Das sind Zahlen, die man noch vor 25 Jahren nach einer gut geschriebenen FAZ-Rezension absetzen konnte, und zwar ohne Verlinkung. Man hätte es aber damals nur dann machen können, wenn man als Verlag bei einem der drei relevanten Grossisten (Libri, KNV, Umbreit) gelistet, also in dessen Sortiment und Datenbank für jeden Buchhändler auffindbar gewesen wäre.
Antaios ist bei keinem dieser drei Grossisten mehr gelistet, die Kündigungen erfolgten schon vor Jahren ohne Angabe von Gründen. Das Heerlager der Heiligen kann also über den Buchhandel nicht ohne weiteres bestellt werden – eine Über-Nacht-Lieferung ist dorthin seit der Streichung sowieso völlig ausgeschlossen.
Der Wettbewerbsnachteil im Ringen um Leser und Präsenz (über den ich mich nicht beklage, den ich hiermit aber wieder einmal konstatiere) ist für einen Verlag mit metapolitischem Anspruch eine ernste Sache. Es geht im “erweiterten Verlegertum” nicht nur um den Broterwerb, sondern auch um weltanschaulichen Einfluß.
Der eigene, über Jahre professionell aufgebaute Versand und die zuverlässigen Zweitverkäufer kompensieren die Benachteiligung nicht vollständig. Die partielle Unsichtbarkeit ist für einen Verlag also kein Pappenstiel, und die direkte Verlinkung ist aus diesem Grund wie ein offenes Türchen in einer Brandmauer.
Dieses Türchen hat der ehemalige Welt-Journalist Robin Alexander bemerkt. Er spricht darüber mit seiner Kollegin Dagmar Rosenfeld im Podcast “Machtwechsel” (hier ab Minute 24.30) , den sie zusammen seit 2021 betreiben, und mißt der Empfehlung des Heerlagers durch Martenstein ein größeres Gewicht bei als weiteren eroberten zwei Prozentpunkten für die AfD bei einer Landtagswahl.
Um dies zu begründen, holt Alexander weit aus und beschreibt die Empfehlung durch Martenstein als Ergebnis eines strategischen Handelns, mit dem mein Verlag früh begonnen habe. Drei Phasen erkennt er:
1. Bis zur Gründung der AfD habe Antaios Schulungen in gutem Benehmen für Dorfnazis angeboten.
2. Mit Gründung der AfD sei man auf Kaperfahrt gegangen und habe mit Wucht und Skrupellosigkeit die AfD jenen eurokritischen Professoren, die sie gegründet hatten, aus der Hand gewunden und zu einem dezidiert neurechten Projekt gemacht.
3. Seither habe Antaios mit Eselsgeduld einen Bohrer nach dem anderen angesetzt, um durch die Brandmauer im Feuilleton zu stoßen und Dinge an Stellen zu plazieren, wo sie zuvor nicht waren.
Das alles stimmt. Nur die lässige Beschreibung von Phase 1 bedarf einer Korrektur: Der Schulungsansatz der Neuen Rechten setzte nicht bei Dorfnazis an, sondern beim gebildeten Teil jener Jahrgänge, die in Oberstufe und Universität eine Gedankenwelt rechts der Mitte nicht antrafen und sich auf die Suche danach begaben. Das waren im Verlauf der letzten 25 Jahre ein paar Tausend, und ein paar Hundert davon arbeiten mittlerweile in Verlagen, Medienhäusern, bei der AfD. Fünf Dutzend sind Mandatsträger.
Ich bin davon überzeugt, daß viele Verlage und viele Publizisten (auch solche vom Schlage Robin Alexanders) viel dafür geben würden, wenn auch sie stundenlang von einem Aufbruch und Aufbau erzählen könnten, wie Antaios ihn meisterte. Fast alles war neu, erstmals, einmalig, und es verdichtete sich von Jahr zu Jahr, und diese Verdichtung war zugleich eine Suche und ein Abwarten.
Denn das, was über die neurechte Szene, die eine Nische war, hinausführen konnte, mußte aus der Mitte kommen, und es kam.
Manche Beobachter der Szene sind bis heute der Meinung, als sei es nicht legitim gewesen, die AfD 2015 zu kapern. Indes: Warum sollte es nicht statthaft gewesen sein? Es funktionierte, weil tausende AfD-Mitglieder sehr rasch begriffen, daß Luckes Angebot zu schmal sei und daß viel mehr notwendig werden würde.
Um das zu sehen, mußte man keinen Gramsci gelesen haben (hatte auch keiner), sondern aktuelleres, etwas aus der jüngeren Geschichte der BRD, aus der Hochphase der Neuen Linken. Drei Vorbilder, drei Studienobjekte: Wenn wir etwas getan haben, dann genau zu analysieren und nach der Lektüre die Prozesse zu verinnerlichen:
Da war zum einen die Übernahme der großen, per se konservativen, heimatverbundenen Pfadfinderbünde und bündischen Gruppen durch linke, sozialistische Gruppen. Die Beschäftigung damit lag nahe: Man war ja selbst auch bündisch. Die Lektüre war in diesem Bereich spärlich, sehr viel ergiebiger waren Gespräche mit Zeitzeugen – Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre lief das ab.
