von Konrad Markward Weiß –
Am 5. Juli 2025 hätte Jean Raspail seinen 100. Geburtstag begangen. Der stolze Franzose war Abenteurer und Verteidiger verlorener Sachen, traditioneller Katholik, royalistischer Grandseigneur und Generalkonsul des imaginären Königreichs Patagonien, Erforscher entlegenster Weltgegenden und natürlich Schriftsteller.
Er veröffentlichte im Verlauf seines langen und außergewöhnlichen Lebens über vierzig Bücher, fast ausschließlich Romane. Sein mit Abstand berühmtester und wirkmächtigster, Das Heerlager der Heiligen (dt. in der Neuübertragung von Martin Lichtmesz 2015 bei Antaios), führte dazu, daß Raspail als politischer Autor wahrgenommen wurde, obwohl er sich selbst nicht als solchen sah.
Die Leitmotive seines Schrifttums und seine persönliche Haltung im Leben zeigen einen außerordentlichen Gleichklang. Deshalb, und weil sich der Romancier stets der Ausdeutung und Zerredung seines Werkes verweigerte, wollen wir bei der Betrachtung des »politischen« Raspails auf Interpretationen verzichten und uns auf seine Biographie und auf Zitate aus seinem Werk sowie aus mündlichen Stellungnahmen beschränken.
1925 geboren, erlebte Raspail um den Zweiten Weltkrieg den Übergang von der Kindheit zur Jugend und zum Erwachsenenalter – und das militärische und moralische Debakel Frankreichs, allesamt in Die blaue Insel (dt. 2018 bei Antaios) schonungslos uneitel geschildert. Hinsichtlich seiner Zukunft noch wenig orientiert, folgte 1949 »ein Abenteuer, das über meine Existenz entschieden hat«, als der junge Jean mit dem Kanu und rudimentärer Ausrüstung 4500 Kilometer über den Sankt-Lorenz-Strom, die Großen Seen und den Mississippi bis zu dessen Mündung paddelte und so die einstigen französischen Besitzungen durchquerte.
»Unser Patriotismus war damals in einer Krise, wir wollten etwas Schönes und Französisches machen«, bekannte Raspail später – und erlag damals der lebenslangen Faszination für die Ferne und einer Liebe zu Kleinstvölkern und erlöschenden Lebensweisen, die ihn bald rund um Welt führten; ihnen setzte er mit Die Axt aus der Steppe (dt. 2020 bei Karolinger) ein Denkmal, dort bekannte er:
Ich sehne von ganzem Herzen eine Vervielfachung der Grenzen ad infinitum herbei, in deren Schutz die so kostbaren Unterschiede aufhören könnten zu schwinden
– denn rund um die Welt hatte er den Verlust der Identität als Todeskeim wahrgenommen.
Zurück in Frankreich fand er diesen auch dort vor. Anders als die heutigen fernstenliebenden, aber heimatvergessenen Berufsabenteurer, ließ Raspail sein donnerndes Heerlager der Heiligen folgen, in dem er schon 1973 Feigheit und Versagen der »Eliten« samt deren »Neusprech« von 2015 ff. vorwegnahm. Die Ächtung durch den Mainstream folgte auf dem Fuße. Schon im Heerlager finden sich Raspails Leitmotive, darunter die Verteidigung des Eigenen, die kleine Schar, das Eintreten für die verlorene Sache und die Generationenkette.
Dazu kam ein sich allmählich entwickelndes Stammpersonal an Figuren:
Kanaillen gibt es genug, und ich habe keine Lust, über solche auch noch zu schreiben. Ich will mich mit aufrechten Charakteren umgeben
und: »Wie es sich findet, sind diese Charaktere oft deutsch.« Es drängt sich die bange Frage auf: Entspringt Raspails Zuneigung zu deutschen Landen womöglich seiner Liebe zu verlorenen Sachen? In seiner Liebe zur »romantischen Konzeption« und kleinteiligen Vielfalt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation sowie Österreich-Ungarns sind jedenfalls zwei weitere seiner Leitsterne enthalten: erstens, geballt im Ring des Fischers (dt. 2017 bei Antaios), der Katholizismus in der vorkonziliaren Form, also eigentlichen Form, heute hochpolitisch aufgeladen, und zweitens das Königtum: Martin Lichtmesz schrieb treffend, daß Raspails Status als »Fabeltier« neben seinem Prophetentum und hohen Alter auch darin begründet lag, daß er durch dieses Königtum eine lebendige Verbindung in das alte, traditionelle Frankreich verkörperte.
