen­mo­dell zur flui­den digi­ta­len Öko­no­mie dar­stellt. Hat das Modell Hohen­lo­he, das auch anders­wo sei­ne Äqui­va­len­te fin­det, Zukunft? Die­se Fra­ge ist es, was die Men­schen ten­den­zi­ell „nach rechts“ treibt, nicht die Kapi­tal­in­ter­es­sen „der“ herr­schen­den Klasse.

Ähn­lich instruk­tiv ist Lukas Haf­ferts Streif­zug durch die AfD-Wäh­ler­schaft. Der Gen­fer Poli­tik­wis­sen­schaft­ler weist nach, daß die Blau­en ins­be­son­de­re durch Fach­ar­bei­ter und Dienst­leis­tungs­ar­beit­neh­mer getra­gen wer­den, gefolgt von Klein­un­ter­neh­mern (Apo­the­ker bis Hand­wer­ker). Er räumt mit der Mär auf, daß auch Solo-Selb­stän­di­ge (denn das sind u.a. Schau­spie­ler bis Muse­ums­re­fe­ren­ten) zur AfD-Kern­kli­en­tel gehö­ren: Bei die­sen lie­ge das stärks­te Wäh­ler­po­ten­zi­al lin­ker Par­tei­en. Pikant ist, daß Haf­fert nach­weist, daß im obe­ren Manage­ment die Bereit­schaft zur AfD-Stimm­ab­ga­be „beson­ders gering aus­fällt“ – ein offen­kun­di­ger Wider­spruch zur Leit­the­se des Sammelbandes.

Anschau­lich zeigt Lukas Haf­fert zudem auf, wie unter­schied­li­che Frak­tio­nen der Rech­ten – von Natio­nal­li­be­ra­len bis Sozi­al­pa­trio­ten – ihre vor­han­de­nen Wider­sprü­che aus­ta­rie­ren könn­ten. Der Schlüs­sel dazu läge in der Unter­schei­dung in „Makers“ und „Takers“: also in jene, „die sich durch har­te Arbeit die Soli­da­ri­tät der Gemein­schaft“ ver­die­nen und in jene, die das eben nicht tun. Bei Grup­pe A sub­su­miert der Autor Unter­neh­mer wie Arbei­ter, in die Grup­pe B ord­net er einen Teil der Migran­ten, aber auch Frak­tio­nen des öffent­li­chen Diens­tes und der herr­schen­den Eli­ten ein. So gelin­ge einer „unglei­chen Koali­ti­on“ auf der Rech­ten ein gewis­ser „Spa­gat“. Das erscheint rea­li­täts­ge­deck­ter als das Zerr­bild eines rechts­li­be­ra­len Poli­ti­ker-Unter­neh­mer-Zwit­ters, der zur deut­schen poli­ti­schen Kul­tur kaum paßt.

Donald Trump oder Sil­vio Ber­lus­co­ni fin­den ihr hie­si­ges Pen­dant auch auf abseh­ba­re Zeit nicht.

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Hein­rich Gei­sel­ber­ger: Oben rechts. Rechts­po­pu­lis­mus als Klas­sen­pro­jekt, Ber­lin 2026. 272 S., 20 € – hier bestel­len

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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