Ich kenne Hättasch als jungen Mann, der sich mit weltanschaulichen Fragen auseinandersetzt, dieser Beschäftigung aber früh den Aufbau eines konkreten Lebens vorgezogen hat: Handwerk, Jagd, Familie, Tierhaltung, Garten, Vereinsleben, Lokalpolitik. Insofern war er kein typischer, aber ein mir sehr sympathischer Besucher der Akademien und Vorträge in Schnellroda.
Der Titel Fangschuß kann doppelt gelesen werden: als den Schuß, der Kurt Hättasch traf, und als das, was der Staat mit diesem Verfahren womöglich beabsichtigt. Welche Lesart stand bei der Titelwahl Pate?
Sie haben beide Lesarten genannt, und beide spielten für die Wahl des doppeldeutigen Titelbegriffs eine Rolle. Wäre es nicht so, hätte das Wortspiel keinen Sinn.
Bleiben wir beim Bild: In der Jägersprache gilt der Fangschuß dem waidwunden Stück und beendet dessen Leiden. Wenn der Staat hier der Schütze ist, wen oder was will er Ihrer Meinung nach zur Strecke bringen? Den einzelnen Mann Kurt Hättasch oder etwas Größeres?
Rechtsanwalt Mandic hat im Nachwort zu Hättaschs Buch die Struktur politischer Prozesse beschrieben, Rechtsanwalt Weckmüller hat während eines Podiumsgesprächs dasselbe ausgeführt (hier geht es zum Mitschnitt dieses Gesprächs): Man statuiert Exempel, man macht eine neue Schublade auf, man bringt Männer, die sich nicht fügen, auf kriminelle Begriffe, man schleift sie durch endlose Prozesse, verbreitet Verhaltensunsicherheit (Ist ein Lagerfeuer samt Nachtwanderung und Lagerwache der Keim einer terroristischen Vereinigung?), bringt Kontaktschuld ins Oppositionelle Lager undsoweiter. Was erlegt dieser Fangschuß? Alles ein bißchen, nichts richtig, eines sicher: Lebensjahre eines deutschen Familienvaters.
Wann beim Lesen der ersten Notizen haben Sie gemerkt: Das ist mehr als ein Konvolut aus der Zelle, das ist ein Buch, das publiziert werden muß?
Das dauerte eine Weile. Viele Leute, die zu schreiben beginnen, halten nicht durch oder sehen, daß sie nicht in der Lage sind, mehr als ein kleines Bier zu zapfen. Bei Hättasch ist das anders: Er hat zu zapfen begonnen, und das Faß ist groß. Als das klar wurde, entstand die Idee zum Buch. Sie entstand aber auch, weil ein Buch verkauft und zu einer sinnvollen, auch finanziellen Solidaritätsaktion werden kann.

Ich las viele Tagebücher von Soldaten, die nicht wußten, wann und ob sie zurückkehren würden. Diejenigen, die schrieben, waren nicht geübt. Aber das, was ihnen widerfuhr, drückte sie so sehr, daß sie es loswerden wollten und mußten. Es war ein Schreiben in Not, eine Suche nach Worten für etwas, das Durchgestanden werden muß. Ich möchte Hättaschs Tagebuch damit vergleichen. Er weiß, daß er zurückkommen wird zu seiner Familie, aber er weiß nicht, wann das sein wird. Er hofft immer wieder, aber die Hoffnung trog schon einige Male. Das notiert er, ehrlich und direkt, nicht kunstvoll und sublimiert. Diesen Stil haben wir im Lektorat bewahrt und herausgehoben.
Sie vergleichen seine Aufzeichnungen mit Tagebüchern von Soldaten, die nicht wußten, ob sie heimkehren würden. Gibt es eine Szene im Buch, die Sie beim Lektorieren besonders beschäftigt hat, weil der Leser darin diesen „Stil in Not” sofort erkennt?
Hättasch hat ein Ende der U‑Haft beantragt, er wäre mit Fußfessel, Reisepaßentzug, täglich zweimaliger Meldung bei der örtlichen Polizei und vielem anderen einverstanden gewesen und wäre es immer noch. Man entließ ihn nicht und zwingt ihn bis heute, Frau und Tochter hinter einer Glasscheibe im Besucherraum zu empfangen und mit ihnen durch eine Sprechanlage Worte zu wechseln – keine Berührung, keine Nähe, kein Geruch, nichts. Er beschreibt das gefaßt, aber man merkt jeder Zeile an, daß er schreien möchte, jemanden Verantwortlichen im anonymen Apparat anschreien, mit Anspruch auf Antwort: Wenn ich so schlimm bin, so gefährlich nicht nur für die ganze Republik, sondern auch für meine Frau und mein Kind – dann legt mir Beweise dafür vor, und zwar sofort, jetzt, denn es müssen gravierende Beweise sein, offensichtliche, offen zu Tage liegende…
Die Entstehung dieses Buches war abenteuerlich: Zunächst wurden die Seiten handschriftlich verfaßt, dann mit der Schreibmaschine getippt. Leserichter und Beamte lasen mit, was Wochen Zeitverzögerung bedeutete. Über die Anwälte wurden die Seiten eingescannt und Blatt für Blatt ins Lektorat gebracht. Haben Sie als Verleger je unter solchen Bedingungen ein Buch gemacht?