In Sire (dt. 2013 bei nova & vetera) finden sich Raspails royalistische Gesinnung und sein Glaube an die Wichtigkeit der Haltung verdichtet. Aus dieser resultiert auch seine Begeisterung für Antoine de Tounens, einen französischen Provinzadvokaten des 19. Jahrhunderts, der sein tragisches Leben der fixen Idee geweiht hatte, die bedrängten Eingeborenenstämme in Patagonien und Araukanien unter seinem Königtum zu vereinen und zu befreien.
Daraus resultierte das Spiel mit dem imaginären Königreich Patagonien, dessen Nationalität Raspail als »Generalkonsul« mehreren tausend »Staatsbürgerschaftsbewerbern« verlieh. Mit ihrem Antrag um diese »Ersatznationalität« brachten diese implizit ihre Enttäuschung über die Verhältnisse in ihren eigentlichen Herkunftsländern zum Ausdruck und damit auch eine politische Haltung, die sich vor allem in Frankreich in einem so entstandenen »patagonischen« Milieu kristallisiert.
Und in Der König jenseits des Meeres (dt. 2020 bei Antaios) erteilt der Schriftsteller einem imaginären jungen König einen Rat, den Raspail selbst stets verkörpert hat:
Wenn man eine fast verlorene Sache vertritt, muß man ins Horn stoßen, aufs Pferd springen und einen letzten Ausfall wagen!
Als der Schriftsteller am 13. Juni 2020 im 95. Lebensjahr starb, geschah dies symbolträchtigerweise in der Zeit einiger der schlimmsten Bluttaten muslimischer »Flüchtlinge« in Frankreich, die auf offener Straße, aber auch in der Kathedrale von Nizza mehrere Menschen enthaupteten, jeweils begleitet vom Ruf »Allahu akbar!«; und es war um den Höhepunkt der weißen »Black Lives Matter«-Massenhysterie, so daß die Lektüre Raspails in der Nacht vor seinem Tod wieder einmal auf gespenstische Weise prophetische Züge annahm: »Der eigentliche Feind findet sich immer hinter den eigenen Linien, niemals davor.« Nicht von ungefähr läßt Raspail im Heerlager eine Hauptfigur nicht etwa auf die Invasoren, sondern auf deren einheimische Kollaborateure schießen.
Diese Verwerfungen hatte der Schriftsteller lange vorausgesehen und ebenso unermüdlich wie letztlich vergeblich davor gewarnt, war dennoch weiter mit heiterer Gelassenheit für seine Überzeugungen eingestanden und hatte damit vielleicht eine Handlungs- und Haltungsanweisung für die Drangsal dieser und kommender Tage gegeben.
Immer wieder die Haltung: »Haltung ist fundamental. Das ist es, was für mich den Menschen ausmacht« – und weil die Haltung immer Sache des einzelnen ist, geht mit Raspails Glaube an ihre überragende Bedeutung die Absage an jede Art der Vermassung einher. Daß schließlich Raspails Eintreten für die Verteidigung des Eigenen in einer Epoche unaufhörlich wachsender Autoaggressivität des Abendlandes gegen das Eigene erfolgte, macht diese vermeintliche Selbstverständlichkeit zur hochpolitischen Stellungnahme eines vermeintlich unpolitischen Autors.
