Raspail, politisch, hundert

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Kon­rad Mark­ward Weiß –

Am 5. Juli 2025 hät­te Jean Ras­pail sei­nen 100. Geburts­tag began­gen. Der stol­ze Fran­zo­se war Aben­teu­rer und Ver­tei­di­ger ver­lo­re­ner Sachen, tra­di­tio­nel­ler Katho­lik, roya­lis­ti­scher Grand­sei­gneur und Gene­ral­kon­sul des ima­gi­nä­ren König­reichs Pata­go­ni­en, Erfor­scher ent­le­gens­ter Welt­ge­gen­den und natür­lich Schriftsteller.

Er ver­öf­fent­lich­te im Ver­lauf sei­nes lan­gen und außer­ge­wöhn­li­chen Lebens über vier­zig Bücher, fast aus­schließ­lich Roma­ne. Sein mit Abstand berühm­tes­ter und wirk­mäch­tigs­ter, Das Heer­la­ger der Hei­li­gen (dt. in der Neu­über­tra­gung von Mar­tin Licht­mesz 2015 bei Antai­os), führ­te dazu, daß Ras­pail als poli­ti­scher Autor wahr­ge­nom­men wur­de, obwohl er sich selbst nicht als sol­chen sah.

Die Leit­mo­ti­ve sei­nes Schrift­tums und sei­ne per­sön­li­che Hal­tung im Leben zei­gen einen außer­or­dent­li­chen Gleich­klang. Des­halb, und weil sich der Roman­cier stets der Aus­deu­tung und Zer­re­dung sei­nes Wer­kes ver­wei­ger­te, wol­len wir bei der Betrach­tung des »poli­ti­schen« Ras­pails auf Inter­pre­ta­tio­nen ver­zich­ten und uns auf sei­ne Bio­gra­phie und auf Zita­te aus sei­nem Werk sowie aus münd­li­chen Stel­lung­nah­men beschränken.

1925 gebo­ren, erleb­te Ras­pail um den Zwei­ten Welt­krieg den Über­gang von der Kind­heit zur Jugend und zum Erwach­se­nen­al­ter – und das mili­tä­ri­sche und mora­li­sche Deba­kel Frank­reichs, alle­samt in Die blaue Insel (dt. 2018 bei Antai­os) scho­nungs­los unei­tel geschil­dert. Hin­sicht­lich sei­ner Zukunft noch wenig ori­en­tiert, folg­te 1949 »ein Aben­teu­er, das über mei­ne Exis­tenz ent­schie­den hat«, als der jun­ge Jean mit dem Kanu und rudi­men­tä­rer Aus­rüs­tung 4500 Kilo­me­ter über den Sankt-Lorenz-Strom, die Gro­ßen Seen und den Mis­sis­sip­pi bis zu des­sen Mün­dung pad­del­te und so die eins­ti­gen fran­zö­si­schen Besit­zun­gen durchquerte.

»Unser Patrio­tis­mus war damals in einer Kri­se, wir woll­ten etwas Schö­nes und Fran­zö­si­sches machen«, bekann­te Ras­pail spä­ter – und erlag damals der lebens­lan­gen Fas­zi­na­ti­on für die Fer­ne und einer Lie­be zu Kleinst­völ­kern und erlö­schen­den Lebens­wei­sen, die ihn bald rund um Welt führ­ten; ihnen setz­te er mit Die Axt aus der Step­pe (dt. 2020 bei Karo­lin­ger) ein Denk­mal, dort bekann­te er:

Ich seh­ne von gan­zem Her­zen eine Ver­viel­fa­chung der Gren­zen ad infi­ni­tum her­bei, in deren Schutz die so kost­ba­ren Unter­schie­de auf­hö­ren könn­ten zu schwinden

– denn rund um die Welt hat­te er den Ver­lust der Iden­ti­tät als Todes­keim wahrgenommen.

Zurück in Frank­reich fand er die­sen auch dort vor. Anders als die heu­ti­gen ferns­ten­lie­ben­den, aber hei­mat­ver­ges­se­nen Berufs­aben­teu­rer, ließ Ras­pail sein don­nern­des Heer­la­ger der Hei­li­gen fol­gen, in dem er schon 1973 Feig­heit und Ver­sa­gen der »Eli­ten« samt deren »Neu­sprech« von 2015 ff. vor­weg­nahm. Die Äch­tung durch den Main­stream folg­te auf dem Fuße. Schon im Heer­la­ger fin­den sich Ras­pails Leit­mo­ti­ve, dar­un­ter die Ver­tei­di­gung des Eige­nen, die klei­ne Schar, das Ein­tre­ten für die ver­lo­re­ne Sache und die Generationenkette.