Nein, das ist natürlich neu, ist etwas besonderes. Sie erinnern sich an “Bauzeit” von Shlomo, also Aron Pielka? Sein Konvolut kam auch handschriftlich zu uns, in einem Rutsch, nach seiner Entlassung. Die Konvertierung war ebenso aufwendig. Aber: Das war ein Guß, das wurde nicht unter den Augen der Justiz verfaßt, das erschien nicht in einen laufenden Prozeß hinein.
Ein Buch, geschrieben unter den Augen der Justiz: Der Leserichter kannte jede Seite, bevor sie lektoriert wurde. Hat die Tatsache, daß der Staat immer mitliest, dem Text etwas genommen – oder ihm womöglich sogar eine besondere Disziplin und Schärfe verliehen?
Wir haben jeden Satz von den Rechtsanwälten gegenlesen lassen – aber es gibt nichts, was Hättasch nicht hat sagen und schreiben dürfen. Ich denke sogar, er hat recht bald nicht mehr daran gedacht, daß jemand alles liest, bevor es freigegeben wird. Er hat nichts zu verbergen, es gibt keinen doppelten Boden.
Es gibt einen gravierenden Unterschied: Pielka kannte sein Haftende – Hättasch weiß nicht, ob er im Oktober freikommt oder in fünf Jahren. Sie haben diesen Unterschied mit dem zwischen einer Winterübung und dem Krieg verglichen, dessen Ende niemand kennt. Was macht diese Ungewißheit mit einem Menschen – und warum ist es wichtig, daß die Leser das begreifen?
Mir wird manchmal vorgeworfen, ich verwendete zu oft militärische Vergleiche. Aber: Das ist legitim. Ich war Soldat in einer Spezialeinheit und kenne die Anforderung einer wirklich harten Ausbildung. Ich stand sie durch, obwohl ich kein geborener Soldat bin. Das gelang auch, weil ich wußte: Egal wie kalt es ist, wie übermüdet und hungrig und überanstrengt ich bin – in 15, 7, 3, 2 Tagen ist es geschafft. Die seelische Belastung der Ungewißheit bezog sich nie auf die Dauer der Strapaze – sie war bekannt. Einmal, nach dem Ende einer Wochenübung in Dreck und Kälte, mit wenig Schlaf und zermürbender Eintönigkeit marschierten wir auf’s Kasernentor zu – und daran vorbei und wieder hinauf in den Wald, für einen weiteren Tag und eine weitere Nacht. Jeder fünfte Rekrut verweigerte, diese Möglichkeit gab es, sie bedeutete die Versetzung. Als wir zurück in den Wald marschierten, wußten wir nicht: noch ein Tag, noch drei, noch einmal eine ganze Woche? Ich bekam eine Ahnung davon, nur eine Ahnung, was es bedeuten muß, nicht zu wissen, ob es ein halbes Jahr oder drei dauert, und ich ahnte damals und ahne es heute wieder, daß es darauf ankäme, die Seele zu schützen. Kurt Hättasch schützt seine Seele, er muß sie schützen, sonst geht er kaputt. Wir müssen verstehen, was ihm und anderen dabei abverlangt wird.
Daß ein deutscher Verlag inzwischen eine Reihe von Gefängnisliteratur führt, ist für sich genommen schon ein Befund. Was sagt es über den Zustand dieses Landes aus, dass Berichte aus der Haft zu einem eigenen Genre der Opposition werden?
Die Verlags- und Literaturgeschichte ist voll von solchen Beispielen. Daß Antaios nun in dieser Lage ist und diese Aufgabe übernommen hat, stellt unserem Staat ein schlechtes Zeugnis aus. Für uns bedeutet es: Verlegen kann wichtig sein, sehr wichtig sogar.
Der Gewinn des Buches geht vollständig an die Familie und die Anwälte. Das Buch ist also zugleich Dokument und Solidaritätsaktion. Warum ist aus Ihrer Sicht gerade das Buch – und nicht die Demonstration oder der offene Brief – das wirksamste Mittel, um diesem Fall beizustehen?