Dieser hatte freilich einen kurzen Ausflug in die Real- bzw. Parteipolitik unternommen und den 1974 gegründeten Parti des forces nouvelles unterstützt sowie in dessen von Alain de Benoist inspiriertem Organ Initiatives publiziert. Schon 1977 verließ Raspail die Partei wieder und begründete dies in Initiatives treuherzig:
Ich schreibe, um gelesen zu werden. Ich schreibe nicht für mich, sondern für die anderen. Ein Schriftsteller hat eine Mission. Was ist die Mission eines Schriftstellers ohne Leser? Wer macht Leserzahlen? Presse, Kritiker, Fernsehen, Literaturpreise
Dahinter Opportunismus zu vermuten wäre ungerecht: Raspail war im Zuge der Veröffentlichung des Heerlagers sozusagen im Handstreich »gekeilt« worden und politischer Aktivismus für den Schriftsteller schlicht nicht das richtige Betätigungsfeld, der obendrein die Realisierung seines recht spät begonnenen Romanwerkes bedroht hätte.
In seinem Werk und außerhalb war Raspail in politischer Hinsicht undogmatisch: Im Ring des Fischers schildert er, gleichwohl traditioneller Katholik, streckenweise geradezu zärtlich die teils realen, teils fortgesponnenen Fährnisse der Gegenpäpste infolge des Abendländischen Schismas.
Und ein Nachruf auf Raspail in der katholischen Tagespost, der eine angeblich zu Unrecht erfolgte Vereinnahmung des Verstorbenen durch die Rechte, namentlich durch den Verlag Antaios und die Sezession, moniert – da Raspail doch Royalist und damit keineswegs ein Rechter gewesen sei –, offenbart lediglich eine erstaunliche Unkenntnis des Schreibers hinsichtlich seines Themas: Raspail hatte im persönlichen Gespräch wiederholt bekannt, zwar die Wiederkehr eines Königs zu wünschen, aber in Ermangelung einer realistischen entsprechenden Perspektive bei Wahlen selbstverständlich Front bzw. Rassemblement national zu wählen.
Auf die diskrete Offenbarung politischer Präferenzen im vertrauten Kreise beschränkte sich der Großromancier jedoch nicht. Viele seiner mündlichen Stellungnahmen im Radio und im Fernsehen sind von einer Deutlichkeit, die unter Schriftstellern, die nicht völlig mit jeder Wahrnehmung durch den Mainstream gebrochen haben, ohnegleichen sind:
Nationen wurden aus identischen oder sehr nahen Populationen gebildet. Nationen sind kein Obstsalat.Wenn man ein Land führt, darf man nicht zögern, hart und grausam zu sein, wenn man es retten will.
Oder:
In manchen Fällen könnte man die Einwanderer zurückschicken, doch wird behauptet, eine derartig große Zahl – das wäre unmöglich. Wir wissen aber, daß es nach dem Zweiten Weltkrieg riesige Transfers von Polen und Deutschen gab. Man muß sich nur dazu entschließen.
Und:
Renaud Camus hatte recht mit dem Großen Austausch; dazu kommt der Austausch im Kopf, aus dem man alle Gedanken, die uns verteidigen könnten, nach und nach evakuiert.
So geraten wir unweigerlich zurück zum Heerlager, das Raspail 1972 in Boulouris an der Côte d’Azur niederschrieb, wo der erste Satz »wie immer ganz von selbst« kam, beim Blick auf eine liebliche Mittelmeerbucht: »Und wenn sie kommen würden?« Alles andere folgte, »ohne Studien, ohne Überlegungen; die Abfassung war ebenso leicht wie erschöpfend«.
Sie, das sind eine Million Inder, die auf schrottreifen Schiffen langsam näher kommen und schließlich in Frankreich stranden, das, gelähmt durch die ununterbrochene Indoktrinierung mit bedingungsloser Fernstenliebe, in der »Willkommenskultur« kapituliert.
Und die von Raspail 1972 vorausgesehene Willkommenskultur entspricht bis in Details der realen von 2015, mit einer wesentlichen Ausnahme: Im Heerlager ist es ein charismatischer Anführer, der seine eigenen Leute dem gelobten Land aufzwingt; 2015 war es eine völlig uncharismatische Bundeskanzlerin, die die Fremden ins gelobte Land gebeten hat.