Prominenter war die Kaperung der frühen Grünen durch K‑Gruppen rund um Fischer, Trittin, Ströbele und andere. Die grünen Impulse aus der Union waren stets gebunden gewesen an Heimatschutz, Landschaftsschutz, regionale Verortung und Antiglobalismus. Gegen dieses unbedarft Graswurzelige hatten die kommunistisch geschulten Kader leichtes Spiel. Die Literaturlage war satt, die Gespräche mit Rabehl, Maschke, Springmann, Gruhl sehr ergiebig.
Wichtig war zuletzt das Studium der Durchdringung von Universitäten und Lehrerverbänden mit linksradikalen pädagogischen Ansätzen und Lehrsätzen. Drei Vorlesungen bei Wolfgang Klafki, einige bei Micha Brumlik und seiner pädagogischen Assistentin Sabine Andresen (heute Professorin in Frankfurt/Main), daneben die Hilflosigkeit von Christa Meves – das ersetzte einen halben Regalmeter Analyse. Man stand fassungslos vor der naiven Netzwerkpolitik konservativer Professoren, vor ihrer selbstmörderischen Großzügigkeit, wenn es darum ging, dezidiert linke Bewerber in Ämter heben zu helfen.
Was also? Sollten wir, als es 2014, 2015 endlich soweit war, mit demselben konservativ-vornehmen Skrupel zusehen, wie etwas, das rechts hätte sein können, liberalkonservativ stehenblieb? Es ist völlig unerheblich, ob in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg die AfD trotz oder wegen dieser eindeutigen Kursvorgabe nach rechts so erfolgreich ist und sogar bundesweit alle anderen weit abgehängt hat. Sie ist da, sie ist rechts, sie greift nach der Macht, und Millionen Wähler wollen nichts anderes als einen Machtwechsel, also: diesen Machtwechsel.
Wieviel am Ende von der weltanschaulichen Grundsätzlichkeit übriggeblieben sein wird, wenn eine Weile regiert worden ist, das weiß keiner. Das ursprünglich Liberalkonservative hätte jedenfalls nur etwas Nicht-Spürbares nach sich gezogen.
Spürbar ist jetzt schon das, was später in Rückblicken letztlich als das maximal Erreichbare beschrieben werden wird: In Deutschland bildet sich ein großes, weltanschaulich alternatives, bisher nicht vorhandenes Milieu heraus, das in anderthalb Jahrzehnten eine Partei, Verlage, Projekte, Institutionen, Medien, Häuser, Lehrstühle, Vereine, Stiftungen, Unternehmer- und Arbeiterverbände und Segmente einer rekonstruierten Gläubigkeit umfassen wird. Dieses Milieu wird Architekten, Künstler, Lehrer, Musiker, Politiker, Minister, Publizisten, Polizisten, Bürgermeister hervorbringen und sichtbar und wirkmächtig sein.
Wir werden auf dem Weg dorthin Auseinandersetzungen zwischen rechten Fundis und rechten Realos erleben, aber rechts werden sie alle sein. Das politische System der BRD wird ergänzt worden sein. Harald Martenstein wird noch etliche Male sympathisiert, Robin Alexander noch in dutzenden Folgen seines Podcasts darüber geredet haben, wie es so weit hat kommen können. Dabei weiß er es doch: So fühlen sich Machtwechsel an, exakter vermutlich Machtbeteiligungen. Nichts ist normaler für das ins abnormale abgerutschte Deutschland.
Beta Jas
Man hat den Eindruck, dass sich alle gegenseitig beobachten – besonders, wenn man es mit einem linken Journalisten zu tun hat, der genau darauf achtet, was die prägenden Köpfe die nicht mehr so links sind, schreiben und was beispielsweise Martenstein an Büchern empfiehlt. Ich besitze das Buch und finde es allenfalls aus einer prophetischen Perspektive aufschlussreich. Ein paar Stellen stören allerdings, vor allem die vulgäre Sprache. Ich empfehle es privat aber dennoch regelmäßig!
Wenn Robin Alexander den „Dorfnazi“ aber zitiert, der mit seiner Hässlichkeit in Skinhead-Kleidung oder einfach wie Christian Worch aussehend, eine Zumutung ist; sollten sich tatsächlich alle fragen, woher diese Krankheit im politischen Auftreten kommt. Wer nicht einmal in der Lage ist, sein eigenes Äußeres nach traditionellen Maßstäben zu pflegen – mit gepflegtem Auftreten, ordentlicher Kleidung, niveauvolle Sprache –, dem traut man erst recht nicht zu, politisch Verantwortung zu übernehmen oder irgendetwas im Land zu verändern. Mit solchen Menschen im Volk, wird der Machtwechsel ein Klotz am Bein haben, das waren sie schon in den frühen 90ern!