Dazu kam ein sich all­mäh­lich ent­wi­ckeln­des Stamm­per­so­nal an Figuren:

Kanail­len gibt es genug, und ich habe kei­ne Lust, über sol­che auch noch zu schrei­ben. Ich will mich mit auf­rech­ten Cha­rak­te­ren umgeben

und: »Wie es sich fin­det, sind die­se Cha­rak­te­re oft deutsch.« Es drängt sich die ban­ge Fra­ge auf: Ent­springt Ras­pails Zunei­gung zu deut­schen Lan­den womög­lich sei­ner Lie­be zu ver­lo­re­nen Sachen? In sei­ner Lie­be zur »roman­ti­schen Kon­zep­ti­on« und klein­tei­li­gen Viel­falt des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches Deut­scher Nati­on sowie Öster­reich-Ungarns sind jeden­falls zwei wei­te­re sei­ner Leit­ster­ne ent­hal­ten: ers­tens, geballt im Ring des Fischers (dt. 2017 bei Antai­os), der Katho­li­zis­mus in der vor­kon­zi­lia­ren Form, also eigent­li­chen Form, heu­te hoch­po­li­tisch auf­ge­la­den, und zwei­tens das König­tum: Mar­tin Licht­mesz schrieb tref­fend, daß Ras­pails Sta­tus als »Fabel­tier« neben sei­nem Pro­phe­ten­tum und hohen Alter auch dar­in begrün­det lag, daß er durch die­ses König­tum eine leben­di­ge Ver­bin­dung in das alte, tra­di­tio­nel­le Frank­reich verkörperte.

In Sire (dt. 2013 bei nova & vete­ra) fin­den sich Ras­pails roya­lis­ti­sche Gesin­nung und sein Glau­be an die Wich­tig­keit der Hal­tung ver­dich­tet. Aus die­ser resul­tiert auch sei­ne Begeis­te­rung für Antoine de Tounens, einen fran­zö­si­schen Pro­vinz­ad­vo­ka­ten des 19. Jahr­hun­derts, der sein tra­gi­sches Leben der fixen Idee geweiht hat­te, die bedräng­ten Ein­ge­bo­re­nen­stäm­me in Pata­go­ni­en und Arau­ka­ni­en unter sei­nem König­tum zu ver­ei­nen und zu befreien.

Dar­aus resul­tier­te das Spiel mit dem ima­gi­nä­ren König­reich Pata­go­ni­en, des­sen Natio­na­li­tät Ras­pail als »Gene­ral­kon­sul« meh­re­ren tau­send »Staats­bür­ger­schafts­be­wer­bern« ver­lieh. Mit ihrem Antrag um die­se »Ersatz­na­tio­na­li­tät« brach­ten die­se impli­zit ihre Ent­täu­schung über die Ver­hält­nis­se in ihren eigent­li­chen Her­kunfts­län­dern zum Aus­druck und damit auch eine poli­ti­sche Hal­tung, die sich vor allem in Frank­reich in einem so ent­stan­de­nen »pata­go­ni­schen« Milieu kristallisiert.

Und in Der König jen­seits des Mee­res (dt. 2020 bei Antai­os) erteilt der Schrift­stel­ler einem ima­gi­nä­ren jun­gen König einen Rat, den Ras­pail selbst stets ver­kör­pert hat:

Wenn man eine fast ver­lo­re­ne Sache ver­tritt, muß man ins Horn sto­ßen, aufs Pferd sprin­gen und einen letz­ten Aus­fall wagen!

Als der Schrift­stel­ler am 13. Juni 2020 im 95. Lebens­jahr starb, geschah dies sym­bol­träch­ti­ger­wei­se in der Zeit eini­ger der schlimms­ten Blut­ta­ten mus­li­mi­scher »Flücht­lin­ge« in Frank­reich, die auf offe­ner Stra­ße, aber auch in der Kathe­dra­le von Niz­za meh­re­re Men­schen ent­haup­te­ten, jeweils beglei­tet vom Ruf »Alla­hu akbar!«; und es war um den Höhe­punkt der wei­ßen »Black Lives Matter«-Massenhysterie, so daß die Lek­tü­re Ras­pails in der Nacht vor sei­nem Tod wie­der ein­mal auf gespens­ti­sche Wei­se pro­phe­ti­sche Züge annahm: »Der eigent­li­che Feind fin­det sich immer hin­ter den eige­nen Lini­en, nie­mals davor.« Nicht von unge­fähr läßt Ras­pail im Heer­la­ger eine Haupt­fi­gur nicht etwa auf die Inva­so­ren, son­dern auf deren ein­hei­mi­sche Kol­la­bo­ra­teu­re schießen.