Nur noch ein Beispiel von vielen für Raspails Prophetismus: Im Heerlager eilt ein abgefallener progressiver Priester an den nämlichen Strand, um »eine Million Christusse« willkommen zu heißen; in der »Black Lives Matter«-Realität veröffentlichte ein katholischer Priester mit enormer medialer Resonanz eine Version der Pietà, in der nicht Christus, sondern George Floyd im Schoß der Muttergottes lag.
Als einige Jahre nach Veröffentlichung des Heerlagers in exakt jener Bucht, die Raspail bei dessen Niederschrift vor Augen hatte, tatsächlich ein schrottreifer Kahn mit Hunderten Migranten auf den Strand lief, begann der Verfolgungsdruck gegen den Schriftsteller nachzulassen: Selbst ein Journalist des linksliberalen Le Monde räumte ein, daß man »aufhören muß, Jean Raspail zu schmähen – er hatte recht.« Dieser legte nach, etwa in »Big Other«, dem vielbeachteten Vorwort zur französischen Neuauflage des Heerlagers von 2011, einem Schlüsseltext hinsichtlich des politischen Raspails:
Eine letzte Salve wurde 2010 vom Minister Eric Besson abgefeuert: Frankreich ist weder ein Volk noch eine Sprache noch ein geographisches Gebiet noch eine Religion, sondern ein Konglomerat aus Völkern, die zusammenleben wollen. Es gibt keine angestammten Franzosen; es gibt nur Mischlingsfranzosen.
Treppenwitz: Besson war seinerzeit Minister ausgerechnet für »nationale Identität«; Überwitz: unter Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der seine Wahl dem Posieren als nationalkonservativer Anpacker verdankte.
In derartige Figuren setze Raspail schon lange vor seinem Tod keine Hoffnungen mehr. Er sprach schon früh von ségrégation, bewirkt durch jene Ausweichbewegung, die in den Vereinigten Staaten als white flight bezeichnet wird und die auch in Frankreich inzwischen eingesetzt hat. Vielleicht werde Frankreich letztlich aus einzelnen isolats neu entstehen, also aus isolierten sozialen »Ökosystemen«.
Als womöglich zunächst skurril anmutendes, aber »sehr starkes« Beispiel dafür, das auch von seinen Betreibern als isolat betrachtet werden dürfte, nannte Raspail den historischen Themenpark »Puy du Fou«, um den inzwischen ein regelrechter Mikrokosmos entstanden ist, der einen kleinen Exkurs verdient.
Der Themenpark war vom im besten Sinne rechtskonservativen Politiker und Publizisten Philippe de Villiers im Herzen der Vendée begründet worden und zählt inzwischen mehrere Millionen Besucher pro Jahr. Dort werden in verschiedenen spektakulären Aufführungen vor aufwendigen Kulissen von Tausenden Darstellern Schlüsselepisoden aus der Geschichte Frankreichs in ein positives Licht gerückt.
Um ein realistisches Bild von der politischen Tendenz zu erhalten, ist auf Wikipedia Verlaß – wie so oft allerdings nur, wenn man zwischen den Zeilen liest:
Der Freizeitpark Puy du Fou ist in Frankreich umstritten und wird von zahlreichen Historikern für seine ideologisch geprägte Darstellung der Geschichte, insbesondere der Vendée-Kriege, kritisiert. Experten […] werfen dem Park eine verfälschende, gegenrevolutionäre Geschichtsinterpretation vor, die eine romantisierte, religiös-nationalistische Erzählung propagiert.
Das Heil aus dem Freizeitpark also? Und insgesamt der Befund, daß »eine gewisse Vornehmheit im Beharren« liege, wie es am Ende der Axt heißt, als resignative Quintessenz der Raspailschen Weltanschauung? Die Antwort gibt Jean Raspail selbst, am Ende von Der König jenseits des Meeres:
Wenn man mich liest, könnte man meinen, daß Ihr für die Vergangenheit steht. Ist es nicht im Gegenteil die Zukunft, die Ihr ankündigt? Im Angesicht der voranschreitenden neuen Welt›ordnung‹: die Pflicht zum Aufstand!