Oben rechts heißt, daß sie sowohl „oben“ in Sachen Einkommens- bzw. Vermögensverteilung stehen als auch „oben“ im Sinne einer rechtselitären Weltsicht. Das Problem an dieser These ist ihre Pauschalität. Zwar stellt der Herausgeber in seiner Einleitung in einer Endnote selbst fest, daß es nicht „das“ Kapital und „die“ herrschende Klasse gebe, „sondern dass diese beiden Hauptklassen sich in weitere Fraktionen mit typischen Lebenssituationen, ökonomischen Interessen und Ideologien gliedern“.
Aber in den folgenden sechs Detailanalysen kommt diese Differenzierung nicht immer auf ihre Kosten: Vielleicht auch deshalb, weil sonst die Leitthese des Bandes – verkürzt gesagt: Großunternehmer machen rechte Politik aus egoistischen und reaktionären Motiven – nicht haltbar wäre, sind es doch hierzulande insbesondere Konzernspitzen und prominente Familienunternehmer, die seit Jahren für einen „Woke Capitalism“ stehen, wie er aus den USA in die BRD schwappte. Leitthese also abgehakt, Buch gleich mit? Mitnichten.
Die einzelnen Forschungsessays sind trotz des Haupteinwandes lehrreich.
Tobias Moorstedt etwa erforscht die Geschichte des Landkreises Hohenlohe: Keine Region in Deutschland zählt pro Einwohner so viele „Hidden Champions“; mehr als 70 sind es aktuell. Moorstedt untersucht vor Ort den aktuellen Widerspruch zwischen hochprofessioneller Wirtschaftsleistung und politischer Verunsicherung. Der Journalist eruiert die Urgründe des Erfolges – der Staat schuf im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft ab den 1950er Jahren den Markt durch Notstandsgebietsausweisung, Infrastrukturaufbau und planerische Maßnahmen – ebenso wie den Alltagsverstand der Einheimischen.
Man könnte dies in die Formel fassen, daß dort, im Fallbeispiel Hohenlohe, keine entortete Ökonomie dominiert, sondern standortgebundenes und dadurch standortverbundenes Unternehmertum der „alten Schule“. Man mag das für antiquiert halten oder nicht. Diese Verwurzelung der Wirtschaft, diese Einbettung in lokale und regionale Identitäten, kreierte eine Form des nachbarschaftlichen Wirtschaftens, das Mentalitäten prägte und ein Vertrauen schaffendes Gegenmodell zur fluiden digitalen Ökonomie darstellt. Hat das Modell Hohenlohe, das auch anderswo seine Äquivalente findet, Zukunft? Diese Frage ist es, was die Menschen tendenziell „nach rechts“ treibt, nicht die Kapitalinteressen „der“ herrschenden Klasse.

Anschaulich zeigt Lukas Haffert zudem auf, wie unterschiedliche Fraktionen der Rechten – von Nationalliberalen bis Sozialpatrioten – ihre vorhandenen Widersprüche austarieren könnten. Der Schlüssel dazu läge in der Unterscheidung in „Makers“ und „Takers“: also in jene, „die sich durch harte Arbeit die Solidarität der Gemeinschaft“ verdienen und in jene, die das eben nicht tun. Bei Gruppe A subsumiert der Autor Unternehmer wie Arbeiter, in die Gruppe B ordnet er einen Teil der Migranten, aber auch Fraktionen des öffentlichen Dienstes und der herrschenden Eliten ein. So gelinge einer „ungleichen Koalition“ auf der Rechten ein gewisser „Spagat“. Das erscheint realitätsgedeckter als das Zerrbild eines rechtsliberalen Politiker-Unternehmer-Zwitters, der zur deutschen politischen Kultur kaum paßt.
Donald Trump oder Silvio Berlusconi finden ihr hiesiges Pendant auch auf absehbare Zeit nicht.
– –
Heinrich Geiselberger: Oben rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt, Berlin 2026. 272 S., 20 € – hier bestellen