Die­se Ver­wer­fun­gen hat­te der Schrift­stel­ler lan­ge vor­aus­ge­se­hen und eben­so uner­müd­lich wie letzt­lich ver­geb­lich davor gewarnt, war den­noch wei­ter mit hei­te­rer Gelas­sen­heit für sei­ne Über­zeu­gun­gen ein­ge­stan­den und hat­te damit viel­leicht eine Hand­lungs- und Hal­tungs­an­wei­sung für die Drang­sal die­ser und kom­men­der Tage gegeben. 

Immer wie­der die Hal­tung: »Hal­tung ist fun­da­men­tal. Das ist es, was für mich den Men­schen aus­macht« – und weil die Hal­tung immer Sache des ein­zel­nen ist, geht mit Ras­pails Glau­be an ihre über­ra­gen­de Bedeu­tung die Absa­ge an jede Art der Ver­mas­sung ein­her. Daß schließ­lich Ras­pails Ein­tre­ten für die Ver­tei­di­gung des Eige­nen in einer Epo­che unauf­hör­lich wach­sen­der Auto­ag­gres­si­vi­tät des Abend­lan­des gegen das Eige­ne erfolg­te, macht die­se ver­meint­li­che Selbst­ver­ständ­lich­keit zur hoch­po­li­ti­schen Stel­lung­nah­me eines ver­meint­lich unpo­li­ti­schen Autors.

Die­ser hat­te frei­lich einen kur­zen Aus­flug in die Real- bzw. Par­tei­po­li­tik unter­nom­men und den 1974 gegrün­de­ten Par­ti des forces ­nou­vel­les unter­stützt sowie in des­sen von Alain de Benoist inspi­rier­tem Organ Initia­ti­ves publi­ziert. Schon 1977 ver­ließ Ras­pail die Par­tei wie­der und begrün­de­te dies in Initia­ti­ves treuherzig:

Ich schrei­be, um gele­sen zu wer­den. Ich schrei­be nicht für mich, son­dern für die ande­ren. Ein Schrift­stel­ler hat eine Mis­si­on. Was ist die Mis­si­on eines Schrift­stel­lers ohne Leser? Wer macht Leser­zah­len? Pres­se, Kri­ti­ker, Fern­se­hen, Literaturpreise

Dahin­ter Oppor­tu­nis­mus zu ver­mu­ten wäre unge­recht: Ras­pail war im Zuge der Ver­öf­fent­li­chung des Heer­la­gers sozu­sa­gen im Hand­streich »gekeilt« wor­den und poli­ti­scher Akti­vis­mus für den Schrift­stel­ler schlicht nicht das rich­ti­ge Betä­ti­gungs­feld, der oben­drein die Rea­li­sie­rung sei­nes recht spät begon­ne­nen Roman­wer­kes bedroht hätte.

In sei­nem Werk und außer­halb war Ras­pail in poli­ti­scher Hin­sicht undog­ma­tisch: Im Ring des Fischers schil­dert er, gleich­wohl tra­di­tio­nel­ler Katho­lik, stre­cken­wei­se gera­de­zu zärt­lich die teils rea­len, teils fort­ge­spon­ne­nen Fähr­nis­se der Gegen­päps­te infol­ge des Abend­län­di­schen Schismas.

Und ein Nach­ruf auf Ras­pail in der katho­li­schen Tages­post, der eine angeb­lich zu Unrecht erfolg­te Ver­ein­nah­mung des Ver­stor­be­nen durch die Rech­te, nament­lich durch den Ver­lag Antai­os und die Sezes­si­on, moniert – da Ras­pail doch Roya­list und damit kei­nes­wegs ein Rech­ter gewe­sen sei –, offen­bart ledig­lich eine erstaun­li­che Unkennt­nis des Schrei­bers hin­sicht­lich sei­nes The­mas: Ras­pail hat­te im per­sön­li­chen Gespräch wie­der­holt bekannt, zwar die Wie­der­kehr eines Königs zu wün­schen, aber in Erman­ge­lung einer rea­lis­ti­schen ent­spre­chen­den Per­spek­ti­ve bei Wah­len selbst­ver­ständ­lich Front bzw. Ras­sem­blem­ent natio­nal zu wählen.