Ein Buch ist das, was ein Verleger beitragen kann. Es ermöglicht tausenden Lesern eine solidarische Geste. Diese Geste ist keine laute Geste, sondern eine gründliche: Man liest stundenlang und wird manche Szene nicht mehr vergessen. Der Fall ist dadurch auf besondere Weise präsent. Und: Für Kurt Hättasch mag es eine von uns allen nicht einschätzbare seelische Kräftigung sein, daß er mit dem, was er schreibt, tausende Leser erreicht, denen er nicht egal ist, und daß er damit sogar etwas zur Minderung des finanziellen Drucks beitragen kann, der auf der Familie lastet.
Der sächsische AfD-Landesverband hat auf die Verhaftung mit Distanzierung und einem Parteiausschlußverfahren reagiert. Im Gespräch beim Sommerfest in Schnellroda sagte der Verteidiger Dr. Weckmüller: „Zwischen Sich-Distanzieren und Terrorismus-Gutheißen liegt ein weites Feld, das viele erst vermessen lernen müßten.” Warum fällt dem eigenen
Lager Solidarität so schwer – und was muß sich da ändern?
Eine rasche, distanzierende Reaktion zeugt stets von wackeligem Stand und löchriger Verteidigung. Man wartet nicht ab, obwohl man die dreckigen Methoden der Gegner kennt. Man liefert lieber aus, so rasch wie möglich, um selbst aus der Schußlinie zu kommen. Das ist politisch unreif und verkennt, wie rücksichtslos der Gegner nachstößt, wenn er stoßen kann. Anders gesagt: Es gibt natürlich “Rechte”, mit denen man nichts zu tun haben möchte, daraus muß man keinen Hehl machen. Aber niemals sollte man schmutzige Wäsche öffentlich waschen, zweitens niemals rasch reagieren. Man muß prüfen, analysieren, nach dem “cui bono” fragen. Was ist dran? Es gibt AfD-Politiker, die so handeln, die etwas verstanden haben. Der sächsische Landesverband gehört nicht dazu, genauer: diejenigen, die im Namen dieses Landesverbandes agierten. Aber: Wenn nach zwölf Monaten U‑Haft und sechs Monaten Prozeß noch immer nichts, aber auch gar nichts Stichhaltiges vorgelegt wird, dann muß man zugeben: Distanzierung und Parteiausschlußverfahren waren überstürztes Handeln. Und: Was können wir nun für diesen politischen Häftling tun?
Was wünschen Sie sich, daß ein Leser tut, wenn er Fangschuß zugeklappt hat, und was werden Sie als Verleger tun, wenn Kurt Hättasch eines Tages als freier Mann wieder in Schnellroda Veranstaltungen besuchen kann?
Man sollte Hättasch einen Brief schreiben. Man sollte das Buch verschenken und den Bericht dieses Mannes verbreiten. Ich für meinen Teil werde den Gefangenen sehr bald besuchen. Wenn er in Freiheit ist, werde ich abwarten, ob er etwas vorschlägt. Wissen Sie: Es gibt in der Rechten “die Stillen im Lande”. Das sind Leute, die helfen, sorgen, unterstützen, die da sind, ohne Show, ohne Spektakel. Es gibt nicht nur Gefangene, es gibt Männer, die schwer verunglücken. Dann kommen die Stillen, um zu helfen, sehr konkret, als Freunde und aus dem besten Antrieb, den wir haben: Solidarität. Ein Verleger hat leider oft die große Tuba zu blasen. Aber so, wie ich Hättasch kenne, sehnt er sich nach dem Zirpen am Rande der Wiese an einem Sommerabend hinter seinem Haus. Wenn er wieder dort ist, sollten wir ihn nicht stören.
Ein schönes Schlußbild: Wenn Hättasch wieder daheim ist, soll man ihn nicht stören. Sie werden ihn vorher noch in Haft besuchen. Was sagt man einem Mann durch eine Glasscheibe hindurch, dem man nicht die Hand geben darf?
Gibt es etwas, das wir für Dich tun können? Und: Halte durch!
(Dieses Gespräch führte das Magazin Freilich vor einer Woche. Die Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung.)
– –
Fangschuß. Notizen aus der U‑Haft kann und sollte man hier bestellen. Die 2., unveränderte Auflage wird bereits gedruckt.
Mitleser2
Ekelhafte politische Justiz. Die linke Durchseuchung ist ein großes Problem, und wird es auch bleiben, selbst wenn AfD-Landesregierungen gelingen sollten. Staatsanwälten kann man dann Weisungen geben (was natürlich prinzipiell falsch ist), linken Richtern aber nicht.