Auf die dis­kre­te Offen­ba­rung poli­ti­scher Prä­fe­ren­zen im ver­trau­ten Krei­se beschränk­te sich der Groß­ro­man­cier jedoch nicht. Vie­le sei­ner münd­li­chen Stel­lung­nah­men im Radio und im Fern­se­hen sind von einer Deut­lich­keit, die unter Schrift­stel­lern, die nicht völ­lig mit jeder Wahr­neh­mung durch den Main­stream gebro­chen haben, ohne­glei­chen sind: 

Natio­nen wur­den aus iden­ti­schen oder sehr nahen Popu­la­tio­nen gebil­det. Natio­nen sind kein Obst­sa­lat.Wenn man ein Land führt, darf man nicht zögern, hart und grau­sam zu sein, wenn man es ret­ten will.

Oder:

In man­chen Fäl­len könn­te man die Ein­wan­de­rer zurück­schi­cken, doch wird behaup­tet, eine der­ar­tig gro­ße Zahl – das wäre unmög­lich. Wir wis­sen aber, daß es nach dem Zwei­ten Welt­krieg rie­si­ge Trans­fers von Polen und Deut­schen gab. Man muß sich nur dazu entschließen.

Und:

Renaud Camus hat­te recht mit dem Gro­ßen Aus­tausch; dazu kommt der Aus­tausch im Kopf, aus dem man alle Gedan­ken, die uns ver­tei­di­gen könn­ten, nach und nach evakuiert.

So gera­ten wir unwei­ger­lich zurück zum Heer­la­ger, das Ras­pail 1972 in Bou­lou­ris an der Côte d’Azur nie­der­schrieb, wo der ers­te Satz »wie immer ganz von selbst« kam, beim Blick auf eine lieb­li­che Mit­tel­meer­bucht: »Und wenn sie kom­men wür­den?« Alles ande­re folg­te, »ohne Stu­di­en, ohne Über­le­gun­gen; die Abfas­sung war eben­so leicht wie erschöpfend«.

Sie, das sind eine Mil­li­on Inder, die auf schrott­rei­fen Schif­fen lang­sam näher kom­men und schließ­lich in Frank­reich stran­den, das, gelähmt durch die unun­ter­bro­che­ne Indok­tri­nie­rung mit bedin­gungs­lo­ser Ferns­ten­lie­be, in der »Will­kom­mens­kul­tur« kapituliert.

Und die von ­Ras­pail 1972 vor­aus­ge­se­he­ne Will­kom­mens­kul­tur ent­spricht bis in Details der rea­len von 2015, mit einer wesent­li­chen Aus­nah­me: Im Heer­la­ger ist es ein cha­ris­ma­ti­scher Anfüh­rer, der sei­ne eige­nen Leu­te dem gelob­ten Land auf­zwingt; 2015 war es eine völ­lig uncha­ris­ma­ti­sche Bun­des­kanz­le­rin, die die Frem­den ins gelob­te Land gebe­ten hat.

Nur noch ein Bei­spiel von vie­len für Ras­pails Pro­phe­tis­mus: Im Heer­la­ger eilt ein abge­fal­le­ner pro­gres­si­ver Pries­ter an den näm­li­chen Strand, um »eine Mil­li­on Chris­tus­se« will­kom­men zu hei­ßen; in der »Black Lives Matter«-Realität ver­öf­fent­lich­te ein katho­li­scher Pries­ter mit enor­mer media­ler Reso­nanz eine Ver­si­on der Pie­tà, in der nicht Chris­tus, son­dern Geor­ge Floyd im Schoß der Mut­ter­got­tes lag.

Als eini­ge Jah­re nach Ver­öf­fent­li­chung des Heer­la­gers in exakt jener Bucht, die Ras­pail bei des­sen Nie­der­schrift vor Augen hat­te, tat­säch­lich ein schrott­rei­fer Kahn mit Hun­der­ten Migran­ten auf den Strand lief, begann der Ver­fol­gungs­druck gegen den Schrift­stel­ler nach­zu­las­sen: Selbst ein Jour­na­list des links­li­be­ra­len Le Mon­de räum­te ein, daß man »auf­hö­ren muß, Jean Ras­pail zu schmä­hen – er hat­te recht.« Die­ser leg­te nach, etwa in »Big Other«, dem viel­be­ach­te­ten Vor­wort zur fran­zö­si­schen Neu­auf­la­ge des Heer­la­gers von 2011, einem Schlüs­sel­text hin­sicht­lich des poli­ti­schen Raspails:

Eine letz­te Sal­ve wur­de 2010 vom Minis­ter Eric ­Bes­son abge­feu­ert: Frank­reich ist weder ein Volk noch eine Spra­che noch ein geo­gra­phi­sches Gebiet noch eine Reli­gi­on, son­dern ein Kon­glo­me­rat aus Völ­kern, die zusam­men­le­ben wol­len. Es gibt kei­ne ange­stamm­ten Fran­zo­sen; es gibt nur Mischlingsfranzosen.

Trep­pen­witz: Bes­son war sei­ner­zeit Minis­ter aus­ge­rech­net für »natio­na­le Iden­ti­tät«; Über­witz: unter Staats­prä­si­dent Nico­las Sar­ko­zy, der sei­ne Wahl dem Posie­ren als natio­nal­kon­ser­va­ti­ver Anpa­cker verdankte.

In der­ar­ti­ge Figu­ren set­ze Ras­pail schon lan­ge vor sei­nem Tod kei­ne Hoff­nun­gen mehr. Er sprach schon früh von ség­ré­ga­ti­on, bewirkt durch jene Aus­weich­be­we­gung, die in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten als white flight bezeich­net wird und die auch in Frank­reich inzwi­schen ein­ge­setzt hat. Viel­leicht wer­de Frank­reich letzt­lich aus ein­zel­nen iso­lats neu ent­ste­hen, also aus iso­lier­ten sozia­len »Öko­sys­te­men«.

Als womög­lich zunächst skur­ril anmu­ten­des, aber »sehr star­kes« Bei­spiel dafür, das auch von sei­nen Betrei­bern als iso­lat betrach­tet wer­den dürf­te, nann­te Ras­pail den his­to­ri­schen The­men­park »Puy du Fou«, um den inzwi­schen ein regel­rech­ter Mikro­kos­mos ent­stan­den ist, der einen klei­nen Exkurs verdient.

Der The­men­park war vom im bes­ten Sin­ne rechts­kon­ser­va­ti­ven Poli­ti­ker und Publi­zis­ten Phil­ip­pe de Vil­liers im Her­zen der Ven­dée begrün­det wor­den und zählt inzwi­schen meh­re­re Mil­lio­nen Besu­cher pro Jahr. Dort wer­den in ver­schie­de­nen spek­ta­ku­lä­ren Auf­füh­run­gen vor auf­wen­di­gen Kulis­sen von Tau­sen­den Dar­stel­lern Schlüs­sel­epi­so­den aus der Geschich­te Frank­reichs in ein posi­ti­ves Licht gerückt.

Um ein rea­lis­ti­sches Bild von der poli­ti­schen Ten­denz zu erhal­ten, ist auf Wiki­pe­dia Ver­laß – wie so oft aller­dings nur, wenn man zwi­schen den Zei­len liest:

Der Frei­zeit­park Puy du Fou ist in Frank­reich umstrit­ten und wird von zahl­rei­chen His­to­ri­kern für sei­ne ideo­lo­gisch gepräg­te Dar­stel­lung der Geschich­te, ins­be­son­de­re der Ven­dée-Krie­ge, kri­ti­siert. Exper­ten […] wer­fen dem Park eine ver­fäl­schen­de, gegen­re­vo­lu­tio­nä­re Geschichts­in­ter­pre­ta­ti­on vor, die eine roman­ti­sier­te, reli­gi­ös-natio­na­lis­ti­sche Erzäh­lung propagiert.

Das Heil aus dem Frei­zeit­park also? Und ins­ge­samt der Befund, daß »eine gewis­se Vor­nehm­heit im Behar­ren« lie­ge, wie es am Ende der Axt heißt, als resi­gna­ti­ve Quint­essenz der Ras­pail­schen Welt­an­schau­ung? Die Ant­wort gibt Jean Ras­pail selbst, am Ende von Der König jen­seits des Meeres:

Wenn man mich liest, könn­te man mei­nen, daß Ihr für die Ver­gan­gen­heit steht. Ist es nicht im Gegen­teil die Zukunft, die Ihr ankün­digt? Im Ange­sicht der vor­an­schrei­ten­den neu­en Welt›ordnung‹: die Pflicht zum Aufstand!



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